invidia

Nach dem Telefonat bin ich grantig zu meinen Kindern und fies zu Herrn Weh. Ich beschließe früh zu Bett zu gehen und finde mich selber… ätzend!

Eigentlich ist alles endlich genau, wie es sein sollte. Aber tief in meinen Eingeweiden sitzt etwas und spuckt Galle. Verdammt, wo ich mir doch ganz anderes für den Februar vorgenommen hatte!

Rückblick:

Einer meiner Schüler ist seit geraumer Zeit in einem Heim untergebracht. Ein Heim, das weit, sehr weit vom Schul- und Wohnort entfernt liegt. Zwischen dem Erstkontakt mit dem zuständigen Jugendamt und der endgültigen Inobhutnahme vergingen 8 Monate. 8 Monate, in denen das Kind die Hölle durchmachte. 8 Monate, in denen ich mich zwischen die Eltern und meinen Schüler stellte, mit allem, was dazugehörte. Ich würde mich heldenhafter zeichnen, als ich wirklich bin, wenn ich sagen würde, es hätte mir nichts ausgemacht. Aber mit der erschreckenden Gewissheit, dass dem betroffenen Kind Leid widerfährt und es niemanden sonst hat, der helfen könnte oder wollte, habe ich über Wochen wieder und wieder das Jugendamt angerufen, die Polizei informiert, mich in gesetzlichen Grauzonen bewegt. Nebenbei auch unterrichtet. Als verschiedene Maßnahmen endlich nicht nur im Gespräch waren, sondern auch griffen, war ich unendlich erleichtert, aber auch erschöpft.

Meinen Schüler, der bis auf weiteres nicht mehr mein Schüler ist, habe ich lange nicht gesehen. Umso mehr freute ich mich, als mich die Kollegin, deren Klasse er nun besucht, anrief. Inoffiziell. Denn mein Anteil an der Sache ist beendet, daher werde ich nicht weiter von den zuständigen Behörden über das Wohlergehen des Kindes informiert. Die Kollegin teilte mir mit, was für ein Gewinn er für ihre Lerngruppe sei. Sie schilderte, wie sehr der nette Junge ihr ans Herz gewachsen sei. Ihre Preisungen nahmen kein Ende. Sie flocht ein, wie hervorragend es dem Kind in der neuen Umgebung gehe, wie sehr es sich integriert habe und was für eine gute Lehrer-Schüler-Beziehung sich entwickelt habe.

In einem Nebensatz nach den früheren Lebensumständen und dem Verlauf der Kindeswohlgefährdung gefragt, muss ich Luft holen. Ich denke an E-Mails und Briefe voller Hass, die nur anfänglich an mich, später direkt an Schulleitung und Schulamt geschickt wurden. An den Stiefvater, der drohend am Schultor lauerte, an blaue Flecken auf dem Kinderkörper und Angst in vielen Ausprägungen; versuche die Gedanken abzuschütteln wie ein Hund den Regen.

Ich bestelle Grüße und gute Wünsche und meine dies ehrlich und von ganzem Herzen.

Und dennoch piesackt mich ein Gefühl, welches wohl am ehesten damit zu umschreiben wäre, dass ich säen, aber nicht ernten durfte. Wie gerne hätte ich auch lieber lauter positive Dinge zu berichten gehabt und eine normale Lehrer-Schüler-Beziehung geführt! Aber wie kleinlich ist das!? Wie unglaublich dumm, arrogant und selbstherrlich von mir, auf ein goldenes Sternchen zu hoffen angesichts einer solchen Lebenssituation? Muss alles belohnt werden? Muss ich jedesmal ein Fleißkärtchen erhalten? Tue ich solche Dinge vielleicht auch (ausschließlich gar?), um mich und mein Handeln selbst zu bestätigen?

Die Fragen tauchen völlig unvermittelt auf und treffen mich mit ihren giftigen Spitzen ins Mark. Je ehrlicher ich mit mir selber bin, umso weniger möchte ich heute ich selber sein. Hallo Februar, ist das Liebe? Wird das noch was mit uns?

Ich bin grantig zu meinen Kindern und fies zu Herrn Weh. Ich beschließe früh zu Bett zu gehen und finde mich selber… ätzend!