Thema verfehlt

4. Stunde, Sitzkreis, Matheunterricht. Es liegen diverse Gegenstände im Kreis, die sich prima teilen lassen. Theoretisch zumindest, denn die Meute ist regenpausengebeutelt und recht unwillig, sich auf die magischen Freuden des Halbierens einzulassen. Stattdessen wird geschubst, gekichert und all das getan, was Erstklässlern eben so einfällt in der 4. Stunde. Im Sitzkreis. Nach zwei Regenpausen.

„Was ist denn die Hälfte von 18?“, versuche ich es erneut mit genau der Mischung aus Motivation und Autorität in der Stimme, die nur durch jahrelanges Unterrichten von Sechs- bis Zehnjährigen zur Reifung kommt. Sozusagen die Raucherstimme der professionellen Primarstufenlehrkraft. Das Barrel Aging der Pädagogenstimme.

Prompt meldet sich Ronja und deutet auf ihren Bauch: „Mir ist da ganz komisch drin und mein Bruder, der hat ja auch die ganze Nacht gebrochen.“

Och nee …!

„Wenn es dir schlecht wird und du dich übergeben musst, dann läufst du einfach ganz schnell zur Toilette! Ihr wisst ja, dass ihr euch in einem solchen Fall nicht erst melden müsst, oder?“, frage ich die jetzt äußerst aufmerksamen Erstklässler. Übergeben zieht immer. Einige schauen überrascht, lege ich doch sonst so übertrieben gehobenen Wert auf höflich formulierte Fragen und Mitteilungen, falls einer der jungen Padawane – aus welchen Gründen auch immer und, fragt nicht, solche Gründe scheint es immer zu geben! – das Klassenzimmer zu verlassen gedenkt.

„Und wenn wir das nicht mehr schaffen?“

Ein berechtigter Einwand! Ich erinnere mich an einen Spuckunfall vor vier Jahren, bei dem das arme Kind die Toilettenräume erreichen wollte, was mit einer mäandernden Spur des Schreckens im Flur endete.

„Dann übergebt ihr euch in einen Mülleimer. Aber in einen mit Tüte!“

„Welche Farbe?“

„Schwarz“, antworte ich und warte auf die Folgefrage. Und da ist sie schon.

„Warum in den?“

Da ich als Lehramtsanwärterin noch seitenweise über die Wichtigkeit der Einbettung eines Lerninhalts in die Lebenswirklichkeit der Kinder sinnieren musste, freue ich mich natürlich über den nachvollziehbaren Wissensdurst meiner Klasse, lege die Mathestunde ad acta und erkläre, wie das so ist mit Mülleimern mit und ohne Beutel, aufquellendem Papier und Geruchsbildung. Geschickt flechte ich ein, dass das Waschbecken – obwohl genau über den Mülleimern und somit in per-fek-ter Eruptionshöhe angebracht –  AUF. KEINEN. FALL. als Vomitorium zu nutzen sei. Nein. Niemals und unter keinen Umständen!

„Warum nicht?“

In den nächsten Minuten referiere ich inbrünstig über Verdauungsprozesse und Abflussverstopfungen, fehlendes Werkzeug, Geruchsbildung (erneut) und Hausmeister, die in solchen Fällen anzurufen es absolut zu vermeiden gilt, zumindest falls einem an weiterer Zusammenarbeit gelegen ist und, ja, das ist es uns in den nächsten drei Jahren ganz sicher noch! Ich bin in meinem Element. Ist es nicht genau dies, wofür Grundschullehrerinnen geboren werden? Meine Wangen färben sich rosa wie junge, glückliche Ferkel auf dem Weg in die kühlende Suhle. Der ursprünglich in den Blick genommene Aspekt des Halbierens ist vergessen. Doch egal, die Erstklässler hängen an meinen Lippen, Ronja hat ihre Bauschmerzen vergessen und überhaupt ist dieser Moment eine pädagogische Sternstunde, wie wir sie in dieser Klasse so noch selten erlebt haben! Ergriffen sind sie, die Erstklässler, ergriffen! Da meldet sich Jason. Ich wedele seinen Beitrag herbei und erwarte eine Transferleistung allererster Güte.

„Können wir jetzt endlich mal Mathe machen?“

12 Kommentare zu „Thema verfehlt

  1. Es tut so gut, über all das, was uns täglich Kopfschmerzen bereitet, einfach mal herzlich lachen zu können!
    Frau Weh, Sie haben einen wunderbar herzerfrischenden, augenzwinkernden Humor! 🙂

    1. Oja, Kopfschmerzen habe ich auch viel mit dieser Klasse 😀
      Liebe Grüße und danke für den netten Kommentar!

  2. Liebe Frau Weh,
    wie herrlich, ich saß gefühlt dabei, griff mit nach den (pädagogischen) Sternen und bin nun wieder auf dem Boden der (mathematischen) Tatsachen angekommen.
    Dankeschön! 😂

    Liebe Grüße
    Emma

  3. „Vomitorium“! 🙂
    Du hast meinen problemtelefonatgetränkten Tag ein bisschen bunter gemacht, danke Dir!
    Feste Umarmung und Versicherung, dass deine Geburtstagspäckchen (räusper) dich immerhin noch vor den Sommerferien erreichen wird…

    1. Juhuu, meine Liebe!
      An dich dachte ich die letzten Tage viel, auch wegen der größeren Erschütterung, die derzeit in der Blogwelt hohe Wellen schlägt.

      Problemgespräche auch hier, aber – immerhin – morgen Vorstellung einer neuen Schulbegleitung. Möge es weiter bergauf gehen …
      Dir weiterhin gute Nerven, Schokoladeneis und einen Eimer kaltes Wasser unter den Füßen ♥
      Wir sollten mal wieder telefonieren!

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