per aspera ad astra

Nein, lustig ist das gerade alles nicht so.

Doch, es gibt Momente, über die man witzig schreiben könnte, beispielsweise wenn Johann im Kunstunterricht den Inhalt seines Pinselbechers über den neben ihm sitzenden Theodor ausschüttet und dieser wie ein Pudel im Regen die Tropfen vom Kopf schüttelt. Oder wenn Charles auf dem Boden liegt, alle Viere von sich streckt und laut tobt, dass Schule so scheiße sei und er jetzt nie wieder vom Boden aufstehen werde. Vielleicht wäre es auch ulkig, darüber zu schreiben, dass ich eine ganze Handvoll Fünfjähriger in der Klasse habe, die eigentlich noch in den Sandkasten gehören, und wirklich, wirklich noch nicht in die Schule, weswegen sie mich ab 9.00 Uhr fragen, ob sie jetzt endlich mit Lego spielen dürften. Oder über die gar nicht mal so wenigen Kinder, die den Stift noch im Faustgriff halten, denn malen, nein, das hätten sie im freien Kindergarten nie machen müssen, und deren Ooooos aussehen wie die Pfotenabdrücke bekiffter Micky Mäuse. Aber wenn man ehrlich ist, dann ist das einfach nicht lustig. Nicht, wenn man alleine inmitten einer großen Menge Kinder steht und hofft, dass ein Wunder geschehe oder bitte wenigstens der Vormittag  schnell vorbeigehen möge. Dann ist es einfach nur unglaublich anstrengend.

Klar, das ist es immer im ersten Schuljahr. Vielleicht liegt es also am zunehmenden Alter oder an der Tatsache, dass ich einfach schon zu viele Ungeheuerlichkeiten, Unzulänglichkeiten und Unzumutbarkeiten der Schulpolitik im wahrsten Sinne des Wortes habe verarbeiten müssen, dass ich diesem Zustand reservierter als früher gegenüberstehe. Weniger die Chance in diesen Momenten erkenne als die Hilflosigkeit spüre, die sich in meinem Bauch ausbreitet.

Es ist gut, sage ich zu Herrn Weh, als ich ihm von meiner neuen Klasse erzähle, dass ich keine Berufsanfängerin mehr bin. Ich wüsste sonst nicht, wie ich das alles schaffen soll. Doch wenn ich ehrlich bin, weiß ich es auch jetzt nicht.

Was ich weiß, ist, dass ich für viele Kinder auch dann noch ein Fels in der Brandung bin, wenn mein Inneres sich vor Stress verkrampft, weil Johann seinen Klebestift isst und Charles seinen Sitznachbarn mit der Schere in den Arm sticht, weil der ihn so doof angeguckt hat vorgestern in der Pause.

Außerdem weiß ich – obwohl ich es mir jetzt noch nicht ansatzweise vorstellen kann – dass mir auch diese Klasse ans und ins Herz wachsen wird. Sich in meine Gedanken weben wird und mir gerade auch die heftigen Fälle nicht egal sein werden. Weil es einem nicht egal sein darf, auch wenn es noch so viele sind, deren Verhalten so leicht als asozial, auffällig oder schulunfähig zu beschreiben wäre.

Was ich weiß, ist, dass es besser wird.

Denn das wird es zum Glück immer. Wird es doch, oder?

18 Kommentare zu „per aspera ad astra

  1. Oh, Frau Weh, bleib tapfer! Wenn ich deinen Bericht lese, wird mir wieder mal so richtig klar, wie gut es mir mit meinen 28 Erstklässlern geht – keiner gleicht auch nur im Ansatz einem von dir geschilderten – und wie ungerecht das alles ist und wie reformbedürftig unser Schulsystem. Es wird besser, klar, aber eine einzige Person kann eben nicht alle vorhandenen Defizite ausgleichen, auch nicht, wenn sie so erfahren ist und so ein weites Herz hat wie du! Ist das zu negativ? Natürlich kannst du witzig drüber schreiben, wie du es schon beschreibst und auch immer wieder bewiesen hast, Humor hilft auch, und die Zeit lässt einen manche Vorkommnisse doch anders betrachten. Aber erst mal steckst du halt drin inmitten deiner nach Lego verlangenden Fünfjährigen, den Faustgrifflern, den Tobenden und Wasserschüttenden, den Beleidigten und auch den Stillen, die erst mal gar nicht auffallen. Und trotzdem bin ich guten Mutes, du schaffst das! Du wirst viel Schokolade und weitere Nervennahrung, Zuspruch von Herrn Weh, Ferien und schulgedankenfreie Wochenenden brauchen und mehr Humor denn je; aber du schaffst das! Immer, wenn mir jetzt mal jammerig zumute sein wird, werde ich an dich denken, mich aufrichten und mir zuflüstern: Mir geht’s viel besser als Frau Weh, also, nicht jammern. (Und das meine ich auch so) Dir wünsche ich ganz viel Kraft und den Glauben an dich selbst und natürlich wird’s besser! Ganz liebe Grüße, Sissi

    1. Liebe Sissi,
      vielen Dank für deine aufbauenden Worte! Heute hat uns eine ganze Zeit lang ein ausgelaufener Joghurt beschäftigt. Ich glaube, ich rieche jetzt leicht säuerlich … 😉
      Liebe Grüße und auch dir weiterhin gute Nerven. Denn auch wenn deine Erstklässler nicht so ticken wie meine, 28 sind es trotzdem, die dich beanspruchen und deinen Zuspruch und Aufmerksamkeit brauchen 🙂

    1. Nun, ich kann da nur für NRW antworten. Hier ist das Einschulungsalter Stück für Stück gesenkt worden.
      Was das soll? Das weiß ich immer noch nicht 😉
      Liebe Grüße!

  2. Liebe Frau Weh,
    mein tiefstes Mitgefühl! Vorschlag: Wir gründen einen Club!
    Seit einigen Jahren laufen wir parallel, d.h. ich habe auch wieder eine 1.Kla…, nein falsch! Ich befinde mich in der SEP (sprich: Schuleingangsphase) mit z.ZT. 28 Schülern in der Jahrgangsmischug (wenn alle gesund sind, das wird sich ja nun demnächst ändern, Viren- und Bakterieninvasionen sei Dank). Wie ging die Chaostherie noch mal? Live erleben kann man sie hier. Zum Glück mischen wir nicht alle Stunden und Fächer.
    Gibt es bei euch eigentlich auch die gemischten Klassen 1/2?
    Einen Lichtblick, der sogar ziemlich groß ist, habe ich immerhin zu vermelden. Nachdem wir einige Jahre an vier Fronten zu kämpfen hatten, nämlich Schüler (hat ja jeder), Eltern (hat auch jeder, ich weiß), Schulamt in Form einer sehr speziellen „Schulrätin“ (wir sind endlich in einem anderen Bezirk mit anderem Schulrat) und einer unsäglichen Kollegin (hat jetzt die Schule gewechselt), haben wir nur noch den ganz normalen Wahnsinn zu bewältigen. Es hat sich in dieser Zeit erwiesen, wie wichtig es ist, sich innerhalb des Kollegiums zu unterstützen und aufeinander verlassen zu können. Das wünsche ich dir und uns allen sehr.
    Ansonsten halte ich es mit Richter Di (bin ausgemachter Krimifan), der irgendwo mal sagte, es gibt diejenigen, die sich wie der Phönix aus der Asche erheben und strahlend aufsteigen, und es gibt diejenigen, die sich wie der Wurm durch den Schlamm graben. Die Mehrheit gehört wohl zur zweiten Gruppe.
    Welche Serie schaust du eigentlich gerade? (Mein zweites Steckenpferd nach Krimis, zum besseren Ausgleich gerne im Original evtl. mit Untertiteln). Mit „The good wife“ bist du doch sicher durch? Ich bin nämlich gerade auf der Suche und finde nix gescheites.
    Was macht eigentlich die Harfe? Fragen über Fragen…
    LG in die alte Heimat
    Uli

    1. Liebe Uli,
      ich grabe wirklich gerade im Schlamm! Dankefür dieses passende Bild! 😀
      Mein Kollegium ist prima, aber schlussendlich können sie (außer mit aufmunternden Worten und Schokolade, was ja schon eine Menge ist) nicht wirklich helfen. Jahrgangsmischung haben wir nicht, das wäre organisatorisch hier schwer machbar. Ich bin aber auch kein Fan davon.
      Serien schaue ich tatsächlich nach wie vor sehr gerne. Mit dem großen Wehwehchen schaue ich Suits, mit Herrn Weh White Collar und alleine Unreal. Nach wie vor toll finde ich Miss Fisher’s Murder Mysteries (Mir fällt gerade auf, dass das nach sehr viel Medienzeit klingt, aber tatsächlich kommen wir gar nicht so oft dazu.)
      Was die Virenzeit anbelangt, da ist es natürlich manchmal eine Entlastung, nicht alle Kinder dazuhaben, aber alleine das Packen von Krankenpost, das Nacharbeiten von Diagnosen etc. macht die vermeintliche Erholung schnell zunichte 😉
      Ich wünsche dir weiterhin gute Nerven und alles Gute!

  3. Ich kann Dich soo gut verstehen. Letztes Jahr hat mich im reifen Alter von 44 Jahren der Teufel geritten und ich habe mir eingebildet, dass ich mit dem Referendariat anfangen muss, obwohl doch mein 1. Staatsexamen schon fast 20 zurückliegt.. und das neben Familie und Haus. Und dann gerate ich an genau so eine Klasse. Ende vom Lied: nach 4 Monaten habe ich abgebrochen. Ich drücke mal unbekannterweise feste..
    LG Corinna

    1. Oje, Corinna, das klingt aber nach einer sehr unschönen Erfahrung! Bereust du deine Entscheidung denn oder bist du froh, dass du sie so getroffen hast?
      Liebe Grüße!

      1. Nein, auch mit etwas Abstand bereue ich es definitiv nicht. Auch wenn damit einige Jahre meines Lebens ausbildungstechnisch flöten sind, weiß ich genau, dass ich das derzeit nicht zu Ende bringen könnte… nicht ohne Gefahr für die Stabilität der Familie bzw. meine geistige Gesundheit. Aber die Erfahrung war wichtig, sonst hätte ich mich den Rest meiner Tage gefragt, warum ich das nicht fertig gemacht habe. Nun arbeite ich anderweitig an der Schule und bin sehr happy damit. LG Corinna

  4. Liebe Frau Weh,
    ja, es wird besser! Bestimmt! Manchmal nur ganz langsam und kaum wahrnehmbar, aber es wird.
    Bei mir sind es nur 26, davon nur zwei, die eigentlich noch in den Sandkasten gehören und nur drei, bei denen ich nach den ersten Wochen schon die difes-Akte angelegt habe. Trotzdem hatte ich auch schon den Gedanken, dass ich das als Anfängerin nicht geschafft hätte, und den Zweifel, ob ich das trotz Erfahrung schaffen kann.
    Aber wenn ich durchatme und mit etwas Abstand ganz genau hinschaue, dann sehe ich, was wir bis jetzt schon geschafft haben, auch wenn es nur Kleinigkeiten sind. Ich muss nicht mehr nach jeder Nutzunge von Schnellheftern den Verbandskasten bemühen und es gibt schon Phasen, in denen keiner auf dem Klo ist 😉 Und in diesem Durchgang ist die Strichlistenkatastrophe in Mathe ausgeblieben – tschacka, ich war vorbereitet!
    Und wenn alles schief zu gehen droht, dann singen und tanzen wir halt, notfalls bis der Vormittag vorbei ist…
    Halt durch!
    Liebe Grüße
    Sabine

  5. Du bist großartig, liebe Frau Weh!!

    Und ja, aus eigener, heftig erlebten Realität dieser unmöglichen Vormittage kann ich definitiv sagen: „ Es wird besser!!“

    Habe mich sofort an meine erste Klasse erinnert…puh! Und die sind nun en gros wunderbare große Persönlichkeiten geworden. Dank mir als Fels?? Ach ich weiß nicht, aber vielleicht lag es auch ein bisschen an mir 😉

    In diesem Sinne eine tolle Ferienzeit!

  6. Liebe Frau weh,
    Ich habe mich mehrere Male beim nicken ertappt. Ich fühle mit dir, jetzt beim lesen und tagtäglich in meiner Klasse. Ich habe eine Jahrgangsmischung übernommen (1/2) – nun, ich wurde freundlich genötigt sie zu nehmen, mit viel Schmeichelei – die letztes Jahr mehrere Schwangerschaftsbedingte Wechsel erlebt hat (also der eine Teil) und in der dich sich zudem einige lern- und/oder verhaltensoriginelle Kinder darin befinden. Das jüngste Kind wurde im Juli erst 5, das älteste ist 10. Und ich weiß und spüre wie du, Frau weh, sie werden an und in mein Herz wachsen. Diese kleinen feinen glücksmomente, die es in den ganzen lauten Chaos gibt, die gilt es wahrzunehmen und zu bewahren. In diesem Sinne einen guten Start in die neue Woche!
    Ina

  7. Hallo liebe Frau Weh,
    wahrscheinlich gehst du wie wir alle inzwischen im Vorweihnachtsstress unter. Oft habe ich in den letzten Wochen auf deine Seite gelunzt, in Hoffnung auf ein paar lustig geschriebene aber doch leicht verzweifelte Wahrheiten aus unserem verrückten Berufsalltag. Da gerade nichts kommt, hoffe ich dass deine kleinen Klebermonster dich noch nicht irgendwo festgeklebt haben, sondern dass du dich statt dessen auf deine Familie, Plätzchen und die Adventszeit konzentrierst in den wenigen freien Momenten, die uns derzeit so bleiben.
    Alles Gute für die Ferienzeit und das neue Jahr!
    Lottofee

  8. Liebe Frau Weh,
    ich denke immer wieder an Sie und wie es Ihnen wohl derzeit ergehen mag!
    An dieser Stelle ein herzliches und gesundes frohes neues Jahr!
    Was macht Ihre erste Klasse, die „lieben Kleinen“?
    So ein abenteuerlicher Tsunami-Vormittag – Achtung Riesenwelle kommt – versuchen den Kopf oben zuhalten, mit zu schwimmen, möglichst viele zu retten und am Ende erschöpft ausgespuckt zu werden
    – …. er schlaucht doch ganz schön. Ich merke auch mit etwas verminderter Stundenzahl immer wieder wie völlig ausgezerrt ich immer bin. Und wären da nicht diese kleinen Hoffnungsschimmer am Horizont, ein kleines Lächeln, eine kleine Hand die sich bedankt, ein großes Stückchen Schokolade auf dem Platz im Lehrerzimmer – ich wäre sicherlich schon so manches Mal aktuell untergegangen.
    In diesem Sinne lege ich Ihnen ein virtuelles Schokohupferl hin und wünsche Ihnen noch eine gute restliche erste Woche nach den Weihnachtsferien.

  9. Liebe Frau Weh!
    Wenn ich das richtig verstehe hast du deinen letzten Beitrag im September 2018 geschrieben. Wie geht es dir? Ich weiß, du hast eine 1. Klasse und mehr als genug zu tun, keine Frage. Muss ich mir Sorgen machen oder bist du mit deiner Seite wieder umgezogen? Ich hoffe, es geht dir gut?!
    Ganz liebe Grüße aus BW
    Marion

    1. Liebe Marion,
      ich lebe noch! Aber zum Schreiben hat es in den letzten Monaten nicht mehr gereicht. Das sollte sich jetzt aber wieder ändern. Danke für deine netten Worte!

  10. Liebe Frau Weh,
    sag, lebst du denn noch?
    So langsam sorge ich mich, ob deine Klasse dich vielleicht doch als Geisel genommen hat, um drei Sandkasten-Stunden pro Woche von der Landesregierung zu erpressen?
    Ich wollte dir hier einfach einen lieben Gruß hinterlassen und hoffe, ihr habt euch mittlerweile aneinander gewöhnt!.:-)
    Rosi

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