Wennsde Mittwoch überlebst, dann is Donnerstach!

Schreibt man grö(h)len wirklich ohne h? Wie peinlich ist mir das denn? (Naja, nicht so sehr…)

Tja, da kann man mal sehen, was der ganze Rotz mit meinem Gehirn anstellt. Vermutlich löse ich mich schon eine ganze Weile innerlich auf und merke es noch nicht einmal! Aber hier wird nicht geschwächelt! Heute habe ich mit 65 Kindern (in Buchstaben: fünfundsechzig, deutlich mehr Popos als Stühle) lustig ums Klavier gesessen und „Im Frühtau zu Berge“ geschmettert. Und weil es so schön war, haben wir gleich noch „Bolle reiste jüngst zu Pfingsten“ und die ganzen anderen alten Schinken hinterhergeschoben. „I like the flowers“ im Kaninchenkanon* und „Puck, die Stubenfliege“ und dann noch dies und dann noch das. Was soll ich sagen? Es war die schönste Stunde des Tages**.

Wie der Rest des Tages so lief, verschweige ich gnädigerweise und streiche ihn einfach aus meinem Gedächtnis. (Aber ich glaube nicht, dass ich noch einmal den Fehler begehe und mit drei Klassen gleichzeitig Völkerball spielen werde! Hah, wieder was gelernt, wie großartig.) Pädagogische Sternstunden werden für die nächste Zeit auf Eis gelegt, Hauptsache durch ist die Devise. Aber jetzt ist ja der Frühling da, so mit Sonne und Licht und zwitschernden Vögeln; ab Morgen wird bestimmt alles wieder gut, nicht wahr? 😉

Herzlichst, Frau Weh

*Kaninchenkanon: Wir starten puschelig mit dem Kanon, alles ist gut, alles ist schön und auf einmal rasen alle wie verrückt durch das Lied auf der Suche nach… ja, nach was eigentlich?

**Lieber Herr A., ich weiß, ich war sicher nicht immer die allereinfachste Klavierschülerin, die man sich vorstellen kann. Und geübt habe ich auch nicht immer so… aber danke, danke, DANKE! ♥

Schnauze voll. Nase auch.

Nee, kein guter Tag.

Es sind immer noch zu viele Kolleginnen krank und – zumindest im Verhältnis dazu – wieder zu viele Schüler genesen. Ich bin tapfer und unterrichte nach wie vor zwei Klassen parallel, wo nötig, aber schön ist anders.

Nebenbei erstatte ich dem Jugendamt täglichen Rapport über seelisches und körperliches Befinden eines Schülers, in dessen Familie es gerade ans Eingemachte und vermutlich demnächst vor Gericht geht. Nee, lässt mich nicht kalt.

Neben mir liegen ein ganzer Stapel Beurteilungsbögen (TRF, DYSIPS-II usw. für die Kenner der Materie) für Nino, der nun endlich einen Therapieplatz für eine Verhaltenstherapie bekommen hat und ein AO-SF-Gutachten für Celina, das in Absprache mit der Sonderpädagogin, die wir nicht haben, fertiggestellt werden muss.

Ach ja – falls da Zweifel bei dem ein oder anderen Leser aufkommen sollten – ich arbeite tatsächlich an einer total normalen Grundschule. Ich kann nichtmal mit sozialem Brennpunkt angeben, alles ganz normaler Alltag.

Auch der Einbruch vom Wochenende ist leider schon keine Besonderheit mehr und auch die Tatsache, dass der Musikraum jetzt ganz frei von Elektrosmog ist, macht mich nicht sehr glücklich, fehlt es nun nämlich nicht nur an Kolleginnen, sondern auch an DVD-Player, Fernseher, Anlage, Mikros und dem ganzen Schalala, den ich so gerne im Musikunterricht einsetze (und mit dem man in einem solchen Notfall auch mal zwei Klassen zwei Stunden lang glücklich machen kann). Alles dahin, gone with the wind. Ich gehe jetzt auch. Erst in die Wanne, dann ins Bett. Juchei.

EDIT: In dem Moment, in dem ich diese Zeilen tippe, ruft die Konrektorin an und teilt mir mit, dass morgen zwei weitere Kolleginnen ausfallen. Jetzt nehme ich mir einen Sekt mit in die Wanne und gröhle lauthals schmutzige Lieder, jawohl. Cheerio, Miss Sophie!

eingesperrt!

„Und dann dieser ewige Qualmgeruch!“, Frau Müller beschwert sich über den Austauschhausmeister. „Dauernd raucht der im Gebäude! Aber gestern hab ich es ihm gezeigt!“ Sie hebt den Zeigefinger bedeutsam in die Höhe und blickt triumphierend umher. Die kleine Kolleginnenrunde in der Kaffeeküche ist gespannt, gehört Frau Müller doch nun eher nicht zu den für ihre Aggressivität bekannten Mitmenschen. (Tatsächlich wirkt sie bisweilen etwas blutarm.)

„Ich habe also im Englischunterricht wieder Rauch gerochen.“, Frau Müller zieht laut hörbar die Luft ein, „Aha, dachte ich mir, diesmal stelle ich ihn zur Rede! Ich wusste, dass er sich im Vorraum der Lehrertoilette versteckt hält, schleiche mich an und will schwungvoll die Türe aufreißen… da hat er doch von innen abgeschlossen und den Schlüssel stecken gelassen!“

„Der Lump!“

„Pfui!“

Die Kolleginnenrunde teilt erwartungsgemäß Frau Müllers Verärgerung ob dieser Ungeheuerlichkeit. Nicht nur das illegale Quarzen, da schließt sich der Kerl auch noch auf der Toilette ein! Auf der LEHRERtoilette! Hat man da noch Worte?

„Was hast du gemacht?“

Über Frau Müllers Züge huscht ein kleines, verschmitztes Lächeln. (Schaut man ganz genau hin, könnte man es auch als ein wenig boshaft bezeichnen, was Frau Müller aber nun gar nicht gerecht wird.)

„Tjaaa… ich hab ihm einfach das Licht ausgeknipst!“

Manchmal sind es die kleinen Freuden, die ein Kollegium zusammenschweißen.

Sitzenbleiben

Früher Mittwochmorgen, auf dem Weg zur Schule.

Im Radio geht es um die Abschaffung der sogenannten „Ehrenrunde“. Ich höre mir an, dass die Schulen anfangen müssten, Verantwortung für ihre Schüler zu übernehmen. Wie viel Geld das Sitzenbleiben kostet (viel) und was es bringt (so gut wie nichts). Herr Himmelrath*, Bildungs- und Wissenschaftsjournalist, äußert sich kämpferisch: „Wenn ich als Lehrer einen Schüler habe, der nicht mitkommt, dann kann ich den abschieben. Da passiert überhaupt nichts an Verantwortung.“ Das Stichwort der individuellen Förderung fällt genau so vorhersehbar wie die Nennung unvermeidlicher Studien, die besagen, dass das Sitzenbleiben kaum pädagogischen Nutzen zeigt.

All das höre ich mir auf dem Weg in die Schule an. Eine Schule, an der derzeit ein Drittel des Kollegiums erkrankt ist. Natürlich gibt es keine Vertretungskräfte. Bis zum Ende der Woche werde ich sechs Stunden Mehrarbeit leisten, auch im Nachmittagsbereich. Ich werde in der Regel zwei Klassen gleichzeitig unterrichten; die Namen aller Schüler werde ich dabei nicht unbedingt kennen. Besonders die jüngeren Klassen werden sich an mich klammern wie an einen Anker, sind sie doch völlig überfordert vom ständigen Vertretungsunterricht, den wechselnden Lehrern, der Enge und der Lautstärke, die eine solche Ausnahmesituation (die eigentlich das Wort „Ausnahme“ kaum mehr verdient, so oft haben wir das schon durchziehen müssen) mit sich bringt.

Ich höre mir an, dass das Geld, welches das Sitzenbleiben jährlich kostet, doch viel besser anderweitig eingesetzt werden solle und schreie einmal laut meinen Frust in den Morgen.

 

 

heiter bis tödlich

Eine traurige Versammlung, die mir da am heutigen Morgen in der Klasse gegenübersitzt. Die Drittklässler schnorcheln, husten und röcheln, was das Zeug hält. Sie sind blass, nur ihre Nasen leuchten rot und blankgeputzt von all dem Schnauben. Manch ein Augenpaar strahlt in leicht fiebrigem Glanz. Deutliche Lücken klaffen in den Sitzreihen. Es ist Grippezeit und noch nie hat es so viele auf einmal niedergestreckt. Doch die Möglichkeit der Eltern zur endlosen Brutpflege ist begrenzt. Auch ich kenne das Dilemma des „Dann versuchs doch mal!“. Und so sitzen sie nun da, leidlich wieder hergestellt oder aber krank im Anfangsstadium und schniefen vor sich hin.

„Guten Morgen, ihr alten Seuchenvögel!“, begrüße ich sie fröhlich, „Wie geht es denn so?“

Ich bekomme vielstimmiges Jammern und beeindruckende Hustenanfälle zur Antwort. Was für eine Frage! Schlecht geht es ihnen, das kann man ja wohl nicht übersehen. Pffft.

„Oje“, bedaure ich sie mitfühlend und lasse den Blick von Kind zu Kind schweifen, „wem geht es denn am schlechtesten?“ Alle melden sich aufgeregt. Der Versuch, sich gegenseitig in ihrem Leid zu überbieten, mobilisiert die letzten Reserven, die die durchgehustete Nacht noch übriggelassen hat. Doch der kleine Grabowski macht das Rennen. Wild gestikulierend hüpft er auf seinem Platz auf und ab.

„Sehen Sie, Frau Weh!“, er deutet mit seinem Zeigefinger auf seine Wange, „Sehen Sie hier und da. Ganz, ganz schlecht!“

Tatsächlich sehe ich gar nichts, der kleine Grabowski sitzt in der letzten Reihe. Da läuft er auch schon nach vorne, wild auf seine Wange zeigend. „So schlimm, das alles!“

Ich schaue auf die angedeutete Stelle, sehe aber immer noch rein gar nichts.

„Was ist denn da, kleiner Grabowski?“

Auch die Drittklässler versuchen jetzt angestrengt irgendetwas zu erkennen und kneifen die Augen zusammen.

„Na da… weiße Flecken! Mir fehlt die Sohooonne!“ Der kleine Grabowski reißt die Augen weit auf, die letzten Worte jault er mehr, als dass er sie spricht, um dann theatralisch ins Wanken zu geraten.

„Ja“, lache ich und klopfe ihm auf die bebende Schulter, „mir fehlt die Sonne auch. Bei Sonnenschein bin ich deutlich besser gelaunt.“

„Nein, ist nicht nur, dass Laune heiter dann. Meine Mama sagt, ist tödlich, wenn ich kriege keine Sonne ab!“

„Wer von euch kann mal „Rachitis“ an die Tafel schreiben?“. Ich setze meinen Dr.Weh schreitet zur Tat – Blick auf und male dem kleinen Grabowski mit Kugelschreiber eine lachende Sonne auf den Handrücken. Glücklich zieht er von dannen. Ganz klar: geheilt.

Lehrerrat

Frau Mandel spricht mich am Kopierer an: „Sag mal, was war das denn mit Schmitz-H. und dir? Das hat ja Wellen geschlagen!“

Alarmiert halte ich bei meinem Versuch inne, den Papierstau durch einen beherzten Griff ins Innere zu beheben, und blicke zur Kollegin hoch.

„Ja“, sagt sie, „Donnerstagmittag lief das Telefon heiß.“ Genüsslich zählt sie an den Fingern ab: „Also… zuerst war da Frau Abendroth, die hat Schmitz-H. im Flur brüllen hören. Dann rief Frau Müller an, um nachzufragen, ob du wirklich im Samskostüm an die Decke gegangen bist.“

Ich nicke mechanisch.

„Mit Flossen und Rüssel? Respekt! Danach war meine Klassenpflegschaftsvorsitzende dran…“

Ich spüre, wie ich blass werde. Ist die Pflegschaftsvorsitzende der Viertklässler doch vor allem dafür bekannt, maßgeblich für jeden Informationsfluss jenseits des Protokolls zuständig zu sein. Sie tratscht.

„… aber die wollte mit mir nur die Tagesordnung für den Elternabend besprechen.“ Frau Mandel macht die Sache merklich Spaß. „Und dann“, sie schaut mich bedeutungsvoll über den Rand ihrer Lesebrille hinweg an, „kam der Anruf von Schmitz-H. Ich muss dir leider mitteilen, dass sich deine Lieblingskollegin in dieser Sache an den Lehrerrat wenden möchte.“

„Pffffft!“, mache ich und schüttle den Kopf. „Was hast du ihr gesagt?“

Frau Mandel zwinkert mir zu: „Na, dass du der Lehrerrat bist.“

 

Neue Punkte für das Sams

Ein einsames Sams steht in der verlassenen Lehrerküche, den Kopf ermattet auf den Kafeevollautomaten gestützt. Ich schaffe es nicht einmal meine Schweinenase abzunehmen, so müde bin ich in diesem Moment. Hinter mir liegen eine Nacht mit wenig Schlaf und zwei kranken Wehwehchen, außerdem drei Stunden Karnevalsgedöns in der Schule. Spielmannszug, singendes Dreigestirn und die völlig überdreht- und überzuckerten Drittklässler. Volles Programm also. Mein Kopf pocht und ich will nur noch einen kurzen Moment Ruhe tanken, bevor ich nach Hause fahre um die Brutpflege zu übernehmen. Da betritt die Kollegin, die ich gerade am wenigsten von allen sehen möchte, die Bühne, pardon, die Kaffeeküche.

„Ah! Wie gut, dass ich dich noch erwische! Ich denke, wir sollten uns noch einmal unterhalten!“ Gewaltig und wichtig schiebt sie sich zu mir.

Mein Kopf scheint ins Magnetfeld der Wärmeplatte geraten zu sein, jedenfalls kostet es mich unendliche Mühe ihn zu heben und Frau Schmitz-Hahnenkamp ins Gesicht zu blicken.

„Ooooh“, säuselt sie dann auch prompt, „wie siehst du denn aus? Geht es dir nicht gut? Das habe ich mir gleich gedacht heute morgen. ‚Die Frau Weh sieht aber gar nicht gut aus‘.“ Ihre Stimme nimmt einen zuckrigen Klang an, der mir in der Situation prompt Übelkeit bereitet. „Es ist ja auch gar nicht so einfach für dich! Das habe ich der Chefin gestern auch gesagt. ‚Wie Frau Weh das immer alles schafft, mit der schwierigen Klasse und dann die Familie zu Hause und das alles!‘ Ehrlich, du hast meine Hochachtung und meine Bewunderung! Aber nun sag mir doch, was hast du denn?“

Sie schaut mich an wie ein Maulwurf.

Ich greife zur Schaufel.

„Du!“, würge ich hervor, „gehst mir gerade sowas von auf den Senkel!“ Ich blitze sie an, Horden von kranken Wehwehchen und marodierenden Drittklässlern stehen hinter mir, schwenken Transparente und gröhlen Schlachtrufe. Meine Schweinenase zittert und ich stemme die Arme in meine pummelig ausgestopften Samsseiten. „Vielleicht könnten wir jetzt mal das Theaterspielen sein lassen. Was ist eigentlich DEIN Problem? Ach, ich weiß es: Dass eine Klasse es nicht nur wagt, geschlossen deine fragwürdigen Methoden zu kritisieren, sondern dass sie sich damit nicht an dich wendet, sondern an jemanden, dem sie vertraut. Weißt du was? Mach mit deiner Klasse, was immer du für richtig hältst, aber in meiner Klasse gilt ab jetzt: Keine rausgerissenen Seiten, kein weiteres Einschüchtern und keinerlei Machtmissbrauch mehr in Form von rigiden, sinnlosen Strafen! Ich bin es LEID“, ich spucke das Wort hervor wie etwas, das mir schon zu lange im Halse steckt, „ich bin es SO leid!“

Frau Schmitz-Hahnenkamp steht wie vom Donner gerührt vor mir. Man merkt ihr deutlich an, dass sie nicht mit einem solchen Ausbruch gerechnet hat. „Ähh, muss ich das jetzt verstehen? Na, egal! Ich wollte nur nett zu dir sein!“

„Ah“, falle ich ihr ins Wort, „danke für das Stichwort! Nett wäre, wenn du Dinge direkt mit mir besprechen würdest statt sie künstlich aufzublasen und damit zur Chefin zu laufen.“ Ich schiebe mir den Schweinerüssel auf die Stirn, der besseren Atmung wegen. „Und ebenfalls nett wäre es auch, wenn wir uns dabei auf einer sachlichen Ebene begegnen könnten. Was ist das hier? Ein Showlaufen der pädagogischen Eitelkeiten?“

Einen Moment sehe ich hinter die Kulissen. Ich sehe eine ältere, einsame Kollegin vor mir, die all ihre Versagensängste, ihre Selbstzweifel und ihren beinahe pathologischen Wunsch nach Anerkennung hinter einer soliden Mauer aus Selbstgerechtigkeit, Missgunst und Antipathie verbirgt. Ich muss schlucken. Dann ist es auch schon wieder vorbei. Frau Schmitz-Hahnenkamp schnauft beleidigt auf und blitzt mich böse an: „Das muss ich mir nicht sagen lassen!“ Sie rauscht aus der Küche.

„Doch“, rufe ich ihr hinterher, „genau DAS musstest du dir mal sagen lassen!“

Ich atme aus, überrascht von mir selber. Meine Hände zittern ein bisschen. Erstaunlicherweise fühle ich mich jetzt besser. Ist bestimmt was mit den Hormonen, denke ich. Als ich meine Jacke hole und in den Spiegel an der Garderobe blicke, starrt mich ein Sams an. Blaue Punkte im Gesicht. Auf seiner Stirn wächst eine schrumpelige Schweinenase. Seine Wangen sind gerötet und die Augen blitzen. Während mir langsam bewusst wird, dass ich den gesamten Schwall im vollen Kostüm von mir gegeben habe, bahnt sich ein leises Kichern den Weg nach draußen. Beim genaueren Hinsehen wirkt das Sams im Spiegel etwas irre. Aber im Großen und Ganzen doch recht zufrieden.

Wo sind all die Blumen hin?

Dass die Sache eskaliert, bemerke ich erst, als ich von der Chefin zum Gespräch gebeten werde. In diesem besonders sanften Ton, der eigentlich nicht ihre Art und zuverlässiger Anzeiger für ein Krisengespräch ist. Als sie auch noch die Türe hinter uns schließt, weiß ich, dass die Lage ernst ist.

„Frau Schmitz-Hahnenkamp hat mich angesprochen. Sie fühlt sich durch dein Verhalten bloßgestellt und vorgeführt, Frau Weh. Sie sagt, du hättest ihr keine Chance zur Richtigstellung gelassen, sondern das Bild, das deine Klasse und somit auch die Eltern von ihr haben ins Negative verzerrt. Sie ist der Meinung, du hättest die Drittklässler aufgehetzt.“

Die Chefin schaut mich an und gibt mir Zeit zu antworten. Ich kann nicht. Ich bin so völlig überrumpelt, dass mein Kreislauf, der sich bisher eher durch temporäre Abwesenheit auszeichnete, sich nun unerwartet in kräftigem Fortissimo zurück zur Arbeit meldet. In meinen Ohren rauscht es, ich fühle wie mir die Hitze den Hals hinaufkriecht und bin dankbar für den Rollkragenpullover, der die Tatsache, dass ich mich wirklich, wirklich aufrege zumindest noch eine Weile verschleiert. Tatsächlich bin ich sprachlos. Vor weniger als 10 Minuten hat sich Frau Schmitz-Hahnenkamp strahlend und voll des Lobes über die verständigen Drittklässler und das soooo tolle Gespräch mit ihnen von mir verabschiedet. Das vorhergegangene Hilfegesuch bei der Chefin mit keiner Silbe erwähnend. Ich füge auf der imaginären Sch-H-Liste, die still zu ertragen ich langsam nicht mehr ganz so gewillt bin, ein nachtragend und nach kurzem Zögern auch ein hinterhältig hinzu.

Das weitere Gespräch mit der Chefin bleibt kurz. Ich finde meine Sprache wieder und erkläre in wenigen Sätzen meine Sichtweise. Die gesamte Situation ist absurd und überzogen. Die Chefin appeliert an mein Verständnis: „Du weißt doch, wie sie ist!“ Oh, jeden Tag mehrt sich mein Wissen. Mit einem Arbeitsauftrag versehen – dem typischen Abschiedsritual eines solchen Austauschs – verlasse ich das Büro. Mir ist nicht mehr ganz so gänseblümig im Gemüt; vielmehr zerrupft, zerpflückt. Als ich aus der Schultüre hinaus in den kalten Wind trete, ist es mir, als reiße er mir das letzte Blütenblatt aus und werfe es mir hinterher.

Eindeutig:

SIE LIEBT DICH NICHT!

Das Gespräch

„Die haben WAS!?“

Frau Schmitz-Hahnenkamps Entrüstung ob der ungeheuerlichen Vorwürfe der Drittklässler ist so gewaltig, dass ich Sorge habe mitsamt des Lehrerzimmermobiliars davon hinweggeschwemmt zu werden. Durch den Flur, das Treppenhaus hinab, auf den Schulhof und ab in den Gulli. Wortungetüme prasseln wie ein Unwetter auf mich herab. Und das ist es, ein Unwetter, ach, entfesselte Naturgewalt! Wie konnten die Drittklässler ihre Zuneigung, ihr Engagement, ihren Einsatz so falsch bewerten? Jedes ihrer Wörter trägt ein demonstratives Ausrufezeichen mit sich spazieren und gewandet sich mit dem Kleid der zu Unrecht Angeklagten. Vor Zorn des gerade erfahrenen Undanks bebt ihre Stimme, als sie mit Bitterleichenmiene zum Todesstoß ihrer Suade ansetzt:

„Und ich habe das doch alles nur für DICH getan, Frau Weh! Damit du dich in Ruhe zu Hause erholen kannst während deiner Krankheit. Es wäre doch gut, so dachte ich, wenn ich mir die Zeit nehme, die Hefte deiner Klasse einmal in Ruhe durchzusehen und zu korrigieren. Es ist ja so verständlich, dass du mit deinen eigenen Kindern, deinem Mann und allem gar nicht dazu kommst. Schließlich profitiert deine Klasse doch davon, dass ich diese Möglichkeit wahrnehme. Dann sehen die Eltern auch, dass hier korrekt gearbeitet wird.“

Sie holt Luft. Ich auch.

„Aber es war ja klar, dass deine Klasse ein Problem haben würde mit meiner konsequenten und strengen Art. Du bist ja so anders. Nein, ich will das ja gar nicht abwerten…! Aber es ist ja schon so, dass ich meine Klassen bisher immer sehr erfolgreich auf das Gymnasium vorbereitet habe. Da kommt man mit zu viel Nettigkeit ja nicht weit. Und DEINE Klasse hat sich ja auch sehr wohl gefühlt bei mir. Sie fanden es so schön ruhig!“

Frau Schmitz-Hahnenkamp schaut mir mit stechendem Blick in die Augen. Alles an ihr ist Vorwurf mit einer Garnitur aus erfahrungsbedingter Überheblichkeit verziert.

Mir liegen Dinge auf der Zunge. Es wäre ein Leichtes die Fassung zu verlieren und gleichermaßen Verletzendes auszusprechen. In meinem Kopf purzeln und ringen die Gedanken miteinander. Ich denke an das, was ich Herrn Weh, meinem Freund Marten in vielen Gesprächen, Frau Hattifnatte und nicht zuletzt mir selber versprochen habe: auf mich achtzugeben. Mich nicht fressen zu lassen von der unglaublichen Dreistigkeit anderer. Eine Grenze zu ziehen und diese fröhlich zu bewachen. Ich lege den Kopf ein bisschen schief und betrachte meine Kollegin aus dieser Perspektive. Plötzlich durchströmt mich die ungeheuer starke Gewissheit, dass ich niemals so werde. Niemals so werden kann!

Von Erleichterung durchflutet blicke ich Frau Schmitz-Hahnenkamp an: „Danke, dass du mir deine Sicht der Dinge mitgeteilt hast. Damit kann ich viel anfangen!“

Als ich meine Sachen packe und das Lehrerzimmer verlasse, zieht ein Lächeln über mein Gesicht. Auf der Treppe nach unten singe ich lauthals das Lied vom Gänseblümchen und freue mich auf meine Kinder, Herrn Weh und das alles.

 

Bah, Frau Schmitz-H.!

Freitag, Klassenrat bei den Drittklässlern.

„Ich beantrage, dass wir nie wieder zu Frau Schmitz-Hahnenkamp müssen, wenn Frau Weh krank ist!“, Katharina liest mit fester Stimme weiter von ihrem Zettel ab, „Mitunterzeichnet haben Celina, Schmitti, Kai, Marc, Benedikt, Jeanette, Friederike, Alina und Jonas.“

Allgemeines Murmeln und Nicken drückt die Zustimmung der anderen Drittklässler aus. Ich bin überrascht, halte mich aber an die Regeln und warte, bis ich von Friederike, die heute den Klassenrat leitet, drangenommen werde.

„Was ist denn los?“

„Sie mag uns nicht! Sie mag uns wirklich nicht!“, betont Alisa auf meine zweifelnd angehobene Augenbraue hin. „Immer sagt sie, dass ihre Klasse viel toller ist als wir!“

„Und leiser!“

„Und besser!“

Aufgebrachte Zwischenrufe werden laut. Friederike muss für Ruhe sorgen und macht dies erstaunlich souverän. Ich muss mir unbedingt merken, ihren Eltern zu berichten, wie toll sie sich als Klassensprecherin macht!

„Wenn wir einen Fehler beim Abschreiben machen, dann müssen wir das immer korrigieren!“, Schmittis Empörung ist grenzenlos.

„Das müsst ihr bei mir auch.“

„Aber bei dir müssen wir das Wort nur im Wörterbuch suchen und dreimal richtig schreiben. Bei Frau Schmitz-Hahnenkamp müssen wir DEN GANZEN TEXT neu schreiben. Das ist voll gemein!“

„Sie reißt Seiten aus den Heften aus!“

„Und macht SOOOO große Kringel um die Fehler!“ Mehrere Paar Hände malen gigantische Kreise in die Luft.

Die Stimmung im bis eben sehr diszipliniert durchgeführten Gremium droht zu kippen. Die Drittklässler lassen ihrem Ärger über die als ungerecht empfundene Behandlung seitens der Kollegin freien Lauf. Zwar kann ich sie verstehen, es ist allgemein bekannt, dass Frau Schmitz-Hahnenkamp lediglich eine einzige Klasse wirklich mag – die eigene, aber dennoch bin ich der Meinung, dass die Schüler akzeptieren müssen, dass andere Lehrer andere Methoden vertreten.

„Und dann ist es auch noch so“, die kleine Jeanette wird puterrot und schnappt nach Luft, „dann ist es auch noch so total fies, wenn man was falsch macht. Dann streichelt sie nämlich einfach die ganze Seite!“

Überrascht halten die Drittklässler in ihrem Gemurre inne und starren Jeanette an, deren Wangen daraufhin die Farbe vollreifer Tomaten annehmen. Auf einen Schlag löst sich die Anspannung der letzten Minuten und ein großes Gelächter macht sich breit. Auch Jeanette, die ihren Fehler mittlerweile bemerkt hat, stimmt ein. Schnell wird der einstimmige Beschluss gefasst, dass ich ein Gespräch mit Frau Schmitz-Hahnenkamp führen soll.

Immer noch grinsend schreibt Schmitti ins Protokoll: „Wir beschließen einstimmig, dass sich die Frau Weh mal um die Frau Schmutz-Hahnenkampf kümmern soll!!!“ Den Verschreiber übersehe ich beim Korrekturlesen des Klassenratsprotokolls ebenso großzügig wie den kleinen Totenkopf, den er daneben gekritzelt hat.

Ich streichle lediglich kurz über die Seite.