Urlaubsplanungen

Ich habe geschlafen, ich bin ein neuer Mensch!

Voller Tatendrang kann ich mich nun unserer Urlaubsplanung widmen. Am Freitag geht es los und es ist noch überhaupt gar nichts vorbereitet. Das kann ich ja gar nicht leiden, so ungeplante Aktionen. Das Einzige, das schon steht, ist meine Leseliste. Zum Sommerferiengefühl* gehört neben dem Friseurbesuch für mich unbedingt immer auch ein Großeinkauf in der Buchhandlung. Ich lese dann querbeet und äußerst lustvoll Fach- und Schundliteratur, Triviales und Wichtiges durch- und nebeneinander her. Da ich das ganze Jahr über ständig Bücher kaufe und – mangels Zeit – zunächst nach Farben sortiert (am liebsten mag ich rot eingebundene)  in die Bücherregale einräume, muss ich viele Bücher erstmal wiederfinden. Manchmal purzelt mir dabei ganz unverhofft eins in den Schoß, was ich schon vergessen hatte. Dann ist die Freude natürlich umso größer. Bisweilen nehme ich aber auch Bücher in die Liste auf, die sehr widerspenstig sind und die ich schon seit Monaten immer wieder auf- und nach wenigen Seiten zuschlage. Manchmal passen dann einfach Zeit und Ort nicht zusammen. Da bieten die Sommerferien die zweite Chance. Was während dieser Wochen nicht gelesen wird, das wird erfahrungsgemäß nie gelesen.

Sommerferienleseliste 2011:

  • Alex Capus: Léon und Louise
  • Marie-Sabine Roger: Das Labyrinth der Wörter
  • Robert Jourdain: Das wohltemperierte Gehirn. Wie Musik im Kopf entsteht und wirkt
  • Roger Willemsen: Die Enden der Welt (2. Chance-Buch)
  • Eva Baronsky: Herr Mozart wacht auf
  • Terry Pratchett: Das Mitternachtskleid (Ich LIEBE Terry Pratchett!)
  • Winifred Watson: Miss Pettigrews großer Tag (Ich gebe zu, das habe ich nur wegen des Namens der Autorin gekauft. Klingt der nicht wunderbar?)
  • Cornelia Funke: Herr der Diebe (ja, ich lese auch Kinderbücher. Und nicht wenige. Wie soll man denn Kinder zum Lesen animieren, wenn man keine Empfehlungen geben kann?)
  • Dennis Gastmann: Mit 80.000 Fragen um die Welt
  • Ludwig Rendle: Ganzheitliche Methoden im Religionsunterricht (da muss ich nochmal mit Bleistift und Post its ran)
  • Axel Hacke/ Giovanni Di Lorenzo: Wofür stehst du?

Jetzt muss ich nur noch das eine Buch wiederfinden, dass ich im April oder Mai gekauft hatte. Da ging es um… ich weiß nicht mehr. Aber das war blau. Oder grün?

Egal, Lesen ist wunderbar!

* (gutes Wetter kann man ja getrost bei dieser Aufzählung auslassen…)

Liebesperlen

Ich habe ein wirklich nettes Kollegium! Die mag ich alle richtig gern. So viele sind wir ja auch nicht. Und mich mögen die meisten auch gern. Also, wir sind zwischendurch richtig harmonisch miteinander.

Na gut…nicht alle. Mit Frau Schmitz-Hahnenkamp ist es manchmal etwas schwieriger. Sie ist ein bisschen anders. So größer halt. Und wuchtiger. Und viel, viel lauter als ich. Da kann man es schon mal mit der Angst kriegen. Manchmal gehe ich dann schnell in die Küche, wenn ich sie auf dem Flur höre. Andererseits wäre ich gerne mal Mäuschen in ihrem Unterricht. Da ist es immer so leise, wenn man vorbeigeht! Bei mir sollte man besser nicht vorbeigehen. Wenn man Pech hat, wird man vielleicht von einem fliegenden Hausschuh getroffen. Auf jeden Fall aber trifft einen eine gewisse Geräuschkulisse. Und leise ist es auch nicht so oft. Eher so… handlungsorientiert. Ja, genau, bei mir ist es handlungsorientiert!

Bei Frau Schmitz-Hahnenkamp sind die Kinder nicht handlungsorientiert. Die sind still. Ich glaube ja, die haben Angst sehr viel Respekt. Vor mir hat ja irgendwie keiner Angst. Dafür kriege ich in jeder Frühstückspause Essen aufs Pult gelegt. Ich esse das aber nicht alles. Erstens wegen der Bazillen und zweitens wegen dem Format. Ich habe ja mehr so Kleinformat, da wirkt man schnell apfelförmig, wenn man nicht aufpasst.

Im Frühling, da bekomme ich Frühlingsblumen. Liebevoll werden die aus fremden Vorgärten ausgerissen. Meine persönlichen Morgengaben sind das. Man kann den Schulweg einiger Kinder anhand der leergerupften Flecken in den Vorgärten bestimmen. Echt jetzt! Und ich bekomme oft Briefe in einen kleinen Briefkasten gesteckt. Hah, die bekommt Frau Schmitz-Hahnenkamp bestimmt nicht so oft! Einmal war sogar ein richtiger Liebesbrief dabei.

Libe Frau Weh

ich finde dich ser net

wilst du mit miehr gen?

O ja

O nein

O fileicht

dein Phülip*

* (Lesen durch Schreiben. Was will man dazu sagen?)

Natürlich habe ich auch geantwortet, ich finde, das gehört sich so:

Lieber Philipp,

vielen Dank für deinen Brief.

Ich finde dich auch sehr nett!

Aber ich habe schon einen Mann.

Du findest bestimmt später mal eine tolle Frau.

Liebe Grüße von deiner Frau Weh

Es war übrigens nicht schlimm für ihn. Als ich gestern den mittlerweile Siebzehnjährigen auf der Straße traf, hatte er den Arm um ein Mädel in recht knapper Hüfthose geschlungen und sah sehr glücklich aus.

Willkommen To Sin

Früher war ja manches einfacher. Als es noch kein youtube gab und kein Englisch in der Grundschule. Da konnte man richtig tollen Musikunterricht machen. Wenn wir im 4.Schuljahr mit Rap begonnen haben, dann habe ich die Kinder per Vocassion oder Bodypercussion einen Grundbeat schlagen lassen und dazu Oldschoollegende Kool Moe Dees Go See The Doctor performed. Ein absoluter Klassiker der rap language. Und so verdammt cool. Da wussten die Kinder sofort und auf der Stelle Bescheid. In den folgenden Einheiten konnte man dann leicht DJing, B-Boying und Graffiti einfließen lassen und – ta daa! – das Gefühl für HipHop war wachgeküsst. Natürlich wollten die Kinder auch vor ein paar Jahren immer gerne wissen, worum es eigentlich geht. Und auch wenn ich generell dafür bin, Kindern grundsätzlich keine Sachverhalte zu verschleiern, ist es bei diesem Stück (wie  bei vielen Raps) nun etwas… prekär. Also beließ ich es bei der allgemeinen Feststellung, dass ein Arztbesuch dann und wann nicht schaden könne und gut war.

Heute hat mans schwer. Da steckt man mitten in der Notenlehre und kommt beim Radiohören während der Autofahrt auf die geniale Idee, den Kindern den G-Dur-Akkord mit dem Glockenspielpattern im bekanntesten Song der Bananafishbones zu vermitteln:

Come To Sin

da fällt einem auf, dass der Text nicht gerade das ist, was Eltern gerne im Musikheft ihres Viertklässlers lesen.

Kleine Bemerkung am Rande:

Glockenspiele sind wohl noch das in den meisten Grundschulen am häufigsten vorhandene Instrument. Also nutzen wir sie doch. Es muss ja nicht immer Orff sein. Interessanterweise gibt es noch einige weitere Popsongs, in denen das Glockenspiel eingesetzt wird. Z.B. in Radioheads No Surprises (Vorsicht, Stimmung ist anders) oder Cheryl Coles Fight For This Love. Der Einsatz von Come To Sin eignet sich in meinen Augen besonders gut zum Klassenmusizieren, da das Pattern einfach ist, sich wiederholt und schrittweise ergänzt werden kann. Schlussendlich lässt sich eine recht nette Performance einüben mit Glockenspielen, wenigen Metallophonen, Boomwhackers, Cajon oder anderem Schlagwerk. Und das Allerwichtigste: Die Motivation der Kinder ist bei diesem Stück unglaublich hoch. Selbst der letzte Muffelkopf verlässt die Stunden mit heißen Öhrchen, weil es so toll war. Versprochen!

Aber das muss nun im Sinne der Kunst einfach ignoriert werden, denn dass das Stück ein wahrer Knaller ist, hört ja nun jeder. Am Tag nach der ersten Bananafishbone-Stunde können mir alle Kinder den G-Dur-Akkord nennen und vorsingen, drei Kinder kommen mit dem ausgedruckten und über google übersetzten Text (ha ha), fünf Kinder haben sich das Stück bereits auf legale oder andere Weise heruntergeladen, ein Kind bringt ein eigenes Glockenspiel mit und ein weiteres einen Brief seiner Mutter, in dem steht, dass sie auf eine Erklärung wartet, was „so ein Schund“ im Musikunterricht der Grundschule zu suchen hat. So macht Unterricht Spaß!

Ich habs getan

Ich war in der Schule. Obwohl ich mir vorgenommen hatte frühestens in der dritten Ferienwoche hinzufahren. Nee, wirklich, total abhängig die Frau Weh! Schlimm. Ich wollte nur mal kurz in die Klasse huschen und einen Ordner holen, ehrlich! (Ich brauche den Ordner nämlich. Am Donnerstag kommt eine Freundin zu Besuch, die nach nunmehr 8 Jahren an der Hauptschule an die Grundschule wechselt, da wird meine fachliche Unterstützung benötigt. Und dafür brauche ich nunmal auch diesen wichtigen Ordner!) Na gut, auch mal kurz ein paar Worte mit dem Hausmeister wechseln, das gebietet die Höflichkeit. Vielleicht mal nach den großen Pflanzen sehen. Und hören, ob sich das Klavier durch die Temperaturschwankungen verstimmt hat. So Kleinigkeiten halt. Aber ich habe ehrlich vergessen, dass die Ferienbetreuung dieses Jahr bei uns in der Schule stattfindet. (Schließlich haben wir dafür am letzten Schultag ja auch nur acht Klassenräume leerräumen müssen.)

Ich betrete also den Schulhof und ein ohrenschmalzbetörendes

„FRAU WEEEEEE-HEEEEEEE!!!“

erklingt aus hundert Kehlen. Kleine Arme schlingen sich um meine Körpermitte, schwitzige Köpfe werden an mich gedrückt.

Ich (nach Luft ringend. Ja, Liebe kann erdrückend sein.): „Oh, hallo Kinder!“

Kinder (durcheinander): „Warst du schon im Urlaub, Frau Weh?“

„Frau We-he, guck mal mein Knie, das ist total auf!“

„Ich fahr an die Nordsee!“

„Mein Papa hat ein neues Auto!“

„Frau Weh, auf dem Klo ist kein Klopapier, kannst du mir mal was geben?“

„Der Paul hat Arsch zu mir gesagt!“

 

Toll, alles wie immer 🙂

Aufmerksamkeitscatcher

Ich habs geschafft. Ich habe mein Arbeitszimmer aufgeräumt. Was für eine Freude!

Es waren nur vier, fünf Stunden und ein wenig musikalische Unterstützung von Viktoria Tolstoy (ja, genau, verwandt mit dem Tolstoi), Rebekka Bakken und Stacey Kent nötig. Ich mag easy listening zwischendurch wirklich gerne. Und bevor hier jetzt jemand spöttisch die Augenbraue hebt, die drei Damen haben durchaus Format. Und hübsche Stimmen. Und Swing! Das ist wesentlich mehr als man beispielsweise von den Kandidaten einschlägiger TV-Formate erwarten kann.

Außerdem kann man nicht immer Klassik hören. Das ist ja nicht nur reiner Genuss, sondern immer auch Hör-Arbeit. Und davon bekomme ich Hunger. Und in den Ferien nehme ich sowieso immer ein, zwei Kilo zu, weil ich Zeit zum Essen habe und mich dabei im Gegensatz zur Schulzeit sogar hinsetze. Da kann ich jetzt nicht auch noch ständig Klassik hören und dabei Pasta oder Süßkram inhalieren. Kinder sind nämlich sehr direkt. Wer möchte schon nach den Sommerferien mit einem fröhlichen „Du bist aber dick geworden, Frau Weh!“ auf dem Schulhof begrüßt werden? Na also!

Überhaupt, die Optik! Das ist ja so wichtig. Manchmal macht ein gutes Outfit eine miese Stundenplanung wett. Ich besitze zum Beispiel ein bestimmtes Blümchenkleid. Es ist himmelblau mit einer überbordend großen Menge bunter Prilblumen drauf. Wenn man lange genug daraufstarrt, kann man Muster in 3D erkennen. Schaut man noch länger, beginnen sie zu tanzen. Dieses Kleid garantiert die Aufmerksamkeit der kompletten weiblichen Schülerschaft. („Du bist heute aber hübsch, Frau Weh!“) Ich habe es getestet, es wirkt. Mathearbeiten werden mit weniger Genöle quittiert und Pausenaufsichten werden wesentlich ruhiger. Außerdem können mich die Kinder sofort orten, wenn etwas ist. Das Kleid flirrt nämlich unter Sonneneinstrahlung.

Bei den Jungs ist das schon schwieriger. Da braucht es etwas mehr, um Eindruck zu machen. Grundsätzlich mögen sie lange blonde Haare (hab ich nicht), lange Beine (hab ich auch nicht) und eine passable Oberweite (ach, was soll ich mich denn jetzt in meinem eigenen Blog zum Horst machen!?). Darin unterscheiden sich kleine Jungs von größeren nur unwesentlich. Ich habe gelesen, dass bereits in der Eiszeit Blondinen bevorzugt wurden. Wer zum Teufel untersucht sowas? Und wie?

Bei den Jungs greife ich daher lieber auf andere Aufmerksamkeitscatcher zurück. Lego Star Wars Fachwissen kommt gut. Ich empfehle das Buch Lego Star WarsAlle Figuren, Raumschiffe und Droiden, die Nachschlagebibel von Episode I bis zu „The Clone Wars“. Nach der Lektüre bleiben keine Fragen offen. Wie viele Steine hat der Millenium Falcon? (659, zumindest beim alten Modell von 2000. Das neue ist gerade auf den Markt gekommen und verfügt über 1254 Teile.) Wie viele bespielbare Ebenen gibt es auf dem Todesstern? (4, wobei die unterste Ebene direkt unter der Müllpresse liegt und von Müllkraken – Dianogas – bewohnt wird.) Alles keine großen Unbekannten mehr. Mit Minifigur Luke Skywalker! Den im entscheidenden Moment aus der Tasche gezogen und alle Jungs sind auf deiner Seite.

Falls es einige wenige Exemplare geben sollte, die dem Star Wars Kult nicht verfallen sein sollten (ich benutze bewusst den Konjunktiv. Jeder, der eine Klasse 1-4 unterrichtet, weiß, warum) dann gibt es das Buch der Bücher auch passend für Potterfans Lego Harry Potter – das magische Lexikon. Auch hier mit exklusiver Minifigur (Harry im Ausgehanzug) und jeder Menge nötigem und unnötigem Wissen. Ob es die Pirates of the Carribean auch bis zum eigenen Lexikon schaffen werden, steht noch in den dänischen Sternen.

Auf jeden Fall sind das ein paar wirklich gute Möglichkeiten Jungs zum Lesen zu verlocken. Neben einem dicken Lexikon über verschiedene Automodelle sind die oben genannten Bücher die beliebtesten in meiner Klassenbibliothek. Als Farbkopie laminiert und in einzelne Artikel zerschnitten finden sie auch häufig Verwendung als Abschreibtexte.

Naja, auf jeden Fall häufiger als die Abschreibtexte von Sommer-Stumpenhorst.

 

 

Schweineblasen Teil II

Am nächsten Morgen habe ich einen gepflegten Kater. Also beschließe ich statt des Frühstück lieber eine Kopfschmerztablette und eine Ladung Magnesium zu mir zu nehmen. Vor der Badezimmertüre – ich erwähnte, dass es ein heißer, wirklich heißer Sommer war? – höre ich ein eigentümliches Summen. Seltsam. Ich öffne die Türe, das Summen schwillt an und…!

Wie soll ich ihn bloß beschreiben, den unermesslichen Ekel, den ich empfinde, angesichts der Millionen-, achwas, Milliardenschaft an Schmeißfliegen, die an jedem einzelnen Schweineblasenballon hängen? In Trauben kleben sie übereinander, bohren ihre vibrierenden Hinterleiber zur Eiablage in die weichen Hüllen. Ich kämpfe gegen den Drang mich auf der Stelle übergeben zu müssen, verlasse das Bad rückwärts, knalle die Türe zu und lasse mich kraftlos an der geschlossenen Türe herabsinken. Ich kann nicht mehr. Ich möchte heulen, mich übergeben, schreien. Alles gleichzeitig.

Lucilia sericata ist ein wirklich hübscher Name für ein solch mieses Geschöpf. Scheißschmeißfliegen! Haben die überhaupt eine Ahnung davon, was ich seit gestern erlebt habe? Sollte das alles umsonst gewesen sein? Heiße Tränen der Erschöpfung und Empörung rinnen meine Wangen herunter. So leicht lasse ich mich nicht unterkriegen. Nicht von einem Insekt!

Ich hole mir die rosafarbenen Gummihandschuhe aus der Schublade und binde mir ein Küchentuch („Enjoy cooking!“) um den Mund. Im Schlafzimmerschrank finde ich eine alte Taucherbrille und eine noch fast volle Flasche Haarspray. Dann nehme ich mir ein Feuerzeug und mache mich auf den Weg. Ich bin ganz alleine auf mich gestellt. Eine neue Spezies hat die Menschheit ausgerottet und einzig ich habe überlebt. Aber ich bin nicht bereit, kampflos in den Tod zu gehen. Oh nein! Ich nicht! Gedanken an Kafka und einen blut- und dreckverschmierten Bruce Willis schießen mir durch den Kopf, als ich erneut ins Badezimmer trete. Auge in Facettenauge mit dem Feind. Dann eröffne ich das Feuer.

Das Inferno ist unbeschreiblich. Der Geruch vebrannter – ja was eigentlich? – ist eine olfaktorische Beleidigung und schlägt mir trotz Tuch grob in die Nase. Ob es an den eingeatmeten Dämpfen liegt, am Adrenalin oder der schieren Verzweiflung, die meine Sinne benebelt, ich habe das Gefühl die Milliardenschaft der Scheißfliegen explodiert, nur um sich dann mit aggressivem Brummen zu einem einzigen Organismus zusammenzufügen. Es geht um Leben oder Tod. Ich bin bereit zum Äußersten. Die Fliegen auch. Sie wollen mich im Kollektiv vernichten. Fliegen mir in die Ohren, in die Haare und ins T-Shirt. Ich brülle. Ich schreie. Ich werfe Flammen.

„Nehmt das! Und das! Und das auch noch, ihr Scheißbiester!“

Mit zwei Sätzen bin ich beim gekippten Fenster angekommen und reiße es auf. Es dauert eine ganze Weile bis die Überlebenden den rettenden Ausweg gefunden haben, noch länger dauert die Beseitigung der Abertausend Leichen an. Mir klebt der Schweiß auf der Stirn, aber ich habe gesiegt. Ich habe meine Schweineblasen unter Einsatz meines Lebens verteidigt gegen eine Übermacht gefräßiger eierlegender Gegner.

Mit gehetztem, irrem Blick tätschle ich liebevoll über die Ballons („mein Schatzzzz, mein Liebesssss, mein Eigen!“)

Ich schließe das Fenster und verlasse ermattet das Badezimmer. Im Schlafzimmer falle ich aufs Bett und sinke fast augenblicklich in einen unruhigen Schlaf (schließlich ist da ja auch noch der Kater, der lautstark sein Recht auf Erholung einfordert). Als ich später am Tag aufwache, laufe ich sofort zur Badezimmertüre, ängstlich auf jedes Geräusch achtend. Aber nichts ist zu hören. Ich öffne die Türe. Dort hängen sie, meine Ballons, unversehrt!

Aber Halt, was ist das?

Ich trete näher und erkenne auf mehreren Ballons ein rosafarbenes Gewimmel. Die ersten Maden sind geschlüpft und fressen sich durch die Hüllen. Die Larven der Lucilia werden auch als Pinky Maden bezeichnet und sind sehr begehrte Angelköder. Keimfreie Maden werden schon lange erfolgreich in der Wundtherapie eingesetzt. Sind Schweineblasen, die im Hochsommer in einem Badezimmer aufgehängt werden, keimfrei? Wirre Gedanken schießen durch mein Hirn während ich fassungs- und tatenlos dem Gewimmel zusehe. Meine Kraft ist verbraucht.

Wie formuliert Jeff Goldblum als Chaostheoretiker Malcom in Jurassic Parc so treffend: „Das Leben findet einen Weg!“ Ich kapituliere vor der Natur, hole ein Messer, lasse ganz ruhig die Luft aus den Schweineblasenballons und tüte alles in zwei blaue Müllsäcke ein. Bis zum Abend putze ich das Badezimmer. Immer und immer wieder. Bei Anbruch der Dunkelheit lade ich die Müllsäcke ins Auto, hole auch noch die gestrigen Überreste aus der Tonne und fahre kilometerweit bis auf einen dunklen Autobahnparkplatz. Dort entledige ich mich der tierischen Überreste und mache mich auf den Heimweg. Nachts träume ich vom Friedhof der Kuscheltiere.

Ich habe die Trommeln dann mit Butterbrotpapier und Kleister angefertigt. Der Klang war ganz passabel. Den Schlachthof habe ich nie wieder betreten.

Schweineblasen Teil I

Heute bekam ich eine E-Mail einer ehemaligen Lehramtsanwärterin. Sie schrieb wie froh sie über die Ferien wäre und wie überraschend anstrengend der Übergang vom Referendariat in die erste richtige Stelle sei. „Früher hatte ich noch so richtig Zeit, um meine Stunden zu planen, das geht jetzt gar nicht mehr.“, klagte sie mir ihr Leid. Ja, so ist das. Bei 28 Stunden kann man sich nicht mehr den Luxus erlauben, länger als nötig darüber nachzugrübeln, ob in der einen Stunde als Sozialform Partner- oder Gruppenarbeit vorzuziehen sei und in einer anderen auf ein Schmuckblatt mit einfacher oder lieber mit Kontrastlineatur geschrieben werden soll.

Das weckt Erinnerungen ans eigene Referendariat. Natürlich ist Musik das schönste aller Fächer. Selbstredend beinhaltet ein guter Musikunterricht viele Elemente. Und selbstverständlich reagiert man als LAA verschnupft auf die interessierten Fragen des Kollegiums, was man denn außer Singen noch so mache in den Stunden. Also überlegt man sich für das nächste Schulfest eine besondere Darbietung: wir trommeln! Und zwar richtig, nicht so ein Kokolores wie das fußballherrliche dam dam dadadam, dadadada da dammm, sondern richtige Rhythmen. Afrika! Südamerika! Samba!!! Natürlich auf selbstgebauten Trommeln, man weiß ja, authentische Erfahrungen, sinnliches Arbeiten, fächerübergreifend und handlungsorientiert. Alles so wichtig!

Gesagt, getan. Aus finanziellen Gründen suche ich notgedrungen nach alternativen Bauelementen. In einem großen Teppichhandel erstehe ich Teppichrollen, die – mühsam per Hand auf 30 Stück abgesägt – den Trommelkorpus bilden werden. Aber was nun als Bespannung nehmen? Felle scheiden aus, zu teuer. Aber Schweineblasen müssten gehen. Da reicht eine für zwei Trommeln. Die gibt es im Schlachthof umsonst. Man muss da nur anrufen und vorbeifahren. Klingt einfach, oder? Ist es aber nicht.

Ich komme im Schlachthof an. Es ist Sommer, Hitze wabert über dem Pflaster, ein eigentümlicher Geruch liegt in der Luft. Ich klingele und werde in eine Schleuse geführt, in der ich mir eine Ganzkörperplastiktüte überstülpen muss. Oh. Also eigentlich dachte ich, ich bekäme nur ein Paket in die Hand gedrückt…? Nein, ich muss da rein. Wer Schweineblasen will, muss sie sich selber abholen. Einsam stehe ich auf einem weiß gekachelten Flur. An einer Leine über mir sausen Schweinehälften vorbei. Von links nach rechts.

Ich (verzagt): „Ähm… hallo?“

Ssssst, wieder eine. Seltsame Gefühle steigen in mir auf. Mir ist ein wenig blümerant. Trotz der recht kühlen Temperatur verspüre ich einen leichten Schweißfilm auf meiner Stirn. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Ich hätte jetzt gerne das Gewünschte und dann raus! Da taucht jemand auf, der sich auszukennen scheint. Zumindest ist er ähnlich gekleidet wie ich, trägt das Outfit aber mit deutlich mehr Souveränität.

Ich: „Äh… hallo!? Moment mal, bitte!“

Vorsichtig, um nicht in eine Kollision mit einem halben Schwein verwickelt zu werden, setze ich Schritt vor Schritt in die Richtung des Mitarbeiters. Bemüht, nicht an eine ganz bestimmte Kurzgeschichte von Roald Dahl zu denken, in der interessierte Besucher einer Fleischerei schlussendlich selbst in der Wurst und später im Gasthaus auf dem Teller landen. Der Fleischer schaut mich interessiert an. Brust oder Keule? Was mag er denken? Mir ist nicht gut. Nein, gar nicht.

Irgendwie schaffe ich es und nuschle unter meinem Mundschutz, dass ich Schweineblasen abholen wolle. Der Schlächter nickt und verschwindet in Richtung der heranrollenden Schweinehälften. Ich schließe für einen Moment die Augen und wiederhole mantramäßig TrommelnTrommelnTrommelnTrommelnTrommelnTrommeln…Mit dem Fuß stoße ich gegen einen großen Behälter. Ich öffne die Augen: Schweinefüße.

Plötzlich steht ButcherBoy vor mir und drückt mir grinsend einen Plastiksack in die Hand: „Viel Spaß, junge Dame!“ Der Sack fühlt sich warm an. Mich würgt es.

Irgendwie schaffe ich den Heimweg. Zu Hause leere ich den Sack in die Badewanne und erstarre! Ja, es sind Schweineblasen. Aber sie sind gefüllt und außerdem noch so… komplett mit alldem, was die Natur einem Eber an gutgemeinter Ausstattung mit gibt. Landen nur männliche Schweine in der Fleischproduktion? Hatte uns nicht ein Biolehrer vor Jahren erzählt, dass sich Mensch und Schwein nur geringfügig unterscheiden? Jetzt glaube ich es. Ich muss mich setzen. TROMMELN!TROMMELN!TROMMELN!

Da hilft auch kein Mantra mehr, die Dinger müssen ab.

Ich hole die Küchenschere und versuche mein gesamtes Wissen über Freud, die Psychoanalyse, Kastrationsangst und Penisneid zu vergessen. Mutig angesetzt und ZWITSCH das erste Gemächt ist abgetrennt. Fieses Gefühl. Ich kann nicht lange darüber nachdenken, denn der Inhalt der Blase ergießt sich gerade über meinen Arm. Wuäh. Also wirklich, das hatte ich mir so nicht vorgestellt! Mir ist heiß und übel. Es riecht komisch und vor mir in der Badewanne ( in meiner Badewanne! Wie soll ich mich denn da jemals wieder reinlegen?) liegen 20 Schweinepenisse mit prallen Anhängseln und gut gefüllten Blasen. Ich schlucke, schalte mein Gehirn auf Standby und mache mich an die Arbeit.

40 elende Minuten später habe ich alles entmannt, die Überbleibsel in zwei Mülltüten und – damit man nichts sieht – eine Discountereinkaufstüte verpackt in die Mülltonne geworfen, die Blasen gespült und – Ekelfaktor unendlich – aufgepustet. An einer quer durchs Badezimmer gespannten Leine habe ich die Schweineblasenballons zum Trocknen aufgehängt. Badezimmer und ich selber sind geschrubbt und in Wolken von Sagrotan gehüllt.

Ich gehe in die Küche und betrinke mich.

Schöner Wohnen

Heute bleibt es kurz. Nachdem ich morgens erfolgreich gegen den Schmerz geatmet habe (nochmal danke für den Tipp!), dachte ich, ein bisschen malern könnte nicht schaden. So als Gegenbewegung, ich bin ja Rechtshänder. Dabei Rhapsody in Blue gehört und Barbers Adagio for Strings (und nur ein ganz kleines bisschen dabei vor Rührung geweint). Eben habe ich das letzte Stück Abklebeband entfernt und jetzt ist es schon dunkel draußen. Und weg ist der Tag. Da muss jetzt also jeder Verständnis fürs Nicht-Schreiben haben, ich hab ja nichts erlebt. Außer, dass ich drei phänomenale Farbtöne auf mehreren Wänden verteilt habe. Onionskin, Talas und Seagull. Letzteres sieht allerdings mehr nach Möwenkacke aus als nach Möwe. Muss ich morgen mal bei Licht gucken.

Als ich frisch im Lehramt war habe ich ungelogen in  j e d e n  Ferien gestrichen. Therapeutisches Streichen. Farbpsychologie und so. Lichtblau für mehr Ruhe und Ausgeglichenheit im Schlafzimmer, kräftiges Gelborange für Vitalität und Lebensfreude in der Küche, frisches Grün für Schaffenskraft und Tatendrang im Arbeitszimmer. In den folgenden Ferien dann mal andersrum. Insgesamt hatte ich damals eine wirklich aufregende Lebensphase.

Mittlerweile weiß ich: Alles Blödsinn.

Heute streiche ich Grau. Zwiebelgrau, kirgisisches Grau und Möwenkackengrau. Wer will schon Aufregung in den Ferien?!

 

Ferienschmerz

Da ist er. Der Ferienschmerz. Ich habe schon drauf gewartet. Ein guter Lehrer wird ja in den Ferien krank und natürlich bin ich ein guter Lehrer… also ich will das wenigstens sein. Und beim Krankwerden klappt das meistens schon ganz gut.

Nachdem ich letzte Woche ja bereits geschwächelt habe, hätte ich eigentlich auf eine Erkältung getippt. Stattdessen kann ich meinen Kopf nicht mehr nach links drehen. Wenn ich es versuche, entflammt sofort ein Schmerz übers Schulterblatt ins Hirn: Bewegung verboten! Nach rechts geht ein bisschen besser. Insgesamt bin ich aber deutlich in meinem Radius eingeschränkt. Hat sich das mit dem Sport auch erstmal erledigt. Heute Nacht bin ich bei jeder Drehung aufgewacht und habe leise gejammert. Nach ein paar Stunden auch ein bisschen lauter. Das Internet gibt keine allgemeine Antwort auf die Frage, wie oft man sich im Schlaf dreht. Das ist nämlich individuell verschieden. Ich weiß jetzt aber wie oft ich mich umdrehe. Exakt 37 Mal. Das ist wesentlich mehr als nötig wäre. Da sollte ich dran arbeiten. Das passiert mir oft, dass ich mehr mache als nötig. Lehrerangewohnheit. Mein Freund Marten sagt, dass man sich das mit ein bisschen Übung abtrainieren könnte. Mal sehen.

Zu Ferienbeginn hatte ich schon alles außer Langeweile und Schweißfüßen (dazu neige ich trotz familiärer Vorbelastung glücklicherweise nicht!). Klassiker sind natürlich grippale Geschichten, wahlweise in den Atem- oder den Verdauungswegen angesiedelt. Im Sommer 2004 war es besonders heftig, da habe ich mir das Kopfkissen vors Klo gelegt und bin drei Tage nicht aus dem Bad gekommen. Aber im Nachhinein vermute ich stark, dass das mehr mit dem aufgetauten Fisch als mit meiner damaligen Klasse zu tun hatte.

Insgesamt geht es mir aber noch gut. Die weltbeste Schulsekretärin bekommt immer Herpes, wenn sie sich ekelt. Und sie muss sich recht oft ekeln, die Arme. Vor drei Wochen kam ein Kind zu ihr ins Büro und noch ehe das kleine Kerlchen „mir ist nicht gut“ sagen konnte, verteilte es bereits den Mageninhalt auf Schreibtisch, Tastatur und weltbester Sekretärin. Unter Schütteln teilte sie mir dies später auf der Lehrertoilette mit, wo sie sich – notdürftig gereinigt – mit Blick in den Spiegel die ersten Herpespflaster prophylaktisch auf die Lippen klebte. Ich habe seit einem ähnlichen Erlebnis während einer Busfahrt am Ende eines Ausflugs immer eine Ladung Klamotten im Klassenschrank deponiert. Gleich neben den Wechselsachen für undichte Schüler.

Entspannung

Ja, ich realisiere es langsam. Heute hat es sich schon gar nicht mehr nur nach Sonntag angefühlt. Ich hatte sogar die Muße mir die Milch für den Kaffee aufzuschäumen. (In der Schulzeit schütte ich mir immer nur einen Schuss Milch direkt aus dem Kühlschrank in die Tasse und ärgere mich über das lauwarme Gebräu.) Morgen schüttel ich dann noch so ein nettes Bildchen aus dem Kakaostreuer auf den Milchschaum. So schmeckt Urlaub. Nur die Sonne fehlt. Wo bleibt die bloß? Hoffentlich wird das nicht wie vor ein paar Jahren. Sechs Wochen Regen und dann pünktlich zum Schulbeginn – zack! – 30 °C. Das war wirklich keine Freude.

Ich bin aber weit davon entfernt mich vom Wetter deprimieren zu lassen! Mein Arbeitszimmer liegt nämlich im Dachboden und das

Pling plingpling Pling PLONG ploing

hat durchaus etwas Meditatives. Da räumt es sich schön bei auf. Nicht, dass ich damit schon ernsthaft begonnen hätte. Eigentlich habe ich nur meine Schreibtischplatte abgeräumt und einen weiteren Stapel auf dem Boden gebildet. Dabei habe ich eine schon ziemlich betagte Rechnung zu Tage befördert. Nebst einer auch nicht mehr so frischen Mahnung. Der Schreibtisch sieht dafür jetzt wieder aus wie neu!