Geometrie? Ist durch.

Man könnte darüber schmunzeln, dass ich am gestrigen Abend so rechtschaffen müde war. So derart müde, dass ich, als ich meine Schreibtischarbeit beendete, die Katze übersah, die es sich hinter dem Stapel mit den Rentiergeweihen aus Plüsch gemütlich gemacht hatte. Dort liegt sie bereits seit einiger Zeit gerne, genaugenommen seit dem Tag des Weihnachtsmarktauftrittes meiner Klasse vor eineinhalb Wochen, bei dem wir Glanz und Glorie ernten konnten, als wir rentiergeweiht und glöckchenklingelnd unsere Lieder trällerten. Danach habe ich nämlich – aller Ordnungsliebe zum Trotz – den ganzen Trara lediglich in eine Ecke des Arbeitszimmers geworfen, statt ihn ordnungsgemäß für nächstes Jahr zu verräumen. Nun läuft das Miniweh gerne mit Glöckchen und Geweih herum und die Katze, tja, die Katze hält ebendort gerne eins ihrer zahlreichen Nickerchen, die mit dem Alter mehr und tiefer werden. So tief jedenfalls, dass auch sie, die in den letzten Jahren jedes Ameisenniesen mit sofortiger Wachsamkeit registrierte, das Schließen der Türe nicht bemerkte.

Zwar wunderte ich mich am frühen Morgen darüber, dass niemand mein Auftauchen in der Küche mit einem erwartungsfreudigen Maunzen zur Kenntnis nahm, aber ist nicht jede ruhige Minute in dieser stressigen Zeit ein Geschenk? Nichtsahnend öffnete ich wenig später die Türe meines Arbeitszimmers, um augenblicklich zurückzuprallen. Ach könnte ich diesen Geruch schildern! Diese in den Augen brennende Mischung aus Ammoniak und Verzweiflung, die mir entgegenschlug. Nicht anders als reuevoll hingegen kann ich das Gebaren der Übeltäterin bezeichnen, die mir sofort pardonmiezend um die Beine strich. Glück im Unglück immerhin: Die Katze erledigte ihre Notdurft verschämt auf dem Stapel der 29 Geometrie-Themenhefte. Die haben wir schon durch. Nicht auszudenken, wäre das Malheur auf dem Buchstabenlehrgang geschehen!

Also holte ich Aufnehmer und Eimer (manche Dinge müssen eben einfach erledigt werden) und machte mich um 6.03 Uhr an die Entsorgung der durchweichten Lerninhalte. Flächen, Formen, Spiegelbilder – alles für die Katz!

Wenig später traf ich im Lehrerzimmer eine Kollegin. „Wie weit seid ihr jetzt in Geo?“, wollte sie wissen. „Oh“, antworte ich vielsagend, „Geo ist durch.“