Knochenkochen

Ich stehe in der Küche und fluche.

Seit gefühlten Stunden koche ich Hühnerknochen aus, um ein Experiment für den Sachunterricht vorzubereiten. Genaugenommen ist dies bereits der 3.Anlauf der Versuchsvorbereitung. Die ersten abgenagten Hühnerknochen, die die Viertklässler fleißig gesammelt haben, hat sich die Wehsche Hauskatze in einem Moment der allgemeinen Unaufmerksamkeit geschnappt. Bei Knochenlieferung Nummer 2 war ich dann wesentlich cleverer und habe sie in einer amerikanischen Qualitätsplastikdose untergebracht. (Leider habe ich sie dort vergessen. Ich dummes Huhn!) Nachdem ich die pelzigen Überreste einige Zeit später entsorgt habe, habe ich mich der nächsten Hähnchenschenkel umgehend persönlich angenommen und so kochen die Gebeine nun vor sich hin. Sinnierend stehe ich im nicht so wahnsinnig angenehm duftenden Dampf und angle gelegentlich mit der Suppenkelle nach dem ein oder anderen Beinchen, um zu sehen, ob endlich alle Fleisch- und Fettreste entfernt sind. Dabei mache ich mir Gedanken zur Unterrichtsplanung. Wer sagt denn, dass diese ausschließlich am Schreibtisch stattfinden soll?

Der Versuch vermittelt den Kindern nicht nur Wissen, sondern ist vor allem spannend – zu Hause mit Knochen zu experimentieren dürften den meisten meiner Schüler fremd sein.

Die Viertklässler, die sich seit einiger Zeit sehr intensiv mit dem Thema Körper befassen, werden herausfinden, dass Knochen stark belastbar sind. Sie werden Kalzium und Phosphor als wichtige Bausteine für ein widerstandsfähiges und belastbares Knochengerüst kennenlernen. Danach startet das eigentliche Gummiknochen-Experiment:

Ein Hühnerknochen wird in eine Schale mit Essigessenz gelegt. Mit einem Deckel wird die Schüssel abgedeckt. Nach 3-4 Tagen lässt sich der Knochen biegen ohne zu brechen, da der Essig die Mineralien aus dem Knochen gelöst hat.

Die Viertklässler werden den Versuchsaufbau im Vorfeld beschreiben und Vermutungen anstellen, was passieren könnte (der Knochen löst sich auf, der Knochen wird kleiner/größer, der Knochen verändert die Farbe, etc.) Diese Vermutungen werden unkommentiert aufgeschrieben und im Nachhinein evaluiert. Nach der Beobachtung und Auflösung des Versuchs werden die Schüler eine Vorgangs-/Versuchsbeschreibung und eine Skizze dazu anfertigen. Die Ergebnisse werden in ihrem Körperbuch dokumentiert.

Nachdem ich mit meiner Planung soweit ganz zufrieden bin, gieße ich die schneeweißen Knöchelchen ab, lüfte die Küche ordentlich und beiße genussvoll in eine Essiggurke. Da stutze ich… sind Essiggurken eigentlich gefährlich für dumme Hühner?

Wahlkampf

„Wählt mich und ich verspreche euch die tollste Klassenfahrtsfete, die ihr je erlebt habt!“ Der Sprecher sonnt sich im Applaus der Viertklässler und ignoriert die vereinzelten Buhrufe aus dem Publikum geflissentlich.

Wir befinden uns mitten im Wahlkampf. (Und es ist ein Kampf!) Die Bewerbungsphase ist abgeschlossen. Seit knapp einer Woche hängen die Wahlplakate der potentiellen Klassensprecher. Teilweise äußerst professionell gestaltet, da war wohl der ein oder andere Papa mit Photoshop am Werk. Auf mich könnt ihr immer zählen, nicht nur in Mathe!!! kann man da lesen, oder auch Ich bin zuverlässig, ehrlich und gut in Basketball! Wählt mich zu eurem Klassensprecher! Dann noch ein Foto in Politikerpose, die Hände zum Gruß erhoben. Da geht was!

Haben wir im dritten Schuljahr noch profan über die wünschenswerten Eigenschaften desjenigen gesprochen, der das wichtige Amt übernehmen soll, so darf in diesem Schuljahr kräftig die Eigenwerbetrommel gerührt werden. Es ist hochspannend und interessant, wie die einzelnen Kinder sich und ihre Wirkung auf die Mitschüler einschätzen, welche Wortwahl sie treffen und auch welche Versprechungen sie machen. Politisch? Auch das.

Da wollen Deals ausgehandelt, Überzeugungen an Mann und Maus gebracht werden – zumindest an Selbstbewusstsein mangelt es den Anwärtern nicht! Aber es wird auch bemerkt, wie schmal der Grat zwischen Versprechung, Abmachung und Erpressung ist. Wer hat die besseren Argumente und wer setzt vielleicht stattdessen die potentiellem Wähler mit purem „Wenn…dann!“ unter Druck? Ich bin Beobachter in dieser spannenden Phase und ich beobachte mit zunehmender Freude.

Es ist ein gutes Gefühl, zu sehen, dass die Bemühungen des letzten Jahres Früchte tragen. „Man erntet, was man sät“, nickt Frau Abendroth, als ich hingerissen von der Gruppendynamik berichte. Ja, sie machen mir Freude, die Viertklässler. Aber was war das auch für eine Arbeit: Gesprächsregeln etablieren, Ich-Botschaften anwenden lernen, Klassenrat halten. Immer wieder von Neuem abbrechen, wo Eskalationen drohten, gebetsmühlenartig auf den angemessenen Umgang miteinander hinweisen. Soziales Lernen, wann und wo immer es ging. Und nun, auf einmal: Demokratie! Hammer!

Horch, wer kommt von draußen rein?

Ein wenig hänge ich im Sachunterricht hinterher, aber heute schaffe ich endlich den Einstieg ins Thema Körper. Die Viertklässler allerdings ahnen noch nichts von ihrem Glück und schreiben mehr oder weniger motiviert Personalpronomen und Personalformen in ihre Hefte. 2.Person Präsens Präteritum von laufen, 3.Person Plural Perfekt von schreiben, 1.Person Singular Präsens von essen – vereinzelt ist Stöhnen zu hören, als plötzlich…

(… der Hausmeister zu vereinbarter Zeit heimlich, still und leise das schuleigene Klapperskelett vor die Klassentüre rollt, laut und vernehmlich anklopft und sich dann – vermutlich grinsend – hinter die nächste Ecke verdrückt)

POCH!

POCH!

POCH!

Die Viertklässler schauen auf. „Herein!“, rufe ich unbeteiligt und fordere, weil niemand eintritt, etwas unwirsch Sinan auf, die Türe zu öffnen. Sinan schlendert zur Türe, nicht ohne auf dem Weg dorthin eine Fratze zu ziehen und gegen Ninos Ranzen zu stolpern. Er greift an die Türklinke, öfnnet die Türe und

„WAAAAAAAHHHH!

…knallt die Tür wieder zu. „Sinan?“, frage ich unschuldig und ziehe eine Augenbraue hoch. „Da ist ein Toter vor der Tür!“, antwortet mir der arme Kerl – mittlerweile schon wieder mehr irritiert als erschreckt.

„Hähä, voll Halloween, oder was!?“ Die Viertklässler hält jetzt nichts mehr auf den Plätzen. Einige Mutige stürmen zur Türe, andere stellen sich vorsichtshalber hinter ihre Stühle oder suchen die sichere Nähe zu mir. Unter Johlen wird das Skelett in den Klassenraum gezogen.

„Ahh“, rufe ich und klatsche mir mit der Hand vor die Stirn, „habe ich doch glatt vergessen, dass wir heute Besuch von Mr.Skeleton bekommen. Tut mir ehrlich leid, Sinan!“ Ich grinse ihn an und schüttle dem Knochenmann überschwänglich die Hand. „Mr.Skeleton ist Experte zum Thema Knochenbau und wird uns eine Weile Gesellschaft leisten. Sag hallo, Mr.Skeleton!“ Mr.Skeleton hebt gehorsam seinen Arm zum Winken und grinst in die Runde, die Klasse ist begeistert. Für den restlichen Tag lassen wir Personalformen Personalformen sein und zählen Knochen, messen Gebeine ab, vergleichen Elle und Speiche, reißen knochentrockene Skelettwitze und haben irgendwie ganz schön viel Spaß.

 

„Oh Gott, bitte, lass mich hier heil rauskommen, ich muss doch meine Kinder heute Abend ins Bett bringen!“

Es sind genau diese Worte, die mir durch den Kopf schießen, als es explosionsartig knallt, der LKW vor mir ausschert und meine Spur bei Tempo 100 schneidet. Hundertstelsekunden dehnen sich aus und werden zur qualvollen Ewigkeit, während mir der Schreck das Adrenalin durch den Körper peitscht und ich mich reflexartig nach allen Seiten umdrehe, um die Lücke im Verkehr zu finden, durch die ich dem schlingernden Koloss vor mir ausweichen kann.

Schneidend durchfährt mich die Gewissheit: Ich kann heute nicht sterben. Noch nicht. Nicht heute! Mir ist völlig klar, dass sich die Welt auch ohne mich weiterdrehen würde. Natürlich; wer wäre so egozentrisch, das Gegenteil zu glauben? Furcht vor dem Tod habe ich nicht, es sind meine Kinder, um die ich Angst hätte, würde ihnen die Mutter genommen. Wenn ich den Wehwehchen morgens beim Abschied ein Kreuz auf die Stirn zeichne, so ist es nicht nur ihr Schutz, um den ich dabei bitte. Immer ist es auch die eigene gesunde Heimkehr, die in diesem Ritual als stumme Bitte ihren Ausdruck findet.

Ich suche die Lücke und finde sie. Sekunden später bin ich am LKW vorbei und merke, wie sehr ich unter Strom stehe. Die restliche Fahrt umklammere ich das Lenkrad, Schweiß auf der Stirn. Ich fahre langsam und versuche mein Zittern unter Kontrolle zu bringen. Später wird in der Zeitung stehen, dass auf der A1 ein Reifen geplatzt ist, der Fahrer des LKW hervorragend reagiert hat und so ein Unfall vermieden werden konnte. Mir werden Tränen in den Augen stehen, wenn ich die Meldung am nächsten Tag lese.

Als ich auf dem Schulparkplatz ankomme, bleibe ich noch einen Moment im Auto sitzen. Danke, flüstere ich. Danke, danke, danke. Ein Erstklässler bleibt interessiert neben dem Auto stehen und wartet bis ich ausgestiegen bin. „Du bist aber spät heute!“, sagt er. „Ja. Aber ich bin hier.“

„Das ist die Hauptsache“, antwortet er fröhlich und läuft auf den Schulhof.

an apple a day oder: Was ist guter Unterricht?

Frau Schmitz-Hahnenkamp stellt mich auf dem Weg zur Aufsicht.

In Gedanken bin ich noch beim gestrigen Unterrichtsbesuch meiner Referendarin, daher bemerke ich meine Kollegin erst im letzten Moment. Deckung suchen zwecklos. (Ich werde unaufmerksam. Tatsächlich beschäftigt mich die Erinnerung an das Nachgespräch ziemlich. Forderte mich die Fachleiterin doch freundlich, aber auch sehr bestimmt auf, die vorangegangene Stunde anhand eines Rasters verschiedener Handlungsfelder einzuordnen und zu begründen. Seltsam, als ich Referendarin war, musste ich mich selber im Gespräch erklären, da war nie die Rede davon, dass meine Mentorin wie Jeanne d’Arc hervorspringt oder gar schützende Erklärungen vor ihrem Mündel aufbaut. Tja, tempora mutantur, nos et mutamur in illis*.)

Nun aber Frau Schmitz-Hahnenkamp. Dass meine Klasse erneut ihren unbändigen Zorn hervorgerufen hat, war mir klar, als ich heute morgen einen Blick auf meine Schreibtischplatte warf. Was der bösen Hexe des Ostens die roten Schuhe, ist Frau Schmitz-Hahnenkamp das Post-it: rote, gelbe, sogar ein grünes war dabei. Darauf der übliche Beschwerdecocktail: ungemachte Hausaufgaben, verschwundene Arbeitsblätter und freches Klientel. Alles in meiner Klasse! Bevor sie jedoch ihren Monolog über meine pädagogischen Unfähigkeiten und deren Auswirkungen auf die Viertklässler beginnen kann, schneide ich ihr das Wort ab:

„Frau Schmitz-Hahnenkamp, ich denke, es wird Zeit: Du solltest dich unbedingt einmal aufmerksam mit den 10 Merkmalen guten Unterrichts befassen.“

Ihr Blick wechselt von empört zu unfassbar empört. Schon holt sie Luft und lässt eine ganze Salve auf mich nieder. Was ich mir denke, was ich da sage, sie träfe gar keine Schuld, das sei schließlich meine Klasse, sie fühle sich nur mitverantwortlich und wolle mir helfen, aber sie merke schon, das sei vergebliche Liebesmüh, ich wäre ein schwieriger Charakter und sie wolle nur nett sein, mich informieren über die katastrophalen Zustände, aber so etwas wäre ihr noch nicht passiert, guter Unterricht, pah! natürlich gäbe sie sehr guten Unterricht!

Ich ziehe einen Apfel aus der Tasche und beiße genüsslich hinein. Endlich ist sie fertig und schaut mich pikiert an – möglicherweise, weil es mir nur unzureichend gelingt, mein Grinsen zu verbergen. Aber was soll ich auch tun? Die Kollegin geht ab wie Schmitz Katze! Als sich bereits eine interessierte Schar kleiner Menschen um uns versammelt hat (was tun die da? Schließen die etwa Wetten ab?), sehe ich mich genötigt die Situation aufzuklären:“Das ist wirklich ganz furchtbar spannend, was du da sagst, aber ich weiß gar nicht, wovon du redest!? Eigentlich wollte ich dir nur mitteilen, dass sich die OVP** geändert hat und du darauf gefasst sein musst, dass du nach dem Unterrichtsbesuch von Frau Kahle um eine Stellungnahme gebeten wirst. Die Fachleiterin wird Karten mit Handlungsfeldern, Kompetenzen und Standards auf den Tisch legen. Da kommen ein paar Kernpunkte von Hilbert Meyer ganz gut an. Ich wurde davon gestern ziemlich überrascht, also dachte ich, ich sag dir das netterweise vorher. Von einer Kritik an deinem Unterrichtsstil“, und nun schüttle ich verwundert den Kopf, „kann hier wirklich keine Rede sein. Wie kommst du denn bloß auf so etwas?“

 

* Die Zeiten ändern sich und wir uns mit ihnen. Von Ovid, nicht von Weh.

** OVP steht in diesem Zusammenhang mitnichten für Originalverpackung, sondern für Ordnung des Vorbereitungsdienstes und der Staatsprüfung für Lehrämter an Schulen. Ein ziemlich wichtiges Schriftstück.

Welche Pille würdest du wählen?

„Nimmst du die blaue Pille, endet es. Du wachst auf und glaubst, was immer du glauben möchtest. Nimmst du die rote Pille, bleibst du im Wunderland und ich führe dich in die tiefsten Tiefen des Kaninchenbaus … Vergiss nicht: Ich biete Dir nur die Wahrheit an – nicht mehr.“ (Wachowski: The Matrix)

„Sie können sich sicher denken, warum wir hier sind“, sagt der Vater mit diesem speziellen Unterton, der solchen Gesprächen eigen ist. Natürlich kann ich es mir denken, schließlich stehen die Empfehlungen für die weiterführenden Schulen vor der Türe. Zu keinem anderen Zeitpunkt lerne ich so viele Väter kennen wie in diesen Wochen des vierten Schuljahres.

„Mein Mann ist nämlich Ingenieur“, schaltet sich da die Mutter ein, „der hat ja alles erreicht, was geht!“ Sie nickt resolut, ich neige unbestimmt den Kopf, mit Ingenieuren kenne ich mich nicht so aus. „Der Sven soll nämlich aufs Gymnasium!“

Selbstverständlich soll er das – so wie knapp 80% meiner Klasse, zumindest wenn es nach dem Wunsch der Eltern geht. Svens Leistungen sind mittelmäßig, viele Dreier, ein ausreichend im Lesen (eigentlich schon der klassische Knock Out für den Übergang auf ein Gymnasium), ein gut in Kunst, das macht er gern.

Ich bin genervt. So viele Elterngespräche und in allen geht es um das Gleiche: nur das Gymnasium zählt – ganz egal, welche Voraussetzungen das Kind besitzt, egal was mein Eindruck ist. Ich weise die Eltern auf die Zensuren ihres Sohnes hin und hebe besonders die Vier im Lesen hervor. „Deswegen zahlen wir ja auch seit Mai ein Vermögen an das Nachhilfeinstitut“, giftet die Mutter zurück. „Das kriegt die Schule ja offensichtlich nicht hin. Bei uns früher wurde das ja auch alles ganz anders gemacht, heute wird ja gar nicht mehr richtig gelernt!“ Natürlich kann ich das so nicht hinnehmen und verweise darauf, dass auch sie als Eltern Pflichten nachkommen müssten und zumindest jeden Tag ein bisschen mit dem Sohn lesen müsse doch möglich sein!? Empört wischen Svens Eltern den Hinweis beiseite: „Sind Sie Lehrer oder wir?“

Noch eine ganze Weile geht es so weiter. „Was würden Sie also jetzt und an dieser Stelle ins Gutachten schreiben?“, möchte der Vater wissen, um das aus dem Ruder laufende Gespräch zu beenden. „Ich würde Ihrem Sohn eine Realschulempfehlung geben, denn —“ „Dann ist ja alles gesagt!“, schneidet er mir das Wort ab und steht auf. „Wir gehen.“

Empört schlage ich im Lehrerzimmer auf: „Boah, es gibt echt unmögliche Eltern!“

„Sie können sich sicher denken, warum wir hier sind“, sagt der Vater mit diesem speziellen Unterton, der solchen Gesprächen eigen ist. Natürlich kann ich es mir denken, schließlich stehen die Empfehlungen für die weiterführenden Schulen vor der Türe. Zu keinem anderen Zeitpunkt lerne ich so viele Väter kennen wie in diesen Wochen des vierten Schuljahres.

„Mein Mann ist nämlich Ingenieur“, schaltet sich da die Mutter ein, „der hat ja alles erreicht, was geht!“ Sie nickt resolut, ich neige unbestimmt den Kopf, mit Ingenieuren kenne ich mich nicht so aus. „Der Sven soll nämlich aufs Gymnasium!“

Selbstverständlich soll er das – so wie knapp 80% meiner Klasse, zumindest wenn es nach dem Wunsch der Eltern geht. Svens Leistungen sind mittelmäßig, viele Dreier, ein ausreichend im Lesen (eigentlich schon der klassische Knock Out für den Übergang auf ein Gymnasium), ein gut in Kunst, das macht er gern.

Ich lasse die Eltern von ihren Wünschen und ihrem Lebensentwurf für ihren Sohn erzählen. Mir kommt das mittelgroße Wehwehchen in den Sinn und ich denke daran, dass es für Eltern nicht immer leicht ist, die Realität als solche zu akzeptieren. Behutsam gehe ich auf die Schilderungen der Eltern ein und erkläre sorgfältig, wie ich Svens Leistungen sehe, sein Arbeitsverhalten beurteile. Ich nenne seine Stärken und seine Schwächen. Die Eltern nicken, sie erkennen ihren Sohn wieder. Das Gespräch verläuft ruhig und sachlich. Ich erläutere, warum ich zum jetzigen Zeitpunkt den Besuch der Realschule empfehlen würde und nicht das Gymnasium. Gebe den Hinweis auf die Gesamtschule als Möglichkeit das Abitur nach 9 Jahren ohne Schulwechsel zu erreichen.

„Natürlich wird sich Sven weiterentwickeln. In welchem Maße und wann er das tut, kann ich nicht sagen – meine Arbeit wäre leichter, wenn ich in die Zukunft meiner Schüler blicken könnte“, sage ich mit einem zarten Lächeln, das die Eltern erstmalig erwidern. „Sie müssen sich auch darüber im Klaren sein, wieviel Zeit und Wissen Sie in die gewählte Schulform investieren möchten“. Wohlwissend, dass Sven bereits jetzt bis zu 90 Minuten an den Hausaufgaben sitzt, schubse ich die Eltern sanft auf diesen neuen Gedanken. Die Mutter blickt mich erschreckt an. „Das wäre dann deine Aufgabe, ich bin ja nicht da.“, wendet sich der Vater an seine Frau, deren Blick starr wird. Wir sprechen noch von Frustrationstoleranz, Anstrengungsbereitschaft und der Notwendigkeit von Erfolgserlebnissen, um stark werden zu können.

„Nun habe ich Ihnen umfassend meine Sicht dargelegt, möchte Sie aber auch darüber informieren, dass Sie Ihren Sohn selbstverständlich auch auf der Schule Ihrer Wahl anmelden können, wenn Sie sich nicht meinen Überlegungen anschließen können. “ Während der Vater bereits zurückrudert („Nein, nein, Sie können den Sven da sicher besser einschätzen als wir!“), stellt die Mutter die letzte, entscheidende Frage: „Wenn Sven Ihr Sohn wäre, würden Sie ihn aufs Gymnasium geben?“ Ich blicke sie an und schüttle den Kopf: „Nein, auf gar keinen Fall. Ich würde wollen, dass er einen guten Start hat.“ Sie nickt: „Danke, Sie haben sich viel Zeit genommen. Ich glaube, wir verstehen die Situation jetzt besser.“

Freundlich verabschieden wir uns voneinander. Im Lehrerzimmer mache ich mir kurz ein paar Notizen. „Wie war dein Gespräch?“, will Kollegin Mandel wissen. Ich blicke von meinen Unterlagen auf: „Ganz gut, denke ich.“

Das Bildnis der Frau Weh

„Die Bilder sind da!“, ruft mir die weltbeste Sekretärin auf dem Flur zu und deutet auf einen Stapel Fotomappen auf dem Tisch neben dem Büro. Freudequietschend nehmen die Viertklässler später ihre Mappen in Empfang, aufgeregt schnatternd und sich gegenseitig begutachtend. Meine eigenen Bilder packe ich ungesehen ein und werde erst später einen Blick daraufwerfen. Vorbei die Zeiten, als auch ich neugierig die Ankunft des Schulfotografens erwartete, aufgeregt darauf bedacht, gut getroffen zu sein, nicht zu pummelig gar oder mit schiefem Blick eingefangen zu werden.

Abends betrachte ich kopfschüttelnd das Sammelsurium fotografischer Nebenprodukte, die kein Mensch braucht, und entnehme der Mappe ein mittelgroßes Porträt. Aus dem Regal neben meinem Schreibtisch ziehe ich eine Kladde hervor. Ihre vielen Seiten werden durch ein Gummiband zusammengehalten. Innen befinden sich die Fotografenbilder aus jedem Jahr meines Schuldienstes. Links das Porträt, darunter ein paar Sätze, rechts das Klassenfoto mit den Namen all meiner flügge gewordenen und aktuellen Schützlinge. So hat sich über die letzten Jahre bereits eine kleine Sammlung geformt. Zwischen den einzelnen Seiten immer wieder lose Zettel, Postkarten und Briefchen der Schüler an mich. Auch Zeilen von Eltern und Kolleginnen sind dabei, Worte des Dankes oder der Aufmunterung auf Post Its, die zwischendurch in meinem Fach im Lehrerzimmer geklebt haben. Ein Querschnitt meines Lehrerlebens sozusagen, best of Frau Weh.

Die Seiten durchblätternd betrachte ich die Frau auf den Fotos. Vom ersten Bild – so rosig, frisch, glatt, so jung! – voller Vorfreude auf die erste eigene Klasse, bis zu dem, das ich noch in Händen halte. „Na, Frau Weh“, spreche ich sie an, „du hast dich aber ganz schön verändert!“ Sie lacht mich an, „Tja“, scheint sie zu antworten, „du weißt ja, das Leben hinterlässt seine Spuren.“ „Ist es gut zu dir, das Leben?“ Sie lacht immer noch, ein wenig spöttisch wie mir scheint. „Mal so, mal so.“

Etwas ist anders auf diesem letzten Bild als auf den ersten Bildern. Sind es die Fältchen, die sich neben die Augen geschlichen haben? Das schmalere Gesicht, die kürzeren Haare? Ich kann es nicht greifen.

Suchend blättere ich zurück, lese in meinen Aufzeichnungen, betrachte die Klassenfotos. Wie in Zeitraffer ziehen die Klassen an mir vorüber. Viele Namen weiß ich noch, bei anderen muss ich nachlesen. Bei manchen Kindern bleibt mein Blick länger haften. Weißt du noch, früher…? Unter manchen Jahreszahlen steht viel. Aber es ist auch ein Jahr dabei, in dem nur einige wenige Worte hastig unter das Foto geschrieben wurden, der Wunsch nach Veränderung… Auf diesem Bild lächelt die junge Frau kaum, sie sieht müde aus und geschafft. Ich möchte meinem früheren Ich zurufen, ihm Mut machen: Es wird besser, mach dir nicht so viele Sorgen! Aber verstehen kann ich sie immer noch.

Wie wird es wohl sein, wenn ich dieses Buch in 10 Jahren in die Hand nehme? Und wie in 30 Jahren, wenn ich das letzte Bild hinzufüge? Werde ich es freudig hineinkleben, traurig oder resigniert? Und werde ich die Frau auf dem Foto noch erkennen? Wird sie noch so fröhlich lachen? Ich wünsche es mir.

Als ich endlich das neueste Foto einklebe, wird mir auf einmal bewusst, was sich verändert hat. Es sind nicht die ersten Falten, nicht die Kleidung oder die Frisur.

Es ist Gelassenheit.

angebaggert

Pausenaufsicht, große Pause.

Ich hocke neben dem Klettergerüst und versuche einen unergründbaren Streit auf Augenhöhe zweier Erstklässler zu schlichten als sich plötzlich ein beträchtlicher Schwall Sand in meine Stiefel ergießt. Entrüstet drehe ich mich um und begegne dem entsetzten Blick von Zweitklässler Justus, der mir kopfunter durch seine Beine entgegenstarrt, den Po hoch in die Luft gereckt, die Hände noch zum Scharren erhoben. Erst in diesem Moment scheint ihm aufzugehen, wen er da eigentlich angebaggert hat. (Nicht, dass ihn die Tat selber peinlich berühren würde. Nein, Justus gehört zu dem Kaliber Kind, das sich jeglicher Materie mit vollem Körpereinsatz nähert. Das Kollegium schwankt zwischen Staunen und Entsetzen, wenn im Lehrerzimmer von den jeweiligen Fachlehrerinnen eine neue Justusanekdote zum Besten gegeben wird. Hat er doch schon Arbeitsblätter aufgegessen, Pinselwasser getrunken, sich nach Regentagen zuerst durch Schlammpfützen und anschließend über den Klassenboden gewälzt und uns auf so mannigfaltige Art seine Verhaltensoriginalität präsentiert.)

„Justus, mein Freund“, ich schaue ihn unter hochgezogener Augenbraue an, „wir setzen uns jetzt mal einen Moment hier auf die Bank!“

Er nickt betroffen, folgt mir aber umgehend und lässt sich neben mich plumpsen.

„Justus? Ich bin deine Lieblingslehrerin*, nicht wahr?“

Justus schaut mich weiterhin aus kullergroßen Augen an und nickt wieder. Ein wenig sieht er aus wie das Kaninchen vor der Schlange. Wir schweigen eine Weile vor uns hin.

„Ich habe dich auch ziemlich gern.“ (Das stimmt sogar. Seltsamerweise habe ich einen guten Draht zu kleinen Aufmüpfern.)

„Meine Schuhe mag ich allerdings auch sehr…“, ich blicke betrübt auf meine Wildlederstiefel hinunter.

„Die sind auch echt schön“, haucht Justus.

„Jaaaa, das sind sie wirklich!“ Ich seufze einmal. Dann sitzen wir wieder eine Zeit still nebeneinander auf der Bank und machen gar nichts.

„Und jetzt?“, nehme ich das Gespräch wieder auf.

Sofort antwortet Justus pflichtschuldig: „Jetzt mache ich das nicht wieder…“

Schon möchte ich diese Standardantwort befriedigt abnicken, da fährt er fort: „…wenn Sie da sind.“

* Es ist nicht so schwer, eine Lieblingslehrerin zu sein, wenn man Musik unterrichtet und den Schlüssel zum Wunderland des Instrumentenraums besitzt.

Rolling Stone

„Ich frage mich wirklich, wie der da reingekommen ist!“

97 cm verblüffte Unschuld stehen vor mir, die kleinen Hände in die Hüften gestützt.

„Die Frage“, ich blicke das Miniweh streng an, „die Frage ist wohl nicht, wie der Stein in deine Nase gekommen ist, denn DAS wissen wir beide GANZ genau! Viel wichtiger: Wie kommt er da wieder raus?“

Es ist Freitagnachmittag. (Natürlich ist es das! Es könnte auch Mittwochnachmittag oder nachts oder Wochenende sein, denn das alles sind bevorzugte Zeitpunkte, die sich Kinder aussuchen, um Dinge auszuprobieren, die das Eingreifen medizinischen Fachpersonals nötig machen.)

Wir können nicht eruieren, woher der Stein kommt oder wann er sich entschlossen hat, die Nase meines jüngsten Abkömmlings zu verstopfen, jetzt steckt er jedenfalls ganz oben drin und lässt sich nicht mehr bewegen.

„Die Ägypter haben die Gehirne ihrer Toten mit so einem kleinen Haken rausgeholt“, teilt das mittelgroße Wehwehchen fachkundig mit und macht die entsprechende Handbewegung, „vielleicht wär das was.“

„Weiß ich doch“, antworte ich stirnrunzelnd, „hol mal dein Taschenmesser, vielleicht ist da auch so ein Gehirnhaken dran.“

„Brauche ich mein Gehirn noch?“, will da das Miniweh interessiert wissen. „Mach dir keine Sorgen, wenn wir es finden, steck ich es dir wieder rein“, antworte ich. Neben mir liegen bereits eine Pinzette, eine Sicherheitsnadel, eine riesige Tüte Gummibärchen und (Schande, Schande!) eine Nagelschere. Mit all diesen angsteinflößenden  Gegenständen habe ich bereits versucht, den Eindringling herauszuhebeln. Wer sich nun an zweifelhafte Horrorfilme erinnert sieht, dem sei gesagt: all dies verblasst gegen den ganz normalen Familienwahnsinn. Wer braucht noch Horror, wenn er Kinder hat?

Im nächstgelegenen Krankenhaus sind wir bereits abgewiesen worden („Ein Kind? Da geh ich nicht dran!“), die daraufhin telefonisch kontaktierte Kinderklinik verweist uns trotz eigener HNO-Abteilung ebenfalls an die größere Uniklinik. Die könnten das besser und so. Die Sprechstundenhilfe der hilflos angewählten HNO-Praxis im Nachbarort lacht mich schlichtweg aus, sie seien jetzt im Wochenende. Mühsam unterdrücke ich erst einen Fluch und anschließend die aufsteigenden Tränen der Verzweiflung.

Es ist an die 30°C und mir läuft der Schweiß in Strömen den Rücken herunter, als ich mich mit dem nächsten Folterinstrument der Nase meines Kindes nähere, das völlig arglos und voll grenzenlosem Vertrauen in die Allmacht seiner Mutter den Kopf in meinen Schoß legt. Ich halte die Luft an und versuche den kleinen Spielplatzkiesel – denn als solchen konnte ich den Eindringling mittlerweile enttarnen – aus dem Nasenloch zu hebeln. Nichts. Das Ding sitzt fest wie ein Schokoladenriese im Backenzahn. Keine Chance, es fehlt an der nötigen Ausstattung.

In meinem Kopf rotiert es. Was mache ich? Wo könnte ich noch hin? Die halbstündige Fahrt in die Uni möchte ich uns gerne ersparen, zumal in der Notfallambulanz Wartezeiten von mehreren Stunden keine Seltenheit sind. Und dass das keinen Spaß mit zwei Kindern machen wird, ist klar. Aber wir wollen Spaß, schließlich haben wir Ferien, verdammt!

Ich rufe eine weitere HNO-Klinik an und lande bei einem Pfleger, der mir amüsiert mitteilt, er würde sich freuen, uns begrüßen zu dürfen und natürlich seien Kinder überhaupt kein Problem und große Steine in kleinen Nasen ihr Spezialgebiet. Wir sollen mal nur gleich auf Station kommen und gar nicht erst in die Ambulanz, schließlich sei Freitag, das bräuchte man sich doch nicht antun, wenn es nicht sein müsste! Augenblicklich möchte ich ihn durchs Telefon ziehen und küssen! Als wir eine knappe halbe Stunde später in der Klinik auflaufen („Oh, da sind aber viele Fenster im Krankenhaus!“, „Ja und hinter allen Fenstern liegen Leute mit Steinen in der Nase!“) sprüht der Pfleger immer noch vor Elan und ruft uns schon über den Flur entgegen, da komme sicher der kleine Stein in der Nase.

„Ja“, antworte ich, „und seine hysterische Mutter hat er auch gleich mitgebracht“. Lachend überreicht er mir die notwendigen Formulare und verweist uns an einen jungen Arzt. Dieser grinst mich an – offensichtlich gehören hier hochrote, erhitzte Mütter zum Alltagsgeschäft – und geht vor dem Miniweh in die Hocke: „Na, du! Isch bin der Kemal, lass misch mal gucken! … Boah, wat groß!“ Das Miniweh nickt entzückt ob der Tatsache, dass endlich mal jemand die Sache angemessen würdigt und lässt sich widerstandslos auf den Behandlungsstuhl verfrachten. Kopf in den Nacken, Lampe an, Haken rein, Stein raus, fertig. 1 Sekunde, höchstens.

Ich zerfließe vor Dankbarkeit (und innerer Hitze), packe das Miniweh, das stolz seinen Kiesel in der Hand hält, und will nur noch nach Hause. Auf der Rückfahrt singt mein kleiner Ehesegen in allerbester Laune vor sich hin, meine zusammenfassenden Belehrungen und Ermahnungen geflissentlich überhörend. Da wird es auf einmal still auf der Rückbank. In plötzlicher Unruhe blicke ich in den Spiegel. Mit hochkonzentriertem Blick pult das Miniweh mit dem Finger im Ohr.

„Neeeeiiiiiin!“, brülle ich und lege eine Vollbremsung hin. Dabei kollert der kleine Kiesel, der mitnichten im Ohr, dafür aber auf dem Schoß des Miniwehs gelegen hat, auf den Boden.

„Oh, blöd, Mama! Den wollte ich doch Papa zeigen!“

phallische Phasen

Nicht alles, was ich von mir gebe, ist pädagogisch wertvoll.

Genaugenommen überdenke ich tatsächlich zu wenig des Gesagten. Ich könnte das nun „Erziehen aus dem Bauch raus“ nennen und mich in Wohlgefühl suhlen, da ich offensichtlich die aussterbende Fähigkeit besitze, intuitiv zu erziehen. Wären da nicht diese häufigen Momente, in denen mein Kleinhirn nach einer unbedachten Äußerung ein panisches „was war DAS denn gerade!?“ aussenden würde…

4.Schuljahr, die Stunde nach der großen Pause:

Nick (aufgebracht auf den neben ihm stehenden Nino deutend): „Der hat mir an den Pimmel gefasst!“

Nino (nicht minder aufgeregt): „Gar nicht, der hat an MEINEN Pimmel gefasst!“

Frau Weh (gedanklich abwesend, weil Klassenbuch ausfüllend): „Boah, Jungs! Ihr habt doch jeder selber einen, nehmt doch den.“

Örks.