Kinderkacke, Teil 1

„Sag mal Bolimeeeedu!“

Die kleine Denise würdigt mich keines Blickes. Stattdessen beschäftigt sie sich viel lieber mit dem mitgebrachten Stoffpony, das sie über den vor ihr ausgebreiteten Spielplan hüpfen lässt. Es zeigt ein Haus mit mehreren Zimmern und in all diesen Zimmern warten lustige Aufgaben auf Denise, die leider den darin versteckten großen Spielspaß noch nicht entdecken konnte.

„Knegiiiba? Jakeeedu?“

Keine Reaktion.

Es ist ja nicht so, dass ich die Dreieinhalbjährige nicht verstehen würde. Blöd genug, dass es bis jetzt keinen Kindergartenplatz für sie gibt. Noch blöder, dass sie dadurch nicht an der ersten Stufe der Sprachstandserhebung hat teilnehmen können – die wird nämlich wenigstens in einer kleinen Gruppe und unter Anleitung einer Erzieherin durchgeführt. Am allerblödesten aber, dass sie nun in der Schule sitzen muss, morgens um 8.00 Uhr, einer Zeit, in der sie normalerweise im Schlafanzug Richtung Frühstückstisch schlappt, und sich von einer wildfremden Person (moi!) dämliche Fragen stellen lassen muss. Oder weiß hier jemand, wie die Mehrzahl von Dopf gebildet wird? Ihr wisst gar nicht, was ein Dopf ist? Tja, die kleine Denise auch nicht und vermutlich ist auch das einer der Gründe, warum sie mich bereits in die Kategorie „seltsame Erwachsene“ eingeordnet hat. Für ihre Mutter bin ich (und das gesamte Schulsystem mit mir) sowieso bereits völlig unten durch.

„Wissen Sie eigentlich, was Sie hier den Kindern antun!?“, schmettert sie mir entgegen, als ich sie auf dem Schulhof in Empfang nehme. Ihre orange-roten Nägel klickern auf der Oberseite ihres Smartphones den Bolero von Ravel. (Ich vermute es ist ein Zufall, freue mich aber dennoch darüber. Die kleinen Freuden des Alltags, ihr wisst schon…) Der Lidstrich ist tiefschwarz und bestenfalls unbarmherzig zu nennen, was auf den gesamten Auftritt der auf Krawall gebürsteten Mutter zutrifft. Da nützt es gar nichts, dass Chefin zur Testung der kleinen Kunden von morgen extra mich als Kennerin der Materie Altersstufe ins Rennen schickt. „Da müssen wir hier in die Schule! Wissen Sie eigentlich, wieviel Uhr es ist!? Das Kind schläft ja noch! Ich könnte kotzen, echt!“ Schön, wenn der Morgen direkt mit einer ordentlichen Aufgabe beginnt.

Ich zähle zunächst die Ausrufezeichen in ihrer Rede (mindestens 5), dann langsam im Kopf bis 3 und lächle die Mutter entwaffnend an: „Nicht wahr? Was die sich da wieder ausgedacht haben! Tststs. Aber wir machen uns das jetzt mal ganz nett“, öffne mit großer Geste die Tür zu einem Klassenraum, „und kommen erstmal in Ruhe an.“

„Ja, wie? Soll ich da jetzt etwa mit? Nicht Ihr Ernst!? Ich hab‘ auch noch was zu tun. Echt jetzt, ich warte vor der Tür!“ Sagt’s und lässt mich mit Klein-Denise, Stoffpony und offenem Mund stehen.

Einige Zeit und manch vergeblichen Animationsversuch später wendet Klein-Denise mir dann endlich ihr Gesicht zu und nuschelt etwas ins Ponyfell. Ich fasse augenblicklich die Hoffnung doch noch ein paar Punkte in den Diagnosebogen eintragen zu können und beuge mich ein wenig näher: „Was sagst du?“

„Muss Kacka!“

Na super.

„Komm, Spätzchen, dann gehen wir mal schnell zur Mama.“ Routiniert wuchte ich Denise vom viel zu großen Stuhl und eile mit ihr im Laufschritt zur Türe. Dahinter… keine Mama!

„Muss Kacka!!“

Ich bemerke, dass der Tonfall von Klein-Denise eine gewisse Dringlichkeit angenommen hat, vergleiche mit ähnlichen Situationen aus dem Hause Weh, füge eine Portion Unwohlsein ob der fremden Umgebung hinzu, multipliziere mit der Abwesenheit der Mutter und komme zum Schluss, dass uns nur noch wenige Momente von einer Katastrophe trennen. Also klemme ich mir Klein-Denise fluchend unter den Arm und eile im Stechschritt zur Lehrertoilette, drehe nach ein paar Metern wieder um (kein Kindersitz!) und laufe nun schon schneller Richtung Schülertoilette, den Blick nach allen Seiten wendend – wo zum… befindet sich die Mutter!? Wäre mein Leben ein Comic, dann schwebte jetzt gerade eine Gewitterwolke voller schlimmer Zeichen über meinem Kopf.

Fortsetzung folgt

Mitleid

„Warum Sie können da nicht mal helfen!? Warum Sie haben kein Mitleid?“

Die Mutter des kleinen Grabowskis funkelt mich mit zornumwölkter Stirn an. Ihr neunjähriger Sohn, der einen Großteil seines Alltags alleine meistern muss, da die Mutter in der Nachtschicht arbeitet und der Papa fast nie da ist, hat übers Wochenende eine zerquetschte Banane im Ranzen vergessen. Die Banane hat er von einem Mitschüler geschenkt bekommen. Er wollte sie mit nach Hause nehmen und seinen Eltern zeigen, weil sie für ihn so etwas Besonderes ist. Der Bananenbrei, der alle Schulbücher und Hefte verklebt hat, ist so schnell verschimmelt, dass der komplette Inhalt des Ranzens entsorgt werden musste. Die Schulbücher müssen ersetzt, das Arbeitsmaterial neu beschafft werden. Das kostet. Während die Mutter mich (oder das Schulsystem, so sicher bin ich mir da nicht) auf Polnisch beschimpft, beschäftigt mich eine ganz andere Frage:

Wieviel Mitleid kann ich mir leisten?

Tatsächlich habe ich dem Drittklässler bereits gestern einen Satz Hefte auf den Tisch gelegt. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der ich ihn regelmäßig mit Frühstück, Aufmerksamkeit und Erziehung versorge. Alles Mangelware im heimischen Umfeld. Umso mehr ärgert mich der Auftritt der Mutter. Zum seit Wochen erbetenen Gesprächstermin kommt sie nicht, um ihren Sohn kümmert sie sich nicht, keine Zeit, keine Zeit! Jetzt aber tritt sie auf und lässt ihre Aufgebrachtheit gleiten auf der Woge der scheinbaren Diskriminierung, die sie hier wittert. Sie versteht mich nicht, weder sprachlich noch inhaltlich. Fühlt sich angegriffen von dem, was ich ihr nahelegen will. Dass sie sich kümmern muss, dass es nicht gut für ihr Kind ist, wenn es den ganzen Tag alleine in der Wohnung ist, morgens alleine aufsteht und sich zur Schule aufmacht. Sich nicht wäscht, kein Frühstück bekommt. Den Hinweis, dass es Hilfemöglichkeiten vom Jugendamt gibt, weist sie zurück. Ich wolle ihr Angst machen! Das kenne sie schon! Aber das werde sie nicht mit sich machen lassen, dann geht der Sohn eben auf eine andere Schule!

Das wäre schlimm für den kleinen Grabowski, der sich sowieso schwer tut in der Gruppe. Geringe Beziehungserfahrung, kaum positive Bindungen, schichtspezifische Sozialisation, ressourcenarmes Umfeld, monokulturelle Enkulturationsphase, Ethnozentrismus, Egozentrismus, außerhalb der Schule kein Kontakt zu einer Peergroup. Hohes Aggressionspotential, geringe Frustrationstoleranz. Mir fallen immer mehr soziologische Stichworte ein, die hier greifen. Nützt aber auch nix. Was bleibt, ist, dass die Schule zur Zeit die einzige Chance ist, die der kleine Grabowski hat.

„Warum er hatte Banane im Ranzen? Häh? Ist deine Schuld, dass alles ist kaputt!“

Wieviel Mitleid will ich mir leisten?

 

 

Lehrerrat

Frau Mandel spricht mich am Kopierer an: „Sag mal, was war das denn mit Schmitz-H. und dir? Das hat ja Wellen geschlagen!“

Alarmiert halte ich bei meinem Versuch inne, den Papierstau durch einen beherzten Griff ins Innere zu beheben, und blicke zur Kollegin hoch.

„Ja“, sagt sie, „Donnerstagmittag lief das Telefon heiß.“ Genüsslich zählt sie an den Fingern ab: „Also… zuerst war da Frau Abendroth, die hat Schmitz-H. im Flur brüllen hören. Dann rief Frau Müller an, um nachzufragen, ob du wirklich im Samskostüm an die Decke gegangen bist.“

Ich nicke mechanisch.

„Mit Flossen und Rüssel? Respekt! Danach war meine Klassenpflegschaftsvorsitzende dran…“

Ich spüre, wie ich blass werde. Ist die Pflegschaftsvorsitzende der Viertklässler doch vor allem dafür bekannt, maßgeblich für jeden Informationsfluss jenseits des Protokolls zuständig zu sein. Sie tratscht.

„… aber die wollte mit mir nur die Tagesordnung für den Elternabend besprechen.“ Frau Mandel macht die Sache merklich Spaß. „Und dann“, sie schaut mich bedeutungsvoll über den Rand ihrer Lesebrille hinweg an, „kam der Anruf von Schmitz-H. Ich muss dir leider mitteilen, dass sich deine Lieblingskollegin in dieser Sache an den Lehrerrat wenden möchte.“

„Pffffft!“, mache ich und schüttle den Kopf. „Was hast du ihr gesagt?“

Frau Mandel zwinkert mir zu: „Na, dass du der Lehrerrat bist.“

 

Neue Punkte für das Sams

Ein einsames Sams steht in der verlassenen Lehrerküche, den Kopf ermattet auf den Kafeevollautomaten gestützt. Ich schaffe es nicht einmal meine Schweinenase abzunehmen, so müde bin ich in diesem Moment. Hinter mir liegen eine Nacht mit wenig Schlaf und zwei kranken Wehwehchen, außerdem drei Stunden Karnevalsgedöns in der Schule. Spielmannszug, singendes Dreigestirn und die völlig überdreht- und überzuckerten Drittklässler. Volles Programm also. Mein Kopf pocht und ich will nur noch einen kurzen Moment Ruhe tanken, bevor ich nach Hause fahre um die Brutpflege zu übernehmen. Da betritt die Kollegin, die ich gerade am wenigsten von allen sehen möchte, die Bühne, pardon, die Kaffeeküche.

„Ah! Wie gut, dass ich dich noch erwische! Ich denke, wir sollten uns noch einmal unterhalten!“ Gewaltig und wichtig schiebt sie sich zu mir.

Mein Kopf scheint ins Magnetfeld der Wärmeplatte geraten zu sein, jedenfalls kostet es mich unendliche Mühe ihn zu heben und Frau Schmitz-Hahnenkamp ins Gesicht zu blicken.

„Ooooh“, säuselt sie dann auch prompt, „wie siehst du denn aus? Geht es dir nicht gut? Das habe ich mir gleich gedacht heute morgen. ‚Die Frau Weh sieht aber gar nicht gut aus‘.“ Ihre Stimme nimmt einen zuckrigen Klang an, der mir in der Situation prompt Übelkeit bereitet. „Es ist ja auch gar nicht so einfach für dich! Das habe ich der Chefin gestern auch gesagt. ‚Wie Frau Weh das immer alles schafft, mit der schwierigen Klasse und dann die Familie zu Hause und das alles!‘ Ehrlich, du hast meine Hochachtung und meine Bewunderung! Aber nun sag mir doch, was hast du denn?“

Sie schaut mich an wie ein Maulwurf.

Ich greife zur Schaufel.

„Du!“, würge ich hervor, „gehst mir gerade sowas von auf den Senkel!“ Ich blitze sie an, Horden von kranken Wehwehchen und marodierenden Drittklässlern stehen hinter mir, schwenken Transparente und gröhlen Schlachtrufe. Meine Schweinenase zittert und ich stemme die Arme in meine pummelig ausgestopften Samsseiten. „Vielleicht könnten wir jetzt mal das Theaterspielen sein lassen. Was ist eigentlich DEIN Problem? Ach, ich weiß es: Dass eine Klasse es nicht nur wagt, geschlossen deine fragwürdigen Methoden zu kritisieren, sondern dass sie sich damit nicht an dich wendet, sondern an jemanden, dem sie vertraut. Weißt du was? Mach mit deiner Klasse, was immer du für richtig hältst, aber in meiner Klasse gilt ab jetzt: Keine rausgerissenen Seiten, kein weiteres Einschüchtern und keinerlei Machtmissbrauch mehr in Form von rigiden, sinnlosen Strafen! Ich bin es LEID“, ich spucke das Wort hervor wie etwas, das mir schon zu lange im Halse steckt, „ich bin es SO leid!“

Frau Schmitz-Hahnenkamp steht wie vom Donner gerührt vor mir. Man merkt ihr deutlich an, dass sie nicht mit einem solchen Ausbruch gerechnet hat. „Ähh, muss ich das jetzt verstehen? Na, egal! Ich wollte nur nett zu dir sein!“

„Ah“, falle ich ihr ins Wort, „danke für das Stichwort! Nett wäre, wenn du Dinge direkt mit mir besprechen würdest statt sie künstlich aufzublasen und damit zur Chefin zu laufen.“ Ich schiebe mir den Schweinerüssel auf die Stirn, der besseren Atmung wegen. „Und ebenfalls nett wäre es auch, wenn wir uns dabei auf einer sachlichen Ebene begegnen könnten. Was ist das hier? Ein Showlaufen der pädagogischen Eitelkeiten?“

Einen Moment sehe ich hinter die Kulissen. Ich sehe eine ältere, einsame Kollegin vor mir, die all ihre Versagensängste, ihre Selbstzweifel und ihren beinahe pathologischen Wunsch nach Anerkennung hinter einer soliden Mauer aus Selbstgerechtigkeit, Missgunst und Antipathie verbirgt. Ich muss schlucken. Dann ist es auch schon wieder vorbei. Frau Schmitz-Hahnenkamp schnauft beleidigt auf und blitzt mich böse an: „Das muss ich mir nicht sagen lassen!“ Sie rauscht aus der Küche.

„Doch“, rufe ich ihr hinterher, „genau DAS musstest du dir mal sagen lassen!“

Ich atme aus, überrascht von mir selber. Meine Hände zittern ein bisschen. Erstaunlicherweise fühle ich mich jetzt besser. Ist bestimmt was mit den Hormonen, denke ich. Als ich meine Jacke hole und in den Spiegel an der Garderobe blicke, starrt mich ein Sams an. Blaue Punkte im Gesicht. Auf seiner Stirn wächst eine schrumpelige Schweinenase. Seine Wangen sind gerötet und die Augen blitzen. Während mir langsam bewusst wird, dass ich den gesamten Schwall im vollen Kostüm von mir gegeben habe, bahnt sich ein leises Kichern den Weg nach draußen. Beim genaueren Hinsehen wirkt das Sams im Spiegel etwas irre. Aber im Großen und Ganzen doch recht zufrieden.

Wo sind all die Blumen hin?

Dass die Sache eskaliert, bemerke ich erst, als ich von der Chefin zum Gespräch gebeten werde. In diesem besonders sanften Ton, der eigentlich nicht ihre Art und zuverlässiger Anzeiger für ein Krisengespräch ist. Als sie auch noch die Türe hinter uns schließt, weiß ich, dass die Lage ernst ist.

„Frau Schmitz-Hahnenkamp hat mich angesprochen. Sie fühlt sich durch dein Verhalten bloßgestellt und vorgeführt, Frau Weh. Sie sagt, du hättest ihr keine Chance zur Richtigstellung gelassen, sondern das Bild, das deine Klasse und somit auch die Eltern von ihr haben ins Negative verzerrt. Sie ist der Meinung, du hättest die Drittklässler aufgehetzt.“

Die Chefin schaut mich an und gibt mir Zeit zu antworten. Ich kann nicht. Ich bin so völlig überrumpelt, dass mein Kreislauf, der sich bisher eher durch temporäre Abwesenheit auszeichnete, sich nun unerwartet in kräftigem Fortissimo zurück zur Arbeit meldet. In meinen Ohren rauscht es, ich fühle wie mir die Hitze den Hals hinaufkriecht und bin dankbar für den Rollkragenpullover, der die Tatsache, dass ich mich wirklich, wirklich aufrege zumindest noch eine Weile verschleiert. Tatsächlich bin ich sprachlos. Vor weniger als 10 Minuten hat sich Frau Schmitz-Hahnenkamp strahlend und voll des Lobes über die verständigen Drittklässler und das soooo tolle Gespräch mit ihnen von mir verabschiedet. Das vorhergegangene Hilfegesuch bei der Chefin mit keiner Silbe erwähnend. Ich füge auf der imaginären Sch-H-Liste, die still zu ertragen ich langsam nicht mehr ganz so gewillt bin, ein nachtragend und nach kurzem Zögern auch ein hinterhältig hinzu.

Das weitere Gespräch mit der Chefin bleibt kurz. Ich finde meine Sprache wieder und erkläre in wenigen Sätzen meine Sichtweise. Die gesamte Situation ist absurd und überzogen. Die Chefin appeliert an mein Verständnis: „Du weißt doch, wie sie ist!“ Oh, jeden Tag mehrt sich mein Wissen. Mit einem Arbeitsauftrag versehen – dem typischen Abschiedsritual eines solchen Austauschs – verlasse ich das Büro. Mir ist nicht mehr ganz so gänseblümig im Gemüt; vielmehr zerrupft, zerpflückt. Als ich aus der Schultüre hinaus in den kalten Wind trete, ist es mir, als reiße er mir das letzte Blütenblatt aus und werfe es mir hinterher.

Eindeutig:

SIE LIEBT DICH NICHT!

Das Gespräch

„Die haben WAS!?“

Frau Schmitz-Hahnenkamps Entrüstung ob der ungeheuerlichen Vorwürfe der Drittklässler ist so gewaltig, dass ich Sorge habe mitsamt des Lehrerzimmermobiliars davon hinweggeschwemmt zu werden. Durch den Flur, das Treppenhaus hinab, auf den Schulhof und ab in den Gulli. Wortungetüme prasseln wie ein Unwetter auf mich herab. Und das ist es, ein Unwetter, ach, entfesselte Naturgewalt! Wie konnten die Drittklässler ihre Zuneigung, ihr Engagement, ihren Einsatz so falsch bewerten? Jedes ihrer Wörter trägt ein demonstratives Ausrufezeichen mit sich spazieren und gewandet sich mit dem Kleid der zu Unrecht Angeklagten. Vor Zorn des gerade erfahrenen Undanks bebt ihre Stimme, als sie mit Bitterleichenmiene zum Todesstoß ihrer Suade ansetzt:

„Und ich habe das doch alles nur für DICH getan, Frau Weh! Damit du dich in Ruhe zu Hause erholen kannst während deiner Krankheit. Es wäre doch gut, so dachte ich, wenn ich mir die Zeit nehme, die Hefte deiner Klasse einmal in Ruhe durchzusehen und zu korrigieren. Es ist ja so verständlich, dass du mit deinen eigenen Kindern, deinem Mann und allem gar nicht dazu kommst. Schließlich profitiert deine Klasse doch davon, dass ich diese Möglichkeit wahrnehme. Dann sehen die Eltern auch, dass hier korrekt gearbeitet wird.“

Sie holt Luft. Ich auch.

„Aber es war ja klar, dass deine Klasse ein Problem haben würde mit meiner konsequenten und strengen Art. Du bist ja so anders. Nein, ich will das ja gar nicht abwerten…! Aber es ist ja schon so, dass ich meine Klassen bisher immer sehr erfolgreich auf das Gymnasium vorbereitet habe. Da kommt man mit zu viel Nettigkeit ja nicht weit. Und DEINE Klasse hat sich ja auch sehr wohl gefühlt bei mir. Sie fanden es so schön ruhig!“

Frau Schmitz-Hahnenkamp schaut mir mit stechendem Blick in die Augen. Alles an ihr ist Vorwurf mit einer Garnitur aus erfahrungsbedingter Überheblichkeit verziert.

Mir liegen Dinge auf der Zunge. Es wäre ein Leichtes die Fassung zu verlieren und gleichermaßen Verletzendes auszusprechen. In meinem Kopf purzeln und ringen die Gedanken miteinander. Ich denke an das, was ich Herrn Weh, meinem Freund Marten in vielen Gesprächen, Frau Hattifnatte und nicht zuletzt mir selber versprochen habe: auf mich achtzugeben. Mich nicht fressen zu lassen von der unglaublichen Dreistigkeit anderer. Eine Grenze zu ziehen und diese fröhlich zu bewachen. Ich lege den Kopf ein bisschen schief und betrachte meine Kollegin aus dieser Perspektive. Plötzlich durchströmt mich die ungeheuer starke Gewissheit, dass ich niemals so werde. Niemals so werden kann!

Von Erleichterung durchflutet blicke ich Frau Schmitz-Hahnenkamp an: „Danke, dass du mir deine Sicht der Dinge mitgeteilt hast. Damit kann ich viel anfangen!“

Als ich meine Sachen packe und das Lehrerzimmer verlasse, zieht ein Lächeln über mein Gesicht. Auf der Treppe nach unten singe ich lauthals das Lied vom Gänseblümchen und freue mich auf meine Kinder, Herrn Weh und das alles.

 

Six feet under

Rückblick:

Meine letzte Klasse zeichnete sich durch einige Dinge aus. Sie waren sehr kreativ (im guten Sinne). Sie konnten gut singen! Intelligenzmäßig… nun ja, ihre Qualitäten lagen eindeutig anderswo. Was allerdings wirklich, wirklich störend war, war die Rumrülpserei. Pfui, Schnecke! Ständig – und das meine ich genau so – ständig bäuerte es irgendwo. Widerlich! Ergo: Merksatz!

Es ist früher Nachmittag, ich bin die letzte Kollegin im Schulhaus. Die Flure sind leer und still und nur vom Schulhof aus hört man Rumoren, ein Baum wird beschnitten. (Keine Beschneidungsdebatte, bitte, er war schon volljährig!) Ich verlasse gerade das Schulhaus im Schutz des Baumbeschneidungslastwagens, da…

…BÖÖÖpSSS!

rülpst ein Landschaftsgärtner laut und beherzt über den scheinbar menschenleeren Schulhof. (Hört man genau hin, lässt sich sogar ein Echo vernehmen.)

„Pfui!“, rufe ich laut, „Merksatz! Mit Unterschrift der Eltern!“

Der Arbeiter – sichtlich erfreut über das unerhoffte Publikum seiner akustischen Ausnahmeleistung – grinst mich kackfroschfrech an, greift zur Schaufel und ruft:

„Da muss ich aber tief buddeln!“

Doppelpfui!

Brainfreeze

Diese Woche spottet wahrlich jeder Beschreibung. Ein Drittel des Kollegiums erkrankt, kein Hausmeister, erneut keine Heizung, keine Putzfrau. Ständig zwei Klassen parallel unterrichtet. Die Anspannung im Lehrerzimmer… unsagbar. Dazu Ärger über fehlende elterliche Sorge, seelische Grausamkeiten und die ewig mahnende innere Stimme, Abstand zu wahren. Heute dann die explosionsartige Entladung  – Inobhutnahme eines meiner Schüler durch das Jugendamt.

Es gibt Dinge, die müssen schnell gehen. Manchmal so schnell, dass Körper, Seele und Gehirn mit der Kaskade verschiedener Emotionen, die einen durchlaufen, gar nicht mehr klarkommen. Ein einziges Wechselbad aus unfassbar großem (Er-)Schrecken, Wut, Angst, (Mit-)Leid und der stetigen Frage, ob die Entscheidung, die man innerhalb kürzester Zeit zu treffen gezwungen wurde, die richtige ist. Details wären hier nun fehl am Platz. Unfassbar aber die Tatsache, dass es so viele Kinder gibt, denen Leid geschieht. So großes Leid, dass im schlimmsten Falle ein Leben zu so einem frühen Zeitpunkt bereits völlig verkorkst scheint.

Gut tut dann, wenn sich ein solcher Tag, eine solche Woche nach gefühlter Unendlichkeit neigt.

Gut tut eine Nachricht des Dankes, dort gehandelt zu haben, wo Wegschauen der einfachere Weg gewesen wäre.

Gut tut auch die Fahrt nach Hause, das Umarmtwerden der Familie, ja sogar eine kotzende Katze hat erleichternde Wirkung. (In jeder Hinsicht.)

Und die Aussicht auf einen gigantischen Erdbeerdaiquiri!

Alltag

„Ich kann niemanden erreichen“ teilt mir die weltbeste Schulsekretärin mit „wir haben keine aktuelle Nummer vorliegen“. Ich quittiere die Information mit einem Schulterzucken. Es ist nicht das erste Mal, dass Maiks Familie den Telefonanbieter wechselt oder ihnen das Telefon gesperrt wird.

Wieder in der Klasse frage ich Maik, der unter einer Decke im Lesesessel hockt, seit wann Mama und Papa denn im Urlaub sind. „Seit Samstag. Wir haben alle geweint. Mama auch, aber dann sind sie doch gefahren. Sie brauchen ja ihren Urlaub wegen uns allen, weil das alles so anstrengend ist immer.“ Wer sich um ihn und seine fünf Geschwister jetzt kümmert möchte ich wissen. „Das macht die Oma, aber die schafft das nicht alles.“ Ich nicke ihm freundlich zu, mache einen Becher Tee fertig und erkläre, er könne noch eine Weile im Sessel bleiben bis es ihm wieder etwas besser gehe. Die Drittklässler machen verdutzte Gesichter. Sie mögen Maik nicht gerne. Seine Hausaufgaben macht er eigentlich nie, manchmal riecht er komisch. Er sagt seltsame Dinge und irgendwie ist er ihnen auch unsympathisch. Die Tatsache, dass die meisten seiner Geschwister auf eine andere Schule gehen, ist ihnen bekannt und auch, dass seine Eltern ihm regelmäßig sagen, er komme da bestimmt auch hin, weil er dumm sei. Aber dass es ihm gerade nicht gut geht, das merken sie und es tut ihnen irgendwie leid. „Möchtest du ein Stück Apfel?“ fragt Marc. Auch Schmitti beeilt sich und zieht einen Stapel Sammelkarten aus der Tasche. „Du kannst die Schildkröte mit Glitzer haben, die ist voll selten!“

Nach der Schule setze ich Maik ins Auto. Darf ich nicht. Ist mir egal. Er ist verwundert über den Anschnallmechanismus im Kindersitz. Das kennt er nicht. Ein paar Minuten später sind wir angekommen. Nach mehrmaligem Klingeln öffnet die Oma die Tür: „Ja! Was ist denn?“ Ich übergebe ihr Maik und verlange eine Telefonnummer. „Getz stellen Se sich nich an, Frollein! Gib et nich!“

Die männliche Supernanny, mein Freund vom Jugendamt, ist nicht weiter überrascht als ich später anrufe. „Ah, bei dir wollte ich mich die ganze Zeit schon melden. Ich habe noch keinen Termin mit Familie Maik ausmachen können. Da geht keiner ans Telefon.“