Sitzenbleiben

Früher Mittwochmorgen, auf dem Weg zur Schule.

Im Radio geht es um die Abschaffung der sogenannten „Ehrenrunde“. Ich höre mir an, dass die Schulen anfangen müssten, Verantwortung für ihre Schüler zu übernehmen. Wie viel Geld das Sitzenbleiben kostet (viel) und was es bringt (so gut wie nichts). Herr Himmelrath*, Bildungs- und Wissenschaftsjournalist, äußert sich kämpferisch: „Wenn ich als Lehrer einen Schüler habe, der nicht mitkommt, dann kann ich den abschieben. Da passiert überhaupt nichts an Verantwortung.“ Das Stichwort der individuellen Förderung fällt genau so vorhersehbar wie die Nennung unvermeidlicher Studien, die besagen, dass das Sitzenbleiben kaum pädagogischen Nutzen zeigt.

All das höre ich mir auf dem Weg in die Schule an. Eine Schule, an der derzeit ein Drittel des Kollegiums erkrankt ist. Natürlich gibt es keine Vertretungskräfte. Bis zum Ende der Woche werde ich sechs Stunden Mehrarbeit leisten, auch im Nachmittagsbereich. Ich werde in der Regel zwei Klassen gleichzeitig unterrichten; die Namen aller Schüler werde ich dabei nicht unbedingt kennen. Besonders die jüngeren Klassen werden sich an mich klammern wie an einen Anker, sind sie doch völlig überfordert vom ständigen Vertretungsunterricht, den wechselnden Lehrern, der Enge und der Lautstärke, die eine solche Ausnahmesituation (die eigentlich das Wort „Ausnahme“ kaum mehr verdient, so oft haben wir das schon durchziehen müssen) mit sich bringt.

Ich höre mir an, dass das Geld, welches das Sitzenbleiben jährlich kostet, doch viel besser anderweitig eingesetzt werden solle und schreie einmal laut meinen Frust in den Morgen.

 

 

heiter bis tödlich

Eine traurige Versammlung, die mir da am heutigen Morgen in der Klasse gegenübersitzt. Die Drittklässler schnorcheln, husten und röcheln, was das Zeug hält. Sie sind blass, nur ihre Nasen leuchten rot und blankgeputzt von all dem Schnauben. Manch ein Augenpaar strahlt in leicht fiebrigem Glanz. Deutliche Lücken klaffen in den Sitzreihen. Es ist Grippezeit und noch nie hat es so viele auf einmal niedergestreckt. Doch die Möglichkeit der Eltern zur endlosen Brutpflege ist begrenzt. Auch ich kenne das Dilemma des „Dann versuchs doch mal!“. Und so sitzen sie nun da, leidlich wieder hergestellt oder aber krank im Anfangsstadium und schniefen vor sich hin.

„Guten Morgen, ihr alten Seuchenvögel!“, begrüße ich sie fröhlich, „Wie geht es denn so?“

Ich bekomme vielstimmiges Jammern und beeindruckende Hustenanfälle zur Antwort. Was für eine Frage! Schlecht geht es ihnen, das kann man ja wohl nicht übersehen. Pffft.

„Oje“, bedaure ich sie mitfühlend und lasse den Blick von Kind zu Kind schweifen, „wem geht es denn am schlechtesten?“ Alle melden sich aufgeregt. Der Versuch, sich gegenseitig in ihrem Leid zu überbieten, mobilisiert die letzten Reserven, die die durchgehustete Nacht noch übriggelassen hat. Doch der kleine Grabowski macht das Rennen. Wild gestikulierend hüpft er auf seinem Platz auf und ab.

„Sehen Sie, Frau Weh!“, er deutet mit seinem Zeigefinger auf seine Wange, „Sehen Sie hier und da. Ganz, ganz schlecht!“

Tatsächlich sehe ich gar nichts, der kleine Grabowski sitzt in der letzten Reihe. Da läuft er auch schon nach vorne, wild auf seine Wange zeigend. „So schlimm, das alles!“

Ich schaue auf die angedeutete Stelle, sehe aber immer noch rein gar nichts.

„Was ist denn da, kleiner Grabowski?“

Auch die Drittklässler versuchen jetzt angestrengt irgendetwas zu erkennen und kneifen die Augen zusammen.

„Na da… weiße Flecken! Mir fehlt die Sohooonne!“ Der kleine Grabowski reißt die Augen weit auf, die letzten Worte jault er mehr, als dass er sie spricht, um dann theatralisch ins Wanken zu geraten.

„Ja“, lache ich und klopfe ihm auf die bebende Schulter, „mir fehlt die Sonne auch. Bei Sonnenschein bin ich deutlich besser gelaunt.“

„Nein, ist nicht nur, dass Laune heiter dann. Meine Mama sagt, ist tödlich, wenn ich kriege keine Sonne ab!“

„Wer von euch kann mal „Rachitis“ an die Tafel schreiben?“. Ich setze meinen Dr.Weh schreitet zur Tat – Blick auf und male dem kleinen Grabowski mit Kugelschreiber eine lachende Sonne auf den Handrücken. Glücklich zieht er von dannen. Ganz klar: geheilt.

Lehrerrat

Frau Mandel spricht mich am Kopierer an: „Sag mal, was war das denn mit Schmitz-H. und dir? Das hat ja Wellen geschlagen!“

Alarmiert halte ich bei meinem Versuch inne, den Papierstau durch einen beherzten Griff ins Innere zu beheben, und blicke zur Kollegin hoch.

„Ja“, sagt sie, „Donnerstagmittag lief das Telefon heiß.“ Genüsslich zählt sie an den Fingern ab: „Also… zuerst war da Frau Abendroth, die hat Schmitz-H. im Flur brüllen hören. Dann rief Frau Müller an, um nachzufragen, ob du wirklich im Samskostüm an die Decke gegangen bist.“

Ich nicke mechanisch.

„Mit Flossen und Rüssel? Respekt! Danach war meine Klassenpflegschaftsvorsitzende dran…“

Ich spüre, wie ich blass werde. Ist die Pflegschaftsvorsitzende der Viertklässler doch vor allem dafür bekannt, maßgeblich für jeden Informationsfluss jenseits des Protokolls zuständig zu sein. Sie tratscht.

„… aber die wollte mit mir nur die Tagesordnung für den Elternabend besprechen.“ Frau Mandel macht die Sache merklich Spaß. „Und dann“, sie schaut mich bedeutungsvoll über den Rand ihrer Lesebrille hinweg an, „kam der Anruf von Schmitz-H. Ich muss dir leider mitteilen, dass sich deine Lieblingskollegin in dieser Sache an den Lehrerrat wenden möchte.“

„Pffffft!“, mache ich und schüttle den Kopf. „Was hast du ihr gesagt?“

Frau Mandel zwinkert mir zu: „Na, dass du der Lehrerrat bist.“

 

Neue Punkte für das Sams

Ein einsames Sams steht in der verlassenen Lehrerküche, den Kopf ermattet auf den Kafeevollautomaten gestützt. Ich schaffe es nicht einmal meine Schweinenase abzunehmen, so müde bin ich in diesem Moment. Hinter mir liegen eine Nacht mit wenig Schlaf und zwei kranken Wehwehchen, außerdem drei Stunden Karnevalsgedöns in der Schule. Spielmannszug, singendes Dreigestirn und die völlig überdreht- und überzuckerten Drittklässler. Volles Programm also. Mein Kopf pocht und ich will nur noch einen kurzen Moment Ruhe tanken, bevor ich nach Hause fahre um die Brutpflege zu übernehmen. Da betritt die Kollegin, die ich gerade am wenigsten von allen sehen möchte, die Bühne, pardon, die Kaffeeküche.

„Ah! Wie gut, dass ich dich noch erwische! Ich denke, wir sollten uns noch einmal unterhalten!“ Gewaltig und wichtig schiebt sie sich zu mir.

Mein Kopf scheint ins Magnetfeld der Wärmeplatte geraten zu sein, jedenfalls kostet es mich unendliche Mühe ihn zu heben und Frau Schmitz-Hahnenkamp ins Gesicht zu blicken.

„Ooooh“, säuselt sie dann auch prompt, „wie siehst du denn aus? Geht es dir nicht gut? Das habe ich mir gleich gedacht heute morgen. ‚Die Frau Weh sieht aber gar nicht gut aus‘.“ Ihre Stimme nimmt einen zuckrigen Klang an, der mir in der Situation prompt Übelkeit bereitet. „Es ist ja auch gar nicht so einfach für dich! Das habe ich der Chefin gestern auch gesagt. ‚Wie Frau Weh das immer alles schafft, mit der schwierigen Klasse und dann die Familie zu Hause und das alles!‘ Ehrlich, du hast meine Hochachtung und meine Bewunderung! Aber nun sag mir doch, was hast du denn?“

Sie schaut mich an wie ein Maulwurf.

Ich greife zur Schaufel.

„Du!“, würge ich hervor, „gehst mir gerade sowas von auf den Senkel!“ Ich blitze sie an, Horden von kranken Wehwehchen und marodierenden Drittklässlern stehen hinter mir, schwenken Transparente und gröhlen Schlachtrufe. Meine Schweinenase zittert und ich stemme die Arme in meine pummelig ausgestopften Samsseiten. „Vielleicht könnten wir jetzt mal das Theaterspielen sein lassen. Was ist eigentlich DEIN Problem? Ach, ich weiß es: Dass eine Klasse es nicht nur wagt, geschlossen deine fragwürdigen Methoden zu kritisieren, sondern dass sie sich damit nicht an dich wendet, sondern an jemanden, dem sie vertraut. Weißt du was? Mach mit deiner Klasse, was immer du für richtig hältst, aber in meiner Klasse gilt ab jetzt: Keine rausgerissenen Seiten, kein weiteres Einschüchtern und keinerlei Machtmissbrauch mehr in Form von rigiden, sinnlosen Strafen! Ich bin es LEID“, ich spucke das Wort hervor wie etwas, das mir schon zu lange im Halse steckt, „ich bin es SO leid!“

Frau Schmitz-Hahnenkamp steht wie vom Donner gerührt vor mir. Man merkt ihr deutlich an, dass sie nicht mit einem solchen Ausbruch gerechnet hat. „Ähh, muss ich das jetzt verstehen? Na, egal! Ich wollte nur nett zu dir sein!“

„Ah“, falle ich ihr ins Wort, „danke für das Stichwort! Nett wäre, wenn du Dinge direkt mit mir besprechen würdest statt sie künstlich aufzublasen und damit zur Chefin zu laufen.“ Ich schiebe mir den Schweinerüssel auf die Stirn, der besseren Atmung wegen. „Und ebenfalls nett wäre es auch, wenn wir uns dabei auf einer sachlichen Ebene begegnen könnten. Was ist das hier? Ein Showlaufen der pädagogischen Eitelkeiten?“

Einen Moment sehe ich hinter die Kulissen. Ich sehe eine ältere, einsame Kollegin vor mir, die all ihre Versagensängste, ihre Selbstzweifel und ihren beinahe pathologischen Wunsch nach Anerkennung hinter einer soliden Mauer aus Selbstgerechtigkeit, Missgunst und Antipathie verbirgt. Ich muss schlucken. Dann ist es auch schon wieder vorbei. Frau Schmitz-Hahnenkamp schnauft beleidigt auf und blitzt mich böse an: „Das muss ich mir nicht sagen lassen!“ Sie rauscht aus der Küche.

„Doch“, rufe ich ihr hinterher, „genau DAS musstest du dir mal sagen lassen!“

Ich atme aus, überrascht von mir selber. Meine Hände zittern ein bisschen. Erstaunlicherweise fühle ich mich jetzt besser. Ist bestimmt was mit den Hormonen, denke ich. Als ich meine Jacke hole und in den Spiegel an der Garderobe blicke, starrt mich ein Sams an. Blaue Punkte im Gesicht. Auf seiner Stirn wächst eine schrumpelige Schweinenase. Seine Wangen sind gerötet und die Augen blitzen. Während mir langsam bewusst wird, dass ich den gesamten Schwall im vollen Kostüm von mir gegeben habe, bahnt sich ein leises Kichern den Weg nach draußen. Beim genaueren Hinsehen wirkt das Sams im Spiegel etwas irre. Aber im Großen und Ganzen doch recht zufrieden.

Wo sind all die Blumen hin?

Dass die Sache eskaliert, bemerke ich erst, als ich von der Chefin zum Gespräch gebeten werde. In diesem besonders sanften Ton, der eigentlich nicht ihre Art und zuverlässiger Anzeiger für ein Krisengespräch ist. Als sie auch noch die Türe hinter uns schließt, weiß ich, dass die Lage ernst ist.

„Frau Schmitz-Hahnenkamp hat mich angesprochen. Sie fühlt sich durch dein Verhalten bloßgestellt und vorgeführt, Frau Weh. Sie sagt, du hättest ihr keine Chance zur Richtigstellung gelassen, sondern das Bild, das deine Klasse und somit auch die Eltern von ihr haben ins Negative verzerrt. Sie ist der Meinung, du hättest die Drittklässler aufgehetzt.“

Die Chefin schaut mich an und gibt mir Zeit zu antworten. Ich kann nicht. Ich bin so völlig überrumpelt, dass mein Kreislauf, der sich bisher eher durch temporäre Abwesenheit auszeichnete, sich nun unerwartet in kräftigem Fortissimo zurück zur Arbeit meldet. In meinen Ohren rauscht es, ich fühle wie mir die Hitze den Hals hinaufkriecht und bin dankbar für den Rollkragenpullover, der die Tatsache, dass ich mich wirklich, wirklich aufrege zumindest noch eine Weile verschleiert. Tatsächlich bin ich sprachlos. Vor weniger als 10 Minuten hat sich Frau Schmitz-Hahnenkamp strahlend und voll des Lobes über die verständigen Drittklässler und das soooo tolle Gespräch mit ihnen von mir verabschiedet. Das vorhergegangene Hilfegesuch bei der Chefin mit keiner Silbe erwähnend. Ich füge auf der imaginären Sch-H-Liste, die still zu ertragen ich langsam nicht mehr ganz so gewillt bin, ein nachtragend und nach kurzem Zögern auch ein hinterhältig hinzu.

Das weitere Gespräch mit der Chefin bleibt kurz. Ich finde meine Sprache wieder und erkläre in wenigen Sätzen meine Sichtweise. Die gesamte Situation ist absurd und überzogen. Die Chefin appeliert an mein Verständnis: „Du weißt doch, wie sie ist!“ Oh, jeden Tag mehrt sich mein Wissen. Mit einem Arbeitsauftrag versehen – dem typischen Abschiedsritual eines solchen Austauschs – verlasse ich das Büro. Mir ist nicht mehr ganz so gänseblümig im Gemüt; vielmehr zerrupft, zerpflückt. Als ich aus der Schultüre hinaus in den kalten Wind trete, ist es mir, als reiße er mir das letzte Blütenblatt aus und werfe es mir hinterher.

Eindeutig:

SIE LIEBT DICH NICHT!

Das Gespräch

„Die haben WAS!?“

Frau Schmitz-Hahnenkamps Entrüstung ob der ungeheuerlichen Vorwürfe der Drittklässler ist so gewaltig, dass ich Sorge habe mitsamt des Lehrerzimmermobiliars davon hinweggeschwemmt zu werden. Durch den Flur, das Treppenhaus hinab, auf den Schulhof und ab in den Gulli. Wortungetüme prasseln wie ein Unwetter auf mich herab. Und das ist es, ein Unwetter, ach, entfesselte Naturgewalt! Wie konnten die Drittklässler ihre Zuneigung, ihr Engagement, ihren Einsatz so falsch bewerten? Jedes ihrer Wörter trägt ein demonstratives Ausrufezeichen mit sich spazieren und gewandet sich mit dem Kleid der zu Unrecht Angeklagten. Vor Zorn des gerade erfahrenen Undanks bebt ihre Stimme, als sie mit Bitterleichenmiene zum Todesstoß ihrer Suade ansetzt:

„Und ich habe das doch alles nur für DICH getan, Frau Weh! Damit du dich in Ruhe zu Hause erholen kannst während deiner Krankheit. Es wäre doch gut, so dachte ich, wenn ich mir die Zeit nehme, die Hefte deiner Klasse einmal in Ruhe durchzusehen und zu korrigieren. Es ist ja so verständlich, dass du mit deinen eigenen Kindern, deinem Mann und allem gar nicht dazu kommst. Schließlich profitiert deine Klasse doch davon, dass ich diese Möglichkeit wahrnehme. Dann sehen die Eltern auch, dass hier korrekt gearbeitet wird.“

Sie holt Luft. Ich auch.

„Aber es war ja klar, dass deine Klasse ein Problem haben würde mit meiner konsequenten und strengen Art. Du bist ja so anders. Nein, ich will das ja gar nicht abwerten…! Aber es ist ja schon so, dass ich meine Klassen bisher immer sehr erfolgreich auf das Gymnasium vorbereitet habe. Da kommt man mit zu viel Nettigkeit ja nicht weit. Und DEINE Klasse hat sich ja auch sehr wohl gefühlt bei mir. Sie fanden es so schön ruhig!“

Frau Schmitz-Hahnenkamp schaut mir mit stechendem Blick in die Augen. Alles an ihr ist Vorwurf mit einer Garnitur aus erfahrungsbedingter Überheblichkeit verziert.

Mir liegen Dinge auf der Zunge. Es wäre ein Leichtes die Fassung zu verlieren und gleichermaßen Verletzendes auszusprechen. In meinem Kopf purzeln und ringen die Gedanken miteinander. Ich denke an das, was ich Herrn Weh, meinem Freund Marten in vielen Gesprächen, Frau Hattifnatte und nicht zuletzt mir selber versprochen habe: auf mich achtzugeben. Mich nicht fressen zu lassen von der unglaublichen Dreistigkeit anderer. Eine Grenze zu ziehen und diese fröhlich zu bewachen. Ich lege den Kopf ein bisschen schief und betrachte meine Kollegin aus dieser Perspektive. Plötzlich durchströmt mich die ungeheuer starke Gewissheit, dass ich niemals so werde. Niemals so werden kann!

Von Erleichterung durchflutet blicke ich Frau Schmitz-Hahnenkamp an: „Danke, dass du mir deine Sicht der Dinge mitgeteilt hast. Damit kann ich viel anfangen!“

Als ich meine Sachen packe und das Lehrerzimmer verlasse, zieht ein Lächeln über mein Gesicht. Auf der Treppe nach unten singe ich lauthals das Lied vom Gänseblümchen und freue mich auf meine Kinder, Herrn Weh und das alles.

 

Bah, Frau Schmitz-H.!

Freitag, Klassenrat bei den Drittklässlern.

„Ich beantrage, dass wir nie wieder zu Frau Schmitz-Hahnenkamp müssen, wenn Frau Weh krank ist!“, Katharina liest mit fester Stimme weiter von ihrem Zettel ab, „Mitunterzeichnet haben Celina, Schmitti, Kai, Marc, Benedikt, Jeanette, Friederike, Alina und Jonas.“

Allgemeines Murmeln und Nicken drückt die Zustimmung der anderen Drittklässler aus. Ich bin überrascht, halte mich aber an die Regeln und warte, bis ich von Friederike, die heute den Klassenrat leitet, drangenommen werde.

„Was ist denn los?“

„Sie mag uns nicht! Sie mag uns wirklich nicht!“, betont Alisa auf meine zweifelnd angehobene Augenbraue hin. „Immer sagt sie, dass ihre Klasse viel toller ist als wir!“

„Und leiser!“

„Und besser!“

Aufgebrachte Zwischenrufe werden laut. Friederike muss für Ruhe sorgen und macht dies erstaunlich souverän. Ich muss mir unbedingt merken, ihren Eltern zu berichten, wie toll sie sich als Klassensprecherin macht!

„Wenn wir einen Fehler beim Abschreiben machen, dann müssen wir das immer korrigieren!“, Schmittis Empörung ist grenzenlos.

„Das müsst ihr bei mir auch.“

„Aber bei dir müssen wir das Wort nur im Wörterbuch suchen und dreimal richtig schreiben. Bei Frau Schmitz-Hahnenkamp müssen wir DEN GANZEN TEXT neu schreiben. Das ist voll gemein!“

„Sie reißt Seiten aus den Heften aus!“

„Und macht SOOOO große Kringel um die Fehler!“ Mehrere Paar Hände malen gigantische Kreise in die Luft.

Die Stimmung im bis eben sehr diszipliniert durchgeführten Gremium droht zu kippen. Die Drittklässler lassen ihrem Ärger über die als ungerecht empfundene Behandlung seitens der Kollegin freien Lauf. Zwar kann ich sie verstehen, es ist allgemein bekannt, dass Frau Schmitz-Hahnenkamp lediglich eine einzige Klasse wirklich mag – die eigene, aber dennoch bin ich der Meinung, dass die Schüler akzeptieren müssen, dass andere Lehrer andere Methoden vertreten.

„Und dann ist es auch noch so“, die kleine Jeanette wird puterrot und schnappt nach Luft, „dann ist es auch noch so total fies, wenn man was falsch macht. Dann streichelt sie nämlich einfach die ganze Seite!“

Überrascht halten die Drittklässler in ihrem Gemurre inne und starren Jeanette an, deren Wangen daraufhin die Farbe vollreifer Tomaten annehmen. Auf einen Schlag löst sich die Anspannung der letzten Minuten und ein großes Gelächter macht sich breit. Auch Jeanette, die ihren Fehler mittlerweile bemerkt hat, stimmt ein. Schnell wird der einstimmige Beschluss gefasst, dass ich ein Gespräch mit Frau Schmitz-Hahnenkamp führen soll.

Immer noch grinsend schreibt Schmitti ins Protokoll: „Wir beschließen einstimmig, dass sich die Frau Weh mal um die Frau Schmutz-Hahnenkampf kümmern soll!!!“ Den Verschreiber übersehe ich beim Korrekturlesen des Klassenratsprotokolls ebenso großzügig wie den kleinen Totenkopf, den er daneben gekritzelt hat.

Ich streichle lediglich kurz über die Seite.

Als Gott die Grundschullehrerin erschuf

Kischtig? Vielleicht. Wahrheitswahrscheinlichkeit? Hoch.

Als Gott die Grundschullehrerin erschuf

Als Gott die Grundschulehrerin erschuf, machte er bereits den sechsten Tag Überstunden. Da erschien ein Engel und sagte: „Herr, Ihr bastelt aber lange an dieser Figur!“

Gott sprach: „Hast du die speziellen Wünsche auf der Bestellung gesehen? Sie soll pflegeleicht, aber nicht aus Plastik sein, sie soll 160 bewegliche Teile haben; sie soll Nerven wie Drahtseile haben und einen Schoß, auf dem zehn Kinder gleichzeitig sitzen können. Trotzdem muss sie auf einem Kinderstuhl Platz haben. Sie soll einen Rücken haben, auf dem sich alles abladen lässt, und sie soll in einer überwiegend gebückten Haltung leben können. Ihr Zuspruch soll alles heilen, von der Beule bis zum Seelenschmerz. Sie soll sechs Paar Hände haben!“

Da schüttelte der Engel den Kopf und sagte: „Sechs Paar Hände, das wird kaum gehen!“

„Die Hände machen mir keine Kopfschmerzen“, sagte Gott, „aber die drei Paar Augen, die eine Grundschullehrerin haben muss.“

„Gehören sie denn zum Standardmodell?“, fragte der Engel.

Gott nickte: „Ein Paar Augen, das durch geschlossenen Türen blickt, während sie fragt: Was macht ihr denn da drüben? – obwohl sie es schon lange weiß. Ein zweites Paar im Hinterkopf, mit dem sie sieht, was sie nicht sehen soll, aber wissen muss. Und natürlich noch zwei Augen hier vorn, aus denen sie ein Kind ansehen kann, das sich unmöglich benimmt, und die trotzdem sagen: Ich verstehe dich und habe dich lieb! – ohne dass sie ein einziges Wort spricht.“

„Oh, Herr!“, sagte der Engel und zupfte Gott sachte am Ärmel, „geht schlafen und macht morgen weiter.“

„Ich kann nicht“, sagte Gott, „denn ich bin nahe daran etwas zu schaffen, das mir einigermaßen ähnelt. Ich habe bereits dafür gesorgt, dass sie sich selbst heilt, wenn sie krank ist; dass sie 30 Kinder mit einem einzigen Geburtstagskuchen zufrieden stellt; dass sie einen Achtjährigen dazu bringen kann, sich vor dem Essen die Hände zu waschen, einen Siebenjährigen davon überzeugt, dass Knete nicht essbar ist und übermitteln kann, dass Füße zum Laufen und nicht zum Treten von Mitschülern gedacht waren.“

Der Engel ging langsam um das Modell der Lehrerin herum. „Zu weich“, seufzte er.

„Aber zäh!“, sagte Gott energisch. „Du glaubst nicht, was sie alles leisten und aushalten kann!“

„Kann sie auch denken?“

„Nicht nur denken, sondern sogar urteilen und Kompromisse schließen,“ sagte Gott, „und vergessen!“

Schließlich beugte sich der Engel vor und fuhr mit dem Finger über die Wange des Modells. „Da ist ein Leck,“ sagte er, „ich habe ja gesagt, Ihr versucht zu viel in das Modell hineinzupacken.“

„Das ist kein Leck“, sagte Gott. „Das ist eine Träne. Sie fließt bei Freude, Trauer, Enttäuschung, Schmerz und Verlassenheit.“

„Ihr seid ein Genie“, sagte der Engel.

Da blickte Gott versonnen: „Die Träne ist das Überlaufventil!“

(nach H. Wenke)

 

Master of Desaster

Es ist das eine, nach einer Woche Ferien wieder in die Schule zu kommen und das andere, es nach einer Woche krankheitsbedingter Abwesenheit zu tun. Aus diesem ersten Schultag nach Erkrankung entspannt herauszukommen ist ähnlich schwierig wie der Versuch elegant in eine fahrende Raupe zu springen*. Man kann nur verlieren oder sich treiben lassen.

Die gloriose Liste meiner heutigen Gleichmütigkeit liest sich denn auch wie der Beipackzettel eines Tranquilizers:

  • Recht erfolgreich habe ich so die 13 (dreizehn!) Beschwerdezettel über das Verhalten der Drittklässler von Lieblingskollegin Schmitz-H. ignoriert, die auf meiner Tischplatte klebten. Übrigens in Form eines gigantischen Ausrufezeichens.
  • Stoisch habe ich bergeweise Nachrichten, Atteste und Entschuldigungszettel der Drittklässler eingesammelt.
  • Kein bisschen habe ich mich über den in meiner Abwesenheit von der Schulleitung herausgegebenen Elternbrief geärgert, auf dem den Erziehungsberechtigten mitgeteilt wird, dass sie mich gerne in Zeugnisfragen am Freitag nach Schulschluss zum Gespräch in der Schule antreffen können.
  • Auch die Drittklässler haben mich heute freundlich und gleichmütig beim Kontrollieren der (nicht/teilweise/unvollständig) gemachten Hausaufgaben erlebt.
  • Meine Stimme blieb sanft als ich einer aufgebrachten Mutter am Telefon die katastrophale Musiknote ihres Sohnes („Frau Weh, das ist eine 3! Wie soll Jan-Niklas denn damit auf das Gymnasium!? Was denken Sie sich denn eigentlich dabei!?“) erklärte.
  • Auch die Schulpsychologin erlebte beim 14-minütigen Telefonat während der 15-minütigen Pause eine aufgeräumte Klassenlehrerin, die zwar etwas verschnupft, aber dennoch passgenau an den richtigen Stellen mit Hmm und Ja, genau antwortete.
  • Dem Monolog der Schulleitung über ichweißschongarnichtmehrwas habe ich nickend und zustimmend gelauscht.
  • Statt vor dem Mitarbeiter des Jugendamtes („Ah, gut, dass ich DICH sehe, wir müssen unbedingt einen Termin machen!“) in lautes Wehklagen auszubrechen habe ich meinen Kalender geholt und eine Verabredung getroffen.
  • Ich habe mir verschiedene Notizen gemacht („Eltern Nino anrufen, Verhalten!“, „Klasse: warum ist der Basketball wieder auf dem Schuldach?“, „Eintrittskarte didacta – wo?“) und kein bisschen mit obszönem Gekritzel verziert.

Nein, ich war heute ein Leuchtturm der Ruhe und Gelassenheit mitten in stürmischer See. Hach, ich bin ja so stolz auf mich! :mrgreen:

 

*Das Fahrgeschäft, nicht das Lebewesen. Auf dem Land war das früher ein beliebtes Vergnügen. So richtig gut darin waren allerdings immer nur die „jungen Männer zum Mitreisen gesucht“, die dabei eine gewisse Lässigkeit an den Tag legten. Mein Mitschüler Michael W. brach sich bei diesem Vorhaben 1987 Elle und Speiche durch und einen Vorderzahn ab. Das wiederum verlieh ihm einen gewissen Glanz, in dem er sich einen Sommer lang sonnen konnte. So ein Döspaddel.

Schnee!

Ende der zweiten Pause. Es liegt Schnee im Ruhrgebiet.

Ich steige gut gelaunt die Treppe hinunter, um die Viertklässler zum Musikunterricht abzuholen, da bemerke ich es: Die gesamte Klasse befindet sich bereits im Gebäude und ist hörbar aufgebracht. Seltsam. Noch seltsamer mutet allerdings an, dass sich ihre Klassenlehrerin und Frau Schmitz-Hahnenkamp Nase an Nase gegenüber stehen, in lautstarkes Gekeife vertieft. Ich runzle die Stirn und versuche diese Flut an Informationen mit der Tatsache abzugleichen, dass ich eigentlich eine friedliche Musikstunde zu halten gedachte.

Was es nun genau mit dem Zorn der Kolleginnen auf sich hat, wird mir umgehend erläutert: Kollegin Schmitz-H. hatte Aufsicht. Es gab eine Schneeballschlacht. Die GANZE Klasse war darin verwickelt*. Schneeballschlachten sind verboten. Alle müssen einen Aufsatz schreiben. Auf der Stelle! In meiner Musikstunde!

Na toll.

Ich hake die phänomenale Einstiegsstunde zum „Karneval der Tiere“ ab und schließe den Klassenraum der 4a auf. Die Schüler trotten murrend hinein, kleine Wasserpfützchen hinterlassend. Platschplatsch macht es. Später sitze ich am Pult der Kollegin und langweile mich. Hätte ich das geahnt, ich hätte mir doch ein Buch mitgenommen! Oder wenigstens was zu arbeiten. Immerhin sind sich die Viertklässler ihrer misslichen Lage bewusst; auch sie hätten lieber Musikunterricht. „Wagt es bloß nicht, euch bei MIR zu beschweren!“, grummle ich den ersten Schüler an, der sich in nörglerischer Absicht an mich heranpirscht. „Ich hätte allen Grund, mich bei euch zu beschweren! Ihr hattet euren Spaß ja bereits in der Pause. Ich hingegen muss mich jetzt 45 Minuten langweilen. Toll!“

Da beeilen sie sich natürlich und keine 20 Minuten später liegen die ersten Aufsätze vor mir. Prallvoll mit Beteuerungen, besten Absichten und guten Vorsätzen. Ich will es nie wieder tun! und zuerst hat es ja noch Spaß gemacht – ich habe ein deja vu und denke an letztes Jahr. Und an das davor. Und überhaupt. Gibt es eigentlich eine Lösung für dieses vom Himmel fallende, alljährliche Problem?

Ja, es gibt sie. Sie steht im Aufsatz von Vlad und lautet:

„Ich bin der Meinung, man kann das Problem lösen. Alle Lehrerinnen sollen den Schnee einfach vom Schulhof nach draußen schieben. Dann kann man keine Schneebälle mehr machen und alle sind glücklich!“

Ich stelle mir vor, wie ich beim gemeinsamen Schneeschippen Frau Schmitz-Hahnenkamp von hinten einen fetten Schneeball auf den Hintern donnere und muss grinsen. Das Glück hat eben viele Gesichter.

 

 

* so viel Gemeinschaftssinn würde ich mir für die Drittklässler ja wünschen…