Die Geister, die ich rief

Oha. Jetzt habe ich im vergangenen Jahr so oft in den Konferenzen verlauten lassen, wie stressig es sei, bei dem ganzen Fachunterricht die eigene Klasse täglich nur zwei Stunden zu sehen, dass sich nun der Stundenplan zu meinen Gunsten geändert hat. Heute hatten wir – die ganze durchgedrehte Brut nebst meiner konfusen Wenigkeit – erstmalig das Vergnügen SECHS STUNDEN miteinander verbringen zu dürfen.

Hölle.

Hölle.

Hölle.

Ich will sofort und auf der Stelle wieder in den Musikraum zurück.

 

 

 

Ärger, du kannst mich nicht anschmiern…

Der heutige Tag spottet jeder Beschreibung des achsobeschaulichen Grundschulalltags. Würde ich mich nicht selber als relativ kultiviert bezeichnen, ehrlich, ich würde das böse f-Wort benutzen. Es lief schief, was schieflaufen konnte. Einschließlich Jens, der sich beim Aufprall am Zaun nicht nur eine blutige Nase holte, sondern auch noch ein Stück Schneidezahn als Wegezoll hinterließ. Nein, kein Milchzahn. Dass dieses Stück Zahn in meiner Kaffeetasse landete, da ich mich bereits genau dort mitten in einem Haufen durchgedrehter Drittklässler befand, klingt jetzt vielleicht lustig, war es in dem Moment allerdings wirklich nicht. Immerhin konnte ich der Mutter glaubhaft versichern, dass ich unmittelbar zur Stelle war und auch das fehlende Stück Zahn bereits geborgen hätte. Das ist immer wichtig, Aufsichtspflicht und so. Dennoch fühle ich mich (es lesen ja auch nicht wenige Studenten und Lehramtsanwärter mit) bemüßigt mitzuteilen, dass Kaffee die falsche Nährflüssigkeit für ausgeschlagene Zähne darstellt. Milch ist besser.

Milch und Apfelsaft waren übrigens die beiden Flüssigkeiten, die sich in der Stunde vor der großen Pause bei den Zweitklässlern über Tische, Hefte, Ranzen und Boden ergossen. Und das natürlich in den einzigen beiden Momenten, in denen es heute einigermaßen leise war. Der Rest war grande catastrophe, um es gesitteter auszudrücken als es tatsächlich war. Ich konnte die Klasse nicht einmal dafür loben, dass sie in der Pause bemerkenswert wenig aufgefallen waren, da sich diese Tatsache darin begründete, dass ein Großteil der Zweitklässler erst gar nicht auf dem Pausenhof erschienen war. Durch die Milch-und-Apfelsaft-Überschwemmung im Zeitplan etwas in Verzug geraten, verließ ich den Klassenraum nämlich gerade noch pünktlich mit dem Pausenklingeln, aber ohne die fröstelnde Mehrheit der mir anvertrauten Seuchenvögel. Dieser Umstand blieb von mir – involviert in verschiedenste Pausenhof-Querelen – unbemerkt, nicht aber von der Chefin, die unglücklicherweise auf dem Weg zum Klo an meiner Klasse vorbeikam und so Zeuge wurde wie Amelie (et tu, Brute!?), Victoria, Justin, Nick, Mia-Sophie, Lotte, Benjamin und noch ein paar mehr sich vergnüglich im muckelwarmen Klassenraum tummelten. Die einen sittsam bei der Anfertigung verschiedener HimmelundHölles, die anderen bei einer gepflegten Rauferei in den Resten der klebrigen Pfütze.

HimmelundHölle wird im Englischen übrigens als Fortune Teller, also Wahrsager bezeichnet. Die gleiche Bezeichnung hätte auch Kollegin Abendroth verdient, die mir am Ende der Pause sowie am Fuße der Treppe süffisant mitteilte, die Chefin wolle mich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit noch rundmachen sprechen. Da hätten wohl ein paar Zweitklässler über die Stränge geschlagen.

Das taten an diesem verf…eudelten Tag dann auch die eben noch in gallischer Manier verwobenen Kampfsäue aus der 3a, die ich zu unterrichten nun die Freude hatte. Da konnte dann auch der Besuch der Hauptschüler (aha, dort also heute Zeugniskonferenz) nichts mehr rausreißen. Kurz, am Ende der Stunde flossen Tränen und beinahe hätte ich jemandem einen Boomwhacker über die Rübe gezogen. Verdient hätte er es, bei meinem Seelenheil! Glücklicherweise hatte ich mich noch gerade so unter Kontrolle.

Diese grandiose Selbstkontrolle ist allerdings nicht Sache der Chefin. Dennoch erfolgte die Rüge ob meiner nachlässigen Aufsichtspflicht (welch ein Hohn, wo ich doch nur um pünktlich die Hofaufsicht zu beginnen, die Klasse vor den Kindern verließ, argh), die mich nach der 6. Stunde traf, sachlich und – oh Wunder – im freundlichen Tonfalle. Weniger freundlich war der Fall, den ich hinlegte als ich auf der immer noch vorhandenen Pfütze ausrutschte. Keine Sorge, ich lebe. Aber frei nach dem großen Stefan Stoppok: So viel Pech am Dienstagmorgen, da mach ich mir echt Sorgen!

 

 

 

Besucher

Bei der CrazyFunkyChicken Probe drängeln sich die Zuhörer. Das benachbarte Gymnasium hat Zeugniskonferenz und ein ganzer Schwall ehemaliger Schüler ergießt sich in den Musikraum. Die meisten erkenne ich, bei manchen muss ich passen. Groß sind sie geworden. Und ruhiger. Und irgendwie erwachsen. Vor gar nicht langer Zeit haben sie hier im Chor gesungen, Inselmusik vorgestellt oder beim Warm Up abgerockt. Ich fühle mich innendrin ein bisschen sentimental angerührt.

„Ooooh, Frau Weh, Sie haben sich ja gar nicht verändert!“ strahlt mich Max-der-Fünftklässler an, der letztes Jahr noch selbst Mitglied im Schulorchester war und mich manche Schweißperle gekostet hat.

„Doch, Sie sind noch hübscher geworden!“ beteuert Marco, mittlerweile zwei Köpfe größer und reichlich verpickelt. Begehrlich schielt er auf das neue Keyboard, das einsatzbereit neben dem Cello wartet. Alte Schleimbacke.

Ich freue mich über den Besuch und will wissen, wie der Musikunterricht so sei. Schließlich habe ich jeden Einzelnen mit gutem Gewissen ziehen lassen können. Betretenes Schweigen.

„Naja, nicht so der Knaller. Die meisten haben den Dombrowski. Der schreit meistens rum. Wir müssen eigentlich nur schreiben und lernen und so.“ „Ja, der ist total doof.“ „Das ist eigentlich überhaupt kein Musikunterricht. Also wir machen jedenfalls keine.“

Ich interveniere – Kollegenschelte kommt bei mir nicht gut an – werde aber umgehend darüber informiert, dass von der 5 bis zur 9 eigentlich gar nicht musiziert wird. Stattdessen – so man ihnen denn glauben darf – schreiben sie einen Test nach dem anderen in Musiktheorie und dergleichen. Wenigstens ein bisschen singen zwischendurch? Nö.

„Ich habe jetzt Musik abgewählt“, gibt Sandra zu. Ich bin nicht nur überrascht, ich bin tatsächlich sprachlos. Sandra ist jetzt 16, hochmusikalisch, zwei Instrumente, die sie bereits im zweiten Schuljahr äußerst passabel spielen konnte, dazu eine Stimme, dass sich Herr Bohlen an der eigenen Spucke verschlucken würde, so sie denn diesen Weg wählen würde. Und jetzt das. Ich habe den Lehrplan der weiterführenden Schulen natürlich nicht im Kopf, würde aber jeden Eid schwören, dass Musik machen auch dort verankert ist.

Aber sie würde gerne nächstes Jahr zum Praktikum kommen, eigentlich interessiere sie sich fürs Theater, aber dass es ziemlich unrealistisch sei, dort unterzukommen, wisse sie natürlich. Und Lehrerin werden, das wäre auch so ein Traum. Musik natürlich, das wäre das Größte!

Ich genehmige mir im Stillen den Kollegen Dombrowski für den Moment auch doof zu finden und platziere die Besucher zur Jamsession zwischen die neugierigen Orchesterkinder, die mit großen Augen und noch größeren Ohren den Schilderungen der Großen folgen. Wir unterlegen „Puck, die Stubenfliege“ mit halsbrecherischen Sambarhythmen, lernen schnell etwas über Offbeat, den alten Schlingel, lachen viel und beschließen einen Gegenbesuch der CrazyFunkyChicken im Musikunterricht der Großen. Zum Marsch blasen*.

 

*(Marco schwört, dass er „zum in den Arsch blasen gehört habe“. Dies entbehrt natürlich jeder Grundlage!)

 

 

Feiertagsgedanken

Noch feiermüdeaberglücklich von der gestrigen Party, Silje Nergaard im Ohr und den Resten eines spektakulären Lacks auf den Nägeln sammle ich die Reste von Frau Weh zusammen und lenke meine Gedanken wieder testweise schulwärts.

Und schweife umgehend wieder ab. Wann haben die Wochenenden angefangen so wahnsinnig wichtig zu werden? Waren wir im Studium und Referendariat noch ständig unterwegs und unter Strom, so brauche ich mittlerweile die Wochenendtage zum Auftanken, Familie(gerne)haben, Merken, dass das Leben auch außerhalb der Schule mich braucht – und umgekehrt. Ich liebe meine Arbeit und ich mache sie (meistens) gerne. Tagtäglich. Aber sie verbraucht Energie, manchmal Unmengen davon, die irgendwie wieder rein muss. Es gab schon Zeiten, da habe ich das nicht so gut hinbekommen mit dem Gleichgewicht. Daraufhin habe ich reflektiert und analysiert, umgedacht und wieder verworfen, mich von Unwichtigem getrennt und Prioritäten neu sortiert. Jetzt geht es besser, auch, weil ich erkannt habe, wie kostbar diese zwei schulfreien Tage sind. Ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, die komplette Wochennach- und vorbereitung ginge mir freitags nach der Schule leicht von der Hand, aber dafür ist das Samstagsmorgengefühl unbezahlbar.

Und so aufgetankt starte ich dann montags in die Schulwoche.

(Und habe Konferenz…)

 

In diesem Sinne, habt ein schönes Wochenende!

 

 

 

 

Neues aus dem Lehrerzimmer

Das Gemurre über die viele – oft unsinnig anmutende – Zusatzarbeit hat in der letzten Zeit kontinuierlich zugenommen. Die Chefin (Anfang des Jahres immer wie frisch aus dem Führungsseminar) erteilt uns daher den Auftrag, alle Termine, die uns schulisch belasten und ungebührlich Zeit kosten, zu notieren und in den großen Jahresplaner im Lehrerzimmer zu kleben. Mal sehen, ob es überhaupt so viel ist. Vielleicht stellen sich die Kolleginnen ja nur ein bisschen an. (Tun wir gelegentlich, zugegeben.)

Jetzt hängen da lauter bunte Zettelchen und flattern lustig im Durchzug. VERA steht auf einem oder auch BUNDESJUGENDSPIELE und DELFIN 4. Wenn ich die Augen zusammenkneife, kann ich WEIHNACHTSMARKT und 24 STUNDEN SCHWIMMEN lesen. Das da hinten könnte FÖRDERKONFERENZEN heißen. Insgesamt sind es 72 Zettel. Interessant, auf keinem steht UNTERRICHT. Jetzt sollen wir gewichten und Punkte auf die Aktivitäten kleben, über deren Notwendigkeit vielleicht dann doch mal geredet werden könnte. Um den exakten Auftrag zu definieren fragt eine Kollegin vorsichtshalber nach:

„Also wir sollen jetzt alle Dinge markern, die uns davon abhalten, frisch und fröhlich zu unterrichten?“

Darauf die Chefin: „Was uns davon abhält, frisch und fröhlich zu unterrichten, ist unser Beruf.“

Oha. So habe ich das ja noch nie gesehen.

Und wenn du Mittwoch überlebst, ist Donnerstag

Diese erste Woche nach den Ferien schlaucht mich. Es gibt einen neuen Stundenplan, verbunden damit auch neu verteilte Aufsichten, Förder-, Schwimm- und Sportgruppen. Bei manchen Kindern ändern sich die Betreuungstage, andere gehen jetzt montags für die nächsten Wochen zur Karnevalstanz-AG, wieder andere wollen jetzt gerne in den Chor kommen. Alle Änderungen muss ich im Kopf (oder wenigstens doch auf einer griffbereiten Liste) haben. Chefin will den aktuellen Stand vom diesjährigen Sprachstand wissen (es gibt noch keinen) und den Grund, warum die Zweitklässler mit ihren Sporttaschen den Fluchtweg versperren (das tun sie seit einem halben Jahr einmal in der Woche, bisher ist es nur nicht aufgefallen). Kollegin ZudemFeld möchte die Busaufsicht dienstags gegen die am Mittwoch tauschen, wenn ich dafür die Frühaufsicht am Montag gegen die große Pause dienstags tausche. Kollegin Abendroth ist verstimmt darüber, dass ihre Erstklässler aufgrund der nun doppelstündigen CrazyFunkyChicken-Probe den Musikunterricht nicht im Fachraum genießen können, sondern im Klassenraum verbleiben müssen. Über allem schweben die in der nächsten Woche fälligen Portfolios, Zeugnisnoten, sonderpädagogischen Fallberichte und – natürlich – auch ein paar Schnupfenviren. Auf meiner Kaffeemaschine klebt seit heute ein Kuckuck ein Prüfsiegel des Elektrikers. Was hat er da geprüft? Wie der Kaffee in Klasse 2 schmeckt? Nicht nur die Kinder scheinen noch mit der Umstellung in den Schulmodus zu kämpfen.

Immerhin war Sport mit den Zweitklässlern Zucker. Jetzt kann ich auch die Trauer unserer aktuellen Mrs.Sporty (Sportlehrerinnen scheinen wir zu wechseln wie das Bildungssystem seine immer neueren, immer besseren Konzepte) verstehen. Sie waren allerliebst, düsten in der Halle auf und nieder, wichen sich dabei erstaunlich gut aus (weitaus besser als in den Pausen) und waren guter Dinge. Ein Pfiff auf der von Herrn Weh geliehenen Trillerpfeie und sie saßen im Mittelkreis. Sogar beim Umziehen gab es keinen Streit, keine vergessenen Handschuhe und überhaupt war dieser Teil eindeutig der beste des Tages. Ich mach jetzt immer Sport, das ist ja voll entspannt.

Dick und Doof

In der großen Pause gab es Aufruhr. Wutentbrannt stürmen die Zweitklässler nach dem Klingeln zu mir: Der hat und… der auch… und dann… aber ich habe… und ich… und dann war der ganz alleine und alle anderen… hat Dicker zu ihm gesagt…

Die beiden Streithähne stehen weit auseinander. Beide zittern noch vor Aufregung und Tränen sind auch zu sehen. Die Klasse hat sich in zwei Lager gespalten. Beide Seiten brüllen sich an. Immerhin fliegt – von einigen nicht sehr schmeichelhaften Ausdrücken abgesehen – nichts handfesteres von einer Gruppe zur anderen. Es dauert einen Moment, bis ich sie einigermaßen geordnet in der Reihe und die Treppe hoch ins Klassenzimmer geschafft habe. Dass sofortiges Reden hier nichts bringt, ist klar ersichtlich. (Wie fast immer unterstehe ich einem gewissen Zeitdruck. Ich seufze innerlich, allein, was nützt es?) Also drücke ich Tom2 und Justin einen Zettel in die Hand mit der Aufforderung aufzuschreiben, wie sie sich gerade fühlen. Die aufgeregten Gemüter der anderen beruhige ich mit der kurzen Ansage, dass wir nach dem Wochenbericht reden.

„Aber Frau Weh! Der Tom2…!“

„NACH dem Wochenbericht!“ donnere ich und schieße einen Frau Weh Blick für spezielle Momente in die meuternde Ecke. Die Zweitklässler beruhigen sich langsam. Manch einer schreibt sich die Aufregung von der Seele.

Als die Wochenberichte fertig sind, treffen wir uns im Sitzkreis. Auch die beiden Zankäpfel haben sich zu uns gesetzt. Mit größtmöglichem Abstand zueinander. Wir singen. (Wenn nichts hilft, hilft singen!)

Am Montag spielt der Luca Fußball…

Nachdenklich schaue ich sie mir an, die Zweitklässler. Seit ich sie übernommen habe, impfe ich ihnen Gemeinschaftsgefühl und Empathie ein. Teilweise in homöopathischen Dosen.

…spielt der Luca mit seinen Freunden Fußball

Es hat sich schon viel getan in den letzten Monaten. Sie haben ein zartes Gespür für Unrecht entwickelt. Außerdem begreifen sie sich zwischendurch als Gruppe, besonders dann, wenn ich sie auf ein Spielchen herausfordere. Nur verlieren können sie noch gar nicht. Das liegt vermutlich an ihrer recht ausgeprägten Emotionalität und der noch nicht abgelegten Egozentrik einiger. Vor mir sitzt die emotionale Ursuppe der Menschheit in ihrer gesamten Bandbreite. Brodelnd, blubbernd und manchmal leicht schwefelig riechend.

…keiner sagt, du musst, keiner sagt, du sollst! Luca nimmt sich Zeit…

Ich nehme mir dann auch mal Zeit (obwohl ich sie eigentlich nicht habe),  greife die beiden Zettel und lese vor:

„Ich war ganz alleine und alle sind hinter mir her gewesen. Ich habe Angst gehabt und keiner hat mir geholfen.“

Die Zweitklässler sind still. Dann melden sich einige. Noch ein paar mehr Finger schnellen hoch.

Es ist schrecklich, wenn man ganz allein ist…Auch, wenn man eigentlich gar nicht alleine ist… Aber wenn man sich so fühlt!…Angst haben ist doof…Ich habe immer Angst, wenn ich alleine im Dunkeln bin…Ich habe NIE Angst! Ich habe Fluch der Karibik gesehen, alle Teile, das war gar nicht schlimm!…Der ist ab 12, den darfst du gar nicht sehen!…

Bevor die FSK-Diskussion ausufert, lese ich den zweiten Zettel vor: „Auf einmal hat der Justin einfach zu mir gesagt, dass ich ein fettes Ferkel bin und das war so gemein. Dann habe ich geweint.“

Das ist gemein, der Tom2 kann ja gar nichts dafür, dass er so dick ist!…Man darf keinen blöd anreden, nur weil er nicht so…na eben nicht so ist wie die anderen…Das war ziemlich doof vom Justin, da mussten wir den Tom2 doch verteidigen…

Es geht noch eine Weile hin und her. Die beiden Streithähne hören aufmerksam zu bis plötzlich Justin zu kirchern anfängt.

„Justin?“

„Frau Weh, das ist so wie in dem Film, den ich mal gesehen habe und der war ohne Farbe und mit zwei Leuten dabei und die waren wie wir: dick und doof.“

Ich erstarre innerlich. Oh nicht doch! Verdammt, alle zarten Triebe der Versöhnung roh gekappt. Ich schaue schnell in die andere Ecke, getrieben von bösen Vorahnungen.

Dort sitzt Tom2 und grinst über beide Pausbacken: „Ja, doof bist du wirklich!“

Little fence of horrors

Der Zaun ist über Nacht gewachsen. Ich bin mir ganz sicher.

Es ist große Pause, ich habe Aufsicht und bin – wiederholt – zum locus delicti gerufen worden. Diesmal hat es Janas Jacke erwischt, sie hängt oben über der Kante und sieht traurig aus. Luis, der verantwortliche Übeltäter, hat sich auf dem Jungenklo verschanzt. Wegen der dort anzutreffenden olfaktorischen Beleidigung verschiebe ich die Anhörung auf später und blicke skeptisch nach oben. Wie gesagt, gestern kam er mir kleiner vor, der Zaun.

„2 Meter! Immernoch! Gestern, heute und morgen auch noch!“ bellt der Hausmeister. Dieser Zaun kostet auch ihn Nerven. Nichts als Dreck haben die Arbeiter hinterlassen. Und wer muss das jetzt wieder wegmachen? Und überhaupt.

„Aber ich komme gar nicht an die Jacke dran. Das können doch keine 2 Meter sein.“, verteidige ich mich. Herr Heinzes Blick misst mich von oben bis unten ab. „Na, Mädschen, also das kann ich mir jetzt auch gar nicht erklären!“, sagts, grinst und zieht die Jacke vom Zaun. „So und jetzt passte mal ganz genau auf! Wenn ich mal nicht da bin, dann musste hier den Bolzen zunächst einmal hoch ziehen, dann rausdrehen, dann nach unten schieben, das Tor aufziehen, feststellen und dann das Ganze wieder zurück!“

(Ich summe leise das Lied vom Nippel und der Lasche vor mich hin.)

„Haste jetzt auch zugehört, Mädschen? Ihr seid hier verantwortlich!“

„Andernfalls Prozess am Hals!“, nicke ich ernsthaft und wiederhole „rauf, rein, raus, runter, fertig! Schon verstanden.“

Leider werden wir unterbrochen, da ich im Augenwinkel bemerke, dass die Zweitklässler ein neues Spiel erfunden haben. Darin sind sie große Klasse. Sie haben schon so bemerkenswerte Spiele erfunden wie „Socken werfen“, „Strohhalm-Dart“ oder auch „Das lustige Rülps-ABC-Spiel mit Ekel“. Ihr kreatives Potential schlägt das ihrer Lernbereitschaft um Längen. Den Zaun haben sie sogleich fröhlich als neues Spielgerät in ihr reichhaltiges Repertoire aufgenommen. Jetzt hat sich gleich ein ganzes Knäuel aus Armen, Beinen und Köpfen an einem der raufreinrausrunter-Tore gebildet und schwingt lustig hin und her. Immer mehr Kinder werfen sich juchzend hinein und klammern sich an Hälse, Schultern oder was auch immer da so rausguckt. Ich seufze leise. Immer muss ich Spielverderberin sein.

Im Laufe der Pause werde ich noch zwei Erstklässler verarzten, die im vollen Lauf gegen den Zaun knallen werden (ihn in unauffällig grün zu streichen war vielleicht nicht die beste Idee), eine – zugegeben dünne – Viertklässlerin unter dem Zaun hervorziehen und mich selber beinahe strangulieren, als ich mit dem Schal an einem der Tore hängenbleibe.

Na das kann ja noch heiter werden.

In the ghetto

Beladen mit BW-Kampftasche*, gut gefüllter Klappkiste und drei Klassensätzen nachgesehener Musikhefte stapfe ich durch die Pfützen auf dem Lehrerparkplatz. Ich habe Glück, der Hausmeister ist bereits da, sodass ein kleiner Lichtschein den Weg notdürftig erhellt. Nicht auszumalen, was passiert wäre, wenn ich den Erdhaufen vor dem Eingangstor – oder zumindest an der Stelle, an der sich das Tor noch vor den Ferien befand – übersehen hätte und mitsamt meinem (Über)gepäck in die dahinterliegende Grube geplumpst wäre.

Eine halbe Stunde später in der Frühaufsicht sehe ich dann auch den Grund für die veränderte Eingangssituation: man hat uns eingezäunt.

Komplett.

2m hoch. Zwar warten wir auf die Umzäunung nun schon eine ganze Weile (dass wir sie brauchen, wird jeden Morgen beim Betreten des Schulhofes klar: Glasscherben, Müll, verdreckte Türen und Fenster, Gestank wie hinterm Bahnhofsklo), aber jetzt, wo sie da ist, erfüllt sie uns mit gemischten Gefühlen. Da nützt auch das freundliche Grün des Anstrichs nichts. Was ist das für eine Gesellschaft, in der man Grundschulen einzäunen muss?

Die Kinder hingegen freuen sich unbelastet. Der Zaun wird berüttelt und mit Kennermiene begutachtet. Die solide Bauweise wird gelobt, die Höhe bewundert. Manchen fehlt gar der Stacheldraht: „Weißt du, Frau Weh, dann pieken die sich nämlich voll in den Hintern und in den duweißtschon, wenn die da drüber klettern!“. Justin grinst diabolisch.

„Oh ja, dann werden die da so voll aufgespießt! Geil!“, freut sich Leon mit ihm.

„Eh, dann hängen da voll die Skelette rum wie bei Medieval Moves“, Lennox weiß Bescheid.

„Aber“, schaltet sich da Amelie mit gerunzelter Stirn ein, „was ist, wenn da mal ein Vogel landen will?“

Betretenes Schweigen unter den Jungs. „Dann“, meldet sich Leon zu Wort, „dann wär das ganz schöner Mist!“

Da wedelt Lennox gönnerhaft mit der Hand und verdreht die Augen: „Na, dann meinetwegen eben ohne Stacheldraht, aber mit total tiefem Graben dahinter!“

 

*(ja, das vermittelt eventuell einen falschen Eindruck. Aber das Format ist unschlagbar, die Qualität ebenfalls. Außerdem ist sie rot und hat Blümchen)

Am letzten Ferientag*

* (ja, ich zähle die Wochenenden IMMER mit zu den Ferien, das ist ein gutes Gefühl)

 

aufgeregt*aufgeregt*aufgeregt*aufgeregt*aufgeregt*aufgeregt*aufgeregt*

aufgeregt*aufgeregt*aufgeregt*aufgeregt*aufgeregt*aufgeregt*aufgeregt*

aufgeregt*aufgeregt*aufgeregt*aufgeregt*aufgeregt*aufgeregt*aufgeregt*

aufgeregt*aufgeregt*aufgeregt*aufgeregt*aufgeregt*aufgeregt*aufgeregt*

aufgeregt*aufgeregt*aufgeregt*aufgeregt*aufgeregt*aufgeregt*aufgeregt*

aufgeregt*aufgeregt*aufgeregt*aufgeregt*aufgeregt*aufgeregt*aufgeregt*

aufgeregt*aufgeregt*aufgeregt*aufgeregt*aufgeregt*aufgeregt*aufgeregt*

 

Zumindest ein bisschen.

Eigentlich voll blöd.

Und unnötig. Schließlich wird es sich spätestens morgen um 8.10 Uhr so anfühlen, als wären nie Ferien gewesen.

Aber ist nunmal so. Kann ich jetzt auch nichts dran ändern.