3.Schuljahr, Sachunterricht.
Ich liege ohnmächtig auf dem Boden, 25 Kinder starren auf mich herunter, eins hockt auf mir drauf.
„Du musst gucken, ob sie noch atmet, Nino!“
Nino wirkt leicht gestresst. Eben noch hat er sehr großspurig mitgeteilt, dass die stabile Seitenlage ja wohl voll langweilig sei und er das sowieso alles könne, nun findet er sich umringt von seinen Klassenkameraden auf dem Bauch seiner Klassenlehrerin wieder. So hatte er sich das nicht vorgestellt.
„Hallo, Frau Weh, hören Sie mich?“, Nino rüttelt kläglich an meinen Schultern. „Atmen Sie noch?“
„Das kann sie dir doch nicht sagen, du Trottel. Sie ist OHN-MÄCH-TIG!!!“, Friederike ärgert sich, wäre sie doch tausendmal lieber an seiner Stelle. „Außerdem musst du runter von ihr, wenn du ihr jetzt den Bauch brichst, müssen wir zu Frau Schmitz-Hahnenkamp!“ Ich möchte auch keinen gebrochenen Bauch haben und grummle zustimmend.
Nino steigt ab und legt vorsichtig eine Hand auf meinen Bauch. Ich merke, dass sich ein kleines Ohr über meine Nase schiebt. Aus kleiner Gemeinheit halte ich die Luft an. In Nino wächst das Unbehagen: „Sie atmet aber gar nicht! Frau Weh!?“
„Geil, musst du so machen!“ PONK PONK Ich blinzle ein bisschen und sehe, wie Schmitti rhythmisch mit den Fäusten auf den Tisch donnert. Bevor ich ernstlich intervenieren muss, kommt mir Friederike zu Hilfe:
„Boah, lass mich mal, du Doof!“ Friederike schiebt Nino resolut zur Seite, überstreckt routiniert meinen Kopf, kontrolliert die Atmung, mit der ich mittlerweile wieder begonnen habe, legt den einen Arm zum rechten Winkel, führt die andere Hand an mein Gesicht, hebt mein Bein an und – zack! – liege ich in der stabilen Seitenlage. Noch ein paar Schönheitskorrekturen und fertig. Überhaupt kein Problem, alles easy peasy lemon squeeze. Die Klasse applaudiert.
Ich erwache aus meiner Ohnmacht: „Oh, wo bin ich?“ Alle sind entzückt über meine offensichtliche Desorientierung. „Keine Sorge, Frau Weh“, meldet sich liebevoll der kleine Grabowski zu Wort, „du bist in Klasse, nur eine ohne Macht war da, jetzt wieder alles gut!“