bröckelnde Bollwerke

Die jüngst angelesene erzieherische Leichtigkeit im Ohr reagiere ich an diesem Morgen annähernd vorbildlich, als mir das große Wehwehchen beim Frühstück mitteilt, es benötige seit Montag 12,- Euro Papiergeld im mit Namen versehenen Briefumschlag, einen leeren Schuhkarton für den Kunstunterricht und übrigens würde die Klasse heute einen Englischtest schreiben. Ich rege mich fast nur ein biss gar nicht auf, sondern wünsche ihm viel Glück und staune freue mich ansonsten einfach über das Wunderwerk des pubertierenden Gehirns, welches bereits vor 7.00 Uhr morgens in der Lage ist, wichtige Informationen abzurufen, wenn auch ein paar Tage später. Mein Sohn hat also immerhin kein Spatzenhirn, sondern das einer Lerche. Stellt euch meine Erleichterung vor!

Als kurz darauf das Miniweh mit verschwitzter und verfilzter Haarpracht (Fünfjährige haben mitunter des Nachts wahre Schlachten zu schlagen) an den Tisch stürmt und kräht, dass sich die Familienkatze auf den Badezimmerteppich erbrochen habe (es bediente sich für die Aussage einer anderen Wortwahl, aber immerhin ist das hier mein virtuelles Wohnzimmer, da sprechen wir anständig), lächle ich milde und gehe wischen.

Erste Kratzer erhält die liebevoll-gelassene Glasur meiner Mütterlichkeit am Nachmittag, als ich mit dem Miniweh, welches (natürlich!) über Nacht aus all seinen Pullovern herausgewachsen ist, im Kaufhaus unterwegs bin. Den entzückten Nachwuchs an einem Tisch voller Schneekugeln parkend, greife ich 3 Meter weiter nach den einzigen beiden Pullovern in Größe 116, deren Anblick keinen direkten Augenschaden hervorruft, da gänzlich ohne Neonfarben, Superhelden oder Glitzerpartikel auskommend. Ich drehe mich nach Schneegestöber und Miniweh um und … kein Miniweh mehr da. Ein kurzer, aber umso heftigerer Adrenalinstoß strömt durch meinen Körper, Muskeln spannen sich an, Sinne schärfen sich, meine Atmungsfrequenz nimmt zu. Scheiße, Kind weg! Hektisch fährt mein Kopf links herum und rechts herum.
„MINIWEH! MIIIIINIIIIWEEEEH!!! HIER SPRICHT DEINE MUTTER. KOMM SOFORT ZURÜCK!“

Erste mitleidige Blicke treffen mich, erste Schweißtropfen bilden sich, wo ist das Kind!? Ich irre herum, die Haare wirr, der Blick fahrig. Outdoorjacken, Strumpfhosen, Unser Herbstangebot (lassen Sie es sich nicht entgehen!), erste Weihnachtsmänner, Mützen, Handschuhe, Schals, mittendrin eine schwitzende Mutter, zwei Pullover Größe 116 im Arm. Ich bleibe vor einem Tisch mit unsagbar hässlichen Leggings stehen und rufe erneut nach dem absenten Ehesegen, als eine Verkäuferin mit bedeutungsvoller Geste unter den Tisch deutet.

„Miniweh?“, zische ich, worauf mir als Antwort glockenhelles Gekichere entgegenperlt. Ich schließe kurz die Augen, danke stumm dem Himmel in Form der aufmerksamen Verkäuferin und ziehe den Nachwuchs mit einem energischen Wuschsch unterm Angebotstisch hervor.

„ICH habe DICH die ganze Zeit gesehen! Also deine Füße.“, eröffnet mir das Miniweh und schiebt prophylaktisch die Unterlippe vor. Meine Augen verengen sich zu Schlitzen. „Jetzt pass mal gut auf! … (Der nun folgende Abschnitt wurde drastisch zensiert, da das darin beschriebene Verhalten der überforderten Mutter dem Ehrenkodex gelassener Elternschaft nicht nur nicht gerecht wurde, sondern aufgrund der darin vorkommenden Begrifflichkeiten nahezu einer Verhohnepiepelung desselben gleichkam, Anm. d. A.)                                                                                  

Vielleicht hätte ich es nach dem Erlebnis für heute einfach sein lassen sollen mit der Gute-Mutter-Nummer. Vielleicht hätte ich dem großen Wehwehchen einfach begütigend auf die Schulter klopfen sollen, anstelle gemeinsam einen Lernplan für die in den nächsten 8 Tagen anstehenden drei Arbeiten aufzustellen. Und vielleicht hätte ich einfach auf das Abfragen der lateinischen Stammformen verzichten sollen. So lautet nun die Tagesbilanz:

Ein Kind fast verloren,

eins am Rande des Nervenzusammenbruchs

und ich mittendrin, ein Bollwerk bröckelnder Gelassenheit.

 

Innovationen und Prokrastinationen

In diesen Herbstferien, deren Beginn ich in der Tat herbeigesehnt habe wie lange nichts, entschließe ich mich dazu, etwas erregend Neues auszuprobieren:

Ich arbeite nicht*.

Stattdessen probiere ich das Modell entspannte Mutter. Ich nehme Verabredungen mit dem Miniweh gemeinsam wahr und trinke Kaffee mit Kindergartenmüttern. Das ist übrigens gar nicht schlimm. Wie ich bei meinen umfangreichen Recherchen feststellen konnte, verfügen alle Haushalte außer dem unseren über professionelle Kaffeehausmaschinen, deren Aufschäumkapazitäten wahrhaft beeindruckend sind, und die nicht nur hervorragenden Milchschaum produzieren, sondern dabei auch noch täuschend echt die Startgeräusche eines mittelgroßen Düsenjets imitieren. Bemerkenswert! Mit dem größeren Wehwehchen kuschle ich mich abends einigermaßen gemütlich (in der Pubertät beginnen Extremitäten irgendwie sperrig und kantig zu werden) auf das Sofa und schaue Filme, die uns sogar beiden gefallen. Tagsüber mache ich Musik an und führe konzentriert Küchenexperimente durch, die, um bei der Wahrheit zu bleiben, nicht alle gelingen, mich aber mit produktiver Freude erfüllen. Entzückt nehme ich dabei wahr, dass zerfallenes und überwürztes Gemüse immer noch zur Suppe taugt, die ohne Murren von allen Familienmitgliedern gegessen wird. Hauptsache es gibt ausreichend Baguette dazu. Die Kuchen, die ich zur Zeit backe, wären vom Kaloriengehalt sicherlich geeignet, um unsere Familie über einen langen, harten Winter zu bringen. Soulfood vom Feinsten, aber offensichtlich ist es genau das, was ich jetzt brauche. Letztes Wochenende habe ich Freunde von uns in stummes Erstaunen versetzt, als ich während eines gemütlichen Kaffee-und-Kuchen-Plauschs ganz selbstverständlich drei große Stücke Schokokäsekuchen verdrückt habe. Den ganz bösen mit Frischkäse und Sahneschokoguss. Boah, war der lecker! Ich lese viel und zwischendurch umkreise ich immer wieder die Frage danach, ob das, was ich für Schule leiste, noch für alle Beteiligten verträglich ist. Denn das ist die eigentlich große Sache, die ich mir für die Ferien vorgenommen habe: Das Nachdenken darüber, wie viel Einsatz ich auf Dauer bringen kann und möchte. Aber das ist eine ernste Sache und passt mir heute nicht ins Posting. Stattdessen bereite ich mich mental auf das anstehende Schnitzelessen bei meiner Schwiegermutter vor (hähä, Herr Weh, das habe ich nur für dich geschrieben!) und backe den ersten Gewürzkuchen des Jahres. Hoffentlich birgt euer Tag ähnlich Schönes?

Es grüßt euch herzlich

Frau Weh

*Ok, fast nicht. Ich meine, natürlich musste ich das Laternenmaterial bestellen und die Mathearbeit nachgucken. Und wann, wenn nicht jetzt, hätte ich die Zeit, mit diesem Psychologen und dem Ergotherapeuten, den man nie erwischt, zu telefonieren? Häh? Na also!