Demokratie mit Füßen getreten

Die Tatsache, dass ihre Klassenlehrerin seit dem heutigen Tag ebenfalls Hausschuhe im Klassenraum trägt, haut den ein oder anderen Erstklässler völlig aus den Socken.

„Du bist doch gar kein Kind mehr, Frau Weh! Warum hast du denn Hausschuhe an?“

Als ob Schwitzfüße eine Frage des Alters wären! Glücklicherweise neige ich dazu nicht, finde es aber konsequent, dass in diesem Bereich auch für mich keine Sonderregelung gilt. Schließlich sind meine Schuhe noch die größten und bei dem Wetter auch nicht immer bar jeden Makels. Ich verweise auf den blitzeblanken Boden des Klassenzimmers und auf meine extra zu diesem Zweck angeschafften Schuhe. Die unumgängliche Rückmeldung lässt nicht auf sich warten:

„Deine Hausschuhe sind schön, Frau Weh!“, lässt mich Lynn mit einem Nicken wissen.

„Finde ich nicht.“, murrt hingegen Marc, der alte Knöterich.

„Sind sie wohl.“

„Nö!“

„Wohl!“

Marc und Lynn werden sich nicht einig. Ehe es zum handfesten Streit zwischen den beiden kommt, habe ich flugs eine Tabelle an die Tafel gezeichnet. Nun darf die Meinung abgegeben werden, ob mein Schuhwerk (ich persönlich finde es für Hausschuhe durchaus in Ordnung) dem Geschmack der Klasse zusagt. Abgegeben werden – oh Wunder! – exakt 29 Stimmen. Auf schön entfallen 25. Vier mutige Erstklässler entscheiden sich gegen die Hauptmeinung. Auf meine eindringliche Frage, wer mit schön geantwortet hat, nur weil er mich nett findet und nicht verletzen möchte, melden sich tatsächlich noch sieben weitere Kinder. Ich bin begeistert! Klarer Fall von Volkssouveränität! Die Erstklässler sind so entzückt von der Abfragemöglichkeit, dass wir im Laufe des Tages noch ganze dreimal mein Schuhwerk auf den Prüfstand stellen müssen. Um 11.10 Uhr findet niemand mehr Gefallen an meinen Schuhen, aber umso mehr an Meinungsumfragen.

„Wer ist dafür, dass sich Frau Weh neue Hausschuhe kaufen muss?“, kräht Finn mitten in der Stillarbeitsphase plötzlich begeistert heraus. Die Reaktion ist unglaublich. Ekstatisch tobende Massen. Tumultartige Zustände. Meuterei! Ich überdenke rasendschnell meine Möglichkeiten. Eile ist geboten, sonst droht die Situation gänzlich aus dem Ruder zu laufen. Eignet sich ein Pflanzensprüher als Wasserwerfer und wie sieht der exekutive Einsatz eines solchen gegenüber Schutzbefohlenen eigentlich rechtlich aus? Ok, es ist Zeit für die absolute Notbremse. Unter majestätischem Einsatz des Klangstabes („Piiiing!“) führe ich die absolute Monarchie ein.

11.13 Uhr: Ruhe. Ist DAS schön!

 

 

Methodentraining: Hausaufgabenheft

Montagmorgen bei den Erstklässlern. Es ist wieder einer dieser Momente, in denen es tief in meinen Eingeweiden zu brodeln beginnt. Ich schließe kurz die Augen und atme ein.

Und atme aus.

Und atme ein.

Leider hilft alles nichts, das Chaos ist noch da. Nachdem die Erstklässler ihre Hausaufgaben in den Anfangswochen durch ein Häuschen auf der entsprechenden Seite kennzeichneten, haben sie letzte Woche damit begonnen, auf jedes Arbeitsblatt und jede Seite das Datum zu schreiben. Das war kein Problem und so dachte ich leichthin, es sei nun an der Zeit, die Hausaufgaben im dafür vorgesehenen Heft zu notieren. Soweit der Plan. In der Praxis hingegen stehe ich inmitten einer Schar aufgeregter Schulanfänger, die mir alle gleichzeitig ihr Heft unter die Nase halten wollen.

„Wo muss ich das Datum hinschreiben?“

„Ist das so richtig?“

„Ich habe gar kein Hausaufgabenheft!“

„Muss ich heute in die Betreuung?“

„Ich brauche gar kein Hausaufgabenheft, ich merk mir das immer so.“

„Ich hab hier das Datum auf die ganze Seite geschrieben. So, ja, so? Sosososo? Jetzt guck doch endlich!“

„Guck mal, Frau Weh, da ist Spiderman drauf. Voll cool!“

„Rosa mag ich gar nicht. Das hab ich der Mama auch gesagt. Da schreib ich nicht rein!“

„Was heißt Di? Und Mi? Ffffff-rrrrrr!?“

„Ich muss mal.“

„Ich auch!“

„Ich auch!“

Hier zeigt sich, dass ich – noch immer viertklässlerverwöhnt – die Schwierigkeit des Hausaufgabenhefteinführens unterschätzt habe. Hat hier jemand eigentlich eine Ahnung, wie viele verschiedene Ausführungen eines Hausaufgabenhefts es heutzutage gibt? Wir hatten früher ja so ein einfaches Vokabelheft. Da schrieb man das Datum rein, darunter die Aufgaben und fertig! Die Hefte der Erstklässlern gleichen wahlweise kleinen Manager-Filofaxereien oder Merchandiseartikeln mit ausgeklügeltem Layout. Da gibt es welche mit farbig unterlegten Wochentagen, Lerntipps, Schülerwitzen, Ferienterminen, Stylingvorschlägen, Bastelseiten und kleinen Wissenshäppchen. Bei manchen passt eine ganze Schulwoche auf eine Seite, andere wiederum gönnen sich eine Doppelseite dafür. Manche Hefte geben das Datum vor, dafür sparen andere die Wochentage aus. Es gibt sie in rosa, schwarz-metallic und mit blinkenden Stickern. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich meine, ein Heft hätte sogar gepfiffen. Vielleicht war das auch nur das letzte Loch, auf dem ich mich erging. Wie unüberlegt auch von mir, an einem so extrem wichtigen Tag wie heute verschiedene Hausaufgaben aufzugeben. Hätte ich doch bloß für alle das gleiche Arbeitsblatt kopiert, dann hätte die ganze Sache ja so aussehen können:

27.10.14 o AB

Stattdessen notiert nun ein Viertel angestrengt  FleX unD Flo, ein weiteres Viertel FleX unD FloRa, das nächste Grüppchen AB, wahlweise in blau oder rot, und das allerletzte Viertel notiert … gar nichts, denn es fehlt natürlich trotz Elternbrief auch noch dem ein oder anderen an der passenden Ausstattung. Ich kontrolliere jeden einzelnen Eintrag, den Radiergummi in der Hand, ermutige oder berichtige, deute auf orange unterlegte Spalten, Zeilen und Kästchen bis jeder Datumseintrag an der dafür vorgesehenen Stelle landet. Dann, endlich, wird es wieder etwas ruhiger. Ich schaue auf die Uhr und stelle fest, dass uns dieser erste Eintrag schlappe 28 Minuten gekostet hat. Ja, so ist das mit dem Methodentraining – es braucht Zeit. Viel davon. Ich weiß nicht, wem ich am Ende der Stunde mehr Mut machen möchte, als ich den Erstklässlern versichere, dass wir jetzt jeden Tag schneller im Umgang mit dem Hausaufgabenheft würden, mir oder den Kindern. Zumindest sehen sie schon wieder reichlich vergnügt aus, als sie den Raum verlassen. Ich hingegen sinke völlig geschafft auf meinen Stuhl und bette den schmerzenden Kopf in die Hände. Da plötzlich fühle ich ein aufmunterndes Tätscheln irgendwo zwischen Schulter und Hals. Filiz hat ihren Bleistift vergessen.

„Na, Frau Weh, das ist auch für dich ganz schön anstrengend im 1. Schuljahr, oder? Aber macht nix, du sagst ja immer, alles wird gut! Du schaffst uns schon!“

Ist die Frage, wer da wen schafft.

Unser Morgen

Die neue Schule – die sich schon gar nicht mehr so neu für mich anfühlt – arbeitet deutlich kindorientierter als meine vorherige. Die Klingel ist abgestellt und signalisiert lediglich die Pausen. Der Unterrichtsbeginn ist offen und startet jeden Morgen mit Freiarbeit. Im Unterricht gilt das Klassenlehrerprinzip, sodass ich mit 18 Stunden bei den Erstklässlern eingesetzt bin. Da ich in der Vergangenheit keine eigene Klasse mit mehr als 12 Stunden führen konnte, empfinde ich diese Tatsache als ungemein entspannend, ermöglicht sie mir es doch, den Vormittag wesentlich umfassender zu gestalten, als ich es mit meinen bisherigen Klassen konnte. Dass eine Lerngruppe hiervon profitiert, stelle ich derzeit täglich fest. Noch keins meiner 1. Schuljahre war zu diesem frühen Zeitpunkt so verhaltenssicher, was Regeln, Ordnung und tägliche Abläufe anbelangt.

Wie sieht er nun aus, so ein typischer Morgen bei den Erstklässlern?

Die Kinder trudeln zwischen 7.30 Uhr und 8.00 Uhr ein. Sie sagen hallo, wechseln die Schuhe und machen dann einen Strich an der Tafel. Diese Strichliste üben wir seit ein paar Wochen, ich meine den Tipp in einem Kommentar im Lernstübchen gelesen zu haben. (Liebe unbekannte Kommentatorin, solltest du dies hier ebenfalls lesen, dann sei dir meines Dankes sicher, deine Idee ist einfach und großartig!) Anschließend werden die Hausaufgaben in das dafür vorgesehene Ablagefach geräumt und Arbeits- oder Korrekturmaterial aus dem eigenen Fach herausgenommen. Jedes Kind verfügt über ein Schubladenfach, in das ich je nach Leistungsstand Material oder den Hinweis auf entsprechende Freiarbeitsmaterialien lege. Es gilt die Regel „Fach vor Freiarbeit“, was bedeutet, dass zunächst zwei vorgegebene Aufgaben bearbeitet werden müssen, bevor die Kinder ihre eigene Auswahl treffen. Mir ist klar, dass diese Arbeitsweise nicht der reinen Definition von Freiarbeit entspricht, sie ist für mich und mein Unterrichten aber der gefundene Mittelweg zwischen Kontrolle und Vertrauen. Denn es gilt nicht nur generell, sondern insbesondere für Erstklässler: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist … ihr wisst schon.

In dieser Unterrichtsphase bin ich frei für einzelne Kinder oder kleinere Gruppen. Ich führe Material ein, stehe für Leseversuche zur Verfügung oder fördere gezielt einige Kinder nach Plan. Manchmal halte ich aber auch einfach ein kleines Schwätzchen mit einem Kind, bewundere neue Schuhe oder beobachte die Klasse. (Ich gebe zu, dass mir dabei manchmal ein zufriedenes Lächeln übers Gesicht huscht. Aber, hey, man wird sich seiner Arbeit wohl auch gelegentlich erfreuen dürfen!)

Freiarbeit – und danach?

Die Freiarbeitsphase endet mit einer festen Musik, woraufhin die Erstklässler das Material wegräumen und sich mit einem Teppich in den Kreis setzen. Die Bänke, die sich noch in meiner Ursprungsplanung befanden, mussten weichen – es war einfach zu eng. Im Kreis begrüße ich die Klasse noch einmal zusammen und dann wird eine ganze Zeit gesungen. Anschließend betrachten wir interessiert die Strichliste und freuen uns darüber, wenn sie lesbar ist und sogar die richtige Anzahl Kinder aufweist. Dies war in den letzten Wochen allerings erst viermal der Fall. Ansonsten scheint meine Kinderanzahl zwischen 17 und 45 zu schwanken. Tatsächlich fühlt es sich an manchen Tagen sogar nach noch mehr an. Tja.

Danach besprechen wir den Verlauf der Freiarbeitsphase. Gab es Probleme? Wie war die Lautstärke? Konnten alle gut arbeiten? Gibt es Materialwünsche? Dies mache ich von Anfang an, mittlerweile ist es eine kurze Abfrage und benötigt kaum mehr Zeit. Ich kontrolliere, ob alle Kinder ihre Hausaufgaben im vorgesehenen Fach abgelegt haben und erläutere die Tagestransparenz. Je nach Planung nutze ich den Rest der 2. Stunde noch für eine Einführung oder Übungsphase. Auch hier gilt, dass die hohe Anzahl an Klassenlehrerstunden eine größtmögliche Flexibilität ermöglicht.

Frühstück mit pädagogischen Hintergedanken

Die Frühstückszeit verpassen die Erstklässler bei allem Eifer dann aber doch nicht. Alles wird vom Tisch geräumt, der Kakaodienst beginnt mit seiner Arbeit und ich lese vor. Der Gruppentisch, der bis zu diesem Zeitpunkt am ruhigsten gearbeitet hat, wird zum Bullerbü-Tisch des Tages gekürt und genießt das unerhörte Privileg, die Bilder im Buch vor allen anderen gezeigt zu bekommen. Tatsächlich ist dieser Anreiz so groß, dass ich keinerlei weitere Belohnungssysteme einführe. Noch sind sie wirklich heiß darauf. Das tägliche Vorlesen halte ich persönlich übrigens neben einer guten Buchauswahl in der Klasse für den besten Lesemotivator. Lesen ist einfach großartig! Das lernen die Erstklässler schnell. Dann ist auch schon Pause und der erste Teil des Tages für die Kinder geschafft.

Und was bringt es?

Ich empfinde diese klare Struktur des Morgens als absoluten Gewinn. Die Kinder haben schon früh den Ablauf verinnerlicht und so ein gutes Zeitempfinden entwickelt. Ich selber habe durch den offenen Anfang mehr Möglichkeiten, mit einzelnen Kindern ins Gespräch zu kommen, ohne dass der Unterrichtsablauf dadurch verzögert würde. Selbst Überraschungsbesuche von Postbote, Getränkelieferant oder Hausmeister stören das Geschehen nicht. Es ist das erste Mal, dass ich mit einem so hohen Anteil von Öffnung arbeite. Dementsprechend üppig waren meine anfänglichen Zweifel gesät, ob ich die wirklich große Lerngruppe im Blick halte. Wie schnell rutscht ein Kind durch das System! Dadurch, dass ich aber trotz konvergenter Differenzierung keine komplette Individualisierung anstrebe und somit auch das Arbeitsmaterial (in unserem Fall Flex und Flo sowie Flex und Flora) nicht zur Gänze freigebe, entschärft sich diese Sorge Stück für Stück. An anderer Stelle hatte ich bereits geschrieben, dass ich sehr viel nachsehe. Nach wie vor bin ich davon überzeugt, dass dies für mich der richtige Weg ist, denn darauf baue ich neben der Unterrichtsplanung auch die Arbeitspläne der Kinder auf. Ganz davon abgesehen schafft dieser Aufwand eine sehr gute Basis für Elterngespräche. Die meisten Eltern schätzen diese Arbeit sehr wohl.

Evaluation?

Das Freiarbeitsmaterial, das ich nutze, ist auf Zweckmäßigkeit und Effektivität hin ausgesucht und wird (auch wenn es mir weh tut, wenn viele Stunden Arbeit darinstecken) regelmäßig auf seinen Nutzen überprüft. Tatsächlich passiert es mir gelegentlich, dass ich ein Material anschaffe, weil ich selber es schön finde. Leider ist dies nicht unbedingt ein sinnvolles Kriterium für ein Arbeitsmaterial. Ein ähnliches Schicksal ereilte nun auch zu meiner Überraschung die Leseecke, für mich ein ganz wichtiges Element in einer Eingangsklasse. Tatsächlich haben die Erstklässler sie nicht so angenommen, wie ich es gedacht hätte. Schon als Rückzugsort, aber nicht als Arbeitsplatz. Das dort lagernde Material war nicht genug im Blickfeld. Da der Raum begrenzt ist und ich um jeden Quadratzentimeter kämpfe, habe ich die Ecke in den Ferien aufgelöst und das Material neu sortiert. Tataaa, nun arbeiten die Erstklässler damit. Versteh einer die Kinder!

Regelmäßige Evaluation halte ich für unverzichtbar. Kein Material, kein Konzept und keine Methode ist in Stein gemeißelt. Mögen die letzten drei Klassen auch in hohem Maße von einer Leseecke profitiert haben, diese tut es eben nicht, also kritisch hinterfragen und weg damit.

So, das war ein kleiner Einblick in unseren Vormittag. Vielleicht war es für den ein oder anderen Leser interessant. Zumindest hoffe ich das, ansonsten bleibt mir nur die Aufmunterung, dass auch wieder andere Artikel kommen werden. Vielleicht fotografiere ich ja nächste Woche meinen Kleiderschrankinhalt!? Mir schwebt für den November ein Capsule Wardrobe -Thema vor. Haha, da werden sich manche sicher ganz schrecklich langweilen, aber die Bedeutung anständiger Lehrergarderobe wird meiner Meinung nach in der Öffentlichkeit immer noch zu wenig gewürdigt. Möglicherweise sollte ich hier dringend für Abhilfe schaffen, wenn es sonst schon keiner tut. Ich gehe in mich!

Bis dahin herzlichste Herbstgrüße

Frau Weh

Initialzündung

Ich bin nicht gut in Mondphasen oder so. Ich kriege auch nie mit, wie das Wetter wird oder wie es gerade um die Kontinentaldrift steht. Aber heute – ich habe es gespürt! – muss irgendwo irgendwas geschehen sein, denn Großes ist passiert: Das Lesen hat begonnen!

Der kleine Nick ist ein stiller Junge. Einer von der Sorte, die man im Wust leicht übersehen kann, drückt er sich während der individuellen Lernzeit zwischen den Regalen herum, nimmt dies in die Hand oder jenes, findet aber kein Material, das ihm zuruft beschäftige dich mit mir! Dieses Umstand beobachte ich seit Schulbeginn. Ich lasse ihn noch gewähren, doch immer wieder spiele ich mit ihm gemeinsam und zeige die Möglichkeiten, die sich ihm versteckt in kleinen blauen und roten Schachteln eröffnen könnten. Freundlich und geneigt holt er dann zwei Teppiche, legt sie sorgsam auf den Boden und lässt sich anleiten. Doch nach dem Spiel ist es wie vorher, er zeigt keine Eigeninitiative und beobachtet lieber das Geschehen.

Heute gebe ich ihm sein Lies Mal-Heft, erkläre das Verschleifen der Buchstaben und bereits bei den ersten kurzen Wörtern, die er zu erlesen versucht, sehe ich die Veränderung in seinem feinen, ruhigen Gesicht.

„B – U – S. Das heißt … Bus!“, noch ein wenig ungläubig schaut er mich an, als könne er den Umstand nicht fassen, dass gerade er dieses Wort gelesen hat. Doch die Freude wartet schon an der Nasenwurzel, rutscht herunter und bringt die Sommersprossen zum Leuchten.

„Super, Nick, das nächste!“, ermuntere ich ihn und freue mich mit ihm. Es ist einer dieser besonderen Momente, wenn ein Kind zu lesen beginnt. Mir als Lehrerin und Leserin ist bewusst, dass dies der Moment ist, in dem sich – ganz langsam und verhalten noch, aber unumstößlich – die Tür zu einer neuen Welt öffnet. Als Fernsehkind der 80er habe ich dieses eine Bild vor Augen: Ein Kind läuft mit seinem Ball auf ein Tor zu und als es sich öffnet, öffnet sich Weite. Noch ist sie leer und es ist nicht klar, was geschehen wird. Aber klar ist auch, dass dieses Kind nicht mehr umdrehen sondern sich den Raum erschließen wird, der sich dort auftut.

Nick liest und liest und liest.

In den nächsten 30 Minuten arbeitet er sich durch 8 Seiten in seinem Heft und wächst mit jedem Wort und jedem Lob. Als er wieder zu mir flitzt, um mir eine Seite zu zeigen, schaue ich ihn an und sage: „Herzlichen Glückwunsch, Nick, du bist jetzt ein Leser!“ Ich sehe, wie er sich freut und ein wenig rot wird. „Ich würde dich gerne einmal drücken“, und kaum, dass die Worte gesprochen sind, hüpft er schon in meine Umarmung. Wir dücken uns fest, ganz der Tatsache bewusst, dass dies ein erinnerungswürdiger Moment ist, den wir hier gerade teilen. Das bleibt auch den anderen Erstklässlern nicht verborgen, die den Umstand, dass der kleine, unscheinbare Nick nun ein Leser ist, sofort weitergeben und spontan beklatschen. Leistung ist nicht anstößig im 1. Schuljahr sondern etwas, was was zu erreichen eigenes, unumstößliches Ziel darstellt.

Und dann geht es los.

„Darf ich auch mit Lies Mal anfangen?“

„Ich möchte auch!“

„Ich auch!“

Am Ende des Vormittages wurden aus vier frühen Lesern 23, die dem Gedruckten zum Teil noch mühsam Buchstabe für Buchstabe abtrotzen, aber der Stein ist ins Rollen gebracht, zurück geht es nicht mehr. Da ist es mir auch kein bisschen peinlich zuzugeben, dass ich ein paar Mal Tränen in den Augen hatte. Denn das hatte ich. Was für ein Herbstferiengeschenk!

Wie schreibt man… ?

Ich stehe unerschütterlich inmitten eines Wirbelsturms und verströme kraft meines Amtes Ruhe.

Zumindest beschwöre ich dieses Bild vor meinem inneren Auge, während um mich herum das Chaos, ach nein, die Erstklässler toben. Gerade habe ich die Anlauttabelle eingeführt und nun bin ich vor allem eins: zu wenig.

„Frau Weh! Wie schreibt man Flugdinosaurier?“

„Was ist am Anfang von Katze?“

„Und am Ende von Salami?“

„Wie heißt der Buchstabe hier?“

Die einen legen geradezu euphorisch mit ihren ersten Schreibversuchen los, indes die anderen verunsichert auf die bunten Bildchen schauen und darin keine Logik, geschweige denn einen Arbeitsauftrag erkennen. (Natürlich befindet sich auch jetzt wieder ein nicht geringer Teil meiner Klasse auf dem stillen Örtchen und ich kann es ihnen nicht verdenken, da wäre ich jetzt auch gerne. Ein. Stilles. Örtchen. Oh, süße Traumvorstellung!) Trotz anderslautender Vereinbarungen bin ich umringt von einer Traube Kinder, die mir wahlweise ihr Heft oder ihre Tabelle unter die Nase halten, an meinem Kleid zupfen oder mir schlicht den Popo tätscheln, was ich zwar bereits gestern deutlich untersagt hatte, aber offensichtlich nicht deutlich genug.) Die wenigen, die die Regel befolgen, sich still am Platz zu melden, nehme ich kaum wahr unter dem Ansturm der schreibwütigen Horden.

Heute ist der erste Tag, an dem ich selber wirklich nicht gut gefusselt bin. Am Vorabend fand der zweite Elternabend statt und obgleich ich gar nicht allzu spät ins Bett gekommen bin, rumorte der Abend nach und ließ mich noch lange wach liegen. Vielleicht sollte man Elternabende auf Samstagmorgende legen? Gerne um 7.30 Uhr, da bin ich voll da; ganz anders jedenfalls als um 21.00 Uhr. Da schaltet mein Körper auf Schlafmodus um. Jetzt jedenfalls liegt der Schlafmangel bleiern auf meinen Lidern und zum ersten Mal empfinde ich die Erstklässler als zu laut und pflaume ein paar von ihnen deswegen an. Was zugegeben grässlich ungerecht ist, denn erstens sind sie kein bisschen lauter als gestern und zweitens können sie ja nichts dafür, dass die Eltern von Mona und Lisa eine Grundsatzdiskussion zum Thema Hausaufgaben angezettelt haben. Dabei hat die Schule ein gut durchdachtes Hausaufgabenkonzept vorzuweisen und durch die offenen Lehrwerke können die Kinder tatsächlich gemäß ihrer Fähigkeiten, Stärken und Schwächen an den Hausaufgaben arbeiten. Und zwar 20 Minuten lang – so die Eltern sie denn lassen. Da gibt es Eltern, denen 20 Minuten absolut nicht ausreichend erscheinen und die ihr Kind zwingen, die Seite zu beenden, egal, wie lang es dauert. Wieder andere empfinden schon die kurze Zeit als zu anstrengend und hart, gerade, wenn ihr Kind keine hohe Anstrengungsbereitschaft zeigt. Glücklicherweise stellte sich am gestrigen Abend aber auch heraus, dass der Großteil der Eltern das zeitlich begrenzte Arbeiten als das betrachtet, was es ist: Eine gute Sache.

Doch länger kann ich nicht grübeln, Finja hält mir stolz einen Zettel unter die Nase. „Für dich, Frau Weh!“, sagt sie und strahlt.

HLO FRAuWE DISchULE IST SUPA DEINE FINJA ISch FNT NASNGUT

„Danke, Finja!“ Ich zögere einen Moment. „Du findest Nasen gut?“

„Nee“, antwortet das Mädchen entschieden und schüttelt die braunen Locken, „ich finde Katzen gut, aber ich wusste nicht, wie ich das schreiben soll.“

Strichlisten

„Und bei dir?“
Wir sitzen am Frühstückstisch und unterhalten uns über den vor uns liegenden Tag.
„Heute ist es ganz entspannt“, beantworte ich die Frage von Herrn Weh mit vollem Mund. In den letzten Tagen haben die Erstklässler mir ausnahmslos Freude bereitet. Ich schlucke einen Bissen Marmeladenbrötchen herunter. „In Mathe kommen Strichlisten dran, das sollte eigentlich kein Problem sein.“ Zur Freude meiner Kinder recke ich die Faust in die Luft und beschwöre gestenreich die Kraft der Fünf. Das Miniweh tut es mir umgehend nach: „Ja, die Kraft der Fünf… fünf was eigentlich, frage ich mich?“ Es nimmt die kleine Hand wieder herunter, kratzt sich hinter dem Ohr (sofortiger Läusescan: negativ!) und schaut fragend das größere Wehwehchen an. Welches – was wirklich ungewöhnlich am frühen Morgen ist – erstaunlich guter Dinge die Stimme zu einem geheimnisvollen Raunen senkt und dem Geschwister beschwörende Worte ins Ohr flüstert: „Wiggle wiggle! Die Kraft der Füüüühüüüünf“
Ach, hätte ich zu diesem Zeitpunkt doch schon über das Wissen verfügt, das ich bei der nächsten Familienmahlzeit anbringen kann… 11 Stunden später:
„Und wie war es mit der Kraft der Füüüüünf?“
„Pfft, frag besser nicht! Ein Drittel hat nicht zugehört und einfach wie wild Striche nebeneinander gesetzt. Und untereinander. Übereinander. Durcheinander! Das zweite Drittel hat einfach eine waagerechte Linie durch alle senkrechten Striche durchgezogen.“
„Und das dritte Drittel?“, fragt das größere Wehwehchen stirnrunzelnd; offensichtlich hat es mitgezählt. „Das dritte Drittel? Na, das war im entscheidenden Moment auf dem Klo.“
Tatsächlich war das mit den Strichlisten viel schwerer, als zuvor angenommen. Das Zählen an sich bereitet den Erstklässlern gar nicht mal so große Probleme. Was haben wir nicht alles gezählt an diesem Morgen: Kakaoflaschen (19), Cocktailtomaten (5), geringelte Strümpfe (4), Brillen (ebenfalls 4), Bohnen im Glas (da schwankten die Ergebnisse zwischen 29 und 136, wir prüfen das noch nach), große Brüder (5) und Spinnen auf der Mädchentoilette (2). Alles easy-peasy. Aber das korrekte Anfertigen einer Fünferbündelung? Allgemeine Verunsicherung und große Augen. Was will die Frau da vorne von uns? Dabei habe ich mir solche Mühe gegeben. Super Tafelbild, nette Rahmengeschichte. Tja, war wohl nix!
„Wo müssen die Fische hin?“, fragt mich also Tim und hält mir sein Mathebuch unter die Nase. Sehr erfolgreich hat er alle Meerestiere durchgestrichen, die roten, die grünen und die blauen auch. Aber keinen davon in die dazugehörige Liste übertragen. Ganz im Gegenteil zu Leonie, die auch das zu zählende Gemüse auf der Folgeseite in die Fischtabelle eingespeist hat. „Na, die müssen ja auch was essen“, entgegne ich mit einer Mischung aus Resignation und Galgenhumor, den Radiergummi schon im Anschlag.
Nach der Stunde treffe ich eine Kollegin aus dem 2.Schuljahr und erzähle vom erfolglosen Strichlistenversuch. „Oh, hör bloß auf! Das können meine zum Teil immer noch nicht. Da denkst du, das ist das Einfachste auf der Welt so ein paar Dinge zu zählen und Striche zu ziehen und dann hauen die dir die wildesten Kritzeleien um die Ohren.“
Immerhin dabei scheinen die Erstklässler deutlich begabter zu sein, als die Zweitklässler. Beim nachmittäglichen Nachsehen finde ich neben besagten Strichzeichnungen auch die korrigierte Fassung von Tim. Säuberlich hat er Fisch für Fisch in die Tabelle gezeichnet.
Alle 23.
Mit Luftblasen.

Kollateralschäden

„Was ist denn mit Ihnen passiert?“, fragt mich meine Masseurin, als ich mich Freitagabend zum Massagetermin entkleide. Schienbeinaufwärts reiht sich Hämatom an Hämatom in allen Farben der Genesung, blau, violett, grün, gelb. Auch an den Armen leuchtet ein fröhliches Farbenspiel, allerdings etwas spärlicher gesäht.

„Ach“, antworte ich leichthin, „ich habe wieder ein 1.Schuljahr.“

„Und die Kinder treten Sie!?“ Die Masseurin grinst, ich auch. „Genau so ist es!“, nicke ich. „Und mit meinen Nerven springen sie Seilchen.“

Es ist eng im Klassenraum und irgendwo ist immer ein Tisch, an dem man sich stößt. Die Schule hat eindeutig wieder begonnen. Auch andere Zeichen des Verfalls deuten darauf hin: Der Hals kratzt, der Nacken ist verspannt, es bilden sich Ringe unter den Augen. Aber es könnte deutlich schlimmer sein. Gestern erreichte mich die SMS einer Freundin, ebenfalls Lehrerin im Anfangsunterricht: „Scheiße, Läuse!!!“

Die Masseurin lacht und gießt warmes Öl auf meinen Nacken. „Das kriegen wir schon hin.“ In den nächsten 60 Minuten öffnet sich ein wohltuendes, schwarzes Loch und verschluckt mich mitsamt den 29 Erstklässlern. Zwar begehrt immer mal wieder einer aus der Meute auf und will mich daran erinnern, dass ich mir noch Gedanken zu diesem und jenem machen muss, aber jedes Unbehagen wird erfolgreich untergeknetet und in Wohlgefallen aufgelöst. Zu Hause angekommen, schaffe ich es gerade noch ins Wohnzimmer zu torkeln, um dem größeren Wehwehchen eine gute Nacht zu wünschen, bevor ich ins Bett plumpse wie Fallobst in die Wiese. Ein paar Minuten später schlafe ich tief und fest. Thank God, it’s Friday!

Zweifelt irgendjemand daran, dass die baldigen Herbstferien ein Segen sind?