Horch, wer kommt von draußen rein?

Ein wenig hänge ich im Sachunterricht hinterher, aber heute schaffe ich endlich den Einstieg ins Thema Körper. Die Viertklässler allerdings ahnen noch nichts von ihrem Glück und schreiben mehr oder weniger motiviert Personalpronomen und Personalformen in ihre Hefte. 2.Person Präsens Präteritum von laufen, 3.Person Plural Perfekt von schreiben, 1.Person Singular Präsens von essen – vereinzelt ist Stöhnen zu hören, als plötzlich…

(… der Hausmeister zu vereinbarter Zeit heimlich, still und leise das schuleigene Klapperskelett vor die Klassentüre rollt, laut und vernehmlich anklopft und sich dann – vermutlich grinsend – hinter die nächste Ecke verdrückt)

POCH!

POCH!

POCH!

Die Viertklässler schauen auf. „Herein!“, rufe ich unbeteiligt und fordere, weil niemand eintritt, etwas unwirsch Sinan auf, die Türe zu öffnen. Sinan schlendert zur Türe, nicht ohne auf dem Weg dorthin eine Fratze zu ziehen und gegen Ninos Ranzen zu stolpern. Er greift an die Türklinke, öfnnet die Türe und

„WAAAAAAAHHHH!

…knallt die Tür wieder zu. „Sinan?“, frage ich unschuldig und ziehe eine Augenbraue hoch. „Da ist ein Toter vor der Tür!“, antwortet mir der arme Kerl – mittlerweile schon wieder mehr irritiert als erschreckt.

„Hähä, voll Halloween, oder was!?“ Die Viertklässler hält jetzt nichts mehr auf den Plätzen. Einige Mutige stürmen zur Türe, andere stellen sich vorsichtshalber hinter ihre Stühle oder suchen die sichere Nähe zu mir. Unter Johlen wird das Skelett in den Klassenraum gezogen.

„Ahh“, rufe ich und klatsche mir mit der Hand vor die Stirn, „habe ich doch glatt vergessen, dass wir heute Besuch von Mr.Skeleton bekommen. Tut mir ehrlich leid, Sinan!“ Ich grinse ihn an und schüttle dem Knochenmann überschwänglich die Hand. „Mr.Skeleton ist Experte zum Thema Knochenbau und wird uns eine Weile Gesellschaft leisten. Sag hallo, Mr.Skeleton!“ Mr.Skeleton hebt gehorsam seinen Arm zum Winken und grinst in die Runde, die Klasse ist begeistert. Für den restlichen Tag lassen wir Personalformen Personalformen sein und zählen Knochen, messen Gebeine ab, vergleichen Elle und Speiche, reißen knochentrockene Skelettwitze und haben irgendwie ganz schön viel Spaß.

 

Möge die Macht…

3.Schuljahr, Sachunterricht.

Ich liege ohnmächtig auf dem Boden, 25 Kinder starren auf mich herunter, eins hockt auf mir drauf.

„Du musst gucken, ob sie noch atmet, Nino!“

Nino wirkt leicht gestresst. Eben noch hat er sehr großspurig mitgeteilt, dass die stabile Seitenlage ja wohl voll langweilig sei und er das sowieso alles könne, nun findet er sich umringt von seinen Klassenkameraden auf dem Bauch seiner Klassenlehrerin wieder. So hatte er sich das nicht vorgestellt.

„Hallo, Frau Weh, hören Sie mich?“, Nino rüttelt kläglich an meinen Schultern. „Atmen Sie noch?“

„Das kann sie dir doch nicht sagen, du Trottel. Sie ist OHN-MÄCH-TIG!!!“, Friederike ärgert sich, wäre sie doch tausendmal lieber an seiner Stelle. „Außerdem musst du runter von ihr, wenn du ihr jetzt den Bauch brichst, müssen wir zu Frau Schmitz-Hahnenkamp!“ Ich möchte auch keinen gebrochenen Bauch haben und grummle zustimmend.

Nino steigt ab und legt vorsichtig eine Hand auf meinen Bauch. Ich merke, dass sich ein kleines Ohr über meine Nase schiebt. Aus kleiner Gemeinheit halte ich die Luft an. In Nino wächst das Unbehagen: „Sie atmet aber gar nicht! Frau Weh!?“

„Geil, musst du so machen!“ PONK PONK Ich blinzle ein bisschen und sehe, wie Schmitti rhythmisch mit den Fäusten auf den Tisch donnert. Bevor ich ernstlich intervenieren muss, kommt mir Friederike zu Hilfe:

„Boah, lass mich mal, du Doof!“ Friederike schiebt Nino resolut zur Seite, überstreckt routiniert meinen Kopf, kontrolliert die Atmung, mit der ich mittlerweile wieder begonnen habe, legt den einen Arm zum rechten Winkel, führt die andere Hand an mein Gesicht, hebt mein Bein an und – zack! – liege ich in der stabilen Seitenlage. Noch ein paar Schönheitskorrekturen und fertig. Überhaupt kein Problem, alles easy peasy lemon squeeze. Die Klasse applaudiert.

Ich erwache aus meiner Ohnmacht: „Oh, wo bin ich?“ Alle sind entzückt über meine offensichtliche Desorientierung. „Keine Sorge, Frau Weh“, meldet sich liebevoll der kleine Grabowski zu Wort, „du bist in Klasse, nur eine ohne Macht war da, jetzt wieder alles gut!“

 

gecastet

„Vallah! Frau Weh, Sie müssen gehen zu DSDS, ich schwöre!“ Ahmets Begeisterung über die stimmliche Qualität seiner Musiklehrerin kennt keine Grenzen. „Ehrlich, versprechen Sie, Sie gehen, ja?“

Ich habe gerade in meiner Freistunde ein verdrießliches Elterngespräch geführt und bin nicht in Stimmung: „Ich finde Herrn Bohlen nicht allzu sympathisch, Ahmet. Und in meiner Freizeit umgebe ich mich nach Möglichkeit ausschließlich mit Menschen, die ich gut leiden kann.“ Grummelgrummel.

„Ah, macht nichts, Frau Weh, gehen Sie eben zu X Factor! Kein Problem! Nur…“, Ahmet zögert und mustert mich streng, „nur bei Kleidung, da müssen Sie noch was machen.“

Ich blicke an mir hinab: mehrere Schichten Oberkleidung, ein dicker Schal, Jeans, Stulpen, Boots. Seit einigen Tagen ist die Heizung im Musikraum ausgefallen und kein Hausmeister in Sicht, der mich von der Misere erlösen könnte. „Wieso?“

„Na, mehr Minirock und Oberteil…“, seine Stimme bekommt einen schwärmerischen Ausdruck, „Oberteil mehr sooooo!“ Ahmets Hände zeichnen die vollendete Sanduhr in die Luft.

„Ahmet!“

„Schon gut, schon gut“, beruhigend winkt er meine Empörung beiseite, „gehen Sie eben zu Voice of Germany, da sieht Sie keiner!“

10 Dinge

…die eine Orchesterprobe wenn schon nicht zum Scheitern, dann aber wenigstens an den Rand des gerade noch Möglichen bringen:

  1. Eine kapitale Libelle, die wie ein brummender Hubschrauber durchs geöffnete Fenster fliegt und ganz offensichtlich ein Problem mit blockflötenden Mädchen hat, auf die sie sich alsbald mit abnormem Tempo stürzt.
  2. Ein abgerissener Knopf, egal wo.
  3. Ein offenstehender Reißverschluss, ebenfalls egal wo. (Aber dort besonders.)
  4. Ein Erstklässler, der seinen Kopf zur Tür hereinsteckt und erschreckt „Huh!“ ruft.
  5. Frau Schmitz-Hahnenkamp, die zur Tür hereinstürmt, mit einer Metallplatte herumwedelt und nach dem dazugehörigen Metallophon fragt. (Es steht in ihrer Klasse.)
  6. Fehlendes Ventilöl, das kurzerhand durch beherztes Hineinspucken ins Instrument ersetzt wird. (Wuäh!)
  7. Ein Beamer, der plötzlich laut surrend anspringt und merkwürdige Dinge auf die Wand projiziert, weil jemand vergessen hat, das Laptop auszustöpseln.
  8. Ein Kind, das dringend auf seiner Geige vorspielen möchte und schon seit zwei Wochen Unterricht hat.
  9. Die Kombination aus einer B-Trompete, einer Es-Klarinette und 7 Kindern, die Klavier spielen. An einem Klavier.
  10. Eltern von immerhin 9 Kindern, die ihren Nachwuchs zum Schulorchester anmelden, obwohl dieser noch nie in seinem Leben ein Instrument in der Hand hatte.

Hurra, die neue CrazyFunkyChicken-Saison hat begonnen! :mrgreen:

Und der Dienstag kommt…

Es gibt da diese neue Zigarettenwerbung Don’t be a Maybe. Ich fahre auf dem Schulweg mehrmals dran vorbei. Trotzdem hat es eine ganze Weile gedauert, bis ich sie verstanden und für blöd befunden habe. Sei mutig, wage dich ins Leben, don’t be a maybe. Rauchen ist blöd, weiß ja jeder und ein MAYBE will ja auch keiner sein. Oder vielleicht doch?

Ich bin kein Maybe. Ich bin ein Gefahrensucher. Oder – prägnant und kurz – eine dumme Nuss. Zumindest was den Musikunterricht bei den Drittklässlern derzeit anbelangt. Ich habe mir nämlich was für ihr Sommerfest überlegt. Vielmehr bin ich bei youtube drüber gestolpert:

Intellektuell und vom Bewegungsdrang her kommt das den Drittklässlern sehr entgegen. Viel falsch machen können sie dabei auch nicht. Man nimmt eine Pumpe, spannt einen Gummihandschuhfinger drüber und macht halt so ffftt-phhhhh-ffftt-phhhh. Das Ganze im der Musik angemessenen Tempo. Wird wohl nicht so schwer sein.

Hahaha, ganz doofe Idee, Frau Weh!

Tatsächlich war die erste Probe heute so fatal, dass ich den heutigen Abend am liebsten in einem dunklen, schallisolierten Raum verbringen würde. Und den morgigen auch.

Weiß hier eigentlich jemand, wie viel Lärm Luftpumpen machen können?

Und wie weh flitschende Gummihandschuhe tun?

Und auf was für un-sag-ba-ren Internetseiten man landet, wenn man Luftpumpe, Gummihandschuhe und Instrument bei google eingibt?

Also das alles zusammen genommen war jetzt WIRKLICH zu viel für mich. Cheerio, Miss Sophie!

Nuppelalarm

„Der Nuppel ist weg!“

Panisch blickt sich die kleine Cellistin um. Synchron springen alle CrazyFunkyChicken auf und helfen bei der Suche. Ich seufze und pule mir die Ohrenstöpsel heraus während ich der Hilfsbereitschaft in ihrer perfekt aufeinander abgestimmten Choreographie zusehe. Während das Saxophon tröstet, rutscht die Percussiongruppe kniend den dreckigen Boden ab. Zentimeter um Zentimeter. Die Blockflöten suchen im Nebenraum. Typisch, da waren wir gar nicht drin. Die Trompete bietet als Ersatz ein Ventil an („mit dem spiele ich ja noch nicht.“) und der allseits praktisch veranlagte Frank (ein bestimmtes Instrument kann ich noch nicht zuordnen, wir probieren noch durch, wo der musikalische Kollateralschaden am geringsten ausfällt) überlegt, ob man vielleicht eins aus Kaugummi…? Die ganze Truppe brummt wie ein gut geölter Hummelschwarm. Ob Rimsky-Korsakov auch ein Schulorchester hatte?

„Da ist er ja!“

Triumphierend hält eine der atemlosen Querflötistinnen den wiedergefundenen Gumminuppel in die Höhe. Szenenapplaus. Glücklich lassen sich alle wieder auf ihre Hocker plumpsen.

„Hach“, meint einer der Klavier-Cajon-malsehenwasnoch-Spieler, „wir sind schon ein richtig gutes Team!“ Allgemeine fröhliche Zustimmung brandet auf.

Wie, frage ich mich später – wieder wohltuend verstöpselt – , wie kriege ich diese Harmonie nur ins Spiel?

Besucher

Bei der CrazyFunkyChicken Probe drängeln sich die Zuhörer. Das benachbarte Gymnasium hat Zeugniskonferenz und ein ganzer Schwall ehemaliger Schüler ergießt sich in den Musikraum. Die meisten erkenne ich, bei manchen muss ich passen. Groß sind sie geworden. Und ruhiger. Und irgendwie erwachsen. Vor gar nicht langer Zeit haben sie hier im Chor gesungen, Inselmusik vorgestellt oder beim Warm Up abgerockt. Ich fühle mich innendrin ein bisschen sentimental angerührt.

„Ooooh, Frau Weh, Sie haben sich ja gar nicht verändert!“ strahlt mich Max-der-Fünftklässler an, der letztes Jahr noch selbst Mitglied im Schulorchester war und mich manche Schweißperle gekostet hat.

„Doch, Sie sind noch hübscher geworden!“ beteuert Marco, mittlerweile zwei Köpfe größer und reichlich verpickelt. Begehrlich schielt er auf das neue Keyboard, das einsatzbereit neben dem Cello wartet. Alte Schleimbacke.

Ich freue mich über den Besuch und will wissen, wie der Musikunterricht so sei. Schließlich habe ich jeden Einzelnen mit gutem Gewissen ziehen lassen können. Betretenes Schweigen.

„Naja, nicht so der Knaller. Die meisten haben den Dombrowski. Der schreit meistens rum. Wir müssen eigentlich nur schreiben und lernen und so.“ „Ja, der ist total doof.“ „Das ist eigentlich überhaupt kein Musikunterricht. Also wir machen jedenfalls keine.“

Ich interveniere – Kollegenschelte kommt bei mir nicht gut an – werde aber umgehend darüber informiert, dass von der 5 bis zur 9 eigentlich gar nicht musiziert wird. Stattdessen – so man ihnen denn glauben darf – schreiben sie einen Test nach dem anderen in Musiktheorie und dergleichen. Wenigstens ein bisschen singen zwischendurch? Nö.

„Ich habe jetzt Musik abgewählt“, gibt Sandra zu. Ich bin nicht nur überrascht, ich bin tatsächlich sprachlos. Sandra ist jetzt 16, hochmusikalisch, zwei Instrumente, die sie bereits im zweiten Schuljahr äußerst passabel spielen konnte, dazu eine Stimme, dass sich Herr Bohlen an der eigenen Spucke verschlucken würde, so sie denn diesen Weg wählen würde. Und jetzt das. Ich habe den Lehrplan der weiterführenden Schulen natürlich nicht im Kopf, würde aber jeden Eid schwören, dass Musik machen auch dort verankert ist.

Aber sie würde gerne nächstes Jahr zum Praktikum kommen, eigentlich interessiere sie sich fürs Theater, aber dass es ziemlich unrealistisch sei, dort unterzukommen, wisse sie natürlich. Und Lehrerin werden, das wäre auch so ein Traum. Musik natürlich, das wäre das Größte!

Ich genehmige mir im Stillen den Kollegen Dombrowski für den Moment auch doof zu finden und platziere die Besucher zur Jamsession zwischen die neugierigen Orchesterkinder, die mit großen Augen und noch größeren Ohren den Schilderungen der Großen folgen. Wir unterlegen „Puck, die Stubenfliege“ mit halsbrecherischen Sambarhythmen, lernen schnell etwas über Offbeat, den alten Schlingel, lachen viel und beschließen einen Gegenbesuch der CrazyFunkyChicken im Musikunterricht der Großen. Zum Marsch blasen*.

 

*(Marco schwört, dass er „zum in den Arsch blasen gehört habe“. Dies entbehrt natürlich jeder Grundlage!)