Alles auf Null

… alles neu, alles andere ist vorbei. Es wird gut, es wird groß, es wird gold.

Anna Depenbusch motivierend im Ohr beende ich die Renovierungsarbeiten im neuen/alten Blog und hoffe, dass der Umzug glatt über die Bühne geht. Eigentlich sollte alles (fast) so aussehen wie bisher und auch so funktionieren. Insgesamt habe ich die Oberfläche ein wenig gestrafft, die meisten Bilder entfernt und die Vielzahl an Artikeln etwas ausgedünnt. Ein paar Dinge laufen noch nicht ganz so, wie sie sollen, aber ich bleibe dran. Neu ist der riesengroße Bereich zum Thema Datenschutz. Was für euch als Leserinnen und Leser wichtig ist, ist die Tatsache, dass WordPress einige Informationen speichert, wenn ihr die Seite aufruft, kommentiert oder euch anmeldet, um per Email auf neue Beiträge hingewiesen zu werden. Natürlich fange ich mit diesen Daten (z.B. Email- und IP-Adressen, selbstgewählter Nutzername, Zeitpunkt eures Beitrags etc.) nichts weiter an. Wofür auch? Aber der Schutz eigener Daten ist definitiv wichtig und da sind wir nun.

Aber genug davon, hier ist die wichtigste Frage: seid ihr mitgekommen? Dann gebt doch bitte kurz Laut! Denn an diesem Ort sind wir ja derart privatissime, dass eine kurze Vorstellung doch ganz nett wäre.

Ich fang dann mal an:

Hallo, ich bin die Frau Weh. Schön, dass ihr (wieder) dabei seid! 🙂

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Und hier so?

Guten Abend zusammen!

Ja, ich weiß, zu lange war es hier wieder zu ruhig. Und die Schuld hierfür lässt sich nicht einmal den Viertklässlern in die Schuhe schieben. Nein, nicht im Geringsten. Meine Klasse ist – ich beklagte es ja bereits – ein wenig transusig unterwegs, so dass ich von dieser Seite aus keine größeren Dramen mehr in den nächsten Wochen erwarte. (Selbstredend blicke ich grundschulmütterlichstolz, während ich das schreibe! Nun mag die Klasse ein wenig langweilig wirken, der Weg dorthin war es bekanntlich ganz und gar nicht.)

Sogar ihr Flashmob war genaugenommen gar keiner, denn er wurde einfach nicht zur Kenntnis genommen. Möglicherweise hätten sie sich auch etwas mehr Mühe geben können. Aber wo der durchschnittliche  Viertklässler vor dem Schulwechsel noch einmal richtig Rabatz machen will, mag meine Klasse es lieber beschaulich und so wurde die Idee geboren, mittwochs nach der großen Pause einfach im Treppenhaus stehen zu bleiben, statt der Fachlehrerin ins oberste Stockwerk zu folgen. Ob es deren bewundernswerte Nonchalance oder doch eher ein Fall für den Amtsarzt war, dass die Kollegin dies nicht bemerkte, wird wohl ein Rätsel bleiben. Jedenfalls hat sie die Klasse nicht abgeholt und so standen sie da, die flashmobbenden Viertklässler. Alleine im Treppenhaus und ganz ohne staunendes Publikum. Nach einer Weile ratloser Warterei schlichen sie dann nach oben und setzten sich an ihre Plätze. Auf meine ehrlich erstaunte Frage, was dann passiert sei, meinten sie achselzuckend „Na, Englischunterricht halt“. Nein, dieser Klasse ist doch wirklich nicht mehr zu helfen!

Was mich stattdessen beschäftigt, ist natürlich die DSGVO und ihre Auswirkungen. Klar ist, dass ich weiterschreiben werde. Denn – sind wir mal ehrlich! – wenn ich nach den Sommerferien wieder ein erstes Schuljahr führen werde, ist das mit der wohlverdienten Langeweile auch schon wieder vorbei. Und wenn ich eins in den vergangenen Bloggerjahren gelernt habe, dann, dass entweder ich oder der bedauernswerte Herr Weh platzen würden, wenn ich mir nichts mehr von Herz und Seele schreiben könnte. (Und an der stilistisch wirklich unschönen dreimaligen Verwendung des Wortes „wenn“ in den letzten Sätzen, merke ich auch, wie dringend ich wieder Schreibpraxis benötige …)

Also werkele ich im Hintergrund und probiere mich an verschiedenen Möglichkeiten. Folgendes wird wohl passieren: Ende Mai werde ich den blog zunächst auf Eis legen auf privat setzen. Das heißt, keiner kommt raus, keiner kommt rein. Parallel werde ich mit den Inhalten umziehen und die neue Adresse hier posten. Das bekommt aber nur der mit, der den blog als E-Mail abonniert hat (-> Hinweis rechts in der Seitenleiste) oder bereits im Feedreader hat (danke an bibibike für den freundlichen Hinweis). Wenn du also beim Neustart (und danach) dabei sein möchtest und noch nicht über neue Artikel informiert wirst, dann darfst du in den nächsten Tagen gerne auf das blaue Kästchen klicken! So alles glatt geht, erhältst du dann per E-Mail die Einladung zur nagelneuen Seite.

Soweit zumindest die Theorie. Was allerdings auch passieren könnte, ist, dass ich statt mich ausreichend um alles zu kümmern, lieber mit den Wehwehchen Eis essen gehe, weil das Wetter so schön ist. Oder mit Herrn Weh ins Kino, um mal wieder ungestört so richtig zu knutschen. Vielleicht brauche ich auch ganz dringend ein neues Kleid! Ja, ich will nicht lügen, all das könnte passieren. Aber dann werde ich auch davon berichten. Denn das ist ja, was ich hier so gerne mache …

Flashmob, Teil 1

„Ihr seid wirklich ziemlich langweilig geworden!“, meine ich mit einem nicht unzufriedenen Seufzer, während ich die seit einer geraumen Weile still vor sich hinarbeitenden Viertklässler beobachte. Gestern, ja, da hatte ich zwei Stunden Vertretung im ersten Schuljahr, da ging noch was, da flogen Emotionen und Hausschuhe durch den Raum! Aber hier? Hach, sie werden einfach so schnell groß!

Erwartungsgemäß empört sich die Klasse umgehend (Das ist allein Ihre Schuld, Frau Weh! Sie sind auch nicht mehr so spannend, Frau Weh! Da sehen Sie, was Sie aus uns gemacht haben!), was mich durchaus freut, regt es doch eine sofortige Diskussion darüber an, was getan werden könne (nein, müsse!), um diesen unhaltbaren Zustand zu ändern. Ich mag sie ja sehr, diese Klasse. (Natürlich mag ich jede meiner Klassen. Anders wäre ja auch schön dumm, wenn man so viel Zeit miteinander verbringt!) Aber diese Kinder hier haben genau die richtige Mischung aus Intelligenz* und Humor**, die ich so schätze.

Sehr selbstreflektiert*** für ihr Alter stellen sie nun fest, dass meine Aussage unverschämt gewesen sei, weswegen ich mich am kommenden Freitag auch im Klassenrat zu verantworten habe, aber dennoch ein Fünkchen Wahrheit enthalte. Sie wären nun halt die Großen, das brächte eine immense Verantwortung mit sich. Vorbild zu sein koste schließlich Kraft und Würde. Dennoch könnte man eventuell ein wenig Leben in die Bude bringen, damit die Kleinen sehen, dass Älterwerden nicht bedeutet, keinen Spaß mehr zu haben. Verschiedene Möglichkeiten fliegen durch den Raum, die meisten undurchführbar bis rahmensprengend, aber ganz ohne mein Zutun (ich habe 5 Minuten Redeverbot auferlegt bekommen, respektslosigkeitsbedingte Sofortmaßnahme genehmigt durch den Schnellausschuss der Klasse) kristallisiert sich die Idee eines Flashmobs heraus. Das wäre es doch! Sowas ist cool, außerdem könne man es filmen und ins Internet setzen, da sähen dann ALLE, dass unsere Klasse die beste überhaupt wäre. Ich darf wieder mitreden und teile meine Bedenken bezüglich der Filmerei mit. Die Flashmobidee aber finde ich gut und gebe als Hausaufgabe auf, den Plan zu konkretisieren.

„W-Fragen beantworten, Kinder! Werwaswannwowie!“, rufe ich ihnen noch hinterher, als sie ihre Sachen packen und aus dem Raum stürmen.

„Ist klar, Frau Weh!“, ranzt mich Can über die Schulter an. „Erst beleidigen und dann noch meinen, Weh-Fragen stellen zu dürfen, ist klar!“

Ich mag sie ja wirklich! 🙂

*Ergebnis harter Arbeit.

**Ergebnis noch härterer Arbeit.

***Ergebnis … ihr wisst schon.

Vandale und Liebe

Großer Unmut bei den Viertklässlern. Es geht um die Ehre. Da wird nicht gespaßt.

„So geht das einfach nicht weiter, Frau Weh!“

„Nein, das halten wir nicht länger aus!“

Natürlich verbieten ihnen Alter und Würde den der Situation eigentlich angemessenen Gefühlsausbruch, aber sich ein bisschen echauffieren, das darf wohl drin sein. Es geht um die OGS. Genauer um die Gruppe der OGS-Kinder, die in diesem – unserem! – Klassenraum die Hausaufgaben erledigt. Und, ach, wenn es doch nur die Hausaufgaben wären, die sie erledigen! Aber nein, sie stiften Chaos und hinterlassen apokalyptische Verwüstung, so man den aufgebrachten Viertklässlern Glauben schenken darf. Da liegen Schnipsel auf dem Boden, unter den Tischen finden sich angebissene Dinge und überall, ja, Frau Weh, da können Sie mal gucken, überall bleiben Stifte, Radiergummis und Flaschen liegen! Pfui aber auch!

(Den meisten geschätzten Leserinnen wird es bewusst sein, aber Nichteingeweihten möchte ich kurz erläutern, dass ein Klassenraum in der Grundschule nicht nur irgendeinen Raum darstellt. Nein, er ist so viel mehr! Das eigene Klassenzimmer ist Keimzelle und Mutterschoß der Bildung gleichermaßen, nicht das Zuhause, aber doch heimeliger Ort des Geborgenseins. Kinder identifizieren sich mit ihrem Klassenraum und teilen geheimes Wissen um sein Wesen. Flecken an den Wänden sind nicht einfach nur irgendwelche Makel, sie erzählen Geschichten vom Ausbruch plötzlichen Unwohlseins oder explodierten Kakaoflaschen. Fensterbretter oder Tafelecken sind keine unbelebten Gegenstände, markieren sie doch gleichermaßen Platzwunden wie historische Ereignisse. Bis hin zum mumifizierten Popelbällchen unter dem Regalbrett ganz untenhintenlinks weiß eine Klasse um ihren Raum. Und der Raum weiß um seine Klasse. So ist das nun einmal.)

Und jetzt das!

Gesittet, wie sie nun einmal meistens nach bald vier Grundschuljahren sind, einigen sich die Viertklässler auf gestrenge Worte und persönliche Ansprache auf mehreren Ebenen. Sie wollen es ohne Körpereinsatz versuchen, was ich mit hochgezogener Augenbraue und ironischem Unterton sehr begrüße, und fast können wir uns wieder dem Unterricht zuwenden, da meldet sich Shirin.

„Da ist noch was, Frau Weh. Jeden Tag ist was auf meinen Tisch gekritzelt.“

Auf ihrem Platz, so berichtet sie mir, sitzt nachmittags Enes. Und Enes macht das jeden Tag! Während der Rest der Klasse in den Arbeitsmodus wechselt, schaue mir das Werk des jungen Vandalen an und erkenne ein mittelgroßes, krakeliges Herz, das mit Bleistift quer über die Tischplatte gezeichnet wurde. Hmm.

„Shirin, kann es sein, dass Enes Gefühle für dich besitzt?“

Shirin nickt, ja, so ist das wohl, aber sie kann diese Gefühle nicht erwidern. Ich nicke. Ja die Liebe … das ist alles nicht immer so einfach. Wir überlegen gemeinsam, wie wir Enes davon abhalten können, Shirin weiterhin unerwünschte Bekundungen zukommen zu lassen ohne ihn bloßzustellen. Gleichzeitig kommen wir auf die Lösung und zwinkern uns verschwörerisch zu.

Als wir nach der sechsten Stunde den wieder aufgeräumten Klassenraum verlassen, steht auf Shirins Tisch eine Botschaft. Natürlich mit Bleistift.

Lieber Enes,

ich möchte deine Gefühle nicht verletzen. Aber hör jetzt SOFORT damit auf, was auf meinen Tisch zu krakeln! Das ist voll uncool!

Deine Shirin

 

 

Mitten im Leben

Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen.

Er hält sich nicht an Pläne, er trifft keine Absprachen. Er geschieht.

Betroffen steht die kleine Schar Erstklässler im Kreis um die tote Spitzmaus herum. Klein liegt sie da auf dem Schulhof, geradezu winzig und still, sehr still. Eigentlich wollten wir für eine Förderstunde nur kurz das Gebäude wechseln. Doch an Normalität ist nun nicht mehr zu denken. Zu plötzlich stört der Tod die Kindern so eigene Emsigkeit.

„Vielleicht schläft sie ja nur?“, macht Lyanne sich selber Mut.

„Aber sie hat die Augen auf und da an der Schnauze ist auch Blut!“ Theo ist von der vollzogenen Endlichkeit des Mäuselebens überzeugt. Fachmännisch weist er auf die Indizien hin.

„Die arme, arme Maus!“, meint Dilara kummervoll und macht ein trauriges Gesicht. Die anderen Erstklässler nicken betroffen. So ein kleines Mäuschen und so tot. Warum bloß?

Diese Frage stelle ich mir auch. Ich friere. Mittwochs habe ich einen Schultag ganz ohne Pausenaufsichten. Anlassgemäß feiere ich diesen Tag immer mit dünner Kleidung. Mir zieht eine Gänsehaut die bestrumpfhosten Beine hinauf und eigentlich wollte ich doch im Warmen sitzen und die Sache mit der Silbensynthese noch einmal gezielt angehen. Jetzt aber blicke ich auf die tote Maus und die ergriffenen Erstklässler und als erfahrene Lehrkraft weiß ich natürlich, dass daraus heute nichts mehr werden wird. Ich seufze und ziehe den Mantel enger. Es ist absehbar, was nun passieren wird.

„Wir müssen sie begraben!“, sind sich die Erstklässler da auch schon einig und geraten nach meinem Zustimmung signalisierenden Nicken, auch wenn es nur halbherzig war, in freudvolle Geschäftigkeit. Sie teilen die Zuständigkeiten ein und tun, was getan werden muss. Einige suchen ein schönes Plätzchen (geschützt unter Büschen, aber etwas sonnig, die kleine Maus liebte bestimmt die Sonne, alle Mäuse lieben Sonne!), andere sammeln Herbstblätter in leuchtenden Farben (denn bunte Farben, da ist man sich einig, sind sehr wichtig bei einem Begräbnis und in Mexico oder woanders, da feiert man, wenn einer tot ist, mit gelben und orangenen Blumen, das hat Can am Wochenende in der Vorschau im Kino gesehen. Da war so ein Hund, der hat einen Knochen fast gefressen und dann war das aber der Knochen von einem toten Skelett und der Hund ist in einen Kaktus gefallen. Oder in ganz viele. Aber die Blumen waren orange!) und Theo und Ebru holen Sandeimer und Schaufel, denn ein Loch muss auch noch ausgehoben werden. Weder die novemberschwere Erde noch die Tatsache, dass jedes Kind einmal an die Schaufel möchte, lassen das Unterfangen zu schnell enden und so vergeht eine fröstelnde Weile und noch eine.

„Wie kriegen wir die Maus da jetzt rein? Tote Tiere darf man nicht anfassen, die können Tollwut haben.“

Ein bisschen hin und her geht es nun, denn Dilara weiß nicht, was Tollwut ist und Can verwechselt Tollwut mit der Zombieapokalypse aus dem voll gruseligen, aber coolen PC-Spiel, das sein großer Bruder ihm gezeigt hat und wo alle immer voll soooo langgehen und Geräusche machen. Doch Theo weiß um die Würde des Anlasses, schickt nach einem Kehrblech und sorgt für Ruhe. In schweigender Übereinkunft teilt ihm die Gruppe die Rolle des Bestatters zu und mit einem kleinen Plopp landet das Mäuschen in seinem Grab. Gebettet auf Herbstlaub und etwas Butterkeks, denn Mäuse – und wir alle wissen doch darum! – lieben Butterkekse. Liebevoll zugedeckt von einem Papiertaschentuch, das sogar fast noch ganz sauber ist. Die Erstklässler werden still, denn nun – so wird ihnen bewusst – müssen Worte gesprochen werden. Wichtige Worte, die den Abschied fassbar machen sollen und doch erträglich. Große Worte voller Traurigkeit über verpasste Chancen und ein Mäuseleben, dass doch viel zu kurz war.

„Auf Wiedersehen, kleine Maus. Wir haben uns gerade erst kennengelernt, aber du warst bestimmt ganz prima zu deinen vielen Mäusekindern! Und die sind jetzt sicher schon groß und passen auf sich selber auf. Du darfst jetzt hier ganz lange schlafen und du kommst bestimmt in den Mäusehimmel und der ist voller Käse!“

„Wir müssen auch etwas singen!“, weiß Theo. Alle nicken zustimmend. Sie entscheiden sich für das Martinslied, denn der Mantel, meint Leon, deckt ja den Bettler zu so wie die Herbstblätter die kleine Maus. Und ein anderes Lied wissen sie gerade auch nicht. Die hellen Kinderstimmen klingen durch die kalte Luft und ich weiß gar nicht, warum, aber plötzlich muss ich ein bisschen schlucken und ein bisschen hüsteln und vermutlich habe ich mir doch eine Erkältung oder so etwas in der Art eingefangen. Ist ja auch kein Wunder! Die Kinder nicken mir wissend zu und eine kleine Hand schiebt sich in meine. Weil der Gesang so schön ist auf dem leeren Schulhof und auch so viel Spaß macht, stimmen die Erstklässler gleich noch das Lied von der Weihnachtsbäckerei an. Mit in die Hände klatschen und laut „Du Schwein!“ rufen, denn das ist ja das Beste überhaupt an dem Lied. Dann wird gekichert und gelacht und „Tschüss, du Mäuschen!“ gerufen und noch ein bisschen mit Herbstlaub geworfen, wo wir schon hier draußen sind.

Mitten im Tod sind wir vom Leben umfangen.

Es hält sich nicht an Pläne, es trifft keine Absprachen. Es geschieht.

Das Leben der Anderen

Als ich heute von der Schule nach Hause komme, finde ich einen unerwarteten Brief vor. Der Absender, ein Herr Hans-Günther Schimmelpfennig aus Gelsenkirchen, ist mir unbekannt. Neben dem heute nicht mehr so geläufigen Vornamen lässt auch die sorgfältige und doch leicht knitterige Schrift auf einen älteren Verfasser schließen.

Neugierig öffne ich den Umschlag und lese folgende Zeilen:

„Sehr geehrte Frau Weh,

rein per Zufall bin ich auf eine Seite im Internet gestoßen, die mich neugierig gemacht hat. Ist das die Frau Weh, die ich kenne?

In einem Artikel vom 05.04.2007 ist dort zu lesen, dass ein „Kulturkreis geselligen Miteinanders und Austauschs“ sein 50-jähriges Jubiläum gefeiert hat. Dazu ein Foto: Die 1. Vorsitzende, Frau Weh, inmitten weiterer Vereinsmitglieder. Die Dame könnte vom Aussehen her die Frau Weh sein, die ich kenne.

Verzeihen Sie mir, dass ich Ihre Adresse herausgesucht habe, aber sind Sie es vielleicht? Ich weiß, dass die Eheleute Weh damals einen Umzug angestrebt haben. Erinnern Sie sich an vielleicht an die Familien Schimmelpfennig-Werner aus Gelsenkirchen? Wenn dem so wäre, würde ich mich sehr freuen, wenn Sie sich melden würden.

Mit freundlichen Grüßen

Hans-G. Schimmelpfennig“

Als ich das entsprechende Foto im Internet aufrufe, muss ich lächeln. Da sitzt in einer kleinen Gruppe Menschen, die sich um sie gruppiert haben, tatsächlich eine ältere Dame, schick frisiert und verschmitzt lächelnd. Klein und zierlich ist sie, das kann ich erkennen. Gekleidet ist sie stilvoll mit Strickjäckchen in keckem Pink zum adretten Rock, was sofort ein anerkennendes Lächeln bei mir aufziehen lässt. Die Dame scheint mit sich selbst und der Welt recht zufrieden zu sein. Ja, denke ich, das könnte ich in 35 Jahren tatsächlich sein. Beziehungsweise, berichtige ich mich, wäre es nicht schön, so zu werden?

In welcher Beziehung steht Hans-G. Schimmelpfennig, den ich im Kopf sofort noch um ein paar Jahre älter mache, wohl zu ihr? Er siezt sie, ein Paar können sie wohl nicht gewesen sein. Oder – Moment! – er spricht vom Ehepaar Weh, hat er sich vielleicht aus der Ferne nach ihr gesehnt? Waren Sie vielleicht Nachbarskinder und haben sich aus den Augen verloren? Den Artikel, den er zitiert, ist 10 Jahre alt. Wie lange mögen sich beide nicht mehr gesprochen haben? 20 Jahre? Oder 40? Ein ganzes halbes Leben mag vorbeigezogen sein. Möglicherweise ist dies seine Art der Rückschau, die Herrn Schimmelpfennig dazu bewogen hat, mir einen Brief zu schreiben, getragen von der Hoffnung, ich sei diejenige, welche. Ich stelle mir ihn vor, wie er auf Antwort wartet, vielleicht ist er aufgeregt, ungeduldig oder erwartungsvoll. Aber vielleicht mischt sich auch ein kleines bisschen Traurigkeit in sein Warten. 10 Jahre sind eine so lange Zeit. Ob die andere Frau Weh noch lebt? Wird Herr Schimmelpfennig sie finden? Wen werde ich am Ende meines Lebens vermissen, suchen, wessen Verlust vielleicht beweinen? Weder Frau Weh noch Herrn Schimmelpfennig kenne ich und trotzdem verspüre ich an diesem Mittag ganz unvermittelt Wehmut darüber, dass dieser Brief an mich nicht das Ende einer Suche ist, die so viel Zeit wohl nicht mehr erwarten kann. Es ist der Gedanke an die Vergänglichkeit, der mit diesen Zeilen zum Klingen gebracht wurde. Mir kommt die Aschermittwochsliturgie in den Sinn: Memento homo, quia pulvis es, et in pulverem reverteris. Die Zeit, die wir haben, ist ein Geschenk. Und sie ist endlich.

Als ich den Brief erneut zur Hand nehme, muss ich nicht überlegen, bevor ich zum Telefon greife und die sorgfältig notierte Nummer wähle. Nach dreimaligen Klingeln meldet sich eine warme, ältere Stimme.

„Guten Tag, Herr Schimmelpfennig. Mein Name ist Frau Weh, ich habe einen Brief von Ihnen erhalten …“

 

P.S. Vielen Dank für die vielen netten Worte zur Begrüßung in diesen Tagen! Ich habe mich über jedes einzelne gefreut!

Hummelflug

Noch zwei Wochen bis zu den Herbstferien und die Stimmung ist schon so tief gesunken, dass ich mich beim Betreten des Lehrerzimmers in einem dumpfgrundigen Unkenpfuhl wiederzufinden scheine. Es trieft von herbstlicher Melancholie und beginnendem Missmut. Vereinzelt tropft Verzweiflung von den Wänden wie der unvermeidliche Rotz aus der Nase eines Erstklässlers. Grund ist eine Terminimplosion mittelschweren Grades: Schulanmeldung trifft auf Schulzahnarzt trifft auf Erneuerung der Schalldämmung trifft auf politischbed.. krankheitsbedingten Personalmangel. Ehrlich, wir sind so knapp besetzt, dass ich mich zusammenreißen muss, den freundlichen Dackelbesitzer, dessen frühmorgendliche Hunderunde ihn auch am Lehrerparkplatz vorbeiführt, nicht einfach an der Funktionsjacke zu packen und stante pede ins Lehramt zu rekrutieren. Wer Teckel kann, kann doch wohl auch Kinder, ne?

Da heute mein kurzer Tag ist, den ich mir unter keinen – ich betone unter keinen Umständen! – vermiesen lasse, entscheide ich mich gegen ein Bad inmitten negativer Schwingungen und drehe ab. Achtsamkeit ist ja seit einiger Zeit so ein wichtiges Thema, das einem – recht unachtsam, wie ich finde – ständig um die Ohren gehauen wird; also bin ich achtsam, nehme meine Gefühlslage wahr und erkenne an, dass unter besonderen Umständen auch die fröhlichste Hummel besser in Einsamkeit als im Unkengrund aufgehoben ist.

Doch Fröhlichkeit hin oder her, leider bin ich auch eine Hummel ohne Heimat. Denn alle Räume, in die ich mich zum Frühstück zurückziehen könnte, sind besetzt (Zahnarzt, Schulanmeldung, Schallschutz …). Nicht einmal in meinen Klassenraum kann ich gehen, denn der muss stoßgelüftet werden. Die Viertklässler beginnen präpubertätsbedingt zu müffeln. (Das merkt man ja nie, wenn man mittenmang sitzt, aber wehe, man verlässt den Raum und kommt dann zurück. Pfüüüüühh! )

Etwas planlos brumme ich von Raum zu Raum (man stelle sich bitte das dazu passende Werk von Rimsky-Korsakov vor), von Tür zu Tür, um schlussendlich im Abstellraum zu landen. Der Abstellraum – ein Ort voller Möglichkeiten. Und voller Kram. Kram der Sorte, die in Grundschulen allüberall exponentiell wachsend anfällt: liegengebliebene Jacken und Turnbeutel, kaputte Bälle, Wandkarten (Europa politisch), unvollständige Palettischeiben, eine traurigbeige Decke auf brauner Santätsliege. In diesem Fall jedoch der Ort meiner Wünsche! Äußerst zufrieden mit meiner Wahl lasse ich mich auf der Liege nieder und beiße in ein belegtes Brötchen, als plötzlich die Tür aufgerissen wird und der Hausmeister mit einem Schwung alter Lappen auftaucht.

„Was machst du denn hier?“, will er irritiert wissen.

„Na, Pausenyoga!“, ich zucke mit den Schultern, „sieht man doch wohl!“

„Du und Yoga, is klar!“, lacht er dröhnend. „Welches Tier?“

Ich überlege kurz, flattere ein bisschen mit Brötchen und Armen und erkläre befriedigt: „Die nach Ruhe suchende Hummel!“