Das Telefonat

Ein wenig schneller klopft mir das Herz schon, als ich die Nummer der neuen Schule wähle. Ich habe Glück, der Rektor ist da und hebt nach dem zweiten Klingeln ab. Ich nenne meinen Namen und werde schon von ihm unterbrochen:

„Frau Weh! Endlich! Toll, dass Sie anrufen! Wir warten schon alle ganz neugierig auf Ihren Anruf und freuen uns auf Sie!“

Eine ordentliche Portion guter Laune schwappt mir aus dem Hörer entgegen und wischt die anfängliche Nervosität einfach beiseite. Ich bin überrascht über die so nette Begrüßung und erzähle, wie sehr auch ich mich freue und dass die Zuweisung an gerade diese Schule für mich der Jackpot sei, weil ich dadurch eine ganze Menge an Fahrzeit einspare.

„Ja, Frau Weh. Sie haben den Jackpot und nicht nur wegen der Fahrerei, das kann ich Ihnen ehrlich sagen“, antwortet er mir. „Wir sind eine tolle Schule!“, und es klingt kein bisschen überheblich, sondern warm und herzlich. Das Lächeln macht sich ganz automatisch in meinem Gesicht breit, als ich mir eine kurze Schilderung des Schulprogramms anhöre. „Wie klingt das für Sie?“, will er wissen und ich muss nicht lügen, als ich antworte, dass ich mir Grundschule genau so vorstelle.

Wir tauschen noch ein paar Infos aus und verabreden uns für eine der nächsten Konferenzen. Ich lege das Telefon ab und bleibe noch einen Moment still am Schreibtisch sitzen, bevor die Freude mein Herz flutet. Ich nehme mir dringend vor, dem Schulrat nächste Woche bei der Revision für die Schulzuweisung zu danken und atme einmal tief durch.

Neubeginn!

Gedanken

Ich bin immer wieder verblüfft, wie schnell die Wochen vorbeiziehen. Obwohl oder gerade weil so vieles passiert. In den letzten Tagen aber immerhin nichts von größerem Drama. Die Wehwehchen erholen sich vom Kranksein und ich stelle Möbel um. Das hat bisher noch immer geholfen!

Für mich hat Möbelrücken ähnlich wie Kuchenbacken etwas durchaus Beruhigendes. Früher hätte ich dann bei der Gelegenheit direkt noch die ein oder andere Wand gestrichen, heute lasse ich das sein (vielleicht, weil Möwenkackegrau einfach DIE perfekte Farbe ist?) und bitte stattdessen Herrn Weh, mir beim schweren Küchenschrank zu helfen. Überhaupt, dieses um Hilfe Bitten… ein weiterer Schritt im Februarplan und hopps bin ich wieder auf Kurs. In den vergangenen Tagen habe ich mich im Absagen und Annehmen geübt. Könnt ihr das gut?

Ich drücke mich gerne um solche Dinge und hoffe, dass sie sich von alleine erledigen, was sie naturgemäß nicht tun. Aber da dieses Jahr ja alles einiges anders wird, habe ich mich aufgerafft und drei Abos gekündigt, außerdem einen neuen Ballettkurs ausfindig gemacht und für besser befunden. Nun werde ich der wirklich ganz reizenden Tanzlehrerin mitteilen, dass ich den Kurs wechseln werde, was mir schon Tage vorher ein kolossal schlechtes Gewissen beschert. Aber wie Herr Weh richtig sagt, kann ich nicht aus Mitleid als einziges Mitgleid einen ganzen Kurs finanzieren und so übungsintensiv eine Einzelstunde auch sein mag, ich wollte doch auch ein bisschen Spaß haben! Dass man in der Gruppe deutlich mehr davon hat, als einsam, alleine (und zunehmend irre) seine Kreise zu ziehen, weiß doch jeder, der mal Schwanensee oder wenigstens Natalie Portman im Black Swan gesehen hat.

Für meine Viertklässler läuft die Anmeldephase der weiterführenden Schulen. Es ist interessant zu sehen, wie viele Eltern sich tatsächlich an die Empfehlung halten (was sie in NRW nicht müssen) und welche Schüler deutlich im Arbeitsverhalten nachlassen, haben sie erstmal den Platz am Gymnasium sicher. Eine kleine Verschnaufpause gönne ich ihnen, zumal Karneval vor der Tür steht, danach lassen wir es ordentlich mit Grammatik krachen. Parallel dazu beginnen wir mit den Vorbereitungen für unsere Abschlussfeier. Eine Stunde buntes Bühnenprogramm steht an mit Pantomime, Zaubertricks, Liedern, einem „Das weiß doch jedes Kind!“-Quiz gegen die Eltern und etlichem mehr. Gute Ideen nehme ich gerne entgegen!

Es ist ein seltsames Gefühl den Abschied vorzubereiten; nicht nur den der Kinder, auch für mich steht vermutlich nach den Sommerferien der Wechsel an. Genaueres erfahre ich erst kurz vor Schuljahresende. Bis jetzt weiß ich noch nicht einmal, ob der Antrag überhaupt angenommen wurde. Natürlich gibt es die ein oder andere Wunschschule auf meiner Liste, aber ich versuche, mich davon zu lösen und jeden Wechsel als willkommen anzusehen. Letztendlich ist es ja so: Ein ganzes Stück weit hat man es selbst in der Hand, wie es wird. Und zumindest die harten Fakten sprechen für mich – jede Grundschule freut sich über Fachmusiker! Trotzdem bange ich natürlich zwischendurch auch. Wird es ländlich-beschaulich werden oder eher eine Brennpunktschule? Habe ich es mit Helikopter-Eltern oder mehr mit dem Jugendamt zu tun? Wird es einen Musikraum geben? Ein Klavier? Wenigstens ein Keyboard? Werde ich eine Klasse bekommen oder als Fachkraft verheizt? Wie wird die Schulleitung sein, wie das Kollegium? Einmal mit Grübeln angefangen, ist es schwer, sich wieder davon zu lösen. Aber glücklicherweise bietet der Schulalltag ja nicht zu viel Leerlauf, also stürze ich mich in die Planungen für meine Klasse, genieße das ruhige Arbeiten mit den Viertklässlern und denke bei jedem Zusammenstoß mit Frau Schmitz-H., dass unsere gemeinsamen Tage gezählt sind. Ja, das lässt mich lockerer werden.

 

 

 

Gespräch, Teil 1

„Oh, Frau Weh, es tut mir so leid, ich habe Mist gebaut!“

Die weltbeste Sekretärin steht zerknirscht vor mir und schüttelt den Kopf. Sie hatte eine Auseinandersetzung mit der Chefin, was selten vorkommt, weil sie nicht von ungefähr die weltbeste Sekretärin ist. Aber manchmal reißt auch dem geduldigsten Herzstück der Schule der Geduldsfaden.

„Nachdem die Chefin Frau Schmitz-Hahnenkamp wieder über den grünen Klee gelobt hat, weil sie so schön im Lehrerzimmer den Tisch gewischt hat, hat sie mich tatsächlich gefragt, ob ich eine Ahnung hätte, warum die Kolleginnen derzeit mal wieder das Messer auf die werte Kollegin geschliffen haben. Da habe ich sie mal gefragt, ob sie nicht langsam Gefahr läuft, auf der gezielt ausgelegten Schleimspur auszurutschen.“

Ich staune die weltbeste Sekretärin mit offenem Mund an. Was für Töne!

„Ist doch wahr! Immer diese scheinheiligen Nettigkeiten, aber grundsätzlich mit Vorbehalt. Denn weißt du“, und nun regt sie sich so auf, dass sie ihren komfortablen Bürostuhl (auf dessen Besitz ich immer ein wenig neidisch bin) verlässt und im Büro auf- und abgeht, „im gleichen Atemzug, mit dem sie geflötet hat, wie gerne sie sich doch um das Lehrerzimmer kümmert, hat sie einfließen lassen, dass sich ja eigentlich Frau Mandel darum kümmern wollte. Immer dieses Hintenrum! Ehrlich, das geht gar nicht!“

Ich denke an all die missglückten Gespräche, die ich mit Frau Schmitz-Hahnenkamp geführt und nach denen ich mich mies gefühlt habe. An die vielen Male, die sie mir scheinbar einen Gefallen getan hatte, nur um dann hintenrum der Chefin mitzuteilen, wie überlastet ich sei. Halbe Infos, die sie zu unpassendem Zeitpunkt an die Eltern ausgegeben hat, um sich selbst in ein besseres Licht zu setzen. Gemeinsame Absprachen, die nicht eingehalten oder Klassenarbeiten, die plötzlich nach anderen Maßstäben korrigiert wurden. Hmm. Es stimmt, bei allem, was sie tut und sei es noch so freundlich gemeint, bleibt ein Geschmäckle.

„Und dann habe ich dich mit ins Gespräch gebracht. Ehrlich, es tut mir so leid!“

Noch immer weiß ich nicht, warum die weltbeste Sekretärin so geknickt ist und schaue sie abwartend an.

„Ich habe die Chefin gefragt, ob sie sich eigentlich mal überlegt hat, warum du wohl gerade jetzt die Schule wechseln willst.“

Upps. Ich schnappe nach Luft. „Das ist natürlich unschön.“ Ich nehme mir ein Stück Schokolade, die vermutlich nicht fit macht, aber hoffentlich ein wenig das flaue Gefühl vertreiben wird, das sich in meiner Magengrube ausbreitet.

„Ich weiß…“ Meine Gesprächspartnerin lässt sich geknickt auf den Stuhl fallen und seufzt. „Ich wollte dich nur informieren, damit du nicht aus allen Wolken fällst, falls die Chefin etwas sagt.“

„Ok.“ Ich nicke ihr zu. „Danke.“

Ich habe den Schultag fast geschafft, als ich der Chefin auf dem Flur begegne. „Kommst du bitte mal herein?“, fragt sie und hält mir die Tür auf. Ich nicke und atme noch einmal tief durch.