Sitzenbleiben

Früher Mittwochmorgen, auf dem Weg zur Schule.

Im Radio geht es um die Abschaffung der sogenannten „Ehrenrunde“. Ich höre mir an, dass die Schulen anfangen müssten, Verantwortung für ihre Schüler zu übernehmen. Wie viel Geld das Sitzenbleiben kostet (viel) und was es bringt (so gut wie nichts). Herr Himmelrath*, Bildungs- und Wissenschaftsjournalist, äußert sich kämpferisch: „Wenn ich als Lehrer einen Schüler habe, der nicht mitkommt, dann kann ich den abschieben. Da passiert überhaupt nichts an Verantwortung.“ Das Stichwort der individuellen Förderung fällt genau so vorhersehbar wie die Nennung unvermeidlicher Studien, die besagen, dass das Sitzenbleiben kaum pädagogischen Nutzen zeigt.

All das höre ich mir auf dem Weg in die Schule an. Eine Schule, an der derzeit ein Drittel des Kollegiums erkrankt ist. Natürlich gibt es keine Vertretungskräfte. Bis zum Ende der Woche werde ich sechs Stunden Mehrarbeit leisten, auch im Nachmittagsbereich. Ich werde in der Regel zwei Klassen gleichzeitig unterrichten; die Namen aller Schüler werde ich dabei nicht unbedingt kennen. Besonders die jüngeren Klassen werden sich an mich klammern wie an einen Anker, sind sie doch völlig überfordert vom ständigen Vertretungsunterricht, den wechselnden Lehrern, der Enge und der Lautstärke, die eine solche Ausnahmesituation (die eigentlich das Wort „Ausnahme“ kaum mehr verdient, so oft haben wir das schon durchziehen müssen) mit sich bringt.

Ich höre mir an, dass das Geld, welches das Sitzenbleiben jährlich kostet, doch viel besser anderweitig eingesetzt werden solle und schreie einmal laut meinen Frust in den Morgen.