Sommerlochgedanken

Ich übe mich in Ferien und nehme mit Erstaunen wahr, dass die erste Woche schon vorbeigeweht ist wie das laue Lüftchen, das Abkühlung verspricht, und doch nur minimale Erleichterung bringt. Dabei ist meine Planung gut, die ersten drei Wochen verbringe ich mit Nach- und Vorbereitung und dann lege ich – zack – den Schalter um und mache mich ganz frei von schulischen Belangen. (Ahahahahahahahahaha! Ha! HA!!!) Noch spielen auch alle mit. Herr Weh geht arbeiten und die Wehwehchen verbringen ihre Zeit in Kindergarten und Zeltlager. Auch die Schulleitung ist an effektiven Arbeitstreffen interessiert und versorgt die in ihrer unterrichtsfreien Zeit (so übrigens die offizielle Bezeichnung für unsere vielen, vielen Ferienwochen) anwesenden Kolleginnen wahlweise mit Kuchen, Brötchen und lobenden Worten, während Stundenplanentwürfe entworfen und Vertretungskonzepte konzipiert werden.

Jetzt ist es wirklich rum, das erste Jahr an der (gar nicht mehr) neuen Schule. Schnell ging es! Ich habe viel gearbeitet und mich an der Quadratur des Kreises versucht, immer wieder den Blick offen und die Lernbedürfnisse aller im Blick zu halten. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit bei so vielen Kindern. Dabei noch aufmerksam zu bleiben für die Dinge, die ihre Ursache außerhalb des Klassenzimmers haben, und zudem noch aus 31 Individuen eine Gruppe zu formen. Wellness!

„Ach, Sie haben es gut, Sie haben jetzt Ferien!“, seufzt mir eine Mutter am letzten Schultag entgegen. Ich lache laut und nicke. Recht hat sie, ich habe es wirklich gut. Ich habe eine feste, unbefristete Arbeit. Zwar keine mit andauernder Erfolgsgarantie, aber eine mit ständigen Chancen und voller Möglichkeiten. Eine, die mir zwar in regelmäßigen Abständen Ärger und gelegentlich auch Herzrasen und unschöne rote Flecken im Dekolleté beschert, aber auch ein schier unerschöpfliches Reservoir an Wohlwollen und Erfolgserlebnissen. Ich fühle mich als Gärtner und manches, was ich anlege, wird, wenn es aufgeht, noch Bestand haben lange nach meiner Zeit. Hey, wie schön ist das denn!?

„Ich vermisse dich vielleicht bestimmt!“, murmelt Ramon, als das letzte Lied gesungen und der letzte Schnipsel vom Boden geräumt ist. Ich tue das, was ich so häufig mache, ich öffne die Arme und er stiehlt sich hinein in eine Umarmung, die frei ist von all den Störungen, Ärgernissen und Enttäuschungen der letzten Wochen. Frei von Versagensängsten und Überforderung, die mir zuverlässige Begleiter sind. Wenn ich mich und mein Lehrersein betrachte, dann ist es diese Fähigkeit, auf die ich vertraue, und die mich neben allen Schwächen, die ich habe, und Fehlern, die ich begehe, befähigt eine gute Lehrerpersönlichkeit zu sein: Ich kann Kinder annehmen. Egal, was sie mitbringen. Irgendwo findet sich schon ein Plätzchen für sie.

(Und gelegentlich auch ein Keks.)

„Geht’s vielleicht auch eine Nummer bescheidener?“, zieht Marten mich auf, als ich von dieser Erkenntnis berichte.

„Nein“, antworte ich entschieden, „das ist meine persönliche Kernkompetenz, da stehe ich zu! Es ist wichtig, dass auch und gerade Lehrer ein positives Selbstbewusstsein ausstrahlen.“ Ich nippe an meinem Glas und grinse. „Und was kannst du überhaupt?“

Marten, der sich geduldig meine schulischen Schilderungen angehört hat und die nächsten Wochen durchs Périgord wandern wird, setzt eine gewichtige Miene auf und antwortet mit salbungsvoller Stimme:

Ich kann Ferien!“

Touché.

Viel Lärm um nichts

„Frau Weh, da liegt ein Embryo auf der Treppe!“

Süffisant ginsend steckt Benedikt aus der Vierten seinen Kopf in meine Klasse.

„Ist nicht meiner. Heb‘ ihn auf und nimm ihn mit!“, antworte ich ohne mit der Wimper zu zucken. Die Hebamme ist zu Besuch im vierten Schuljahr und lädt gerade ihr Auto aus. Außerdem habe ich genug mit den zerknirschten Übeltätern zu tun, die vor mir stehen. Traf mich doch fast der Schlag, als ich am Morgen einen Blick auf die Tafel warf und dort acht Namen vorfand. Alles Erstklässler, die sich gestern in Englisch offenbar deutlich daneben benommen und infolgedessen bei mir eine Unterschrift abzuholen haben.

„Was denkt ihr euch denn eigentlich dabei?“, will ich wissen und frage nach dem Grund der Sanktion.

„Also ich hab eigentlich gar nichts gemacht!“, empört sich Nick. „Ich hab nur dem Ole den Kopf gestreichelt.“

„Ja und ich wollte das nicht!“, unterbricht ihn Ole augenblicklich.

„Und dann?“, hake ich nach.

„Dann ist der Nick vom Stuhl gefallen.“

„Ja, nachdem DU mich runtergeschubst hast!“

„Ok. Die nächsten.“

Filiz schaut arglos die Klassenzimmerdecke an. „Ich weiß gar nicht, warum die Frau Rimsky-Korsakov immer so laut ist. Ich hab ü-ber-haupt nichts gemacht. Ehrlich, Frau Weh!“ Sie senkt den Blick aus kullerbraunen Augen von der Decke und sieht äußerst überzeugend drein. Verdächtig! Ich schaue auf den Zettel, den die Kollegin gestern in Rage auf meinem Schreibtisch hinterlassen hat.

„Da steht, du wärst auf Toilette gegangen und nicht wiedergekommen, weil du auf dem Flur Topmodel gespielt hast.“

„Ja, aber ich hab nicht gestört!“

„Du hattest das Relibuch dabei und hast laut gesungen. Warum denn überhaupt das Relibuch?“, frage ich irritiert. Es war doch Englisch dran.

Gott mag Kinder, das hab ich gesungen. Und das Relibuch geht viel besser auf dem Kopf, weil das Englischbuch ist so wabbelig.“

Filiz schüttelt sich bekräftigend.

„Und das Buch ist nicht runtergefallen von meinem Kopf. Ich kann das voll gut!“

„Die Filiz kann das echt voll gut“, mischt sich Leonie ein. „Ich hab das gesehen.“

„Stimmt“, antworte ich und lese auf dem Zettel nach, „du warst ja dabei und bist auch nicht mehr in die Klasse gegangen.“

„Ist aber auch langweilig in Reli!“

„Ich dachte, ihr hattet Englisch?“

„Ach ja, stimmt. Ist trotzdem langweilig.“

Alle nicken. Ich hebe ablehnend die Hand. „Danke, reicht.“

„Die Frau Rimsky-Korsakov ist immer so laut, das tut in den Ohren weh!“, mault Michelle.

„Und deswegen hast du was gemacht?“, frage ich. Diese Stelle auf dem Zettel kann ich nicht gut lesen.

„Ich habe mir nur den Kopfhörer vom Computer geholt und angezogen, als die so gebrüllt hat wegen dem Noah.“, entgegnet Michelle trotzig und schiebt die Unterlippe vor. Ich verzichte darauf, ihr zu erklären, warum ein solches Verhalten in bestimmten Situationen als frech eingestuft wird und wende mich Noah zu.

„Und was machst du eigentlich an der Tafel?“

Noah ist ein wahres Herzchen und musste ein ganzes Schuljahr lang nicht an eine einzige Regel erinnert werden. Umso erstaunter war ich darüber, auch seinen Namen vorzufinden. Es ist ihm unangenehm und er zieht den Kopf tief zwischen die Schultern. Ein wenig sieht er nun aus wie eine kleine, verschreckte Schildkröte.

„Na, komm“, sage ich in sanfterem Ton, „ich möchte es einfach verstehen.“

„Ich habe meinen Strohhalm aus der Kakaoflasche gezogen. Das sollen wir ja machen …“

„Jaaaa?“, ermuntere ich ihn zum Weitersprechen.

Er atmet tief ein, um sich für den letzten Teil der Beichte zu wappnen.

„Aber ich hab das auf meinem Platz gemacht und dann ist der Kakao gespritzt. Auf die Paula. Und auf Paulas Heft.“

Die anderen Erstklässler ergänzen eifrig:

„Und auf den Ranzen!“

„Und auf den Boden!“

„Und auf Frau Rimsky-Korsakov!“

Auf Frau Rimsky-Korsakov? Was zum …?

„Wieso das denn?“

„Na die war grad bei mir, weil ich mich doch ganz aus Versehen mit meinen Schuhen am Stuhl festgehakt habe!“, ergänzt Paula missbilligend, weil ich die offensichtlichen Zusammenhänge einfach nicht verstehen will.

Ich seufze. Nahezu bildhaft kann ich mir den Ablauf der Stunde vorstellen und mein Verständnis für die Kollegin wächst und wächst. Fachunterricht bei den Erstklässlern so kurz vor den Ferien ist nicht unbedingt die reine Freude.

„Aber warum ist die Frau Rimsky-Korsakov auch immer so streng mit uns?“, wundert sich Ole. „Wir machen doch gar nix!“

Ich erkläre den Erstklässlern, dass Unterrichten anstrengend ist. Gerade, wenn man eine Klasse nur selten sieht. Dass man als Lehrerin manchmal das Gefühl hat platzen zu müssen, wenn wieder eine Störung kommt. Und noch eine und noch eine. Besonders so kurz vor den Ferien.

„Also mein Papa sagt ja, dass Lehrer viel zu viele Ferien haben!“, gibt Nick zu bedenken.

„Warum hast du so viele Ferien, Frau Weh?“

„Damit ich nicht platzen muss.“

Wider die Langeweile!

„Und wann gibt es mal richtigen Unterricht?“, fragt die Schülerpraktikantin mit nur mühsam unterdrückter Schwunglosigkeit.

Ich blicke von dem Stapel Mathehefte auf, den ich gerade durchsehe, und schaue mich in der Klasse um. Die Erstklässler ergießen sich über Stühle, Bänke und den Boden. Einige sitzen im Flur oder im Treppenhaus und schaffen ordentlich was weg. Wir sind bei Countdown 6 vor den Ferien angelangt und die Tatsache, dass ich zu meinen eigenen drölfzilliarden Schülern noch eine gelangweilte Sechzehnjährige auf’s Auge gedrückt bekommen habe, um die ich mich kümmern muss, erfüllt mich nicht unbedingt mit innerlichem Halleluja. Allerdings komme ich nicht umhin, dem benachbarten Gymnasium für die hervorragende Zeitplanung Respekt zu zollen. Was für eine geschickte Idee, die gesamte Stufe 11 in den letzten zwei Schuljahreswochen ins Praktikum zu schicken. Da läuft ja eh nix mehr, oder wie war die landläufige Meinung dazu?

Hier läuft allerdings noch eine ganze Menge. Allein, man sieht es nicht auf den ersten Blick. Die Erstklässler (zumindest die meisten) arbeiten nämlich selbstständig so vor sich hin. Mit unserem Stoff sind wir durch, jetzt wird nur noch vertieft und – ja, ich gebe es zu – weggearbeitet, was ich im Überschwang zu viel kopiert habe, derweil ich akribisch jedes Arbeitsheft noch einmal auf eventuelle Lücken durchgehe. Hier kommt nichts weg!

Aber Madämchen würde gerne richtigen Unterricht sehen. Dass ich es überhaupt zulasse, mich darüber zu ärgern, zeigt, dass auch ich ganz langsam ferienreif werde. (Schon seit Tagen läuft in meinem Kopf übrigens I’m Going Slightly Mad in Endlosschleife. Muss ich mehr dazu sagen?) Dabei ist das nicht nur unreif von mir, sondern auch ungerecht. Man überlege kurz einmal, wie man selber so war mit 16 … ähm, genau. Das war das Alter, in welchem man bei morgendlichen Schwindel nicht dachte Uh, ist mir schwindlig!, sondern Hui, alles dreht sich um mich! Das muss so, das soll so sein, Beschwerden bitte ans Kleinhirn, Abteilung Entwicklung, danke. Also jetzt Unterricht. Na gut.

„So, ihr Lieben, alle mal in den Kreis kommen!“

Je nach Verfassung und Gemütszustand schlurfen oder stürzen sich die Erstklässler in die Raummitte, balgen sich kurz um die besten Plätze (direkt neben mir oder aber ganz weit weg) und harren erwartungsvoll der Dinge. Lediglich Ramon fällt fröhlich hintenüber von der Bank, was niemand weiter kommentiert und mit einem Kühlpack schnell behoben wird. Ich frage in die Runde, wer sich womit beschäftigt hat und ob jemand seine Arbeit an der Tafel vorstellen möchte. Dilara, Filiz und Merve melden sich als erste und dürfen nach vorne. Kurz bilden sie ein aufgeregt flüsterndes Grüppchen, nicken dann und schauen erwartungsvoll zu uns herüber.

„Wir haben was mit ganz schwierigen Wörtern gemacht“, erzählt Merve, „und das machen wir jetzt auch mit euch.“

Filiz hüpft ein wenig auf der Stelle – es ist so aufregend an der Tafel! – und zeichnet dann hochkonzentriert sechs Striche.

„Galgenmännchen!“

jubeln die Erstklässler und freuen sich des Lebens. Noch einmal so begeisterungsfähig sein wie mit sieben Jahren! Es wird gerätselt und geraten, ausprobiert und buchstabiert bis das korrekte Lösungswort endlich an der Tafel erscheint. (Es war übrigens Ananas. Ich wünsche mir auch bald mal wieder eine. Am liebsten in weißem Rum badend und mit Schirmchen.) Tosender Applaus kommt auf, verbunden mit dem unweigerlichen Geschrei, das immer dann ertönt, wenn es um die Auswahl einer Nachfolge geht. Doch Filiz lässt sich nicht erweichen und spricht mit unerschütterlicher Miene die einzig wahren Worte:

„Ich nehme das allerleiseste Kind dran!“

Wen wundert es da, dass die Wahl auf die phlegmatische Schülerpraktikantin fällt? Überrascht, aber erfreut, tritt diese auch sogleich zur Tafel, überlegt kurz und zieht ihre Striche. Es sind 20. Die Erstklässer staunen und ich bemerke, wie manch kleiner Kosmos ins Wanken gerät.

„Gibt es so lange Wörter?“, haucht Finja beeindruckt und ich sehe, wie die Praktikantin ein Stückchen größer wird.

„Oh ja!“, sagt sie, „Und noch viel längere. Aber die müsst ihr erst noch alle lernen.“

In den kommenden Minuten haben alle Spaß. Die Praktikantin, weil sie merkt, wie toll Nicht-Unterricht sein kann, die Erstklässler, weil sie sich für Kniffligkeiten begeistern können und ich, weil ich mich darüber freue, dass die Buchstabenkombination E-R-N-S-T-L auch 13 Jahre nach dem letzten Dreh des Glücksrads noch funktioniert.

S _ _ _ E R _ E R _ E N    S _ N _    T _ L L

Obwohl die Praktikantin am Ende gleich von mehreren Schülern dafür gerügt wird, dass das ja gar nicht ein Wort, sondern drei sind, strahlt sie noch am Ende des Vormittages und bedankt sich artig für den schönen Tag. Allerdings kann ich ihr gar nicht richtig antworten.

In mir singt es so laut.

I think I’m a banana tree
Oh dear, I’m going slightly mad
I’m going slightly mad
It finally happened, happened
It finally happened uh huh
It finally happened I’m slightly mad – oh dear!

Wechselbad

Oh, es wird Zeit für Ferien!

Ich rotiere zwischen gepackten und zu packenden Kisten, überschnappenden Viertklässlern und dem ganz normalen Schuljahresendwahnsinn. Da werden noch schnell Ausflüge gemacht, Abschlussfeiern sowieso und da war doch noch was? Ach ja, die Zeugnisse! Den Kolleginnen fällt ein, dass ich noch schnell, bevor ich weg bin, ihre Klassenbücher ausfüllen muss (womit sie recht haben…) und das größere Wehwehchen erwähnt beim Abendessen ähnlich spontan, dass es für das gemeinsame Frühstück am nächsten Morgen Tomate-Mozzarella-Spießchen zugesagt hat. Das Miniweh hat als Blume beim Kindergartenfest brilliert und beim Singen nur ganz kurz, aber hingebungsvoll, in der Nase gebohrt. Die Hauskatze würgt derweil Haarbällchen hervor und maunzt beleidigt, weil ich sie nicht dafür lobe, aber ich habe gerade wenig Zeit dafür.

Den Musikraum habe ich besenrein hinterlassen und dabei, ja, ein ganz kleines bisschen mit den Tränen gekämpft, denn die neue Schule – so schön sie auch sein mag – verfügt nur über einen einzigen Schrank für alle Musikalien, die sie so besitzt. Ich verkleinere meinen Unterricht und mich also von 140 qm auf 0,8 qm. Oder muss ich das in Kubik angeben? Egal, ich trauere. Und das nicht allein. Mittlerweile wissen es alle Schüler und Eltern, die Putzfrau und die Pfarrerin. Alle wünschen Glück und drücken ihr Bedauern aus, so dass auch ich ganz flatterig werde ob der getroffenen Entscheidung. Aber wohnt nicht jedem Neuanfang ein Zauber inne? Und ist ein solcher Abschied nicht deutlich besser, als wenn alle froh über meinen Fortgang wären? Die Chefin fasst mich mit Samthandschuhen an und siegelt sogar selber meine Zeugnisse, die weltbeste Sekretärin drückt mich fest und weint ein leises Tränchen. Einzig Frau Schmitz-Hahnenkamp verhält sich normal und beschwert sich lautstark über Sinan und Nino, die ich immer noch nicht im Griff hätte. Dennoch haben sie mir einen Abschiedsbrief geschrieben, darunter eine krakelig gemalte Blume „Ihre Glücksblume, Frau Weh, für die Zukunft“. Ich schlucke und wünsche, dass die nächsten Tage an mir vorbeifliegen mögen. Leider tun sie dies auch, obwohl ich die Momente festhalten will, denn manche sind kostbar.

„Wenn Sie auch gehen, dann haben wir keinen Grund zurückzukehren“, sagen die Viertklässler traurig und recht haben sie. Ein Stück Kindheit ist vorbei.

„Aber das, was kommt, ist neu und aufregend!“, will ich sie trösten und bekomme doch selber eine scheußlich-schöne Gänsehaut, wenn wir Möge die Straße uns zusammenführen singen und alle gekonnt, weil lange geübt, vom pianissimo ins forte wechseln und sogar der Hausmeister in der Türe stehen bleibt um zu lauschen. Wechselbad aus Abschiedskummer und Vorfreude.

Bald sind Ferien!

Metarmorphosen

Es ist ein bisschen wie Achterbahnfahren, dieses Abschiednehmen von den Viertklässlern. Nur mit weniger Übelkeit, dafür deutlich emotionaler. Ich hätte es nicht unbedingt erwartet, habe ich die Bindung zu meinen letzten Klassen doch immer für stärker gehalten, aber da habe ich mich wohl getäuscht. Am Vorabend war unser Abschiedsfest, das wir für die Eltern gegeben haben und nun sitzen die Viertklässler mit müden, aber leuchtenden Augen an ihren Tischen.

„Mein Vater hat geheult!“, posaunt Schmitti mit einer Mischung aus Stolz und leichter Peinlichkeit heraus.

„Ja“, stimmt Nino ihm zu, „meine Mutter auch, als ich ihr das Herz gegeben habe und wir dabei noch das Lied weitergesummt haben.“

„Ich fand alles toll!“, schwärmt Friederike, deren Oma mir am Ende unseres Bühnenprogramms stumm vor Ergriffenheit die Hand geschüttelt hat und gar nicht mehr loslassen wollte. „Und Sie?“

Ich überlege. Tatsächlich war der ganze Abend eine runde Sache. Die Kinder haben sich ins Zeug gelegt. Alle konnten ihre Texte und Lieder auswendig, niemand hat sich bei den Instrumentalstücken verspielt. Nicht nur ich habe an vielen Stellen eine ordentliche Gänsehaut vor Rührung bekommen.

„Für mich war am schönsten, als wir mit den Eltern gemeinsam das Schlusslied gesungen haben.“ Viele Kinder nicken, auch ihnen hat der leise Abschluss des Festes gefallen.

Alle sind sich einig, dass sie eine Superleistung auf die Bühne gebracht haben und ich stimme ihnen zu, es war ein großartiger Abend und eine tolle Show. Deine letzte hier, schleicht sich ein Gedanke in meinen Kopf, aber ich will ihn noch nicht weiterdenken, fühle doch auch ich mich genau wie meine Klasse irgendwie dazwischen. Jetzt sind es noch zwei Wochen, die aber randvoll mit Aktivitäten, Ausflügen, Aufräumen und Abschiednehmen sind. Eine seltsame Zeit. Und genau so seltsam fühle ich mich. Unausgeglichen, reizbar. Neben den Zeugnissen für die Viertklässler liegen die ersten Planungsbögen für die Neuen. Parallel dazu wächst der Altpapierstapel in der Kiste unter meinem Schreibtisch. Elf Jahre an einer Schule machen eine ganze Menge Papier! Alles will durchgesehen werden nach dem Aschenputtelprinzip: Die Guten ins Töpfchen, die schlechten…

Wo  ich meine ganzen Materialien lagern will, die sich jetzt noch in der alten Schule (oh, ich nenne sie jetzt schon die alte Schule!) befinden, weiß ich noch nicht. Vielleicht sollte ich einen Container mieten? Einen genauen Überblick habe ich noch gar nicht, verteilt sich doch alles schön auf mehrere Räume, einschließlich des Dachbodens. Ehrlich, Schuldachböden sollten abgeschafft oder zumindest versiegelt werden!

Ich gehe dann mal wieder räumen..

Was vom Schuljahr übrig blieb

„Vier Kilo! Und du?“

„Dreieinhalb“, antworte ich seufzend. Dieser Punkt geht an Freundin und Kollegin Britta, mit der ich in einer Telefonkonferenz in der letzten Woche die Kollateralschäden des vergangenen Schuljahres vergleiche. Wir spielen dieses Spiel schon ein paar Jahre, beruhigt es doch ungemein, festzustellen, dass man nicht alleine dem Rande des Wahnsinns so verdammt nahe gekommen ist. In unserer diesjährigen Runde herrscht derzeit Gleichstand (größter Elternärger ging an mich, schwierigere Klasse an Britta, nervigste Kollegin ganz knapp an mich, dafür hat sie einen Punkt für ihren unkooperativen Ehemann bekommen, für unnötige Schultermine haben wir uns beiden einen Punkt zuerkannt), auch das beruhigt – scheint es doch wirklich so etwas wie ein kosmisches Gleichgewicht zu geben.

Wir unterhalten uns über unsere Ferienpläne und ich stelle überrascht fest, dass ich dieses Jahr keine fassen möchte. Weder habe ich einen Riesenstapel Bücher besorgt, noch eimerweise Wandfarbe. Es gibt keine Bestellungen von Fachliteratur und kaum feste Termine bisher. Leicht amüsiert nehme ich wahr, dass mir dieser Zustand keinerlei Unbehagen bereitet (so wie es die letzten Jahre noch der Fall gewesen wäre), ich mich sogar darauf freue, jeden Tag anzunehmen, wie er eben kommt. „Du wirst eben langsam reifer“, kommentiert Britta, „wie guter Käse!“ Zumindest die Farbe von Käse habe ich schon. Camenbert, nur mit Sommersprossen. Wenn ich an mir heruntersehe, fühle ich mich auch formal fatal an Weichkäse erinnert. Auf diese Äußerung schnaubt Britta nur laut auf. Wir verabreden, wenigstens jeden zweiten Tag Sport zu treiben und uns gesund zu ernähren. Ich denke an die Flasche selbstgemachten Erdbeerlikörs, die mir meine Referendarin zum Dank überreicht hat und stufe sie sofort unter gesund ein. Britta schlürft hörbar am anderen Ende der Leitung und kontert damit, dass die Eiswürfel in ihrem Prosecco null Kalorien hätten. Wir giggeln noch eine ganze Weile am Telefon herum und mit jedem Lachen purzelt ein Belastungspunkt nach dem anderen von uns bis wir das Gefühl haben, von oben auf die ganze Chose herabblicken zu können. Eine wilde Mischung aus Anstrengung, Einsatz, Ärger, Freude, schlechtem Gewissen, Tränen, Familienchaos, Rebellionsgeist und Schokolade ist es, die da zu unseren Füßen liegt. „Eigentlich halten wir uns wacker“, findet Britta und stippt mit der Schuhspitze in den Gefühlssee, „wir sind Alltagsheldinnen, jawoll!“

Am Ende des Telefonats gehe ich leicht beschwipst, aber ungemein guter Dinge ins Bett. „Ich werde jetzt eine Ferienheldin, Herr Weh, jawollja!“, nuschle ich dem wunderbaren Mann an meiner Seite ins Ohr. „Hmmmm“, brummt er zurück. Aber das höre ich schon nicht mehr, ich bin eingeschlafen.

 

Es ist soweit

Da ist er schon, der letzte Schultag. Unfassbar weit weg schien er die letzten Wochen und nun klopft er an und fragt süffisant „Na, alles erledigt?“

Natürlich noch nicht so richtig. Tatsächlich liegt hier noch ein Stapel Hefte, der nachgesehen werden wollte und es dieses Schuljahr sicher nicht mehr wird, dafür ist die Klasse so gut wie leergeräumt, jedes Mal wieder ein Mordsunterfangen. Die Zeugnisse sind verteilt, die letzten Elterngespräche geführt. Morgen dann noch der Abschlussgottesdienst, das Feriensingen, ein paar High Fives, die ein oder andere Umarmung, ein letztes, hoffentlich allerletztes Telefonat mit dem Jugendamt und dann – Ferien! Kann jemand, der den Lehrerberuf nicht ausübt, wohl ermessen, wie tief die Bedeutung der Sommerferien geht?