Ärger, du kannst mich nicht anschmieren

Ich glaub, ich mach mir jetzt doch mal Sorgen. Es läuft nämlich gerade alles. Das ist zur Zeugniszeit – gelinde gesagt –  ungewöhnlich.

Die Zeugnisse sind geschrieben, unterschrieben, gesiegelt und kopiert. Lediglich bei zweien habe ich versehentlich statt des Schulsiegels den „Achtung, wir haben Läuse!“-Stempel benutzt. (Ich bin doch recht froh, dass mir das zügig aufgefallen ist!) Sogar die Proben für die Verabschiedung der Kolleginnen laufen erstaunlich gut. Das Luftpumpenorchester wird ein Knaller und die Viertklässler holen bei Come To Sin wirklich das Letzte aus den Glockenspielen raus, das hat richtig Boom Chica Wah Wah! Sogar die Cajons habens jetzt verstanden und halten einigermaßen ihren Rhythmus. Lediglich die CrazyFunkyChicken sorgen für Spannung, aber da habe ich mittlerweile meinen Frieden mit geschlossen. Ist es nicht wunderbar, dass ich jederzeit mit den Achseln zucken und „wir sind halt in der Grundschule!“ sagen kann? Was bin ich gerade froh, dass ich bin, wo ich bin!

 

 

Ein Leben ohne Supermom

So langsam dämmert es mir: Mit der Abgabe der Zweitklässler verliere ich nicht nur eine äußerst verhaltenskreative Lerngruppe, sondern auch die engagierteste Mutter aller Zeiten. Der Abschied rückt näher und näher und offensichtlich geht auch ihr das ans Herz. Wie sollte ich mir sonst die erstaunlich geringe Zahl an E-Mails und Mitteilungen im Hausaufgabenheft erklären? Es scheint fast, als übe sie sich bereits in Verzicht. Warmer Entzug sozusagen.

Oder liegt es vielleicht gar nicht an der sich langsam einschleichenden Traurigkeit und Wehmut, sondern daran, dass Supermom den anstehenden Lehrerwechsel als gar nicht so übel ansieht? Rückt die Gymnasialempfehlung für Mia-Sophie eventuell etwas näher, weil die resolute Frau Schmitz-Hahnenkamp die Klasse übernimmt und (endlich) auf Kurs bringt? Wie sonst sollte ich mir den Wortlaut dieser E-Mail im Klassenverteiler erklären?

„Liebe Eltern der Klasse 2c, wir feiern! Und zwar das Abschlussfest des 2.Schuljahres sowie den bevorstehenden Lehrerwechsel.“

Pffft, vielen Dank auch!

Gedankenblasen

Jason ist auch heute Thema Nr.1. Im Lehrerzimmer brodelt es. In meinem Kopf auch. In den vielen Kommentaren auf den gestrigen Beitrag lese ich, dass die Inklusion alle Beteiligten sehr beschäftigt. Natürlich, ist es doch unsere tägliche Arbeit, die davon unmittelbar betroffen ist. Eine Arbeit übrigens, die die meisten meiner Kolleginnen mit enorm hohem persönlichen Einsatz leisten. Oft über eigene Grenzen hinweg.

Wer diesen Blog bereits etwas länger als einen Tag verfolgt, wird herausgelesen haben, dass ich bereits inklusiv arbeite und zwar aus der Überzeugung heraus, dass jedem Kind die bestmögliche Beschulung zukommen sollte, unabhängig von seiner Herkunft, seinem sozialen Status oder anderen Kriterien. Aber – und damit greife ich einen Aspekt auf, der auch in den gestrigen Kommentaren fiel – wie so viele betroffene KollegInnen bin auch ich nunmal keine studierte Sonderpädagogin. Und daran ändern auch die zahlreichen Fortbildungen der letzten Jahre nichts.

Auf einmal sollen die Grundschullehrer all das leisten können, wofür die Kollegen der Förderschulen lange studiert haben? Das ist doch ein schlechter Scherz! Wir haben übrigens keinen Sonderpädagogen an unserer Schule, es ist nämlich laut zuständigem Schulrat niemand verfügbar für Grundschulen, die zwar inklusiv arbeiten, aber noch nicht den amtlichen Stempel des Gemeinsamen Unterrichts führen. Ach, Moment… ich habe einen ungelernten Integrationshelfer und die Telefonnummer einer Förderschulkollegin bekommen, die ich anrufen kann, wenn etwas ist. 25 Kinder, ein Kind mit nicht näher bezeichneter tiefgreifender Entwicklungsstörung, ein Sprachförderkind, ADHS, ADS, LRS, Dyskalkulie, Jugendamtskandidat Lennox, seit Montag plötzlich ein neues Kind mit vermuteter Lernbehinderung und nicht zu vergessen der ganz normale Wahnsinn einer ganz normalen Grundschulklasse mit Supermom auf der anderen Seite („es ist ja so richtig, dass die ganzen armen Kinder hier einen Platz bekommen, aber wir halten bitte im Auge, dass Mia-Sophie aufs Gymnasium gehen wird….!“). Es ist immer irgendwas.

Nein, ich bin nicht gegen Inklusion, aber ich bin dagegen, dass sie ohne Sinn und Verstand einfach von oben durchgesetzt wird. Mag sein, dass Wege durchs Gehen entstehen; wohler würde ich mich fühlen, wenn ich auch ein qualifiziertes Team und gute Ausrüstung bei mir wüsste.

In diesem Sinne ein gutes Wochenende,

herzlichst Frau Weh

P.S. Neben dem vielen Zuspruch bedanke ich mich auch für die Suchanfrage nach den „strammen Schenkeln der Lehrerin“. Es hat mir ein breites Lächeln verursacht 😉

Gemeinsamer Unterricht – einfach teilhaben

Kein guter Tag.

Zu Beginn der Pause rennen die Zweitklässler aufgeregt zurück in die Klasse: „Frau Weh, Frau Weh, der Jason greift Frau Sommer an!“

Irritiert laufe ich auf den Flur. In einer Traube von Kindern liegt Jason schreiend und tretend auf dem Boden. Über ihm die Kollegin, die ihn zu beruhigen versucht. Ich scheuche die Kinder auf den Pausenhof und versuche herauszuhören, was vorgefallen ist. Jason wollte vor dem Pausenzeichen auf den Hof laufen, die anderen Kinder haben ihn zurückgehalten, daraufhin ist er ausgetickt. Jetzt windet er sich kratzend, beißend, tretend und beschimpft die konsternierte Frau Sommer. Ich komme ihr zu Hilfe, immer noch völlig irritiert. Solche Vorfälle haben wir hier noch selten. Jason ist nicht zu beruhigen, wir lassen ihn weiter wüten und räumen sein Umfeld frei. Ein angebotenes Taschentuch schlägt er mir aus der Hand „Sie sind alle Wichser!“. Ich greife seine Handgelenke locker und sage in bemüht ruhigem Ton, dass es jetzt reicht und wir uns unterhalten können, wenn er sich wieder beruhigt. Er schlägt mir die Fingernägel in den Arm und tritt Frau Sommer in den Bauch. „Lasst mich alle in Ruhe!“

„Lasst mich alle in Ruhe!“, denke ich als ich nach dem Unterricht bei Chefin im Büro sitze und mir anhöre, dass Jason ihr leid tue: Die Familienverhältnisse, die bisherige Schullaufbahn mit bereits erfolgter „besonderer Beschulung“, die jetzige Probezeit in der Regelschule. Er wolle das alles schließlich gar nicht, aber sein Verhalten sei seinem Unvermögen geschuldet sich verbal ausdrücken zu können. Ich lasse die Schimpfwörter in Gedanken noch einmal an mir vorbeiziehen. Meine Handgelenke sind zerkratzt, die Stellen haben mittlerweile zu bluten aufgehört. Die Zweitklässler waren so entsetzt, dass in der anschließenden Unterrichststunde Totenstille herrschte. „Tut es doll weh?“ Nein. Nur innendrin. Chefin will unbedingt Gemeinsamen Unterricht. Schließlich werden jetzt alle Grundschulen sogenannte GU-Schulen. Da dürfen wir doch nicht mauern! Tue ich das? Stelle ich mich einer notwendigen Reform in den Weg? Ja, ich mache mir Sorgen. Mehr als das, ich habe Angst davor alleine in einer Klasse mit 29 Kindern auch noch 6 Jasons sitzen zu haben. Denn schließlich sind es die Förderschulen mit dem Schwerpunkt sozial-emotionale Entwicklung, die zuerst geschlossen werden und deren Schüler auf die Regelschulen rückgeführt werden sollen. Mir erschließt sich der Sinn nicht. Wo liegt der Vorteil einer gleichartigen Beschulung aller? Wer bildet uns Lehrkräfte nachträglich dafür aus? Und wer vertritt die Rechte der anderen Schüler auf „normalen“ Unterricht?

Das schreibt das Ministerium für Arbeit und Soziales zu Gemeinsamem Unterricht, Inklusion und Integration.

Ich fühle mich hilflos, unfähig, wütend, unqualifizert. Nein, wirklich kein guter Tag.

Mist…

Und jetzt mache ich mein Versprechen wahr, verbanne den Privatkram und lasse euch mal herzlich auflachen. Oder auch nicht.

Wie dem auch sei: Erinnert ihr euch an die KOPIENANZAHL-Liste? Mit deren Hilfe ich letzte Woche mein Ego aufpolieren konnte, weil ich so unermesslich viel weniger Kopien als manche Kollegin gezogen habe? Die ominöse Liste, die eine ganze Pause lang für Missstimmung im Lehrerzimmer gesorgt hat? (Nebst einer aufkeimenden Meuterei „lasst uns doch alle unsere Pin-Nummern aushängen. Wer will, bedient sich einfach!“). Leider sehe ich mich genötigt heute etwas aufzuklären:

Wir haben zwei Kopierer. Einen sehr modernen in schickem Grau, der schnell arbeitet, ans Netzwerk angeschlossen ist und wahrscheinlich eine ganze Menge Dinge kann, von denen wir nie etwas erfahren werden. Sein großes Manko ist die unverständliche Bedienung. Wenn man nicht genau hinsieht, kann es durchaus passieren, dass das Gerät statt der gewünschten 10 Kopien plötzlich 1000 in Auftrag gibt. Der wichtigste Befehl ist daher NEIN. Da muss man wirklich ständig draufdrücken, sonst macht der Kopierer, was er will. Im Falle eines seltenen Papierstaus muss ein Techniker gerufen werden, der dann den Rest des Tages auf dem Gang kniet und uns eine gewisse Region seines Körpers präsentiert, die wirklich niemand sehen möchte. Nein, auch keine der älteren Kolleginnen.

Der andere Kopierer ist schon etwas angegrabbelt. Eierschalenfarben. Kann A3, macht aber leider oft Streifen. Er ist langsam und Folien? Nein, die lehnt er kategorisch ab. Wenn er einen Papierstau hat, hilft Fluchen und ein kräftiger Tritt gegen das untere Papierfach. Ansonsten arbeitet er behäbig, aber zuverlässig. Diesen Kopierer benutze ich nur im äußersten Notfall.

(Bei den Kolleginnen verhält es sich genau andersherum. Möglicherweise spielt da die beginnende Altersweisheit eine Rolle, vielleicht hat man im Alter einfach mehr Zeit zur Verfügung. Oder man nimmt sie sich einfach. Jedenfalls wählt der Großteil des Kollegiums das rechte Gerät. Dieser Umstand wird noch eine Rolle spielen.)

Wie sich jetzt allerdings herausgestellt hat, zählt der moderne Kopierer einfach nicht mit. Er macht also keine Einzelabrechnung sondern spuckt nur eine immens große Zahl mit vielen Nullen aus. Um diesen Missstand auszumerzen, hat Chefin jetzt kurzerhand die Gesamtzahl der Kopien auf alle umgelegt.

Ähem.

Es stellen sich nun ein paar Fragen:

  1. Habe ich tatsächlich doch so viel auf dem rechten Gerät kopiert, dass rund 8000 Blatt zusammenkamen? WAS habe ich denn alles kopiert?
  2. Verdammt, wie hoch muss mein tatsächlicher Anteil gewesen sein, wenn die Kolleginnen zu solch horrenden Zahlen kommen?

Mist. Nix mit Nachhaltigkeit. Aber ich bleibe dran!

Irgendwie… Luft raus

Eigentlich liegen noch sechs Schulwochen vor uns, doch durch Feiertage, Ausflüge, Theaterbesuch und Sportfest kommen wir gerade mal noch auf 25 Schultage. Das ist wie jedes Jahr eigentlich viel zu wenig Zeit für die Dinge, die noch anstehen. Die CrazyFunkyChicken treiben mich in den Wahnsinn und außerdem weiß ich immer noch nicht, ob und welche Klasse ich nächstes Jahr übernehme. Innerlich verabschiede ich mich bereits ein wenig von den Zweitklässlern, denn dass sich unsere Wege trennen, ist gewiss. Allerdings warten hier neben ein paar ernsten Gesprächen natürlich noch die Zeugnisse. Die Klassenpflegschaftsvorsitzenden wollen jetzt plötzlich ein Abschiedsfest, doch ist es in Anbetracht des späten Ansinnens ein Ding der Unmöglichkeit einen gemeinsamen Termin zu finden.

Immerhin gibt es auch Erfreuliches zu berichten: Das Luftpumpenorchester macht seine Sache zunehmend gut und auch die Viertklässler sind bald bereit für den großen Auftritt. Im Chor sind bereits – stilecht mit Casting und Recall – die Solisten fürs Feriensingen ausgewählt worden und auch die Lieder für die Einschulungsfeier nach den Sommerferien sind geübt. Ein stetig wachsender Bücherstapel bereitet mir Vorfreude auf Ferienzeit und (ja, immer noch!) Lust auf die Planung für das neue Schuljahr. Wenn nicht noch das unvorhergesehene Chaos ausbricht, dann werde ich dieses Jahr zum allerersten Mal mit einem gar nicht so rumpeligen Arbeitszimmer in die Ferien gehen. Wow. Ob ich mit zunehmenden Dienstjahren wohl organisierter und ordentlicher werde? Das wäre ja mal ein fürtrefflicher Lichtstreif am Horizont!

Doch jetzt gilt es zunächst noch die kommenden Wochen ordentlich über die Bühne und an die Kinder zu bringen. Dass das nicht leicht werden wird, wurde mir heute bei den Drittklässlern bewusst, die ich für den Zauberflötentest trimme. Glücklicherweise ein noch so unbefangenes Alter. Denn was wäre gewesen, wenn ich Papagenos Job („Papageno arbeitet als Vogelfänger, denn die Königin der Nacht liebt Vögeln über alles.“) wohl in der Mittelstufe erklärt hätte? So wurde dieser unrühmliche Versprecher gnädigerweise geschluckt von der Mitteilung, dass Jan 3 Wellensittiche besitzt und Katharinas Oma einen Graupapagei, der aber gar keine Federn mehr hat, weil er immer so einen Kummer habe. Sind dies nicht Momente voller Dankbarkeit?

 

 

 

Strike!

Werden bei euch in den Schulen auch die Kopien gezählt? Bei uns ist das jedenfalls so. Einmal im Jahr hat man dann die Chance ganz oben zu stehen. Oben auf der KOPIENANZAHL-Liste. Böse, böse, wer dort on top ist! Ich habe es schon einmal geschafft. Zu meiner Rechtfertigung konnte ich damals anbringen, dass ich eine 29er Klasse und 10 weitere Klassen in Musik und Religion (damals noch beides ohne Schulbücher) unterrichtet habe. Der Makel blieb trotzdem. Seit dieser Zeit ist es mir ein stetiges Anliegen Kopien einzusparen und weniger Arbeitsblätter rauszuhauen. Zumal ich auch davon überzeugt bin, dass die Kosten-Nutzen-Relation beim Arbeitsblatt schlecht ausfällt und die Wertigkeit eines gut gestalteten, inhaltsvollen Heftes niemals erreicht wird.

Und jetzt ist es offiziell: Ich liege dieses Jahr trotz voller Stelle im guten Mittelfeld! Hah!

Ich bin ja so stolz auf mich* 😀

 

*nichtsdestotrotz will ich noch weiter runter. Nachhaltigkeit und so…

Manchmal

Manchmal ist so viel Leben um mich rum, dass ich es kaum fassen kann.

Die Montagskonferenz endet wie meistens mit einem Korb voll Arbeit. Pläne müssen geschrieben, Konzepte eingereicht, Leistungsüberprüfungen abgegeben werden. Tausend kurze Absprachen mit Kolleginnen mal eben über den Flur oder den Tisch rüber. Förderst du mittwochs, dann mache ich Aufsicht am Freitag, können wir Sport tauschen?, bist du morgen im Computerraum?, wie geht das nochmal mit der Homepage? Alles wuselt, Geschäftigkeit wie im Bienenstock. Viele Arbeitsbienen, keine Drohnen, aber eine Königinmutter, die über allem thront und Tribute in Form von Papier (viel Papier!) und guten Ergebnissen fordert.

Nach der Konferenz schnell noch kopieren für morgen, wieder ein Flurgespräch. Frau Weh, das Schulamt erwartet einen Rückruf von dir. Irgendwas mit Inklusion und Förderplänen. Hast du die? Die hast du doch, oder? Klar habe ich die. Zumindest füge ich der Liste in meinem Kopf den gleichnamigen Punkt hinzu. Diese Liste wächst und gedeiht an einem Montag immer prächtig. Genau wie der Stapel auf meinem Schreibtisch. Freitags abgetragen, montags wieder da. Trotzdem wird viel gelacht an einem Montag. Manche Dinge sind aber auch einfach zum Lachen. Sonst müsste man ja weinen.

Auf dem Rückweg schnell tanken und ein paar Dinge zum Abendessen besorgen. Zu Hause über die Kinder staunen. Das Miniweh präsentiert einen neuen Backenzahn; das mittelgroße Wehwehchen hat in der großen Pause einen Tritt in den Unterleib bekommen und zieht zur Begrüßung blank. Mama, guck, kann man am Penis einen blauen Fleck kriegen? Offenbar kann man. Ein Gastkind zum Abendessen. Das mag keinen Jogurt. Nur Milch. Die Katze kotzt. Großes Hallo. Das Telefon klingelt. MamaMia-Sophie spricht auf den Anrufbeantworter. Alle Kinder im Chor: Wir essen jetzt!

Die Kinder ins Bett, die Schultasche ins Arbeitszimmer, durchatmen. Herr Weh drückt mir das Babyphon in die Hand. Orga-Treffen vom Männersport, du weißt doch…? Nein, vergessen. Genau wie den längst fälligen Anruf bei der Oma. Stichwort: Das Telefon klingelt, MamaMia-Sophie. Schade, wieder nur der Anrufbeantworter. 7 E-Mails, (fast) alle wichtig. Oder doch nicht? Das mittelgroße Wehwehchen hat einen Splitter im Finger. Vom Bett! Ah ja. Splitter raus, wir gehn nach Haus. Das Miniweh kräht durchs Babyphon. (Miniweh is nis müde! Hörst du, Mama? Mamaaaa? Papi! BIN NIS MÜDE!!!). Abwarten.

Endlich Ruhe.

Endlich Durchatmen.

Tasche auspacken, sortieren, orientieren, neu packen.

Da tönt das mittelgroße Wehwehchen: Ich denke gerade darüber nach, was für Brillengläser wohl Professoren haben. Dünne oder dicke? Du bist so schlau, Mama, wie dick sind deine Brillengläser?

Ich muss den Kopf schütteln, lachen und gleichzeitig ein paar Tränchen wegblinzeln. Manchmal ist so viel Leben Liebe um mich rum, dass ich es kaum fassen kann.

mein BAK, dein BAK

Überraschenderweise verlief der heutige Tag in keinster Weise so unangenehm wie ich es noch vor 13 Stunden erwartete. Denn trotz Montag, sechs Stunden Unterrichts, 2 Stunden CrazyFunkyChicken-Probe und anschließendem 1.Hilfe-Auffrischungskurs bin ich guter Dinge und fühle mich seltsam fröhlich. Recht ungewöhnlich für einen Montagabend. Nicht wahr?

Ob es wohl daran lag, dass ich plötzlich und sozusagen auf dem kleinen Dienstweg einen neuen Schüler bekam? Jurij – bis eben noch Drittklässler – fügte sich jedenfalls nahtlos in Größe, Verhalten und Leistungswillen bei den Zweitklässlern ein, lieferte sich in der Pause ein gepflegtes Gedränge mit Justin und Nick und bekam dafür einen anerkennenden Nackenklatscher von Tom2 verpasst. Kurzum: mit allen Ehren in die Gemeinschaft aufgenommen. Integration geglückt.

Oder lag es wohl darin begründet, dass ich im Musikunterricht mit ebenjenen Drittklässlern, die nun – Jurij ausgenommen, denn der befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits bei den Zweitklässlern – noch ein wenig aufmüpfiger schienen als sonst schon, entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten den treuen Roland ein paar Tacken nur lauter gedreht habe und ihnen so ein paar Dezibel mehr um die Ohren schoss? Netterweise in Form des unsäglichen Ai Se Eu Te Pego von Michel Teló verbunden mit strengen Rhythmusauflagen („finde die 1. Mache sie akustisch kenntlich“). Woraufhin die Meute glückselig de(zi)bil grinsend erstmalig nicht nur den Grundbeat sicher erkannte, sondern auch noch treffsicher die 1 im Takte fand. Oh, ich war hingerissen.

Vielleicht war es aber auch das Lob, das ich unerwartet bekam, als ich der gestrengen Mitarbeiterin des Roten Kreuzes schon nach der ersten Ansage – bewusstloses Kind! – ein klares und deutliches BAK* entgegenwerfen konnte. Woraufhin sie strahlte und strahlte, glücklich über das offensichtlich ungewohnte Feedback. Als sich dann noch herausstellte, dass mein Kopf klein genug ist, um zu Anschauungszwecken einen Kinderfahrradhelm darüberzustülpen, oh, da war es um sie geschehen. Fortan war ich der Einäugige unter den Blinden und als lebendes Übungsobjekt für die reizenden Kolleginnen auserkoren. Geschmälert wurde dieses Glücksgefühl (das meinige!) lediglich durch die Tatsache, dass sowohl Kollegin Kraft als auch Mrs.Sporty ihrer Desodorantien nach langem schweißtreibendem Unterrichten verlustig gingen. Sowas kriegt man ja sonst nicht unbedingt mit, aber wenn man bewusstlos-spielend auf der Isomatte liegt, spielt man dies eben doch nur. Der Geruchssinn lässt sich leider nicht willentlich abschalten.

Aber das sind ja alles Kleinigkeiten und stört keinen großen Geist. Hirn und Nase konnte ich mir dann auf der Heimfahrt freipusten lassen. Frau Weh fährt doch gerade einen schnittigen kleinen Leihwagen. Und huuuuuuuuiiiiii! Das ist wirklich mal was Anderes als das Familienschiff. Nett, nett.

Insgesamt also ein unerwartet freundlicher Tag. Aber verzagt nicht, liebe Leser, morgen ist ja erst Dienstag…

*BAK meint in diesem Zusammenhang nicht etwa die Blutalkoholkonzentration, sondern ist eine Merkhilfe für lebensrettende Sofortmaßnahmen. B(ewusstsein), A(tmung), K(reislauf). Das gleichklingende Deo schreibt sich mit c und wäre heute eine gute Anlage unter den Achseln meiner mich seitenstabilisierenden Kolleginnen gewesen. Aber man kann ja nicht alles haben. Dumm nur, wenn man die Luft anhält und daraufhin der spitze Schrei ertönt „Sie atmet nicht, wie ging nochmal die Herz-Lungen-Massage?“

 

Cool durch Zufall

Panik, Panik, Panik! Es ist 6.52 Uhr, eigentlich habe ich vor 2 Minuten das Haus verlassen. Stattdessen ergebe ich mich einer morgendlichen Panikattacke vor dem Kleiderschrank. Was anziehen!? Zu Hülfe, Wilma! Doch auch die treue Seele kann mir nicht helfen bei dem Problem, vor dem ich stehe: showtime, baby, it’s daddy-day.

Wie bereits an anderer Stelle angemerkt, betreten Väter die Grundschulbühne in der Regel erst dann, wenn ihnen keine andere Möglichkeit alle Aufmerksamkeit sicher ist. Das ist meist dann der Fall, wenn es brennt. (Assoziationen zum Auftritt der Feuerwehrmänner sind gerade rein zufällig, ehrlich!)

Manchmal aber tauchen sie auch unvermittelt auf, weil sie es so nett, bzw. überaus interessant bei uns finden. Wie mittlerweile unterrichtet wird. Das sieht man ja sonst nicht. Und wenn Sie so freundlich sind, Frau Weh, dass ich irgendwann mal vorbeischauen könnte? Vielleicht am Freitag…? Paulines Vater hat sich also für heute angesagt. Nicht nur meine reizende Kollegin Frau Sommer argwöhnt hier eine kleine Schwärmerei. (Ich finde ja, das gehört sich nicht so richtig, also das Schwärmen für die Lehrerin des eigenen Kindes. Irgendwie nicht. Aber gut, was soll man da machen? Und da es nun wirklich schrecklichere Papas gibt als eben den von Pauline, soll er doch vorbei kommen. Ein bisschen Puder fürs Ego schadet ja auch nicht! Und – eingedenk der neulich zitierten Altersdiskriminierung – wer weiß schon, wie lange sich die Papas noch für mich interessieren. Die Zeit bleibt schließlich nicht stehen und irgendwann könnten das alles meine Kinder sein. Punkt.)

Zumal mir heute noch ein weiteres Treffen mit einem Erzeuger bevorsteht. Und das hat definitiv das Zeug zum ausgewachsenen Daddy-Desaster. Da brennt tatsächlich die Hütte. Aber mal sowas von. Dieses Gespräch findet dann auch mit der Schulleitung statt. Schriftliche Einladung. Es steht eine Klage ins Haus, wenn Chefin nicht einwilligt und sich – Zentimeter nur! – von ihrem Standpunkt entfernt. Inklusion mal wieder. Kein leichtes Geschäft mit der Bildung aller. Einzelheiten würden hier den Rahmen sprengen. Nur so viel: der heutige Tag schreit nach einem ausgewachsenen Kompetenzoutfit. Ich habe so eins. Maßgeschneidert. Bleistiftrock, anthrazit. Dazu schwarze Pumps, zurückgelegte Haare, fester Blick – tadaaaaa, Frau Weh kann auch kompetent. Total überzeugt habe ich mir dieses Outfit am gestrigen Abend herausgelegt. Und eben angezogen. Und jetzt geht gar nichts mehr.

Dummerweise – und hier kommt nun der dritte Mann, der eigene nämlich, ins Spiel – findet Herr Weh den Frau Weh kann auch kompetent-Look ziemlich sexy.

Verdammt!

Ich meine, für das Daddy-Desaster-Gespräch stellt das natürlich kein Problem dar. Wenn man wirklich auf Krawall aus ist, dann verstellt das zuverlässig den Blick auf die wahrlich schönen Seiten des Lebens. (Sogar auf die wahrlich schönen Kehrseiten.) Aber da ist ja noch PapaPauline. Der womöglich denken könnte, die wehsche Rückansicht hätte sich extra für ihn in den (str)engen Lehrerinnenlook gezwängt. Und das gilt es tunlichst zu vermeiden! Also raus aus den Plünnen und die ganze Chose noch einmal von vorn. Leidlich gestresst entscheide ich mich für knisternde weiße Baumwolle, dunkelblaue Jeans und schwarze Pumps. Ist ok. Und wenn nicht, auch egal, jetzt MUSS ich los!

(…)

PapaPauline war so aufgeregt, dass es schon fast wieder rührend war. Kurz vor dem wichtigen Termin musste ich mich auf der Lehrertoilette umziehen. Kleiner Zwischenfall mit Justin und seiner unbezwängbaren Apfelschorle. Ich bestritt das Gespräch in einem ausgewaschenen Fan-T-Shirt meines Lieblingsgitarristen Stoppok, das glücklicherweise tief unten in meinem Pult liegt. Für Notfälle. Es trägt die Aufschrift Cool durch Zufall. Die Gesprächsatmosphäre war gelassen, ruhig und nahezu harmonisch. Die Klage ist abgewendet und ich durfte mir ein Schulterklopfen von Chefin und einen festen Händedruck vom Desaster-Daddy abholen.

Danke, Stoppok!