Miese Stimmung

Heute war der Supernanny im Unterricht. Mal schauen, wie sich Lennox so macht. Zu Hause, erzählt mir Supernanny, kann er nicht viel ausrichten. Zu verfahren das Beziehungsgeflecht zwischen Mutter, Stiefvater, Erzeuger und anderweitigen Lebenspartnern. Keiner der beteiligten Erwachsenen hat eine stabile Basis. Alle befinden sich an irgendeiner Kante, über die sie zu fallen drohen. Da ist keine Kraft und noch weniger Liebe für ein Kind übrig, das die Krallen ausfährt anstelle um Hilfe zu rufen. Woher soll er es denn auch gelernt haben? Der Supernanny möchte noch einen finalen Termin mit mir und der Mutter wahrnehmen, dann wird er sich wahrscheinlich rausziehen. Es gibt noch so viele andere Baustellen, an denen er vielleicht mehr Erfolg haben wird. Hier sieht er keinen Horizont. Die Ressourcen des Jugendamtes sind begrenzt. Kindeswohlgefährdung liegt nicht vor. Da kann man nichts machen, sorry. Ihr leistet in der Schule ja schon ganz viel bei Lennox!

Tun wir? Im Moment läuft es ganz gut so weit. Abgesehen von den Ausrastern und unvorhersehbaren Aggressionen. Leistungsmäßig? Naja. Es bleibt schwierig für Kinder wie Lennox in unserem Bildungssystem. Demnächst steht die Entscheidung an, ob er noch ein Jahr in der Schuleingangsphase verbleibt oder mit den anderen ins 3.Schuljahr geht. Klar täte ihm noch ein Jahr gut. Aber hier geht es nicht nur um schwache Leistungen. Irgendwie geht es bei Lennox auch um Menschwerdung. Und da tut ihm der Schutz einer Lerngruppe gut, in der er sich seit zwei Jahren befindet und die ihn eben nimmt, wie er ist. Natürlich kann er viele nicht leiden, natürlich ist Schule immer noch scheiße. Und trotzdem bleibt Lennox am Ende eines Schultages so lange in der Klasse, dass er den liegengebliebenen Kakaokasten wegräumt, die letzten Stühle hochstellt, das Rollo hochdreht. Nickt gönnerhaft, wenn ich ihn frage, ob er noch einmal kontrollieren könne, ob alles in der Klasse in Ordnung ist. Strahlt, wenn ich rückmelde, dass ich froh bin, mich auf ihn verlassen zu können. Fragt schnell, ob vielleicht in meiner Schublade noch ein Zwieback…?

Aber nächstes Jahr bin ich aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr Klassenlehrerin der Zweitklässler. Und die Kollegin, die vermutlich übernimmt, hat mir schon mitgeteilt, dass sie es bevorzugen würde, alle direkt nach unten zu geben, die es vermutlich nicht packen werden. „Darunter fällt dann doch ganz sicher dein Lennox, Frau Weh?!“

Vermutlich :-/