Der Tod raucht mit

Religion, 4.Schuljahr. Es geht um den Tod. Ein wahnsinnig spannendes Thema für die Viertklässler. Viele waren schon einmal auf einer Beerdigung, fast jeder trauerte schon um ein liebgewonnenes Haustier. Und dann erst die Sache mit den Würmern…!

Wir streifen die Vorstellungen anderer Weltreligionen, philosophieren über ein Leben nach dem Tod, um dann doch wieder auf den wirklich spannenden Bereich zurückzukommen: wie geht das mit dem UnterdieErdebringen denn nun eigentlich? Gibt es andere Möglichkeiten als den Friedhof um die Ecke?

Maren erzählt: „Meine Oma, die haben wir in so einem Wald vergraben.“

Roman kann toppen: „Bei meinem Opa sind wir mit dem Schiff gefahren und haben ihn ins Meer geworfen.“

Irritierte Zwischenfrage von Laura: „Deinen ganzen Opa? In einem Sarg? Oder wie?“

„Nee“, antwortet Roman, „zuerst ist der verbrannt worden und dann haben wir den Rest in so einen…“, er überlegt, „Aschenbecher getan.“

Ein ganz normaler Morgen

  • 6.50 Uhr: mit einer großen Schüssel Waffelteig, einem Doppelwaffeleisen, Auskühlgitter, Küchenrolle, Puderzucker, Suppenkelle, Gabel, einem Packen Servietten, sowie diversem anderen Material ausgestattet, verlasse ich das Haus.
  • 7.16 Uhr Ankunft an der Schule. Ich freue mich über den wiederauferstandenen Hausmeister, schmeiße beide Kopierer und die Kaffeemaschine an und stelle den Teig kalt. In der Klasse bringe ich den Tagesplan an der Tafel an, notiere die Hausaufgaben und lüfte einmal durch. Ich gehe in den Keller und bereite die Materialien für die Gruppenarbeit vor.
  • 8.00 Uhr: Religion, 4.Schuljahr. Die Gruppenarbeit läuft gut, die Ergebnisse sind repräsentativ, die anschließende Kritikrunde findet in angenehmer Atmosphäre und mit sachlichen Kommentaren statt. Schön. Nach dem Klingeln räume ich die 9 verschiedenen Bibeln, die Arbeitsaufträge, die Kiste mit den Heften und drei Schnipsel weg.
  • 8.52 Uhr. Der Bus hat Verspätung. Gemächlich trudeln die Drittklässler zum Musikunterricht ein. Zwei Zweitklässler stoßen dazu, die aufgrund der Erkrankung einer Kollegin aufgeteilt wurden. Wir sitzen im Kreis am Klavier als es pünktlich um
  • 9.00 Uhr schrill klingelt: Probe-Feueralarm. Alle Kinder stieben wie kopflose Hühner auseinander und rasen auf die senkrecht aus dem Kellerraum führende Feuerleiter zu. Erst mein lauter Pfiff erinnert sie daran, dass wir eine gewisse Ordnung beibehalten. Sogar bei Probealarm. Alle schaffen es irgendwie aus dem Raum und ein paar Minuten später auch wieder zurück. Die Drittklässler sind wie mit dem Bömmel geflitscht und völlig aus dem Häuschen. Dann ist aber eigentlich schon Frühstückspause und aufteilen muss ich die Kinder auch noch. Es macht die Situation gleich viel erträglicher, dass kein Arbeitsmaterial für die kommenden zwei Stunden vorhanden ist. Ich sauge mir schnell fünf Begriffe für eine Reizwortgeschichte (Schuh, Stiefmutter, Taube, Erbsen, Feueralarm) aus den Fingern und eile um
  • 9.35 Uhr in die Lehrerküche, um den Waffelteig zu holen. Dabei sammle ich ein paar verschollene Zweitklässler ein, die in der Pause mit mir verabredet sind, um ihre Laterne zu beenden. Ich begrüße die gutgelaunte Mutter, die sich netterweise zum Waffelbacken angeboten hat und besorge ihr einen Kaffee. Zeitgleich übergebe ich Tom1, Nathalie, Nick und Jens die halbfertigen Laternen, fülle Marvin-Superkleber ab und schicke Laura, Mia-Sophie, Lennox und Benjamin zum Händewaschen. Dann dürfen sie zu Mutter und Teig. Bei einem späteren Kontrollblick stelle ich fest, dass die Kinder jeden einzelnen ihrer 10 Finger nacheinander in den Teig stecken und genüsslich ablecken. Hmm, lecker.
  • 9.55 Uhr, es klingelt. Die Laternen sind fertig, der Waffelberg steigt an. Ich hole den Rest meiner Zweitklässler, wir begrüßen uns, ich kontrolliere im Schnelldurchlauf die Hausaufgaben, gebe neue auf, die Kinder stellen sich Quizfragen zum Eichhorn, wir begrüßen 5 aufgeteilte Drittklässler, die sich sichtlich freuen beim Waffelessen dabei zu sein und dann – endlich! – sitzt jedes Kind vor einer ordentlich gepuderzuckerten Waffel, alle schweigen andächtig und warten bis sie gemeinsam anfangen können. Ich lese ein Eichhörnchenbuch vor, alle hören zu, mümmeln ihre Waffeln und außer einem gelegentlichen „hmmm“ hört man – nichts. Zuckersüß, die Kinder. Die vormals waffelbackende Mutter ist so beglückt über diesen Anblick (und ich erst!), dass sie sich am Ende dafür bedanken wird, dabeigewesen zu sein.
  • 11.30 Uhr, Pausenaufsicht. Ich müsste mal aufs Klo. Allein, was nützt es? Ich halte Smalltalk mit ein paar Erstklässlereltern, finde einen verschollen geglaubten Turnbeutel wieder, genieße die Sonne und die Tatsache, dass ein bestimmtes drittes Schuljahr einen Ausflug in den Wald macht (daher die ruhige Pause) und warte auf das Klingeln um
  • 11.45 Uhr. Förderstunde Feinmotorik, 1.Schuljahr. Ich sammle die Jungs vom Klettergerüst und aus den Toilettenräumen („hat es schon geklingelt?“) und übergebe ihnen mit großer Theatralik und weitaufgerissenen Augen die schärfsten und gefährlichsten Pricknadeln der Welt. Andächtiges Schweigen. Mit größter Konzentration machen sich die Kandidaten daran, die Dinosaurierskelette freizulegen.
  • 12.30 wieder Religion, wieder ein 4.Schuljahr, wieder Gruppenarbeit. Es läuft besch…eiden. Die Arbeitslaustärke unerträglich, die Ergebnisse nicht der Rede wert, Kritik… ach lassen wir das. Alle sind froh, als es um
  • 13.15 Uhr klingelt. Ich hetze zur Busaufsicht („tschööööö, Frau Weh!“ „Bis morgen, Frau Weh!“, „schönen Nachmittag, Frau Weh!“), um mich anschließend ENDLICH Richtung Lehrertoilette zu begeben.
  • 13.25 Uhr: die Toilette ist besetzt.
  • 13.30 Uhr Elterngespräch mit MamaJustin. Es läuft ganz gut, Justin hat Fortschritte gemacht, die Logopädie schlägt an, er bleibt bis auf Weiteres bei uns. Alle sind glücklich. Nur ich müsste jetzt wirklich mal langsam… also, egal.
  • 14.30 Uhr kurble ich die Jalousien hoch (drei Stück, das macht Arme!), kehre die Klasse durch, räume den Waffelkram zusammen und fahre um
  • 14.45 Uhr nach Hause. Dort erwarten mich ein paar quietschfidele Wehwehchen und drei E-Mails von Supermom. Juchuu.

 

Wenn du ein totes Pferd reitest…

…dann spring ab.

Dieses Sprichwort ging mir heute durch den Kopf, als ich mich – plötzlich, eigentlich kam ich gerade nach Schulschluss von meiner Busaufsicht zurück – im Gespräch mit einer Mutter wiederfand, die im herrischen Tonfall von mir Auskunft über die Leistung ihres Sohnes im Fach Musik verlangte. Es ist nicht so, dass ich mich einem Gespräch verweigern würde. Allerdings haben wir uns bereits vor vier Wochen unterhalten. Und vor zwei Wochen ebenfalls. De facto ändert sich nicht viel.

Sohnemann mag musikalisch sein. Möglicherweise interessiert ihn auch, was er so im Unterricht mitbekommt. Leider lässt er mich an seiner Freude nicht teilhaben. Stattdessen schlägt er mit leeren Getränkeflaschen nach seinen Nachbarn, redet – grundsätzlich ohne vorherige Meldung – in jedes Gespräch rein, und antwortet auf Fragen gerne mit „hähhhh?“. Er macht nur nach mehrmaliger Aufforderung mit und auch dann nur irgendwas und irgendwie. Als Sahnehäubchen kommt hinzu, dass er – zwar durchaus theoretisch einer normalen Sprechlage mächtig – ständig spricht wie Miss Piggy auf Speed.

Ein „befriedigend“ als letzte Zeugnisnote schien mir angemessen. Ja, fast noch ein wenig geschönt.

Jetzt ist es aber so, dass ein „befriedigend“ im Musikunterricht der Grundschule grundsätzlich auf das Konto des betreffenden Lehrers geht. Und wenn das Kind nicht mindestens eine Zwei bekommt, dann macht der Lehrer seinen Job falsch. Das jedenfalls erklärte mir heute die betreffende Frau Mama im hektischen Staccato derer, die immer Recht haben. Niemand beschwere sich sonst über sein Verhalten. Überhaupt sei er nun einmal ein aufgewecktes Kind. Und so außerordentlich musikalisch! Er habe ihr gestern erst ein Lied vorgesungen. Aus dem Musikunterricht! Da muss er ja wohl aufgepasst haben! Solle sie also ihrem Sohn erklären, bei Frau Weh habe er immer still zu sitzen, sich nicht zu rühren, sonst könne er eine bessere Note vergessen!? Das könne doch nicht angehen. Und warum müsse ihr Sohn überhaupt ruhig sein in den Arbeitsphasen? Das liegt doch wohl am Lehrer, sich durchzusetzen. Er wäre eben kein langweiliges, phlegmatisches Kind. Und der ältere Bruder sei auch auf dem Gymnasium! Und die Klavierlehrerin beschwere sich schließlich auch nie. Und die Nachbarin der Schwägerin ihres Mannes sei schließlich auch studierte Grundschullehrerin (jetzt allerdings wegen der Kinder zu Hause und der Mann verdient ja auch so gut!) und die sagte auch, dass der Sohn doch ungemein begabt sei. Vielleicht sogar un-ter-for-dert! JA!!! UNTERFORDERT!!!

Ich hätte ihr gerne so viele Dinge mitgeteilt*. Von gutem Musikunterricht. Von der Notwendigkeit, sich in einer Gruppe so zu verhalten, dass auch der Lernerfolg der anderen Kinder gewährleistet ist. Von der durchaus voraussetzbaren Befähigung eines Drittklässlers, einfach mal keine permanenten Störgeräusche von sich zu geben. Von der Unart eine eventuelle oder tatsächliche Hochbegabung als Entschuldigung für jegliches Fehlverhalten zu missbrauchen. Von der vielen Unterrichtszeit, die für alle verloren geht, weil manchen Kindern bereits von zu Hause aus vorgelebt wird, dass Respekt etwas ist, was ausschließlich die anderen zeigen müssen. Von Müttern, die mich unendlich ermüden mit ihrer blasierten, rechthaberischen Attitüde.

Stattdessen kroch in mir – irgendwo tief unten – Verständnis für die Kolleginnen hoch, die in solchen Fällen einfach die bessere Note geben.

Wuah, also manchmal…

* (so wie die letzten beiden Male)

Lass die Sonne rein

Der von mir bevorzugte Bastelkleber heißt Marvin.

Er verfügt über eine ganze Reihe Eigenschaften, die ich schätze. Er arbeitet zuverlässig, hinterlässt keine Spuren, ist geruchslos, flexibel bei der Materialwahl und jederzeit einsatzbereit. Von einem Drittklässler gleichen Namens kann man dies nicht gerade behaupten. Dessen Heldentag des Tages war es, Tom1 in der Pause einen Sandeimer auf den Kopf zu hauen. Zwar handelte es natürlich sich nur um einen Zufall und – zufälligerweise – auch nur um ein kleinkinddimensioniertes Sandspielzeug, die Empörung war dennoch (und berechtigterweise) groß und kostete uns nach der Pause Zeit. Diese Zeit hatte ich ursprünglich zur Fertigstellung der Laternen (ich streiche so etwas gerne zügig von der Liste) gedacht. Aber Konfliktmanagement ist nunmal wichtig. Besonders bei Wetterwechsel.

Es lässt sich nicht verhehlen, der Herbst ist da. Und mit ihm Regen, Wind und schlechte Laune. Hielt ich früher Naturphänomene wie Wetterwechsel, Vollmond, Gezeiten oder Sperrmüllabholtermine für nebensächlich und unmaßgeblich, weiß ich es mittlerweile besser. All diese Dinge beeinflussen Grundschüler kolossal in ihren Stimmungen. Nein, das ist keine Entschuldigung, das ist unverrückbare Tatsache. Genauso unverrückbar wie der Umstand, dass ich offenbar nicht mehr als ein Schweineöhrchen vertrage. Jedenfalls ist es mir gerade etwas flaumig im Bauch und ich halte es für sinnvoll, diesen Blogeintrag nun zügig zu beenden.