Apfelzeit

Zum Geburtstag bekomme ich in der Regel von meiner Klasse einen Blumenstrauß. Zu Weihnachten gibt es ein Geschenk. Natürlich ein kleines oder eines, das dem Einsatz in der Schule dient. Alles andere verbietet sich ja (fast) von selbst. So weit, so gut. Dass nun die Zweitklässler vor mir stehen – mitten im Jahr und ohne erkennbaren Anlass – und zwischen sich einen Korb Äpfel balancieren, trifft mich unerwartet.

„In Amerika“, liest Luisa von einem Zettel ab, „schenken die Schüler ihrem Lehrer einen Apfel als Zeichen der Anerkennung und als Dank für die Arbeit.“ Sie schaut von ihrem Zettel auf. „Du hast ja auch manchmal Arbeit mit uns, sagt mein Papa.“ Sie überlegt. „Aber du sagst ja eigentlich immer, dass du nur Freude mit uns hast.“ Ihre Nase kräuselt sich nachdenklich. „Egal. Trotzdem haben wir alle einen Apfel mitgebracht für dich, damit du ganz gesund bleibst und froh. Hier!“ Die Zweitklässler stellen den Korb vor mir auf den Boden.

Ich schlucke ein bisschen. Und atme. Und so.

Weinst du jetzt etwa!?“, fragt Can und schüttelt fassungslos den Kopf. (Erwachsene!)

„Quatsch!“, raunze ich ihn an, „Das ist flüssige Freude.“

Viel Rauch

Ein wenig scheine ich mich verloren zu haben in den Turbulenzen der letzten Wochen.

Ständige Besuche im Klassenraum, inhaltlich wieder und wieder gleiche Gespräche mit verschiedensten Stellen, seitenweise diagnostische Beobachtungen, Fallanalysen und Beurteilungen. Das Ergebnis? Unbefriedigend. Das AO-SF für Ramon ist abgelehnt worden, die Schulbegleitung ebenso und die Begründungen fühlen sich an wie eine ins Gesicht geworfene Torte: zuckersüß, aber eben doch eine Klatsche. Die Förderschulkolleginnen, die Ramon getestet und dem Unterricht mehrere Tage beigewohnt haben, waren sich einig: Es läuft super! Ramon hat eine funktionierende emotionale Bindung zu mir aufgebaut, er respektiert mich und passt sein Verhalten zunehmend positiv der Klasse und den dort herrschenden Regeln an. Er hat die Chance, die ihm der Wechsel in diese Gruppe geboten hat, nicht nur erkannt, sondern in der ihm eigenen Weise am Genick gepackt und zur Blutsbrüderschaft gezwungen.

„Ja, Frau Weh, die 30 anderen Kinder drumherum, das ist heftig. Sie haben unser aufrichtiges Bedauern und unseren Respekt. Aber für Ramon, der die Fähigkeit und Einsicht zeigt, sein Verhalten zu ändern, ist es hier tausendmal besser als an einem Förderort für sozial-emotionales Verhalten. Da wären es nicht die guten Dinge, die er sich abschauen würde.“

Auch der Schulpsychologe findet professionell positive Worte. Er lobt das strikte Classroommanagement, die Arbeitsatmosphäre und das Sozialverhalten der Zweitklässler. Die Jugendamtsmitarbeiterin stimmt ihm zu. Ramon ist erfolgreich in die Gruppe integriert, da könne § 35a SGB VIII leider nicht greifen. Die Pausenprobleme? Ja, nun, vielleicht könnte man die Aufsicht aufstocken? Das störende Verhalten in der Klasse? Naja, da waren ja auch noch ein paar andere Kinder auffällig! Die Schülerzahl scheine ihr etwas hoch, aber, gut, so sei es nunmal. Sicherlich könne eine Schulbegleitung die Lehrerin entlasten, aber dafür sei sie nicht gedacht. Tut uns leid, Frau Weh.

Mitten in diesem Gemenge dann der Vorfall mit der Kollegin und der Schulleitung. Zu viel. (Ich wollte schon viel früher danke sagen für die aufbauenden und verstehenden Kommentare, allein ich konnte nicht. Ich musste mich einkugeln und Wunden lecken. Aber jetzt geht es wieder. Also: Danke für das Verständnis, für die Aufmunterung und danke für Farin Urlaub! Was habe ich für ein Glück mit diesem Blog und mit euch als Leserinnen und Lesern!) Ich mache einen Haken hinter die letzten Wochen und besinne mich auf das, was offenkundig ganz gut läuft: der Unterricht mit den Zweitklässlern. Natürlich bleibt ein schales Gefühl zurück. Alle beteiligten Stellen haben erkannt, dass Ramon Hilfe braucht, aber niemand fühlt sich zuständig, weil es für ihn in dieser Klasse funktioniert. Das bleibt bitter, auch wenn es in schöne Worte gekleidet ist.

Jetzt sind es noch zwei Wochen bis zu den Herbstferien. Die werde ich den Zweitklässlern und auch mir so ruhig machen wie eben möglich. In den Fokus nehme ich die Pausensituation. Auch hier muss eine Entspannung machbar sein, ohne zwangsläufig mehr Lehrerinnen in der Aufsicht zu haben. Vielleicht greift ein Verstärkersystem? Die Sache mit der Kaffeetasse läuft nach wie vor gut, aber ich kann beim besten Willen nicht noch mehr Kaffee trinken. Da krieg ich’s ja am Magen …

zu viel

Ich möchte mich verkriechen, mir einen Tunnel graben und mich einkugeln.

Dass dieser Moment der Erschöpfung eintreten würde, war abzusehen. Zu viele Belastungen folgten in den letzten Schulwochen aufeinander. Das Gefühl gegen bürokratische und menschliche Mauern zu rennen, der stärker werdende Eindruck des Alleinseins, die daraus resultierende Wut und das Aufbegehren – irgendwo musste es hingesteckt werden. Nur bietet der Alltag wenig Möglichkeiten des Ausbruchs, also packte ich es nach innen, wohlwissend, dass es dort weiterrumort und von tief drinnen an die Oberfläche strebt. Dort, wo die Dünnhäutigkeit sitzt. Seit ich in diesem Beruf arbeite, werkele ich an einer Verschalung der eigenen Verletzlichkeit. Versuche dort, wo es am sprichwörtlichen dicken Fell fehlt, durch Professionalität und Kompetenz einen Dämmung aufzubauen, die Angriffe und Vorwürfe abperlen lässt wie der Lotus die Regentropfen. Allein es will nicht immer so gelingen.

Und dann ist es tatsächlich nur der eine Tropfen, der zu viel ist. Die eine Kollegin, die ein harmloses, klärendes Gespräch mit mir scheut und lieber den Weg über den Chef geht, der – selber hochbelastet – Hintergründe nicht erfragt, sondern explodiert und klein macht, was eigentlich des Aufbaus bedarf. Und ich stehe fassungslos und höre das eigene Blut in den Ohren rauschen. Atme tief ein, um die überbordende eruptive Gewalt des Angestauten nicht Überhand gewinnen zu lassen und mich nicht wegfließen zu lassen von den Tränen der Wut, der Enttäuschung und Erschöpfung, die heraus wollen. Ich veratme sie wie den Schmerz, der sie eigentlich sind. Das Verlassen der Situation und der Hinweis auf ein späteres Gespräch sind die einzige angemessene Handlung, zu der ich mich befähigt sehe.

Dann, nach etwas Ruhe, überrollt mich der Ärger. Auch der über mich selbst. So unfassbar und falsch finde ich es, dass neben all den guten Dingen, die – natürlich! – auch an einem solchen Tag geschehen, es die eine Sache ist, die sich tief drinnen festbohrt. Wie ein Parasit, der sich durch einen winzigen Spalt hineinzwängt, sich einnistet und geschützt in seiner ganzen Erbärmlichkeit alles mit Bosheit ausfüllen will. Warum kann sich das Gehirn zur Gänze einer solchen Nichtigkeit widmen? Unfähig, andere Gefühle zuzulassen? Wieso schafft es ein unbedachter Ausbruch zur falschen Zeit, mich emotional derart zu treffen? Anders gefragt: Warum leisten die vielen guten Momente des Tages dies nicht?

Ich erinnere mich an die vor ein paar Tagen gelesenen Zeilen der Schriftstellerin Ildikó von Kürthy, die genau diese Verletzlichkeit beschreibt als das Gefühl einen zu niedrigen Schutzfaktor gegen Kränkungen aufgetragen zu haben. Als Taktik dagegen nennt sie das Aufrechterhalten der eigenen Werte. Und die Freundlichkeit. Ich stehe vor dem Spiegel der Lehrertoilette und versuche das harte Gesicht, das mich ansieht, anzulächeln. Der Versuch scheitert kläglich. Mir ist zum Heulen. „Lach endlich!“, herrsche ich mich stumm an. „So bist du überhaupt nicht und so willst du auch nicht sein. Also lach!“ Es gelingt nicht. Also lasse ich kaltes Wasser über meine Handgelenke laufen und atme tief durch. Morgen arbeite ich wieder an meiner Freundlichkeit. Heute akzeptiere ich einfach, dass mir nicht nach Lachen zumute ist.