Frau Weh(mut)

Unverkennbar Schuljahresende.

Wann sonst hat man das Gefühl, alles ziehe so rasant an einem vorbei, dass man kaum noch zum Luftholen kommt? Ist es nicht als würde man einer kleinen Murmel am oberen Treppenabsatz einen Stips geben, woraufhin sie – poingpoingpoing – uneinholbar Stufe für Stufe herabkullert? So jedenfalls fühle ich mich gerade. Eben waren es noch Wochen um Wochen, jetzt lassen sich schon Stunden abzählen. Wo soll ich also mit dem Erzählen anfangen? Vielleicht bei dem Fauxpas, den sich Supermom beim Elterntralalafest geleistet hat? Oder lieber bei einer unglaublichen Nachricht, die mir das Schulamt zukommen ließ? Möchtet ihr von der traurig-schönen-lustigen Abschiedsfeier mit den Zweitklässlern hören oder doch lieber vom Kolleginnenabschied mit Luftpumpen, Bananafishbones und den CrazyFunkyChicken?

Nein, ich starte bei den Zweitklässlern, haben sie mir doch heute eine Überraschung bereitet, die so gelungen war, dass mir ganz urplötzlich die gänsehäutige Gewissheit die Arme heraufkroch, dass ich diese Klasse trotz allem irgendwo ins Herz geschlossen habe. Und – fast schöner noch – Spuren hinterlassen habe.

Kurz vor der Frühstückspause bauten sie sich aufgeregt vor mir auf. Alle, wie sie da waren: Amelie, Pauline, Lennox, Justin, Mia-Sophie und so viele mehr. „Frau Weh, fragen Sie sich nicht, warum wir Sie letzte Woche immer Kaffeetrinken geschickt haben? Wir haben Ihnen ein Abschiedslied gemacht.“

Und dann sangen sie. Metrisch nicht sehr rein, aber voller Inbrunst, auf die bekannte Melodie des Irischen Segenswunsches getextet.

Liebe Frau Weh, wir haben Sie lieb und der Abschied fällt uns richtig schwer.

Weil wir richtig Spaß hatten, wollen wir uns nicht so trennen.

Refrain

Liebe Frau Weh, wir hatten Spaß mit Ihnen und der ganzen Klasse.

Sie sind nett, hübsch und lustig, deshalb haben wir Sie ganz doll lieb.

Refrain

Dicke Tränen werden nun fallen, weil Sie uns ins Herz gewachsen sind.

Und wenn Sie uns jetzt verlassen, sticht ein großes Loch in unser Herz.

Refrain

Wir gehen nicht ins 3.Schuljahr, weil Sie ja nicht mehr da sind.

Und ins 4. gehen wir auch nicht, weil Sie ja nicht dabei sind.

Refrain

Und wir wollen noch etwas sagen, Sie sind die beste, die es gibt.

Wir werden Ihnen ganz doll versprechen, wir arbeiten leise und lieb normal.

Und bis wir uns wiedersehen, hoffen wir, dass Gott Sie nicht verlässt.

Er halte Sie in seinen Händen, doch drücke seine Faust Sie nicht zu fest!

Was soll ich sagen? Ich musste mal schlucken.

Und dann musste ich sie mal drücken.

Von faulen Säuen und noch mehr Speck

Der Ausflug war schön. Keine ungeplanten Vorkommnisse. Das Wetter hat auch einigermaßen mitgespielt, wobei die Zweitklässler und ich zunehmend klebriger wurden. Aber auch dafür gibt es ja Feuchttücher 😉

Der heutige Busfahrer hieß Lothar und war recht gemütlich. Selbst nach einer Stunde gesanglicher Beschallung vom Allerfeinsten (ich musste die letzte Musikstunde ausfallen lassen und hatte den Zweitklässlern leichtfertig versprochen, sie auf der Busfahrt nachzuholen) hatte er noch die Ruhe weg. Es singt sich übrigens immer noch ganz hervorragend in einem Bus, obgleich ich die alten Fahrtenlieder ja schmerzlich vermisse. Was ist schon Puck, die Stubenfliege gegen Bolles persönliches Pfingsterlebnis?

Von den drei Plastiktüten waren zwei in Gebrauch: Eine, die jetzt ein übriggebliebenes Handtuch beherbergt und eine weitere, die sich Justin um die blanke Körpermitte wickeln musste, um sich so notdürftig bedeckt auf die Suche nach seiner entschwundenen Unterhose zu begeben. Erst später stellte sich dann heraus, dass die Suche völlig umsonst war, denn das Objekt seiner Begierde befand sich zu keiner Zeit mit uns auf dem Ausflug, sondern über der Stuhllehne im heimischen Kinderzimmer. Den weiteren Ausflug brachte er dann nörgelnd und breitbeinig in Jeansshorts hinter sich. Jetzt könnte man natürlich argumentieren, dass ich ihm die Schmach hätte ersparen können, hätte ich nur vorgesorgt. Aber im Grunde genommen hatten alle anderen sehr viel Freude an seinem Gehüpfe. Das ist ja auch nicht zu verachten!

Natürlich gabs nicht nur Spiel und Spaß. Das Ganze braucht ja auch eine pädagogische Linie. Im grünen Klassenzimmer haben wir daher gelernt, dass Frischlinge nicht immer frisch und die sprichwörtliche Sau gar nicht so faul ist. Naja, wer’s glaubt.

Insgesamt ein schöner Tag und kein bisschen vergleichbar mit den Kopfschmerzen, die mir die Zootour vor einem Jahr bereitet hat. Merke, Kindern und Käse tut eine gewisse Reife gut!

Jetzt schnell unter die Dusche und dann später zum großen Elterntralala. Eure Vorschläge waren so super, nur ich war zu spät. Denn sie fanden sich bereits fast alle auf der Liste der Kolleginnen. Also werden es dann doch wieder Pflaumen im Speckmantel. Einfallslos, ich weiß. Aber ich bin auch so platt, dass jetzt nicht mehr drin ist. Und wage sich bloß einer zu beschweren! Dem piek ich dann mit einem Original Hema-Fähnchen dorthin, wo die Sonne nicht scheint.

Habt ein schönes Wochenende,

Frau Weh

Ausflugsorganisation

Wenn man mit einer Grundschulklasse das Wagnis eines Ausflugs eingeht, dann sollte man einigermaßen vorbereitet sein. Denn so lauschig und charmant die Vorstellung auch ist, mit einer Schar Kinder lustig wandernd die Welt zu erkunden, die Realität ist oftmals die pure nervliche Achterbahnfahrt. Den heutigen Nachmittag nutze ich also, um alles einzupacken, was nötig ist, um alle Zweitklässer wieder vollzählig und in ganzen Stücken zurückzubringen. Hier mal meine

Standard-Packliste für den Klassenausflug:

  • Telefonliste mit Handynummern der Eltern, Schulnummer
  • Zweitklässleridentifikationskarten*, laminiert und mit Kordel zum Umhängen versehen
  • Ersatz-Shirt für mich (ich hatte da mal ein unangenehmes Erlebnis während einer Busfahrt…)
  • mindestens 3 Plastiktüten
  • Erste Hilfe-Ausrüstung einschließlich Knick-Eispacks
  • Tempos
  • Babywaschlappen o.ä. (feuchte Tücher können le-bens-ret-tend sein!)
  • Handy, Geld, Infozettel (Abfahrt-/Ankunftzeiten, Telefonnummer des Museums o.ä.)
  • Waschlappen oder kleines Gästehandtuch (falls mal ein kleiner Hitzkopf runtergekühlt werden muss)

Damit bin ich bisher ganz gut klargekommen. Je nach Wetterlage packe ich noch eine große Flasche Sonnencreme dazu.

Woraus besteht eure Ausrüstung? Habt ihr noch Tricks und Tipps auf Lager, die unbedingt geteilt gehören? Ich würde mich freuen!

* Zweitklässleridentifikationskarten:

Mein Name ist Mia-Sophie.

Ich bin Schülerin der tollen Grundschule in

Sagichnicht (01234/56789).

Meine Lehrerin heißt Frau Weh und ist

unter 0815/4711 zu erreichen.

Wichtig: Die Karten rund schneiden. Eckig piekst ganz schön unterm T-Shirt (immer unters T-Shirt wegen Strangulationsgefahr). Den Namen schreibe ich mit Edding auf die Karten, dann kann er später mit Nagellackentferner beseitigt und die Karte wiederverwendet werden. Noch wichtiger: Karten am Schluss wieder einsammeln! Das fehlt mir noch, dass PapaPauline mir eine SMS schickt. Oder schlimmer noch: Supermom!

Und ich brülle nicht.

Respekt.

Ist es nicht Respekt, den wir von unseren Schülern erwarten? Sollten wir ihnen nicht erstmal vor Augen führen, was das ist, respektvolles Verhalten? Ich sitze oft in der Klasse und höre einzelne Kolleginnen brüllen. Das lässt mich jedesmal innerlich zusammenzucken. Natürlich werde ich auch manchmal lauter (es gibt Dinge, die erfordern eine gewisse Ausreizung der stimmlichen Amplitude), aber es sitzen Kinder vor uns. Kinder, die sich nicht ausgesucht haben, in genau dieses Leben, diese Umstände geboren zu werden. Kinder, die sich nicht selber erzogen haben und die das Recht auf Fehler haben. Ja, auch auf Fehlverhalten.

Nein, es reicht mir nicht, wenn meine Schüler nur lesen, schreiben, rechnen bei mir gelernt haben. Ich möchte, dass sie an ihre Grundschulzeit als an eine zwar fordernde, aber auch ermutigende und schöne Lernzeit zurückdenken können. So oft belächeln Kollegen von weiterführenden Schulen die Grundschuldidaktik, aber sind es nicht genau die Kinder, die ihr gerne übernehmen würdet? Lernfroh, aufgeweckt, mit fragender Neugier?

Ja, mir ist heute eine Laus über die Leber gelaufen. Und ja, ich lasse Lennox das Schuljahr wiederholen. Bei Frau Schmitz-Hahnenkamp hätte er nämlich keine Chance. Manchmal ist es doch zum Kotzen.

Neuigkeiten

Frau Schmitz-Hahnenkamp also…

Jetzt ist es offiziell, wir bilden ab nächstem Jahr ein Team. Während die Kollegin beim Zusammentreffen auf dem Flur unverhohlen eine Art freudiger Erregung an den Tag legte, die mich empfindlich an die Vampire in True Blood erinnert, befinde ich mich noch in einer Art Trancezustand als ich bei Chefin im Büro sitze. Hatte ich doch bis zuletzt gehofft, der Kelch möge an mir vorübergehen. „Ihr zwei arbeitet dann eng zusammen, in Ordnung, Frau Weh?“, Chefin blickt mich besorgt an. „Ich arbeite immer gut im Team!“, entgegne ich leicht unter Schock stehend. „Dass du das tust, weiß ich“ antwortet Chefin mit einem leichten Seufzer, der aber auch ein nicht sehr gekonnt unterdrücktes Aufstoßen sein könnte. „Das wird schon funktionieren“,  sagt sie mehr zu sich selber als zu mir, die ich ich schon auf dem Weg aus dem Büro bin. Ich hatte es schon länger geahnt, aber nicht wahrhaben wollen. Dabei konnte ich mir das ausrechnen, war doch nur noch eine Klasse lehrerlos.

Mit betretener Miene kommt mir die weltbeste Sekretärin entgegen, schokoladiges Trostpflaster in der Hand. „Ausgerechnet du!“, meint sie mitfühlend und streckt mir die Knusperflocken entgegen, „wo die doch mit niemandem zusammenarbeiten kann.“ „Ach“, mischt sich da Frau Abendroth ein, die bis eben fluchend vor dem Drucker hockte, „wenn das einer schafft mit ihr, dann bist du das!“ und knufft mich in die Seite. „Lass dich bloß nicht unterkriegen und zieh dein Ding durch!“ Auch Kollegin Kraft bekundet Anteilnahme, legt den Stapel mit den Zegnissen auf dem Tisch ab und streckt mir ihren hochgereckten Daumen entgegen.

Eine Woge der Empörung brandet mir in meiner Klasse entgegen. Die Zweitklässler sind außer sich. „Wieso bekommen die dich und wir kriegen Frau Schmitz-Hahnenkamp?“ Dass Frau Schmitz-Hahnenkamp die neue Klassenlehrerin wird, haben sie einigermaßen verdaut, wenn auch bei einigen die unverhohlene Angst ins Gesicht geschrieben steht. Dass sie mich jetzt allerdings auch noch an eine ungeliebte Parallelklasse verlieren sollen, sind sie nicht zu verzeihen gewillt.

„Jetzt ist es endgültig, ab nächstem Jahr bin ich mit Frau Schmitz-Hahnenkamp zusammen“ erzähle ich Herrn Weh kauend am Tisch. Herr Weh hält inne, die Gabel mit der aufgespießten Kartoffel in der Luft. „Ach, du Scheiße!“

Na, wenn das nicht Mut macht.

Noch’n Schnittchen, Schneewittchen?

Nee, nee. manchmal habe ich einfach schlechtes Timing. Das ist mir heute in der Konferenz aufgefallen. Und zwar machen die Zweitklässler und ich am Freitag unseren Abschlussausflug. Klasse Sache, das! Ehemaliges BUGA-Gelände; ein Teil Naturerlebnispädagogik, zwei Teile Spielplatz = gutes Konzept und am Abend fallen alle müde ins Bett und schlafen gut. Auch Frau Weh.

Soweit die Planung.

Leider habe ich dabei ein winziges Detail übersehen: Den Eltern,wirdankenschön-Empfang. Diesen unglaublich wichtigen Bestandteil einer gut funktionierenden Lehrer-Eltern-Beziehung konnte ich noch nie leiden. Nein, versteht mich nicht falsch, Eltern wird generell viel zu wenig gedankt (ich spreche da aus Erfahrung), aber warum ausgerechnet wir das in solcher Form tun, erschließt sich mir nicht.

Wir müssen uns bedanken, findet Chefin. So als Schule. Mit selbstgemachten Schnittchen und Häppchen und Kannstmichmalchen. Für unzählige Dienstleistungen am Kind bei Projektwochen, Lesestunden, Sportfesten und all dem anderen Kram, der in meinen Augen sowieso viel zu hoch gehängt wird. Und damit sind wir wieder bei einem der Lieblingsthemen: Wieviel Eltern braucht Schule? Oder anders: Warum macht Schule nicht mal alleine?

Würden wir nicht jede popelige Veranstaltung zum Event stilisieren, müssten wir nicht mit schöner Regelmäßigkeit um Elternhilfe bitten, müsste die arme Frau Weh sich nicht nach stundenlangem Ausflug noch in die Küche stellen, während die Wehwehchen mit großen hungrigen Augen bettelnd daneben stehen. Hach, ein Teufelskreis. Leider finden Chefin und Schulpflegschaft so ein nettes Beisammensein zwischen Mettigel und Hackbällchen aber ganz großes Kino. Keine Chance, Frau Weh. Also brauche ich jetzt ganz dringend ein Rezept, das

a) schnell zu machen ist (Tüte auf und fertig wäre ideal!),

b) supertoll aussieht (selbstverständlich ist auch Supermom anwesend) und

c) möglichst preiswert ist*.

Hat jemand einen Tipp? Ich wäre dankbar!

* Nein, Rosinen gehen nicht.

Happy Birthday!

Hallo, ich bin´s. Herr Weh.

Die beste Grundschullehrerin von allen (*) schläft noch. Das gibt mir die Gelegenheit schnell ein paar persönliche Worte in die Kuschelpädagogik zu schmuggeln:

Liebe Frau Weh,

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag deines BLOG-Babys.

Genau ein Jahr ist es jetzt her, dass du mich mit dieser Entscheidung überrascht hast. Wir hatten oft über dieses Thema geredet, aber bis dahin waren deine Zweifel immer größer gewesen. Aus diesen anfänglichen Zweifeln („Ob mich überhaupt jemand lesen will? Interessiert das irgendwen?“) wurden erst 50, dann 100 und schließlich mehr als 1.000 tägliche Leser. Sogar erste Freundschaften sind entstanden.

Mich hast du seitdem mit immer neuen Erkenntnissen über dich und deine Zunft überrascht. Manches sehe ich jetzt ganz anders, als es jedes persönliche Gespräch ermöglicht hätte. Stolz auf dich und deine „Leistung“ bin ich sowieso.

Mach weiter so, mein Herz.

* Ihr wisst ja. Alles nach rein subjektiven Kriterien.

Ärger, du kannst mich nicht anschmieren

Ich glaub, ich mach mir jetzt doch mal Sorgen. Es läuft nämlich gerade alles. Das ist zur Zeugniszeit – gelinde gesagt –  ungewöhnlich.

Die Zeugnisse sind geschrieben, unterschrieben, gesiegelt und kopiert. Lediglich bei zweien habe ich versehentlich statt des Schulsiegels den „Achtung, wir haben Läuse!“-Stempel benutzt. (Ich bin doch recht froh, dass mir das zügig aufgefallen ist!) Sogar die Proben für die Verabschiedung der Kolleginnen laufen erstaunlich gut. Das Luftpumpenorchester wird ein Knaller und die Viertklässler holen bei Come To Sin wirklich das Letzte aus den Glockenspielen raus, das hat richtig Boom Chica Wah Wah! Sogar die Cajons habens jetzt verstanden und halten einigermaßen ihren Rhythmus. Lediglich die CrazyFunkyChicken sorgen für Spannung, aber da habe ich mittlerweile meinen Frieden mit geschlossen. Ist es nicht wunderbar, dass ich jederzeit mit den Achseln zucken und „wir sind halt in der Grundschule!“ sagen kann? Was bin ich gerade froh, dass ich bin, wo ich bin!

 

 

Parkplatznot gleichbistetot

Es ist so: Manchen Kindern kann man einfach nicht zumuten, den weiten und gefährlichen Weg nach Hause zu Fuß zu bestreiten. 250m ruhige Nebenstraßen? Unmöglich!

Nein.

Falsch.

Nochmal: Manchen Müttern kann man einfach nicht zumuten, ihre Kinder den weiten und gefährlichen Weg nach Hause laufen zu lassen. Diese besondere Mutterspezies fährt ein großes (und ich meine ein richtig großes) Auto und hat in der Regel irgendwie präparierte Fingernägel.

Es sind diese Fingernägel, vor denen ich mich fürchte, wenn ich auf den überfüllten Lehrerparkplatz trete und die Mütter mit ihren großen Autos nicht nur meinen Abfahrtsweg (manchmal hat sogar Frau Weh es eilig aus der Schule zu kommen…), sondern auch die Feuerwehrzufahrt blockieren. „Ist ja nur ganz kurz!“ funkeln sie mich an und zeigen ihre beeindruckend langen Krallen. Da täuscht auch kein in freundlichem Pink gehaltenes Glitzerblümchen auf der acrylisierten Nagelplatte darüber hinweg, dass sie ihren asozialen illegalen Parkplatz notfalls mit eben jenen Nägeln bis aufs Blut verteidigen würden.

Da es sich um mein Blut handelt, bin ich oft feige.

Nicht aber heute!

„Sie wissen, dass Sie im absoluten Halteverbot stehen?“ frage ich die Erstklässlermutter, die ihren SUV gerade quer über Gehweg und Straße gewuchtet hat und nun über den Lehrerparkplatz hetzt.

„Was? Ja!“

„Prima“, sag ich, „und warum stehen Sie da noch?“

Ihre Augen verengen sich zu Schlitzen. „Weil ich den Jasper-Jannick abholen muss!“

„Prima“, sag ich wieder „und ich fahre in der Zwischenzeit einen anderen Erstklässler versehentlich tot, den ich hinter Ihrem Auto leider übersehen habe.“

Wir fixieren uns, die Nasen nur noch Zentimeter auseinander, MamaJasper-Jannick hebt die krallenbewehrten Hände, da…

„SCHÖNEN FEIERABEND, FRAU WEH“

…schiebt sich eine bis eben nicht annähernd genug geschätzte Mutter zwischen uns durch. MamaJasper-Jannick lässt die Hände sinken, schnaubt noch einmal durch die Nüstern und dreht abrupt um.

Boah, da hab ich aber Glück gehabt! Vielen Dank, Frau Feierabend!

Ein Leben ohne Supermom

So langsam dämmert es mir: Mit der Abgabe der Zweitklässler verliere ich nicht nur eine äußerst verhaltenskreative Lerngruppe, sondern auch die engagierteste Mutter aller Zeiten. Der Abschied rückt näher und näher und offensichtlich geht auch ihr das ans Herz. Wie sollte ich mir sonst die erstaunlich geringe Zahl an E-Mails und Mitteilungen im Hausaufgabenheft erklären? Es scheint fast, als übe sie sich bereits in Verzicht. Warmer Entzug sozusagen.

Oder liegt es vielleicht gar nicht an der sich langsam einschleichenden Traurigkeit und Wehmut, sondern daran, dass Supermom den anstehenden Lehrerwechsel als gar nicht so übel ansieht? Rückt die Gymnasialempfehlung für Mia-Sophie eventuell etwas näher, weil die resolute Frau Schmitz-Hahnenkamp die Klasse übernimmt und (endlich) auf Kurs bringt? Wie sonst sollte ich mir den Wortlaut dieser E-Mail im Klassenverteiler erklären?

„Liebe Eltern der Klasse 2c, wir feiern! Und zwar das Abschlussfest des 2.Schuljahres sowie den bevorstehenden Lehrerwechsel.“

Pffft, vielen Dank auch!