Keine Worte

Die Sonne scheint. Es ist ein schöner Tag. Ich habe Pausenaufsicht und beobachte die spielenden Kinder. Neben mir steht Jeanette. Lachen dringt vom Spielplatz zu uns herüber. „Mein Stiefvater fasst mich immer an“, Jeanette hat den Blick auf den Boden gerichtet, ihre Stimme ist leise, als sie unvermittelt zu reden beginnt.

Ich schließe für einen Moment die Augen und will das alles gar nicht hören, wünsche mich weit weg von dem Gefühl der Ohnmacht, das mich überfällt. Es ist nicht so, dass ich es nicht geahnt hätte. Bestimmte Worte und Verhaltensweisen ließen mich vor einiger Zeit aufmerksam werden und so habe ich ihr immer wieder vorsichtig angeboten mit mir zu reden.

Sie fährt stockend fort und berichtet von ihren Erlebnissen. Das Entsetzen frisst sich einen Weg durch mein Denken. Ohne darüber nachzudenken tue ich das, was ich auch bei meinen eigenen Kindern mache, wenn die Worte fehlen: Ich schließe das Mädchen in die Arme und will sie Schutz spüren lassen. Gleichzeitig durchfährt mich der Gedanke, dass diese körperliche Reaktion womöglich genau falsch ist, doch da bemerke ich, wie sich die Spannung in ihrem Körper löst. Das Mädchen weint bitterlich und auch ich muss Tränen der Wut und der Verzweiflung zurückhalten. Ich streiche beruhigend über ihre Schultern und bemühe mich um einen zuversichtlichen Ton, als ich ihr versichere, dass es gut war, darüber zu reden, und dass wir eine Lösung finden werden, obwohl mein Herz rast und mir der Hals wie zugeschnürt ist. Ich mache der zweiten Kollegin auf dem Hof ein Zeichen und gehe mit dem Mädchen ins Gebäude.

40 Minuten später trifft die Mitarbeiterin des Jugendamtes ein und nickt mir zu: „Gut gemacht!“ Ich kann nur stumm den Kopf schütteln. Irgendwie gebe ich noch zwei Musikstunden und bin froh, als ich im Auto sitze. Ich weine die ganze Fahrt bis zum Kindergarten des Miniwehs, wo ich mit Sonnenbrille und roter Nase zum Gruppenraum gehe. „Alles in Ordnung?“, fragt mich der Erzieher, der mit einem Blick erfasst, dass dem nicht so ist. Ich schüttle kurz den Kopf und antworte knapp, dass es eine schlimme Sache in meiner Klasse gäbe. Er nickt verständnisvoll und lässt seinen Blick über die fröhlich wuselnde Kinderschar um uns herum gleiten: „Das kann einem unter die Haut gehen.“

Und so ist es. Es geht unter die Haut, frisst sich ins Gehirn, krallt sich ins Herz.

Ungeduldig zupft da das Miniweh an meiner Jacke und unterbricht meine Gedanken. „Kommst du endlich, Mama? Ich hab ein Bild für dich gemalt!“

Ich straffe die Schultern, beuge mich herunter und drücke dem zappeligen Kind einen Kuss auf den Kopf. Hand in Hand verlassen wir den Kindergarten. Die Sonne scheint. Es ist ein schöner Tag.

Arschermittwochsfreuden

Ich stehe vor dem aktuellen Hausmeister und schimpfe wie eine Kanalratte.

Anders als abgesprochen hat er nämlich nach der Karnevalsfeier die Bestuhlung im Musikraum nicht wiederhergestellt, sondern einfach wild durcheinander stehen lassen. Dies bot für sich genommen bereits ein Chaos größeren Ausmaßes, ließ jedoch die zuckerbedingte Brauchtumshyperaktivität zweier 1. Schuljahre, die gleichzeitig zu unterrichten ich an diesem Morgen die Freude hatte, geradezu explodieren. Welche Wonne, nichts Böses ahnend zur Schule zu kommen, dort zu erfahren, dass zwei Kolleginnen ausfallen und dann mit einem ganzen Rudel Erstklässler Musik zu machen, denn „das gehe ja immer!“.

Entgegen anderslautender Meinungen möchte ich an dieser Stelle einmal deutlich klarstellen: Nein, das geht NICHT immer! Auch wir Musiklehrer haben ein Recht auf gute – oder wenigstens nicht ganz so schlechte – Rahmenbedingungen.

Zwei Klassen gleichzeitig unterrichten – schlecht!

Vollgestellter Musikraum – schlechter!

Platzwunder Erstklässlerkopf, weil gegen Stuhllehne gelaufen – am schlechtesten!

Da rettete es auch nicht den Tag, dass mein Tafeldienst Arschermittwoch an die Tafel schrieb. Und ich schwöre, hätte sich der Hausmeister nicht in meinem Beisein über eben diesen für sich genommen sehr possierlichen Schreibfehler lauthals amüsiert, dann hätte ich ihn wohl auch nicht so angefaucht, wie ich das nun seit einigen Minuten tue und wie es eigentlich so gar nicht meine Art ist. Ich rede mich in Rage (was ich in einer solchen Stimmung gut kann) und lasse Phrasen um Phrasen aufsteigen: Bin ich denn die einzige, die hier mitdenkt? Ist das so schwer, sich an eine einfache Absprache zu halten? Blablabla. Dabei kreist mein pädagogischer Zeigefinger im Gesichtsfeld des Mannes. Aber Tanzabstand ist heute nicht! Nicht mit mir, ich bin geladen!

Da sehe ich, dass der Hausmeister – das Grinsen mühsam beherrschend – auf meinen Finger starrt und halte in meinem gewalt(ät)igen Wortschwall inne. Auf meiner Fingerspitze prangt ein grabbeliges, hellgrünes Pflaster, darauf… tanzende Bärchen. Ach ja, gestern, Schnitt am Papier, Miniweh, kindliche Sofortmaßnahme. Toll.

„Hmm“, grummle ich, den Blick auf meinen Zeigefinger gerichtet, „das käm jetzt ohne Pflaster irgendwie besser, oder?“

Wir müssen beide lachen. Der Hausmeister entschuldigt sich, ich tue es ebenfalls. Im Büro spendiert er mir einen Kaffee und ein neues Pflaster. „Eins für Erwachsene“, sagt er. „Für ernste Gespräche.“

Gott sei Dank, es ist Karneval!

Kevin war bei uns das Kind, das als typischer Schulversager gilt. Obwohl er bereits ein Schuljahr wiederholte, hatte er am Ende des 4.Schuljahres ein Abschlusszeugnis, das vor Vierern und Fünfern nur so strotzte. Aus einem bildungsarmen, aber kalorienreichen Elternhaus stammend, hatte er es alles andere als leicht: Er war immer das entscheidende Stück zu groß, zu dick, zu dumm, um dazuzugehören und trotz aller Bemühungen das entscheidende Stück zu gutmütig, zu unsicher, zu wenig selbstbewusst, um sich gegen Sticheleien oder Attacken weniger friedfertiger Mitschüler zur Wehr zu setzen. Zweifelt irgendjemand daran, dass Kinder grausam untereinander sein können? Oh, sie können!

Heute steht Kevin mit seinem Gefolge auf der Schulbühne. Er ist Kinderprinz geworden und genießt jeden Moment im Scheinwerferlicht. Die roten Wangen leuchten, die Augen auch. Er begrüßt die Kinder, die bis vor zwei Jahren noch Mitschüler waren, mit großer Geste und schmissiger Rede. Gut sieht er aus, die lange Session mit vielen Auftritten hat ihn beweglicher gemacht, das auf den Leib geschneiderte Prinzenkostüm macht ihn schmuck. Er ist nicht Kevin, der Schulversager, langsam im Denken und Agieren, nicht Kevin, der Loser. Er ist Prinz Kevin, der erste seines Namens, und sichtbar stolz darauf. Der Junge tanzt, schunkelt, singt und lacht als gäbe es kein Morgen (und vermutlich gibt es das auch nicht oder ist zumindest in diesem Moment keines Gedankens wert). Der Augenblick ist zeitlos.

Und er ist gut.

Ich beobachte das Kind, das in diesem Gebäude so viele unschöne Erfahrungen gemacht hat, und bin froh. Unendlich froh, dass Schule nicht alles ist.

 

blubb, blubb, weg war sie!

Ich liege in der Badewanne und analysiere meinen Zustand. Das dauert eine Weile, muss ich doch zunächst kichernd dem Badewannenspielzeug des Miniwehs beim Untergang zusehen. Nachhelfend stipse ich das Duploboot mit dem dicken Zeh an bis es endlich sinkt. Fröhlich intoniere ich das herzzereißende Thema von Titanic und komme zu dem Schluss, dass ich zwar nicht hackedicht, wohl aber ordentlich beschwipst bin. Immerhin hat die Angelegenheit Stil: Nicht nur, dass ich den Secco (Granatapfel!) aus einem wirklich schicken Glas trinke, nein, er hat auch noch den gleichen Farbton wie das Badewasser („mach’s dir schön“… oder so stand auf der Packung). Da Herr Weh keine Zeit hat, weil er sich in einem archaisch-maskulinen Rollenspiel behaupten muss, habe ich mich in die einsiedlerische Ruhe des Badezimmers zurückgezogen und freue mich des Lebens. Wenn man mangels Gelegenheit so wenig Alkohol zu sich nimmt wie ich, hat man das Vergnügen, sehr schnell in einen Zustand giggelnder Glückseligkeit zu geraten.

So dümple ich also zwischen roséfarbenen Schaumwölkchen und grabbeligen Badeenten und proste mir selber zu. Ich trinke auf den Februar, diesen elenden, blöden, jämmerlichen Monat. Ich trinke darauf, keine perfekte Mutter zu sein und eine bisweilen unerträgliche Ehefrau. Ich trinke auf hohe Ansprüche und tiefe Erkenntnisse. Auf Kinder, die lieber Kekse statt Mittagessen essen und auf die erste 4 in Latein.

Ein Blick in den Spiegel zeigt mir, dass der Alkohol zu wirken beginnt. Meine Wangen sind rot, meine Nase leuchtet und ich habe diesen leicht fragwürdigen Zug um den Mund, der vermuten lässt, dass mein Genmaterial dem des Knäckebrots verwandter ist, als jedem Primaten.

Mir doch egal!, denke ich und nehme noch einen Schluck. Wo waren wir? Ach ja, der verf…luchte Februar! Nimm dies und dies, du erbärmlicher Versuch eines Monats. Nur 28 Tage kurz, aber mit den großen Hunden spielen wollen! Pfffft!!! In Ermangelung eines Trinkpartners stoße ich mit der Badewannenarmatur an. Das Ping klingt wie eine gute Unterrichtsidee. Leider verfliegt sie augenblicklich und lässt mich alleine zurück.

Ich schiebe die Unterlippe vor und fühle mich plötzlich niedergeschlagen. Will ich wirklich zu viel? Andere kriegen es doch auch hin!? Bevor ich mich allerdings in alkoholgeschwängertem Selbstmitleid suhlen kann, ziehe ich schnell einen Strohhalm aus dem Spielzeugeimer. Ich mache jetzt in Wellness und puste mir meinen eigenen Whirlpool! Blurpsblurpsblurps die kleinen Blasen machen lustige Geräusche. Ob ich es schaffe, die ganze Wanne vollzublubbern? Tief atme ich ein, den Strohhalm noch im Schaumberg, und ziehe eine ganze Ladung Seifenblasen in meine Luftröhre. Hörks! mache ich erschreckt und beginne augenblicklich zu husten. Durch den plötzlichen Wirbel sinken auf einen Schlag alle Badeenten und Wasser schwappt über den Rand. Glücklicherweise brauche ich mich nicht darüber zu ärgern, ich ersticke ja gerade. Was, wenn ich jetzt vor lauter Husten untergehe und ertrinke – benebelt wie ich bin setzen vermutlich alle lebenserhaltenden Reflexe aus? Nee!, denke ich und setze mich kerzengerade auf, das kommt nicht infrage, am Mittwoch hat Tchibo Bastelsachen! Ein wichtiger Termin für das Miniweh und mich.

Entschlossen verlasse ich die Badewanne und rubble mich trocken. Dabei kommt mir das letzte Posting in den Sinn und ich beginne mit Tiefenatmung, um meine Luftröhre wieder mit ihrer eigentlichen Aufgabe zu versöhnen. Ich klinge wie ein hyperventilierender Rollmops und muss prompt wieder kichern. Meine Güte, was bin ich heute komisch! Also Herr Weh kann wirklich richtig froh sein, dass er an so jemand Humorvollen wie mich geraten ist! Ich überlege kurz, ob ich ihm einen Überraschungsbesuch abstatten soll – schließlich hatte jede große Schlacht ihren Biwak! – fürchte aber, dass ich die furchtbar alte und furchtbar schmale Treppe in meinem Zustand vielleicht nicht mehr gut hoch, aber umso besser wieder runterkullern würde und entscheide mich dafür, im Bett auf ihn zu warten. Da wird er sich aber freuen, wenn er mich noch wach vorfindet. Jawoll, ich werde ihm von meiner Whirlpoolerfindung erzählen! Zufrieden steige ich ins Bett und lege den Strohhalm vorsichtig auf dem Nachtschränkchen ab. Na, der wird staunen! Ich könnte aber vielleicht doch schon mal das Licht löschen…?

Am nächsten Morgen erzählt mir Herr Weh, dass ihm zwar kein Lichtstrahl, wohl aber ein leichtes Schnarchen den Weg ins Bett gewiesen habe. Ich hätte eine kleine Fahne gehabt, ansonsten aber niedlich ausgesehen mit dem Strohhalm in der Hand und der gerunzelten Nase. Hach ja, so viel zum Thema Verführung mit Strohhalm…

Gedanken

Ich bin immer wieder verblüfft, wie schnell die Wochen vorbeiziehen. Obwohl oder gerade weil so vieles passiert. In den letzten Tagen aber immerhin nichts von größerem Drama. Die Wehwehchen erholen sich vom Kranksein und ich stelle Möbel um. Das hat bisher noch immer geholfen!

Für mich hat Möbelrücken ähnlich wie Kuchenbacken etwas durchaus Beruhigendes. Früher hätte ich dann bei der Gelegenheit direkt noch die ein oder andere Wand gestrichen, heute lasse ich das sein (vielleicht, weil Möwenkackegrau einfach DIE perfekte Farbe ist?) und bitte stattdessen Herrn Weh, mir beim schweren Küchenschrank zu helfen. Überhaupt, dieses um Hilfe Bitten… ein weiterer Schritt im Februarplan und hopps bin ich wieder auf Kurs. In den vergangenen Tagen habe ich mich im Absagen und Annehmen geübt. Könnt ihr das gut?

Ich drücke mich gerne um solche Dinge und hoffe, dass sie sich von alleine erledigen, was sie naturgemäß nicht tun. Aber da dieses Jahr ja alles einiges anders wird, habe ich mich aufgerafft und drei Abos gekündigt, außerdem einen neuen Ballettkurs ausfindig gemacht und für besser befunden. Nun werde ich der wirklich ganz reizenden Tanzlehrerin mitteilen, dass ich den Kurs wechseln werde, was mir schon Tage vorher ein kolossal schlechtes Gewissen beschert. Aber wie Herr Weh richtig sagt, kann ich nicht aus Mitleid als einziges Mitgleid einen ganzen Kurs finanzieren und so übungsintensiv eine Einzelstunde auch sein mag, ich wollte doch auch ein bisschen Spaß haben! Dass man in der Gruppe deutlich mehr davon hat, als einsam, alleine (und zunehmend irre) seine Kreise zu ziehen, weiß doch jeder, der mal Schwanensee oder wenigstens Natalie Portman im Black Swan gesehen hat.

Für meine Viertklässler läuft die Anmeldephase der weiterführenden Schulen. Es ist interessant zu sehen, wie viele Eltern sich tatsächlich an die Empfehlung halten (was sie in NRW nicht müssen) und welche Schüler deutlich im Arbeitsverhalten nachlassen, haben sie erstmal den Platz am Gymnasium sicher. Eine kleine Verschnaufpause gönne ich ihnen, zumal Karneval vor der Tür steht, danach lassen wir es ordentlich mit Grammatik krachen. Parallel dazu beginnen wir mit den Vorbereitungen für unsere Abschlussfeier. Eine Stunde buntes Bühnenprogramm steht an mit Pantomime, Zaubertricks, Liedern, einem „Das weiß doch jedes Kind!“-Quiz gegen die Eltern und etlichem mehr. Gute Ideen nehme ich gerne entgegen!

Es ist ein seltsames Gefühl den Abschied vorzubereiten; nicht nur den der Kinder, auch für mich steht vermutlich nach den Sommerferien der Wechsel an. Genaueres erfahre ich erst kurz vor Schuljahresende. Bis jetzt weiß ich noch nicht einmal, ob der Antrag überhaupt angenommen wurde. Natürlich gibt es die ein oder andere Wunschschule auf meiner Liste, aber ich versuche, mich davon zu lösen und jeden Wechsel als willkommen anzusehen. Letztendlich ist es ja so: Ein ganzes Stück weit hat man es selbst in der Hand, wie es wird. Und zumindest die harten Fakten sprechen für mich – jede Grundschule freut sich über Fachmusiker! Trotzdem bange ich natürlich zwischendurch auch. Wird es ländlich-beschaulich werden oder eher eine Brennpunktschule? Habe ich es mit Helikopter-Eltern oder mehr mit dem Jugendamt zu tun? Wird es einen Musikraum geben? Ein Klavier? Wenigstens ein Keyboard? Werde ich eine Klasse bekommen oder als Fachkraft verheizt? Wie wird die Schulleitung sein, wie das Kollegium? Einmal mit Grübeln angefangen, ist es schwer, sich wieder davon zu lösen. Aber glücklicherweise bietet der Schulalltag ja nicht zu viel Leerlauf, also stürze ich mich in die Planungen für meine Klasse, genieße das ruhige Arbeiten mit den Viertklässlern und denke bei jedem Zusammenstoß mit Frau Schmitz-H., dass unsere gemeinsamen Tage gezählt sind. Ja, das lässt mich lockerer werden.

 

 

 

Zwischenstand

Ich sitze im Warteraum der Autowerkstatt und beobachte durch die Scheibe den Ölwechsel meines Wagens. Auf dem Tisch vor mir steht eine Tasse Kaffee und dampft fröhlich vor sich hin. Ich puste hinein und bemerke halb belustigt, halb irritiert, dass der Dampf sich in Form eines Herzens verflüchtigt. Überall Liebe. Sogar das Klopapier auf der Lehrertoilette trägt derzeit Herzchen. (Angeblich duftet es auch nach Rosen, aber das kann ich nicht bestätigen.)

Was aber ist mit mir und meinem Vorhaben?

Wie vorausgesehen ist es alles andere als einfach. Vielleicht habe ich mir zu viel vorgenommen. Wer krempelt schon innerhalb eines Monats sein Familienleben um? Immer wieder bin ich gereizt und genervt, besonders mit dem größeren Wehwehchen. Längst ist das keine Mutter-Sohn-Sache mehr, die Pubertät hat ihre tentakelhaften Widrigkeiten ins Familienleben eingeschleust. Plötzlich gibt es Widerworte, Nullbockphasen und Schulterzucken. Ach ja, einen neuen Mitbewohner haben wir auch, das mir doch egal! ist eingezogen. Es ist ein wenig wie bei Hase und Igel; wann immer ich einen Raum betrete, das mir doch egal! ist schon dort und hat wahlweise seinen Teller stehen gelassen, seine Wäsche vergessen oder seinen Ranzen auf den Boden geschleudert. Freunde hat es übrigens auch. Das ich hab keinen Hunger! beispielsweise sitzt regelmäßig übellaunig mit am Tisch und hat das heute mach ich keine Hausaufgaben! mitgebracht.

Das wäre ja vielleicht mit Humor noch zu ertragen, wenn da nicht noch mein eigenes Problem wäre: Ich komme schlecht aus meiner Lehrerrolle heraus. Es ist wie ein enges Kostümchen, in das ich mich morgens hineinschlängele, das aber spätestens nach dem Mittagessen spack auf den Hüften sitzt und mich (aber vor allem meine Familie) nicht mehr gut atmen lässt. Eine Brille, die ich vergesse abzulegen und die mich zwingt, meine Kinder mit Lehrerinnenblick anzusehen, wo eigentlich Verständnis, wenigstens aber ein freundlicher Rüffel angebracht wäre. Stattdessen takte ich den Tag durch, um eine Lücke zu finden, in die eine Extraportion Vokabeln, Grammatik, wasauchimmer hineingestopft werden könnte. Zu meiner Verteidigung muss ich anbringen, dass Schule nicht mehr so ist, wie früher. Ist das ein G8-Problem? Häufig kommt das Wehwehchen nach Hause und bringt Inhalte mit, die in der Schule lediglich angerissen, aber nicht vertieft wurden. Bitte gehen Sie das mit Ihrem Kind noch einmal in Ruhe durch und unterstützen sie es! Schreibt die Klassenlehrerin in einer E-Mail. Was aber ist mit Eltern, die sich weder zeitlich, noch intellektuell in der Lage sehen, die Schulbildung ihrer Kinder mit Kenntnissen in lateinischer Grammatik, Algebra oder der Verdauung der Kuh zu unterfüttern? Nicht jeder ist in der komfortablen Lage, sein Kind so zu begleiten. Gehen die dann einfach unter?

Kopfschüttelnd nehme ich einen Schluck Kaffee und lasse meinen Blick durch den Wartebereich schweifen. Die Kaffeemaschine blubbert beruhigend, als wolle sie mir zuraunen, mich endlich zu entspannen.

Will ich ja auch wirklich, mich entspannen. Aber oft genug macht mir die Schule Sorgen. Lustig eigentlich, nicht wahr? Wo ich doch zumindest ansatzweise vom Fach bin. Aber es scheint, als wäre das Gymnasium ein ganz anderer Kosmos, zumindest die Verantwortlichkeiten sind klar: Eltern, ran an die Arbeit! Ich rechne kurz durch und stelle fest, dass wenn das Wehwehchen Abi machen sollte und ich mein Verhalten nicht ändere, wenigstens einer von uns beiden zwangsläufig bis dahin irre werden wird.

Bevor ich mich in weiteren düsteren Prognosen ergehen kann, bringt mir der freundliche Monteur sowohl die Autoschlüssel als auch die frohe Kunde, ich hätte die nächsten 20.000 Kilometer Ruhe. „Oh, das wäre wirklich wunderbar!“, strahle ich ihn an. Die Aussicht 20.000 Kilometer lang nur Ruhe zu haben, hat etwas extrem Tröstliches! Wie weit käme ich, wenn ich jetzt einsteigen und einfach immer weiter fahren würde? Hätten wir dann wohl schon Abitur?

Ich winke dem verdutzten Monteur fröhlich zu, als ich vom Hof fahre. Heute machen wir keine Vokabeln mehr, beschließe ich, heute spielen wir Tischtennis!

Ölziehen mal anders…

Als ich an diesem Morgen das Auto starte, setze ich damit eine wahre Lichtorgel im Armaturenbrett in Gang, was mich augenblicklich in Panik versetzt. Nein, ich kokettiere nicht, wenn ich sage, dass ich mein Auto lediglich fahren und betanken kann. Alles, was darüber hinausgeht (das Einparken in enge Lücken beispielsweise oder der Besuch einer Waschstraße), ist mir fremd und erfüllt mich mit großer Skepsis. Wie auf Automatik geschaltet läuft daher ungefähr folgendes Zwiegespräch in meinem Inneren ab:

Aber bis zur Schule komme ich doch noch!

Und was ist, wenn nicht?

Dann rufe ich den ADAC!

Du hast dein Handy nicht aufgeladen!

Scheiße!

Aber voll!

Den Blick ständig auf die grell strahlende Serviceleuchte gerichtet, fahre ich zur Schule, ein wenig verwundert, dass der Wagen schnurrt wie ein Kätzchen und sich auch sonst nichts anders anfühlt. Auf dem Parkplatz angekommen, krame ich sofort das Handbuch aus dem Handschuhfach hervor. Nach einer ganzen Weile, in der ich beeindruckt lerne, dass ich einen Bediensatelliten an meinem Lenker habe, der fast alles kann außer Kaffeekochen, stelle ich fest, dass es dem Auto wohl seit Längerem an Öl mangelt und ich es nun (wohl wegen meiner Weigerung diesen Mangel wahrzunehmen) auf dem Gewissen habe. Laut wild blinkender Anzeige kann hier nur noch der Fachmann rettend einwirken. Ich muss in die Werkstatt! Sofort!

Notdürftig konzentriere ich mich die nächsten Stunden auf meinen Unterricht, im Hinterkopf mit Tagen und Zeiten jonglierend, wann ich denn wohl einen Werkstattbesuch unterbringen könnte und wie ich dies organisatorisch zwischen Kinderturn-, Schwimm- und anderen Terminen bewerkstellige. Mit der schweren Erkenntnis, dass ich diese Woche  wirklich keine Zeit dafür habe, fahre ich auf dem Rückweg an der Tankstelle vorbei, bereit, den gesamten Vorrat aufzukaufen und reinzuschütten, wo er eben reingeschüttet werden muss. Nach einer Weile bekomme ich sogar die Motorhaube auf, scheitere aber am Öldeckel. (Zumindest glaube ich, dass es der Öldeckel ist, ganz sicher bin ich mir nicht.) Leider kann mir auch die freundliche Frau an der Kasse nicht weiterhelfen, immerhin gibt sie mir den Hinweis, dass nicht jeder Motor jedes Öl verträgt. Ich ringe um Fassung.

Gerade als ich überlege, ob es wohl hilft, sich traurig auf den Rinnstein zu setzen, taucht neben mir die Mutter zweier ehemaliger Schüler auf, mit der ich aufgrund des lebhaften Temperaments ihrer Zwillinge in der Vergangenheit viel Zeit verbracht habe. „Frau Weh!“, ruft sie entzückt, „Was machen Sie denn da unten?“

Ich klage ihr mein Leid mit den blinkenden Lampen, dem klemmenden Deckel und frage aus der Not heraus, ob sie sich mit Öl auskennen würde.

„Klar“, grinst sie, „ich arbeite doch in der Autowerkstatt! Zwar in der Buchhaltung, aber schauen wir mal. Wir machen da auch Pannenkurse extra für Frauen!“

Halleluja!

Sachkundig pflückt sie sich eins von diesen dünnen grauen Papiertüchern an der Zapfsäule ab, von denen ich nie weiß, wofür sie sind, und kontrolliert routiniert den Ölstand. Ich bin hingerissen. „Da ist aber noch genug drin.“, bemerkt sie und hält mir das Stäbchen unter die Nase. Ich sehe, dass ich nichts sehe, und äußere ein unbestimmtes Joh-mmff? Sie wiederholt den Versuch mit dem gleichen Ergebnis. Öl scheint also drin zu sein. Was also will die Karre von mir? „Na, machen wir es doch so“, meint meine Retterin und zückt ihr Handy. „Sie fahren doch sowieso in die Richtung. Ah, hallo, Günay, hier ist die Gabi. In 5 Minuten kommt die Frau Weh vorbei, die hat da was am Öl. Könnter ma gucken und seid bloß nett zu der! Wenn nich, dann gibbet morgen Haue! Jo, tschüss dann!“ Sie beendet das Telefont und strahlt mich an. „Alles klar, die warten auf Sie. Jetzt machen Sie sich ma keine Sorgen, dat wird schon!“ Sie klopft mir aufmunternd auf den Arm. Ich danke ihr und bestelle Grüße.

Fünf Minuten später fahre ich auf den Hof der Autowerkstatt und werde schon von einem freundlichen Monteur erwartet, der mir nach einem kurzen Blick unter die Motorhaube und aufs Armaturenbrett mitteilt, dass ich einen Ölwechsel machen müsste.

„Jetzt sofort?“, schon flackert wieder Panik bei mir auf.

„Nee, Sie können in aller Ruhe nach Hause fahren. Sieht dramatischer aus, als es ist. Die Jungs in der Entwicklung machen sich da immer einen Scherz draus und lassen alles leuchten, was geht.“

Ich bin erleichtert und lasse mich willig von dem netten Menschen an seinen Schreibtisch führen. Wir machen einen Termin aus und einigen uns darauf, dass ich das Auto morgens vor der Schule abstelle und mittags fertig wieder abholen kann. Keine Minute später bin ich wieder draußen. „Tschüss. Und sagen Sie der Gabi, ich hätte mir Mühe gegeben!“, lacht der Monteur.
Ich nicke ihm lächelnd zu und bin furchtbar dankbar über den Verlauf der ganzen Sache. Als ich nach Hause fahre, ignoriere ich die Lightshow unterm Lenker und nehme mir vor, unbedingt alsbald einen Pannenkurs für Frauen zu buchen.

Gespräch, Teil 2

Die Chefin schließt die Türe hinter mir und weist auf einen Stuhl. Im gleichen Moment taucht eine Erinnerung in meinem Kopf auf: Ich muss fünf oder sechs Jahre gewesen sein, als ich den ersten von vielen folgenden öffentlichen Auftritten hatte. Der Bürgermeister lud zum Empfang und ich umklammerte tapfer meine Blockflöte. Ob ich wegen des zweifelsohne vorhandenen Talentes oder einfach nur der niedlichen Zöpfe wegen auf die Bühne durfte, kann ich rückblickend nicht mehr beantworten. Meine Blockflötenlehrerin – wie immer stylisch in Leopardenleggings, es waren die 80er – bemerkte meine Nervosität, beugte sich zu mir herunter und raunte „Kopf nach oben, Blick geradeaus und lächeln, lächeln, lächeln!“. Dann schubste sie mich auf das Podest. An das Vorspiel selber habe ich keine Erinnerung mehr. Seltsam, dass mir das gerade jetzt einfällt, aber ich straffe automatisch die Schultern und hebe den Blick. „Was ist der Gesprächsanlass?“, frage ich und schaue der Chefin in die Augen.

„Ich hatte eine Unterhaltung mit Frau Tipps.“, erwidert die Chefin kühl. „Darin teilte sie mir mit, du hättest ein Problem mit deinem Team und dies sei ausschlaggebend für deinen Versetzungsantrag?“

„Wenn du mit meinem Team Frau Schmitz-Hahnenkamp und mich meinst, dann habe ich kein Problem. Es existiert nämlich nicht. Weder ein Team, noch ein Problem.“ Ich zucke die Achseln. Die Chefin schaut missbilligend und räuspert sich. Beides kann sie sehr überzeugend. Sie möchte die Gründe dargelegt bekommen. Ich habe das Bedürfnis etwas weiter auszuholen.

„Wir arbeiten jetzt seit mehr als 10 Jahren zusammen. Du kennst mich als engagierte und vor allem loyale Kollegin. Ich habe nie zu denen gehört, die alles abgenickt und hinter deinem Rücken zerrissen haben. Im Gegenteil habe ich Schwierigkeiten immer direkt angesprochen und nach geeigneten Lösungen gesucht.“

Die Chefin nickt und bestätigt dies.

„Auch als Lehrerrat habe ich mich, egal wie verfahren sich eine Situation dargestellt hat, immer um eine objektive Sicht und vor allem um eine gute Gesprächskultur bemüht.“ Obwohl ich das Gefühl habe, mich wie eine Milchkuh anzupreisen, fahre ich fort. „Kommunikationsprozesse, ja, auch schwierige, liegen mir und ich habe eine gute Menschenkenntnis. Ich bin in hohem Maße teamfähig und arbeite gerne mit den Kolleginnen zusammen.“

Der Chefin wird es langsam unbehaglich ob meines Redeschwalls. Sie lenkt ein: „Ja, das weiß ich doch und dafür schätze ich dich sehr!“

„Es liegt mir fern, negativ über eine Kollegin zu reden, die nicht anwesend ist. Ich werde das auch in diesem Falle nicht tun und hätte dieses Gespräch von mir aus nicht gesucht. Die Gründe für meinen Versetzungsantrag kennst du. Wir haben darüber gesprochen, dass ich aus familiären Gründen wohnortnah versetzt werden möchte und dass es an der Zeit für neue Erfahrungen und ein neues Schulumfeld ist. Tatsächlich – und auch das weißt du – trage ich den Gedanken an eine Versetzung schon ein paar Jahre mit mir herum.“

Auch an dieser Stelle nickt die Chefin wieder, möchte aber jetzt konkret wissen, ob es einen Zusammenhang zwischen der Teamkonstellation und meiner Entscheidung gebe. Ich wähle meine Worte mit Bedacht.

„Ich habe in den letzten 1,5 Jahren viel gelernt. Über mich, über dynamische Prozesse und über die Schwierigkeit menschlicher Kommunikation. Vielleicht habe ich sogar“, überlege ich, „in den letzten Jahren mehr darüber gelernt, als in den ganzen Jahren zuvor. Ganz sicher bin ich mir aber darin, dass ich mehr darüber erfahren habe, als ich je wollte. Und darin“, jetzt kann ich mir ein Grinsen nicht verkneifen, „dass die letzten Jahre auch für Frau Schmitz-Hahnenkamp nicht ganz so wie erwartet verliefen. Das werte ich durchaus positiv im Sinne der Schulentwicklung.“

Auch die Chefin kann ein Schmunzeln nicht verbergen. „Eigentlich“, räumt sie ein, „wollte ich dich nur fragen, ob es ein Problem gibt, bei dem ich dich unterstützen kann. Aber ich sehe, dass du die Situation gut im Griff hast.“ Sie entlässt mich seufzend. „Und danke für die überzeugende Darstellung deiner verbalen Fähigkeiten. Jetzt weiß ich wieder, warum ich dich so überaus ungerne gehen lasse.“

 

 

Gespräch, Teil 1

„Oh, Frau Weh, es tut mir so leid, ich habe Mist gebaut!“

Die weltbeste Sekretärin steht zerknirscht vor mir und schüttelt den Kopf. Sie hatte eine Auseinandersetzung mit der Chefin, was selten vorkommt, weil sie nicht von ungefähr die weltbeste Sekretärin ist. Aber manchmal reißt auch dem geduldigsten Herzstück der Schule der Geduldsfaden.

„Nachdem die Chefin Frau Schmitz-Hahnenkamp wieder über den grünen Klee gelobt hat, weil sie so schön im Lehrerzimmer den Tisch gewischt hat, hat sie mich tatsächlich gefragt, ob ich eine Ahnung hätte, warum die Kolleginnen derzeit mal wieder das Messer auf die werte Kollegin geschliffen haben. Da habe ich sie mal gefragt, ob sie nicht langsam Gefahr läuft, auf der gezielt ausgelegten Schleimspur auszurutschen.“

Ich staune die weltbeste Sekretärin mit offenem Mund an. Was für Töne!

„Ist doch wahr! Immer diese scheinheiligen Nettigkeiten, aber grundsätzlich mit Vorbehalt. Denn weißt du“, und nun regt sie sich so auf, dass sie ihren komfortablen Bürostuhl (auf dessen Besitz ich immer ein wenig neidisch bin) verlässt und im Büro auf- und abgeht, „im gleichen Atemzug, mit dem sie geflötet hat, wie gerne sie sich doch um das Lehrerzimmer kümmert, hat sie einfließen lassen, dass sich ja eigentlich Frau Mandel darum kümmern wollte. Immer dieses Hintenrum! Ehrlich, das geht gar nicht!“

Ich denke an all die missglückten Gespräche, die ich mit Frau Schmitz-Hahnenkamp geführt und nach denen ich mich mies gefühlt habe. An die vielen Male, die sie mir scheinbar einen Gefallen getan hatte, nur um dann hintenrum der Chefin mitzuteilen, wie überlastet ich sei. Halbe Infos, die sie zu unpassendem Zeitpunkt an die Eltern ausgegeben hat, um sich selbst in ein besseres Licht zu setzen. Gemeinsame Absprachen, die nicht eingehalten oder Klassenarbeiten, die plötzlich nach anderen Maßstäben korrigiert wurden. Hmm. Es stimmt, bei allem, was sie tut und sei es noch so freundlich gemeint, bleibt ein Geschmäckle.

„Und dann habe ich dich mit ins Gespräch gebracht. Ehrlich, es tut mir so leid!“

Noch immer weiß ich nicht, warum die weltbeste Sekretärin so geknickt ist und schaue sie abwartend an.

„Ich habe die Chefin gefragt, ob sie sich eigentlich mal überlegt hat, warum du wohl gerade jetzt die Schule wechseln willst.“

Upps. Ich schnappe nach Luft. „Das ist natürlich unschön.“ Ich nehme mir ein Stück Schokolade, die vermutlich nicht fit macht, aber hoffentlich ein wenig das flaue Gefühl vertreiben wird, das sich in meiner Magengrube ausbreitet.

„Ich weiß…“ Meine Gesprächspartnerin lässt sich geknickt auf den Stuhl fallen und seufzt. „Ich wollte dich nur informieren, damit du nicht aus allen Wolken fällst, falls die Chefin etwas sagt.“

„Ok.“ Ich nicke ihr zu. „Danke.“

Ich habe den Schultag fast geschafft, als ich der Chefin auf dem Flur begegne. „Kommst du bitte mal herein?“, fragt sie und hält mir die Tür auf. Ich nicke und atme noch einmal tief durch.

 

 

Es gibt so Tage…

Dass der Wurm drin ist, merken das Miniweh und ich, als wir pünktlich um 7.00 Uhr vor der Kindergartentüre stehen.

Verschlossen.

Zunächst bin ich irritiert, dann erleichtert, als ein paar Minuten später eine Erzieherin außer Atem die Türe mit den Worten „Der Frühdienst ist krank“ aufschließt. Das Miniweh drückt sich an mich und will meine Hand nicht loslassen. Ermutigend rede ich auf es ein und schaffe es zur Garderobe. „Ich muss Pipi!“ Ich schwitze in meiner dicken Jacke. Trotzdem sich das Miniweh vorbildlich und schnell umziehen lässt, in Rekordzeit ein mittelgroßes Geschäft erledigt und mir drei satte Schmatzer aufdrückt, fehlen mir beim Verlassen des Kindergartens sechs Minuten. Es sind diese sechs Minuten, die mich zwischen zwei Müllautos katapultieren, denen ich sonst entkommen wäre. Aus sechs Minuten werden neun, eine Baustellenampel (war die gestern auch schon da?) tut ihr übriges. Die restliche Fart trommle ich mit den Fingern aufs Lenkrad, der Blick geht immer wieder gehetzt zur Uhr. Endlich auf dem Lehrerparkplatz angekommen trete ich in einen Hundehaufen. Scheiße, denke ich. Wie passend.

Fluchend versuche ich den Schuh am spärlichen Grasbewuchs des Randstreifens zu reinigen.

„Wir fangen pünktlich an!“, zischt die Konrektorin, als ich das Lehrerzimmer 10 Minuten zu spät zur Dienstbesprechung betrete. „Was stinkt hier denn so?“

„Ach“, entgegne ich, „das muss wohl die schlechte Vereinbarkeit von Familie und Beruf sein.“ Ich lasse mich matt auf meinen Platz sinken. Die nächsten Stunden verfliegen. Die Kinder sind unausgeglichen und motzig – es war doch gerade erst Vollmond? Nach meinem Unterricht scheuche ich die Viertklässler auf den Schulhof, um die Klasse abzuschließen, als mir die Konrektorin entgegenkommt, meine Zeugnisse in der Hand. „Die musst du wohl nochmal machen, da ist dir immer eine Zeile verrutscht.“, sie weist auf die entsprechende Linie und lächelt süffisant, „Hast du was am Formular geändert?“

Ich habe keine Zeit für unnötige Diskussionen, das Miniweh muss abgeholt werden. „Ok“, antworte ich daher nur knapp, den Hals zugeschnürt, und greife nach dem Packen, „dann werde ich die mal schreddern.“ Ich lasse die Kollegin stehen, die mir noch irgendetwas hinterherruft – vermutlich hat es mit der medialen Unfähigkeit unseres Kollegiums zu tun. Ich würde mich ja ärgern, aber mir fehlt gerade die Kraft dazu. Es ist jedes Jahr das Gleiche. Irgendwas passiert immer mit den Zeugnisformularen. Vielleicht ist es wirklich meine Unfähigkeit, eine Vorlage auszufüllen, auf einen Stick zu packen und auszudrucken. Wer weiß das schon so genau? Seltsam allerdings, dass es auch den anderen Kolleginnen so geht.

Ich komme noch pünktlich in den Kindergarten, wo mir das Miniweh beglückt in die Arme segelt. Ich drücke es fest. Runterschlucken, denke ich, abhaken und fertig! Das Mittagessen will gekocht, der Spielplatz besucht und die Vokabeln mit dem anderen Wehwehchen geübt werden. Hak es einfach ab, Frau Weh!

Jetzt sitze ich am Schreibtisch und stelle fest, dass es sich mitnichten nur um eine läppische verrutschte Zeile handelt, was durch einen simplen Klick behoben werden könnte. Das komplette Formular ist aus den Angeln gehoben. Neu schreiben. Alle. Bis morgen.

EDIT:

Problem analysiert: Die Vorlage ist in Textmaker erstellt, mein Word ziert sich vonwegen Kompabilität. Nachdem ich nun eine Weile stumme Zwiesprache mit meinem Rechner gehalten (und zwischendurch dem größeren Wehwehchen eine Wärmflasche gemacht habe, was auf eine unruhige Nacht hinweisen könnte), habe ich nun beschlossen, zum ALLERERSTEN MAL meine Zeugnisse nicht pünktlich abzugeben, sondern mich stattdessen ganz entspannt am Wochenende noch einmal dransetzen werde. Heureka! Manchmal mache ich mir selber Angst! :mrgreen: