Guten Morgen

Tag 1

Also eigentlich ja noch nur Wochenende. So läuft der Tag auch erstmal an. Ich habe einigermaßen ausgeschlafen und dann einen Kuchen gebacken, dessen Konsistenz allerdings irgendwie gummiartig wirkt. Man kann ihn in der Mitte eindrücken und dann schnellt er mit – ich schwöre! – einem boooooiing zurück. Genauso fühle ich mich, gummiartig. Ein Teil von mir hängt noch in der Schule fest, ein anderer schmiedet Pläne für die nächsten Wochen und dazwischen ist – ja, genau – Spannung. Herr Weh kennt das schon. Ein falsches Wort und ich gehe ab wie eine Rakete. Er hält dezent Abstand. Es ist dieses noch nicht ganz weg und noch nicht ganz hier-Gefühl, das mich in diesen Zustand befördert.

Heute Nacht habe ich lauter wirres Zeug geträumt, Schuljahrsverarbeitungsphase. Das dauert jetzt noch ein paar Tage. Aber ich lese gerade einen fiesen Thriller über eine Neuropsychiaterin, die von einem Patienten aufgesucht wird, der sie von früher zu kennen scheint. Sie kann sich allerdings nicht an ihn erinnern und gerät sehr bald in… usw. usw. Insofern werde ich vermutlich schon bald nachts an andere Dinge denken. (Huh, da kann sich der Herr Weh schonmal drauf freuen, wenn ich mitten in der Nacht ein eiskaltes Händchen zu ihm schiebe, um zu fühlen, ob er noch atmet 🙂 )

Heute Abend geht es zu den ZweimeinerLieblinskollegen, die ihre Sommerferienbeginn-Party feiern. Bis dahin muss ich den Kuchen noch pimpen, so kann man den ja niemandem anbieten. Voll der Psychokuchen. Vielleicht sollte ich Glückskekse mitbringen, so einen ganzen Sack voll. Mit lauter fröhlichen Botschaften:

Du wirst endlich Zeit zum Lesen haben.

oder

Sechs Wochen Sport und gesunde Ernährung warten auf dich!

oder vielleicht auch

Keine fremden Kinder werden deinen Weg kreuzen.

Ok, das klingt jetzt nicht nett. Aber wenn ich die Wahl hätte, dann hätte ich gerne genau diese Glückskeksbotschaft. Zwei meiner Schülerinnen fahren nämlich zeitgleich an den selben Urlaubsort wie ich. Wieviel Pech kann man haben!?

Ich sollte definitiv die Glückskekse mitnehmen.

and we say goodbye-bye-bye-bye-bye

Das wars. Vorbei. Geschafft. Erledigt. So erledigt!

Aber es war schön. Gänsehäutigrührungstränigschön. Das Schulorchester hat gespielt wie noch nie. Da saßen jeder Ton und jede Pause. Glockenspiel und Djembe haben sich nicht gezankt und das Cajon hat den Rhythmus gehalten als wären die synkopischen Verirrungen der letzten Proben einzig meinem überarbeiteten Geist entsprungen. Kein Ton ging verloren, wohl aber eine Wäscheklammer, die – zur Befestigung der Noten auf dem Ständer gedacht – ins Lüftungsgitter neben dem Taufbecken rutschte. Möge sie in Frieden ruhen. Ich kann das jetzt auch wieder.

Kollegin ZudemFeld, deren Klasse ungünstigerweise über dem Musikraum liegt, war völlig überrascht vom Wohlklang. Hatte sie doch bisher immer nur deckengefilterte Fetzen von verirrten Basstönen vernommen. Selbst Chefin hat sich dreimal (!) bedankt! Nein, wirklich, es war sehr schön. Jetzt ist es tatsächlich geschafft, Abschiedsgottesdienst und Feriensingen. Die letzten Tränen von Kindern, Eltern und der ein oder anderen Kollegin sind getrocknet, die letzten liegengebliebenen Radiergummis und Kapuzenjacken eingesammelt. Die Klasse ist so aufgeräumt wie sie das nur am letzten und am ersten Schultag ist. Blümchen, Briefe und SchöneFerienFrauWeh!-Bilder sind verstaut. Es wurde umarmt, gelacht und verabschiedet. Und nun fällt sie ganz langsam ab, die Anspannung der letzten Tage und Wochen, die Anstrengung des immer wieder an die Grenze und darüber hinaus Gehens. Ich bin so gerne Lehrerin, aber ich bin so froh über die regelmäßigen Ferien. Ohne die könnte ich meine Arbeit nicht auf diesem Level und mit diesem Einsatz erledigen.

Macht es gut, ihr Viertklässler, es war anstrengend und schön mit euch!

Allen Kolleginnen und Kollegen aus NRW, die nun endlich in die ersehnten und verdienten Ferien starten, wünsche ich gute Erholung und – in ein paar Wochen… – wieder viel Lust auf den schönsten Job der Welt!

Frau Weh

 

Zeugnisse

Alles ruhig und entspannt. Für meine Erstklässler ist das erste Zeugnis noch keine so große Sache. Bis zur zweiten Stunde sind sie sich noch nicht einmal so sicher, ob es überhaupt ein Zeugnis für sie gibt. Selbst als ich nach der Pause mit einem ganzen Stapel Blätter in die Klasse komme, denken sie noch, es könnte ja auch etwas zu malen sein. Interessanter finden sie das auf buntem Papier gedruckte Kinderzeugnis, das ich für sie geschrieben habe und das gerade so viel Text beinhaltet, dass sie es selber lesen und im Idealfall auch verstehen können.

Die eigentlichen Zeugnisse sind mit sieben Seiten multiple choice Ankreuztexten viel zu unübersichtlich und überladen für die Kinder. Auch für manche Eltern ist das kaum zu bewältigen. Ob es übertrieben ist ein sechsjähriges Kind von vorne bis hinten durchzubeurteilen? Ach…

Unser Kollegium war auch immer kurz davor sich zu erschießen, als wir noch Berichtszeugnisse hatten. Aber jetzt sind wir ja sowas von entspannt mit den nureinpaarhundert Kreuzchen, die wir anklicken. Natürlich sollen die Kreuzchen den Noten entsprechend einheitlich in der ganzen Schule gesetzt werden. Natürlich muss man dafür jedes Pupskreuzchen eines jeden Nebenfaches mit den Fachkolleginnen besprechen. Natürlich sind dafür nicht nur Gespräche innerhalb einer Stufe nötig, sondern stufenübergreifend. Natürlich benötigt so ein Zeugnis jetzt sieben Seiten statt einer. Und ja, sowas ist doof, wenn seit Wochen das Netzwerk nicht funktioniert. Aber insgesamt haben wir uns durch die Ankreuzzeugnisse bestimmt eine Menge Arbeit erspart!

Ja, ok, wir mussten die einzelnen Textbausteine ein, zwei, drei,viermal überarbeiten und im Schulamt einreichen. Und vorher natürlich in der Schulkonferenz. Und nochmal überarbeiten, einreichen und überhaupt. Aber was macht das schon? Es ist schön in der Schule, da bleiben wir alle gerne länger. Und vielleicht streichelt die Schulrätin uns dafür beim nächsten Besuch bestimmt nett über den Kopf, anstelle immer nur mahnend anzumerken, dass unsere schulinternen Curricula noch nicht vollständig eingereicht seien.

Was nun mit den neuen Zeugnissen leider gar nicht mehr geht, sind ironische Untertöne. So Formulierungen wie

LauraLenaLotta verfügt über ein großes sachkundliches/musikalisches/religiöses Vorwissen, an dem sie die anderen Kinder selten teilhaben lässt.

oder

Timos Verhalten im Religionsunterricht ist von tendenziellem Desinteresse gekennzeichnet.

gehören nun leider der Vergangenheit an. Schade drum, ich mochte das.

Jetzt mache ich mir einen Kaffee und setze mich neben das Telefon. Mia-Sophies Mutter hat gestern per E-Mail angekündigt, dass sie sich wahrscheinlich heute mit mir über das Zeugnis austauschen möchte.

Vielleicht kann ich ja ein paar ironische Untertöne in das Gespräch einschmuggeln.

Bildungslöcher

Freiarbeit, 1.Schuljahr. Alles arbeitet konzentriert.

Benjamin (beugt sich vor, deutet auf meine Fingerknöchel): „Was hast du da, Frau Weh?“

Ich: „Das sind meine Fingerknöchel. Die hast du auch, Benjamin.“

Benjamin (völlig überzeugt): „Nein! Ich hab da keine so Bildungen. Ich hab da so Löcher.“

Jana schaltet sich ein: „Was hast du, Benjamin?“

Benjamin: „Da wo ich Löcher habe, da hat die Frau Weh so Bildung.“

Wo er Recht hat …

Noch vier Tage

Hals und Kopf sind ein bisschen besser. Der Tag war auch gar nicht gemein zu mir, sondern im Gegenteil recht nett. Die vier Stunden bei meinen Erstklässlern gingen erstaunlicherweise ohne größere Krafteinsätze vorbei. Sie haben eine ganze Stunde relativ still an ihren Zoobüchern gearbeitet, einen passablen Montagskreis hinbekommen, eine Pause fast ohne Streit geschafft und dann noch einmal eine Zeitstunde wahlweise an Mathe oder der Schreibschrift gesessen.

Still! Richtig still!

So still, dass ich 10 Schulwochen in meinem Klassenbuch ausfüllen konnte. Wahnsinn, sie werden groß 🙂

In den letzten beiden Stunden hatte das Schulorchester Probe in der Kirche. Und was soll ich sagen, sie haben zwischendurch so schön gespielt, dass ich richtig gerührt war. Natürlich waren die Trommeln zu laut, die Geigen haben zwischendurch gequatscht und das Glockenspiel hat wie immer den Einsatz verpasst. Aber für eine Generalprobe war es wirklich nicht schlecht. Wer jemals auf die tollkühne Idee kommt, mit Grundschülern ein Orchester zu bilden, sollte den folgenden Leitsatz beherzigen: Keep it simple! Lieber was Kleines ganz schick, als was zu Großes verhauen. Gerne mit vier Akkorden a, e, F, G. Die kann jeder. Also fast. Magnus kann noch kein F-Dur auf der Gitarre, da schlägt er dann einfach zweimal in die Luft. Das fällt gar nicht weiter auf.

Sie sind ein bisschen nervös und fragen mich dauernd, was sie denn anziehen sollen. Aykut hat sich noch nicht entschieden ob Fliege oder Krawatte. Rufus möchte beim Trommeln nur ungerne auf seine glückbringende Kappe verzichten und die Holzbläserfraktion wird im Kleid auftreten. Allerdings nicht im Kommunionkleid. Das habe ich untersagt.

Meine Güte. Noch vier Tage, dann sind Ferien. Ich kann es gar nicht fassen. Ich glaube, das war das längste Halbjahr meines Lebens.

Krank

Jetzt ist es passiert. Ich bin krank, schuljahresendkrank. Das kenne ich schon. Passiert mir häufig vor den Ferien. Mir schmerzt dann der Kopf und der Hals und wieder der Kopf. Insgesamt fühle ich mich matschig und verschleimt.

Herr Weh meint, ich soll morgen mal zu Hause bleiben, aber Herr Weh hat ja keine Ahnung davon, was das für den Tag danach bedeutet. Das wäre ein hoher Preis. Mein Lehrerpult wäre total durcheinander, alles würde in der Klasse herumfliegen, die Kinder wären außer Rand und Band und heftigst empört über die Ungeheuerlichkeit, dass ihre Frau Weh sie einen Tag im Stich und der unbeliebten Klassenaufteilung oder gar der noch unbeliebteren Frau Schmitz-Hahnenkamp überlassen hätte. Die Kolleginnen würden mit dieser Mischung aus mitleidigem Interesse („na, geht es denn wieder?“) und Kämpfergeist („ich halte ja noch irgendwie bis Freitag durch!“) auftreten und außerdem kann ich morgen nicht fehlen, schließlich haben wir Orchesterprobe in der Kirche. Der Pastor kommt extra um uns die Kirche aufzuschließen. Das Schulorchester hat diese letzte Probe vor dem Abschlussgottesdienst noch so nötig. Und Konferenz haben wir auch. Natürlich. Zu besprechen gibt es ja immer was.

Also ich bin definitiv unabkömmlich. Das ist ja auch so eine Krankheit von Grundschullehrern. Wichtig sein. Natürlich ginge es im Notfall auch ohne meinen persönlichen Einsatz. Ich hatte mal einen Blinddarmdurchbruch, da war ich ganze drei Wochen nicht in der Schule. Ging auch irgendwie. Als ich wiederkam fehlten allerdings drei Kolleginnen und ich musste andauernd mit zwei Klassen gleichzeitig arbeiten. Pfffft… alle Erholung dahin.

Also werfe ich stattdessen einen Blick in das Wehsche Arzneimittelschränkchen. Es gibt eine ganze Menge rezeptfreier Grippemittel. Die Wirksamkeit ist umstritten, unumstritten hingegen ist die Tatsache, dass die Dinger gut ins Geld gehen und in der Regel nicht soviel mehr Inhaltsstoffe aufweisen als eine starke Tasse Kaffee, ein Löffel Vitamin C-Pulver und eine Kopfschmerztablette. Ein einziges Mal dachte ich, ich hätte ein Zaubermittel entdeckt. Es handelte sich um das Kombipräparat einer bekannten Schmerzmittelmarke. Schon kurz nachdem ich das in Wasser gelöste Granulat zu mir nahm, ging es mir merklich besser. Ich fühlte mich sogar überraschenderweise recht gut. So gut, dass ich kurze Zeit später trotz Nacht ohne Schlaf vor meiner Klasse stehen konnte. Sogar so etwas wie Unterricht war möglich.

Es ging gut bis zur Pause. Dann begannen Schüttelfrost, Pulsrasen und Schwitzattacken. Fairerweise muss ich sagen, dass diese Nebenwirkungen das eigentlich Problem – Fieber und verstopfte Nebenhöhlen – gänzlich überdeckten. Tatsächlich konnte ich mich aber kaum noch auf den Beinen halten und bekam Panikattacken, weil mein Herz Hopser machte. Mittlerweile weiß ich, dass ich Pseudoephedrin offenbar nicht gut vertrage. Wäre ich olympischer Schwimmer, wäre ich wohl wegen Dopings mit Schimpf und Schande aus dem Kader entlassen worden. So habe ich mich dann nur nach Hause gequält und geschlafen. Überhaupt das beste Mittel. Kommt leider oft ein bisschen zu kurz. Aber in den Ferien werde ich drei Tage einfach durchschlafen. Mindestens.

Und jetzt mache ich mir einen Tee, wickle mir einen Schal um den Hals (fest, nicht lässig) und suche was gegen Augenringe.

Chaos im Arbeitszimmer

Eigentlich bin ich sehr ordentlich.

Dennoch…

Im Hause Weh bilden sich wie durch Zauberhand Stapel. Wäschestapel, Briefestapel, Zeitungsstapel und natürlich Materialstapel. In meinem Arbeitszimmer zähle ich aktuell 9 solcher Stapel und vier geöffnete Ordner. Mein Arbeitszimmer ist nicht groß, aber lang. Das hat Vorteile. Ich kann auf den freien Flächen zwischen den Stapeln herumhüpfen und mich so vom einen Ende des Raumes zum anderen fortbewegen. Manche Stapel sind – zumindest in ihrer unteren Ebene – fachlich sortiert. Andere sind einfach nur… naja, Stapel halt. Der höchste misst exakt 68cm. Ich bin beeindruckt von seiner statischen Gelassenheit. Das muss am Thema liegen, zuunterst ruht der Stationsbetrieb mit dem Titel 2000 Jahre Christentum.

Im Lexikon finden sich 46 Synonyme für das Wort Schlampigkeit. Jedem einzelnen davon könnte ich ein Fallbeispiel aus meinem Arbeitszimmer zuordnen. Zu Beginn eines Schuljahres nehme ich mir immer fest vor alles sofort ganz ordentlich wegzuräumen. Also den passenden Ordner (z.B. RU I/1 oder MU II/3) aus dem Regal zu holen, die Materialien an der richtigen Stelle abzuheften und den Ordner wieder an die gleiche Stelle zu schieben. Bis zu den Herbstferien gelingt mir dies auch meist. Dann beginnt Stufe 1 der Schlamperei, eine leichte Nachlässigkeit. Kopiervorlagen werden nicht mehr an die genaue Stelle im Ordner abgeheftet, sondern einfach vorne hineingeschoben. Farbiges Papier wird nicht mehr farbgenau zurücksortiert, sondern obenauf gelegt. Alles noch subtil und auf den ersten Blick nicht zu erkennen und doch ein erstes Zeichen des Verfalls.

In der Vorweihnachtszeit folgt Stufe 2, die Flüchtigkeit. Ordner werden nun überhaupt nicht mehr ins Regal gestellt, sondern liegen offen aufgeschlagen auf dem Boden, erste Stapel wachsen aus dem Boden, weil Arbeitsmaterialien jetzt ab- aber nicht mehr weggelegt werden. Martinslieder gehen eine leichtfertige Symbiose mit Weihnachtsliedern ein, Schreibanlässe liegen saumselig neben zusammengesetzten Nomen zum Thema Winter herum, knapp hundert mit Liebe von den Kindern ausgeschnittene Schneeflocken aus Papier warten darauf, endlich laminiert zu werden.

Kurze Ruhepause dann an Weihnachten. Eine friedvolle Stimmung legt sich auch im Arbeitszimmer nieder und verzögert kurzzeitig ein weiteres Wachstum der Materie.

Doch dann überrollt schon das nächste Schreckgespenst die organisierte Unterrichtsvorbereitung: Karneval! Hektisch werden Sketche, Witze, Lieder oder was auch immer für die nächste – so plötzliche! – Schulsitzung gesucht. CDs werden durchgesehen und achtlos aufeinander getürmt, die Schneeflocken (an die längst niemand mehr denkt, schließlich müssen jetzt bald Clowns an die Fensterfronten) werden begraben unter hastig vom Klassenfenster abgenommenen Weihnachtsengeln und Lichterketten. Der große Adventskalender  – eine mit Schneelandschaft bemalte Sperrholzplatte mit den Maßen 1m x 1,20m – wird achtlos an ein Regal gelehnt, rutscht ab und schlägt einem mit Liebe geschenkten Teelichthalter in Form eines pausbackigen Engels den Kopf ab. Stufe 3, Fahrlässigkeit.

Dann geht alles sehr schnell. Stufe 4, Missordnung, Anarchie und Chaos übernehmen das Ruder. Neue Stapel wachsen schwindelerregend in die Höhe, leere Schuhkartons (gesammelt als Fühlkisten für die Projektwoche zum Thema Sinne) türmen sich übereinander, obenauf thront ein Rudel Gummilöwen (Religion 1. Klasse, Daniel in der Löwengrube), denen der Weg zurück in die religionspädagogische Materialsammlung vom wiederaufgestellten Adventskalender versperrt wird. Die Weihnachtsengel bekommen Gesellschaft von einer Armee puschelschwänziger und dümmlich grinsender Osterhasen, allesamt mit Namen der Kinder versehen. Aber warum liegen sie bloß hier und nicht in den Sammelmappen in der Klasse? Egal, da habe ich jetzt keine Zeit zu, ich muss nämlich unbedingt den Ordner mit den letzten Zeugnisnoten finden. Wo war der denn nochmal?

Jetzt sitze ich am Schreibtisch. Kopf als auch Schreibtisch gnadenlos überfüllt mit wichtigen und noch wichtigeren Dingen, und blicke ringsherum auf ein Konglomerat guter Ideen und in liebevoller Kleinarbeit hergestellter Materialien. Ich sollte wohl langsam damit beginnen abzubauen. (Nicht, dass ich das in den letzten Wochen nicht schon von alleine getan hätte…)

Aber die letzten 5 Tage wird es wohl auch noch so gehen.

Denke ich mir und hüpfe von Freifläche zu Freifläche Richtung Schuljahrsende.

Zurück!

Mit einem laut vernehmlichen KRRRRRACKS! endete heute völlig unerwartet und ohne Vorsatz meinerseits das Leben einer freilaufenden Kakerlake im Tropenhaus des Zoos unter meinem Schuh. Glücklicherweise blieb dies der einzige Todesfall. Der Schmierfilm ging allerdings nicht sehr leicht ab und meine Kinder waren schockiert.

Ansonsten war es wirklich ok. Lediglich einen Wespenstich (Tom 2) und einmal Übergeben nach Verschlucken eines Pom Bärs (Benjamin) kann ich anführen. Ansonsten war es so, wie es eben so ist mit einem liebenswerten Haufen kleiner Blagen.

Ein Kind hat in einem unbeobachteten Moment den Rucksack einer Begleitmutter komplett leergegessen, „weil der da so stand“. Zwei Kinder musste ich von der Absperrung des Bärengeheges ziehen, dreien wurde im Affenhaus übel, MamaJens wurde bei den Pinguinen blassgrün. (Ok, da roch es auch wirklich streng). Vor dem Orang-Utan-Gehege fiel meine Klasse hingegen gar nicht weiter auf. Wohingegen sie sich bei den Erdmännchen leicht daneben benahm. Sehr lieb hingegen hatte ich sie hinter den Przewalskipferden – da öffneten nämlich drei Schüler einer fremden Klasse ein Gehege. Getragen von dieser Zuneigung habe ich ihnen dann im Restaurant ein Flutschfinger und anschließend ein Feuchttuch ausgegeben. Die meisten Feuchttücher gingen allerdings für die Mütter drauf, die Schwierigkeiten mit ihren Coffee-to-go-Bechern hatten. Eine Spucktüte haben wir für Leons gerissenen Rucksack zweckentfremdet und die Notfallliste habe ich glücklicherweise gar nicht gebraucht. Das war gut, ich hatte sie nämlich auf meinem Schreibtisch liegengelassen. Gleich unter dem Zettel, auf dem WICHTIG stand.

Hach, war also überhaupt nicht so schlimm. Und morgen lass ich sie drüber schreiben!

 

 

Morgen, Kinder, wirds was geben

morgen geht es in den Zoo.

Was wir alles dort erleben,

ach, wir freuen uns ja so!

 

 

Und wie.

MITNEHMEN – ZOO:

  • Busunterlagen (Buchungsbestätigung, Telefonnummer)
  • Telefonliste der Klasse mit Notfallnummern
  • Einverständniserklärungen der Eltern
  • Geld (Eintritt, Foto, Eis)
  • Zettel mit im Unterricht gesammelten Fragen („Kann man aus Elefantenhaut auch Taschen machen?“, „Stinkt ein Tiger aus dem Maul?“, „Wie machen Flamingos das mit den Beinen?“)
  • Klemmbrett, Stift
  • Klasse-Weh-Identifikationskarten mit Handynummer von Frau Weh an Kordel (nummeriert und mit Namen versehen)
  • Erste Hilfe Ausrüstung
  • Spucktüten
  • Feuchttücher

 

Aufmunternder Spruch einer Kollegin:

Alle Kinder beobachten den hungrigen Löwen, nur nicht Andrea, die geht etwas näher.

 

Ich fühle mich nicht gut :-/

Montagskreis

Der Montagskreis. Sinnbild pädagogischer Basisarbeit. Was steckt nicht alles in diesen 45 Minuten? Förderung der Erzählkultur, des Sprachhandelns, der sozialen Integration und noch so viel mehr. Ein guter Pädagoge macht sich hier im Schnelldurchlauf ein Bild über die seelische, körperliche und geistige Verfassung all seiner kleinen Seuchenvögel. Wieviele Kinder hatten Papawochenende? War Vollmond? Kam Star Wars auf Pro7? Da werden dann schonmal gedanklich Unterrichtsplanungen verworfen, Wochenpläne neu erstellt und Tests vorsichtshalber auf den nächsten Tag verschoben.

Heute bei Frau Weh:

(1) Mein Papa hat am Samstag 1:8 beim Fußball verloren. Da war der voll schlecht gelaunt. Dann hat der mit seinen Kumpeln total viel Bier getrunken und ist voll so rumgelaufen. (Kind ahmt Torkelbewegungen nach und lallt.)

(2) Wir waren am Wochenende im Märchenwald. Das war total schön da. Da gab es einen Esel, wenn man da 50 Cent reingeworfen hat, dann kamen Schokoladentaler raus. Das haben wir dann ganz oft gemacht. Meine Mama schickt dir noch die Fotos. (Kind reicht einen Prospekt des Märchenwaldes, eine Gebrüder-Grimm-Gedenkmünze, ein kleines Rotkäppchen-Püppchen und ein paar zerknitterte Stücke Goldfolie herum.)

(3) Ich konnte am Freitag nicht zur Schule kommen, weil meine Mutter mit meiner Schwester und mir zu das Gericht musste. Das war voll lange und da konnte ich nicht kommen. (Auf die Nachfrage eines anderen Kindes, was man bei einem Gericht so mache, boxt das Kind seinen Nachbarn in die Seite und streckt dem fragenden Kind die Zunge raus.)

(4) Is hab bei mein Papa Wii gespielt. (Auf anschließende Fragen der Kinder nach dem Namen des Spiels und der Gesamtspielzeit antwortet das Kind nicht, legt aber den Kopf auf den Tisch und macht monotone Brummgeräusche.)

(5) Mein neuer Hamster ist voll brutal. Der beißt mich immer in den Finger, wenn ich den so anpacke. (Kind zeigt gepflasterte Daumen, Zeige- und Mittelfinger und vollführt eine Quetschbewegung.)

Aufgabe:

Ordnen Sie die oben angeführten zufällig ausgewählten Aussagen den untenstehenden nicht zufällig ausgewählten Vornamen zu. Beachten Sie dabei gängige Klischees sowohl bestimmten Vornamen als auch angeblich vorurteilsbelasteten Grundschullehrern gegenüber.

(a) Shanice

(b) Leon

(c) Mia-Sophie

(d) Benjamin

(e) Lennox

Als Preis für die richtige Lösung winken ein Hausaufgabengutschein sowie ein Ausdruck des originalen Spiegelartikels über die ungerechten Grundschullehrer vom 16.09.2009 .

Viel Erfolg!