Schöner Wohnen

Heute bleibt es kurz. Nachdem ich morgens erfolgreich gegen den Schmerz geatmet habe (nochmal danke für den Tipp!), dachte ich, ein bisschen malern könnte nicht schaden. So als Gegenbewegung, ich bin ja Rechtshänder. Dabei Rhapsody in Blue gehört und Barbers Adagio for Strings (und nur ein ganz kleines bisschen dabei vor Rührung geweint). Eben habe ich das letzte Stück Abklebeband entfernt und jetzt ist es schon dunkel draußen. Und weg ist der Tag. Da muss jetzt also jeder Verständnis fürs Nicht-Schreiben haben, ich hab ja nichts erlebt. Außer, dass ich drei phänomenale Farbtöne auf mehreren Wänden verteilt habe. Onionskin, Talas und Seagull. Letzteres sieht allerdings mehr nach Möwenkacke aus als nach Möwe. Muss ich morgen mal bei Licht gucken.

Als ich frisch im Lehramt war habe ich ungelogen in  j e d e n  Ferien gestrichen. Therapeutisches Streichen. Farbpsychologie und so. Lichtblau für mehr Ruhe und Ausgeglichenheit im Schlafzimmer, kräftiges Gelborange für Vitalität und Lebensfreude in der Küche, frisches Grün für Schaffenskraft und Tatendrang im Arbeitszimmer. In den folgenden Ferien dann mal andersrum. Insgesamt hatte ich damals eine wirklich aufregende Lebensphase.

Mittlerweile weiß ich: Alles Blödsinn.

Heute streiche ich Grau. Zwiebelgrau, kirgisisches Grau und Möwenkackengrau. Wer will schon Aufregung in den Ferien?!

 

Ferienschmerz

Da ist er. Der Ferienschmerz. Ich habe schon drauf gewartet. Ein guter Lehrer wird ja in den Ferien krank und natürlich bin ich ein guter Lehrer… also ich will das wenigstens sein. Und beim Krankwerden klappt das meistens schon ganz gut.

Nachdem ich letzte Woche ja bereits geschwächelt habe, hätte ich eigentlich auf eine Erkältung getippt. Stattdessen kann ich meinen Kopf nicht mehr nach links drehen. Wenn ich es versuche, entflammt sofort ein Schmerz übers Schulterblatt ins Hirn: Bewegung verboten! Nach rechts geht ein bisschen besser. Insgesamt bin ich aber deutlich in meinem Radius eingeschränkt. Hat sich das mit dem Sport auch erstmal erledigt. Heute Nacht bin ich bei jeder Drehung aufgewacht und habe leise gejammert. Nach ein paar Stunden auch ein bisschen lauter. Das Internet gibt keine allgemeine Antwort auf die Frage, wie oft man sich im Schlaf dreht. Das ist nämlich individuell verschieden. Ich weiß jetzt aber wie oft ich mich umdrehe. Exakt 37 Mal. Das ist wesentlich mehr als nötig wäre. Da sollte ich dran arbeiten. Das passiert mir oft, dass ich mehr mache als nötig. Lehrerangewohnheit. Mein Freund Marten sagt, dass man sich das mit ein bisschen Übung abtrainieren könnte. Mal sehen.

Zu Ferienbeginn hatte ich schon alles außer Langeweile und Schweißfüßen (dazu neige ich trotz familiärer Vorbelastung glücklicherweise nicht!). Klassiker sind natürlich grippale Geschichten, wahlweise in den Atem- oder den Verdauungswegen angesiedelt. Im Sommer 2004 war es besonders heftig, da habe ich mir das Kopfkissen vors Klo gelegt und bin drei Tage nicht aus dem Bad gekommen. Aber im Nachhinein vermute ich stark, dass das mehr mit dem aufgetauten Fisch als mit meiner damaligen Klasse zu tun hatte.

Insgesamt geht es mir aber noch gut. Die weltbeste Schulsekretärin bekommt immer Herpes, wenn sie sich ekelt. Und sie muss sich recht oft ekeln, die Arme. Vor drei Wochen kam ein Kind zu ihr ins Büro und noch ehe das kleine Kerlchen „mir ist nicht gut“ sagen konnte, verteilte es bereits den Mageninhalt auf Schreibtisch, Tastatur und weltbester Sekretärin. Unter Schütteln teilte sie mir dies später auf der Lehrertoilette mit, wo sie sich – notdürftig gereinigt – mit Blick in den Spiegel die ersten Herpespflaster prophylaktisch auf die Lippen klebte. Ich habe seit einem ähnlichen Erlebnis während einer Busfahrt am Ende eines Ausflugs immer eine Ladung Klamotten im Klassenschrank deponiert. Gleich neben den Wechselsachen für undichte Schüler.

Entspannung

Ja, ich realisiere es langsam. Heute hat es sich schon gar nicht mehr nur nach Sonntag angefühlt. Ich hatte sogar die Muße mir die Milch für den Kaffee aufzuschäumen. (In der Schulzeit schütte ich mir immer nur einen Schuss Milch direkt aus dem Kühlschrank in die Tasse und ärgere mich über das lauwarme Gebräu.) Morgen schüttel ich dann noch so ein nettes Bildchen aus dem Kakaostreuer auf den Milchschaum. So schmeckt Urlaub. Nur die Sonne fehlt. Wo bleibt die bloß? Hoffentlich wird das nicht wie vor ein paar Jahren. Sechs Wochen Regen und dann pünktlich zum Schulbeginn – zack! – 30 °C. Das war wirklich keine Freude.

Ich bin aber weit davon entfernt mich vom Wetter deprimieren zu lassen! Mein Arbeitszimmer liegt nämlich im Dachboden und das

Pling plingpling Pling PLONG ploing

hat durchaus etwas Meditatives. Da räumt es sich schön bei auf. Nicht, dass ich damit schon ernsthaft begonnen hätte. Eigentlich habe ich nur meine Schreibtischplatte abgeräumt und einen weiteren Stapel auf dem Boden gebildet. Dabei habe ich eine schon ziemlich betagte Rechnung zu Tage befördert. Nebst einer auch nicht mehr so frischen Mahnung. Der Schreibtisch sieht dafür jetzt wieder aus wie neu!

 

Guten Morgen

Tag 1

Also eigentlich ja noch nur Wochenende. So läuft der Tag auch erstmal an. Ich habe einigermaßen ausgeschlafen und dann einen Kuchen gebacken, dessen Konsistenz allerdings irgendwie gummiartig wirkt. Man kann ihn in der Mitte eindrücken und dann schnellt er mit – ich schwöre! – einem boooooiing zurück. Genauso fühle ich mich, gummiartig. Ein Teil von mir hängt noch in der Schule fest, ein anderer schmiedet Pläne für die nächsten Wochen und dazwischen ist – ja, genau – Spannung. Herr Weh kennt das schon. Ein falsches Wort und ich gehe ab wie eine Rakete. Er hält dezent Abstand. Es ist dieses noch nicht ganz weg und noch nicht ganz hier-Gefühl, das mich in diesen Zustand befördert.

Heute Nacht habe ich lauter wirres Zeug geträumt, Schuljahrsverarbeitungsphase. Das dauert jetzt noch ein paar Tage. Aber ich lese gerade einen fiesen Thriller über eine Neuropsychiaterin, die von einem Patienten aufgesucht wird, der sie von früher zu kennen scheint. Sie kann sich allerdings nicht an ihn erinnern und gerät sehr bald in… usw. usw. Insofern werde ich vermutlich schon bald nachts an andere Dinge denken. (Huh, da kann sich der Herr Weh schonmal drauf freuen, wenn ich mitten in der Nacht ein eiskaltes Händchen zu ihm schiebe, um zu fühlen, ob er noch atmet 🙂 )

Heute Abend geht es zu den ZweimeinerLieblinskollegen, die ihre Sommerferienbeginn-Party feiern. Bis dahin muss ich den Kuchen noch pimpen, so kann man den ja niemandem anbieten. Voll der Psychokuchen. Vielleicht sollte ich Glückskekse mitbringen, so einen ganzen Sack voll. Mit lauter fröhlichen Botschaften:

Du wirst endlich Zeit zum Lesen haben.

oder

Sechs Wochen Sport und gesunde Ernährung warten auf dich!

oder vielleicht auch

Keine fremden Kinder werden deinen Weg kreuzen.

Ok, das klingt jetzt nicht nett. Aber wenn ich die Wahl hätte, dann hätte ich gerne genau diese Glückskeksbotschaft. Zwei meiner Schülerinnen fahren nämlich zeitgleich an den selben Urlaubsort wie ich. Wieviel Pech kann man haben!?

Ich sollte definitiv die Glückskekse mitnehmen.

and we say goodbye-bye-bye-bye-bye

Das wars. Vorbei. Geschafft. Erledigt. So erledigt!

Aber es war schön. Gänsehäutigrührungstränigschön. Das Schulorchester hat gespielt wie noch nie. Da saßen jeder Ton und jede Pause. Glockenspiel und Djembe haben sich nicht gezankt und das Cajon hat den Rhythmus gehalten als wären die synkopischen Verirrungen der letzten Proben einzig meinem überarbeiteten Geist entsprungen. Kein Ton ging verloren, wohl aber eine Wäscheklammer, die – zur Befestigung der Noten auf dem Ständer gedacht – ins Lüftungsgitter neben dem Taufbecken rutschte. Möge sie in Frieden ruhen. Ich kann das jetzt auch wieder.

Kollegin ZudemFeld, deren Klasse ungünstigerweise über dem Musikraum liegt, war völlig überrascht vom Wohlklang. Hatte sie doch bisher immer nur deckengefilterte Fetzen von verirrten Basstönen vernommen. Selbst Chefin hat sich dreimal (!) bedankt! Nein, wirklich, es war sehr schön. Jetzt ist es tatsächlich geschafft, Abschiedsgottesdienst und Feriensingen. Die letzten Tränen von Kindern, Eltern und der ein oder anderen Kollegin sind getrocknet, die letzten liegengebliebenen Radiergummis und Kapuzenjacken eingesammelt. Die Klasse ist so aufgeräumt wie sie das nur am letzten und am ersten Schultag ist. Blümchen, Briefe und SchöneFerienFrauWeh!-Bilder sind verstaut. Es wurde umarmt, gelacht und verabschiedet. Und nun fällt sie ganz langsam ab, die Anspannung der letzten Tage und Wochen, die Anstrengung des immer wieder an die Grenze und darüber hinaus Gehens. Ich bin so gerne Lehrerin, aber ich bin so froh über die regelmäßigen Ferien. Ohne die könnte ich meine Arbeit nicht auf diesem Level und mit diesem Einsatz erledigen.

Macht es gut, ihr Viertklässler, es war anstrengend und schön mit euch!

Allen Kolleginnen und Kollegen aus NRW, die nun endlich in die ersehnten und verdienten Ferien starten, wünsche ich gute Erholung und – in ein paar Wochen… – wieder viel Lust auf den schönsten Job der Welt!

Frau Weh

 

Vorfreude

Morgen ist Freitag und dann noch ein besonderer. Ich treffe mich nach der Schule mit meinem guten Freund Marten. Marten ist ein richtig toller Grundschullehrer und wir kennen uns aus den Anfangstagen meines Musikstudiums. Von ihm habe ich den Tipp, brülllaute Pausenaufsichten durch den Einsatz von Ohrstöpseln erträglicher zu gestalten. Unbezahlbar!

Rückblick:

Ein hässlicher Flur, ein schäbiger Stuhl und darauf die noch sehr junge Frau Weh mit Herzklopfen. Ich wusste nicht, was mich erwartete und war nervös. Da ging die Tür auf und ein gut aussehender, braun gelockter junger Mann trat auf den Flur. Er sah mich interessiert an, fragte, ob ich die neue Schülerin von Frau König sei und auf mein erwartungsvolles Nicken schüttelte er bedauernd den Kopf und meinte „mein Beileid!“. Hmm.

45 Minuten später war mir alles klar.

Frau König – russischer Albdruck. Wöchentlich wiederkehrender Schmerz, Elend und Tränen.

„Guttten Tack“ und „Auff Wiederrrsehen!“ und „Übben Sie!“waren die einzigen Worte, die sie mit mir im ersten Semester wechselte. Die restliche Kommunikation erfolgte ausschließlich über das Heben und Senken ihrer dunklen unheilverkündenden Augenbrauen. An die Uni kam ich mit Gershwin und Prokofiev. Sie ließ mich Clementi und Bartoks Mikrokosmos spielen. (Für die Nichtmusiker unter uns: das ist wie wenn man Jets fliegt und dann einen Heliumballon am Schnürchen halten darf. Also nichts gegen Bartok. Aber…naja…)

Außerdem schlug sie mir mit dem Bleistift auf die Fingerknöchel. Meine Handhaltung war offensichtlich eine so große Katastrophe, dass sie zu besonderen Methoden greifen musste.

Dienstagsabends bekam ich regelmäßig Bauchschmerzen, die sich bis Mittwochsmittags um 14.00 Uhr extrem steigerten. Ich hatte furchtbare Angst vor ihr. Dabei war sie ungefähr nur 1,50m groß. Aber ich schwöre, sie sah viel größer aus!

So etwas schweißt zusammen. Seit dieser Zeit sind Marten und ich befreundet in guten wie in schlechten Zeiten. Wir treffen uns regelmäßig und erzählen wie schlimm es uns gerade geht. Das ist ok. Andere zeigen stolz Operationsnarben oder Schwangerschaftsstreifen. Bei uns geht es mehr um seelische Katscher.

Manchmal tauschen wir auch gelungene Unterrichtsvorschläge aus. Und morgen ist es wieder soweit. Klasse Sache!

Diese Vorfreude stimmt mich heute milde, wenn Cengiz  im Musikunterricht neben dem Klavier sitzt und wieder hingebungsvoll die ganze Zeit Popel rollt und verspeist. (Seine Füße haben auch irgendwie komisch gerochen.) Der Gedanke an morgen trägt mich durch die Dienstbesprechung und eine weitere E-Mail von Supermom („Bitte um Bekanntgabe der Punkteverteilung im letzten Sachunterrichtstest. Mia-Sophie scheint mir eine bessere Benotung verdient zu haben!“).

Es ist wichtig, Freunde zu haben! Gerade als Lehrer. Lehrer haben irgendwann sowieso nur noch Lehrer als Freunde. Oder gar keine mehr. Dann muss man ständig alleine ins Museum gehen oder Bildungsreisen mitmachen und alles besser wissen als die arme Dame mit dem Schirm.

Warum nicht also schon die besten im Studium heraussuchen, ehe man sich dann den übriggebliebenen Rest aus dem Kollegium zusammenkratzen muss? Mit Marten jedenfalls habe ich da alles richtig gemacht. Und was ich ja noch gar nicht erwähnt habe: Er ist auch noch kultiviert! Und gebildet! Und kann kochen! Hammer!

Frau König wechselte übrigens ein Semester vor meinem Abschluss auf eine andere Uni und Ivan aus Ungarn wurde mein Lehrer. Von da an wurde mein Leben entspannter. Ich spielte wieder Gershwin und Ivan rauchte derweil verträumt eine Zigarette am offenen Fenster. Die Prüfung war dann übrigens ein Klacks.