mizaru, kikazaru, iwazaru

„Das erinnert mich doch an was.“

Die Leiterin des Offenen Ganztages unterdrückt mühsam ihr Lachen als sie an der Leseecke vorbeikommt.  Ich blicke auf die drei Zweitklässler herab, die wie ein Häuflein Elend vor mir auf dem Sofa sitzen. Benjamin hält sich ein Kühlpack ans langsam zuschwellende Auge, Jens drückt eine Kompresse aufs lädierte Ohr und Mia-Sophie stemmt sich ein Knäuel Papiertaschentücher auf Nase und Mund. Ich würde mich gerne von der guten Laune der Vorbeiziehenden anstecken lassen, aber ich kämpfe gegen eine leichte Übelkeit. Mia-Sophie, die leider zur falschen Zeit am falschen Ort war und sich so einen Faustschlag auf die Nase einfing, blutet nämlich nicht nur heftig, sondern hat auch noch einen fatalen Schnupfen. Der tiefrote dickflüssige Glibber macht mich schier handlungsunfähig. In rauen Mengen quillt er zwischen ihren Fingern hervor. Donnerstag ist mein einziger Tag ganz ohne Pausenaufsicht. Beinahe hätte ich es zur Kaffeemaschine geschafft.

„Die drei Affen von Nikko“ nicke ich zustimmend und wische tapfer blutigen Schleim weg.

Benjamin und Jens haben sich gezankt. Erst nur ein bisschen. Dann ein bisschen mehr. Jetzt sitzen sie schuldbewusst vor mir und harren der Dinge, die da noch kommen. Und sie werden kommen. Ich bin schlecht gelaunt. Die Wehwehchen sind krank, ich habe nicht gut geschlafen und außerdem muss ich beim Schulamt anrufen. Irgendeine wahnsinnig wichtige Statistik über die Inklusion und wie es so läuft. Natürlich muss ich in der Pause anrufen. Nachmittags ist da ja keiner mehr. Und E-Mail geht auch nicht, das Netzwerk mal wieder.

Ich lasse den beiden Seuchenvögel die Wahl. Entweder sofortiges Einstellen der Heulerei nebst Handreichen und Tutmirleid-Tutmirauchleid oder eine Stunde extra und das Ganze schriftlich. Ich habe wirklich miese Laune. Der nun zu erwartende nachmittägliche Anruf von Supermom macht die Sache nicht besser. Die beiden Missetäter entscheiden sich für Variante A und schütteln sich grinsend die Hände. Es klingelt. Na toll.

„Tschuldigung, Frau Weh, wegen deiner Pause.“

„Morgen prügeln wir uns nicht. Ehrenwort!“

Treuherzig der eine, reumütig der andere blicken die beiden zu mir auf. Die Tränen haben helle Spuren auf den ansonsten staub- und dreckverkrusteten Gesichtern hinterlassen. Ich ziehe eine Augenbraue hoch und schiebe wortlos – aber ganz stummer Vorwurf – die arme, verschwollene Mia-Sophie vor mir her in die Klasse. Na, wers glaubt.

Mein Wunschzettel

Liebes Christkind,

ich bin es, die Frau Weh. Wir kennen uns ja schon. Letztes Jahr habe ich mir einen neuen CD-Player für den Musikraum gewünscht und ein paar Trommeln. Vielen Dank noch einmal dafür, das hat ja gut geklappt.

Hier ist mein Wunschzettel für dieses Jahr:

  1. Mehr Zeit. Ich würde mich freuen, wenn ich etwas mehr zu dem käme, was ich richtig gut kann. Das ist übrigens UNTERRICHTEN. Das mache ich gut und in der Regel auch sehr gerne. Dieses Jahr musste ich viel nebenbei machen. Ich sitze in Arbeitskreisen, bei denen über Förderkonzepte oder das Schulprogramm geredet wird. Ich informiere mich regelmäßig bei Therapeuten jeglicher Fachrichtungen oder sitze in Büros des Jugendamtes. Im Kindergarten überprüfe ich den Sprachstand von vier- und jetzt auch fünfjährigen Kindern. Das mache ich während meiner Unterrichtszeit. Meine Klasse ist dann leider aufgeteilt oder hat Vertretungsunterricht. Ich schreibe lauter Pläne und brüte in Konferenzen über noch mehr Plänen. Das ist schade, ich würde viel lieber neue Ideen entwickeln oder mich fortbilden. Manchmal würde ich mich auch einfach gerne regenerieren, damit ich bei Kräften bleibe. Denn anstrengend ist es schon.
  2. Mehr Ruhe. Es wäre schön, wenn man mich eine Weile mit neuen Konzepten in Frieden lassen würde. Dann könnte ich mir meine Schüler anschauen, um so selber zu sehen, welche Fortschritte schon erzielt wurden und welche Hilfen nötig sind. Ich könnte überzeugend sagen „hey, das hast du richtig gut gemacht!“ oder „na komm, das üben wir noch einmal zusammen!“ statt individuelle Förderpläne auszufüllen und Missstand an Missstand zu reihen.
  3. Eine Schulleitung, die mir – wo nötig – auch mal den Rücken freihält. Die sich auch mal traut „Nein!“ zu sagen, wenn lauter neue, lustige Vorschläge vom Schulamt oder vom Bildungsministerium kommen, was man noch so alles in der Schule ausprobieren könnte.
  4. Mehr Personal. Es wäre wirklich schön, wenn jemand anderes meine Klasse und die 70qm im Musikraum kehren könnte. Auch die Bestellung von Ersatzteilen oder Neuanschaffungen würde ich gerne an jemand abgeben. Ein an jedem Tag besetztes Sekretariat wäre ein Traum. Oh und eine Schulkrankenschwester wäre auch klasse! Und, bitte, bitte, liebes Christkind, mach, dass wir nächstes Jahr, wenn unser Hausmeister in Rente geht, einen neuen bekommen. Es ist ganz schrecklich ohne!
  5. Mehr Unterricht. Es wäre toll, wenn alle zusätzlichen Angebote wie Zahnarztkontrolle, Büchereibesuch, Schulfotograf und so weiter am Nachmittag stattfinden könnten und nicht in meiner Kernunterrichtszeit. Es wäre auch schön, wenn ich nicht andauernd irgendwelche Zettel austeilen und Abschnitte wieder einsammeln müsste. Das frisst so viel Zeit, die ich gar nicht habe. Zwei Stunden Deutsch mehr pro Woche wären sinnvoll.
  6. Eigene Arbeitsplätze für jede Kollegin. Ich würde viel lieber länger in der Schule bleiben, wenn ich wüsste, wohin mit mir und meinem Material. Das Fach, das uns zugewiesen wurde, ist leider sehr klein.
  7. Eine Papiertüte.

Liebes Christkind, ich weiß, es ist viel. Bitte halte mich nicht für unmäßig! Ich würde mich schon sehr darüber freuen, wenn du nur einen oder zwei Wünsche erfüllen könntest. Ich bin auch noch eine ganze Weile hier. Du könntest die Wünsche vielleicht über ein paar Jahre abschreiben. Oder in Raten erfüllen. Ich habe ja noch 30 Jahre und ein paar zerquetschte. Da lässt sich doch sicher etwas machen, oder?

Herzlichst, deine Frau Weh

Bitte nicht stören

Gestern bin ich im Baumarkt unterwegs gewesen. Energiesparlampen, ein neuer Klodeckel (die Wehwehchen kriegen Klodeckel klein wie Termiten ein Gartenhäuschen, unvorstellbar), dies und das. Im Mittelgang zwischen Schwingschleifern und dem Schöner-Wohnen-Farbwelt-Mischer stand eine kleine Holzbank. Ein hässliches flaches Kissen lag auch darauf. Darüber ein Schild mit der Aufschrift

RUHEZONE

FÜR UNSERE KUNDEN

BITTE NEHMEN SIE PLATZ!

Im Radius von 3 Metern standen verschiedene Monitore, auf denen lautstark  Do it yourself-Videos liefen („Führen Sie den Exzenterschleifer mit leichtem Andruck über die Arbeitsfläche“, „…fragt man sich häufig, welcher Mörtel füllt Fugen zuverlässig…“, „Um den Zylinder zu fixieren, werden nun Zylinder und Schloss miteinander verschraubt“). Die plärrende Durchsage („Frau Wink-Lammel 208, Frau Wink-Lammel bitte!“) komplettierte das akustische Fiasko. Außerdem zog es wie Hechtsuppe. Fürwahr, ein schöner Platz zum Verweilen. Wie verzweifelt oder fertig muss man sein, um gerade hier auszuruhen?

Nun, ich weiß es.

Unser Lehrerzimmer ist auch so ein theoretischer Ort der Ruhe. Praktisch will immer irgendjemand irgendwas von einem. Mal ein paar Minuten Ruhe tanken? Für einen kurzen Moment die Gedanken oder das Material für die nächsten Stunden sammeln? Fehlanzeige. Die größte Hürde liegt in der offenen Tür des Chefinbüros. Da kommt man in der Regel nicht vorbei, ohne einen Auftrag oder einen Kommentar mitzunehmen, den man bis dato gar nicht vermisst hatte. Ich wollte heute nach sechs wahrlich zermürbenden Stunden einfach nur kurz meine Sachen holen und der Referendarin Mut zusprechen. Unglücklicherweise hatte ich die Rechnung ohne Chefin gemacht.

„Aaaah, Frau Weh!“

„Hmmja?“

„Weißt du, ob die schulinternen Curricula für Musik und Religion bereits existieren?“ Blöde Frage. Denn erstens gibt es außer mir niemanden, der das machen würde und zweitens habe ich das noch nicht gemacht. Sonst wären sie ja da. Ich weiß das. Chefin weiß das. Aber irgendwie muss man das Gespräch ja beginnen.

„Ich weiß nicht, hat die schon jemand geschrieben?“ Manchmal hilft es ja, sich blöd zu stellen.

„Das ist wohl deine Aufgabe.“ Ach nee. Überraschung.

„Ja dann… bis wann?“

„Also Montag…“

„BITTE!?“

„Also Montag sprechen wir in der Konferenz darüber. Es fehlen ja noch andere Arbeitspläne. Kunst zum Beispiel. Du bist doch so engagiert im Kunstbereich…?“

Ich nehme die Beine in die Hand und renne ins Lehrerzimmer. Dort lasse ich mich auf einen Stuhl und meinen Kopf mit einem lauten POING auf die Tischplatte fallen. Die Referendarin schaut mitleidsvoll von ihrem Unterrichtsentwurf auf. Ich entwickle mehr und mehr Verständnis für Kollegen, die sich Sofas, Aquarien und Kaffeemaschinen in ihre Klassen stellen. Der Weg ins Lehrerzimmer ist immer so anstrengend. Ich nehme mir vor, morgen die Senseo einzupacken und mitzunehmen. Außerdem Hammer und Nagel, damit ich meinen Mantel nicht mehr an der Lehrergarderobe aufhängen muss. Vielleicht noch ein hübsches Kissen für meinen Schreibtischstuhl. Oh, und unbedingt so ein Schild BITTE NICHT STÖREN. Nach dem Auspacken und Einrichten kann ich mir die leere Tüte dann prima über den Kopf stülpen.

Falls ich doch noch einmal am Büro vorbei muss.

Advent, Advent

Ich will auch mehr von Herrn Weh, definitiv. Wärmflasche, Tee, fertiger Blogeintrag – genau das, was ich gebraucht habe. Lehrergatten haben den Familienzuschlag definitiv verdient.

Mehr als 12 Stunden Schule am Stück, da baue ich irgendwann ab. Insgesamt war es aber ganz nett. Manche Kinder haben sogar Dinge gebastelt am Bastelnachmittag. Andere haben sich sytematisch durch die vor den Klassen aufgestellten Keksteller gefuttert, wieder andere haben den Nachmittag genutzt, um sich auf dem Schulhof zu kloppen. Das fand ich ganz spannend, weil sich daraufhin die Eltern der Kinder miteinander angelegt haben – ebenso lautstark, aber ohne Körpereinsatz – da konnte man durchaus Ähnlichkeiten feststellen. Übrigens arbeiten wir seit Jahren mit Gewaltpräventionsprogrammen. Aber Blut ist nunmal dicker als Wasser.

Der Auftritt des Schulchores (man erinnere sich: Rentiergeweihe, Kokosnüsse, dicke rote Kerzen Nasen) war wie jedes Jahr. Die Generalprobe ein Traum, alle aufmerksam, alle konzentriert, klare Stimmen, auswendiggelernte Ansagetexte. Dann die Aufführung. Weit aufgerissene Augen („so viele Leute…!“), piepsige Stimmchen, Verhaspler bei den Ansagen, keine den Umständen angepasste Anlage. Hach ja. Trotzdem fanden es alle schön und waren gerührt. Was gibt es putzigeres als den eigenen Nachwuchs, wenn er gebannt und mit geröteten Wangen ein Schellenband im richtigen Rhythmus schüttelt? Ich habe mich ein bisschen zum Affen gemacht, die Choreographie für den Sleigh Ride (dass mir jetzt niemand mit der GEMA anfange…! 😉 ) benötigt noch einen Vorhopser. Aber das gehört zum Musiklehrerdasein wie die Bauchschmerzen zum Bastelnachmittag. Außerdem gelangt man so immerhin zu einem recht großen Bekanntheitsgrad. „Ah, Sie sind doch die Frau Weh. Wir haben Sie eben hüpfen sehen.“

Jetzt kann ich eine Veranstaltung von der SCHULKRAM-Liste streichen. Das ist schön. Ein paar andere warten ja noch.

In diesem Sinne, ein schönes, erstes Adventswochenende!

 

Die Angst der Musiklehrerin vor St.Martin

Boah nee. Echt jetzt. Mir ist gerade total rabimmelig in der Rübe. Irgendwie ist dieses Jahr ja ganz plötzlich St.Martin. Gerade ist es mir aufgefallen. Bis eben war doch noch gar nicht so weit. Und jetzt müssen alle Kinder in nur vier Tagen alle Martinslieder durchsingen. Und an wem bleibt das hängen? Genau. Alle Ferienerholung – schwupps – dahin.

Fast alle Martinslieder sind in F-Dur. Ich mag F-Dur nicht. Das ist wirklich nicht meine Lieblingstonart. Und wenn ich eine Sehnenscheidenentzündung bekomme, dann immer rund um den 11.11.. Und immer links, wegen der Begleitung. Aber dieses Jahr bin ich schlau, ich transponiere (zumindest für die Gitarre, für den Quetschebüggel sind F und C ganz hervorragend geeignet) und begleite wahlweise mit Gitarre oder Akkordeon. Das ist zwar nicht gerade meine Spezialität, aber das muss ich ja keinem verraten.

Und dann die Marschkapelle! Die spielen, als ginge es um ihr Leben. Pech, wenn man mit der Klasse direkt davor oder danach läuft. Das knallt gut. Auch spannend, wenn man sich genau in der Mitte zwischen zwei Kapellen befindet. Dann kann man sich aussuchen, was man wo mitsingt. Ich warte noch auf den einmaligen Moment, wenn sich die aufeinandertreffenden Schallwellen gegenseitig aufheben. Und dann… Stille! Aber dafür müsste die eine Kapelle ja phasenverkehrt spielen. Phasenweise tut sie dies auch. (Ha ha, verkappter Physiker-Musikerwitz.)

Im ersten Martinszug, den ich nicht selber mit Laterne in der Hand lief, fiel das Pferd plötzlich um und war tot. So richtig mausetot. Das war ganz schön furchtbar. Und gescheppert hat es, denn hier auf dem Land reitet der Martin in voller Rüstung. Erklär das mal den Kindern. (Also das mit dem Pferd. Das mit der Rüstung macht ja durchaus Sinn.) Eine schlimme Geschichte. Alle haben laut geheult. Oder gelacht, je nach Einstellung. Auf jeden Fall ein Martinszug, der im Gedächtnis blieb. Das Pferd starb übrigens an Altersschwäche wurde später gesagt.

Ich glaube ja, es starb an F-Dur.