Freio!

„Frau Weh, Frau Weh, kommen Sie schnell! Da stehen zwei Onkel vom Ercan auffem Schulhof, die wollen den Sinan verprügeln!“

Eine ganze Horde Schüler stürmt zu Beginn der großen Pause in meinen Klassenraum zurück, in dem ich gerade in einen kleinen, persönlichen Kampf mit dem Smartboard verwickelt bin, den ich eigentlich gerne ohne weitere Zeugen austragen wollte.

„Hier verprügelt keiner irgendjemanden!“, antworte ich, werfe der unfolgsamen Tafel einen letzen angesäuerten Blick zu und schreite energischen Schrittes Richtung Schulhof. Die Querelen zwischen Sinan und Ercan habe ich sowas von satt. Erst hat der eine dies, dann hat der andere das und so weiter und so fort. Tatsächlich gehören beide Jungen nicht gerade zur Sorte der sozialverträglichen Hellköpfe, allerdings hat Viertklässler Sinan einen deutlichen körperlichen Vorteil dem zwei Jahre Jüngeren gegenüber – er wiegt mindestens 20 Kilo mehr und überragt den Zweitklässler um Haupteslänge. Insofern war es eigentlich nur eine Frage der Zeit bis sich Ercan Familienhilfe dazuholen würde. Trotzdem pffffft! die Onkel auffem Schulhof glaube ich erst, wenn ich sie sehe.

Ich betrete den Schulhof und umrunde die kahle Kastanie, immer noch forsch unterwegs. Und da stehen sie, die Onkel… o—ha! Mein Schritt verlangsamt sich minimal, als ich die beiden Kanten sehe. Groß. Breit. Finsterer Blick. Ich schlucke unmerklich, straffe die Schultern und hebe das Kinn – jetzt dürfte ich mich ungefähr auf Bauchnabelhöhe befinden. Deeskalation, Frau Weh, Deeskalation!, raunt mir mein verschrecktes Unterbewusstsein noch zu, bevor es sich mit Bauchgrummeln in die (hoffentlich) sicheren Eingeweide verzieht. Scheiße, was für Anabolikapakete! Zuverlässig schütten meine Nebennieren Adrenalin aus und lassen meinen Puls in die Höhe schnellen. Doofer Sinan, dass er mich in eine solche Situation bringt. Sollen sie doch ihm eine kleben, besser als mir! Warum ist der überhaupt in meiner Klasse? Und Ercan, so eine Pfeife, kann der sich nicht einfach mal von den Viertklässlern fernhalten? Nee, nee, immer mit den großen Hunden pinkeln wollen, aber das Bein nicht heben! Solche und weitere Gedanken durchströmen mein Hirn wie eine Horde aufgescheuchter Hühner. Doch mir ist klar, dass mich mindestens 12 Augenpaare atemlos beobachten (und vermutlich bereits Wetten abschließen), also muss ich weiter.

Noch ein paar Schritte, kurzes bewusstes Ausatmen, ich bin da.

„Hallo, guten Tag, ich bin Frau Weh, kann ich helfen?“. Zwar strahle ich die beiden Titanen an, lasse aber in puncto Körperhaltung, Blick und Stimme keinen Zweifel daran, dass ich hier der Chef im Ring bin. (Zwischen Mut und Wahnwitz liegt ja bekanntlich nur eine Haaresbreite…)

„Äh ja…“, stottert der erste Onkel, sichtlich irritiert darüber, dass ihn ein weibliches Wesen so resolut unter der Gürtellinie angeht – viel höher reiche ich nämlich nicht.

„Öhm…“, meldet sich jetzt auch Onkel Nummer 2 zu Wort, das Hemd spannt ihm auf der breiten Brust.

„Mir ist zu Ohren gekommen, Sie hätten da etwas mit einem Kind meiner Klasse zu besprechen.“ Ich betone das Wort Kind besonders, was Sinan mindestens drei Kleidergrößen schrumpfen und zu einem schutzbedürftigen Knaben werden lässt. „Äh ja, wir wollen ma mit dem Sinan sprechen, dass der nich immer auffen Ercan losgeht. Können wir ma rüber?“, Onkel Nummer 1 nickt in Richtung meiner Klasse, die sich hin- und hergerissen zwischen Schaulust und Furchtsamkeit langsam näher pirscht, Sinan – siehe da! – in der Mitte (ich bin gerührt. Wer hätte das noch vor einem Jahr gedacht?).

„Nein“, lache ich amüsiert auf, „ganz sicher nicht!“ Ich gehe einen Schritt auf die Onkel zu, bewusst den Tanzabstand unterschreitend und dränge sie so Zentimeter für Zentimeter zum Schultor zurück. „Aber ich kümmere mich natürlich gerne darum, dass sich die beiden Jungen mal in Ruhe aussprechen.“ Die beiden Männer werfen sich unsichere Blicke zu; das hier läuft ganz offensichtlich nicht wie geplant. Ich rücke noch etwas näher und sie stehen vor dem Schultor. „Wissen Sie“, sage ich in versöhnlichem Ton, „ich kann Sie ja gut verstehen, Sie machen sich ja nur Sorgen um Ihren Neffen. Der allerdings“ und hier wird meine Stimme wieder strenger, „erst letzte Woche auf Sinans Jacke gespuckt hat.“ Das ist ihnen jetzt peinlich und beide Onkel räumen ein, dass Ercan ja ein richtiger Junge und manchmal ein ganz schöner Racker sein kann. „Haha“, wir lachen gemeinsam über den lebenslustigen kleinen Kerl. Am Ende des Gesprächs, das noch eine ganze Weile dauert, bedanken sich die beiden Männer bei mir für das Verständnis und das tolle Gespräch („Mann, hätt ich ma so Lehrer gehabt!“) und natürlich gehen sie jetzt und warten nicht auf Schulschluss, sollen die Jungs das man ruhig unter sich regeln, ne? Tschüss, Frau Weh, klasse Sache!

Als ich das Schultor hinter den beiden schließe und mich dem munteren Treiben auf dem Schulhof zuwende, bemerke ich, dass meine Beine leicht zittern. Boah, was für eine Begegnung. Doch nun fluten bereits die Endorphine meinen Körper, ich gehe, ach Quatsch, ich schwebe 3 Meter über dem Boden, be a hero, be a teacher! Da begegne ich Sinan und lande wieder auf dem (harten!) Boden der Realität. „Du!“, pflaume ich ihn an, den ausgestreckten Zeigefinger nur wenige Millimeter von seiner blassen Nase entfernt, „Das war das erste und das letzte Mal, dass ich mich da einmische! Benimm dich gefälligst und lass Ercan in Frieden! Ich bin doch nicht dein Freio!

 

 

 

Wahlkampf

„Wählt mich und ich verspreche euch die tollste Klassenfahrtsfete, die ihr je erlebt habt!“ Der Sprecher sonnt sich im Applaus der Viertklässler und ignoriert die vereinzelten Buhrufe aus dem Publikum geflissentlich.

Wir befinden uns mitten im Wahlkampf. (Und es ist ein Kampf!) Die Bewerbungsphase ist abgeschlossen. Seit knapp einer Woche hängen die Wahlplakate der potentiellen Klassensprecher. Teilweise äußerst professionell gestaltet, da war wohl der ein oder andere Papa mit Photoshop am Werk. Auf mich könnt ihr immer zählen, nicht nur in Mathe!!! kann man da lesen, oder auch Ich bin zuverlässig, ehrlich und gut in Basketball! Wählt mich zu eurem Klassensprecher! Dann noch ein Foto in Politikerpose, die Hände zum Gruß erhoben. Da geht was!

Haben wir im dritten Schuljahr noch profan über die wünschenswerten Eigenschaften desjenigen gesprochen, der das wichtige Amt übernehmen soll, so darf in diesem Schuljahr kräftig die Eigenwerbetrommel gerührt werden. Es ist hochspannend und interessant, wie die einzelnen Kinder sich und ihre Wirkung auf die Mitschüler einschätzen, welche Wortwahl sie treffen und auch welche Versprechungen sie machen. Politisch? Auch das.

Da wollen Deals ausgehandelt, Überzeugungen an Mann und Maus gebracht werden – zumindest an Selbstbewusstsein mangelt es den Anwärtern nicht! Aber es wird auch bemerkt, wie schmal der Grat zwischen Versprechung, Abmachung und Erpressung ist. Wer hat die besseren Argumente und wer setzt vielleicht stattdessen die potentiellem Wähler mit purem „Wenn…dann!“ unter Druck? Ich bin Beobachter in dieser spannenden Phase und ich beobachte mit zunehmender Freude.

Es ist ein gutes Gefühl, zu sehen, dass die Bemühungen des letzten Jahres Früchte tragen. „Man erntet, was man sät“, nickt Frau Abendroth, als ich hingerissen von der Gruppendynamik berichte. Ja, sie machen mir Freude, die Viertklässler. Aber was war das auch für eine Arbeit: Gesprächsregeln etablieren, Ich-Botschaften anwenden lernen, Klassenrat halten. Immer wieder von Neuem abbrechen, wo Eskalationen drohten, gebetsmühlenartig auf den angemessenen Umgang miteinander hinweisen. Soziales Lernen, wann und wo immer es ging. Und nun, auf einmal: Demokratie! Hammer!

„Oh Gott, bitte, lass mich hier heil rauskommen, ich muss doch meine Kinder heute Abend ins Bett bringen!“

Es sind genau diese Worte, die mir durch den Kopf schießen, als es explosionsartig knallt, der LKW vor mir ausschert und meine Spur bei Tempo 100 schneidet. Hundertstelsekunden dehnen sich aus und werden zur qualvollen Ewigkeit, während mir der Schreck das Adrenalin durch den Körper peitscht und ich mich reflexartig nach allen Seiten umdrehe, um die Lücke im Verkehr zu finden, durch die ich dem schlingernden Koloss vor mir ausweichen kann.

Schneidend durchfährt mich die Gewissheit: Ich kann heute nicht sterben. Noch nicht. Nicht heute! Mir ist völlig klar, dass sich die Welt auch ohne mich weiterdrehen würde. Natürlich; wer wäre so egozentrisch, das Gegenteil zu glauben? Furcht vor dem Tod habe ich nicht, es sind meine Kinder, um die ich Angst hätte, würde ihnen die Mutter genommen. Wenn ich den Wehwehchen morgens beim Abschied ein Kreuz auf die Stirn zeichne, so ist es nicht nur ihr Schutz, um den ich dabei bitte. Immer ist es auch die eigene gesunde Heimkehr, die in diesem Ritual als stumme Bitte ihren Ausdruck findet.

Ich suche die Lücke und finde sie. Sekunden später bin ich am LKW vorbei und merke, wie sehr ich unter Strom stehe. Die restliche Fahrt umklammere ich das Lenkrad, Schweiß auf der Stirn. Ich fahre langsam und versuche mein Zittern unter Kontrolle zu bringen. Später wird in der Zeitung stehen, dass auf der A1 ein Reifen geplatzt ist, der Fahrer des LKW hervorragend reagiert hat und so ein Unfall vermieden werden konnte. Mir werden Tränen in den Augen stehen, wenn ich die Meldung am nächsten Tag lese.

Als ich auf dem Schulparkplatz ankomme, bleibe ich noch einen Moment im Auto sitzen. Danke, flüstere ich. Danke, danke, danke. Ein Erstklässler bleibt interessiert neben dem Auto stehen und wartet bis ich ausgestiegen bin. „Du bist aber spät heute!“, sagt er. „Ja. Aber ich bin hier.“

„Das ist die Hauptsache“, antwortet er fröhlich und läuft auf den Schulhof.

an apple a day oder: Was ist guter Unterricht?

Frau Schmitz-Hahnenkamp stellt mich auf dem Weg zur Aufsicht.

In Gedanken bin ich noch beim gestrigen Unterrichtsbesuch meiner Referendarin, daher bemerke ich meine Kollegin erst im letzten Moment. Deckung suchen zwecklos. (Ich werde unaufmerksam. Tatsächlich beschäftigt mich die Erinnerung an das Nachgespräch ziemlich. Forderte mich die Fachleiterin doch freundlich, aber auch sehr bestimmt auf, die vorangegangene Stunde anhand eines Rasters verschiedener Handlungsfelder einzuordnen und zu begründen. Seltsam, als ich Referendarin war, musste ich mich selber im Gespräch erklären, da war nie die Rede davon, dass meine Mentorin wie Jeanne d’Arc hervorspringt oder gar schützende Erklärungen vor ihrem Mündel aufbaut. Tja, tempora mutantur, nos et mutamur in illis*.)

Nun aber Frau Schmitz-Hahnenkamp. Dass meine Klasse erneut ihren unbändigen Zorn hervorgerufen hat, war mir klar, als ich heute morgen einen Blick auf meine Schreibtischplatte warf. Was der bösen Hexe des Ostens die roten Schuhe, ist Frau Schmitz-Hahnenkamp das Post-it: rote, gelbe, sogar ein grünes war dabei. Darauf der übliche Beschwerdecocktail: ungemachte Hausaufgaben, verschwundene Arbeitsblätter und freches Klientel. Alles in meiner Klasse! Bevor sie jedoch ihren Monolog über meine pädagogischen Unfähigkeiten und deren Auswirkungen auf die Viertklässler beginnen kann, schneide ich ihr das Wort ab:

„Frau Schmitz-Hahnenkamp, ich denke, es wird Zeit: Du solltest dich unbedingt einmal aufmerksam mit den 10 Merkmalen guten Unterrichts befassen.“

Ihr Blick wechselt von empört zu unfassbar empört. Schon holt sie Luft und lässt eine ganze Salve auf mich nieder. Was ich mir denke, was ich da sage, sie träfe gar keine Schuld, das sei schließlich meine Klasse, sie fühle sich nur mitverantwortlich und wolle mir helfen, aber sie merke schon, das sei vergebliche Liebesmüh, ich wäre ein schwieriger Charakter und sie wolle nur nett sein, mich informieren über die katastrophalen Zustände, aber so etwas wäre ihr noch nicht passiert, guter Unterricht, pah! natürlich gäbe sie sehr guten Unterricht!

Ich ziehe einen Apfel aus der Tasche und beiße genüsslich hinein. Endlich ist sie fertig und schaut mich pikiert an – möglicherweise, weil es mir nur unzureichend gelingt, mein Grinsen zu verbergen. Aber was soll ich auch tun? Die Kollegin geht ab wie Schmitz Katze! Als sich bereits eine interessierte Schar kleiner Menschen um uns versammelt hat (was tun die da? Schließen die etwa Wetten ab?), sehe ich mich genötigt die Situation aufzuklären:“Das ist wirklich ganz furchtbar spannend, was du da sagst, aber ich weiß gar nicht, wovon du redest!? Eigentlich wollte ich dir nur mitteilen, dass sich die OVP** geändert hat und du darauf gefasst sein musst, dass du nach dem Unterrichtsbesuch von Frau Kahle um eine Stellungnahme gebeten wirst. Die Fachleiterin wird Karten mit Handlungsfeldern, Kompetenzen und Standards auf den Tisch legen. Da kommen ein paar Kernpunkte von Hilbert Meyer ganz gut an. Ich wurde davon gestern ziemlich überrascht, also dachte ich, ich sag dir das netterweise vorher. Von einer Kritik an deinem Unterrichtsstil“, und nun schüttle ich verwundert den Kopf, „kann hier wirklich keine Rede sein. Wie kommst du denn bloß auf so etwas?“

 

* Die Zeiten ändern sich und wir uns mit ihnen. Von Ovid, nicht von Weh.

** OVP steht in diesem Zusammenhang mitnichten für Originalverpackung, sondern für Ordnung des Vorbereitungsdienstes und der Staatsprüfung für Lehrämter an Schulen. Ein ziemlich wichtiges Schriftstück.

Das Bildnis der Frau Weh

„Die Bilder sind da!“, ruft mir die weltbeste Sekretärin auf dem Flur zu und deutet auf einen Stapel Fotomappen auf dem Tisch neben dem Büro. Freudequietschend nehmen die Viertklässler später ihre Mappen in Empfang, aufgeregt schnatternd und sich gegenseitig begutachtend. Meine eigenen Bilder packe ich ungesehen ein und werde erst später einen Blick daraufwerfen. Vorbei die Zeiten, als auch ich neugierig die Ankunft des Schulfotografens erwartete, aufgeregt darauf bedacht, gut getroffen zu sein, nicht zu pummelig gar oder mit schiefem Blick eingefangen zu werden.

Abends betrachte ich kopfschüttelnd das Sammelsurium fotografischer Nebenprodukte, die kein Mensch braucht, und entnehme der Mappe ein mittelgroßes Porträt. Aus dem Regal neben meinem Schreibtisch ziehe ich eine Kladde hervor. Ihre vielen Seiten werden durch ein Gummiband zusammengehalten. Innen befinden sich die Fotografenbilder aus jedem Jahr meines Schuldienstes. Links das Porträt, darunter ein paar Sätze, rechts das Klassenfoto mit den Namen all meiner flügge gewordenen und aktuellen Schützlinge. So hat sich über die letzten Jahre bereits eine kleine Sammlung geformt. Zwischen den einzelnen Seiten immer wieder lose Zettel, Postkarten und Briefchen der Schüler an mich. Auch Zeilen von Eltern und Kolleginnen sind dabei, Worte des Dankes oder der Aufmunterung auf Post Its, die zwischendurch in meinem Fach im Lehrerzimmer geklebt haben. Ein Querschnitt meines Lehrerlebens sozusagen, best of Frau Weh.

Die Seiten durchblätternd betrachte ich die Frau auf den Fotos. Vom ersten Bild – so rosig, frisch, glatt, so jung! – voller Vorfreude auf die erste eigene Klasse, bis zu dem, das ich noch in Händen halte. „Na, Frau Weh“, spreche ich sie an, „du hast dich aber ganz schön verändert!“ Sie lacht mich an, „Tja“, scheint sie zu antworten, „du weißt ja, das Leben hinterlässt seine Spuren.“ „Ist es gut zu dir, das Leben?“ Sie lacht immer noch, ein wenig spöttisch wie mir scheint. „Mal so, mal so.“

Etwas ist anders auf diesem letzten Bild als auf den ersten Bildern. Sind es die Fältchen, die sich neben die Augen geschlichen haben? Das schmalere Gesicht, die kürzeren Haare? Ich kann es nicht greifen.

Suchend blättere ich zurück, lese in meinen Aufzeichnungen, betrachte die Klassenfotos. Wie in Zeitraffer ziehen die Klassen an mir vorüber. Viele Namen weiß ich noch, bei anderen muss ich nachlesen. Bei manchen Kindern bleibt mein Blick länger haften. Weißt du noch, früher…? Unter manchen Jahreszahlen steht viel. Aber es ist auch ein Jahr dabei, in dem nur einige wenige Worte hastig unter das Foto geschrieben wurden, der Wunsch nach Veränderung… Auf diesem Bild lächelt die junge Frau kaum, sie sieht müde aus und geschafft. Ich möchte meinem früheren Ich zurufen, ihm Mut machen: Es wird besser, mach dir nicht so viele Sorgen! Aber verstehen kann ich sie immer noch.

Wie wird es wohl sein, wenn ich dieses Buch in 10 Jahren in die Hand nehme? Und wie in 30 Jahren, wenn ich das letzte Bild hinzufüge? Werde ich es freudig hineinkleben, traurig oder resigniert? Und werde ich die Frau auf dem Foto noch erkennen? Wird sie noch so fröhlich lachen? Ich wünsche es mir.

Als ich endlich das neueste Foto einklebe, wird mir auf einmal bewusst, was sich verändert hat. Es sind nicht die ersten Falten, nicht die Kleidung oder die Frisur.

Es ist Gelassenheit.

angebaggert

Pausenaufsicht, große Pause.

Ich hocke neben dem Klettergerüst und versuche einen unergründbaren Streit auf Augenhöhe zweier Erstklässler zu schlichten als sich plötzlich ein beträchtlicher Schwall Sand in meine Stiefel ergießt. Entrüstet drehe ich mich um und begegne dem entsetzten Blick von Zweitklässler Justus, der mir kopfunter durch seine Beine entgegenstarrt, den Po hoch in die Luft gereckt, die Hände noch zum Scharren erhoben. Erst in diesem Moment scheint ihm aufzugehen, wen er da eigentlich angebaggert hat. (Nicht, dass ihn die Tat selber peinlich berühren würde. Nein, Justus gehört zu dem Kaliber Kind, das sich jeglicher Materie mit vollem Körpereinsatz nähert. Das Kollegium schwankt zwischen Staunen und Entsetzen, wenn im Lehrerzimmer von den jeweiligen Fachlehrerinnen eine neue Justusanekdote zum Besten gegeben wird. Hat er doch schon Arbeitsblätter aufgegessen, Pinselwasser getrunken, sich nach Regentagen zuerst durch Schlammpfützen und anschließend über den Klassenboden gewälzt und uns auf so mannigfaltige Art seine Verhaltensoriginalität präsentiert.)

„Justus, mein Freund“, ich schaue ihn unter hochgezogener Augenbraue an, „wir setzen uns jetzt mal einen Moment hier auf die Bank!“

Er nickt betroffen, folgt mir aber umgehend und lässt sich neben mich plumpsen.

„Justus? Ich bin deine Lieblingslehrerin*, nicht wahr?“

Justus schaut mich weiterhin aus kullergroßen Augen an und nickt wieder. Ein wenig sieht er aus wie das Kaninchen vor der Schlange. Wir schweigen eine Weile vor uns hin.

„Ich habe dich auch ziemlich gern.“ (Das stimmt sogar. Seltsamerweise habe ich einen guten Draht zu kleinen Aufmüpfern.)

„Meine Schuhe mag ich allerdings auch sehr…“, ich blicke betrübt auf meine Wildlederstiefel hinunter.

„Die sind auch echt schön“, haucht Justus.

„Jaaaa, das sind sie wirklich!“ Ich seufze einmal. Dann sitzen wir wieder eine Zeit still nebeneinander auf der Bank und machen gar nichts.

„Und jetzt?“, nehme ich das Gespräch wieder auf.

Sofort antwortet Justus pflichtschuldig: „Jetzt mache ich das nicht wieder…“

Schon möchte ich diese Standardantwort befriedigt abnicken, da fährt er fort: „…wenn Sie da sind.“

* Es ist nicht so schwer, eine Lieblingslehrerin zu sein, wenn man Musik unterrichtet und den Schlüssel zum Wunderland des Instrumentenraums besitzt.

phallische Phasen

Nicht alles, was ich von mir gebe, ist pädagogisch wertvoll.

Genaugenommen überdenke ich tatsächlich zu wenig des Gesagten. Ich könnte das nun „Erziehen aus dem Bauch raus“ nennen und mich in Wohlgefühl suhlen, da ich offensichtlich die aussterbende Fähigkeit besitze, intuitiv zu erziehen. Wären da nicht diese häufigen Momente, in denen mein Kleinhirn nach einer unbedachten Äußerung ein panisches „was war DAS denn gerade!?“ aussenden würde…

4.Schuljahr, die Stunde nach der großen Pause:

Nick (aufgebracht auf den neben ihm stehenden Nino deutend): „Der hat mir an den Pimmel gefasst!“

Nino (nicht minder aufgeregt): „Gar nicht, der hat an MEINEN Pimmel gefasst!“

Frau Weh (gedanklich abwesend, weil Klassenbuch ausfüllend): „Boah, Jungs! Ihr habt doch jeder selber einen, nehmt doch den.“

Örks.

Was ist dir denn über die Leber gelaufen?*

„Ich habe Sie vermisst!“, ruft Giuliano und wirft sich in meine Arme. Staunend bemerke ich, dass der Viertklässler in den Sommerferien mindestens 5 cm gewachsen ist und seine braunen Löckchen lustig vor meiner Nase auf- und abwippen. Auch ein paar Pünktchen wippen mit. Ich schaue noch einmal genauer hin und erstarre: Die Pünktchen haben Beine und Arme (und Hörnchen und Beißwerkzeuge, Kettensägen und weiß der Himmel, was sonst noch!). Sofort halte ich Giuliano auf Armeslänge von mir weg, ein Kribbeln läuft durch meinen Körper. Scheiße, Läuse!

„Giuliano? Juckt es dich auf dem Kopf?“

„Boah, total!“, lautet die ehrliche Antwort, untermalt von einem beseelten Kratzen auf der Kopfhaut. „Mein Bruder hatte in den Ferien Läuse. Da habe ich die ganze Zeit gedacht, ich krieg die auch.“

„Nun, jetzt sind sie da“, teile ich ihm mit und unterdrücke den furchtbar starken Impuls, mir ebenfalls das Haar zu raufen. In den vergangenen Jahren wurde unsere Schule immer wieder von ganzen Heerscharen kleiner Krabbler heimgesucht; Jacken wurden in Säcke gestopft, Haare stramm zusammengebunden und tonnenweise mit Haarspray verklebt. Der Geruch von Teebaumöl haftet bis heute dem Holz mancher Schülertische an, auf die in stummer Verzweiflung das ein oder andere Kinderköpfchen abgelegt wurde. Auf Beratungen folgten Belehrungen, sogar das Gesundheitsamt wurde kontaktiert. Und das alles, weil manche Eltern die notwendige Wiederholung der Behandlung nach 8-10 Tagen schwänzten. Waren doch schließlich schon alle tot, die Tierchen, wollja?

Wenig später steht eine sichtlich unerfreute Mutter vor mir, die meinen Hinweis, unbedingt auch die zweite Anwendung des Läusemittels durchzuführen mit einem verächtlichen Schnauben kommentiert: „Lehrer müsste man sein! Erst sechs Wochen Ferien haben und dann direkt die Kinder wieder nach Hause schicken!“

„Was ist dir denn über die Leber gelaufen?“, fragt mich kurz darauf Kollegin Müller, als ich mit säuerlicher Miene zurück in meinen Klassenraum gehe.

„Meine Klasse parasitiert schon wieder“, grummle ich als Antwort. Sekunden später kratze ich mich hingebungsvoll hinter den Ohren.

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* Pediculus humanus capitis!

Es ist soweit

Da ist er schon, der letzte Schultag. Unfassbar weit weg schien er die letzten Wochen und nun klopft er an und fragt süffisant „Na, alles erledigt?“

Natürlich noch nicht so richtig. Tatsächlich liegt hier noch ein Stapel Hefte, der nachgesehen werden wollte und es dieses Schuljahr sicher nicht mehr wird, dafür ist die Klasse so gut wie leergeräumt, jedes Mal wieder ein Mordsunterfangen. Die Zeugnisse sind verteilt, die letzten Elterngespräche geführt. Morgen dann noch der Abschlussgottesdienst, das Feriensingen, ein paar High Fives, die ein oder andere Umarmung, ein letztes, hoffentlich allerletztes Telefonat mit dem Jugendamt und dann – Ferien! Kann jemand, der den Lehrerberuf nicht ausübt, wohl ermessen, wie tief die Bedeutung der Sommerferien geht?

Alles dreht am Rad

Heute hätte ich die Drittklässler an die Wand klatschen können. (Ob in der Hoffnung auf fesche Prinzen oder freche Frösche sei mal dahingestellt. Hauptsache einen Moment Ordnung im Chaos.) Da fehlen auf einmal Hefte und Hausschuhe, Hausaufgabenhefte und – schlimmer noch! – jegliche Haltung. Die Kinder lümmeln auf ihren Stühlen und kleben an ihren Tischplatten als wäre die Schwerkraft dieser Tage mal eben verdoppelt worden. Dann noch die Hitze! Die Drittklässler benehmen sich wie Dörrpflaumen. Aufmüpfige Dörrpflaumen!

„Boah, Frau Weh“, stöhnt Giuliano als er von mir einen Vermerk wegen nicht gemachter Hausaufgaben kassiert, „Sie sind doch bestimmt auch froh, wenn Sie uns mal eine Weile nicht sehen, oder?“

Ich hebe meinen Blick vom Heft und schaue ihn mit schmalen Augen an. „Ja“, antworte ich, „das kannst du aber laut sagen!“ Eine Weile spielen wir das Spiel wer zuerst blinzelt. Giuliano verliert und grinst frech: „Aber nach spätestens drei Wochen vermissen Sie uns!“

Ich gehe mit: „Frühestens nach fünf!“

„Vier!“

Vielleicht viereinhalb! Aber nur, wenn du deine Hausaufgaben erledigst!“

„Warum müssen wir eigentlich noch arbeiten?“, schaltet sich da Sinan ein. „Mein Bruder auf Hauptschule muss gar nix mehr machen, die gehen nur noch draußen und Filme und so.“

Ich werfe einen bösen Blick in die Runde: „Hier wird bis zum letzten Tag gearbeitet. Ach, was sag‘ ich, bis zur letzten Minute!“

„In der letzten Minute singen wir aber. Mit Ihnen übrigens!“, entgegnet Friederike spitz.

Ich seufze theatralisch: „Ihr seid wirklich ein unmöglicher Haufen!“

Giuliano lacht frech: „Ha ha, Sie vermissen uns jetzt schon!“