Cool durch Zufall

Panik, Panik, Panik! Es ist 6.52 Uhr, eigentlich habe ich vor 2 Minuten das Haus verlassen. Stattdessen ergebe ich mich einer morgendlichen Panikattacke vor dem Kleiderschrank. Was anziehen!? Zu Hülfe, Wilma! Doch auch die treue Seele kann mir nicht helfen bei dem Problem, vor dem ich stehe: showtime, baby, it’s daddy-day.

Wie bereits an anderer Stelle angemerkt, betreten Väter die Grundschulbühne in der Regel erst dann, wenn ihnen keine andere Möglichkeit alle Aufmerksamkeit sicher ist. Das ist meist dann der Fall, wenn es brennt. (Assoziationen zum Auftritt der Feuerwehrmänner sind gerade rein zufällig, ehrlich!)

Manchmal aber tauchen sie auch unvermittelt auf, weil sie es so nett, bzw. überaus interessant bei uns finden. Wie mittlerweile unterrichtet wird. Das sieht man ja sonst nicht. Und wenn Sie so freundlich sind, Frau Weh, dass ich irgendwann mal vorbeischauen könnte? Vielleicht am Freitag…? Paulines Vater hat sich also für heute angesagt. Nicht nur meine reizende Kollegin Frau Sommer argwöhnt hier eine kleine Schwärmerei. (Ich finde ja, das gehört sich nicht so richtig, also das Schwärmen für die Lehrerin des eigenen Kindes. Irgendwie nicht. Aber gut, was soll man da machen? Und da es nun wirklich schrecklichere Papas gibt als eben den von Pauline, soll er doch vorbei kommen. Ein bisschen Puder fürs Ego schadet ja auch nicht! Und – eingedenk der neulich zitierten Altersdiskriminierung – wer weiß schon, wie lange sich die Papas noch für mich interessieren. Die Zeit bleibt schließlich nicht stehen und irgendwann könnten das alles meine Kinder sein. Punkt.)

Zumal mir heute noch ein weiteres Treffen mit einem Erzeuger bevorsteht. Und das hat definitiv das Zeug zum ausgewachsenen Daddy-Desaster. Da brennt tatsächlich die Hütte. Aber mal sowas von. Dieses Gespräch findet dann auch mit der Schulleitung statt. Schriftliche Einladung. Es steht eine Klage ins Haus, wenn Chefin nicht einwilligt und sich – Zentimeter nur! – von ihrem Standpunkt entfernt. Inklusion mal wieder. Kein leichtes Geschäft mit der Bildung aller. Einzelheiten würden hier den Rahmen sprengen. Nur so viel: der heutige Tag schreit nach einem ausgewachsenen Kompetenzoutfit. Ich habe so eins. Maßgeschneidert. Bleistiftrock, anthrazit. Dazu schwarze Pumps, zurückgelegte Haare, fester Blick – tadaaaaa, Frau Weh kann auch kompetent. Total überzeugt habe ich mir dieses Outfit am gestrigen Abend herausgelegt. Und eben angezogen. Und jetzt geht gar nichts mehr.

Dummerweise – und hier kommt nun der dritte Mann, der eigene nämlich, ins Spiel – findet Herr Weh den Frau Weh kann auch kompetent-Look ziemlich sexy.

Verdammt!

Ich meine, für das Daddy-Desaster-Gespräch stellt das natürlich kein Problem dar. Wenn man wirklich auf Krawall aus ist, dann verstellt das zuverlässig den Blick auf die wahrlich schönen Seiten des Lebens. (Sogar auf die wahrlich schönen Kehrseiten.) Aber da ist ja noch PapaPauline. Der womöglich denken könnte, die wehsche Rückansicht hätte sich extra für ihn in den (str)engen Lehrerinnenlook gezwängt. Und das gilt es tunlichst zu vermeiden! Also raus aus den Plünnen und die ganze Chose noch einmal von vorn. Leidlich gestresst entscheide ich mich für knisternde weiße Baumwolle, dunkelblaue Jeans und schwarze Pumps. Ist ok. Und wenn nicht, auch egal, jetzt MUSS ich los!

(…)

PapaPauline war so aufgeregt, dass es schon fast wieder rührend war. Kurz vor dem wichtigen Termin musste ich mich auf der Lehrertoilette umziehen. Kleiner Zwischenfall mit Justin und seiner unbezwängbaren Apfelschorle. Ich bestritt das Gespräch in einem ausgewaschenen Fan-T-Shirt meines Lieblingsgitarristen Stoppok, das glücklicherweise tief unten in meinem Pult liegt. Für Notfälle. Es trägt die Aufschrift Cool durch Zufall. Die Gesprächsatmosphäre war gelassen, ruhig und nahezu harmonisch. Die Klage ist abgewendet und ich durfte mir ein Schulterklopfen von Chefin und einen festen Händedruck vom Desaster-Daddy abholen.

Danke, Stoppok!

Testosteron-Alarm

„Wollense mal so ein richtig dickes Rohr halten, Frau Weh?“

Der dröhnende Bass von Manfred reißt mich aus meinen Gedanken. Vor meiner Nase baumelt ein B-Schlauch. Dahinter das breite Grinsen des Feuerwehrmannes. Es gibt auch noch andere Schläuche, ich kenn mich da bereits rudimentär mit aus. Es ist wieder so weit, die Viertklässler beschäftigen sich mit dem Thema Feuerwehr. Tatütata und schon ist sie da. Mit an Bord – wie jedes Jahr – zwei ganze Kerle: Manfred und Dieter. Schrankgroß, schrankbreit und mit unverrückbarem Frauen- und Weltbild.

Nein, Manfred und Dieter sind nicht verkehrt. Ehrlich, sollte ich in einem brennenden Haus stehen oder – sagen wir mal – unter einem Auto eingequetscht liegen, dann sind es genau Manfred und Dieter, denen ich dann große Handlungskompetenz zutraue und die bestimmt ganz genau wissen, wie sie mich da möglichst in ganzen Stücken wieder rausbringen. Dabei dürfen sie mich dann auch gerne über die Schulter werfen und grunzen wie King Kong.

Ohne Feuer und den geringsten Gefahrenhintergrund bahnt sich diese im Ernstfall wünschenswerte Energie verbale Wege. Das ist mir nicht neu. Genau den gleichen Spruch habe ich auch schon letztes Jahr gehört. Und davor das Jahr. Folgen wird übrigens kurze Zeit später der Satz „Jetzt bringense das Ding mal ordentlich zum Spritzen!“. Dann nämlich, wenn die Kinder Schläuche, Standrohr, Verteiler, Pumpen und was sonst noch dazu gehört zum nächsten Unterflurhydranten geschleppt haben und aufgeregt auf das Kommando „1. Rohr, Wasser marsch!“ warten. Wie gesagt, alles schon gehabt. Und ich darf IMMER zuerst Hand anlegen. Schön, wenn man sich wenigstens auf manche Dinge so verlassen kann wie auf den bewährten Machismus von Dieter und Manfred.

Natürlich mache ich der Feuerwehr die Freude, nehme die Spritze in die Hand, quieke ein bisschen, wenn das Wasser kommt und tue so, als sei das richtig, richtig aufregend. Ja, ich meine, wer weiß denn schon, ob ich die beiden nicht mal in einer wirklich brenzligen Situation treffe. Da möchte ich dann auch nicht, dass sie sich angucken und denken ach, das war doch die, die sich zu fein war, um mal ordentlich anzupacken. Nee. Da muss man vorausschauend handeln.

Später im Lehrerzimmer sind Manfred und Dieter natürlich Gesprächsthema. Männer haben wir ja nicht so oft. Und wenn ich die Wahl hätte – eingequetscht oder halb erstickt vom Rauch, dem Ertrinken nahe oder im Auge des Feuersturms – zwischen den Busbegleitern, dem Verkehrspolizisten und Manfred und Dieter, na da würde ich ganz klar zu den beiden Kolossen tendieren, auf deren gestählten Unterarmen zwar selbstgestochene Tattoos ihren Platz haben, aber sich nicht ein einzelnes Härchen wagt, zur Gänsehaut zu strecken. Auch wenn es kalt und windig ist. Ach, erwähnte ich, dass Dieter immer Kurzarmpolos trägt, die über dem üppigen Bizeps spannen? Und überm Pectoralis? Ja, so müssen Feuerwehrmänner aussehen. Genau so! Kleiner Wermutstropfen: die Jüngsten sind die beiden nun nicht gerade. Im Verleich mit dem Großteil meines reizenden Kollegiums hingegen sind die beiden Frischfleisch. Dementsprechend pikiert reagieren dann auch die Kolleginnen als ich von den brandheißen Machosprüchen berichte.

„Waaaas? Das sagen die zu dir?“, Kollegin Kraft reißt die Augen auf.

„Jaaa, aber das sagen die doch zu allen Frauen. Die sind einfach so“, versuche ich zu beschwichtigen.

„Nein, das haben die noch NIE zu mir gesagt“, Kollegin Kölln schwankt zwischen Empörung und süffisantem Lächeln, „das mag vielleicht mit deinem jugendlichen Alter zu tun haben.“

„Bitte? Also das ist ja ein Unding“, wirft Kollegin Kraft ein, „das ist ja Diskriminierung!“

„Genau!“, pflichtet Kollegin ZudemFeld bei, ihres Zeichens Diskriminierungsbeauftragte unseres Kollegiums, „das ist es wirklich, Altersdiskriminierung! Das sollen die gefälligst mal zu mir sagen!“

Von Menschen und Mäusen

Es geht hoch her im Sitzkreis. Wild werden alle Möglichkeiten ausdiskutiert, welche Tiere zu Besuch kommen können. Endlich mal ein Sachunterrichtsthema, das ausnahmslos allen Zweitklässlern gefällt. Mehr noch, in das sie ihr ganzes Herzblut zu stecken bereit sind. Meerschweinchen, Schildkröten, Katzen, Kaninchen. Alle wollen mitgebracht und angeschaut werden. Dennoch bleibe ich hart und verbiete auch nach größerem Aufruhr und unzähligen AchbitteFrauWeh!s die Mitnahme von Goldfischen, Hamstern oder anderem Kleingetier im Ranzen.

„Aber warum?“, heult Nick, „mein Hamster schläft eh immer, den kann ich morgens einfach ins Mäppchen packen!“

„Ende der Diskussion. Tiere nur zum Kurzbesuch und mit Elternbegleitung. Nein, auch kein Transport im Schulbus!“ Ich bleibe hart.

„Ich bring Diego Maradona mit. Das ist unser Mops“, teilt Nathalie mit.

„Was ist denn ein Mops?“, fragt Victoria leicht pikiert.

„Ein hässlicher Knautschhund“, weiß René.

Glücklicherweise schaltet sich da Tom1 deeskalierend mit der Feststellung ein, dass bei ihm im Garten sehr viele Maulwürfe leben würden, die einfach nicht totzukriegen seien. Wir könnten uns das doch mal angucken. Und der Papa steht am Wochenende immer mit der Schaufel und macht so…! Mit seiner sehr anschaulichen, allerdings auch äußerst ausladenden Handbewegung trifft er Justin an der Stirn („Du Arsch!“), woraufhin ich mich erneut genötigt sehe, das Gespräch in andere Bahnen zu lenken.

„Wie sieht es denn mit Rennmäusen aus? Hat jemand Rennmäuse?“

„Ja, wir!“, Lennox winkt wild.

Aha? Ich kann mich an keinen Käfig erinnern. „Wo habt ihr die denn, Lennox?“

Lennox überlegt. „Na, so überall. In der Küche, manchmal auch im Wohnzimmer. Die sind da so.“

„Oh“, was sag ich jetzt? „Das sind dann wahrscheinlich eher Hausmäuse, keine Rennmäuse.“

„Klar sind das Rennmäuse!“, brüllt Lennox sauer, „die rennen da doch immer voll rum!“

 

 

Kacke.

Ja, die erste Woche nach den Ferien ist immer die schlimmste. Ach ja, und natürlich die letzte vor den Ferien. Und manche dazwischen ebenfalls.

Was soll ich also schreiben zu einem Tag, an dem sich Nick und Justin in der Pause so in die Haare kriegen, dass der eine rote Striemen im Gesicht aufweist und der andere im Gebüsch verschwindet und hundekackebesudelt wieder rauskommt. „Ich bin da nur so reingetreten, Frau Weh.“ Drin gewälzt wäre wohl die richtige Umschreibung. Schuhe, Socken, Hose. Alles voll. Vor Wut stampft er auf den Boden wie Rumpelstilzchen. Die Bröckchen fliegen. Na toll. Also umziehen. (Liebe Referendare, Stifte gespitzt, hier ein Überlebenstipp: bei Übernahme eines 1. oder 2. Schuljahres empfiehlt es sich, beim ersten Elternabend um aussortierte Kleidung als Wechselsachen zu bitten. Und Plastiktüten. Macht vieles leichter.)

Als weitere Denkwürdigkeiten des Tages kann ich noch Benjamins Tritt in eine Reißzwecke („sie ist mir einfach in den Schuh gerutscht!“), den spektakulär anmutenden, glücklicherweise harmlosen Sturz eines Chorkindes vom Hocker („Der Boden hat gewackelt, echt jetzt!“) und den unglückverheißenden Blick auf den Vertretungsplan der nächsten Woche nennen. Ab kommendem Montag unterrichte ich eine Stunde mehr pro Woche. Vertretungsmäßig. Das sind dann 29 Unterrichtsstunden. „Geht leider nicht anders.“ Genauso wie es leider nicht anders geht, als dass ich plötzlich wieder Riesengruppen in Religion und doppelte Klassenstärken in Musik sitzen haben werde. An diesem Punkt beschließe ich, dass jetzt wirklich Zeit fürs Wochenende ist.

Und das beginne ich gleich mit einer guten Freundin und einer ordentlichen Portion Sushi. Gut für Gehirn, Herz und Immunsystem. Kann ich alles gebrauchen. Denn wer weiß schon, was mich nächste Woche so erwartet in unserem beschaulichen schulischen Mikrokosmos. Und wenn mich heute Abend jemand milde anlächelt und sagt „ach, als Grundschullehrerin hast du es ja bestimmt richtig nett…“, dann stopf ich dem ein Temaki dorthin, wo die Sonne nie scheint. Muhahaha.

Gut gebrüllt, Löwe!

Es stimmt, ich habe gebrüllt.

Naja, zumindest die Stimme erhoben.

„Ja, und?“ werden sich jetzt manche der mitlesenden Kollegen fragen, „was ist daran besonders?“. Besonders ist, dass ich nie brülle. Das ist einfach nicht mein Ding. Ich finde mich lächerlich, wenn ich brülle. Nicht besonders liebenswert und schon gar nicht überzeugend. Außerdem passe ich auf meine Stimme auf, die brauche ich ja noch ein paar Jahre Jahrzehnte. Brüllen ist… uncool. Und ich glaube auch, es nützt nicht viel. Warum sonst sollten meine Kolleginnen wohl so viel brüllen müssen? Na? Und ich selber werde auch nicht gerne angebrüllt. Das ist unfreundlich und zeugt nicht gerade von gutem Stil. Daher fahre ich eher den gegenteiligen Kurs und werde leise. Ab einer gewissen Lautstärke – ich würde sie als ppp bezeichnen, pianopianissimo – spitzen die Kinder die Ohren und werden nervös.

Heute allerdings hätte das wohl nicht viel genützt. Zumindest wäre es schwer geworden, die Aufmerksamkeit von René, Justin und Nick zu erregen, die sich (deutlich nach Pausenende) noch äußerst vergnügt auf dem Schulhof aufhielten, eine Etage unter uns, während die anderen Zweitklässler bereits wieder munter an der Arbeit waren. Die drei Seuchenvögel derweil natürlich völlig nichtsahnend, dass die Abwesenheit jeglicher anderer Schüler eventuell dezent darauf hinweisen könnte, DASS DER UNTERRICHT BEREITS WIEDER BEGONNEN HAT. ALSO RAUF IN DIE KLASSE UND ZWAR PRONTO!

„Aber wir haben gar nicht mitbekommen, dass keiner mehr d…“

REGELN! ALLE DREI! MIT UNTERSCHRIFT DER ELTERN!

Dreistimmiges Gejammer: „Ooooooh, Frau We-heeee!“

UND JETZT IST AB-SO-LU-TE RUHE UND ES WIRD GEARBEITET!

!!!

Und es war Ruhe. Und es wurde gearbeitet. Den restlichen Schultag.
Ich war ganz entzückt 🙂

Dumm nur, dass ich mir das nicht anmerken lassen durfte…

Uff.

Eigentlich sagt dieses Wort bereits alles über den heutigen Tag aus. Ich bin wieder drin. Mittendrin. Und schon nach der 2.Stunde scheinen die Ferien weit weg. Es ist aber auch so viel passiert! Meerschweinchen sind gestorben, Geschwisterkinder geboren worden und – ja, mit Fotobeweis! – René ist im Urlaub von einer Robbe geküsst worden. Wie es war? Feucht und fischig. Das Geschrei der Mitschüler ist ihm bei der Schilderung dieses Ferien-Highlights gewiss. Sind sie größer geworden oder bilde ich mir das ein? Möglicherweise bin ich ja auch geschrumpft. Das könnte durchaus sein nach der ganzen Geschirrschlepperei. (Vom Spülen ganz zu schweigen!) Schlanker bin ich definitiv nicht geworden, wie Nathalie nach einem genauen Blick missbilligend feststellt. Wie denn auch, wo mir bereits zur Frühstückspause verschiedene ramponierte, aus geplünderten Osternestern geborgene Eier liebevoll dargeboten werden, die allesamt verspeist werden müssen.

„Das habe ich extra für dich aufbewahrt!“ säuselt Benjamin und streckt mir ein zerbröseltes, aber immerhin noch verpacktes Schokotierchen entgegen. Schwitzig-warme Kinderhändchen haben dem armen Ding den Rest gegeben. Aber mit Kaffee rutscht (fast) alles. Schockierend, was ich in den ersten Tagen nach Ferienende alles in mich hereinstopfe. Aber jedes Mal wieder überkommt es mich. Als ob die benötigte Tageszufuhr mit Schulbeginn drastisch ansteigen würde. Weiß mein Biorhythmus bereits, dass ich wieder arbeite? Die Kolleginnen wissen es jedenfalls, mein Fach im Lehrerzimmer quillt über, dafür ist der Tisch – sonst stetiger Quell hochkalorischer Glücksspender – nach meiner Pausenaufsicht wie leergefegt. Dumm, wenn man die erste Pause beaufsichtigen muss. Noch dümmer, wenn man (morgens denke ich immer vernünftig und vor allem gesund) nur Obst einpackt. Obst mag gesund sein, aber es macht definitiv nicht so glücklich wie der Biss in einen Lindthasen.

Einzig die weltbeste Schulsekretärin hat ein Lächeln und – fast noch wichtiger – einen Schokokeks für mich, als ich zur ersten Unfallmeldung (Schneidezahn links oben, glücklicherweise Milchgebiss, dennoch viel Blut) herankrieche. Nach den Ferien ist es diese schnelle Abfolge verschiedenster Wichtigkeiten, die mich plättet. Eben noch Wiederholung der Passionsgeschichte im 3.Schuljahr, dann die Metamorphose der Raupe, der verlorene Schneidezahn, das Wechseln der Klassendienste, die in der zweiten Pause schnell angefertigten Gesprächsnotizen zum vergangenen Hilfeplangespräch, die Lebensgeschichte von Mozart verbunden mit einer kleinen Kulturgeschichte der (Perücken-)Mode, zuletzt dann eine Förderstunde mit Erstklässlern: „Leeeeeeee-naaaaaa ist in der  Sch… Schschschschuuuuuuu-leeeeeee. Schule! Leeee-naaaa ist in der Schule.“

Ja, da bin ich auch wieder. Willkommen daheim zurück, Frau Weh!

Elternabende im Hause Weh

Hallo, ich bin´s mal wieder. Herr Weh.

Frau Weh ist heute etwas unpässlich und hat mich gebeten sie zu vertreten. Was ich zugegebenermaßen mit wachsender Freude tue. Heute werden wir uns einmal dem Thema Elternabend widmen.

Der gewöhnliche Grundschullehrerinnengatte lernt recht schnell, dass er an Elternabenden* nur wenig Schlaf erwarten kann.

Der Elternabend an sich ist ja bereits ein Termin, dem die gesamte Familie Weh, je nach persönlichem Involvierungsgrad und aktueller Stimmungslage der betroffenen Elternschaft, mehr oder weniger intensiv entgegen fiebert.

Während der Gatte (also Herr Weh) im Vorfeld wahlweise Trost spendet („ist ja das letzte Mal in diesem Schuljahr…“), Mut zuspricht („wird schon nicht so lange dauern heute…“), kommunikative Tipps gibt („lass die mal einfach reden…“) und zum Abschied noch einen kritisch würdigenden Blick auf das pädagogische Outfit der Woche wirft („dieses maritime Halstuch lässt dich heute äußerst seriös wirken…), ist der pädagogische Nachwuchs eher pragmatisch orientiert („mama wieda sule, jaa?“, „oooooh, kannst du mir heute gar nicht vorlesen?“).

Ist Frau Weh erst einmal aus dem Haus und die Wehwehchen im Bett, beginnt für Herrn Weh das Warten. Und je nach persönlichem Involvierungsgrad und der aktuellen Stimmungslage der betroffenen Elternschaft auch ein bisschen Bangen.

Tatsächlich ist es ungemein schwer solch einen „freien“ Abend zu genießen. Selbst bei erfolgsversprechendem Start wird die Entspannung zu fortgeschrittener Stunde oftmals etwas bröselig an den Rändern. Früher habe ich ja manchmal versucht, einfach zeitig ins Bett zu gehen und mich schlafend zu stellen. Erfolglos.

Denn die Erfahrung hat gelehrt: Nach einem Elternabend, egal ob gut oder schlecht, braucht die gewöhnliche Grundschullehrerin ein offenes Ohr, nach schlechten Elternabenden sogar ein besonders großes. In der Regel leiht sie sich das des Grundschullehrerinnengatten.

Also habe ich mich darauf eingestellt, geduldig auf die Heimkehr von Frau Weh zu warten, und mir genau anzuhören, was die Mutter von Mia-Sophie…, und wie der Vater von Tom2…, und ja, also die Eltern von Amelie, also wirklich… Und eigentlich wäre ich ja schon viel früher, aber die Mutter von Justin…, und danach musste ich noch mit Frau Schmitz-Hahnenkamp…

Und wenn alles, was  nach so einem Elternabend einfach gesagt werden muss, gesagt wurde und im offenen Ohr von Herrn Weh verschwunden ist, dann verwandelt sich die beste Grundschullehrerin der Welt** ganz langsam in die beste Ehefrau von allen***, und macht Feierabend.

———
* wahlweise auch Schulpflegschafts- und  Fördervereinssitzungen, oder andere spannende Veranstaltungen, mit denen sich Pädagogen gerne mal den Abend vertreiben, wenn sie nicht gerade am heimischen Schreibtisch sitzen.

** natürlich nur nach den durch und durch subjektiven Bewertungskriterien von Herrn Weh.

*** ihr wisst schon…

Das Schulsystem und ich

Das Schulsystem und ich verstehen uns manchmal nicht so gut.

Immer sagt es, wo es langgehen soll. Nie fragt es mich nach meiner Einschätzung. Dauernd kommandiert es mich herum. Mal soll ich jahrgangsübergreifend arbeiten, ein paar Jahre später – ätsch! – bitte nicht mehr. Einmal ist des Pudels Kern der Sachunterricht (worüber sich der Deutschunterricht leise beschwert), dann kommt plötzlich Englisch groß raus. („Sachunterricht? Jeder Unterricht ist Sachunterricht!“) Der Deutschunterricht weint derweil leise vor sich hin und bekommt zum Trost flächendeckend „Lesen durch Schreiben“ verpasst. (Na, danke auch.) Merkt man vorsichtig an, dass die Rechtschreibleistung der Viertklässler erschreckend ist, bekommt man zu allem Übel auch noch die Auflage, wöchentlich eine Stunde des Deutschunterrichts im PC-Raum zu verbringen. Medienerziehung. Als ob das das Problem wäre…

Das Schulsystem arbeitet Hand in Hand mit seiner launigen, pubertären Schwester, der Bildungspolitik. Ständig ändert sie ihre Meinung. Das macht den Umgang mit ihr nicht einfach. Alle Jahre wieder hat sie neue, tolle Ideen, die das Schulsystem dann umsetzen soll. Ich bin nur ein winziger Teil in diesem System. Um solche winzigen Teilchen wie mich in die richtigen Bahnen zu lenken, bedarf es einer vermittelnden Instanz, der Chefin. Die Chefin ist Fan vom Bildungssystem. Neue Ideen findet sie prinzipiell gut und will sie sofort umsetzen.

Neue individuelle Förderpläne? OH, BITTE!

Flexible Eingangsstufe? HIER, HIER!

Inklusion? JAAAA!

Dann schreiben wir uns neue Begriffe auf die Fahnen, reißen die Fenster auf und wedeln wild damit herum. Lasset die Kindlein zu uns kommen!

Manchmal vergessen wir vor lauter Geschäftigkeit allerdings die alten Fahnen wieder einzuholen. Die hängen dann derangiert und traurig auf der Fassade. Bis sich irgendwer an sie erinnert, sie verschämt in Umzugskartons packt und in den Keller stellt. Dort stehen sie dann neben den Rechtschreibkarteien von Sommer-Stumpenhorst und den anderen großen Ideen. Try and error. Konvolut des Scheiterns.

In der letzten Konferenz hat Chefin gesagt, wir sollten doch mal wieder den Keller aufräumen…

Husten, Schnupfen, Heiterkeit

„Frau Weh, weinst du?“ fragt Lotte besorgt.

Fachmännisch mischt sich Justin ein: „Nein, die hat was anderes, guck mal, wie rot der Kopf ist.“

„Kannst du eigentlich ohne Brille was sehen?“ will Benjamin wissen.

Ich kann ihnen nicht antworten. Mich schüttelt ein Hustenanfall, dass mir die Rippen schmerzen. Mein Kopf ist tatsächlich knallrot und vermutlich verschmiert mir gerade die Wimperntusche auf nicht sehr ladylike Weise. Fürsorglich reichen mir ein paar Kinder ein Glas Wasser an. Auch Taschentücher werden mir hilfsbereit von mehreren kleinen Händen zugesteckt. (Erstere nicht alle unbenutzt, letztere nicht alle sauber.)

Nein, ich bin nicht krank, danke der Nachfrage. Tatsächlich habe ich mich verschluckt. An der eigenen Begeisterung. Nachdem die Zweitklässler erfahren haben, dass unsere gemeinsame Zeit begrenzt ist, sind sie zuckersüß, lammfromm und lernfreudig. (Zumindest bis zur ersten Pause.) Sie stürzen sich auf das neue SU-Thema als gäbe es kein Morgen mehr. Sie heften die Fotos an die Tafel und teilen in mehr oder minder verständlicher Rede mit, wo genau ihr Löwenzahn wächst und gedeiht. Als Lennox dann mitteilt, dass sein Löwenzahn im Gebet* wächst, ist es um mich geschehen.

Also mit dem gewöhnlichen Löwenzahn kenne ich mich ja toll aus. Auch mit dem Igel und dem Eichhörnchen. Bienen, Regenwürmer, Frühblüher, Braunkohle, Steinkohle und – wenigstens rudimentär – verschiedene Arten der Energiegewinnung. Alles meine Spezialgebiete. Ich weiß wie man die Cirrocumulus von der Cirrostratus unterscheidet und was das dann fürs Grillwetter bedeutet. Ich sollte wirklich mal zu Wer wird Millionär. Mein punktuelles Wissen ist definitiv was wert. Und so ein bisschen Geld, warum nicht?

„Wieviel verdienst du eigentlich, Frau Weh?“, interessiert sich René.

„Kriegst du etwa Geld hierfür!?“ Nick kann es kaum fassen und reißt die Augen auf.

„Klar, verdient die was. Erwachsene machen doch nix umsonst!“ mischt sich Victoria ein.

Amelie hat auch eine Meinung: „Also mein Papa hat gesagt, die Frau Weh verdient nur das Beste.“

„Deswegen hat sie ja uns!“ befindet Tom1 und tätschelt mir gütlich den Oberarm.

Aber hallo.

 

* Eigentlich wächst Lennoxens Löwenzahn im Beet. Aber beten schadet in diesem besonderen Falle sicher auch nichts.

Es bleibt spannend

Nun ist es amtlich, die Zweitklässler und ich gehen nach den Sommerferien getrennte Wege.

Die Gefühle sind durchwachsen. Seit ziemlich genau einem Jahr bin ich nun für die Seuchenvögelschar verantwortlich und stelle doch fest: so richtig meine sind sie nicht. Ein Jahr ist eine sehr kurze Zeitspanne. Klar, die Stimmung und Lernatmosphäre sind geprägt durch meinen Unterrichtsstil, wir lachen viel miteinander und die meisten Kinder sind aus dem Gröbsten raus. Verhaltenstechnisch wie leistungsmäßig. Aber es gibt noch so viele Baustellen, die ich gerne angegangen wäre, bevor sich die Klasse wieder erneut umstellen muss.

Die Argumente, die mir die Chefin im Vieraugengespräch nannte, sind schlüssig und von Schulleitungsseite aus allesamt durchdacht. Mir fehlt der pädagogische Blick aufs Ganze. Wie Herr Weh bereits des Öfteren glasklar beobachtet hat, ist die Chefin ein Organisations- und Managementtyp. Aber vielleicht ist das die Zukunft von Schule? Wo doch ein Großteil unserer Arbeit immer bürokratischer, formaler und papierlastender wird. Ein Leitungsteam, das das Gesamtschiff Schule steuert und Pädagogik irgendwo zwischen O und Qu im Regal ablegt. Ist das das System, in dem ich noch über 30 Jahre arbeiten kann? Will? Möchte? Muss?

Was ich mit Lennox mache, weiß ich noch nicht. Klar ist bereits, die Chemie zwischen ihm und der zukünftigen Klassenlehrerin stimmt nicht. Sie sähe ihn lieber das zweite Schuljahr wiederholen. Er kann sie nicht leiden. Da gehe ich gar nicht mehr in die Schule, Frau Weh! Das mach ich! Ich schwanke noch. Leistungsmäßig ist er ein satter Viererkandidat, in Deutsch hat er große Probleme. Nein, falsch wäre es nicht, ihn noch ein weiteres Jahr in der Schuleingangsphase zu belassen. Alldieweil ihm dieses Jahr nicht auf die Schulbesuchsdauer angerechnet würde. Und Lennox ist ein Schüler, bei dem dies eventuell einmal zu tragen kommen könnte.

Auch für mich ist noch nicht klar, an welcher Stelle ich nach den Sommerferien eingesetzt werde. Wie ich gestern erfahren durfte, bin ich die große Variable im Personalzirkus. Der Joker. Das Schnäppchen. Entweder viertes Schuljahr. Oder drittes. Oder gar keins und Fachstelle. Alles ist möglich, nichts wird entschieden. Ich kann das nicht leiden. Ich bin ein Planer, ein Vorbereiter. Ich möchte mich auf eine Klasse einstellen können und nicht drei Tage vor Schulbeginn einen Anruf bekommen, wo es hin geht. Bei mir sind spätestens Mitte der Ferien die Tische gestellt, die Materialien ordentlich aufgebaut und die Tafel beschriftet. Zu diesem Zeitpunkt habe ich bereits die Unterrichtsplanung bis zu den Herbstferien in der Tasche.

Allein, was nützt es?

Vielleicht ist das ja jetzt meine große Chance mich in universaler Gelassenheit zu üben? Ach, übrigens, wo wir gerade dabei sind, die Fische sind gewollt. Man kann sie sogar füttern 🙂