Kollateralschäden

„Was ist denn mit Ihnen passiert?“, fragt mich meine Masseurin, als ich mich Freitagabend zum Massagetermin entkleide. Schienbeinaufwärts reiht sich Hämatom an Hämatom in allen Farben der Genesung, blau, violett, grün, gelb. Auch an den Armen leuchtet ein fröhliches Farbenspiel, allerdings etwas spärlicher gesäht.

„Ach“, antworte ich leichthin, „ich habe wieder ein 1.Schuljahr.“

„Und die Kinder treten Sie!?“ Die Masseurin grinst, ich auch. „Genau so ist es!“, nicke ich. „Und mit meinen Nerven springen sie Seilchen.“

Es ist eng im Klassenraum und irgendwo ist immer ein Tisch, an dem man sich stößt. Die Schule hat eindeutig wieder begonnen. Auch andere Zeichen des Verfalls deuten darauf hin: Der Hals kratzt, der Nacken ist verspannt, es bilden sich Ringe unter den Augen. Aber es könnte deutlich schlimmer sein. Gestern erreichte mich die SMS einer Freundin, ebenfalls Lehrerin im Anfangsunterricht: „Scheiße, Läuse!!!“

Die Masseurin lacht und gießt warmes Öl auf meinen Nacken. „Das kriegen wir schon hin.“ In den nächsten 60 Minuten öffnet sich ein wohltuendes, schwarzes Loch und verschluckt mich mitsamt den 29 Erstklässlern. Zwar begehrt immer mal wieder einer aus der Meute auf und will mich daran erinnern, dass ich mir noch Gedanken zu diesem und jenem machen muss, aber jedes Unbehagen wird erfolgreich untergeknetet und in Wohlgefallen aufgelöst. Zu Hause angekommen, schaffe ich es gerade noch ins Wohnzimmer zu torkeln, um dem größeren Wehwehchen eine gute Nacht zu wünschen, bevor ich ins Bett plumpse wie Fallobst in die Wiese. Ein paar Minuten später schlafe ich tief und fest. Thank God, it’s Friday!

Zweifelt irgendjemand daran, dass die baldigen Herbstferien ein Segen sind?

 

Örks.

Schrieb ich gestern irgendetwas davon, dass es gut läuft?

Ahahahhahaha! Der war gut!

Heute war es furchtbar. Furchtbar laut, furchtbar anstrengend, furchtbar „Frau Weeeeeheee“. Offensichtlich tauen sie langsam auf, die kleinen Aufmüpfer unter den Erstklässlern. Den ersten war es bereits bei der Silbensegmentierung schrecklich langweilig (zugegeben, sie konnten es wirklich). Allein, was nützt es? Auch Chiara und die anderen DaZ-Kinder müssen die Chance erhalten mitzukommen. Phonetische Bewusstheit gehört immerhin zu den Basisqualifikationen des Schriftspracherwerbs. Ansonsten sind 29 Kinder vor allem eins: eine ganze Menge. Und keins gleicht dem anderen. Zwei Kinder können bereits lesen, vier rechnen im 20er-Raum, sieben Kinder halten den Stift wie einen Faustkeil – da möchte man kein Mammut sein. Obwohl… so ein Mammut, das hat bestimmt eine meterdicke Haut, die nichts durchlässt außer positiven Schwingungen, oder? Und Haare in den Ohren, was nicht zu unterschätzen ist bei einer ganzen Meute Kinder. Überhaupt war es heute eher wie Kindergeburtstag als wie Schule. Alle auf Zucker, so schien es.

Oder war es doch eher wie Kirmes und Kettenkarussell? Schnell, laut, bunt. Und fascettenreich. Antonias Mutter hat statt eines non-permanenten Folienstiftes einen permanenten eingepackt. Leider fiel dies erst auf, als sich die Schwungbögen nicht mehr von der Folie abwischen ließen. Während wir noch bei Antonia die Tränen trockneten, schnappte sich Stefan ebenjenen Marker, um sich einen Schnurrbart zu malen. Blau, hat auch nicht jeder. Beim Vorlesen streichelte Leonie mein Bein: „Ich wollte mal fühlen“ und Mia schnippste wie wild, um mitzuteilen, dass sie wüsste, was so besonders an den Vornamen der Drachenkinder sei. „Kokosnuss Kugelig und Oskar Ohnesorge sind Alliterationen, das weiß ich schon!“

Ehrlich, ich möchte auch gerne ohne Sorge sein. Mit oder ohne rhetorisches Stilmittel. Ein Stillmittel hingegen, das wäre mal was. Das würde ich dann den forschen Padawanen an Tisch 1 verabreichen, die sich sogleich lautstark die Leseecke als Residenz und das Lego-Starwars-Buch als Bibel auserkoren haben. Müssen Jedis nicht das Anschleichen lernen? Ich werde dies morgen anregen.  Ach ja, morgen… ist es nicht schön, dass es immer ein morgen gibt? Und das wird auch bestimmt wieder besser!

 

Anfangsunterricht

Es ist 19.00 Uhr und ich könnte schlafen, schlafen, schlafen.

Die hohe Präsenz und Aufmerksamkeit, die mir derzeit nicht nur die eigene Klasse, sondern auch das komplett neue Schulumfeld abverlangen, fordern ihren Tribut. Alles ist anders, alles ist neu. Aber es läuft gut – soweit sich dies am dritten richtigen Schultag schon sagen lässt. Die morgendliche Freiarbeit funktioniert bereits ebenso wie die unaufgeforderte Abgabe der Hausaufgaben. Das Prozedere mit Toilettenampel und Ausleihliste für das Pausenspielzeug ist verstanden worden. Was (natürlich!) noch viel Zeit kostet, ist das Bilden des Sitzkreises und die Organisation des Materials. Und die Eingangsdiagnostik! Oje…! Hier  merke ich, dass 29 Kindern eine ganze Menge sind und es eine Wahnsinnsleistung für Erstklässler und Lehrkraft darstellt, die optimalen Diagnosebedingungen herzustellen. Überhaupt ist der momentane Arbeitsaufwand enorm hoch. Vielleicht deshalb, weil ich von Anfang an den Überblick haben möchte. Sicherlich aber auch aus dem Grund, dass meine Stundenplanungen bis ins kleinste Detail reichen und mich abends lange beschäftigen.

Aber es ist auch SO schön wieder ein 1.Schuljahr zu haben! Ich kann es gar nicht in Worte fassen. Noch haben sie alle Freude am Lernen, kommen ins Klassenzimmer gestürmt und fragen, was sie machen können. Die ersten Briefe werden mir mitgebracht. Entweder stolz in die Hand gedrückt oder ein wenig verschämt auf den Schreibtisch geschoben. Das Klassentier wird gestreichelt und bekuschelt, die Gitarre – vorsichtig, ganz vorsichtig! – durch den Kreis bis zu mir gereicht, denn singen, singen finden sie super! Die Erstklässler applaudieren einander frenetisch, wenn jemand an der Tafel das richtige Würfelbild zeigt oder bereits eine korrekte Additionsaufgabe nennt. Voller Begeisterung haben sie heute Wörter abgehört, klingt dort ein A? Als ich sie vor dem Lehrerwechsel in Zauberschlaf versetzte und ihnen einen Buchstaben oder eine Ziffer auf den Rücken zeichnete, wollten sie noch einmal und noch einmal. „Bitte geh noch nicht, Frau Weh!“

All das macht die andere Seite wett: Die tausend Fragen, das Gezwitscher und Geschnattere genau dann, wenn es wichtig wird, die Klokarawanen. Oh, diese Klorennerei! Es ist ein wenig wie Domino Rallye. Einer muss, (fast) alle folgen.Die durchschnittliche Durchlaufzeit eines Erstklässlers verhält sich ganz klar proportional zum geringen Fassungsvermögen. Ich weiß es, heute kam nämlich die erste Schulmilch zur Probe. Fast konnte ich es plätschern hören; oben rein, unten raus. Morgen scheuche ich sie definitiv zum Ende der Pause noch einmal zur Toilette! Ansonsten steht Silbensegmentierung auf dem Program: Silben sprechen, schwingen, hüpfen, klatschen. Auf Bärenjagd wollen wir gehen und außerdem den netten Hausmeister mal fragen, was er eigentlich so macht in der Schule. Es ist wichtig, dass wir erfahren, wie es mit dem Drachen Kokosnuss weitergeht und dass wir den Schubiduasong so oft tanzen, bis uns allen ein wenig schwindelig wird. Ein Abenteuer mit Klebestift steht ebenfalls an: Das erste Arbeitsblatt muss ins Sachunterrichtsheft geklebt werden. Da ist die Aufregung vorprogrammiert, aber hallo! Vielleicht schaffen wir noch die nächste Ziffer, aber ich glaube eher nicht. Denn Anfangsunterricht braucht vor allem eins: Zeit. Die nehme ich mir einfach, ich bin so frei 😉

 

 

Tag 1

Der erste richtige Schultag mit den neuen Erstklässlern liegt hinter mir und schon am frühen Nachmittag bin ich so müde, dass ich auf der Stelle einschlafen könnte. Holla, die Waldfee!

Auch die Kinder sind am Ende geschafft, absolvieren sie heute doch bereits fünf Stunden Unterricht und meistern dabei bereits den ersten Quantensprung ins Schulleben. Es ist schon unglaublich, welche Informationsflut auf die Erstklässler einprasselt. Ein paar Schüchterne müssen noch ermutigt werden, während doch so viele schon um 7.30 Uhr fröhlich ins Klassenzimmer wirbeln: „Ich habe ein Bild für dich gemalt!“, „Guck mal, mein Ranzen!“, „Wo muss der Becher hin?“, „Meine Mama wollte mit, aber ich hab gesagt, sie darf nicht, hast du gehört, Frau Weh?“ Ich stelle meinen Kaffeebecher auf meinem Schreibtisch ab und wende mich der aufgeregten Schar zu.

Plötzlich dann mittendrin ein polternder Vater, der sich kämpferisch vor mir aufbaut und mit drohendem Unterton mitteilt, dass er gegen diese neuen Methoden mit dem Lesen und Schreiben und dem ganzen Quatsch sei. „Und wie wollen Sie das denn überhaupt so machen?“

Ich schlucke meinen aufkommenden Ärger herunter und wende mich ihm zu: „Wie schön, dass Sie sich für das Lernen ihres Kindes interessieren! Kommen Sie doch gerne zum nächsten Elternabend, da werde ich genau dazu etwas sagen.“

„Nein“, antwortet er, „da werde ich ganz sicher nicht hingehen. Solche Freizeitaktivitäten überlasse ich meiner Frau.“

Ich fasse es nicht. Ein Macho auf meinem Zahlenteppich. „Tja“, entgegne ich eine Spur kühler, „dann werden Sie sich wohl überraschen lassen müssen, denn Tür- und Angelgespräche gibt es hier nicht. Hier gibt es nur Unterricht. Tschüss dann!“ Ich schaue ihm scharf in die Augen (my room, my rules!) und drehe mich um, denn da zupft es bereits wieder seit einer geraumen Weile an meinem Ärmel. Zwar schneien im Laufe der ersten 20 Minuten noch ein paar Eltern herein, weil sie dieses oder jenes vergessen haben, doch tun sie dies leise und ohne größeren Aufruhr, wofür ich dankbar bin, denn tatsächlich arbeiten irgendwann alle 29 Kinder an den aufgebauten Stationen. Ich atme durch und versuche, die vielen Namen den ersten Gesichtern zuzuordnen. Doch nicht lange.

„Spielst du heute wieder Gitarre?“

„Singen wir endlich?“

„Wann ist Pause?“

„Ich muss mal.“

Mehrfach an diesem Schulvormittag muss ich innerlich lachen und mich zur Ruhe mahnen. Es sind Erstklässler und alle Vorgänge, alle Regeln und Verhaltensweisen, die im 4.Schuljahr so selbstverständlich waren, müssen neu gelernt werden. Eigentlich ist das der Wahnsinn, wenn man mal genau drüber nachdenkt. Aber der Kreis klappt und wir singen mit einer solchen Inbrunst, dass selbst der Schwimmbusfahrer kurz seinen Kopf durch die Tür stecken und glücklich hereinwinken muss. Überhaupt Musik, das funktioniert immer. Und das ist ein Glück, denn in der 5.Stunde steht JeKi auf dem Programm und obwohl eigentlich alle erledigt sind, lernen die Kinder in Rekordzeit das erste Lied in relativer Solmisation. Dann am Ende eines aufregenden und langen ersten Schultages begleite ich die Klasse noch zur OGS, bringe eine Handvoll Kinder zum Bus, umarme, winke, ermutige und greife nach 5 Stunden zum ersten Mal zum Kaffee auf meinem Schreibtisch.

Kalt.

Willkommen im 1. Schuljahr, Frau Weh!

 

 

Wechselbad

Oh, es wird Zeit für Ferien!

Ich rotiere zwischen gepackten und zu packenden Kisten, überschnappenden Viertklässlern und dem ganz normalen Schuljahresendwahnsinn. Da werden noch schnell Ausflüge gemacht, Abschlussfeiern sowieso und da war doch noch was? Ach ja, die Zeugnisse! Den Kolleginnen fällt ein, dass ich noch schnell, bevor ich weg bin, ihre Klassenbücher ausfüllen muss (womit sie recht haben…) und das größere Wehwehchen erwähnt beim Abendessen ähnlich spontan, dass es für das gemeinsame Frühstück am nächsten Morgen Tomate-Mozzarella-Spießchen zugesagt hat. Das Miniweh hat als Blume beim Kindergartenfest brilliert und beim Singen nur ganz kurz, aber hingebungsvoll, in der Nase gebohrt. Die Hauskatze würgt derweil Haarbällchen hervor und maunzt beleidigt, weil ich sie nicht dafür lobe, aber ich habe gerade wenig Zeit dafür.

Den Musikraum habe ich besenrein hinterlassen und dabei, ja, ein ganz kleines bisschen mit den Tränen gekämpft, denn die neue Schule – so schön sie auch sein mag – verfügt nur über einen einzigen Schrank für alle Musikalien, die sie so besitzt. Ich verkleinere meinen Unterricht und mich also von 140 qm auf 0,8 qm. Oder muss ich das in Kubik angeben? Egal, ich trauere. Und das nicht allein. Mittlerweile wissen es alle Schüler und Eltern, die Putzfrau und die Pfarrerin. Alle wünschen Glück und drücken ihr Bedauern aus, so dass auch ich ganz flatterig werde ob der getroffenen Entscheidung. Aber wohnt nicht jedem Neuanfang ein Zauber inne? Und ist ein solcher Abschied nicht deutlich besser, als wenn alle froh über meinen Fortgang wären? Die Chefin fasst mich mit Samthandschuhen an und siegelt sogar selber meine Zeugnisse, die weltbeste Sekretärin drückt mich fest und weint ein leises Tränchen. Einzig Frau Schmitz-Hahnenkamp verhält sich normal und beschwert sich lautstark über Sinan und Nino, die ich immer noch nicht im Griff hätte. Dennoch haben sie mir einen Abschiedsbrief geschrieben, darunter eine krakelig gemalte Blume „Ihre Glücksblume, Frau Weh, für die Zukunft“. Ich schlucke und wünsche, dass die nächsten Tage an mir vorbeifliegen mögen. Leider tun sie dies auch, obwohl ich die Momente festhalten will, denn manche sind kostbar.

„Wenn Sie auch gehen, dann haben wir keinen Grund zurückzukehren“, sagen die Viertklässler traurig und recht haben sie. Ein Stück Kindheit ist vorbei.

„Aber das, was kommt, ist neu und aufregend!“, will ich sie trösten und bekomme doch selber eine scheußlich-schöne Gänsehaut, wenn wir Möge die Straße uns zusammenführen singen und alle gekonnt, weil lange geübt, vom pianissimo ins forte wechseln und sogar der Hausmeister in der Türe stehen bleibt um zu lauschen. Wechselbad aus Abschiedskummer und Vorfreude.

Bald sind Ferien!

Das Telefonat

Ein wenig schneller klopft mir das Herz schon, als ich die Nummer der neuen Schule wähle. Ich habe Glück, der Rektor ist da und hebt nach dem zweiten Klingeln ab. Ich nenne meinen Namen und werde schon von ihm unterbrochen:

„Frau Weh! Endlich! Toll, dass Sie anrufen! Wir warten schon alle ganz neugierig auf Ihren Anruf und freuen uns auf Sie!“

Eine ordentliche Portion guter Laune schwappt mir aus dem Hörer entgegen und wischt die anfängliche Nervosität einfach beiseite. Ich bin überrascht über die so nette Begrüßung und erzähle, wie sehr auch ich mich freue und dass die Zuweisung an gerade diese Schule für mich der Jackpot sei, weil ich dadurch eine ganze Menge an Fahrzeit einspare.

„Ja, Frau Weh. Sie haben den Jackpot und nicht nur wegen der Fahrerei, das kann ich Ihnen ehrlich sagen“, antwortet er mir. „Wir sind eine tolle Schule!“, und es klingt kein bisschen überheblich, sondern warm und herzlich. Das Lächeln macht sich ganz automatisch in meinem Gesicht breit, als ich mir eine kurze Schilderung des Schulprogramms anhöre. „Wie klingt das für Sie?“, will er wissen und ich muss nicht lügen, als ich antworte, dass ich mir Grundschule genau so vorstelle.

Wir tauschen noch ein paar Infos aus und verabreden uns für eine der nächsten Konferenzen. Ich lege das Telefon ab und bleibe noch einen Moment still am Schreibtisch sitzen, bevor die Freude mein Herz flutet. Ich nehme mir dringend vor, dem Schulrat nächste Woche bei der Revision für die Schulzuweisung zu danken und atme einmal tief durch.

Neubeginn!

Abschlusskummer und Vorfreude

Zeugniszeit. Wo ist eigentlich das Schuljahr hin? Haben wir nicht letztens erst Weihnachtslieder eingeübt?

Wie jedes Jahr droht mich die Menge des „noch zu erledigen“-Stapels zu erdrücken. Ich atme tapfer dagegen an und akzeptiere, dass der Juni eben der neue Dezember ist. Der Trend geht eindeutig zum Sommer: Kindergartenfest, Schulfeste, Bundesjugendspiele, Theatertag, Abschlussfeiern, Abschlussgrillen, Abschlussgottesdienst. Alles schließt ab und benötigt dafür mindestens ein Planungstreffen. Die Koordination eigener Termine und der der Wehwehchen gleicht dem Kreuzworträtsel der Zeit – vielleicht nicht unlösbar, aber knifflig. Zwischendurch Fachnoten (viele…) und Zeugnisse der Viertklässler, diese immerhin überschaubar in Anspruch und Menge. Die Bögen, auf denen ich jedem Schüler einen Abschiedsbrief schreiben möchte, sind noch unberührt. So ganz bin ich noch nicht abzuschließen bereit. Wir sind noch nicht fertig.

Das letzte Sachunterrichtsthema muss noch vorbereitet, der letzte Ausflug geplant werden. Bei so vielen Dingen steht jetzt ein „letztes“ davor. Mündlich habe ich die Zusage des Schulamtes bereits, es fehlt nur noch das passende Schriftstück und meine Versetzung zum neuen Schuljahr ist amtlich. Ich gehe. Wow. Der letzte Schultag wird auch meiner sein.

Ich freue mich so! Aber ich lasse auch viel zurück und habe viel zu verdanken; der Schule, der Chefin, den Kolleginnen. Jede Begegnung hat mich wachsen, mich stärker (oder weicher) werden lassen. In den vergangenen 10 Jahren habe ich mir meine Sporen verdient und Federn gelassen. Und immer wieder gelernt, gelernt, gelernt. Wenn ich nach den Sommerferien an einer neuen Schule starte, dann nicht mehr unerfahren. Ein gutes Gefühl.

Auch ein gutes Gefühl: Der erste Blick auf die neue Schule. Nachmittags, aufgeregt. Ich stand vor dem Tor, habe am Schulhaus hochgesehen und bestätigt gefühlt, was der vormittägliche Blick auf die Homepage der Schule bereits anklingen ließ: Dass dies ein Ort ist, an dem ich richtig sein werde.

Vorfreude.

Zu Ende geht die Grundschulzeit

Die gemeinsame Zeit neigt sich dem Ende entgegen und es ist der Kunstunterricht, in dem den Viertklässlern diese Tatsache auf einmal bewusst wird.

„Das ist unser letztes Gruppenbild!“, ruft Schmitti erschreckt aus und wischt dabei dem neben ihm hockenden Giuliano den Pinsel durchs Gesicht.

„Pass doch auf, du Blödmann, jetzt habe ich wegen dir über die Linie gemalt.“

Betroffen halten die anderen Kinder inne. Weniger wegen der übermalten Linie als vielmehr der Tatsache geschuldet, dass unsere gemeinsamen Tage wirklich gezählt sind. In ihren Gesichtern lese ich so vieles ab: Spannung, Freude, Aufregung, Ferienhunger, aber auch die leise Sorge, was kommen mag, was wird. Ich kann sie ihnen nicht zur Gänze nehmen, sehe ich dem Abschied doch selber mit gemischten Gefühlen entgegen. Einerseits ist mir diese Klasse in den vergangenen zwei Jahren ans Herz gewachsen, andererseits waren besonders die letzten Monate oft anstrengend und kräftezehrend. Nicht wegen des Unterrichts, den habe ich jeden Tag genossen. Was ist es doch für eine Wohltat, mit Viertklässlern zu arbeiten! Keiner zupft mehr an meinem Shirt, niemand pieselt sich in die Hose und wenn sie sich übergeben müssen, sagen sie früh genug Bescheid. Im Vergleich zu einem 1. Schuljahr hatten wir eine sehr entspannte und katastrophenarme Zeit zusammen. Aber die Lebensumstände einiger Kinder haben auch das gemeinsame Arbeiten teilweise bis über die Schmerzgrenze belastet. Doch auch dabei haben die Viertklässler hoffentlich vieles mitnehmen können. Nun sind sie flügge geworden und ja, ich finde, sie müssen raus aus dem Nest! Für manche tut es mir leid, täte ihnen doch eine längere Grundschulzeit gut. Andere gebe ich jetzt zugegeben gerne in die fähigen Hände meiner Kollegen in den weiterführenden Schulen ab, sie haben ihren Stallgeruch längst verloren und müssen weiter.

„Sind Sie auch traurig?“, werde ich von Katherine aus meinen Gedanken gerissen.

„Ich? Nein, wieso?“ In gespieltem Erstaunen reiße ich meine Augen auf. „Zuerst werde ich die Klasse einmal richtig gut durchlüften, wenn ihr weg seid. Ich finde ja, dass einige von euch schon ein bisschen pubertär müffeln.“ Die Kinder kichern, fanden sie das Thema Körpergeruch doch schon während des Sexualunterrichts eklig. „Dann werde ich mich unglaublich entspannen und erst ganz am Ende der Sommerferien werde ich die Fenster wieder schließen. Die nächsten Kinder sollen ja keinen Schock bekommen, wenn sie hier einziehen.“

Erwartungsgemäß brandet ein Sturm der Entrüstung los. Wie ich so hartherzig sein könne, schließlich würden sie doch alles für mich tun und überhaupt, solche Viertklässler wie sie könne man lange suchen! Ja, denke ich und ein warmes Lächeln huscht über mein Gesicht, das stimmt wohl. Mir fallen die Blätter ein, auf denen die Kinder sich gegenseitig „warme Duschen“ gegeben haben, und die nun wohlverwahrt im Klassenbuch liegen und auf den letzten Schultag warten. Nicht ein gemeines Wort steht darauf, alle haben den Moment genutzt und sich Gedanken gemacht, welche netten Dinge es über die Mitschüler zu sagen gibt. Beim Lesen war ich erstaunt und auch etwas beschämt, wie leicht den Viertklässlern dies fiel – und als wie schwer ich diese Aufgabe manchesmal empfand, wenn ich über Förderplänen brütete und mir nur Schwächen statt Stärken einfielen. Für die Viertklässler stellt das kein Problem dar.  „Du lachst nett“, lese ich da beispielsweise bei einem der größeren Klassenrüpel oder „beim Ausflug im 2.Schuljahr in den Zoo hast du mir Frühstück abgegeben“.

„Was werden Sie denn am meisten von uns vermissen?“, hilft mir Alisa zurück in die Gunst der Klasse.

Ich überlege. Es gab viele gute Momente in den letzten zwei Jahren. Manche Sternstunde war dabei. Vielleicht ist es aber wirklich der Kunstunterricht und die darin entstandenen Gemeinschaftswerke, die ich besonders vermissen werde. Zu Beginn des 3.Schuljahres war dieses Unterfangen oft genug pure Konfusion, aber mit den Monaten haben die Kinder das gemeinsame Tun und die Freude über ein Ergebnis, das häufig bereits aufgrund seiner Größe beeindruckte, schätzen gelernt. Natürlich lief nicht alles glatt und nicht selten waren meine Planungen völlig daneben gegriffen, aber rückblickend empfinde ich diese ruhigen Stunden, in denen alle miteinander in Aktion waren, als gewinnbringend und fruchtbar für die Entwicklung dieser Klassengemeinschaft. Klar, da gab es Montagskreise und Klassenratssitzungen, aber manchmal ist es nicht das Reden, das uns weiterbringt, sondern das Tun.

Ich habe so viele Bücher in diesen Kunststunden vorgelesen: Momo, Ronja Räubertochter, das fliegende Klassenzimmer, den Wunschpunsch, Drachenreiter, kein Keks für Kobolde,  die Herdmanns und den kleinen Hobbit und noch viele mehr. Ja, das waren die besten Stunden! Die Viertklässler haben ihre Pinsel sinken lassen, als ich ihnen davon berichte, wie wertvoll diese Momente auch für mich waren. Und für den Augenblick sind wir alle ganz gerührt.

Vielleicht ist es da ein Segen, dass der kleine Grabowski genau in dieser Sekunde den Pinselbecher mit dem Fuß umstößt, als er den neben sich sitzenden Nino kameradschaftlich umarmen will, und sich das Wasser vernichtend über dem Gesamtwerk ausbreitet. Das Geschrei, das unmittelbar ertönt, vertreibt jedenfalls jegliche Rührung binnen Sekunden. Zwei Kinder jagen den fliehenden Grabowski durch die Klasse, mehrere wischen hektisch auf dem Bild herum und vergrößern die Zerstörung dadurch erheblich, andere brüllen einfach nur sinnlos herum. Chaos.

„Also das hier“, sage ich mehr für mich, als für die Viertklässler, die meine Stimme in diesem Wirrwarr sowieso nicht wahrnehmen, „das hier werde ich sicher nicht vermissen“. Und irgendwie fühle ich mich ganz fröhlich dabei.

Nachdenkliches

In den letzten Tagen habe ich viel nachgedacht. Über mich, mein Selbstverständnis, über das Bloggen und das Bild, das ich darüber transportiere. Für eure Kommentare möchte ich Danke sagen, sie haben mich berührt und gefreut. Aber sie haben mich auch nachdenken lassen über die Rolle und Aufgabe, die das Leben einem zuweist.

Obwohl gerne und oft belächelt, ist der Beruf als Grundschullehrer ein wichtiger. Wir vermitteln nicht nur Basisqualifikationen wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Wir erziehen zu Haltung und Herzensgüte. Wir sind Vorbild und Anker, wir weisen eine Richtung, strahlen aber zudem etwas ganz wesentliches aus: Verlässlichkeit.

Diese Verlässlichkeit ist es, die einem Großteil der Kinder aus verschiedenen Gründen mehr und mehr abhanden kommt. Wir sind nicht Mutter oder Vater, aber alle Kolleginnen, die ich kenne, würden um „ihre“ Kinder kämpfen und tun dies auch, wo es nötig ist. Lehrer zu sein ist kein 9-to-5-Job. Daran trägt man am Nachmittag, an den Wochenenden, in den Ferien und auch nachts. Und niemand erklärt uns im Studium, wie sich diese Verantwortung auf unsere seelische und körperliche Gesundheit auswirkt. Niemand weist uns in die Kunst ein, Dinge abzuschütteln oder sich nicht auffressen zu lassen von zu hohen Ansprüchen, Erwartungen, Unverschämtheiten oder bedrückenden Erfahrungen, die wir machen.

Ich habe in den letzten Jahren viele glückliche Kinder aufwachsen sehen. Wie wunderbar! Wie erfüllend und schön kann also unser Beruf sein! Aber da waren immer auch Kinder, die Hilfe brauchten. Weil sie alleine gelassen wurden. Weil sie anders waren. Weil ihnen Schmerz zugefügt wurde.

Tagtäglich geben Tausende Lehrer, Erzieher, Therapeuten, Sozialpädagogen und so viele mehr ihr Bestes, um diesen Kindern einen guten Start zu ermöglichen oder einen Weg zu ebnen, der von Steinen gespickt ist. Viele dieser Hilfen wären nicht möglich, wenn meine Kolleginnen und ich die Augen verschließen und uns nur noch um reine Wissensvermittlung kümmern würden.

Wenn ich morgens zur Arbeit fahre, weiß ich nie genau, was mich erwartet. Vielleicht ist alles gut und wir haben einen tollen Tag. Vielleicht trennt sich aber auch gerade ein Elternpaar und die Welt eines Kindes bricht zusammen. Trotzdem muss ich gewährleisten, dass jeder meiner Schüler am Ende weiß, dass der Löwenzahn eine Pfahlwurzel besitzt, und dass das Prädikat der wesentliche Teil eines Satzes ist. Ich frage Bundesländer und Landeshauptstädte ab, aber ich registriere auch genau, wer schon wieder kein Frühstück dabei hat oder wer ungewöhnlich still auf seinem Platz sitzt. Und ich handele, denn das ist meine Aufgabe.

Dabei geht nicht immer alles glatt. Die Zeit, Dinge ausführlich zu erklären, so wie es hier im Blog gelingt, hat man in der Realität kaum. Auch aus meiner jetzigen Klasse werden Eltern die Schule verlassen in der Gewissheit, ihre Kinder seien in ihren Begabungen und Fähigkeiten von mir nicht erkannt oder entsprechend gefördert worden und nicht allen kann ich widersprechen.

Ich mache Fehler.

Manchmal erkenne ich sie, manchmal nicht. Das gehört dazu, bietet aber auch die Möglichkeit daraus zu lernen und sein Handeln zu hinterfragen und zu reflektieren. Immer und immer wieder, aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Denn irgendwo muss Schule, muss der Beruf enden und das Selbst anfangen. Dieser Grat ist schmal und ich bewundere Kollegen, die ihn für sich ausgelotet haben. Bei mir ist das immer wiederkehrende Arbeit an mir selber. Aber ich bin auf einem guten Weg. Und an dieser Stelle kommt der Blog ins Spiel. Denn wem aus meinem persönlichen Umfeld würde ich zumuten wollen mein Überdruckventil zu sein? (Nun gut, Herr Weh kann sich nicht immer wehren, das ist ja so eine Sache mit diesem „in guten wie in schlechten Tagen“, aber er hat ein Vetorecht!) Natürlich schleicht sich der ein oder andere Gedanke ein, welches Bild man in einem Medium wie diesem von sich nach außen transportiert. Mich dabei bewusst in einem besseren Licht darzustellen, liegt mir fern. Dennoch dreht es sich an dieser Stelle um mich – als Lehrerin, als Mutter, als Mensch. So habe ich die Funktion dieses Blogs und der Zeit, die ich darin investiere, definiert. Lehrer haben – wie andere soziale Berufe auch – ein hohes Risiko, einem Burnout zu erliegen. Das möchte ich nicht. Also wertschätze ich mich und mein Tun, um auf dieser Basis arbeiten zu können. Kein ganz so neuer Gedanke, wenn man sich mal das Gebot der Nächstenliebe betrachtet, sondern vielmehr eine konkrete Aufforderung zum ethischen Handeln. Also tue ich etwas, was jeder von uns tun sollte:

Ich nehme mich wichtig, denn ich bin es. Für mich und für andere.

Punkt.

 

Jens

Es hat gerade zur großen Pause geklingelt, als Jens von seiner weinenden Oma aus der Schule geholt wird. Die Nachricht vom Tod seines Vaters trifft uns nicht unerwartet, aber plötzlich. Den Kampf gegen den Krebs konnte er nicht gewinnen.

Als ich den Viertklässlern berichte, warum Jens so überstürzt aus der Schule abgeholt wurde, sind sie so regungslos, dass die Stille fast schmerzt. Bei nicht wenigen sehe ich Tränen und auch ich bin von einer Traurigkeit erfüllt, die Gedanken und Handlungen lähmen will.

„Was ist mit unserem Ausflug morgen?“, platzt Schmitti da heraus. Seit Wochen freuen sich die Kinder auf den Besuch im Freilichtmuseum, wo wir unser Wissen über Umweltschutz und Recycling vertiefen, Papier schöpfen, picknicken und einen ganzen Tag lang Spaß haben wollen. „Kommt Jens da mit?“

„Das weiß ich nicht, Schmitti.“, antworte ich und schüttle leicht den Kopf. „Das wird die Familie entscheiden. Vielleicht möchte er auch lieber zu Hause bleiben.“

Am nächsten Tag werde ich am wartenden Bus von Kindern und Müttern belagert. Die Nachricht hat sich in Windeseile herumgesprochen. Alle sind bestürzt und wollen Infos, die ich nicht habe und nicht geben kann. Schon scheuche ich die Viertklässler in den Bus, als ich aus dem Augenwinkel Jens mit seiner Mutter bemerke, die ein Stück von der Gruppe entfernt stehenbleiben. Ich gehe auf die Frau zu, die wie eine gebrochene Hülle ihrer selbst vor mir steht, und greife stumm nach ihren Händen, hoffend, dass meine Blicke ausdrücken, was ich nicht in Worte zu fassen vermag. „Es tut mir so leid“, bringe ich hervor und sie blickt unter Tränen auf. „Ich würde gerne etwas Tröstendes sagen, aber ich weiß, ich kann nur mit Ihnen weinen.“ „Passen Sie gut auf meinen Jungen auf“, bittet sie mich und blickt voller Kummer auf ihren Sohn. Ich nicke und lege Jens den Arm um die Schulter. „Ich rufe an, wenn wir wieder da sind, dann brauchen Sie nicht mit den anderen Müttern auf uns warten.“ Sie scheint erleichtert und streicht ihrem Sohn zum Abschied über den Kopf.

Ich führe Jens, der müde und abgekämpft aussieht, an den betroffen zu uns herüberschauenden Müttern vorbei in den Bus: „Komm, die anderen haben sich bestimmt schon alle mit Kaugummis versorgt. Schauen wir mal, ob wir auch noch einen abkriegen.“ Er nickt zaghaft und freut sich, als die Viertklässler sofort von ihren Sitzen aufspringen, sich um ihn scharen und Kaugummis, Gummibärchen, eine Schulter zum Ausweinen, einen Nachbarplatz zum Sitzen während der Fahrt anbieten. Ich bin erleichtert, dass die Gruppe ihn sofort umschließt und aufnimmt und drehe mich noch einmal zu den Müttern an der Haltestelle um. „Genießen Sie den Tag, wir kommen wieder!“

Jens sucht meine Nähe und so kommen wir während der Fahrt ins Gespräch. „Erzähl doch mal, wie war es denn gestern für dich?“, ich wähle bewusst einen leichten Tonfall, als ich mich zu ihm drehe. Er scheint froh über die Frage und sofort sprudelt es aus ihm heraus: Wie alle Familienmitglieder in dem engen Krankenzimmer Abschied genommen haben, dass die ganze Zeit über geweint wurde und dass er über eine Stunde neben Papa auf dem Bett lag und ihn einfach nicht loslassen konnte. Aufmerksam höre ich ihm zu, frage an manchen Stellen nach und bestätige, wonach er sucht – die Gewissheit, sich genau richtig von seinem Vater verabschiedet zu haben. „Das hast du prima gemacht, Jens! Du hast Papa gezeigt, wie lieb du ihn hast.“ Eine kleine Pause entsteht, in der wir beide unseren Gedanken nachhängen. Die nächsten Worte wähle ich mit Bedacht: „Ich kann mir vorstellen, dass es schlimm für dich war, aber vielleicht auch ein kleines bisschen schön?“ Jens blickt mich ernst an und dann – endlich – lächelt der Junge zum ersten Mal an diesem schrecklichen Tag. „Ja, das war auch schön. Ich bin ganz still liegengeblieben und habe meinen Kopf auf Papas Brust gelegt.“ Ich schlucke den Kloß in meinem Hals sofort herunter und gestatte nicht das kleinste Bisschen Traurigkeit, als ich Jens ins Gesicht blicke und anlächle: „Du bist klasse! Schön, dass du bei uns bist!“

Im Laufe des Tages glättet sich die große Falte auf seiner Stirn mehr und mehr. Die Ringe unter Jens Augen zeugen von einer langen Nacht ohne Trost, aber sein Blick klart auf und ich bin froh darüber, dass die Mutter ihn heute hat gehen lassen und ihm so eine Auszeit von der Trauer ermöglicht. Die nächsten Tage, Wochen, Monate, ja, Jahre werden schlimm werden. Beim Picknick wird er mit Leckereien und Aufmerksamkeit überschüttet und ich sehe ihm an, wie gut es ihm tut, mit seinen Klassenkameraden in der unbeschwerten Ernsthaftigkeit, die Kindern eigen ist, über das Unaussprechliche zu reden. Die Sonne wärmt uns, niemand weint und für einen Moment scheinen die Schatten gebannt. Wir stehen in der Papiermühle am Schöpfbecken, als Jens mir mitteilt, wann die Trauerfeier stattfindet. „Kommen Sie auch?“, fragt er leichthin, aber ich bemerke doch den versteckten Unterton. In den letzten Monaten hat der Junge gelernt, seine Gefühle gut zu verpacken, um seiner Mutter nicht noch mehr Kummer zu bereiten. „Natürlich!“, versichere ich ihm mit einem Lächeln, „Ich will Papa doch auch Tschüss sagen. Aber…“, jetzt furche ich die Stirn etwas, denn schlussendlich ist es doch der Humor, auf dem wir uns treffen können, „ich lege mich besser nicht daneben, oder?“ Jens platzt mit einem lauten Lachen heraus und schaut mich an, als hätte ich etwas wirklich, wirklich Verrücktes gesagt.

„Haha, das wäre aber komisch, Papa liegt doch in einem Sarg, Frau Weh!“