Clean Teaching

„Und wenn ich noch einmal neu anfangen würde?“

Dieser Satz, laut ausgesprochen, schwebt über allem. Über dem auf dem Boden ausgebreiteten Material, über den Ordnerrücken, die herablassend aus den Regalreihen blicken, und über meiner immer größer werdenden Verzweiflung. Jetzt gerade ist es mir zu viel. Zu viel Zeug, zu viel abgeheftete Ideen, zu viel papiergewordene Möglichkeiten der Wissensvermittlung. Ich will ja unterrichten, natürlich, aber ich will auch locker sein und frei sein von Themensammlungen, die mich schon jahrelang begleiten und immer fetter und feister werden von all den zusätzlich hineingeschobenen Blättern und kopierten Artikeln, den zwischendurch angeschafften Themenheften und dem das kannst du bestimmt einmal verwenden.

Neu anfangen. Die Papiertonne bis zum Anschlag füllen und nur noch das abheften – oder besser noch in digitalisierter Form speichern – was wirklich zielführend ist. Dinge einfach loslassen und sich wieder mehr auf Intuition und Spontaneität verlassen statt auf immer größer werdende Stapel von Fachliteratur, die ich irgendwann einmal in Ruhe lesen möchte. Denn, wenn ich ehrlich bin, dieses irgendwann wird es wohl nie geben. Und wenn es doch einmal so weit sein wird, dass die Nachmittage wieder ruhiger und die Abende frei von Vokabelabfragen oder Abholterminen der Wehwehchen sind, werden die ganzen vermeintlich wichtigen Dinge möglicherweise nicht nur äußerlich, sondern auch inhaltlich Staub angesetzt haben. Aktuelle didaktische Diskussionen verfolge ich im Internet sowie durch Lehrerzimmerlektüre. Und beileibe nicht alles, was Trend ist, muss mein sein.

Ein Spaziergang durch unseren Schulkeller bestätigt mein Unbehagen. Dort befindet sich tonnenweise Material, eingetütet, abgeheftet, in Kisten verpackt. Möglich, dass dort wahre Schätze lagern! Doch welche Kollegin hat die Zeit und das Interesse daran, sich durch die langsam vor sich hingilbenden Hinterlassenschaften längst in Ruhestand versetzter Lehrerinnen und Lehrer zu arbeiten? Es spukt der jeweilige Zeitgeist durch zugige Flure. Und so stapelt sich die Wissensvermittlung der letzten Jahrzehnte und modert vor sich hin. Wieviel Arbeitszeit darin stecken mag? Wie viel Hektar Wald, wie viel Liter Erdöl?

Ich wünsche mir nicht die Zeit der Schiefertafel zurück (obgleich ich gegen dieselbe keinerlei Einwände habe, ist sie doch so ungleich ressourcenschonender als jeder gedruckte Schreiblehrgang), aber ich wünsche mir eine Wissensvermittlung, die mit ein bisschen weniger buntem Schnickschnack auskommt. Natürlich bin ich an dem Dilemma, in dem ich gerade stecke, gänzlich selber schuld! Schließlich bin ich diejenige, die in den letzten Jahren gekauft, gewerkelt, kopiert und für die Ewigkeit laminiert hat. Weil es schön ist, auch ein Eichhörnchenpuzzle zu haben, oder 30 Somawürfel. Weil es auf Eventualitäten vorbereitet und Differenzierung leichter scheinen lässt. Aber bin ich dadurch in meinem Unterrichten besser geworden? Wenigstens ein leichter Zweifel scheint mir angebracht.

Wie praktisch, dass gerade Januar ist. Da verkündet sowieso alle Welt, was man in diesem Jahr aber wirklich einmal richtig anpacken will. Sparen und verzichten befinden sich bekanntermaßen immer in der Top Five der guten Vorsätze. Da betrete ich zumindest kein Neuland, wenn ich mich aufmache an Material zu sparen und auf Neuanschaffungen weitmöglichst zu verzichten, Dinge aus meinem Fundus zu gebrauchen oder weiterzugeben, wenn sie sich als nicht (mehr) zweckmäßig entpuppen. Weniger Zeug in der Klasse – ist ja sowieso schon voll genug dort. Je mehr ich darüber nachdenke, desto fröhlicher werde ich. Aufräumen und entrümpeln kann ich wirklich gut und mache ich extrem gerne (Familie Weh kann ein Lied davon singen …). Also verschlanke ich dieses Jahr mein Arbeitszimmer, unterziehe mein Material einer didaktischen Detoxkur und specke künstlich aufgeblasene Unterrichtsreihen ab. Oooh, es wird so wunderbar! Und ich weiß auch schon, wie ich es nenne:

Clean Teaching statt Clean Eating!

YES! 🙂

Anarchie im Adventskalender

21.12.2015

Liebe Zweitklässler,

heute dürft ihr euch eine Aufgabe für eure Lehrerin überlegen.

Es ist gerade 8:15 Uhr, als mich der Hausmeister im Flur vor meinem Klassenraum sitzend antrifft.

„Was machst du denn hier? Solltest du nicht eigentlich da drin sein?“, nickt er in Richtung verschlossener Klassentür.

„Ich bin rausgeflogen“, antworte ich schulterzuckend.

„Ist mir auch schon passiert“, sagt er tröstend, murmelt irgendetwas von verstopftem Abfluss und geht seines Weges.

Die Zeit verstreicht. Schon 8:20 Uhr. Was die Zweitklässler jetzt wohl machen? Ob ich mal klopfen soll? Nein, das ist würdelos. Aber vielleicht mal kurz das Ohr an die Tür …? Nur ganz kurz! Ganz schön leise da drin. Sie können ja schon, wenn sie wollen. (Sie wollen nur so selten.) Und wenn sie mich jetzt die ganze Stunde vor der Türe sitzen lassen, die kleinen Seuchenvögel? Ha, dann hole ich mir einen Kaffee und das neue Lehrerheftchen vom VBE aus dem Lehrerzimmer! Da komme ich ja sonst nie zu.

Eigentlich ganz schön so … Darf ich das überhaupt? Die ganze Zeit so vor der Türe rumsitzen? Ob die sich da drinnen jetzt gerade beaufsichtigt fühlen? Hmm … die kichern doch!? Vielleicht klettern die Zweitklässler gerade alle hintenrum aus dem Fenster und lachen sich halb tot. Und ich sitze hier mit Kaffee und Schule heute und kriege nix mit. Das ist unprofessionell.

Ich hasse unprofessionell.

Doch! Die kichern! Also sind sie noch drin, das ist gut! Worüber reden die denn so lange? Meine Güte, nächstes Jahr bekommt die Klasse einen stinknormalen Adventskalender mit Süßkram, statt einen mit gruppendynamischen Aufgaben. Mir doch egal, wenn die alle überzuckern. Sind sie ja sowieso im Advent, überzuckert und überdreht! Gut, wenn ich die jetzt mal zwei Wochen nicht sehe! Da drehen einige echt hochtourig. Ganz schön anstrengend, diese Tage vor Weihnachten. Wenn die Eltern das mal wüssten … Alle überzuckert!

Ich glaube, ich bin gerade ein bisschen unterzuckert. Sind eigentlich noch Kekse im Lehrerzimmer? Aber wenn ich da jetzt noch einmal vorbeigehe, dann kriegt bestimmt der Chef mit, dass ich Unterricht schwänze. Hmm …

Aber eigentlich mache ich das gar nicht. Also schwänzen. Ich bin ja herausgebeten worden. Das ist was anderes. Der Kaffee? Ja, gut, da könnte man jetzt drüber streiten. Aber immerhin rauche ich nicht! Das wäre daneben! Aber rauchen fand ich schon immer unattraktiv. Mein erster Freund hat geraucht. Damals war das ja noch schick. Aber damals fuhr man ja auch noch Mofa. Also, die anderen fuhren Mofa. Ich hatte ein Fahrrad. Und Blockflötenunterricht. Nix mit Rauchen und so.

Gleich halb neun! Ich geh da jetzt rein! Mir doch egal, wenn die Zweitklässler noch nicht fertig sind! Die sollten sich schließlich nur eine Aufgabe ausdenken, keine neue Regierungsform initiieren.

Ah, Schritte! Ich höre Schritte!

„Frau Wehee, Sie können jetzt wieder reinkommen!“, Sophie guckt mich mit ernstem Gesicht an und deutet in den Raum.

Neugierig betrete ich den Raum und setze ich mich auf meinen Platz im Kreis. Einige Zweitklässler schauen betont streng, andere unterdrücken mühsam ein Grinsen.

„Danke, Sophie!“, sagt Nick hoheitsvoll und wendet sich mir zu. „Wir haben uns entschieden, was Ihre Aufgabe ist, Frau Weh.“

Kunstpause.

„Wir haben beschlossen, dass wir einfach mal machen dürfen, was wir wollen.“

„Hah, das macht ihr doch sowieso! Außerdem ist das keine Aufgabe für mich. Das ist eine Aufgabe für euch!“, entgegne ich spitzfindig. Und dafür saß ich jetzt ewig im kalten Flur? Wenn das mal keinen Blasenpips gibt!

Großes Gelächter erfüllt die Klasse.

„Haha, Frau Weh, witzig!“

„Der war gut, Frau Weh!“

„Haben Sie nicht verstanden, stimmt’s?“

Jetzt ist aber langsam gut. Entrüstet ziehe ich eine Augenbraue hoch und fast sofort wird es wieder ruhig in der Klasse.

„Wir haben das gerade schon gemacht. Also, was wir wollten. Und Ihre Aufgabe war mal gar nix zu machen. Das wünschen Sie sich doch. Haben Sie am Freitag noch gesagt, das Sie mal nix machen wollen. Und das“, jetzt muss sogar der so gefasste Nick glucksen, „haben Sie auch schon gerade gemacht. Also nix! Wir sind gut, ne?“

advenire

Frau Weh unter'm Weihnachtsbaum

„Hier, hab ich für dich gemalt“, nuschelt Ramon und schiebt mir einen Zettel auf den Schreibtisch.

Ramon hasst malen. Jedes Bild, das es während des Unterrichts oder als Hausaufgabe auszumalen gilt, führt unweigerlich zu einer mittelgroßen Katastrophe mit fliegenden Stiften und fliehenden Worten. Kunst ist das Fach, das er am wenigsten mag. Gleich neben Mathe und Deutsch. Und Religion. Uuh, und Englisch, da wird ja auch immer so viel geschnibbelt und geklebt. Aber jetzt ist Advent und die Zweitklässler sind Weihnachtswichtel in besonderer Mission: Sie bringen Freude (und Kekse und Weihnachts-CDs und zuckerbunte Klitzekleinigkeiten) und verteilen sie freigiebig. Ramon malt also. Das erste Mal in diesem Schuljahr.

Ich streiche ihm über den asymmetrisch geschnittenen Rambohaarschnitt. „Lass mich mal sehen.“

Die kleine Frau Weh hat nur drei Finger an jeder Hand und keine Nase. Dass sie keine Füße hat, ist nur gut, denn dann kann sie nicht weglaufen, so wie der Papa. Aber was für ein warmes Lächeln in ihrem Gesicht! Sie schwebt ein wenig über den Dingen, das hat er gut beobachtet, und auch der lange Hals, der ihr ermöglicht über alles einen wachen Blick zu haben, sagt mir zu. Die Haare sind etwas in Unordnung und könnten mal wieder einen ordentlichen Schnitt vertragen, aber vor Weihnachten kommt ja auch alles immer so geballt, wann soll man es da noch zum Friseur schaffen? Die Augen sind groß und blicken deutlich wacher als in echt, dafür ist der orange Jumpsuit etwas übertrieben. Im Original trage ich lieber was über’m Popo.

Der Weihnachtsbaum ist festlich geschmückt mit Kugeln und Lichtern und obendrauf sitzt noch ein Stern mit richtigen Zacken, obwohl die so schwer zu malen sind. Die Tannenspitzen zeigen alle nach oben, was für ein optimistischer Zug! Der Baumstamm – breit, stabil und erdverbunden – bringt Stabilität und Beständigkeit in das Bild. Auf die Frage, ob die kleine Frau Weh ein Laserschwert in der Hand halte, lacht Ramon auf und schüttelt energisch den Kopf. Das sei doch die Verbindung zum Himmel. Die trage doch jeder in sich, habe die Religionslehrerin gesagt. Und rot muss die sein wegen der Liebe. Liebe ist viel auf dem Bild, das kann ich schon erkennen.

„Schönes Bild!“, meint Marc anerkennend, als er vorbeikommt, um sich mein Klebeband auszuleihen.

„Ja, superschönes Bild!“, bestätige ich und lächle Ramon zu. Blickkontakt. Ganze 5 Sekunden. Ankommen hat viele Gesichter.

 

Alles wird gut

Es liegt an mir den Kindern Ruhe zu geben in dieser Zeit.

Ruhe, Zuversicht, Sicherheit. So ungleich wichtiger als die Vermittlung von Kompetenzen oder die Arbeit an Schulprogramm und Leistungskonzept. Viel geredet wird von den Zweitklässlern nicht über das aktuelle Zeitgeschehen. Es ist schwer, das Unbehagen der eigenen Eltern in Worte zu fassen, wenn man sieben Jahre alt ist. Aber dass in manchen Familien Thema ist, was uns als Thema aufgezwungen wurde, weil es so unfassbar und nah ist, das spüre ich daran, dass in diesen Tagen mehr Kontakt gesucht wird. Da sitzen Michelle und Samira ganz eng auf einem der kleinen Arbeitsteppiche über einem Buch. Marc begrüßt mich mit einer wortlosen Umarmung. Merve und Nick streiten über Religion und stolpern dabei über die abwertenden Verallgemeinerungen der Eltern. Ich höre zu und rücke sanft zurecht, wo Ängste in falsche Worte gekleidet werden.
Wir malen Kerzen. Für unsere Fenster, aber auch für die, in denen es dunkel ist. „Kerzen helfen“, sagt Sophie und erzählt, dass ihre Oma immer in der Kirche eine anzündet und sie das dann auch darf, mit dem langen Docht, der dort liegt, unter der Maria mit ihrem Baby.
„Warum helfen Kerzen denn?“, fragt Yasin und verharrt, den Pinsel in der Luft.
„Na, weil die doch Licht bringen und das brauchen ja alle.“, antwortet Ole und zählt an seiner Hand Pflanzen, Tiere und Menschen auf.
„Haha, das sind ja alles Nomen!“, lacht Leonie und freut sich über ihre Feststellung.
„Ist doch klar, dass das alles Nomen sind“, ärgert sich Ole. „die brauchen ja auch alle einen Namen, um zu existieren. So wie wir eben auch das Licht brauchen. Alles braucht einen Namen.“
Wie so oft staune ich über die schlichte Wahrheit, die einige Kinder zu äußern imstande sind, und argwöhne, dass so mancher Philosoph heimlich auf Schulhöfen gelauscht haben muss. Vor unserer Klassentüre mögen Kolleginnen krank sein, Elterngespräche für Unruhe sorgen oder die Welt hart auf die Bremse treten. In unserem Raum bereitet die Ruhe den Boden für Gedanken. Mir kommt das Zitat von Etty Hillesum in den Kopf, das über meinem Schreibtisch hängt:
„Das ist eigentlich unsere einzige moralische Aufgabe: sich selbst große Flächen urbar zu machen für die Ruhe, für immer mehr Ruhe, sodass man diese Ruhe wieder auf andere ausstrahlen kann. Und je mehr Ruhe in den Menschen ist, desto ruhiger wird es auch in dieser aufgeregten Welt sein.“
Diese Worte möchte ich so sehr verinnerlichen wie kaum etwas anderes. Die darin enthaltene Wahrheit verinnerlichen und weitergeben an die Menschen, die um mich herum sind. Gerade, weil sie sieben Jahre alt sind. Sieben Jahre sind ein gutes Alter für Ruhe und große Gedanken.
Ein bisschen, weil es Spaß macht, aber auch ein bisschen, weil es hilft, dem seltsamen Gefühl im Bauch zu begegnen, geben die Zweitklässlern ihren Kerzen Namen. Kraftvolle und schöne. Da gibt es die Kerze Traum und die Kerze Frieden, die Kerze Wünsche und die Kerze Wir alle. Meine Kerze heißt Alles wird gut und die Kinder nicken zufrieden, als sie es hören. „Das glaubst du immer, Frau Weh, oder? Dass alles gut wird, meine ich. Du sagst das oft!“
„Klar“, lautet meine Antwort und die lächelnde Zuversicht, die ich in meine Stimme lege, bringt die Kinder in Bewegung wie das Licht einer Straßenlaterne Nachtfalter zum Tanzen bringt. „Daran glaube ich ganz fest. Alles wird gut!“

Elternsprechtag

Ich bin nicht sehr groß. Meine Gesamterscheinung beeindruckend zu nennen, wäre gnadenlos übertrieben. Aber ich kann lächeln. Und es ist dieses Lächeln, das ich nun wie eine Einmannramme vor mir hertrage, als der Physiklehrer des mittelgroßen Wehwehchens pünktlich um 14.00 Uhr die Tür zum Fachraum öffnet. Heute ist Elternsprechtag und mehr noch als die Info, dass eben dieser Lehrer die Leistung meines Ehesegens vor zwei Wochen mündlich auf eine Vier minus festgesetzt hat, trifft mich die Tatsache, dass er auf den Einwand des verdatterten Kindes, es sei ansonsten ein guter Schüler, einfach aufgelacht habe. Ob ungläubig oder spöttisch sei dahingestellt. Da muttiert doch wohl die gelassenste aller Mütter. Und tobt. (Oder benutzt Tiernamen.)

Der Lehrer begrüßt mich mit Namen und einem vagen Kopfnicken Richtung Stuhl.

„Herr Poundal“, beginne ich das Gespräch, „bevor wir konkret über meinen Sohn reden, möchte ich Ihnen gerne als Rückmeldung geben, wie positiv überrascht wir als Eltern von der Notentransparenz waren, die Sie den Schülern zu so einem frühen Zeitpunkt vermittelt haben. Wir erkennen die Chance, die Sie den Kindern damit geben.“

Des Physiklehrers Gesicht überzieht ein ungläubiges Staunen. Er wirft einen raschen Blick in seine Notenliste. Doch, da steht der Name des Wehwehchens mit einer wackeligen Vier dahinter. Er schüttelt ganz leicht den Kopf (vermutlich hat er einen anderen Gesprächseinstieg erwartet) und schaut mich zunehmend freundlich an: „Das ist ja auch mein Ansinnen. Ich möchte den Schülern die Möglichkeit geben, sich realistisch einzuschätzen und aktiv an der Gestaltung ihrer Note zu arbeiten.“

Ich nicke. „So haben wir das auch verstanden. Aber ich möchte nicht verhehlen, dass uns diese Note sehr überrascht und, ja, auch besorgt hat, da sie dem übrigen Leistungsbild unseres Sohnes nicht entspricht. Er ist ein solider Schüler und da sticht die Vier deutlich heraus.“

Herr Poundal runzelt die Stirn. „Jaaa, das hat er mir auch gesagt, dass er eigentlich ein guter Schüler sei. Ich konnte ihm das gar nicht glauben.“

Als das Wehwehchen mir dies vor zwei Wochen mitteilte, ließ ich mich auf dem heimischen Sofa zu einem durchaus beleidigenden Ausruf hinreißen, der dem Nachwuchs augenblicklich etwas die bedrückende Last von den Schultern nahm, im heutigen Gespräch aber definitiv fehl am Platze wäre. Daher unterlasse ich es, Herrn Poundal darauf hinzuweisen, wie unmöglich ich seine Äußerung finde und fahre in neutralem Ton fort. „Da hatte er aber völlig recht. Mein Sohn hat mir mitgeteilt, dass er sich vermutlich zu selten meldet und dieses Verhalten nun ändern will. Konnte er das schon umsetzen?“

„Ja“, bekräftigt Herr Poundal nach einem erneuten Blick auf seine Liste mit den Kreuzchen und den Kreisen. Jetzt sieht er wieder ein wenig irritiert aus, aber vielleicht müssen Physiklehrer ja immer ein bisschen so aussehen. Die Naturgesetze (und zweifelsohne zählt der elterliche Schutzmechanismus dazu) sind doch einfach zu überwältigend, nicht wahr? „Tatsächlich habe ich mir für die Stunden danach ein Plus notiert. Da hat er das ja schon gut umgesetzt.“

Wir unterhalten uns noch kurz darüber, wie wichtig die mündliche Mitarbeit und wie groß (und sicher nicht immer erfreulich) die Aufgabe eines Fachlehrers in der Mittelstufe sei. Ich lasse einfließen, wie interessiert das Wehwehchen vom Physikunterricht erzählt habe. Der Physiklehrer nickt verstehend. Ja, Physik sei so ein wunderbares Fach. Er schlägt vor, dass das Wehwehchen sich in regelmäßigen Abständen eine persönliche Rückmeldung abholen könne und notiert dies in seinen Unterlagen. Ich stimme dem Vorschlag zu und bedanke mich für das konstruktive Gespräch und die Zeit, die er sich dafür genommen habe. Herr Poundal strahlt.

„Bitte richten Sie Ihrem Sohn aus, dass ich mich auf seine Mitarbeit freue!“

Herr Poundal freut sich, ich freue mich (nicht ganz so sehr freut sich später das Wehwehchen über die Aussicht nun regelmäßig seinen Physiklehrer ansprechen zu müssen, aber da muss es jetzt einfach durch), Tür auf, auf Wiedersehen, vielen Dank, Tür zu. Erledigt.

„Fandest du den Poundal auch so schlimm?“, fragt mich kurz darauf die Mutter eines Mitschülers, die das Gespräch mit dem Physiklehrer in gleicher Angelegenheit schon am Morgen hinter sich gebracht hatte.

„Och“, antworte ich und trinke einen Schluck viel zu starken Pappbecherkaffees, für den ich der SV 2,- Euro ins Spendenschwein geworfen habe, „ging eigentlich.“

 

bröckelnde Bollwerke

Die jüngst angelesene erzieherische Leichtigkeit im Ohr reagiere ich an diesem Morgen annähernd vorbildlich, als mir das große Wehwehchen beim Frühstück mitteilt, es benötige seit Montag 12,- Euro Papiergeld im mit Namen versehenen Briefumschlag, einen leeren Schuhkarton für den Kunstunterricht und übrigens würde die Klasse heute einen Englischtest schreiben. Ich rege mich fast nur ein biss gar nicht auf, sondern wünsche ihm viel Glück und staune freue mich ansonsten einfach über das Wunderwerk des pubertierenden Gehirns, welches bereits vor 7.00 Uhr morgens in der Lage ist, wichtige Informationen abzurufen, wenn auch ein paar Tage später. Mein Sohn hat also immerhin kein Spatzenhirn, sondern das einer Lerche. Stellt euch meine Erleichterung vor!

Als kurz darauf das Miniweh mit verschwitzter und verfilzter Haarpracht (Fünfjährige haben mitunter des Nachts wahre Schlachten zu schlagen) an den Tisch stürmt und kräht, dass sich die Familienkatze auf den Badezimmerteppich erbrochen habe (es bediente sich für die Aussage einer anderen Wortwahl, aber immerhin ist das hier mein virtuelles Wohnzimmer, da sprechen wir anständig), lächle ich milde und gehe wischen.

Erste Kratzer erhält die liebevoll-gelassene Glasur meiner Mütterlichkeit am Nachmittag, als ich mit dem Miniweh, welches (natürlich!) über Nacht aus all seinen Pullovern herausgewachsen ist, im Kaufhaus unterwegs bin. Den entzückten Nachwuchs an einem Tisch voller Schneekugeln parkend, greife ich 3 Meter weiter nach den einzigen beiden Pullovern in Größe 116, deren Anblick keinen direkten Augenschaden hervorruft, da gänzlich ohne Neonfarben, Superhelden oder Glitzerpartikel auskommend. Ich drehe mich nach Schneegestöber und Miniweh um und … kein Miniweh mehr da. Ein kurzer, aber umso heftigerer Adrenalinstoß strömt durch meinen Körper, Muskeln spannen sich an, Sinne schärfen sich, meine Atmungsfrequenz nimmt zu. Scheiße, Kind weg! Hektisch fährt mein Kopf links herum und rechts herum.
„MINIWEH! MIIIIINIIIIWEEEEH!!! HIER SPRICHT DEINE MUTTER. KOMM SOFORT ZURÜCK!“

Erste mitleidige Blicke treffen mich, erste Schweißtropfen bilden sich, wo ist das Kind!? Ich irre herum, die Haare wirr, der Blick fahrig. Outdoorjacken, Strumpfhosen, Unser Herbstangebot (lassen Sie es sich nicht entgehen!), erste Weihnachtsmänner, Mützen, Handschuhe, Schals, mittendrin eine schwitzende Mutter, zwei Pullover Größe 116 im Arm. Ich bleibe vor einem Tisch mit unsagbar hässlichen Leggings stehen und rufe erneut nach dem absenten Ehesegen, als eine Verkäuferin mit bedeutungsvoller Geste unter den Tisch deutet.

„Miniweh?“, zische ich, worauf mir als Antwort glockenhelles Gekichere entgegenperlt. Ich schließe kurz die Augen, danke stumm dem Himmel in Form der aufmerksamen Verkäuferin und ziehe den Nachwuchs mit einem energischen Wuschsch unterm Angebotstisch hervor.

„ICH habe DICH die ganze Zeit gesehen! Also deine Füße.“, eröffnet mir das Miniweh und schiebt prophylaktisch die Unterlippe vor. Meine Augen verengen sich zu Schlitzen. „Jetzt pass mal gut auf! … (Der nun folgende Abschnitt wurde drastisch zensiert, da das darin beschriebene Verhalten der überforderten Mutter dem Ehrenkodex gelassener Elternschaft nicht nur nicht gerecht wurde, sondern aufgrund der darin vorkommenden Begrifflichkeiten nahezu einer Verhohnepiepelung desselben gleichkam, Anm. d. A.)                                                                                  

Vielleicht hätte ich es nach dem Erlebnis für heute einfach sein lassen sollen mit der Gute-Mutter-Nummer. Vielleicht hätte ich dem großen Wehwehchen einfach begütigend auf die Schulter klopfen sollen, anstelle gemeinsam einen Lernplan für die in den nächsten 8 Tagen anstehenden drei Arbeiten aufzustellen. Und vielleicht hätte ich einfach auf das Abfragen der lateinischen Stammformen verzichten sollen. So lautet nun die Tagesbilanz:

Ein Kind fast verloren,

eins am Rande des Nervenzusammenbruchs

und ich mittendrin, ein Bollwerk bröckelnder Gelassenheit.

 

Innovationen und Prokrastinationen

In diesen Herbstferien, deren Beginn ich in der Tat herbeigesehnt habe wie lange nichts, entschließe ich mich dazu, etwas erregend Neues auszuprobieren:

Ich arbeite nicht*.

Stattdessen probiere ich das Modell entspannte Mutter. Ich nehme Verabredungen mit dem Miniweh gemeinsam wahr und trinke Kaffee mit Kindergartenmüttern. Das ist übrigens gar nicht schlimm. Wie ich bei meinen umfangreichen Recherchen feststellen konnte, verfügen alle Haushalte außer dem unseren über professionelle Kaffeehausmaschinen, deren Aufschäumkapazitäten wahrhaft beeindruckend sind, und die nicht nur hervorragenden Milchschaum produzieren, sondern dabei auch noch täuschend echt die Startgeräusche eines mittelgroßen Düsenjets imitieren. Bemerkenswert! Mit dem größeren Wehwehchen kuschle ich mich abends einigermaßen gemütlich (in der Pubertät beginnen Extremitäten irgendwie sperrig und kantig zu werden) auf das Sofa und schaue Filme, die uns sogar beiden gefallen. Tagsüber mache ich Musik an und führe konzentriert Küchenexperimente durch, die, um bei der Wahrheit zu bleiben, nicht alle gelingen, mich aber mit produktiver Freude erfüllen. Entzückt nehme ich dabei wahr, dass zerfallenes und überwürztes Gemüse immer noch zur Suppe taugt, die ohne Murren von allen Familienmitgliedern gegessen wird. Hauptsache es gibt ausreichend Baguette dazu. Die Kuchen, die ich zur Zeit backe, wären vom Kaloriengehalt sicherlich geeignet, um unsere Familie über einen langen, harten Winter zu bringen. Soulfood vom Feinsten, aber offensichtlich ist es genau das, was ich jetzt brauche. Letztes Wochenende habe ich Freunde von uns in stummes Erstaunen versetzt, als ich während eines gemütlichen Kaffee-und-Kuchen-Plauschs ganz selbstverständlich drei große Stücke Schokokäsekuchen verdrückt habe. Den ganz bösen mit Frischkäse und Sahneschokoguss. Boah, war der lecker! Ich lese viel und zwischendurch umkreise ich immer wieder die Frage danach, ob das, was ich für Schule leiste, noch für alle Beteiligten verträglich ist. Denn das ist die eigentlich große Sache, die ich mir für die Ferien vorgenommen habe: Das Nachdenken darüber, wie viel Einsatz ich auf Dauer bringen kann und möchte. Aber das ist eine ernste Sache und passt mir heute nicht ins Posting. Stattdessen bereite ich mich mental auf das anstehende Schnitzelessen bei meiner Schwiegermutter vor (hähä, Herr Weh, das habe ich nur für dich geschrieben!) und backe den ersten Gewürzkuchen des Jahres. Hoffentlich birgt euer Tag ähnlich Schönes?

Es grüßt euch herzlich

Frau Weh

*Ok, fast nicht. Ich meine, natürlich musste ich das Laternenmaterial bestellen und die Mathearbeit nachgucken. Und wann, wenn nicht jetzt, hätte ich die Zeit, mit diesem Psychologen und dem Ergotherapeuten, den man nie erwischt, zu telefonieren? Häh? Na also!

Apfelzeit

Zum Geburtstag bekomme ich in der Regel von meiner Klasse einen Blumenstrauß. Zu Weihnachten gibt es ein Geschenk. Natürlich ein kleines oder eines, das dem Einsatz in der Schule dient. Alles andere verbietet sich ja (fast) von selbst. So weit, so gut. Dass nun die Zweitklässler vor mir stehen – mitten im Jahr und ohne erkennbaren Anlass – und zwischen sich einen Korb Äpfel balancieren, trifft mich unerwartet.

„In Amerika“, liest Luisa von einem Zettel ab, „schenken die Schüler ihrem Lehrer einen Apfel als Zeichen der Anerkennung und als Dank für die Arbeit.“ Sie schaut von ihrem Zettel auf. „Du hast ja auch manchmal Arbeit mit uns, sagt mein Papa.“ Sie überlegt. „Aber du sagst ja eigentlich immer, dass du nur Freude mit uns hast.“ Ihre Nase kräuselt sich nachdenklich. „Egal. Trotzdem haben wir alle einen Apfel mitgebracht für dich, damit du ganz gesund bleibst und froh. Hier!“ Die Zweitklässler stellen den Korb vor mir auf den Boden.

Ich schlucke ein bisschen. Und atme. Und so.

Weinst du jetzt etwa!?“, fragt Can und schüttelt fassungslos den Kopf. (Erwachsene!)

„Quatsch!“, raunze ich ihn an, „Das ist flüssige Freude.“

Viel Rauch

Ein wenig scheine ich mich verloren zu haben in den Turbulenzen der letzten Wochen.

Ständige Besuche im Klassenraum, inhaltlich wieder und wieder gleiche Gespräche mit verschiedensten Stellen, seitenweise diagnostische Beobachtungen, Fallanalysen und Beurteilungen. Das Ergebnis? Unbefriedigend. Das AO-SF für Ramon ist abgelehnt worden, die Schulbegleitung ebenso und die Begründungen fühlen sich an wie eine ins Gesicht geworfene Torte: zuckersüß, aber eben doch eine Klatsche. Die Förderschulkolleginnen, die Ramon getestet und dem Unterricht mehrere Tage beigewohnt haben, waren sich einig: Es läuft super! Ramon hat eine funktionierende emotionale Bindung zu mir aufgebaut, er respektiert mich und passt sein Verhalten zunehmend positiv der Klasse und den dort herrschenden Regeln an. Er hat die Chance, die ihm der Wechsel in diese Gruppe geboten hat, nicht nur erkannt, sondern in der ihm eigenen Weise am Genick gepackt und zur Blutsbrüderschaft gezwungen.

„Ja, Frau Weh, die 30 anderen Kinder drumherum, das ist heftig. Sie haben unser aufrichtiges Bedauern und unseren Respekt. Aber für Ramon, der die Fähigkeit und Einsicht zeigt, sein Verhalten zu ändern, ist es hier tausendmal besser als an einem Förderort für sozial-emotionales Verhalten. Da wären es nicht die guten Dinge, die er sich abschauen würde.“

Auch der Schulpsychologe findet professionell positive Worte. Er lobt das strikte Classroommanagement, die Arbeitsatmosphäre und das Sozialverhalten der Zweitklässler. Die Jugendamtsmitarbeiterin stimmt ihm zu. Ramon ist erfolgreich in die Gruppe integriert, da könne § 35a SGB VIII leider nicht greifen. Die Pausenprobleme? Ja, nun, vielleicht könnte man die Aufsicht aufstocken? Das störende Verhalten in der Klasse? Naja, da waren ja auch noch ein paar andere Kinder auffällig! Die Schülerzahl scheine ihr etwas hoch, aber, gut, so sei es nunmal. Sicherlich könne eine Schulbegleitung die Lehrerin entlasten, aber dafür sei sie nicht gedacht. Tut uns leid, Frau Weh.

Mitten in diesem Gemenge dann der Vorfall mit der Kollegin und der Schulleitung. Zu viel. (Ich wollte schon viel früher danke sagen für die aufbauenden und verstehenden Kommentare, allein ich konnte nicht. Ich musste mich einkugeln und Wunden lecken. Aber jetzt geht es wieder. Also: Danke für das Verständnis, für die Aufmunterung und danke für Farin Urlaub! Was habe ich für ein Glück mit diesem Blog und mit euch als Leserinnen und Lesern!) Ich mache einen Haken hinter die letzten Wochen und besinne mich auf das, was offenkundig ganz gut läuft: der Unterricht mit den Zweitklässlern. Natürlich bleibt ein schales Gefühl zurück. Alle beteiligten Stellen haben erkannt, dass Ramon Hilfe braucht, aber niemand fühlt sich zuständig, weil es für ihn in dieser Klasse funktioniert. Das bleibt bitter, auch wenn es in schöne Worte gekleidet ist.

Jetzt sind es noch zwei Wochen bis zu den Herbstferien. Die werde ich den Zweitklässlern und auch mir so ruhig machen wie eben möglich. In den Fokus nehme ich die Pausensituation. Auch hier muss eine Entspannung machbar sein, ohne zwangsläufig mehr Lehrerinnen in der Aufsicht zu haben. Vielleicht greift ein Verstärkersystem? Die Sache mit der Kaffeetasse läuft nach wie vor gut, aber ich kann beim besten Willen nicht noch mehr Kaffee trinken. Da krieg ich’s ja am Magen …

zu viel

Ich möchte mich verkriechen, mir einen Tunnel graben und mich einkugeln.

Dass dieser Moment der Erschöpfung eintreten würde, war abzusehen. Zu viele Belastungen folgten in den letzten Schulwochen aufeinander. Das Gefühl gegen bürokratische und menschliche Mauern zu rennen, der stärker werdende Eindruck des Alleinseins, die daraus resultierende Wut und das Aufbegehren – irgendwo musste es hingesteckt werden. Nur bietet der Alltag wenig Möglichkeiten des Ausbruchs, also packte ich es nach innen, wohlwissend, dass es dort weiterrumort und von tief drinnen an die Oberfläche strebt. Dort, wo die Dünnhäutigkeit sitzt. Seit ich in diesem Beruf arbeite, werkele ich an einer Verschalung der eigenen Verletzlichkeit. Versuche dort, wo es am sprichwörtlichen dicken Fell fehlt, durch Professionalität und Kompetenz einen Dämmung aufzubauen, die Angriffe und Vorwürfe abperlen lässt wie der Lotus die Regentropfen. Allein es will nicht immer so gelingen.

Und dann ist es tatsächlich nur der eine Tropfen, der zu viel ist. Die eine Kollegin, die ein harmloses, klärendes Gespräch mit mir scheut und lieber den Weg über den Chef geht, der – selber hochbelastet – Hintergründe nicht erfragt, sondern explodiert und klein macht, was eigentlich des Aufbaus bedarf. Und ich stehe fassungslos und höre das eigene Blut in den Ohren rauschen. Atme tief ein, um die überbordende eruptive Gewalt des Angestauten nicht Überhand gewinnen zu lassen und mich nicht wegfließen zu lassen von den Tränen der Wut, der Enttäuschung und Erschöpfung, die heraus wollen. Ich veratme sie wie den Schmerz, der sie eigentlich sind. Das Verlassen der Situation und der Hinweis auf ein späteres Gespräch sind die einzige angemessene Handlung, zu der ich mich befähigt sehe.

Dann, nach etwas Ruhe, überrollt mich der Ärger. Auch der über mich selbst. So unfassbar und falsch finde ich es, dass neben all den guten Dingen, die – natürlich! – auch an einem solchen Tag geschehen, es die eine Sache ist, die sich tief drinnen festbohrt. Wie ein Parasit, der sich durch einen winzigen Spalt hineinzwängt, sich einnistet und geschützt in seiner ganzen Erbärmlichkeit alles mit Bosheit ausfüllen will. Warum kann sich das Gehirn zur Gänze einer solchen Nichtigkeit widmen? Unfähig, andere Gefühle zuzulassen? Wieso schafft es ein unbedachter Ausbruch zur falschen Zeit, mich emotional derart zu treffen? Anders gefragt: Warum leisten die vielen guten Momente des Tages dies nicht?

Ich erinnere mich an die vor ein paar Tagen gelesenen Zeilen der Schriftstellerin Ildikó von Kürthy, die genau diese Verletzlichkeit beschreibt als das Gefühl einen zu niedrigen Schutzfaktor gegen Kränkungen aufgetragen zu haben. Als Taktik dagegen nennt sie das Aufrechterhalten der eigenen Werte. Und die Freundlichkeit. Ich stehe vor dem Spiegel der Lehrertoilette und versuche das harte Gesicht, das mich ansieht, anzulächeln. Der Versuch scheitert kläglich. Mir ist zum Heulen. „Lach endlich!“, herrsche ich mich stumm an. „So bist du überhaupt nicht und so willst du auch nicht sein. Also lach!“ Es gelingt nicht. Also lasse ich kaltes Wasser über meine Handgelenke laufen und atme tief durch. Morgen arbeite ich wieder an meiner Freundlichkeit. Heute akzeptiere ich einfach, dass mir nicht nach Lachen zumute ist.