Frühstückszeit…

…ist Witzezeit. Der kleine Grabowski schnippst wie wild und darf einen Witz aufsagen:

Ein Russe, ein Türke und ein Pole sterben und treffen sich im Himmel. Zuerst geht der Russe rein zu Gott. Gott sagt: „Du darfst nie wieder Wodka trinken, sonst drück ich auf den roten Knopf und du kommst in die Hölle.“ Der Russe kommt heulend wieder raus.

Geht der Türke rein. Sagt Gott: „Du darfst nie wieder Döner essen, sonst drück ich auf den roten Knopf und du kommst in die Hölle.“ Der Türke kommt heulend raus.

Geht der Pole rein zu Gott. Gott sagt: „Du darfst nie wieder klauen, sonst drück ich auf den roten Knopf und du kommst in die Hölle.“ Der Pole kommt lachend raus.

„Warum lachst du denn so?“ – „Ich habe den roten Knopf geklaut!“

Der kleine Grabowski schüttet sich aus vor Lachen. „Wer hat dir den denn erzählt?“, möchte ich wissen. „Der Papa. Wir beide mussten lachen sooo…“, er hält sich den kleinen Bauch, „…doll!“

Vielleicht sollte ich die Gespräche in Zukunft mit dem Papa führen…

Wo sind all die Blumen hin?

Dass die Sache eskaliert, bemerke ich erst, als ich von der Chefin zum Gespräch gebeten werde. In diesem besonders sanften Ton, der eigentlich nicht ihre Art und zuverlässiger Anzeiger für ein Krisengespräch ist. Als sie auch noch die Türe hinter uns schließt, weiß ich, dass die Lage ernst ist.

„Frau Schmitz-Hahnenkamp hat mich angesprochen. Sie fühlt sich durch dein Verhalten bloßgestellt und vorgeführt, Frau Weh. Sie sagt, du hättest ihr keine Chance zur Richtigstellung gelassen, sondern das Bild, das deine Klasse und somit auch die Eltern von ihr haben ins Negative verzerrt. Sie ist der Meinung, du hättest die Drittklässler aufgehetzt.“

Die Chefin schaut mich an und gibt mir Zeit zu antworten. Ich kann nicht. Ich bin so völlig überrumpelt, dass mein Kreislauf, der sich bisher eher durch temporäre Abwesenheit auszeichnete, sich nun unerwartet in kräftigem Fortissimo zurück zur Arbeit meldet. In meinen Ohren rauscht es, ich fühle wie mir die Hitze den Hals hinaufkriecht und bin dankbar für den Rollkragenpullover, der die Tatsache, dass ich mich wirklich, wirklich aufrege zumindest noch eine Weile verschleiert. Tatsächlich bin ich sprachlos. Vor weniger als 10 Minuten hat sich Frau Schmitz-Hahnenkamp strahlend und voll des Lobes über die verständigen Drittklässler und das soooo tolle Gespräch mit ihnen von mir verabschiedet. Das vorhergegangene Hilfegesuch bei der Chefin mit keiner Silbe erwähnend. Ich füge auf der imaginären Sch-H-Liste, die still zu ertragen ich langsam nicht mehr ganz so gewillt bin, ein nachtragend und nach kurzem Zögern auch ein hinterhältig hinzu.

Das weitere Gespräch mit der Chefin bleibt kurz. Ich finde meine Sprache wieder und erkläre in wenigen Sätzen meine Sichtweise. Die gesamte Situation ist absurd und überzogen. Die Chefin appeliert an mein Verständnis: „Du weißt doch, wie sie ist!“ Oh, jeden Tag mehrt sich mein Wissen. Mit einem Arbeitsauftrag versehen – dem typischen Abschiedsritual eines solchen Austauschs – verlasse ich das Büro. Mir ist nicht mehr ganz so gänseblümig im Gemüt; vielmehr zerrupft, zerpflückt. Als ich aus der Schultüre hinaus in den kalten Wind trete, ist es mir, als reiße er mir das letzte Blütenblatt aus und werfe es mir hinterher.

Eindeutig:

SIE LIEBT DICH NICHT!

Das Gespräch

„Die haben WAS!?“

Frau Schmitz-Hahnenkamps Entrüstung ob der ungeheuerlichen Vorwürfe der Drittklässler ist so gewaltig, dass ich Sorge habe mitsamt des Lehrerzimmermobiliars davon hinweggeschwemmt zu werden. Durch den Flur, das Treppenhaus hinab, auf den Schulhof und ab in den Gulli. Wortungetüme prasseln wie ein Unwetter auf mich herab. Und das ist es, ein Unwetter, ach, entfesselte Naturgewalt! Wie konnten die Drittklässler ihre Zuneigung, ihr Engagement, ihren Einsatz so falsch bewerten? Jedes ihrer Wörter trägt ein demonstratives Ausrufezeichen mit sich spazieren und gewandet sich mit dem Kleid der zu Unrecht Angeklagten. Vor Zorn des gerade erfahrenen Undanks bebt ihre Stimme, als sie mit Bitterleichenmiene zum Todesstoß ihrer Suade ansetzt:

„Und ich habe das doch alles nur für DICH getan, Frau Weh! Damit du dich in Ruhe zu Hause erholen kannst während deiner Krankheit. Es wäre doch gut, so dachte ich, wenn ich mir die Zeit nehme, die Hefte deiner Klasse einmal in Ruhe durchzusehen und zu korrigieren. Es ist ja so verständlich, dass du mit deinen eigenen Kindern, deinem Mann und allem gar nicht dazu kommst. Schließlich profitiert deine Klasse doch davon, dass ich diese Möglichkeit wahrnehme. Dann sehen die Eltern auch, dass hier korrekt gearbeitet wird.“

Sie holt Luft. Ich auch.

„Aber es war ja klar, dass deine Klasse ein Problem haben würde mit meiner konsequenten und strengen Art. Du bist ja so anders. Nein, ich will das ja gar nicht abwerten…! Aber es ist ja schon so, dass ich meine Klassen bisher immer sehr erfolgreich auf das Gymnasium vorbereitet habe. Da kommt man mit zu viel Nettigkeit ja nicht weit. Und DEINE Klasse hat sich ja auch sehr wohl gefühlt bei mir. Sie fanden es so schön ruhig!“

Frau Schmitz-Hahnenkamp schaut mir mit stechendem Blick in die Augen. Alles an ihr ist Vorwurf mit einer Garnitur aus erfahrungsbedingter Überheblichkeit verziert.

Mir liegen Dinge auf der Zunge. Es wäre ein Leichtes die Fassung zu verlieren und gleichermaßen Verletzendes auszusprechen. In meinem Kopf purzeln und ringen die Gedanken miteinander. Ich denke an das, was ich Herrn Weh, meinem Freund Marten in vielen Gesprächen, Frau Hattifnatte und nicht zuletzt mir selber versprochen habe: auf mich achtzugeben. Mich nicht fressen zu lassen von der unglaublichen Dreistigkeit anderer. Eine Grenze zu ziehen und diese fröhlich zu bewachen. Ich lege den Kopf ein bisschen schief und betrachte meine Kollegin aus dieser Perspektive. Plötzlich durchströmt mich die ungeheuer starke Gewissheit, dass ich niemals so werde. Niemals so werden kann!

Von Erleichterung durchflutet blicke ich Frau Schmitz-Hahnenkamp an: „Danke, dass du mir deine Sicht der Dinge mitgeteilt hast. Damit kann ich viel anfangen!“

Als ich meine Sachen packe und das Lehrerzimmer verlasse, zieht ein Lächeln über mein Gesicht. Auf der Treppe nach unten singe ich lauthals das Lied vom Gänseblümchen und freue mich auf meine Kinder, Herrn Weh und das alles.

 

Master of Desaster

Es ist das eine, nach einer Woche Ferien wieder in die Schule zu kommen und das andere, es nach einer Woche krankheitsbedingter Abwesenheit zu tun. Aus diesem ersten Schultag nach Erkrankung entspannt herauszukommen ist ähnlich schwierig wie der Versuch elegant in eine fahrende Raupe zu springen*. Man kann nur verlieren oder sich treiben lassen.

Die gloriose Liste meiner heutigen Gleichmütigkeit liest sich denn auch wie der Beipackzettel eines Tranquilizers:

  • Recht erfolgreich habe ich so die 13 (dreizehn!) Beschwerdezettel über das Verhalten der Drittklässler von Lieblingskollegin Schmitz-H. ignoriert, die auf meiner Tischplatte klebten. Übrigens in Form eines gigantischen Ausrufezeichens.
  • Stoisch habe ich bergeweise Nachrichten, Atteste und Entschuldigungszettel der Drittklässler eingesammelt.
  • Kein bisschen habe ich mich über den in meiner Abwesenheit von der Schulleitung herausgegebenen Elternbrief geärgert, auf dem den Erziehungsberechtigten mitgeteilt wird, dass sie mich gerne in Zeugnisfragen am Freitag nach Schulschluss zum Gespräch in der Schule antreffen können.
  • Auch die Drittklässler haben mich heute freundlich und gleichmütig beim Kontrollieren der (nicht/teilweise/unvollständig) gemachten Hausaufgaben erlebt.
  • Meine Stimme blieb sanft als ich einer aufgebrachten Mutter am Telefon die katastrophale Musiknote ihres Sohnes („Frau Weh, das ist eine 3! Wie soll Jan-Niklas denn damit auf das Gymnasium!? Was denken Sie sich denn eigentlich dabei!?“) erklärte.
  • Auch die Schulpsychologin erlebte beim 14-minütigen Telefonat während der 15-minütigen Pause eine aufgeräumte Klassenlehrerin, die zwar etwas verschnupft, aber dennoch passgenau an den richtigen Stellen mit Hmm und Ja, genau antwortete.
  • Dem Monolog der Schulleitung über ichweißschongarnichtmehrwas habe ich nickend und zustimmend gelauscht.
  • Statt vor dem Mitarbeiter des Jugendamtes („Ah, gut, dass ich DICH sehe, wir müssen unbedingt einen Termin machen!“) in lautes Wehklagen auszubrechen habe ich meinen Kalender geholt und eine Verabredung getroffen.
  • Ich habe mir verschiedene Notizen gemacht („Eltern Nino anrufen, Verhalten!“, „Klasse: warum ist der Basketball wieder auf dem Schuldach?“, „Eintrittskarte didacta – wo?“) und kein bisschen mit obszönem Gekritzel verziert.

Nein, ich war heute ein Leuchtturm der Ruhe und Gelassenheit mitten in stürmischer See. Hach, ich bin ja so stolz auf mich! :mrgreen:

 

*Das Fahrgeschäft, nicht das Lebewesen. Auf dem Land war das früher ein beliebtes Vergnügen. So richtig gut darin waren allerdings immer nur die „jungen Männer zum Mitreisen gesucht“, die dabei eine gewisse Lässigkeit an den Tag legten. Mein Mitschüler Michael W. brach sich bei diesem Vorhaben 1987 Elle und Speiche durch und einen Vorderzahn ab. Das wiederum verlieh ihm einen gewissen Glanz, in dem er sich einen Sommer lang sonnen konnte. So ein Döspaddel.

Schnee!

Ende der zweiten Pause. Es liegt Schnee im Ruhrgebiet.

Ich steige gut gelaunt die Treppe hinunter, um die Viertklässler zum Musikunterricht abzuholen, da bemerke ich es: Die gesamte Klasse befindet sich bereits im Gebäude und ist hörbar aufgebracht. Seltsam. Noch seltsamer mutet allerdings an, dass sich ihre Klassenlehrerin und Frau Schmitz-Hahnenkamp Nase an Nase gegenüber stehen, in lautstarkes Gekeife vertieft. Ich runzle die Stirn und versuche diese Flut an Informationen mit der Tatsache abzugleichen, dass ich eigentlich eine friedliche Musikstunde zu halten gedachte.

Was es nun genau mit dem Zorn der Kolleginnen auf sich hat, wird mir umgehend erläutert: Kollegin Schmitz-H. hatte Aufsicht. Es gab eine Schneeballschlacht. Die GANZE Klasse war darin verwickelt*. Schneeballschlachten sind verboten. Alle müssen einen Aufsatz schreiben. Auf der Stelle! In meiner Musikstunde!

Na toll.

Ich hake die phänomenale Einstiegsstunde zum „Karneval der Tiere“ ab und schließe den Klassenraum der 4a auf. Die Schüler trotten murrend hinein, kleine Wasserpfützchen hinterlassend. Platschplatsch macht es. Später sitze ich am Pult der Kollegin und langweile mich. Hätte ich das geahnt, ich hätte mir doch ein Buch mitgenommen! Oder wenigstens was zu arbeiten. Immerhin sind sich die Viertklässler ihrer misslichen Lage bewusst; auch sie hätten lieber Musikunterricht. „Wagt es bloß nicht, euch bei MIR zu beschweren!“, grummle ich den ersten Schüler an, der sich in nörglerischer Absicht an mich heranpirscht. „Ich hätte allen Grund, mich bei euch zu beschweren! Ihr hattet euren Spaß ja bereits in der Pause. Ich hingegen muss mich jetzt 45 Minuten langweilen. Toll!“

Da beeilen sie sich natürlich und keine 20 Minuten später liegen die ersten Aufsätze vor mir. Prallvoll mit Beteuerungen, besten Absichten und guten Vorsätzen. Ich will es nie wieder tun! und zuerst hat es ja noch Spaß gemacht – ich habe ein deja vu und denke an letztes Jahr. Und an das davor. Und überhaupt. Gibt es eigentlich eine Lösung für dieses vom Himmel fallende, alljährliche Problem?

Ja, es gibt sie. Sie steht im Aufsatz von Vlad und lautet:

„Ich bin der Meinung, man kann das Problem lösen. Alle Lehrerinnen sollen den Schnee einfach vom Schulhof nach draußen schieben. Dann kann man keine Schneebälle mehr machen und alle sind glücklich!“

Ich stelle mir vor, wie ich beim gemeinsamen Schneeschippen Frau Schmitz-Hahnenkamp von hinten einen fetten Schneeball auf den Hintern donnere und muss grinsen. Das Glück hat eben viele Gesichter.

 

 

* so viel Gemeinschaftssinn würde ich mir für die Drittklässler ja wünschen…

Pausengespräche

Alisa leistet mir bei der Pausenaufsicht Gesellschaft.

 

„Also Frau Weh, ich glaube, ich habe mir gestern den Magen verkorkst.“

„Aha?“

„Ja, ich habe Nudeln gegessen, die schon ein paar Tage alt waren.“

„Naja, wenn es nur Nudeln waren… Hauptsache sie sind nicht in alter Sahnesauce geschwommen.“

„Hmm. Spaghetti alla carbonara.“

„Oha. Aber wenn man sich so richtig den Magen verdirbt, dann merkt man das ganz schnell.“

„Ich hab die ganze Nacht unter meiner Decke gepupst!“

„Diese Information hätte ich nicht unbedingt gebraucht, aber danke, dass du mich daran teilhaben lässt.“

„Es war schön warm!“

„Ah ja. Auch diese Information…!“

„Gerade kam schon wieder einer!“

 

An dieser Stelle endete das Gespräch abrupt.

Organspende

Der Himmel über dem Ruhrgebiet zeigt sich an diesem Morgen grau und wolkenverhangen. Auch Benedikts Ferienbericht klingt betrüblich:

„Und dann hat der Mann uns doch tatsächlich“, der kleine Sternsinger macht eine aufgebrachte Pause, untermalt von heftigem Schniefen, „mit türkischen Nieren bezahlt!“

Pfui, denke ich, das geht aber wirklich zu weit! Auch meine anderen Schützlinge zeigen sich empört. Wir sind uns alle einig, dass türkische Nieren als Zahlungsmittel umgehend verboten werden sollten, Baklava hingegen als Sternsingergabe durchaus akzeptiert werden könne. Vorausgesetzt, man fände eine Verpackung, schließlich klebt das Zeug ja wie Hulle!

„Und, was haben Sie in den Ferien gemacht, Frau Weh?“ Der Erzählstein ist mittlerweile bei mir angekommen. Wahrheitsgemäß antworte ich, dass ich sehr erfolgreich enorme Mengen Nachtisch zu mir genommen und mich überhaupt gnadenlos gut erholt hätte. Ich denke an Cocktailschirmchen, bunte Getränke, noch mehr bunte Getränke, warmes Öl auf meinem Rücken und seufze einmal wohlig. Schmitti zu meiner Linken interpretiert diesen Ausdruck meiner Freude jedoch völlig fehl, tätschelt mir beruhigend das bestrumpfhoste Knie und meint beruhigend: „Alles gut, Frau Weh, jetzt bist du ja wieder da, du brauchst nicht anfangen zu weinen!“

Was habe ich sie vermisst! 🙂