Uff.

Eigentlich sagt dieses Wort bereits alles über den heutigen Tag aus. Ich bin wieder drin. Mittendrin. Und schon nach der 2.Stunde scheinen die Ferien weit weg. Es ist aber auch so viel passiert! Meerschweinchen sind gestorben, Geschwisterkinder geboren worden und – ja, mit Fotobeweis! – René ist im Urlaub von einer Robbe geküsst worden. Wie es war? Feucht und fischig. Das Geschrei der Mitschüler ist ihm bei der Schilderung dieses Ferien-Highlights gewiss. Sind sie größer geworden oder bilde ich mir das ein? Möglicherweise bin ich ja auch geschrumpft. Das könnte durchaus sein nach der ganzen Geschirrschlepperei. (Vom Spülen ganz zu schweigen!) Schlanker bin ich definitiv nicht geworden, wie Nathalie nach einem genauen Blick missbilligend feststellt. Wie denn auch, wo mir bereits zur Frühstückspause verschiedene ramponierte, aus geplünderten Osternestern geborgene Eier liebevoll dargeboten werden, die allesamt verspeist werden müssen.

„Das habe ich extra für dich aufbewahrt!“ säuselt Benjamin und streckt mir ein zerbröseltes, aber immerhin noch verpacktes Schokotierchen entgegen. Schwitzig-warme Kinderhändchen haben dem armen Ding den Rest gegeben. Aber mit Kaffee rutscht (fast) alles. Schockierend, was ich in den ersten Tagen nach Ferienende alles in mich hereinstopfe. Aber jedes Mal wieder überkommt es mich. Als ob die benötigte Tageszufuhr mit Schulbeginn drastisch ansteigen würde. Weiß mein Biorhythmus bereits, dass ich wieder arbeite? Die Kolleginnen wissen es jedenfalls, mein Fach im Lehrerzimmer quillt über, dafür ist der Tisch – sonst stetiger Quell hochkalorischer Glücksspender – nach meiner Pausenaufsicht wie leergefegt. Dumm, wenn man die erste Pause beaufsichtigen muss. Noch dümmer, wenn man (morgens denke ich immer vernünftig und vor allem gesund) nur Obst einpackt. Obst mag gesund sein, aber es macht definitiv nicht so glücklich wie der Biss in einen Lindthasen.

Einzig die weltbeste Schulsekretärin hat ein Lächeln und – fast noch wichtiger – einen Schokokeks für mich, als ich zur ersten Unfallmeldung (Schneidezahn links oben, glücklicherweise Milchgebiss, dennoch viel Blut) herankrieche. Nach den Ferien ist es diese schnelle Abfolge verschiedenster Wichtigkeiten, die mich plättet. Eben noch Wiederholung der Passionsgeschichte im 3.Schuljahr, dann die Metamorphose der Raupe, der verlorene Schneidezahn, das Wechseln der Klassendienste, die in der zweiten Pause schnell angefertigten Gesprächsnotizen zum vergangenen Hilfeplangespräch, die Lebensgeschichte von Mozart verbunden mit einer kleinen Kulturgeschichte der (Perücken-)Mode, zuletzt dann eine Förderstunde mit Erstklässlern: „Leeeeeeee-naaaaaa ist in der  Sch… Schschschschuuuuuuu-leeeeeee. Schule! Leeee-naaaa ist in der Schule.“

Ja, da bin ich auch wieder. Willkommen daheim zurück, Frau Weh!

Elternabende im Hause Weh

Hallo, ich bin´s mal wieder. Herr Weh.

Frau Weh ist heute etwas unpässlich und hat mich gebeten sie zu vertreten. Was ich zugegebenermaßen mit wachsender Freude tue. Heute werden wir uns einmal dem Thema Elternabend widmen.

Der gewöhnliche Grundschullehrerinnengatte lernt recht schnell, dass er an Elternabenden* nur wenig Schlaf erwarten kann.

Der Elternabend an sich ist ja bereits ein Termin, dem die gesamte Familie Weh, je nach persönlichem Involvierungsgrad und aktueller Stimmungslage der betroffenen Elternschaft, mehr oder weniger intensiv entgegen fiebert.

Während der Gatte (also Herr Weh) im Vorfeld wahlweise Trost spendet („ist ja das letzte Mal in diesem Schuljahr…“), Mut zuspricht („wird schon nicht so lange dauern heute…“), kommunikative Tipps gibt („lass die mal einfach reden…“) und zum Abschied noch einen kritisch würdigenden Blick auf das pädagogische Outfit der Woche wirft („dieses maritime Halstuch lässt dich heute äußerst seriös wirken…), ist der pädagogische Nachwuchs eher pragmatisch orientiert („mama wieda sule, jaa?“, „oooooh, kannst du mir heute gar nicht vorlesen?“).

Ist Frau Weh erst einmal aus dem Haus und die Wehwehchen im Bett, beginnt für Herrn Weh das Warten. Und je nach persönlichem Involvierungsgrad und der aktuellen Stimmungslage der betroffenen Elternschaft auch ein bisschen Bangen.

Tatsächlich ist es ungemein schwer solch einen „freien“ Abend zu genießen. Selbst bei erfolgsversprechendem Start wird die Entspannung zu fortgeschrittener Stunde oftmals etwas bröselig an den Rändern. Früher habe ich ja manchmal versucht, einfach zeitig ins Bett zu gehen und mich schlafend zu stellen. Erfolglos.

Denn die Erfahrung hat gelehrt: Nach einem Elternabend, egal ob gut oder schlecht, braucht die gewöhnliche Grundschullehrerin ein offenes Ohr, nach schlechten Elternabenden sogar ein besonders großes. In der Regel leiht sie sich das des Grundschullehrerinnengatten.

Also habe ich mich darauf eingestellt, geduldig auf die Heimkehr von Frau Weh zu warten, und mir genau anzuhören, was die Mutter von Mia-Sophie…, und wie der Vater von Tom2…, und ja, also die Eltern von Amelie, also wirklich… Und eigentlich wäre ich ja schon viel früher, aber die Mutter von Justin…, und danach musste ich noch mit Frau Schmitz-Hahnenkamp…

Und wenn alles, was  nach so einem Elternabend einfach gesagt werden muss, gesagt wurde und im offenen Ohr von Herrn Weh verschwunden ist, dann verwandelt sich die beste Grundschullehrerin der Welt** ganz langsam in die beste Ehefrau von allen***, und macht Feierabend.

———
* wahlweise auch Schulpflegschafts- und  Fördervereinssitzungen, oder andere spannende Veranstaltungen, mit denen sich Pädagogen gerne mal den Abend vertreiben, wenn sie nicht gerade am heimischen Schreibtisch sitzen.

** natürlich nur nach den durch und durch subjektiven Bewertungskriterien von Herrn Weh.

*** ihr wisst schon…

Das Schulsystem und ich

Das Schulsystem und ich verstehen uns manchmal nicht so gut.

Immer sagt es, wo es langgehen soll. Nie fragt es mich nach meiner Einschätzung. Dauernd kommandiert es mich herum. Mal soll ich jahrgangsübergreifend arbeiten, ein paar Jahre später – ätsch! – bitte nicht mehr. Einmal ist des Pudels Kern der Sachunterricht (worüber sich der Deutschunterricht leise beschwert), dann kommt plötzlich Englisch groß raus. („Sachunterricht? Jeder Unterricht ist Sachunterricht!“) Der Deutschunterricht weint derweil leise vor sich hin und bekommt zum Trost flächendeckend „Lesen durch Schreiben“ verpasst. (Na, danke auch.) Merkt man vorsichtig an, dass die Rechtschreibleistung der Viertklässler erschreckend ist, bekommt man zu allem Übel auch noch die Auflage, wöchentlich eine Stunde des Deutschunterrichts im PC-Raum zu verbringen. Medienerziehung. Als ob das das Problem wäre…

Das Schulsystem arbeitet Hand in Hand mit seiner launigen, pubertären Schwester, der Bildungspolitik. Ständig ändert sie ihre Meinung. Das macht den Umgang mit ihr nicht einfach. Alle Jahre wieder hat sie neue, tolle Ideen, die das Schulsystem dann umsetzen soll. Ich bin nur ein winziger Teil in diesem System. Um solche winzigen Teilchen wie mich in die richtigen Bahnen zu lenken, bedarf es einer vermittelnden Instanz, der Chefin. Die Chefin ist Fan vom Bildungssystem. Neue Ideen findet sie prinzipiell gut und will sie sofort umsetzen.

Neue individuelle Förderpläne? OH, BITTE!

Flexible Eingangsstufe? HIER, HIER!

Inklusion? JAAAA!

Dann schreiben wir uns neue Begriffe auf die Fahnen, reißen die Fenster auf und wedeln wild damit herum. Lasset die Kindlein zu uns kommen!

Manchmal vergessen wir vor lauter Geschäftigkeit allerdings die alten Fahnen wieder einzuholen. Die hängen dann derangiert und traurig auf der Fassade. Bis sich irgendwer an sie erinnert, sie verschämt in Umzugskartons packt und in den Keller stellt. Dort stehen sie dann neben den Rechtschreibkarteien von Sommer-Stumpenhorst und den anderen großen Ideen. Try and error. Konvolut des Scheiterns.

In der letzten Konferenz hat Chefin gesagt, wir sollten doch mal wieder den Keller aufräumen…

Husten, Schnupfen, Heiterkeit

„Frau Weh, weinst du?“ fragt Lotte besorgt.

Fachmännisch mischt sich Justin ein: „Nein, die hat was anderes, guck mal, wie rot der Kopf ist.“

„Kannst du eigentlich ohne Brille was sehen?“ will Benjamin wissen.

Ich kann ihnen nicht antworten. Mich schüttelt ein Hustenanfall, dass mir die Rippen schmerzen. Mein Kopf ist tatsächlich knallrot und vermutlich verschmiert mir gerade die Wimperntusche auf nicht sehr ladylike Weise. Fürsorglich reichen mir ein paar Kinder ein Glas Wasser an. Auch Taschentücher werden mir hilfsbereit von mehreren kleinen Händen zugesteckt. (Erstere nicht alle unbenutzt, letztere nicht alle sauber.)

Nein, ich bin nicht krank, danke der Nachfrage. Tatsächlich habe ich mich verschluckt. An der eigenen Begeisterung. Nachdem die Zweitklässler erfahren haben, dass unsere gemeinsame Zeit begrenzt ist, sind sie zuckersüß, lammfromm und lernfreudig. (Zumindest bis zur ersten Pause.) Sie stürzen sich auf das neue SU-Thema als gäbe es kein Morgen mehr. Sie heften die Fotos an die Tafel und teilen in mehr oder minder verständlicher Rede mit, wo genau ihr Löwenzahn wächst und gedeiht. Als Lennox dann mitteilt, dass sein Löwenzahn im Gebet* wächst, ist es um mich geschehen.

Also mit dem gewöhnlichen Löwenzahn kenne ich mich ja toll aus. Auch mit dem Igel und dem Eichhörnchen. Bienen, Regenwürmer, Frühblüher, Braunkohle, Steinkohle und – wenigstens rudimentär – verschiedene Arten der Energiegewinnung. Alles meine Spezialgebiete. Ich weiß wie man die Cirrocumulus von der Cirrostratus unterscheidet und was das dann fürs Grillwetter bedeutet. Ich sollte wirklich mal zu Wer wird Millionär. Mein punktuelles Wissen ist definitiv was wert. Und so ein bisschen Geld, warum nicht?

„Wieviel verdienst du eigentlich, Frau Weh?“, interessiert sich René.

„Kriegst du etwa Geld hierfür!?“ Nick kann es kaum fassen und reißt die Augen auf.

„Klar, verdient die was. Erwachsene machen doch nix umsonst!“ mischt sich Victoria ein.

Amelie hat auch eine Meinung: „Also mein Papa hat gesagt, die Frau Weh verdient nur das Beste.“

„Deswegen hat sie ja uns!“ befindet Tom1 und tätschelt mir gütlich den Oberarm.

Aber hallo.

 

* Eigentlich wächst Lennoxens Löwenzahn im Beet. Aber beten schadet in diesem besonderen Falle sicher auch nichts.

Es bleibt spannend

Nun ist es amtlich, die Zweitklässler und ich gehen nach den Sommerferien getrennte Wege.

Die Gefühle sind durchwachsen. Seit ziemlich genau einem Jahr bin ich nun für die Seuchenvögelschar verantwortlich und stelle doch fest: so richtig meine sind sie nicht. Ein Jahr ist eine sehr kurze Zeitspanne. Klar, die Stimmung und Lernatmosphäre sind geprägt durch meinen Unterrichtsstil, wir lachen viel miteinander und die meisten Kinder sind aus dem Gröbsten raus. Verhaltenstechnisch wie leistungsmäßig. Aber es gibt noch so viele Baustellen, die ich gerne angegangen wäre, bevor sich die Klasse wieder erneut umstellen muss.

Die Argumente, die mir die Chefin im Vieraugengespräch nannte, sind schlüssig und von Schulleitungsseite aus allesamt durchdacht. Mir fehlt der pädagogische Blick aufs Ganze. Wie Herr Weh bereits des Öfteren glasklar beobachtet hat, ist die Chefin ein Organisations- und Managementtyp. Aber vielleicht ist das die Zukunft von Schule? Wo doch ein Großteil unserer Arbeit immer bürokratischer, formaler und papierlastender wird. Ein Leitungsteam, das das Gesamtschiff Schule steuert und Pädagogik irgendwo zwischen O und Qu im Regal ablegt. Ist das das System, in dem ich noch über 30 Jahre arbeiten kann? Will? Möchte? Muss?

Was ich mit Lennox mache, weiß ich noch nicht. Klar ist bereits, die Chemie zwischen ihm und der zukünftigen Klassenlehrerin stimmt nicht. Sie sähe ihn lieber das zweite Schuljahr wiederholen. Er kann sie nicht leiden. Da gehe ich gar nicht mehr in die Schule, Frau Weh! Das mach ich! Ich schwanke noch. Leistungsmäßig ist er ein satter Viererkandidat, in Deutsch hat er große Probleme. Nein, falsch wäre es nicht, ihn noch ein weiteres Jahr in der Schuleingangsphase zu belassen. Alldieweil ihm dieses Jahr nicht auf die Schulbesuchsdauer angerechnet würde. Und Lennox ist ein Schüler, bei dem dies eventuell einmal zu tragen kommen könnte.

Auch für mich ist noch nicht klar, an welcher Stelle ich nach den Sommerferien eingesetzt werde. Wie ich gestern erfahren durfte, bin ich die große Variable im Personalzirkus. Der Joker. Das Schnäppchen. Entweder viertes Schuljahr. Oder drittes. Oder gar keins und Fachstelle. Alles ist möglich, nichts wird entschieden. Ich kann das nicht leiden. Ich bin ein Planer, ein Vorbereiter. Ich möchte mich auf eine Klasse einstellen können und nicht drei Tage vor Schulbeginn einen Anruf bekommen, wo es hin geht. Bei mir sind spätestens Mitte der Ferien die Tische gestellt, die Materialien ordentlich aufgebaut und die Tafel beschriftet. Zu diesem Zeitpunkt habe ich bereits die Unterrichtsplanung bis zu den Herbstferien in der Tasche.

Allein, was nützt es?

Vielleicht ist das ja jetzt meine große Chance mich in universaler Gelassenheit zu üben? Ach, übrigens, wo wir gerade dabei sind, die Fische sind gewollt. Man kann sie sogar füttern 🙂

Die We(r)berei um Pelleponne

„Alle Freier wurden erdolcht und gemulcht und ermordet und die untreuen Frauen wurden erhängt!“

Mit diesem alamierenden Satz begrüßt mich heute Mittag das mittelgroße Wehwehchen. Oh nein, denke ich, bitte noch nicht so ein Thema. Es ist Freitag und ich fühle mich nicht bereit für schwierige Gespräche. Also taste ich mich vorsichtig heran.

„Wo wurde jemand ermordet?“

„Na in Griechenland!“ Entrüstet schaut das mittelgroße Wehwehchen mich an. (Mensch, Mama, du weißt aber auch wieder gar nichts!)

Ich durchforste mein Gehirn nach diesbezüglichen Informationen, finde aber im Wust von Schuldenschnitt, Finanzkrisen und Hilfspaketen nichts, was mir weiterhilft. War da was im Rotlichtmilieu? Woher soll ich das denn auch wissen. Wer erzählt meinem Kind denn von sowas? Ich muss schalten ehe der Nachwuchs sich in weiteren bluttriefenden Schilderungen ergeht. Also schinde ich Zeit und frage weiter:

„Was sind denn eigentlich Freier?“

„Das sind Männer, die sich um die Liebe einer Frau verdingen.“

???

„Sagt Dr. Reimersdorf von der Weltwissen-AG*.“

Ahhh.

Ok.

Jetzt fällt der Groschen. Dr. Reimersdorf, ein weitgereister Diplomat a.D.,  leitet an der wehwehschen Grundschule die Weltwissen-AG. Aufgrund seines nahezu biblischen Alters und seines untadeligen Rufes genehmige ich mir gedankliche Entspannung und lasse mir jetzt genau erklären, was es mit den Männern und den Morden auf sich hat.

„Odysseus hat sie alle umgebracht. Denn nur der Hund hat ihn erkannt. Und die Mägde – Mama, was sind denn eigentlich Mägde? – also die wurden im Hof aufgehängt, weil die untreu waren gegenüber ihrem Herrn. Pelleponne war dann aber ziemlich froh, dass ihr Mann wieder da war. Ich mein, Mama, das waren 20 Jahre! Der war 20 Jahre unterwegs ohne Bescheid zu sagen. Da dachten natürlich alle, er sei tot und deswegen wollten die Männer alle Pelleponne heiraten. Ich weiß nicht, ob die nach 20 Jahren noch schön war, aber reich war sie, sagt Dr. Reimersdorf. Dann kann man die Freier ja auch irgendwie verstehen!“

Kann man. Ich verstehe jetzt auch und bin dankbar für Männer wie Dr. Reimersdorf, die klassische Bildung ans Kind bringen und es trotzdem noch eine Weile Kind sein lassen.

Glück gehabt, für heute erstmal keine Problemgespräche.

 

* Werbeslogan: Willst du mehr über die Welt wissen, geh zu Weltwissen!

Miese Stimmung

Heute war der Supernanny im Unterricht. Mal schauen, wie sich Lennox so macht. Zu Hause, erzählt mir Supernanny, kann er nicht viel ausrichten. Zu verfahren das Beziehungsgeflecht zwischen Mutter, Stiefvater, Erzeuger und anderweitigen Lebenspartnern. Keiner der beteiligten Erwachsenen hat eine stabile Basis. Alle befinden sich an irgendeiner Kante, über die sie zu fallen drohen. Da ist keine Kraft und noch weniger Liebe für ein Kind übrig, das die Krallen ausfährt anstelle um Hilfe zu rufen. Woher soll er es denn auch gelernt haben? Der Supernanny möchte noch einen finalen Termin mit mir und der Mutter wahrnehmen, dann wird er sich wahrscheinlich rausziehen. Es gibt noch so viele andere Baustellen, an denen er vielleicht mehr Erfolg haben wird. Hier sieht er keinen Horizont. Die Ressourcen des Jugendamtes sind begrenzt. Kindeswohlgefährdung liegt nicht vor. Da kann man nichts machen, sorry. Ihr leistet in der Schule ja schon ganz viel bei Lennox!

Tun wir? Im Moment läuft es ganz gut so weit. Abgesehen von den Ausrastern und unvorhersehbaren Aggressionen. Leistungsmäßig? Naja. Es bleibt schwierig für Kinder wie Lennox in unserem Bildungssystem. Demnächst steht die Entscheidung an, ob er noch ein Jahr in der Schuleingangsphase verbleibt oder mit den anderen ins 3.Schuljahr geht. Klar täte ihm noch ein Jahr gut. Aber hier geht es nicht nur um schwache Leistungen. Irgendwie geht es bei Lennox auch um Menschwerdung. Und da tut ihm der Schutz einer Lerngruppe gut, in der er sich seit zwei Jahren befindet und die ihn eben nimmt, wie er ist. Natürlich kann er viele nicht leiden, natürlich ist Schule immer noch scheiße. Und trotzdem bleibt Lennox am Ende eines Schultages so lange in der Klasse, dass er den liegengebliebenen Kakaokasten wegräumt, die letzten Stühle hochstellt, das Rollo hochdreht. Nickt gönnerhaft, wenn ich ihn frage, ob er noch einmal kontrollieren könne, ob alles in der Klasse in Ordnung ist. Strahlt, wenn ich rückmelde, dass ich froh bin, mich auf ihn verlassen zu können. Fragt schnell, ob vielleicht in meiner Schublade noch ein Zwieback…?

Aber nächstes Jahr bin ich aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr Klassenlehrerin der Zweitklässler. Und die Kollegin, die vermutlich übernimmt, hat mir schon mitgeteilt, dass sie es bevorzugen würde, alle direkt nach unten zu geben, die es vermutlich nicht packen werden. „Darunter fällt dann doch ganz sicher dein Lennox, Frau Weh?!“

Vermutlich :-/

Frühstücksgespräch

So oder ähnlich jeden Morgen bei Familie Weh:

Frau Weh (bereits im Arbeitsmodus) verteilt Abschiedsküsse, Aufträge und/oder letzte Ermahnungen an die Familienmitglieder.

Miniweh (bester Laune) sitzt im Hochstuhl und verteilt Marmelade: Mama Sule? Ja? Wieda? Is winte, ja? Mama, Tuss deben!*

mi.gro. Wehwehchen (müde und irgendwie missmutig): Wieviele Stunden hast du heute? Kommst du normal, Mama?

Herr Weh (abgeklärt und sinnierend): Die Mama kommt nie normal aus der Schule.

 

* Übersetzung für Leser ohne Kleinkinderfahrung: Mama, fährst du in die Schule? Ja? Schon wieder? Ich winke, ja? Mama, gib mir einen Kuss!

Biorhythmus

Ich brauche ein Diktiergerät.

Wenn ich morgens mit dem Auto auf dem Weg zur Arbeit bin, dann sprühe ich regelrecht vor brillianten Blogideen. Ungebremst strömen die wortreichsten, witzigsten Formulierungen aus meiner dafür zuständigen Hirnhälfte. Pädagogischer Scharfsinn gepaart mit belletristischer Raffinesse. Ein Bonmot jagt da das andere. Morgens um 7.00 bin ich wirklich unschlagbar kreativ. Ich lache selber laut über meine Ideen und lege sie – bildlich gesehen – in einer Schublade ab, um sie dann später in Ruhe aufzuschreiben.

Dann komme ich in der Schule an.

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Und verlasse sie ein paar Stunden später wieder mit nichts außer einem großen Gefühl der Leere.

Von Magenknurren untermalt.

Schade, ne?