Haarige Zeiten

Auf der Telefonnotiz, die ich nach dem Unterricht in meinem Fach finde, und auf der Samiras Mutter um Rückruf bittet, steht dringend mit drei Ausrufezeichen. Seufzend nehme ich mir das Telefon, eigentlich wollte ich vor der Heimkehr der Wehwehchen noch schnell ein paar Einkäufe erledigen. Es sollte Salat geben. Das schaffe ich jetzt schon gar nicht mehr. Aber vielleicht ist die Sache ja auch schnell geklärt.

Samiras Mutter hebt nach dem ersten Klingeln ab, offensichtlich besteht hier wirklich unaufschiebbarer Gesprächsbedarf. In verzweifeltem Tonfall erklärt sie mir, dass sich auf dem Kopf ihrer Tochter Ungeziefer eingenistet habe und sie gar nicht wisse, was sie jetzt tun wolle. „Zuerst einmal gehen Sie in die Apotheke.“ Routiniert spule ich das schon so häufig getätigte Läuse-Infoprogramm ab, bestehend aus 50% Handlungsanweisungen („Ja, sie wiederholen die Behandlung unbedingt nach 9 Tagen!“) und 50% Beruhigungen („Sie schaffen das schon! Läuse sind ärgerlich, aber gut behandelbar.“). Ich will das Telefonat schon beenden, als ich merke, dass der Mutter am anderen Ende der Leitung noch etwas auf der Seele liegt. „Gibt es noch eine Sache, über die Sie mit mir reden möchten?“, frage ich also und hoffe insgeheim, dass sie verneinen möge. Vielleicht schaffe ich das mit dem Salat dann doch noch.

„Also da gibt es noch ein Problem.“

Pause.

„Jaha?“, hake ich nach. Ich kann nicht verhindern, dass meine Finger aufs Telefonregal trommeln.

„Ich habe auch Läuse.“

„Na dann benutzen Sie das Mittel aus der Apotheke einfach mit!“ (Salat, ich komme!)

„Ähm…“

Pause.

„Jahaaa?“ (Trommeltrommeltrommel.)

„Ich hab doch Ixtänschens! 150 Stück! Da krieg ich doch die Eier, diese Dingens, diese Nissen nicht raus.“

„Oh… ja dann… machen Sie vielleicht einen Termin beim Friseur Ihres Vertrauens aus?“ Ich bin etwas überfragt. Das bisherige Läuse-Infoprogramm sah für Sonderfälle dieser Art keine Handlungsanweisungen vor.

„Nee, jaa. Ich dachte, ich frag erstmal Sie.“

Was? Wie? Für einen kurzen Moment sehe ich mich mit einem Stielkamm in Frau Niesweins toupierter Haarfülle herumstochern, verdränge das Bild aber schnell wieder.

„Also“, lache ich nervös auf, „das lassen Sie wohl besser Ihren Friseur machen.“

„Aber ich muss Sie doch erst fragen, ob die Samira dann morgen wohl mal mit in die Betreuung gehen kann. Denn bis die Haare raus und wieder rein sind, das dauert doch fünf Stunden.“

Was ist dir denn über die Leber gelaufen?*

„Ich habe Sie vermisst!“, ruft Giuliano und wirft sich in meine Arme. Staunend bemerke ich, dass der Viertklässler in den Sommerferien mindestens 5 cm gewachsen ist und seine braunen Löckchen lustig vor meiner Nase auf- und abwippen. Auch ein paar Pünktchen wippen mit. Ich schaue noch einmal genauer hin und erstarre: Die Pünktchen haben Beine und Arme (und Hörnchen und Beißwerkzeuge, Kettensägen und weiß der Himmel, was sonst noch!). Sofort halte ich Giuliano auf Armeslänge von mir weg, ein Kribbeln läuft durch meinen Körper. Scheiße, Läuse!

„Giuliano? Juckt es dich auf dem Kopf?“

„Boah, total!“, lautet die ehrliche Antwort, untermalt von einem beseelten Kratzen auf der Kopfhaut. „Mein Bruder hatte in den Ferien Läuse. Da habe ich die ganze Zeit gedacht, ich krieg die auch.“

„Nun, jetzt sind sie da“, teile ich ihm mit und unterdrücke den furchtbar starken Impuls, mir ebenfalls das Haar zu raufen. In den vergangenen Jahren wurde unsere Schule immer wieder von ganzen Heerscharen kleiner Krabbler heimgesucht; Jacken wurden in Säcke gestopft, Haare stramm zusammengebunden und tonnenweise mit Haarspray verklebt. Der Geruch von Teebaumöl haftet bis heute dem Holz mancher Schülertische an, auf die in stummer Verzweiflung das ein oder andere Kinderköpfchen abgelegt wurde. Auf Beratungen folgten Belehrungen, sogar das Gesundheitsamt wurde kontaktiert. Und das alles, weil manche Eltern die notwendige Wiederholung der Behandlung nach 8-10 Tagen schwänzten. Waren doch schließlich schon alle tot, die Tierchen, wollja?

Wenig später steht eine sichtlich unerfreute Mutter vor mir, die meinen Hinweis, unbedingt auch die zweite Anwendung des Läusemittels durchzuführen mit einem verächtlichen Schnauben kommentiert: „Lehrer müsste man sein! Erst sechs Wochen Ferien haben und dann direkt die Kinder wieder nach Hause schicken!“

„Was ist dir denn über die Leber gelaufen?“, fragt mich kurz darauf Kollegin Müller, als ich mit säuerlicher Miene zurück in meinen Klassenraum gehe.

„Meine Klasse parasitiert schon wieder“, grummle ich als Antwort. Sekunden später kratze ich mich hingebungsvoll hinter den Ohren.

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* Pediculus humanus capitis!