„Oh Gott, bitte, lass mich hier heil rauskommen, ich muss doch meine Kinder heute Abend ins Bett bringen!“

Es sind genau diese Worte, die mir durch den Kopf schießen, als es explosionsartig knallt, der LKW vor mir ausschert und meine Spur bei Tempo 100 schneidet. Hundertstelsekunden dehnen sich aus und werden zur qualvollen Ewigkeit, während mir der Schreck das Adrenalin durch den Körper peitscht und ich mich reflexartig nach allen Seiten umdrehe, um die Lücke im Verkehr zu finden, durch die ich dem schlingernden Koloss vor mir ausweichen kann.

Schneidend durchfährt mich die Gewissheit: Ich kann heute nicht sterben. Noch nicht. Nicht heute! Mir ist völlig klar, dass sich die Welt auch ohne mich weiterdrehen würde. Natürlich; wer wäre so egozentrisch, das Gegenteil zu glauben? Furcht vor dem Tod habe ich nicht, es sind meine Kinder, um die ich Angst hätte, würde ihnen die Mutter genommen. Wenn ich den Wehwehchen morgens beim Abschied ein Kreuz auf die Stirn zeichne, so ist es nicht nur ihr Schutz, um den ich dabei bitte. Immer ist es auch die eigene gesunde Heimkehr, die in diesem Ritual als stumme Bitte ihren Ausdruck findet.

Ich suche die Lücke und finde sie. Sekunden später bin ich am LKW vorbei und merke, wie sehr ich unter Strom stehe. Die restliche Fahrt umklammere ich das Lenkrad, Schweiß auf der Stirn. Ich fahre langsam und versuche mein Zittern unter Kontrolle zu bringen. Später wird in der Zeitung stehen, dass auf der A1 ein Reifen geplatzt ist, der Fahrer des LKW hervorragend reagiert hat und so ein Unfall vermieden werden konnte. Mir werden Tränen in den Augen stehen, wenn ich die Meldung am nächsten Tag lese.

Als ich auf dem Schulparkplatz ankomme, bleibe ich noch einen Moment im Auto sitzen. Danke, flüstere ich. Danke, danke, danke. Ein Erstklässler bleibt interessiert neben dem Auto stehen und wartet bis ich ausgestiegen bin. „Du bist aber spät heute!“, sagt er. „Ja. Aber ich bin hier.“

„Das ist die Hauptsache“, antwortet er fröhlich und läuft auf den Schulhof.