Herr Weh grinst

Und zwar breit. Sehr breit. Ob über meine grenzenlose Naivität oder die Sache selber, lassen wir mal dahingestellt. Fakt ist, ich habe gerade offensichtlich Sexspielzeug gekauft. 30 Stück. Für die Drittklässler. Das muss ich erstmal verdauen.

Dabei fing alles so harmlos an. Ich habe mir Gedanken über die anstehenden Laternen gemacht. Da ich mit der letztjährigen Kleisterei so zufrieden war, wollte ich für dieses Jahr ein ähnliches Modell. Meine Wahl fiel auf ein recht großes Modell. Damit die Laternen auch beeindrucken – die Drittklässler wollen etwas zum Herzeigen! – müssen große, birnenförmige Ballons benutzt werden. Und so nahm die Geschichte ihren unerwarteten Lauf. Diese Luftballons kriegt man nämlich nicht überall und als vollbeschäftigte Mutter habe ich weder Zeit noch Lust mich auf die große Suche zu machen. Also muss das online gehen.

Im großen Auktionshaus mit den bunten Buchstaben wurde ich fündig. Zugegeben wunderte ich mich ein wenig über den leicht entrückten Gesichtsausdruck der Models auf den Fotos – ich wunderte mich auch, dass überhaupt Models auf einem Foto für Luftballons zugegen waren, aber gut. Der Hinweis, dass die Ballons über einen extrem leicht zu knotenden Hals verfügen, fand ich sogar recht praktisch. Jeder, der schon für eine ganze Klasse Ballons aufgepustet und verknotet hat, würde das zu schätzen wissen! Dass der Verkäufer hingegen betonte, er würde in unauffälliger Verpackung und mit neutralem Absender versenden, hat mich leicht irritiert. Andererseits, wen kümmerts? Der Preis war gut, die Größe fantastisch (35cm Durchmesser! Die anderen mögen mit ihren Laternchen zum Martinsfeuer leuchten. Wir werden das Martinsfeuer sein!). Also 30 Stück bestellt.

Unmittelbar nach der Kaufbestätigung traf mich der Blitz der Erkenntnis.

Oh…ha!

Die Fotos weiterer Kaufangebote spezieller Ballons im Großgebinde, die mir nun, da ich mich durch den Kauf offensichtlich als Eingeweihter geoutet habe, präsentiert wurden, zeigten nur noch eine verschwindend geringe Zurückhaltung. Da denkst du, du kaufst einfach nur Luftballons und dann… holla, die Waldfee! Ich pack da ja immer nur Kleistermatsche drauf, dabei wartet ein ganzer Kosmos voller Möglichkeiten auf den wahren Liebhaber praller Gummihaut. Schwankend zwischen Unglauben und Fassungslosigkeit („Holen Sie sich den prächtigen Topballon Smiley-Kiss nach Hause!“, „Erleben Sie wahre Extase mit Banana-Joe!“) beendete ich die Kaufabwicklung und holte tief Luft.

Jetzt mal ehrlich, wer von euch hat gewusst, dass es einen Markt für große, birnenförmige Luftballons mit besonders stabiler Gummihaut gibt? Na? Ich weiß jetzt immerhin, dass es dafür ein Fachwort gibt. Aber verzeiht, wenn ich es hier nicht verwende.

Doch ich lasse euch gerne beizeiten einen Erfahrungsbericht zukommen.

Also natürlich darüber wie das mit dem Kleistern geklappt hat!

1-2-3 eyes on ME!

„Also die waren ja sooo ruhig und diszipliniert. Und sie haben sich so viel Mühe gegeben!“

Frau Schmitz-Hahnenkamp überschüttet mich in der Pause mit Erfolgsnachrichten aus meiner alten Klasse. Leise waren sie, nett untereinander und fast alle hatten ihr Material dabei. Toll, wirklich und so unerwartet! Nur mit Mia-Sophie, also da habe sie etwas Bedenken. Die Mutter habe sie ja bereits mehrfach in den Ferien kontaktiert und ihr mitgeteilt, dass außer dem Gymnasium nichts, aber auch gar nichts anderes in Frage käme und dass ich offensichtlich die Leistungen ihrer Tochter falsch beurteile. Ja, schlichtweg nicht die richtige Lehrerin für das Kind sei. Aber jetzt, wo Frau Schmitz-Hahnenkamp Zucht und Ordnung in den Haufen, pardon, die Klasse bringe, werde sicher alles gut und Mia-Sophies Stern werde endlich glänzen.

Die Kollegin erzählt und erzählt, mittendrin lässt sie geschickt einfließen, dass sie morgen aber noch nicht bereit wäre, Mathematik in meiner neuen Dritten zu unterrichten, sie erstmal Zeit für die eigene Klasse bräuchte und überhaupt. Ich höre nur mit einem halben Ohr zu, habe ich doch gerade vier Stunden mit den neuen Drittklässlern hinter mir. Vier Stunden, in denen mir schmerzlich bewusst wurde, dass ich offenbar im letzten Schuljahr wirklich gute Arbeit in der Parallelklasse geleistet habe. Viele der neuen Dritten sind laut, pöbelig und wenig interessiert an dem, was da vorne so passiert. Der Erzählkreis entgleist, eine Meldekette kennen sie nicht, in der Pause kommt es zur ersten Prügelei. „Achtsamkeit und Anerkennung!“, schießt mir durch den Kopf als ich überlege, wie ich hier am besten beginne. „Und Aufmerksamkeitstraining“ füge ich noch in Gedanken hinzu, als mir Kai zum wiederholten Male ins Wort fällt.

Ich führe einen Aufmerksamkeitscatcher ein und rufe „1-2-3 eyes on ME!“, woraufhin mich alle (fast alle, Giuliano erklärt seinem Nachbarn gerade augenrollend, dass er gar nicht wüsste, warum seine Mutter ihm sechs Schreibhefte eingepackt hätte. Sechs!) neugierig anblicken. Ich erkläre den Drittklässlern, dass sie diesen Satz mit einem lauten „1-2 eyes on YOU!“ zu beantworten hätten,  wobei sie bei YOU auf mich zeigen und danach den Mund zu halten haben. Es wird gekichert, Englisch ist immer gut. Wir üben.

Und üben noch einmal.

Und wieder.

Am Ende des Schultages klappt es eigentlich schon ganz gut. Und morgen sehen wir weiter.

Can you feel the love tonight?

Es liegt Liebe in der Luft bei dieser ersten Konferenz im neuen Schuljahr.

Alle sind entspannt, Kolleginnen schließen sich in die Arme und tauschen Nettigkeiten aus. Chefin drückt sich einmal um den Lehrerzimmertisch herum, meinen Einwand, man habe sich doch schon letzte Woche begrüßt, beiseite winkend. Schließlich sei ich im Alter ihrer Kinder, das wäre doch ein bisschen als würde man das eigen Fleisch und Blut umarmen. Sie tut es ausgiebig. Versinkend in ihrer Körperfülle denke ich, dass dieses Maß an Zuwendung einer guten Zusammenarbeit nicht unbedingt förderlich ist. Bei der Hitze, die im Lehrerzimmer herrscht, steht Körperkontakt auf meiner persönlichen Wunschliste sehr weit unten. Aber auch Frau Schmitz-Hahnenkamp nutzt die Gelegenheit und setzt sich an meine Seite. Mit Muffelmiene. Der Schulanfang stürzt sie jährlich in eine tiefe Phase der schlechten Laune. Auf Konferenzen könne sie gut verzichten. Auf jeglichen Einsatz außerhalb ihres Klassenzimmers ebenfalls. Dennoch zeigt sie sich – man könnte meinen – teamorientiert als wir nach unserer Ansicht zu verschiedenen organisatorischen Dingen gefragt werden. „Entscheide du mal ruhig“, sagt sie mit herabhängenden Mundwinkeln und deutlich zur Schau getragenen Unlust.

Als wir bei Punkt 5 von 10 auf der Tagesordnung angekommen sind (Verteilung der Ämter), ist die Stimmung bereits deutlich gesunken.

Bei den Raumverteilungsplänen fallen bereits ein paar hitzige Bemerkungen.

Am Ende der Konferenz wird eine Kollegin mit der Faust auf den Tisch gehauen und mehrere andere mit spitzen Lippen vehement die Köpfe geschüttelt haben. Der Stundenplan wird neu zusammengewürfelt werden müssen, der Aufsichtsplan sowieso. Ich fühle mich sofort wieder zu Hause.

Wie schön, dass sich manche Dinge einfach nie ändern! 🙂

 

I say tomato, you say tomahto

Erstes Arbeitstreffen mit Frau Schmitz-Hahnenkamp.

Es ist heiß in der Klasse und ein bisschen ist es wie beim Paso Doble, um jeden Zentimeter wird gekämpft. Noch ist nicht ganz klar, wer hier Torero und wer der Stier ist, an roten Tüchern herrscht jedoch kein Mangel: Lernstandskontrollen, Arbeitspläne, Hausaufgabengestaltung. Keine Einigung in Sicht. Tomato, tomahto, potato, potahto. Wir feilschen. Wir wissen beide, dass unser Konfliktpotential das höchste unter allen Paarungen im Kollegium ist. Können Lehrerpersönlichkeiten noch weiter auseinander sein als wir? Wohl kaum.

Aber ich WILL das hinkriegen. Was Frau Schmitz-Hahnenkamp will, ist nicht so leicht ersichtlich. Eigentlich möchte sie ihr Ding durchziehen. So wie immer. Also vergleichen wir Ideen, wägen Stoffverteilungspläne ab und stellen uns unausgesprochen die Frage nach der (Un-)Möglichkeit einer gemeinsamen Zusammenarbeit. In Gedanken trauere ich meinem alten Team hinterher und bemerke wieder, wie sehr ich das Arbeitsklima geschätzt habe; wie sehr wir Kolleginnen, aber auch unsere Klassen davon profitiert haben, dass wir ein gemeinsames Ziel vor Augen hatten. Stattdessen prallen nun zwei gegensätzliche pädagogische Ideologien aufeinander. PAMM.

Es ist anstrengend. Und es dauert. Am Ende haben wir uns auf einen Weg geeinigt, der irgendwie gangbar scheint. Mal sehen, ob wir draufbleiben oder die ganze Teamsache wieder abblasen.

Man darf gespannt bleiben.

Sprechen wir doch mal über…

Lehrergeschenke!

Zu Beginn des letzten Halbjahres (Herr Wulff steckte uns tief in den Knochen) verkündete Chefin laut und vernehmlich auf der Schulpflegschaftssitzung, dass Geschenke über 5,- Euro nicht statthaft und somit absolut unerwünscht wären.

Schade eigentlich. Oder?

Ja, Lehrer bekommen Geld für das, was sie tun. Und zwar unabhängig davon, wie sie es tun. Sprich, es gibt nicht mehr Geld für die Engagierten und nicht weniger für, naja, die anderen. Eigentlich bräuchten Lehrer keine Abschieds- oder sonstigen Geschenke, sie tun ihre Pflicht. Dennoch finden sich auf meinem Schreibtisch in den letzten Tagen immer wieder verschiedene Dinge: Schokolade, Dankeskarten, ein paar Blümchen.

Warum eigentlich?

Vermutlich aus dem gleichen Grund, aus dem auch ich der Lehrerin des mittelgroßen Wehwehchens jedes Jahr ein kleines Dankeschön zum Ende des Schuljahres mitgebe. Als Dank dafür, dass sie in meinem Kind mehr sieht als nur einen – manchmal ganz schön anstrengenden –  Teil ihrer täglichen Aufgabe. Dafür, dass sie mein Kind fair, gerecht, aber auch ermutigend und grundsätzlich wohlwollend unterrichtet. Dass sie sowohl Fähigkeiten wahrnimmt und fördert, wie auch Schwächen aufspürt und Hilfestellung gibt, wo es nötig ist. Dass sie lobt. Und tadelt. Dafür, dass sie glücklicherweise ganz ohne Schubladen in ihrem Denken auskommt. Und nicht zuletzt auch dafür, dass das mittelgroße Wehwehchen sie gern hat. Denn dafür wird sie nicht bezahlt. Kein Gehalt wäre hoch genug.

Die Lehrerseite:

Natürlich erwarte ich es nicht. Aber es ist schön ein Danke zu bekommen. Ob dieses Danke viel gekostet hat oder gar nichts, ist nicht wesentlich. Teure Geschenke sind irgendwie… unangenehm. (Preiswerte Geschenke können das aber auch sein, s.u.) Ich freue mich, wenn ich eine kleine Karte mit ein paar treffenden Zeilen bekomme. Signalisiert es doch, dass sich da jemand Gedanken gemacht hat. Sollte diese Karte dann noch an einem Glas Marmelade baumeln – na also!

In den letzten Jahren habe ich einige Geschenke bekommen. Einiges hätte ich nicht annehmen dürfen, anderes hätte ich gerne abgelehnt. Wir hätten da beispielsweise:

  • Die Teekanne in Form eines Golfballs. Keine Ahnung, was das sollte. Ist dann auch irgendwann hingefallen. Schwerkraft und so.
  • Der riesige tönerne Übertopf, der – schließlich bin ich Musiklehrerin – in Serviettentechnik mit dem Antlitz von Beethoven verziert wurde. Für eine Pflanze hat es damals übrigens nicht gereicht. Es gab nur den Topf. Der war lila. Hmm.
  • Eine Fototasse mit Klassenfoto. Randvoll  mit angeschmolzenen Schnapspralinen. Brrr. Fand ich beides doof. Ich stehe überhaupt gar nicht auf Fototassen. Auch nicht auf niedliche Kätzchen, Hunde mit Glubschaugen oder Anne Geddes.

Jetzt höre ich schon die verzweifelten Fragen der mitlesenden Klassenpflegschaftsvorsitzenden: Was kann man denn überhaupt schenken?

Auch da kann geholfen werden! Geschenke, über die ich mich gefreut habe:

  • ein großes Bild auf Leinwand, auf dem jedes Kind der Klasse ein Feld mit Acrylfarben ausgemalt hat. Das ist wunderschön und hängt seitdem in meinem Klassenraum,
  • immer wieder: Ein schöner Blumenstrauß, gerne von den Kindern einzeln zusammengetragen,
  • selbstgemachte Marmelade,
  • eine Karte oder ein kleiner Brief mit einem Danke,
  • kitschig, aber wahr: Eine große Packung Merci. Aber auch nur, weil ich bei der Werbung immer heulen muss,
  • nudefarbene Pumps in 38.

Das ist doch wirklich nicht schwierig! 😉

Zu Ende geht die Grundschulzeit…

Krank. Natürlich.

Erwischt es mich doch immer so kurz vor Toresschluss. Selbstverständlich unvorbereitet. Genauso wie mich auch der Sommer immer ganz plötzlich überrascht. Zack, ist er da und wer hat es wieder nicht kommen sehen und trägt ein 2 Kilo-Schuljahresendbäuchlein zu käsigen Beine? Genau, Frau Weh. Schlimmer noch: „Deine Beine sehen igelig aus“, raunt mir eine Erstklässlerin charmant beim Kolleginnenabschied zu. Ich sitze auf dem Cajon und versuche die rhythmischen Zügel einer ganzen Klasse fest in der Hand zu halten. Da kann einem schonmal ein Hosenbein hoch- und das Herz in selbiges hineinrutschen. Außerdem plagt mich eine üble Erkältung. Mein Kopf fühlt sich an, als habe ich mein Gehirn bereits mit einem kräftigen Nieser ins Nirwana befördert.

Aber gut war es. Und schön. Alle haben ihren Part bravourös gemeistert. Ich war wirklich stolz auf meine Musikklassen. Auch die CrazyFunkyChicken haben etwas zusammengeschustert, das – du ahnst es nicht! – zu Musik wurde. Heterogener als dieses Miniorchester zwischen Saxophon und DreiMannKlavier geht schon gar nicht mehr. Inklusiver auch nicht, schwankte doch das waghalsige Arrangement zwischen du spielst die ganze Zeit und nein, nur EINMAL am Schluss draufhauen! Doch spätestens als die gesamte Schulgemeinde einfiel ins „Zu Ende geht die Grundschulzeit, viele Jahre warst du hier“ wurde Gewissheit, was vorher Hoffnung (und gelegentlich auch blanke Panik war):

Das war richtig gute Arbeit!

Oder wie es ein CrazyFunkyChicken formulierte: „Cool, wir habens voll drauf, Frau Weh!“

Von faulen Säuen und noch mehr Speck

Der Ausflug war schön. Keine ungeplanten Vorkommnisse. Das Wetter hat auch einigermaßen mitgespielt, wobei die Zweitklässler und ich zunehmend klebriger wurden. Aber auch dafür gibt es ja Feuchttücher 😉

Der heutige Busfahrer hieß Lothar und war recht gemütlich. Selbst nach einer Stunde gesanglicher Beschallung vom Allerfeinsten (ich musste die letzte Musikstunde ausfallen lassen und hatte den Zweitklässlern leichtfertig versprochen, sie auf der Busfahrt nachzuholen) hatte er noch die Ruhe weg. Es singt sich übrigens immer noch ganz hervorragend in einem Bus, obgleich ich die alten Fahrtenlieder ja schmerzlich vermisse. Was ist schon Puck, die Stubenfliege gegen Bolles persönliches Pfingsterlebnis?

Von den drei Plastiktüten waren zwei in Gebrauch: Eine, die jetzt ein übriggebliebenes Handtuch beherbergt und eine weitere, die sich Justin um die blanke Körpermitte wickeln musste, um sich so notdürftig bedeckt auf die Suche nach seiner entschwundenen Unterhose zu begeben. Erst später stellte sich dann heraus, dass die Suche völlig umsonst war, denn das Objekt seiner Begierde befand sich zu keiner Zeit mit uns auf dem Ausflug, sondern über der Stuhllehne im heimischen Kinderzimmer. Den weiteren Ausflug brachte er dann nörgelnd und breitbeinig in Jeansshorts hinter sich. Jetzt könnte man natürlich argumentieren, dass ich ihm die Schmach hätte ersparen können, hätte ich nur vorgesorgt. Aber im Grunde genommen hatten alle anderen sehr viel Freude an seinem Gehüpfe. Das ist ja auch nicht zu verachten!

Natürlich gabs nicht nur Spiel und Spaß. Das Ganze braucht ja auch eine pädagogische Linie. Im grünen Klassenzimmer haben wir daher gelernt, dass Frischlinge nicht immer frisch und die sprichwörtliche Sau gar nicht so faul ist. Naja, wer’s glaubt.

Insgesamt ein schöner Tag und kein bisschen vergleichbar mit den Kopfschmerzen, die mir die Zootour vor einem Jahr bereitet hat. Merke, Kindern und Käse tut eine gewisse Reife gut!

Jetzt schnell unter die Dusche und dann später zum großen Elterntralala. Eure Vorschläge waren so super, nur ich war zu spät. Denn sie fanden sich bereits fast alle auf der Liste der Kolleginnen. Also werden es dann doch wieder Pflaumen im Speckmantel. Einfallslos, ich weiß. Aber ich bin auch so platt, dass jetzt nicht mehr drin ist. Und wage sich bloß einer zu beschweren! Dem piek ich dann mit einem Original Hema-Fähnchen dorthin, wo die Sonne nicht scheint.

Habt ein schönes Wochenende,

Frau Weh

Und ich brülle nicht.

Respekt.

Ist es nicht Respekt, den wir von unseren Schülern erwarten? Sollten wir ihnen nicht erstmal vor Augen führen, was das ist, respektvolles Verhalten? Ich sitze oft in der Klasse und höre einzelne Kolleginnen brüllen. Das lässt mich jedesmal innerlich zusammenzucken. Natürlich werde ich auch manchmal lauter (es gibt Dinge, die erfordern eine gewisse Ausreizung der stimmlichen Amplitude), aber es sitzen Kinder vor uns. Kinder, die sich nicht ausgesucht haben, in genau dieses Leben, diese Umstände geboren zu werden. Kinder, die sich nicht selber erzogen haben und die das Recht auf Fehler haben. Ja, auch auf Fehlverhalten.

Nein, es reicht mir nicht, wenn meine Schüler nur lesen, schreiben, rechnen bei mir gelernt haben. Ich möchte, dass sie an ihre Grundschulzeit als an eine zwar fordernde, aber auch ermutigende und schöne Lernzeit zurückdenken können. So oft belächeln Kollegen von weiterführenden Schulen die Grundschuldidaktik, aber sind es nicht genau die Kinder, die ihr gerne übernehmen würdet? Lernfroh, aufgeweckt, mit fragender Neugier?

Ja, mir ist heute eine Laus über die Leber gelaufen. Und ja, ich lasse Lennox das Schuljahr wiederholen. Bei Frau Schmitz-Hahnenkamp hätte er nämlich keine Chance. Manchmal ist es doch zum Kotzen.

Neuigkeiten

Frau Schmitz-Hahnenkamp also…

Jetzt ist es offiziell, wir bilden ab nächstem Jahr ein Team. Während die Kollegin beim Zusammentreffen auf dem Flur unverhohlen eine Art freudiger Erregung an den Tag legte, die mich empfindlich an die Vampire in True Blood erinnert, befinde ich mich noch in einer Art Trancezustand als ich bei Chefin im Büro sitze. Hatte ich doch bis zuletzt gehofft, der Kelch möge an mir vorübergehen. „Ihr zwei arbeitet dann eng zusammen, in Ordnung, Frau Weh?“, Chefin blickt mich besorgt an. „Ich arbeite immer gut im Team!“, entgegne ich leicht unter Schock stehend. „Dass du das tust, weiß ich“ antwortet Chefin mit einem leichten Seufzer, der aber auch ein nicht sehr gekonnt unterdrücktes Aufstoßen sein könnte. „Das wird schon funktionieren“,  sagt sie mehr zu sich selber als zu mir, die ich ich schon auf dem Weg aus dem Büro bin. Ich hatte es schon länger geahnt, aber nicht wahrhaben wollen. Dabei konnte ich mir das ausrechnen, war doch nur noch eine Klasse lehrerlos.

Mit betretener Miene kommt mir die weltbeste Sekretärin entgegen, schokoladiges Trostpflaster in der Hand. „Ausgerechnet du!“, meint sie mitfühlend und streckt mir die Knusperflocken entgegen, „wo die doch mit niemandem zusammenarbeiten kann.“ „Ach“, mischt sich da Frau Abendroth ein, die bis eben fluchend vor dem Drucker hockte, „wenn das einer schafft mit ihr, dann bist du das!“ und knufft mich in die Seite. „Lass dich bloß nicht unterkriegen und zieh dein Ding durch!“ Auch Kollegin Kraft bekundet Anteilnahme, legt den Stapel mit den Zegnissen auf dem Tisch ab und streckt mir ihren hochgereckten Daumen entgegen.

Eine Woge der Empörung brandet mir in meiner Klasse entgegen. Die Zweitklässler sind außer sich. „Wieso bekommen die dich und wir kriegen Frau Schmitz-Hahnenkamp?“ Dass Frau Schmitz-Hahnenkamp die neue Klassenlehrerin wird, haben sie einigermaßen verdaut, wenn auch bei einigen die unverhohlene Angst ins Gesicht geschrieben steht. Dass sie mich jetzt allerdings auch noch an eine ungeliebte Parallelklasse verlieren sollen, sind sie nicht zu verzeihen gewillt.

„Jetzt ist es endgültig, ab nächstem Jahr bin ich mit Frau Schmitz-Hahnenkamp zusammen“ erzähle ich Herrn Weh kauend am Tisch. Herr Weh hält inne, die Gabel mit der aufgespießten Kartoffel in der Luft. „Ach, du Scheiße!“

Na, wenn das nicht Mut macht.

Ärger, du kannst mich nicht anschmieren

Ich glaub, ich mach mir jetzt doch mal Sorgen. Es läuft nämlich gerade alles. Das ist zur Zeugniszeit – gelinde gesagt –  ungewöhnlich.

Die Zeugnisse sind geschrieben, unterschrieben, gesiegelt und kopiert. Lediglich bei zweien habe ich versehentlich statt des Schulsiegels den „Achtung, wir haben Läuse!“-Stempel benutzt. (Ich bin doch recht froh, dass mir das zügig aufgefallen ist!) Sogar die Proben für die Verabschiedung der Kolleginnen laufen erstaunlich gut. Das Luftpumpenorchester wird ein Knaller und die Viertklässler holen bei Come To Sin wirklich das Letzte aus den Glockenspielen raus, das hat richtig Boom Chica Wah Wah! Sogar die Cajons habens jetzt verstanden und halten einigermaßen ihren Rhythmus. Lediglich die CrazyFunkyChicken sorgen für Spannung, aber da habe ich mittlerweile meinen Frieden mit geschlossen. Ist es nicht wunderbar, dass ich jederzeit mit den Achseln zucken und „wir sind halt in der Grundschule!“ sagen kann? Was bin ich gerade froh, dass ich bin, wo ich bin!