Keine Worte

Die Sonne scheint. Es ist ein schöner Tag. Ich habe Pausenaufsicht und beobachte die spielenden Kinder. Neben mir steht Jeanette. Lachen dringt vom Spielplatz zu uns herüber. „Mein Stiefvater fasst mich immer an“, Jeanette hat den Blick auf den Boden gerichtet, ihre Stimme ist leise, als sie unvermittelt zu reden beginnt.

Ich schließe für einen Moment die Augen und will das alles gar nicht hören, wünsche mich weit weg von dem Gefühl der Ohnmacht, das mich überfällt. Es ist nicht so, dass ich es nicht geahnt hätte. Bestimmte Worte und Verhaltensweisen ließen mich vor einiger Zeit aufmerksam werden und so habe ich ihr immer wieder vorsichtig angeboten mit mir zu reden.

Sie fährt stockend fort und berichtet von ihren Erlebnissen. Das Entsetzen frisst sich einen Weg durch mein Denken. Ohne darüber nachzudenken tue ich das, was ich auch bei meinen eigenen Kindern mache, wenn die Worte fehlen: Ich schließe das Mädchen in die Arme und will sie Schutz spüren lassen. Gleichzeitig durchfährt mich der Gedanke, dass diese körperliche Reaktion womöglich genau falsch ist, doch da bemerke ich, wie sich die Spannung in ihrem Körper löst. Das Mädchen weint bitterlich und auch ich muss Tränen der Wut und der Verzweiflung zurückhalten. Ich streiche beruhigend über ihre Schultern und bemühe mich um einen zuversichtlichen Ton, als ich ihr versichere, dass es gut war, darüber zu reden, und dass wir eine Lösung finden werden, obwohl mein Herz rast und mir der Hals wie zugeschnürt ist. Ich mache der zweiten Kollegin auf dem Hof ein Zeichen und gehe mit dem Mädchen ins Gebäude.

40 Minuten später trifft die Mitarbeiterin des Jugendamtes ein und nickt mir zu: „Gut gemacht!“ Ich kann nur stumm den Kopf schütteln. Irgendwie gebe ich noch zwei Musikstunden und bin froh, als ich im Auto sitze. Ich weine die ganze Fahrt bis zum Kindergarten des Miniwehs, wo ich mit Sonnenbrille und roter Nase zum Gruppenraum gehe. „Alles in Ordnung?“, fragt mich der Erzieher, der mit einem Blick erfasst, dass dem nicht so ist. Ich schüttle kurz den Kopf und antworte knapp, dass es eine schlimme Sache in meiner Klasse gäbe. Er nickt verständnisvoll und lässt seinen Blick über die fröhlich wuselnde Kinderschar um uns herum gleiten: „Das kann einem unter die Haut gehen.“

Und so ist es. Es geht unter die Haut, frisst sich ins Gehirn, krallt sich ins Herz.

Ungeduldig zupft da das Miniweh an meiner Jacke und unterbricht meine Gedanken. „Kommst du endlich, Mama? Ich hab ein Bild für dich gemalt!“

Ich straffe die Schultern, beuge mich herunter und drücke dem zappeligen Kind einen Kuss auf den Kopf. Hand in Hand verlassen wir den Kindergarten. Die Sonne scheint. Es ist ein schöner Tag.

invidia

Nach dem Telefonat bin ich grantig zu meinen Kindern und fies zu Herrn Weh. Ich beschließe früh zu Bett zu gehen und finde mich selber… ätzend!

Eigentlich ist alles endlich genau, wie es sein sollte. Aber tief in meinen Eingeweiden sitzt etwas und spuckt Galle. Verdammt, wo ich mir doch ganz anderes für den Februar vorgenommen hatte!

Rückblick:

Einer meiner Schüler ist seit geraumer Zeit in einem Heim untergebracht. Ein Heim, das weit, sehr weit vom Schul- und Wohnort entfernt liegt. Zwischen dem Erstkontakt mit dem zuständigen Jugendamt und der endgültigen Inobhutnahme vergingen 8 Monate. 8 Monate, in denen das Kind die Hölle durchmachte. 8 Monate, in denen ich mich zwischen die Eltern und meinen Schüler stellte, mit allem, was dazugehörte. Ich würde mich heldenhafter zeichnen, als ich wirklich bin, wenn ich sagen würde, es hätte mir nichts ausgemacht. Aber mit der erschreckenden Gewissheit, dass dem betroffenen Kind Leid widerfährt und es niemanden sonst hat, der helfen könnte oder wollte, habe ich über Wochen wieder und wieder das Jugendamt angerufen, die Polizei informiert, mich in gesetzlichen Grauzonen bewegt. Nebenbei auch unterrichtet. Als verschiedene Maßnahmen endlich nicht nur im Gespräch waren, sondern auch griffen, war ich unendlich erleichtert, aber auch erschöpft.

Meinen Schüler, der bis auf weiteres nicht mehr mein Schüler ist, habe ich lange nicht gesehen. Umso mehr freute ich mich, als mich die Kollegin, deren Klasse er nun besucht, anrief. Inoffiziell. Denn mein Anteil an der Sache ist beendet, daher werde ich nicht weiter von den zuständigen Behörden über das Wohlergehen des Kindes informiert. Die Kollegin teilte mir mit, was für ein Gewinn er für ihre Lerngruppe sei. Sie schilderte, wie sehr der nette Junge ihr ans Herz gewachsen sei. Ihre Preisungen nahmen kein Ende. Sie flocht ein, wie hervorragend es dem Kind in der neuen Umgebung gehe, wie sehr es sich integriert habe und was für eine gute Lehrer-Schüler-Beziehung sich entwickelt habe.

In einem Nebensatz nach den früheren Lebensumständen und dem Verlauf der Kindeswohlgefährdung gefragt, muss ich Luft holen. Ich denke an E-Mails und Briefe voller Hass, die nur anfänglich an mich, später direkt an Schulleitung und Schulamt geschickt wurden. An den Stiefvater, der drohend am Schultor lauerte, an blaue Flecken auf dem Kinderkörper und Angst in vielen Ausprägungen; versuche die Gedanken abzuschütteln wie ein Hund den Regen.

Ich bestelle Grüße und gute Wünsche und meine dies ehrlich und von ganzem Herzen.

Und dennoch piesackt mich ein Gefühl, welches wohl am ehesten damit zu umschreiben wäre, dass ich säen, aber nicht ernten durfte. Wie gerne hätte ich auch lieber lauter positive Dinge zu berichten gehabt und eine normale Lehrer-Schüler-Beziehung geführt! Aber wie kleinlich ist das!? Wie unglaublich dumm, arrogant und selbstherrlich von mir, auf ein goldenes Sternchen zu hoffen angesichts einer solchen Lebenssituation? Muss alles belohnt werden? Muss ich jedesmal ein Fleißkärtchen erhalten? Tue ich solche Dinge vielleicht auch (ausschließlich gar?), um mich und mein Handeln selbst zu bestätigen?

Die Fragen tauchen völlig unvermittelt auf und treffen mich mit ihren giftigen Spitzen ins Mark. Je ehrlicher ich mit mir selber bin, umso weniger möchte ich heute ich selber sein. Hallo Februar, ist das Liebe? Wird das noch was mit uns?

Ich bin grantig zu meinen Kindern und fies zu Herrn Weh. Ich beschließe früh zu Bett zu gehen und finde mich selber… ätzend!

Warum passiert immer alles mir?

„Ich wollte mich bei dir verabschieden, Ende des Monats trete ich eine neue Stelle an. Das war eine gute Zeit hier, danke für dein Vertrauen. Für deinen Einsatz!“

Herzlich streckt mir der Mitarbeiter vom Jugendamt, mit dem ich so viele Jahre zusammengearbeitet, so viele traurige, aber auch mutmachende Fälle erlebt habe, die Hand hin. Ich muss tatsächlich schlucken. Was uns verbunden hat, war nicht nur eine reibungslose, professionelle Zusammenarbeit. Es war das Gefühl, dass da jemand im Amt sitzt, der ansprechbar ist, der zupacken kann und handelt. Der sich aber auch schützend vor mich gestellt hat bei Hausbesuchen, die ich alleine niemals gewagt hätte. Der souverän Krisengespräche moderiert hat, vor denen ich nächtelang wachlag. Der mich auf meine vielen Zweifel hin, warum es eigentlich immer meine Schüler sein müssen, wahlweise angegrinst und gesagt hat, man bekäme immer die Schüler, die man verdient oder auch mal zum Mutmachen ein Lied von Reinhard Mey gesummt hat. Ich weiß nicht, wie viele Telefonate wir in den letzten Jahren geführt, wie viele Tassen Kaffee (der im Jugendamt immer irgendwie nach Pragraphen geschmeckt hat) wir getrunken haben. Dabei waren wir beileibe nicht immer einer Meinung, was nun das Beste für ein Kind sei. Aber wir trafen uns immer irgendwo auf der Strecke, überzeugt, handeln zu müssen.

Ich lächle ihn an: „Ich danke dir!“

Wir machen die Übergabe, gehen die noch offenen Fälle durch, besprechen die aktuellen Hilfeplanungen. Dann klappen wir unsere Ordner zu und wissen für den Moment nichts mehr zu sagen.

„Mach’s gut!“ Er nickt mir zu, wir stehen auf.

„Ich weiß die Antwort jetzt!“, sage ich und er hält inne.

Ich singe: „Die Antwort ist kurz und knapp: Mir passiert immer alles, weil, ich kann das ab!“

„Quatsch,“, er grinst und drückt mich kurz an sich, „die Antwort ist 42!“

 

Brainfreeze

Diese Woche spottet wahrlich jeder Beschreibung. Ein Drittel des Kollegiums erkrankt, kein Hausmeister, erneut keine Heizung, keine Putzfrau. Ständig zwei Klassen parallel unterrichtet. Die Anspannung im Lehrerzimmer… unsagbar. Dazu Ärger über fehlende elterliche Sorge, seelische Grausamkeiten und die ewig mahnende innere Stimme, Abstand zu wahren. Heute dann die explosionsartige Entladung  – Inobhutnahme eines meiner Schüler durch das Jugendamt.

Es gibt Dinge, die müssen schnell gehen. Manchmal so schnell, dass Körper, Seele und Gehirn mit der Kaskade verschiedener Emotionen, die einen durchlaufen, gar nicht mehr klarkommen. Ein einziges Wechselbad aus unfassbar großem (Er-)Schrecken, Wut, Angst, (Mit-)Leid und der stetigen Frage, ob die Entscheidung, die man innerhalb kürzester Zeit zu treffen gezwungen wurde, die richtige ist. Details wären hier nun fehl am Platz. Unfassbar aber die Tatsache, dass es so viele Kinder gibt, denen Leid geschieht. So großes Leid, dass im schlimmsten Falle ein Leben zu so einem frühen Zeitpunkt bereits völlig verkorkst scheint.

Gut tut dann, wenn sich ein solcher Tag, eine solche Woche nach gefühlter Unendlichkeit neigt.

Gut tut eine Nachricht des Dankes, dort gehandelt zu haben, wo Wegschauen der einfachere Weg gewesen wäre.

Gut tut auch die Fahrt nach Hause, das Umarmtwerden der Familie, ja sogar eine kotzende Katze hat erleichternde Wirkung. (In jeder Hinsicht.)

Und die Aussicht auf einen gigantischen Erdbeerdaiquiri!