Pausengespräche

Alisa leistet mir bei der Pausenaufsicht Gesellschaft.

 

„Also Frau Weh, ich glaube, ich habe mir gestern den Magen verkorkst.“

„Aha?“

„Ja, ich habe Nudeln gegessen, die schon ein paar Tage alt waren.“

„Naja, wenn es nur Nudeln waren… Hauptsache sie sind nicht in alter Sahnesauce geschwommen.“

„Hmm. Spaghetti alla carbonara.“

„Oha. Aber wenn man sich so richtig den Magen verdirbt, dann merkt man das ganz schnell.“

„Ich hab die ganze Nacht unter meiner Decke gepupst!“

„Diese Information hätte ich nicht unbedingt gebraucht, aber danke, dass du mich daran teilhaben lässt.“

„Es war schön warm!“

„Ah ja. Auch diese Information…!“

„Gerade kam schon wieder einer!“

 

An dieser Stelle endete das Gespräch abrupt.

Organspende

Der Himmel über dem Ruhrgebiet zeigt sich an diesem Morgen grau und wolkenverhangen. Auch Benedikts Ferienbericht klingt betrüblich:

„Und dann hat der Mann uns doch tatsächlich“, der kleine Sternsinger macht eine aufgebrachte Pause, untermalt von heftigem Schniefen, „mit türkischen Nieren bezahlt!“

Pfui, denke ich, das geht aber wirklich zu weit! Auch meine anderen Schützlinge zeigen sich empört. Wir sind uns alle einig, dass türkische Nieren als Zahlungsmittel umgehend verboten werden sollten, Baklava hingegen als Sternsingergabe durchaus akzeptiert werden könne. Vorausgesetzt, man fände eine Verpackung, schließlich klebt das Zeug ja wie Hulle!

„Und, was haben Sie in den Ferien gemacht, Frau Weh?“ Der Erzählstein ist mittlerweile bei mir angekommen. Wahrheitsgemäß antworte ich, dass ich sehr erfolgreich enorme Mengen Nachtisch zu mir genommen und mich überhaupt gnadenlos gut erholt hätte. Ich denke an Cocktailschirmchen, bunte Getränke, noch mehr bunte Getränke, warmes Öl auf meinem Rücken und seufze einmal wohlig. Schmitti zu meiner Linken interpretiert diesen Ausdruck meiner Freude jedoch völlig fehl, tätschelt mir beruhigend das bestrumpfhoste Knie und meint beruhigend: „Alles gut, Frau Weh, jetzt bist du ja wieder da, du brauchst nicht anfangen zu weinen!“

Was habe ich sie vermisst! 🙂

 

Six feet under

Rückblick:

Meine letzte Klasse zeichnete sich durch einige Dinge aus. Sie waren sehr kreativ (im guten Sinne). Sie konnten gut singen! Intelligenzmäßig… nun ja, ihre Qualitäten lagen eindeutig anderswo. Was allerdings wirklich, wirklich störend war, war die Rumrülpserei. Pfui, Schnecke! Ständig – und das meine ich genau so – ständig bäuerte es irgendwo. Widerlich! Ergo: Merksatz!

Es ist früher Nachmittag, ich bin die letzte Kollegin im Schulhaus. Die Flure sind leer und still und nur vom Schulhof aus hört man Rumoren, ein Baum wird beschnitten. (Keine Beschneidungsdebatte, bitte, er war schon volljährig!) Ich verlasse gerade das Schulhaus im Schutz des Baumbeschneidungslastwagens, da…

…BÖÖÖpSSS!

rülpst ein Landschaftsgärtner laut und beherzt über den scheinbar menschenleeren Schulhof. (Hört man genau hin, lässt sich sogar ein Echo vernehmen.)

„Pfui!“, rufe ich laut, „Merksatz! Mit Unterschrift der Eltern!“

Der Arbeiter – sichtlich erfreut über das unerhoffte Publikum seiner akustischen Ausnahmeleistung – grinst mich kackfroschfrech an, greift zur Schaufel und ruft:

„Da muss ich aber tief buddeln!“

Doppelpfui!

Mitgefangen, mitgehangen

Es gibt so manche Momente im Lehrerleben, die Freude bringen. Sommerferien zum Beispiel. Oder eine unbefristete Stelle. Doch manchmal sind die Gründe, die uns zum Lachen bringen kleiner, viel kleiner.

Die Erstklässler finden es wahnsinnig cool, ihre Jacken anzuziehen, während diese noch am Haken hängen. Eigentlich stellt dieser Ablauf kein Problem dar. Von dem ein oder anderen abgerissenen Aufhänger mal abgesehen. Aber heute kommt es anders…

Keller, 12.35 Uhr, Schulschluss für die Erstklässler. Ich räume den Musikraum auf, als plötzlich ein spitzer Schrei aus dem Flur ertönt:

„FRAU WEEEEEEEHHH!!! Der Mario hängt fest!“

Retardierte Satzfetzen gewöhnt und in Erwartung des 14. verklemmten Reißverschlusses des Tages lasse ich mir etwas Zeit bis ich der Stimme folge, um nachzusehen. Im Flur bietet sich mir ein erstaunlicher Anblick: Tatsächlich hängt Mario – ich hätte dies technisch bis dato gar nicht für möglich gehalten – mitsamt seiner Winterjacke am Haken und windet sich panisch. Seine Beine strampeln eine gute Handbreit über dem Boden (Mario ist der winzigste Erstklässler, der mir bisher begegnet ist), ein umgefallener Schulranzen liegt knapp daneben, seine Arme stecken in den Ärmeln und der Reißverschluss – Obacht! Trommelwirbel! – ist geschlossen.

Geschlossen!

„Mario, wie hast du das denn gemacht!?“ Ich bin wirklich beeindruckt, das hat richtig Klasse! Vorsichtig hebe ich das strampelnde Fliegengewicht vom Haken, Dankbarkeit erwartend. Doch weit gefehlt, trotzig faucht er mich an:

„Na, die blöden Dinger sind viel zu weit oben!“ Hektisch wedelt er mit den Armen Richtung Garderobenleiste, bevor er sich aus meinen Armen befreit und zum Bus flitzt.

Ich kann mir immer noch keinen Reim darauf machen und bin auf die Aussage von Augenzeugen angewiesen. Prompt folgt die Erklärung der nicht minder beeindruckten Klassenkameraden:

„Der Mario ist auf seinen Ranzen geklettert, hat die Jacke zugemacht und dann ist der Ranzen umgefallen.“

Tja. Dumm gelaufen.

Weltuntergang

6. Stunde, Freiarbeit bei den Drittklässlern. Marc und Benedikt puzzlen gemeinsam am 1000er Puzzle.

„Nächste Woche geht ja die Welt unter!“

„Echt? Warum das denn?“

„Keine Ahnung, ich hab das im Fernsehen gehört.“

„Hmm… vor oder nach Weihnachten?“

„Noch vor Weihnachten.“

„Boah, Kacke!“

„Ja, voll, ne?“

Es ist Advent

„Gut, dass ist Advent!“

Der kleine Grabowski schaut in die Kerzenflammen und rückt sich die Teppichfliese unterm Popo zurecht. „Ja“, stimmt ihm auch Schmitti zu und haut seinem Sitznachbarn in die Rippen, der sich noch nicht entscheiden kann, wohin mit seinen Beinen. Die anderen Drittklässler sagen nicht viel, die morgendliche Dunkelheit im Klassenraum lässt sie ruhiger werden. Am Adventskranz brennen zwei Kerzen, wir singen. Eben haben wir erfahren, wie das Wort Advent auf Russisch, Polnisch, Italienisch, Portugiesisch, Droidisch* und Spanisch heißt und auf welche Weise diese Zeit in den Familien begangen wird.

Es sind diese 10 Minuten, die nicht nur den Kindern im Moment viel bedeuten. Auch ich tanke auf während dieser Zeit der Ruhe. Nach dem gemeinsamen Lied lese ich ein Märchen vor. Jeden Tag eins. Jeden Tag in absoluter Stille. Da sitzen sie, die Drittklässler, so wie ich sie gerne immer hätte: aufmerksam, konzentriert und ruhig. Vielleicht genieße ich diesen Zustand so, weil ich weiß, dass seine Dauer begrenzt ist. Allerspätestens zur Pause wird es wieder rund gehen, die Kolleginnen werden sich anschließend bei mir über verschiedene Schüler beschweren. Ich werde Elterninfos schreiben, die ignoriert oder bestritten werden, Konsequenzen durchsetzen und mich fragen, ob die Mühe, die ich mir mache, es eigentlich wert ist.

Morgen früh aber, wenn die Drittklässler fernab jeder Spielkonsole gebannt die Prinzessin ins Schlafgemach begleiten, um den Frosch an die Wand zu werfen, wird sie es wieder wert sein.

Es ist Advent. Gut so.

* Star Wars ist immer noch ein sehr großes Thema.

 

 

Möge die Macht…

3.Schuljahr, Sachunterricht.

Ich liege ohnmächtig auf dem Boden, 25 Kinder starren auf mich herunter, eins hockt auf mir drauf.

„Du musst gucken, ob sie noch atmet, Nino!“

Nino wirkt leicht gestresst. Eben noch hat er sehr großspurig mitgeteilt, dass die stabile Seitenlage ja wohl voll langweilig sei und er das sowieso alles könne, nun findet er sich umringt von seinen Klassenkameraden auf dem Bauch seiner Klassenlehrerin wieder. So hatte er sich das nicht vorgestellt.

„Hallo, Frau Weh, hören Sie mich?“, Nino rüttelt kläglich an meinen Schultern. „Atmen Sie noch?“

„Das kann sie dir doch nicht sagen, du Trottel. Sie ist OHN-MÄCH-TIG!!!“, Friederike ärgert sich, wäre sie doch tausendmal lieber an seiner Stelle. „Außerdem musst du runter von ihr, wenn du ihr jetzt den Bauch brichst, müssen wir zu Frau Schmitz-Hahnenkamp!“ Ich möchte auch keinen gebrochenen Bauch haben und grummle zustimmend.

Nino steigt ab und legt vorsichtig eine Hand auf meinen Bauch. Ich merke, dass sich ein kleines Ohr über meine Nase schiebt. Aus kleiner Gemeinheit halte ich die Luft an. In Nino wächst das Unbehagen: „Sie atmet aber gar nicht! Frau Weh!?“

„Geil, musst du so machen!“ PONK PONK Ich blinzle ein bisschen und sehe, wie Schmitti rhythmisch mit den Fäusten auf den Tisch donnert. Bevor ich ernstlich intervenieren muss, kommt mir Friederike zu Hilfe:

„Boah, lass mich mal, du Doof!“ Friederike schiebt Nino resolut zur Seite, überstreckt routiniert meinen Kopf, kontrolliert die Atmung, mit der ich mittlerweile wieder begonnen habe, legt den einen Arm zum rechten Winkel, führt die andere Hand an mein Gesicht, hebt mein Bein an und – zack! – liege ich in der stabilen Seitenlage. Noch ein paar Schönheitskorrekturen und fertig. Überhaupt kein Problem, alles easy peasy lemon squeeze. Die Klasse applaudiert.

Ich erwache aus meiner Ohnmacht: „Oh, wo bin ich?“ Alle sind entzückt über meine offensichtliche Desorientierung. „Keine Sorge, Frau Weh“, meldet sich liebevoll der kleine Grabowski zu Wort, „du bist in Klasse, nur eine ohne Macht war da, jetzt wieder alles gut!“

 

Wurst und Liebe

„Ah, da steckste!“, strahlend steuert der pensionierte Hausmeister auf mich zu. Es ist der Tag des großen Weihnachtsbasars. Ich bin seit kurz nach 7.00 Uhr in der Schule, jetzt ist es 17.12 Uhr und ich bin erschöpft von all den Gesprächen, dem vielen Lächeln und Smalltalk.

„Jo, mir geht es gut!“, antwortet er auf meine Nachfrage und ich sehe ihm an, dass es stimmt. „Aber du?“, er mustert mich kritisch, „zu blass, zu dünn! Wat is?“ Mein Lächeln ist halbherzig als ich ihm antworte, dass alles wie immer sei. Denn eigentlich stimmt das ja auch, es ist wie immer. Er schaut mich an mit dieser Mischung aus Strenge und väterlicher Sorge, wir kennen uns lange. „Pass auf dich auf, Mädchen!“ Und vielleicht liegt es an der Art, wie er Mädchen sagt (und er ist der Einzige, der dies tut und genau so meint), vielleicht auch an den wirklich strammen Wochen, die hinter mir liegen, aber irgendwie schafft es eine winzige Träne in meinen Augenwinkel. Peinlich berührt versuche ich sie wegzublinzeln, aber zu spät, er hat sie schon gesehen. Wissend zieht der Hausmeister, der das Leben nach der Schule in vollen Zügen genießt, die Augenbrauen hoch: „Warte ma!“

Ein paar Minuten später steht er vor mir, eine dampfende Bratwurst im Brötchen im Anschlag. „Da, rein damit!“, fordert er mich auf. Und gerade als ich ihm die Absurdität dieser Situation erklären will, schüttelt mich ein großes, ein befreiendes Lachen, eins von der Sorte, das vermutlich nah am Wahnsinn angesiedelt ist, aber gerade deswegen so gut tut. Er nickt mir zu: „Na also, Mädchen, dat wird wieder!“

Ich lache immer noch als ich die Bratwurst entgegennehme und irgendwie fühlt sich der Tag viel leichter an.

Neues aus dem Lehrerzimmer

„Was, du willst Stunden reduzieren?“,

Frau Schmitz-Hahnenkamp starrt zuerst auf den Teilzeitantrag in meiner Hand, dann saugt sich ihr Blick auf Bauchnabelhöhe fest. „Bist du etwa SCHWANGER?“

Ich blicke irritiert an mir herunter:

„Nein!“

„Ach, schade, du wärst bestimmt eine gute Mutter!“

Jetzt hätte ich gerne einen Hund. So einen von den ganz Großen.

Oh(r)weia!

„Frau Weh? Hören Sie mich? Es wird Ihnen gleich etwas schwindelig.“

Örks.

Ich liege im Dunkeln in einem Untersuchungszimmer. Auf der Nase eine Frenzelbrille, die mich vermutlich nur bedingt attraktiver macht, und im Ohr einen Stöpsel, der mir penetrant kalte Luft in den linken Gehörgang pustet. Schwindelig ist gar kein Ausdruck. Es fühlt sich an, als würde mein Innenohr nach außen gestülpt. Mir ist schlecht, der Schweiß steht mir auf der Stirn und meine Pupillen tanzen hin und her. Dr. Paukenröhre sitzt neben mir und erläutert mir begeistert, dass sich mein Vestibularapparat verhält wie frisch aus der Facharztprüfung. Alles wie aus dem Lehrbuch! Toll! Ich habe Mühe, seine Begeisterung zu teilen, denn nun muss ich zwei Minuten auf einen imaginären Punkt in der Dunkelheit starren, was mit tangotanzenden Pupillen gar nicht so leicht ist. Aber hey, das ist eine Prüfungssituation, da strenge ich mich an!

Ich habe Dr.Paukenröhre wegen Schwindels aufgesucht. Der sucht mich nämlich derzeit heim und lähmt meine Leistungsfähigkeit doch arg. So arg, dass ich in Dr.Paukenröhres 90 Minuten-Hardcore-Astronautentraining eingewilligt habe. So langsam kommen mir jedoch Zweifel, ob es hier noch um meine persönliche medizinische Vorgeschichte geht, oder ob Dr.Paukenröhre mich gerade zu seiner Lieblingspatientin erkoren hat, weicht er mir doch seit den Ergebnissen der Hörtests (die noch von seiner Angestellten erledigt werden durften) nicht mehr von der Seite. Tonschwellenaudiometrie, Impedanzaudiometrie, otoakustische Emissionen – alles super. Hach, was sag ich, bestens! So schöne Kurven. Nun, wer lässt sich das nicht gerne sagen. Einigermaßen geschmeichelt nehme ich also meine Position für den Romberg und Unterberger-Tretversuch ein, der mich übrigens eklatant an die Übungen erinnert, die die Sonderpädagogin gerne bei Förderschulverfahren abprüft. Aber auch den bestehe ich ohne Beanstandung.

Jetzt hüpft der HNO-Arzt aufgekratzt vor mir auf und ab und hält mir begeistert einen Computerausdruck unter die blasse Nase, meine horizontalen Bogengänge seien wirklich außerordentlich erregbar. Mann, hab ich tolle Ohren!

Zwei Stunden später fühle ich mich als hätte ich gerade beim Ironman teilgenommen. Was denn nun der Grund für den Schwindel sei, möchte ich wissen. „Ach“, wedelt Dr.Paukenröhre meine Sorge beiseite es könne sich um eine Schädigung des Gehörs handeln, „Ihr Gehör und Gleichgewicht sind fantastisch, sehr empfindlich zwar, aber ein peripher-vestibulärer Schwindel kann klar ausgeschlossen werden. Ihr Blutdruck hingegen… treiben Sie Sport?“

„Ähm… zu wenig?“, ich erinnere mich an die leichte Staubschicht auf dem Crosstrainer und merke wie mich eine leichte Röte überzieht. Schön, bin ich wenigstens nicht mehr kalkweiß.

„Tja, Ihr Blutdruck liegt bei 90 zu 50, das ist niedrig. Ich empfehle Ihnen ein intensives Bewegungstraining im Rahmen sportlicher Aktivität.“

Als ich aus der Praxis wanke und mir ein Brötchen kaufe überlege ich bereits, wie und wann ich – verdammt noch eins! – auch noch Ausdauersport in mein bereits ziemlich ausgefülltes Leben packen soll. Tipps nehme ich dankend entgegen!