Von faulen Säuen und noch mehr Speck

Der Ausflug war schön. Keine ungeplanten Vorkommnisse. Das Wetter hat auch einigermaßen mitgespielt, wobei die Zweitklässler und ich zunehmend klebriger wurden. Aber auch dafür gibt es ja Feuchttücher 😉

Der heutige Busfahrer hieß Lothar und war recht gemütlich. Selbst nach einer Stunde gesanglicher Beschallung vom Allerfeinsten (ich musste die letzte Musikstunde ausfallen lassen und hatte den Zweitklässlern leichtfertig versprochen, sie auf der Busfahrt nachzuholen) hatte er noch die Ruhe weg. Es singt sich übrigens immer noch ganz hervorragend in einem Bus, obgleich ich die alten Fahrtenlieder ja schmerzlich vermisse. Was ist schon Puck, die Stubenfliege gegen Bolles persönliches Pfingsterlebnis?

Von den drei Plastiktüten waren zwei in Gebrauch: Eine, die jetzt ein übriggebliebenes Handtuch beherbergt und eine weitere, die sich Justin um die blanke Körpermitte wickeln musste, um sich so notdürftig bedeckt auf die Suche nach seiner entschwundenen Unterhose zu begeben. Erst später stellte sich dann heraus, dass die Suche völlig umsonst war, denn das Objekt seiner Begierde befand sich zu keiner Zeit mit uns auf dem Ausflug, sondern über der Stuhllehne im heimischen Kinderzimmer. Den weiteren Ausflug brachte er dann nörgelnd und breitbeinig in Jeansshorts hinter sich. Jetzt könnte man natürlich argumentieren, dass ich ihm die Schmach hätte ersparen können, hätte ich nur vorgesorgt. Aber im Grunde genommen hatten alle anderen sehr viel Freude an seinem Gehüpfe. Das ist ja auch nicht zu verachten!

Natürlich gabs nicht nur Spiel und Spaß. Das Ganze braucht ja auch eine pädagogische Linie. Im grünen Klassenzimmer haben wir daher gelernt, dass Frischlinge nicht immer frisch und die sprichwörtliche Sau gar nicht so faul ist. Naja, wer’s glaubt.

Insgesamt ein schöner Tag und kein bisschen vergleichbar mit den Kopfschmerzen, die mir die Zootour vor einem Jahr bereitet hat. Merke, Kindern und Käse tut eine gewisse Reife gut!

Jetzt schnell unter die Dusche und dann später zum großen Elterntralala. Eure Vorschläge waren so super, nur ich war zu spät. Denn sie fanden sich bereits fast alle auf der Liste der Kolleginnen. Also werden es dann doch wieder Pflaumen im Speckmantel. Einfallslos, ich weiß. Aber ich bin auch so platt, dass jetzt nicht mehr drin ist. Und wage sich bloß einer zu beschweren! Dem piek ich dann mit einem Original Hema-Fähnchen dorthin, wo die Sonne nicht scheint.

Habt ein schönes Wochenende,

Frau Weh

all inclusive

Tschaikowsky starb an der Cholera. Auch Dimitri fühlt sich nicht gut:

„Meine Bauch blubbert. Ganze Familie war krank. Jetzt ich fühle mich auch nicht gut. Ich bin auch Russe. Ich auch bin cholerisch bestimmt wie Tschaikowsky.“

Sechste Stunde, Musik im Dritten. Die Kinder arbeiten sich durch den Lebenslauf Tschaikowskys und erspüren die Wehmut in seiner Musik. Ich habe das 1. Klavierkonzert in b-moll aufgelegt, die Drittklässler wiegen sich hin und her und spielen die kraftvollen Soli des Klaviers auf imaginären Tastaturen mit. Tschaikowsky kommt gut an. Ich bin entspannt. Es ist erst meine zweite Unterrichtsstunde. Heute hatte ich – Inklusion verpflichtet – mehrere Termine im Jugendamt. Nicht ganz freiwillig bin ich in die Rolle der Inklusionsbeauftragten gerutscht. Eigentlich habe ich schon mit den Förderschulverfahren und den Sprachstandserhebungen genug Außentermine.

Jetzt: viele Leute an einem Tisch (eckig, nicht rund, ich hatte die ganze Zeit ein Tischbein vor mir) in einem winzigen Büro, viele Entwicklungsberichte, Förderpläne, Ideen und Anträge. Paragraph 35a SGB. Es wird viel geredet. Die schulische Sichtweise ist wichtig, es geht um Geld, eine ganze Menge davon. In der Zwischenzeit muss ich in der Schule vertreten werden, eine Stunde fällt aus. Ich bin zwiegespalten, wie so oft, wenn es um das Thema Inklusion geht.

Ein Gespräch später, eine Etage tiefer. Ich nutze aus, dass ich sowieso schon einmal hier bin und suche das Zimmer 118. Ich lande im überraschend geräumigen Büro unserer männlichen Supernanny. Ein Pilotprojekt, das sich kümmert, wenns brennt. Und bei Lennox brennt es. Der Supernanny und ich haben schon früher zusammen gearbeitet, wir freuen uns – den Umständen entsprechend – wieder aufeinander zu treffen. Endlich mal ein Mann. (Nie hätte ich gedacht, dass mir dieser Satz über die Lippen kommt, aber es ist so. In den ersten 10 Lebensjahren geraten die meisten Kinder fast ausschließlich an Frauen. Das ist aus entwicklungspädagogischer Sicht Käse Bullshi grenzwer nicht unbedingt optimal.) Wir reden über Lennox Mutter, die sich in Therapie befindet, über den aktuellen Lebensgefährten und Vater zweier von drei Geschwistern, der sich raushält und den hauptsächlich abwesenden Erzeuger, der – wenn er in Erscheinung tritt – die Bemühungen der Mutter konterkariert. Und wir reden über Lennox, der das Pech gehabt hat, in Verhältnisse geboren zu werden, die Kraft, Fähigkeiten und Möglichkeiten der Eltern übersteigen. Wir sprechen unsere Ziele ab und einigen uns auf adressatenbezogene Hilfe, sprich: Gespräche bei der Familie zu Hause, Aufstellen von Plänen, Familienregeln und enge Kooperation zwischen Familie – Schule – Jugendamt. Das bedeutet Mehrarbeit. Und zwar von der Sorte, die nicht bezahlt wird, meinem unmittelbaren Unterricht nicht dient, ja nicht einmal der Schule im Großen zuträglich ist. Und die man trotzdem macht, weil sie eben gemacht werden muss. Weil es die Umstände erfordern. Weil es vielleicht einem Kind trotz schlechter Startbedingungen auf seinem Weg hilft.

Es rumpelt in meinem Gedankengang. Dimitri meldet sich erneut klagend zu Wort: „Frau Weh, Sie haben gehört? Meine Bauch r u m p e l t! Dimitri ist cholerisch!“

Ich schaue in Dimitris dunkelbraune Augen, die begehrlich auf den Apfel schielen, den ich neben dem CD-Stapel auf dem Pult abgelegt habe.

„Dimitri, hast du vielleicht Hunger?“

Dimitri strahlt und nickt: „Könnte sein, Sie, Frau Weh. Muss ich nicht sterben. Muss ich essen kleinen Apfel, dann mir geht es wieder gut.“

Toll, ein Kind gerettet 🙂

Zurück!

Mit einem laut vernehmlichen KRRRRRACKS! endete heute völlig unerwartet und ohne Vorsatz meinerseits das Leben einer freilaufenden Kakerlake im Tropenhaus des Zoos unter meinem Schuh. Glücklicherweise blieb dies der einzige Todesfall. Der Schmierfilm ging allerdings nicht sehr leicht ab und meine Kinder waren schockiert.

Ansonsten war es wirklich ok. Lediglich einen Wespenstich (Tom 2) und einmal Übergeben nach Verschlucken eines Pom Bärs (Benjamin) kann ich anführen. Ansonsten war es so, wie es eben so ist mit einem liebenswerten Haufen kleiner Blagen.

Ein Kind hat in einem unbeobachteten Moment den Rucksack einer Begleitmutter komplett leergegessen, „weil der da so stand“. Zwei Kinder musste ich von der Absperrung des Bärengeheges ziehen, dreien wurde im Affenhaus übel, MamaJens wurde bei den Pinguinen blassgrün. (Ok, da roch es auch wirklich streng). Vor dem Orang-Utan-Gehege fiel meine Klasse hingegen gar nicht weiter auf. Wohingegen sie sich bei den Erdmännchen leicht daneben benahm. Sehr lieb hingegen hatte ich sie hinter den Przewalskipferden – da öffneten nämlich drei Schüler einer fremden Klasse ein Gehege. Getragen von dieser Zuneigung habe ich ihnen dann im Restaurant ein Flutschfinger und anschließend ein Feuchttuch ausgegeben. Die meisten Feuchttücher gingen allerdings für die Mütter drauf, die Schwierigkeiten mit ihren Coffee-to-go-Bechern hatten. Eine Spucktüte haben wir für Leons gerissenen Rucksack zweckentfremdet und die Notfallliste habe ich glücklicherweise gar nicht gebraucht. Das war gut, ich hatte sie nämlich auf meinem Schreibtisch liegengelassen. Gleich unter dem Zettel, auf dem WICHTIG stand.

Hach, war also überhaupt nicht so schlimm. Und morgen lass ich sie drüber schreiben!

 

 

Morgen, Kinder, wirds was geben

morgen geht es in den Zoo.

Was wir alles dort erleben,

ach, wir freuen uns ja so!

 

 

Und wie.

MITNEHMEN – ZOO:

  • Busunterlagen (Buchungsbestätigung, Telefonnummer)
  • Telefonliste der Klasse mit Notfallnummern
  • Einverständniserklärungen der Eltern
  • Geld (Eintritt, Foto, Eis)
  • Zettel mit im Unterricht gesammelten Fragen („Kann man aus Elefantenhaut auch Taschen machen?“, „Stinkt ein Tiger aus dem Maul?“, „Wie machen Flamingos das mit den Beinen?“)
  • Klemmbrett, Stift
  • Klasse-Weh-Identifikationskarten mit Handynummer von Frau Weh an Kordel (nummeriert und mit Namen versehen)
  • Erste Hilfe Ausrüstung
  • Spucktüten
  • Feuchttücher

 

Aufmunternder Spruch einer Kollegin:

Alle Kinder beobachten den hungrigen Löwen, nur nicht Andrea, die geht etwas näher.

 

Ich fühle mich nicht gut :-/

Zoo-Vorbereitungen

Ich war heute im Zoo. So ganz ohne fremde Kinder. Also eigentlich stimmt das nicht. Es waren eine ganze Menge fremder Kinder da. Aber die haben mich nicht interessiert. Maximal noch die müde aussehenden Eltern mit ihren hippen Coffee to go Isolierbechern und den tollen Umhängetaschen aus LKW-Planen. Seht her, es ist zwar Sonntagmorgen, 9.08 Uhr, aber ich bin immer noch trendy! Aber wahrscheinlich sind LKW-Planen-Taschen längst out und was ich hier schreibe, stimmt gar nicht. Ich bin ja auch kein Experte für Accessoires. Ketten verknüddeln sich bei mir immer und Schals wickel ich mir immer so um den Hals, dass ich nicht friere.

Ich liebe ja diese Bilder in Herbstkatalogen: niedliche Blümchenkleider über strumpfbehosten Beinen in Stiefeln und am Hals – ja, genau – so ein hübscher Schal, ganz lässig drumgewickelt. Das sieht immer so nach Wohlfühlen aus. Aber nie nach Schulhof. Da weht ein rauer Wind, da gehen lässig drapierte Schals fliegen.

Ich war auf Gefahrensuche. Mögliche Schwachstellen für den Zoobesuch mit meiner Klasse ausfindig machen und einen Plan B erstellen. Mein Freund Marten hatte am Freitag natürlich den ultimativen Tipp für entspannte Zoobesuche auf Lager: Jede begleitende Mutter bekommt 1-2-3-4-5 Kinder an die Hand, man macht ein gemeinsames Foto am Zooeingang und dann trifft man sich in – sagen wir mal – 2 Stunden am Spielplatz entspannt wieder. Das traue ich mich aber nicht. Denn woher haben meine Kinder wohl ihren mangelnden Orientierungssinn? Naa? Genau!

Das fehlt mir noch:

Quäkende Durchsage: „Frau Weh wird gebeten ihre verlorengegangenen Begleitmütter in der Zooschule abzuholen. Frau Weh bitte!“

Stattdessen werde ich jedem Kind einen laminierten Zettel mit Name, Schule und meiner Handynummer um den Hals hängen. Das Ganze aber hübsch durchnummeriert, damit am Schluss bloß keiner dieser Zettel den Weg in ein Elternhaus findet. Das würde mir noch fehlen, Kurzmitteilungen von Supermom. Gruselig. Meine Handynummer ist so geheim, die kann nichtmal ich auswendig. Wenn es klingelt, erschrecke ich immer zu Tode.

Eigentlich mag ich den Zoo. Ich finde Erdmännchen lustig und schaue mir auch gerne das Feuerwiesel an. Das hüppelt immer in so wellenförmigen Bewegungen durch sein Gehege. Fast schon meditativ. Aber wenn man mit einer Klasse in den Zoo geht, sieht man sowieso keine Tiere. Da hat man keine Zeit zu. Wir werden nämlich nicht die einzigen sein, die am 14.Juli dort sind. Heerscharen von kleinen Marvins, Lenas, Niklassen und Anna-Lenas werden dort sein. In ihren gut erkennbaren Schul-Shirts in blau, rot, gelb. Mit Kappen auf dem Kopf in – genau! – blau, rot und gelb.

Im Lehrerzimmer werden schon Wetten abgeschlossen, welche Kinder mir zuerst verlustig gehen werden. Ich habe da auch schon Favoriten im Auge.

Zwei Kolleginnen erzählten mir zum Trost, dass sie auch einmal ein Kind im Zoo verloren hätten. Das sei aber recht schnell in der Zooschule abgegeben worden. Als dann die Durchsage kam „Der kleine Drecksack, der nicht bei seiner Klasse bleiben wollte, kann von seiner Lehrerin in der Zooschule abgeholt werden.“, haben sich die Kolleginnen angesehen und beschlossen, dass der weitere Besuch ohne den Jungen wesentlich stressfreier ablaufen würde. So haben sie ihn dann erst am Schluss ausgelöst. Dumm nur, dass in der Zwischenzeit ein Anruf vom Zoo in die Schule ging, da die Zoopädagogen, nachdem niemanden den kleinen Kerl abholen wollte, dachten, die Klasse sei wohl schon wieder auf dem Rückweg. Das gab dann einen ordentlichen Einlauf vom Rektor.

Es muss also auch anders gehen. Ich arbeite noch dran.