Kinderkacke, Teil 2

„Denise?“

Keine Antwort.

Ich klopfe leicht auf das angelehnte Toilettentürchen. „Denise, ich mache jetzt mal die Tür auf.“

Klein-Denise thront mit hochkonzentriertem Blick auf der Keramik. Das Pony hält sie fest im Arm; der Versuch, die beiden für den Moment zu trennen, schlug nicht nur in höchstem Maße fehl, sondern vielmehr in sofortiges lautes Gebrüll um. Leider lockte auch das die abwesende Mutter nicht an, deren Rolle ich gerade nicht ganz freiwillig übernehme. Zu allem Übel habe ich mich offensichtlich bei meiner Rechnerei auch noch um den Faktor der fremden Nasszelle vertan – es dauert, und zwar lange. Es vergeht Zeit, die ich nicht habe: In knapp 15 Minuten wartet der nächste Testtermin auf mich. Auch Klein-Lorenzo möchte dem Pfiffikus-Haus ganz dringend einen Besuch abstatten. Aber wenn ich eins in den vergangenen Jahren gelernt habe, dann die Tatsache, dass sich die kindliche Verdauung selten an Regeln hält. Et kütt, wie et kütt. Ich lasse daher die Tür wieder sanft zufallen, seufze einmal leise und tue das, was ich in solchen Situationen immer mache: Ich sage die Bürgschaft von Schiller auf.

Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich Damon, den Dolch im Gewande…

In einer bekannten Frauenzeitschrift habe ich gelesen, dass es der eigenen Psyche äußerst dienlich sei, Wartezeiten als Ausgleichszeiten anzusehen und zur Entspannung zu nutzen. Gutes Karma, innere Balance usw. Also ziehe ich so viel positive Energie aus diesem unsäglichen Augenblick, wie eben geht und genieße obendrein die gute Akustik der gekachelten Toilettenräume. Ich lasse meine Stimme orgeln und brausen und schaffe es sogar, das permanente Rauschen der defekten Klospülung in der Zelle hinter mir zu übertönen:

Und trostlos irrt er an Ufers Rand:
Wie weit er auch spähet und blicket
Und die Stimme, die rufende, schicket.

Langsam beginnt mir die Sache Spaß zu machen, da…:

„Was. Fällt. Ihnen. Eigentlich. Ein!“ Unvermittelt steht die abtrünnige Mutter vor mir und schnaubt. Ich möchte schwören, sie sei dem gekachelten Boden entwachsen, so plötzlich ist sie da. Prompt verhaspele ich mich im Gedicht (was ich nicht leiden kann) und deute völlig aus dem Konzept gebracht auf die Toilettentür: „Ihre Tochter musste auf die Toilette und wir konnten Sie nicht finden! Wo waren Sie denn?“ Zwar stecke ich ein ordentliches Maß an Missbilligung in meine Stimme, dennoch werde ich mühelos von der wogenden Wucht der Walküre übertroffen:

„Dat muss die immer um die Zeit. Ich hab‘ doch gesacht, was für eine Scheißidee hier mit der Schule und so! Manche von uns“, sie schaut mich wütend an, „müssen gerade arbeiten! Kacke aber auch!“

Bevor ich mich darüber freuen kann, in welch wunderbar entspannter Atmosphäre ich gerade mein Geld verdiene, geschehen mehrere Dinge in enger Abfolge. Aus der Kabine vor uns ertönt ein angestrengtes Knurren, dann ein Platschen, ein Quietschen als sich Klein-Denise vom Sitz schiebt, ein erneutes Platschen und ein ohrenbetäubender Schrei:

„POOOOOOOOOOOONYYYYYYYYYY!!!!!!!“

„Was ist das denn jetzt?“ Die Mutter von Denise blickt zwischen mir und der Toilettentür hin und her.

„Das“, und ich setze ein äußerst bedauerndes Gesicht auf, „ist dann wohl mal wirklich Kacke!“

Auf dem Weg zum Hausmeisterbüro, aus dem ich nun verschiedene Ausrüstungsgegenstände für die fluchende Mutter hole, merke ich, wie sehr mich dieser Moment des Innehaltes tatsächlich entspannt hat. Ich lächle in den Morgen und nehme meine Rezitation wieder auf:

Und horch! da sprudelt es silberhell,
Ganz nahe, wie rieselndes Rauschen,
Und stille hält er, zu lauschen

Schiller ist voll Wellness!

Kinderkacke, Teil 1

„Sag mal Bolimeeeedu!“

Die kleine Denise würdigt mich keines Blickes. Stattdessen beschäftigt sie sich viel lieber mit dem mitgebrachten Stoffpony, das sie über den vor ihr ausgebreiteten Spielplan hüpfen lässt. Es zeigt ein Haus mit mehreren Zimmern und in all diesen Zimmern warten lustige Aufgaben auf Denise, die leider den darin versteckten großen Spielspaß noch nicht entdecken konnte.

„Knegiiiba? Jakeeedu?“

Keine Reaktion.

Es ist ja nicht so, dass ich die Dreieinhalbjährige nicht verstehen würde. Blöd genug, dass es bis jetzt keinen Kindergartenplatz für sie gibt. Noch blöder, dass sie dadurch nicht an der ersten Stufe der Sprachstandserhebung hat teilnehmen können – die wird nämlich wenigstens in einer kleinen Gruppe und unter Anleitung einer Erzieherin durchgeführt. Am allerblödesten aber, dass sie nun in der Schule sitzen muss, morgens um 8.00 Uhr, einer Zeit, in der sie normalerweise im Schlafanzug Richtung Frühstückstisch schlappt, und sich von einer wildfremden Person (moi!) dämliche Fragen stellen lassen muss. Oder weiß hier jemand, wie die Mehrzahl von Dopf gebildet wird? Ihr wisst gar nicht, was ein Dopf ist? Tja, die kleine Denise auch nicht und vermutlich ist auch das einer der Gründe, warum sie mich bereits in die Kategorie „seltsame Erwachsene“ eingeordnet hat. Für ihre Mutter bin ich (und das gesamte Schulsystem mit mir) sowieso bereits völlig unten durch.

„Wissen Sie eigentlich, was Sie hier den Kindern antun!?“, schmettert sie mir entgegen, als ich sie auf dem Schulhof in Empfang nehme. Ihre orange-roten Nägel klickern auf der Oberseite ihres Smartphones den Bolero von Ravel. (Ich vermute es ist ein Zufall, freue mich aber dennoch darüber. Die kleinen Freuden des Alltags, ihr wisst schon…) Der Lidstrich ist tiefschwarz und bestenfalls unbarmherzig zu nennen, was auf den gesamten Auftritt der auf Krawall gebürsteten Mutter zutrifft. Da nützt es gar nichts, dass Chefin zur Testung der kleinen Kunden von morgen extra mich als Kennerin der Materie Altersstufe ins Rennen schickt. „Da müssen wir hier in die Schule! Wissen Sie eigentlich, wieviel Uhr es ist!? Das Kind schläft ja noch! Ich könnte kotzen, echt!“ Schön, wenn der Morgen direkt mit einer ordentlichen Aufgabe beginnt.

Ich zähle zunächst die Ausrufezeichen in ihrer Rede (mindestens 5), dann langsam im Kopf bis 3 und lächle die Mutter entwaffnend an: „Nicht wahr? Was die sich da wieder ausgedacht haben! Tststs. Aber wir machen uns das jetzt mal ganz nett“, öffne mit großer Geste die Tür zu einem Klassenraum, „und kommen erstmal in Ruhe an.“

„Ja, wie? Soll ich da jetzt etwa mit? Nicht Ihr Ernst!? Ich hab‘ auch noch was zu tun. Echt jetzt, ich warte vor der Tür!“ Sagt’s und lässt mich mit Klein-Denise, Stoffpony und offenem Mund stehen.

Einige Zeit und manch vergeblichen Animationsversuch später wendet Klein-Denise mir dann endlich ihr Gesicht zu und nuschelt etwas ins Ponyfell. Ich fasse augenblicklich die Hoffnung doch noch ein paar Punkte in den Diagnosebogen eintragen zu können und beuge mich ein wenig näher: „Was sagst du?“

„Muss Kacka!“

Na super.

„Komm, Spätzchen, dann gehen wir mal schnell zur Mama.“ Routiniert wuchte ich Denise vom viel zu großen Stuhl und eile mit ihr im Laufschritt zur Türe. Dahinter… keine Mama!

„Muss Kacka!!“

Ich bemerke, dass der Tonfall von Klein-Denise eine gewisse Dringlichkeit angenommen hat, vergleiche mit ähnlichen Situationen aus dem Hause Weh, füge eine Portion Unwohlsein ob der fremden Umgebung hinzu, multipliziere mit der Abwesenheit der Mutter und komme zum Schluss, dass uns nur noch wenige Momente von einer Katastrophe trennen. Also klemme ich mir Klein-Denise fluchend unter den Arm und eile im Stechschritt zur Lehrertoilette, drehe nach ein paar Metern wieder um (kein Kindersitz!) und laufe nun schon schneller Richtung Schülertoilette, den Blick nach allen Seiten wendend – wo zum… befindet sich die Mutter!? Wäre mein Leben ein Comic, dann schwebte jetzt gerade eine Gewitterwolke voller schlimmer Zeichen über meinem Kopf.

Fortsetzung folgt