Es bleibt spannend

Nun ist es amtlich, die Zweitklässler und ich gehen nach den Sommerferien getrennte Wege.

Die Gefühle sind durchwachsen. Seit ziemlich genau einem Jahr bin ich nun für die Seuchenvögelschar verantwortlich und stelle doch fest: so richtig meine sind sie nicht. Ein Jahr ist eine sehr kurze Zeitspanne. Klar, die Stimmung und Lernatmosphäre sind geprägt durch meinen Unterrichtsstil, wir lachen viel miteinander und die meisten Kinder sind aus dem Gröbsten raus. Verhaltenstechnisch wie leistungsmäßig. Aber es gibt noch so viele Baustellen, die ich gerne angegangen wäre, bevor sich die Klasse wieder erneut umstellen muss.

Die Argumente, die mir die Chefin im Vieraugengespräch nannte, sind schlüssig und von Schulleitungsseite aus allesamt durchdacht. Mir fehlt der pädagogische Blick aufs Ganze. Wie Herr Weh bereits des Öfteren glasklar beobachtet hat, ist die Chefin ein Organisations- und Managementtyp. Aber vielleicht ist das die Zukunft von Schule? Wo doch ein Großteil unserer Arbeit immer bürokratischer, formaler und papierlastender wird. Ein Leitungsteam, das das Gesamtschiff Schule steuert und Pädagogik irgendwo zwischen O und Qu im Regal ablegt. Ist das das System, in dem ich noch über 30 Jahre arbeiten kann? Will? Möchte? Muss?

Was ich mit Lennox mache, weiß ich noch nicht. Klar ist bereits, die Chemie zwischen ihm und der zukünftigen Klassenlehrerin stimmt nicht. Sie sähe ihn lieber das zweite Schuljahr wiederholen. Er kann sie nicht leiden. Da gehe ich gar nicht mehr in die Schule, Frau Weh! Das mach ich! Ich schwanke noch. Leistungsmäßig ist er ein satter Viererkandidat, in Deutsch hat er große Probleme. Nein, falsch wäre es nicht, ihn noch ein weiteres Jahr in der Schuleingangsphase zu belassen. Alldieweil ihm dieses Jahr nicht auf die Schulbesuchsdauer angerechnet würde. Und Lennox ist ein Schüler, bei dem dies eventuell einmal zu tragen kommen könnte.

Auch für mich ist noch nicht klar, an welcher Stelle ich nach den Sommerferien eingesetzt werde. Wie ich gestern erfahren durfte, bin ich die große Variable im Personalzirkus. Der Joker. Das Schnäppchen. Entweder viertes Schuljahr. Oder drittes. Oder gar keins und Fachstelle. Alles ist möglich, nichts wird entschieden. Ich kann das nicht leiden. Ich bin ein Planer, ein Vorbereiter. Ich möchte mich auf eine Klasse einstellen können und nicht drei Tage vor Schulbeginn einen Anruf bekommen, wo es hin geht. Bei mir sind spätestens Mitte der Ferien die Tische gestellt, die Materialien ordentlich aufgebaut und die Tafel beschriftet. Zu diesem Zeitpunkt habe ich bereits die Unterrichtsplanung bis zu den Herbstferien in der Tasche.

Allein, was nützt es?

Vielleicht ist das ja jetzt meine große Chance mich in universaler Gelassenheit zu üben? Ach, übrigens, wo wir gerade dabei sind, die Fische sind gewollt. Man kann sie sogar füttern 🙂

0 Kommentare zu „Es bleibt spannend

  1. Huhu Frau Weh,
    ich bin genauso die Planerin und kann dieses freie Schweben nicht leiden. Mir geht es derzeit auch so… Weiß noch nicht, was im kommenden Schuljahr sein wird, wenn ich es auch vermute!

    Aber die Spezies Lehrer kenne ich auch zu Genüge, die am Freitag oder gar Samstag vor Schuljahresbeginn in der Schule auflaufen, um ihren Stundenplan bzw. Den Lehrauftrag einzusehen…

    Liebe Grüße!

    1. Wie ich der lieben Kollegin Rot auch schrieb, es hängt sicher enorm von der Schulform und eben auch vom Fach ab, ob man sich das leisten kann oder nicht…
      Na gut, es hängt auch von der Einstellung ab 😉

  2. Arme Frau Weh!
    Was ich in Praktikas im Studium erlebt habe: Bürokratisch topfite reiche Schulen haben nagelneue schöne Räume und Materialien und keine herzliche Lehrer-Schüler-Bindung. Die Schulleiterin hat niemals einen Klassenraum als ihren eigenen betrachtet, sondern hockte viel im Büro um die sehr sehr gut ausgestattete Schule zu lenken. Es war alles ihr verdienst! Doch ihre Stunden wurden von der Konrektorin übernommen. Es gab keinen Einblick mehr ins aktuelle Lehrerinnenleben für sie. Naja, an meiner aktuellen Schule arbeitet der Schulleiter im Unterricht mit, kennt alle Schüler mit Namen und organisiert viele Unterstützungskräfte für die Kolleginnen und Kollegen. Die Schule ist teilweise chaotisch, provisorisch, porös: Aber sie lebt. Sie ist das Laboratorium für engagierte Ideen und die Schüler werden von einem Lehrerteam getragen, dass größtenteils zusammen hält. Also nein: Schule sollte in den nächsten 30 Jahren keine bürokratische Anstalt sein in der man drei Tage vor Schulbeginn in ein unbekanntes Feld geschubst wird. Pf…Frau Weh, dass Du es jetzt als Aufgabe dafür diehst Dich in universaler Gelassenheit zu üben ist lobenswert! Aber ich würde auch ein bisschen streng und angriffslustig dabei gucken. Während ich die Fische fütter, hoffe ich, dass Du Dir nichts gefallen lässt, was Dich unglücklich macht! Verliere nicht Deine Energie.

    1. Vielen Dank für den netten Kommentar. Nein, ich verliere nicht meine Energie. Manchmal werde ich allerdings ein wenig nachdenklich. So zwischendurch.

  3. Die Fische sind ja cool 😉 …hab sie ordentlich gefüttert …hatten mords Hunger 😉

    Wünsche viel oooommmms bis zur Entscheidung !

  4. Wie die Bilder gleichen…Vor zwei Jahren übernahm ich (mit viel Freude) nach dem Referendariat eine vierte Klasse. Viele Emotionen hatte ich damals: Freude, Angst, Frust und wieder Freude: ich bekomme bestimmt nach den Sommerferien eine Erste Klasse. Fehlanzeige! Ich dürfte mich für eine der zwei Klassen entscheiden: für die schlimmste oder die zweitschlimmste Klasse der Schule. Ich habe mich für die (klar doch) zweitschlimmste entschieden. Und wieder das Gleiche: Freude, Angst, Frust, Stolz, Hoffnung… Welche Klasse ich nächstes Schuljahr haben darf, weiß ich immer noch nicht. Planen würde ich auch gerne…
    Ach ja, und die Fische, bzw. ein Aquarium habe ich jetzt in der Klasse. Es wirkt beruhigend, aber wie lange diese Klasse mein Klassenraum bleibt, weiß ich auch nicht. Aber da wären wir ja schon wieder bei dem Thema…
    Calypso

    1. Stellt man wirklich wieder Aquarien auf? Alles kommt wieder…

      Klassenräume wechseln wir auch ständig. Ich hasse es. Herr Weh sagt, ich bin das selber schuld. Ich müsste schließlich nicht ständig streichen, Fliesen bekleben, Regale anschrauben…
      Andererseist dauert es nur noch ein paar Jahre, dann habe ich in allen Klassenräumen Duftmarken gesetzt 😉

  5. Liebe Frau Weh, liebe Karolin,

    was würden Sie dann nur an meiner Schule machen?
    Wir haben den Stundenplan und die Unterrichtsverteilung (!) für das neue Schuljahr genau einen Tag vor dem ersten Unterrichtstag des neuen Schuljahres bekommen.

    Und die Fische sind cool. Will ich auch haben.

    1. Ich denke, dass der große Unterschied darin besteht, dass wir an der Grundschule eine ganz andere Bindungsintensität mit unseren Klassen aufbauen. Da ist es dienlich und – wie ich finde – eben auch notwendig, dass man bereits im Vorfeld weiß, auf welche Lerngruppe man sich einstellen kann. Es macht einen immensen Unterschied in der Vorbereitung auf eine neue Klasse, ob man ein erstes Schuljahr erwartet oder ein viertes. Welchen Fachunterricht ich in welcher Klasse gebe, erfahre ich auch erst zum Ferienende. Das ist unproblematisch. Ob ich aber die Übungsbretter zum Schleifebinden oder die Aufklärungsboxen von Johnson&Johnson in den Klassenraum stelle, macht schon deutlich, welchen Stellenwert die Klassenraumvorbereitung in dieser Schulform noch innehat.

      Aber zur Anfangsfrage: Ich würde mich sofort aufs Schulorchester stürzen und coole Mucke machen wollen 🙂

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