Hallo, ihr Kellerkinder!

Dass meinen Lippen statt des in dieser Situation deutlich angemesseneren Fluchs lediglich ein sanftes Seufzen entweicht, als die Türe des Schulkellers mit einem satten Flopp! hinter mir ins Schloss fällt, mag dem vorausgegangenen Vormittag geschuldet sein. Dieser war imperativ-mies. Zweifelhaftem Lehrerverhalten ging zweifelhaftes Schülerverhalten voraus und umgekehrt. Ein Schultag voller in Befehlsform geäußerter Hoffnungslosigkeit meinerseits, die auf völlige Ignoranz bei den Erstklässlern stieß. Mittelschwere Unfälle zwischen Milchflasche und Mensch inbegriffen. Die kleinen Dramen des Grundschulalltags in voller Blüte. Würde man diesen Morgen in Reimform bringen, man müsste sich des Trochäus bedienen. Denn den mochte ich schon früher nicht.

Nun also noch die geschlossene Kellertür.

Man sollte meinen, dass das Vorkommen von Türen, die sich nur von einer Seite (seltsamerweise immer der anderen) öffnen lassen, dem Horrorfilmgenre vorbehalten sei. Aber nein, Überraschung, auch unsere Schule verfügt über eine solche. Deswegen liegt neben der Türe auch ein Keil. Vielleicht kann ich es den vergangenen Stunden in die Schuhe schieben, vielleicht auch dem nahenden Schuljahresende, jedenfalls habe ich mich selber eingesperrt und das zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Weit nach der 6. Stunde ist nämlich niemand mehr im Haus und die Reinigungskraft kommt erst am Abend. Freude, schöner Götterfunken! Da ist es ein Segen, dass ich zumindest mein Handy dabeihabe, um Hilfe kommen zu lassen. Es ehrt unseren Hausmeister, dass er nur kurz auflacht, als ich ihm meine Misere schildere. Unglücklicherweise befindet er sich auf dem städtischen Betriebshof und braucht wenigstens noch 40 Minuten, bevor er mich aus dem Keller herausholen kann.

Einigermaßen beruhigt schiebe ich das Handy in die Hosentasche und schaue zur Gewölbedecke, an der doch tatsächlich eine einsame Glühbirne hängt. Immerhin flackert sie nicht, doch die Spinnweben, die überall um mich herum hängen, lassen die Szene schon wieder so klischeehaft wirken, dass es in einem Film eindeutig schlechte Kritiken hageln würde. Ein kaltes Lüftchen zieht über meine Oberarme, was mir prompt eine Gänsehaut beschert. Ganz schön frisch hier! Ich wandere ein wenig zwischen großen Kartons voller Sanitärutensilien herum und staune darüber, dass sich im Regal 37 Klobürsten stapeln. Gibt es da Sammelbestellungen für? Im dahinter liegenden Raum befindet sich die Lehrmittelsammlung, wegen der ich mich überhaupt hier unten aufhalte. Ich suche nämlich die Box mit den Magneten. Selbstredend ist diese nicht vorhanden. Dafür finde ich eine ganze Schachtel Klebeband (eingesackt!), vier leere Holzkästchen in perfekter Größe (eingesackt!) und eine Hasenmaske aus Pappmaché (vorgemerkt für Ostern!). Außerdem tonnenweise Weihnachtsdekoration, Bierdeckel, leere Marmeladengläser, hoppla, noch mehr Bierdeckel und ausgeblichene Krepppapierblumen. Da liegen Feierlaune und Festtagsstimmung gleich neben Muff, Gilb und Grabbel. Und der Geruch erst! So eine Mischung aus klassischer Bildung und Moder. Ich nehme einen tiefen Atemzug. Hier kann man die Historie unseres Bildungswesens noch mit allen Sinnen erfahren.

Nach 20 Minuten des Herumstreunens wird es mir etwas langweilig.

Und hungrig.

Und kalt.

Ist aber auch blöd, das Ganze!

Da erscheint mir plötzlich die Schulpsychologin aus der Fortbildung: „Entspannen Sie sich im Alltag, wann immer sie können!“

Gut, denke ich, dann mach ich das jetzt mal. Ich lasse mich auf einen in die Jahre gekommenen Thron neben der Türe plumpsen, der offenbar einmal als Requisite in einer Märchenaufführung gedient haben muss, und lasse ganz entspannt den Blick schweifen, der unerwartet von einem Pferdekopf an der Wand gegenüber erwidert wird.

HUUUU!

Jetzt habe ich mich aber doch erschreckt! Leicht peinlich berührt hüpfe ich von meinem Sitz herunter, um mir den Kopf einmal genauer zu betrachten. Auch dieser ist aus Pappmaché hergestellt und innendrin hohl. Mir ist nicht ganz klar, warum die Maske grün angestrichen ist, aber die Herstellungsart zeugt von Qualität. Ich setze mir den Pferdekopf testweise auf und probe ein dumpfes Wiehern. Gar nicht mal schlecht, denke ich, als ich den Schlüssel im Schloss der Kellertüre höre. Noch mit dem grashüpfergrünen Pferdekopf angetan drehe ich mich um, höre einen Schrei und dann – Mistmistmist! – das altbekannte Flopp!

Ich ziehe mir die Maske ab und bin mindestens genau so überrascht wie die Kollegin, die mir gegenübersteht. (Allerdings bin ich nicht so blass und fasse mir auch nicht aufs Herz.) Ich entschuldige mich ganz zerknirscht vieltausendmal für den Schrecken, den ich ihr eingejagt habe und es ist sicher nicht sehr nett, dass ich sie dafür rüge, den Keil nicht unter die nun erneut zugefallene Kellertüre geschoben zu haben. Aber ich habe jetzt wirklich Hunger und es ist empfindlich kalt hier unten! Kälte und Hunger, das lässt das wahre Ich zum Vorschein kommen und meines ist – ich muss es zu meiner Schande gestehen – in diesem Falle nicht besonders leidlich. Die nächsten 30 Minuten vertreiben wir uns mit dem Austausch kollegialer Informationen („Die Magnete befinden sich im Lehrerzimmer.“ „Ja, Klebeband habe ich hier irgendwo gesehen.“ „Guck mal, wie viele Klobürsten!“) und dem Bau eines Bierdeckelhauses. Ihres wird größer, wahrscheinlich ist die Kälte Schuld. Um nicht völlig zu erstarren, greifen wir uns eine Klobürste und geben eine Version von We are the champions zum Besten, die ihresgleichen sucht. Trotzdem sind wir beide sehr froh, als endlich der Hausmeister seinen Kopf durch den Türspalt schiebt und ein fröhliches „Hallo, ihr Kellerkinder!“ herunterschickt.

Ich bedanke mich bei ihm mit einem herzlichen Niesen und einer frisch eingesungenen Klobürste.

Gegen Ende des Schuljahres werden wir eben alle ein bisschen gaga.

 

Besuchsdruck

Dass der Chef während der Freiarbeitsphase den Klassenraum betreten hat, bemerke ich erst, als er ein Gespräch mit Merve und Noah über ihre Arbeiten beginnt:

„Guten Morgen, Merve. Was machst du denn gerade?“

„Lies mal!“

„Prima. Und du, Noah? Aha, du rechnest.“ Noah hat wenig Zeit für Smalltalk. Konzentriert reiht er Bärchen um Bärchen hintereinander auf und überprüft seine zuvor gerechneten Ergebnisse.

Nickend schreitet der Chef noch ein paar Bänke ab und beobachtet die Erstklässler beim Schreiben, Lesen, Spielen oder Rechnen, bis er an meinem Pult stoppt, wo ich gerade Yasins Heft abstemple. „Läuft ganz gut, die Freiarbeit.“, meint er anerkennend. Ich bestätige dies, nicht ohne einen Hinweis darauf zu geben, dass wir weiterhin an der Lautstärke arbeiten. Offensichtlich findet der Chef diese aber ganz in Ordnung, denn nun tritt er mit einer Bitte an mich heran. Die Mutter eines Kindergartenkindes hat sich zum Besuch angekündigt, ob sie wohl bei den Erstklässlern gegen 8.30 Uhr vorbeischauen könnten?

„Halb neun?, überlege ich, „Ok, da sind wir gerade im Kreis, das passt ganz gut.“

Wir bangen um die Größe der kommenden Eingangsklasse. Jede Anmeldung zählt und so hat jede von den Kolleginnen ihr Scherflein beizutragen im Kampf um mehrere, aber dafür kleinere Klassen. Mein Part dabei ist es, den Eltern zu zeigen, dass bei uns trotz der großen Klassen ganz hervorragend gearbeitet wird. Andere erläutern das Förderkonzept oder unterbreiten die herausragende Arbeit mit den Kooperationspartnern der Schule. Nein, da baut sich kaum Druck auf …

Der Chef freut sich und zieht sich ins Büro zurück, während ich wohlwollend meinen Blick über die Klasse schweifen lasse. Scheint, als handele es sich wirklich um einen guten Morgen. Alle arbeiten und niemand wirft mit Knetgummi oder Schimpfwörtern um sich. Vielversprechend! Wir beenden die Freiarbeit ohne Hektik und treffen uns zum gemeinsamen Singen im Kreis. Es ist Punkt halb neun und die Atmosphäre ist ausgesprochen vorzeigbar. Insgeheim sonne ich mich nun doch ein wenig in diesem Glanze. Wie schade, dass die Mutter sich offenbar verspätet. Trotz, dass wir fünf Lieder schmettern (mit Glockenspiel und Gitarre. Mit Klatschen und Schnipsen und laut und leise Singen! Extra nochmal wiederholt und abwechselnd gesungen!) verstreicht die Zeit, ohne dass der erwartete Besuch sich einstellt. Schon schickt Ole sich an, aus dem Klassentagebuch vorzulesen, auch ein sehr repräsentativer Moment. Ole liest stockend vor, dass er in der gestrigen Pause mit Ben gespielt und im Matheunterricht mit Gummidinos gearbeitet hat. Mensch, nun komm endlich!, denke ich insgeheim und beginne die unpünktliche Mutter schon ein klein wenig unsympathisch zu finden. Denn noch länger kann ich diese friedvolle Phase nicht ziehen, ich möchte die etwas kniffeligen Hausaufgaben für den folgenden Tag noch im Kreis erklären und dass das nicht ganz so leise und verständig ablaufen wird, ahne ich bereits. Weitere fünf Minuten verstreichen und ich hake den Besuch im Geiste ab.

„Wir schauen uns jetzt gemeinsam die Hausaufgaben an.“

Es kommt, wie es kommen musste. Genau in dem Moment, in dem die Arbeitshefte verteilt werden und der große Tumult ausbricht (mein Heft ist weg, der Finn hat mich geschubst, nein, der Zoltán war das, du hast mein Heft, Frau Weh!), schiebt der Chef die Mutter nebst Töchterlein in den Raum. Was für ein Hallo!

„Ahhh, das ist die Lilli! Die kenn ich ja!“

„Hallo Liiiiilliiiiii!“

„Die war bei mir im Kindergarten.“

„Da ist die doch immer noch, du Doofi!“

Es wird wild gewunken und gerufen. Klein-Lilli versteckt sich mit entsetztem Blick hinter dem Bein ihrer Mutter. Der Chef macht große Augen und die Mutter setzt ein gezwungenes Lächeln auf. Der Lärm ist beeindruckend. In meinen Eingeweiden macht sich Resignation breit. Ich versuche, die Massen zu beruhigen und gleichzeitig kompetent wie liebenswürdig zu wirken. Es gelingt mir … nicht sehr überzeugend. Endlich haben sich alle wieder unter Kontrolle, der Lautstärkepegel sinkt, sogar die richtige Seite haben sie aufgeschlagen. Can liest die Aufgabe vor (fast fehlerfrei!) und mehrere Hände schießen in die Höhe, um sie zu erläutern. Ja, das wirkt wieder sehr aufgeräumt und gelungen, finde ich, Klippe gerade noch so umschifft. Ich werfe einen verstohlenen Blick über die Schulter zu unseren Gästen. Doch der Platz ist leer, niemand mehr da. Na toll.

Der Rest des Vormittags läuft konzenriert, fröhlich und völlig normal ab. Keine weiteren Ausbrüche sind zu verzeichnen. Als ich den Chef später am Kopierer treffe, klage ich mein Leid – es klingt ein wenig nach peinlicher Entschuldigung. „Ihr habt genau den einen Moment erwischt, in dem es hoch herging.“

„Mach dir nichts draus“, antwortet er. „Sie haben trotzdem angemeldet. Die Mutter fand unsere Kunstausstellung im Treppenhaus ganz toll und die Toiletten sehr sauber.“

Lehrergeschenke

Mittwoch:

„Und was hast du zu Weihnachten bekommen?“

Die Erstklässler haben im Kreis ausführlich über ihre Weihnachtsgeschenke berichtet und ich bin erstaunt darüber, dass sich die Zuhörer auch bei der x-ten Erzählung nicht nur konzentrieren, sondern auch interessieren. Da wird nachgefragt und um Ergänzung gebeten („Den weißen Controller oder den schwarzen?“). Um etwas Abwechslung in die Runde zu bringen, habe ich von der Schilderung der eigenen Weihnachtsgaben abgesehen und lieber vom Schneeausflug in die Vulkaneifel erzählt. Doch damit komme ich nicht weit.

„Ja, erzähl mal, was hast du gekriegt?“

Also erzähle ich, dass für mich eine langersehnte Glasschüssel unterm Tannenbaum lag. Aber die Erstklässler reagieren nicht nur verständnislos, sie sind nahezu empört.

„Du hast WAS bekommen?“

„Eine Schüssel!?“

„Warum das denn?“

„Wie doof!“

„Hast du dir die etwa gewü-hünscht!?“

Ich versuche den Kindern meine Begeisterung über das Geschenk zu vermitteln, was zugegeben schwer ist, da sie weder meine Backleidenschaft noch die heiße Liebe zu meiner Küchenmaschine nachvollziehen können.

„Ich finde das nicht gut. Das macht doch gar keinen Spaß.“

„Pfff, eine Schüssel. Voll gemein!“

Es will mir nicht gelingen, den Erstklässlern den Unterschied zwischen Kinderwünschen und Erwachsenengeschenken zu erläutern, also gebe ich schulterzuckend auf und leite das weitere Unterrichtsgeschehen ein. Im Laufe des Tages gerät das unerkannte Geschenk in Vergessenheit.

Denke ich.

Donnerstag:

„Hier, Frau Weh, das ist für dich!“

Strahlend stehen die Erstklässler im morgendlichen Kreis und strecken mir zahllose Hände entgegen.

„Was ist denn das?“, frage ich etwas ratlos und schaue genauer hin.

„Eins, zwei … DREI!“

Auf Kommando öffnen sich die Hände und geben den Blick frei auf klitzekleine Kleinigkeiten. Ein Konglomerat aus vom Baum gefallen, übriggeblieben und gerade so entbehrlich. Ich sehe leicht abgegrabbelte Seifenstückchen in Tierformen, Teebeutel, Supermarktsammelfigürchen und Happy Meal-Überbleibsel. Etwas Lametta ist auch noch dabei. Früher war mehr Lametta, schießt mir durch den Kopf und ich muss grinsen. Verrückte Bande.

„Wir fanden das nicht gut, dass du gar nichts richtiges bekommen hast.“, erhebt Dilara das Wort und hält mir eine Rolle entgegen, auf der sich sicherlich noch rund 12 cm Papierklebeband mit der Aufschrift ppy Birthday!!! befinden.

„Und dann haben wir in Englisch bei Frau Smetana gesagt, dass wir noch eine wichtige Sache besprechen müssen.“, ergänzt Nick.

„Dann musst du nicht mehr traurig sein!“

Ich unterdrücke mein Lachen nicht länger und versichere den Erstklässlern, dass ich jetzt wirklich, wirklich kein bisschen traurig wäre und bedanke mich herzlich für ihre Gaben, die sie nun pflichtbewusst in einer extra zu dem Zweck organisierten Plastiktüte eines großen Discounters sammeln und mir mit großer Geste überreichen.

„Wir haben sogar an eine Verpackung für dich gedacht!“

Mir fehlen in der Tat die Worte bei solch liebevoller Umsicht und ich nehme die Tüte wie einen großen Schatz an mich.

„Ihr seid schon toll, wisst ihr das?“

Sie nicken. Natürlich wissen sie es, ich sage es oft. Während wir in den nächsten Stunden singen und rechnen, schreiben und lesen, wandert mein Blick gelegentlich auf die grellbunte Tüte, die erhaben und wichtig auf meinem Pult thront. Und ich bin kein bisschen traurig.

 

Liebe Frau Weh

Jetzt trudeln sie ein, die Briefe der Fünftklässler. Es ist eine nette Geste, dass die Deutschkollegen der weiterführenden Schulen zu Beginn des 5. Schuljahrs an die Grundschullehrerin schreiben lassen. Natürlich ist es reguläres Thema und selbstverständlich wissen sie um die hohe Schreibmotivation der meisten Kinder. Aber dies schmälert nicht im Geringsten die Freude, diese Briefe zu bekommen.

Liebe Frau Weh, lese ich da, es geht mir so gut in der neuen Schule. Ich lese von Neuorientierung, Stolz auf Leistungen, von neuen und alten Freunden. Manchmal lese ich auch noch ein wenig Ängstlicheit aus den Zeilen und oft Unmut über so viele Stunden, schwere Rucksäcke und lange Tage. Aber immer erkenne ich Entwicklung und Wachstum in dem, was die Kinder mir schreiben. Und eines noch: Erinnerung.

Wissen Sie noch, unsere Klassenfahrt?

Es war so schön im vierten Schuljahr.

Hoffentlich sind Ihre neuen Schüler so toll wie wir!

Ich denke gerne an Sie zurück.

Es ist schön, solche Briefe zu bekommen und sie einzuordnen in den Lauf unserer Arbeit, der von Ankunft bis Abschied reicht. Ich wünschte mir mehr davon. Einen zum Schulabschluss, egal welchem. Einem bei Berufsantritt. Vielleicht auch zu Hochzeit, Geburt und hoffentlich niemals eine Todesanzeige. Die Gedanken an die Grundschulzeit werden verblassen. Erinnerungen an so viele gemeinsame Stunden werden verdrängt von neueren Eindrücken. Das ist richtig so! Dennoch wünsche ich mir, dass ein Stück dieser umsorgten Zeit sich tief ins Lebensbild meiner Schüler legt und sie irgendwann rückblickend lächeln lässt.

Weißt du noch, damals?