Freude

Ich habe gerade ein Foto vom Chorauftritt per E-Mail geschickt bekommen. Wuselig, trubelig, Massen von Kindern. Mittendrin Lennox, ganz klein, ganz still, ein feines Lächeln im Gesicht.

Neben all dem Stress, dem Ärger, dem immer wiederkehrenden Gefühl nicht genug getan zu haben, noch mehr tun zu können, sind es diese Momente, für die ich meine Arbeit liebe und sie gerne mache.

Immer wieder von neuem.

Schön, dass ich das mit euch teilen kann.

Advent, Advent

Ich will auch mehr von Herrn Weh, definitiv. Wärmflasche, Tee, fertiger Blogeintrag – genau das, was ich gebraucht habe. Lehrergatten haben den Familienzuschlag definitiv verdient.

Mehr als 12 Stunden Schule am Stück, da baue ich irgendwann ab. Insgesamt war es aber ganz nett. Manche Kinder haben sogar Dinge gebastelt am Bastelnachmittag. Andere haben sich sytematisch durch die vor den Klassen aufgestellten Keksteller gefuttert, wieder andere haben den Nachmittag genutzt, um sich auf dem Schulhof zu kloppen. Das fand ich ganz spannend, weil sich daraufhin die Eltern der Kinder miteinander angelegt haben – ebenso lautstark, aber ohne Körpereinsatz – da konnte man durchaus Ähnlichkeiten feststellen. Übrigens arbeiten wir seit Jahren mit Gewaltpräventionsprogrammen. Aber Blut ist nunmal dicker als Wasser.

Der Auftritt des Schulchores (man erinnere sich: Rentiergeweihe, Kokosnüsse, dicke rote Kerzen Nasen) war wie jedes Jahr. Die Generalprobe ein Traum, alle aufmerksam, alle konzentriert, klare Stimmen, auswendiggelernte Ansagetexte. Dann die Aufführung. Weit aufgerissene Augen („so viele Leute…!“), piepsige Stimmchen, Verhaspler bei den Ansagen, keine den Umständen angepasste Anlage. Hach ja. Trotzdem fanden es alle schön und waren gerührt. Was gibt es putzigeres als den eigenen Nachwuchs, wenn er gebannt und mit geröteten Wangen ein Schellenband im richtigen Rhythmus schüttelt? Ich habe mich ein bisschen zum Affen gemacht, die Choreographie für den Sleigh Ride (dass mir jetzt niemand mit der GEMA anfange…! 😉 ) benötigt noch einen Vorhopser. Aber das gehört zum Musiklehrerdasein wie die Bauchschmerzen zum Bastelnachmittag. Außerdem gelangt man so immerhin zu einem recht großen Bekanntheitsgrad. „Ah, Sie sind doch die Frau Weh. Wir haben Sie eben hüpfen sehen.“

Jetzt kann ich eine Veranstaltung von der SCHULKRAM-Liste streichen. Das ist schön. Ein paar andere warten ja noch.

In diesem Sinne, ein schönes, erstes Adventswochenende!

 

Halleluja!

Meine Güte, ich bin heute aufgewacht und – ich muss es in aller Bescheidenheit sagen – hatte gleich zwei geniale Ideen auf einmal:

1. Ich bespreche morgen im Kreis die von mir aufgestellte neue Sitzordnung (vielen Dank für die Kommentare und links. Der FAZ-Artikel trifft es genau!) und lasse die Kinder herausfinden, warum ihr neuer Platz haargenau der richtige für sie ist. Meine Zweitklässler knobeln gerne. Und sie machen gern mal ein Spielchen. Wenn ich sie also morgen auffordere – der Ehre oder vielleicht als Anreiz auch einer zusätzlichen Stunde Freiarbeit halber – herauszufinden, warum ich sie genau so und nicht anders gesetzt habe, dann werden sie Grüppchen bilden und gemeinsam versuchen, die Nuss zu knacken. Und ich habe zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Die Sitzordnung steht und die Zweitklässler werden es toll finden. (Soweit zumindest die Theorie. Ich werde dann mitteilen, ob es funktioniert hat.)

2. Das CrazyFunkyChicken-Problem. Noch vier Proben, dann folgt der Weihnachtsgottesdienst. Da es unwahrscheinlich ist, dass die Chaostruppe sich bis dahin noch in Philharmonikersphären aufschwingt, setze ich eben noch eins drauf. Ich packe – sozusagen als Sahnehäubchen – einfach noch den Schulchor (dessen Auftritt und die damit verbundene Probenarbeit ja bereits diese Woche beendet ist) mit einem zusätzlichen Stück dazu. Halleluja! Die Rettung! In diesem Fall von Leonard Cohen. Runter transponiert passt das allseits beliebte und bekannte Hallelujah auf die leeren Saiten von Cello und Geige, Trommel geht immer, Gitarre auch. Erste Strophe passt schon, eine zweite füge ich mit weihnachtlichem Text an. Die Strophen singe ich Solo mit Headset (zusätzlicher Coolnessfaktor!), Chor summt die Melodie mit, das Halleluja zweistimmig von allen, fertig! Damit hätten wir den Ohrwurm, den jede gute musikalische Veranstaltung braucht, der das gesamte Auditorium einfängt und stimmungsvoll nachhallen wird. Ja, vor Rührung weinen werden sie!

Wer spricht da noch über ein gequältes Saxophon? 🙂

Ziege, Wolf und Kohlkopf

Es war die Eintagescholera! Heute ist wie neu. Alles prima. Also kann ich mich mit vollem Einsatz einem kniffligen Problem widmen: der neuen Sitzordnung. Es wird fällig, ich komme nicht drumherum. Einige Kinder beschweren sich schon seit geraumer Zeit, dass sie nicht gut von der Tafel abschreiben können und es nur daran liegt, dass sie ihre Hausaufgaben nicht/unvollständig/falsch machen. Da muss eine Lösung gefunden werden. Es ist Zeit, dass sich was dreht. Die Kinder haben sich Sitzreihen gewünscht. (Hah, ihr großen Didaktiker, richtig gelesen: Sitzreihen. Einer hinter dem anderen mit Blick nach vorne. Nicht nur ich bin retro, es hat sich schon übertragen.)

Jetzt habe ich nur ein winziges Problem. WIE SETZE ICH SIE?

Das Verhältnis Mädchen zu Jungen beträgt 1:2, ein Drittel der Kinder trägt eine Brille, ein Sechstel der Kinder hat einen inklusiven Hintergrund, d.h. Beeinträchtigungen der ein oder anderen Art, die bedacht werden müssen. Ein Neuntel der Kinder ist stark verhaltensauffällig und bedarf ständiger Kontrolle, René ist hochbegabt und arbeitet häufig mit Extramaterial.

Aus dem Bauch heraus müsste ein Drittel der Klasse in der ersten Reihe sitzen, ein weiteres Viertel am besten noch weiter vorne. Tom1 hält sich gerne unter dem Tisch auf, Lennox wäre am besten auf meinem Schoß (oder im Tripp Trapp. Mit Bügel.) aufgehoben. Lediglich Nathalie und Amelie sind bereit, notfalls neben einem Jungen zu sitzen und dann auch nur neben René (in den sind vier Mädchen unsterblich verliebt) oder – wenn es nicht anders geht – Benjamin. Der wiederum kann auf gar keinen Fall neben Tom1 oder Tom2 sitzen. Dann fließt Blut.

Victoria und Pauline (beide verliebt in René) sind derzeit zerstritten und buhlen sehr hinterhältig und auf perfide Weise um die Gunst von Mia-Sophie, die idealerweise weit weg von Laura sitzen würde, da diese als Pausenfrühstück meistens Kinder Pingui und Snickers in der Dose hat. Diese mag sie selber zwar nicht, tauscht aber sehr gerne gegen das ungeliebte ökologisch-korrekte Mehrkornbrot von Mia-Sophie. Schon das Wissen darum löst bei Supermom („Mein Kind nimmt keinerlei Zusatz-, Farb- oder andere Stoffe zu sich! Und auf gar keinen Fall Geschmacksverstärker, die verursachen ADHS!“) heftige Reaktionen aus.

Justin und Nick sind über ein paar Ecken mit Leon verwandt. Dies äußert sich turnusmäßig in wilden Auseinandersetzungen auf dem Schulhof („Dein Vater ist ein Arsch!“ „Und deiner hat noch ein Loch dazu!“), es ist ratsam, sie in der Klasse ohne Sichtkontakt zueinander zu setzen.

Früher hieß das mal schwieriges Bedingungsfeld. Heute ist das der Alltag.

Ich schiebe Kärtchen hin. Und her. Testweise schiebe ich auch mal ein Kärtchen in die Parallelklasse oder in die Erziehungsberatungsstelle. Hätte jemand vielleicht mal einen Algorithmus oder eine passende App parat?

 

Böh

Ich habe mich bei Dimitri Tschaikowsky angesteckt. Mein Bauch blubbert in ätz-Moll, mir ist kalt und irgendwie gar nicht gut. Eindeutig die cholerische Seuche aus dem Ural. Dafür habe ich mich tagsüber noch wacker gehalten, Vertretungsunterricht in der 6.Stunde mit zwei Klassen gleichzeitig gemacht (die reinste Freude), den ersten Teil des Elternsprechtags abgeleistet (noch mehr Freude) und eine E-Mail von Supermom bekommen („Ich erwäge Mia-Sophie wenn es soweit ist an einem Gymnasium mit Ballettklasse anzumelden. Sie ist ja so sportlich! Selbstverständlich werden nur die Kinder in die Ballettklasse aufgenommen, die herausragende schulische Leistungen zeigen!“). Freude schöner Götterfunken, ist das eine Drohung? (Mia-Sophie ist leistungsmäßig satt im Dreierbereich anzusiedeln. Aber das kann ja noch werden…)

Danach habe ich mich bei Herrn Weh krankgemeldet und bin mit der Wärmflasche auf dem schmerzenden Bauch ins Bett gegangen. Jetzt versuche ich nicht daran zu denken, dass zwei andere Kolleginnen viel kränker sind als ich und ich deswegen auf gar keinen Fall morgen fehlen kann.

 

Der Tod raucht mit

Religion, 4.Schuljahr. Es geht um den Tod. Ein wahnsinnig spannendes Thema für die Viertklässler. Viele waren schon einmal auf einer Beerdigung, fast jeder trauerte schon um ein liebgewonnenes Haustier. Und dann erst die Sache mit den Würmern…!

Wir streifen die Vorstellungen anderer Weltreligionen, philosophieren über ein Leben nach dem Tod, um dann doch wieder auf den wirklich spannenden Bereich zurückzukommen: wie geht das mit dem UnterdieErdebringen denn nun eigentlich? Gibt es andere Möglichkeiten als den Friedhof um die Ecke?

Maren erzählt: „Meine Oma, die haben wir in so einem Wald vergraben.“

Roman kann toppen: „Bei meinem Opa sind wir mit dem Schiff gefahren und haben ihn ins Meer geworfen.“

Irritierte Zwischenfrage von Laura: „Deinen ganzen Opa? In einem Sarg? Oder wie?“

„Nee“, antwortet Roman, „zuerst ist der verbrannt worden und dann haben wir den Rest in so einen…“, er überlegt, „Aschenbecher getan.“

crazy, funky, damaged

Die CrazyFunkyChicken spielen zum Heulen schön.

Naja, mehr zum Heulen. Das möchte ich jetzt am liebsten auch. Es ist 12.10 Uhr und ich wünsche mich auf die Lehrertoilette, um nienienie wieder rauskommen zu müssen. Noch viermal, dann ist der Auftritt. Ich rechne nicht mehr in Wochen, ich rechne nur noch in Probenterminen. Ich glaube, ich habs verbockt. Geblendet von der strahlenden Erinnerung an das letzte Knallfroschorchester fiel ich dem Hochmut anheim. Todsünde. Jetzt sitze ich da und höre mir den letzten Hauch der Querflöten, die Streiterei zwischen den little drummer boys und das Sterben des Saxophons an. Über die Blockflöten verliere ich keine Worte. Sie sind mir in dem Moment ausgegangen, in dem mir Melissa mit großen Augen berichtete, dass sie zwar gestern ihre Musikmappe wiedergefunden habe, jetzt aber die Flöte fehle. Aber kein Problem, sie könne ja auch einfach mitsingen. So auf düüüt dütdüt düüüüt. Piepsend steht sie vor mir. Was ich denn dazu meine?

Nichts, denn ich muss den Schmerz in meinem linken Fuß veratmen. Unter großem Getöse sind Lara die Platten des Metallophons heruntergefallen. Ich muss mich dringend um die Beschaffung eines neuen Untergestells kümmern.

Ich habe mich verleiten lassen und gedacht, wir könnten alle zusammen spielen. So Musik halt. Das war dumm von mir. Jetzt muss ich sehen, wie ich aus der Nummer ohne Kollateralschäden rauskomme. Zu allem Übel wurde heute im Planungsgespräch mit der örtlichen Geistlichkeit ein neues Lied für den anstehenden Adventsgottesdienst ausgegraben. A-Dur, drei Kreuze.

Die schlage ich auch, wenn das mal alles gut geht.

tribunal at 7.00 pm

Ich werde vor dem Weckerklingeln wach – heute ist das Tribunal und ich bin aufgeregt. Zwar bin ich mir recht sicher, dass ich teilnehmen darf, aber dennoch… Ich bin gespannt, was mich erwartet. General meeting und tribunal sind nunmal die Kernfaktoren des self-governments, für das Summerhill berühmt (und mancherorten auch berüchtigt) ist. Handelt es sich beim meeting um die legislative Festlegung, so ist das tribunal die Judikative der Schule. Hier werden Regelverstöße vorgebracht und mehrheitlich die Konsequenzen festgelegt. Und das immer basisdemokratisch. Jeder hat eine gleichwertige Stimme, Lehrer, Schüler, houseparents. Da die Schüler in der Mehrzahl sind, können sie (bis auf die Bereiche, in denen es um gesundheitliche, gesetzliche oder schulpolitische Belange geht) durchaus Regeln auch gegen die Meinung der Erwachsenen kippen. 14.00 Uhr ist es soweit. Hui.

Gleich bin ich mit Pascale verabredet, eine Stunde Deutsch mit den Kleinen, eine Stunde Französisch mit den Älteren. Ich habe ihr versprochen, ein bisschen Bilderbuchkino zu machen. Lustigerweise hat sie eine deutsche Ausgabe von Alice im Wunderland da. Sehr seltsam. Aber da als Alternative nur meine Reclam-Reiseliteratur zur Verfügung steht (Kafkas Schloss und der Zauberberg von Mann, beides wohl nicht unbedingt geeignet für die 9jährigen), gibt es nachher also eine kleine Teeparty.

Überhaupt, der Tee. Ich habe noch nicht herausschmecken können, was das für Tee ist, den es in der Schule zu den Mahlzeiten gibt. Das Essen ist schon… ja, interessant. Gemüse scheint es nicht zu geben. Und wenn, dann hat es eine spannende Farbe und Konsistenz aufzuweisen. Aber eigentlich darf ich mich hier gar nicht beschweren, es ist normalerweise nicht gestattet, dass Besucher mitessen. Ich habe schon einen Sonderstatus, da ich wesentlich länger bleibe als die durchschnittlichen visitors. Insofern darf ich bei den Mahlzeiten anwesend sein. Zweifelhafte Ehre, da der Umgangston bei der Essensausgabe ziemlich rüde ist. Mir gegenüber sind die Schüler recht höflich – ich hatte ja anfangs andere Befürchtungen. Aber da die Schulinspektoren Zoe ziemlich im Nacken sitzen, wie mir Ruri, eine 16jährige Schülerin aus Japan, berichtete, sind die Schüler angehalten, höflich und zuvorkommend zu sein. Naja, manchen ist das offensichtlich nicht selbstbestimmt genug 😉

(…)

Das tribunal wurde wegen Enas Beerdigung von 14.00 auf 19.00 verlegt. Eigentlich mein offizielles Besuchsende, aber ich durfte bleiben. Die meetings finden in der großen Halle statt. Ich musste kurz vor der Türe warten, bis über meine Teilnahme abgestimmt wurde. Ja, ich war schon irgendwie aufgeregt, aber kein Problem, ich konnte rein. Und dann ging es ordentlich zur Sache. Oli war chairman, also Vorsitzender, dafür musste er zwei chairman-Kurse bei Zoe absolvieren. Es gab zwei Schriftführer, einen für das Mitschreiben der vorgetragenen Fälle und einen für die Strafen. Mit den Worten „I bring up…“ wurden die Fälle eröffnet. Es ging um Rauchen außerhalb der Raucherzone, aus dem Fenster springen, schlagen, drei Kaugummis wurden geklaut, Pudding übers Essen gekippt, Stören nach light out, rumpöbeln auf den Gängen, ins Essen spucken, vordrängeln bei der Essensausgabe usw. Die Strafen reichten von Geldstrafen (5 Pence bis 1 Pfund) über Gemeinschaftsarbeiten (Waschküchendienst u.a.) bis hin zu Verhaltensstrafen (früher ins Bett müssen bei der anstehenden Bonfire-Night. Da muss ich noch rauskriegen, was es damit auf sich hat.). Der Wortführer leitete die Versammlung, bestimmte die Strafe bei unentschiedenen Abstimmungen und verhängte Strafen für ungebührliches Verhalten (Lachen oder Reinquatschen) während des Tribunals. Oli wirkte wahnsinnig erwachsen und reif. Wir haben gestern ein paar Runden miteinander Tischtennis gespielt. Er ist 16 und nimmt seine Aufgabe für die Gemeinschaft sehr ernst. Er erzählte mir, dass die Entscheidung seiner Eltern, ihn nach Summerhill zu schicken, die beste gewesen sei, die sie hätten treffen können, da er hier seine Stärken ausleben und weiterbilden könne. Er hätte hier erfahren, wie wichtig Gemeinschaft sei, auch wenn es einen manchmal nerve, wenn ständig über alles abgestimmt würde.

Mir ist aufgefallen, dass, wenn jemand in seinem Fall zu persönlich oder zu stark von eigenen Gefühlen beeinflusst wurde (gerade bei den Jüngeren kullerten schonmal die Tränen vor Wut), dies von der Gruppe mit lautem „he he“ quittiert wurde. Nicht der persönliche Ärger des Einen soll die Anschuldigung begründen, sondern der offensichtliche Regelverstoß.

Das Tribunal mitzuerleben war hochinteressant. Es war beeindruckend mit allem, was ich über Neill, sein Konzept, seine pädagogischen Leitideen gelesen habe im Hinterkopf dazusitzen und ganz „in echt“ zu sehen, welche Demokratie an dieser Schule seit Jahrzehnten gelebt wird. Dennoch, ganz wohl war mir nicht dabei. Der Ernst, mit dem die Versammlung betrieben wurde, wirkte unkindlich. Ich meine, die jüngsten Schüler sind gerade 5!? Außerdem frage ich mich, ob die Anklage nicht zum reinen Petzen wird. Wo werden hier die Grenzen gezogen? (Wenn denn überhaupt welche gezogen werden.) Ist Schlagen nicht schlimmer als aus dem Fenster zu springen? Für mich auf jeden Fall eine ganze Menge zum Nachdenken. Ich werde mich jetzt ins White Horse verziehen und mich mal durchs angepriesene stout beer arbeiten. Klug eingesetzt spart das die Abendmahlzeit, hey, ich hab schließlich nur b&b!

Ach übrigens, um in Summerhill zu unterrichten, muss lediglich ein Lehrerpraktikum vorgewiesen werden. Ab morgen bin ich dran! Oh, oh.

*tbc*

Summerhill – was weißt du von Liebe und Anerkennung?

Nach ausreichend Schlaf und einem Frühstück mit beeindruckender Vielfalt im Cerealiensegment (damals – ich muss es schon wieder sagen – damals gab es hierzulande noch kaum mehr als die Kellogschen Cornflakes plus ein paar weniger süßer Variationen. Die Unmenge an verschiedenen Formen und Trockenheitsgefühlen im Mund, die mich beim Frühstücksflockenbuffet in meinem b&b empfingen – stilecht auf einem silbernen Servierwagen angeordnet – waren eine Wucht!), fand der 2. Besuch der Schule unter denkbar besseren Voraussetzungen statt.

Im Folgenden stütze ich mich auf meine damals glücklicherweise angefertigten Aufzeichnungen. Man möge den gelegentlichen stilistischen Schmu entschuldigen, ich war gerade 20 und der – in diesem Alter häufig anzutreffenden – irrigen Meinung, die Welt warte auf eine angehende Lehrerin wie mich 😉

Im Morgennebel bahnte ich mir erneut den Weg zur Schule. Das Anwesen umfasst 45.000 Quadratmeter und ist umgeben von alten Bäumen und verwilderten Sträuchern. Malerisch liegt das alte Herrenhaus vor mir, umsäumt von mehreren Pavillons, in denen teilweise Schüler, aber auch Unterrichtsräume und Werkstätten untergebracht sind. Es herrscht Ruhe, nur ein Hund bellt als ich mich dem Gebäude nähere. Mein Besuch findet zu einer ungünstigen Zeit statt: Bruce, mein Kontaktmann, lange Zeit Lehrer in Summerhill, ist letzten Term entlassen worden. Zudem verstarb knapp eine Woche vor meiner Ankunft Ena Neill, die nach dem Tode ihres Ehemanns die Schulleitung bis 1985 innehatte. Ihre Tochter Zoe, die bis heute die Schule führt, begrüßte mich knapp, verwies mich aber verständlicherweise an die Lehrer des staffs.

Tatsächlich wird Jonas, ein 15jähriger Schüler aus Deutschland, mein selbsternannter Fremdenführer werden. Er zeigt mir das weitläufige Gelände, die Baumhäuser, Ställe, die Unterrichtsräume und Wohnwagen der Lehrer. Außerdem den big beech, die altehrwürdige große Buche, von Neill gepflanzt, von der sich jeder echte Summerhillianer herabschwingen könne. Immerhin rund 5 Meter über dem Boden. (Besuchern ist dies übrigens… ja, genau, verboten). Dabei erzählt er, dass gerade ungefähr 70 Schüler verschiedener Nationalitäten zwischen 5 und 16 Jahren die Schule besuchen. Das Schulgeld liegt damals bei knapp 9000,- DM für drei terms. Verglichen mit anderen Privatschulen ist dies wenig, dennoch wird Summerhill hauptsächlich von Kindern der gehobenen Mittelschicht besucht. Die Teilnahme am Unterricht ist freiwillig, und, ja, Jonas hat nach seiner Ankunft vor zwei Jahren auch eine ganze Weile keinen Unterricht besucht, sondern hauptsächlich das Gelände erkundet wie er mir grinsend berichtet. Noten gibt es nicht, doch es besteht die Möglichkeit, eine Prüfung (das GCSE) in mehreren Fächern abzulegen, die in etwa unserem Realschulabschluss entspricht, dies strebe er an. Samstags gibt es Taschengeld, wer zu spät kommt, geht für diese Woche leer aus.

Überhaupt sind erstaunlich viele Dinge sehr strikt reglementiert. Ich stehe staunend vor der mehrseitigen Regeltafel im großen Versammlungsraum, auf der offensichtlich alles geregelt ist, was es zu regeln gibt: niemand darf aus dem Fenster im 1.Stock springen, niemand darf ins Essen spucken, niemand darf ein Fahrrad ausleihen ohne zu fragen. Handelt es sich hierbei nicht um Selbstverständlichkeiten? Muss man dafür tatsächlich 238 Regeln schriftlich festhalten? Meine Neugier auf meeting und tribunal steigt, weiß ich doch mittlerweile, dass im tribunal oft recht harte Strafen bei Regelbruch verhängt werden. Beginnend bei Nachtischentzug (was einem beim dortigen Schulessen in der Tat hart treffen kann), über allgemeine Ordnungsarbeiten bis zu Geldstrafen.

Ich lerne die einzelnen Lehrer des staffs kennen, werde freundlich begrüßt und sofort von Jude, die Musik unterrichtet, zur nachmittäglichen lesson eingeladen („if there are some children…“). Pascale, die erst seit ein paar Wochen Französisch, Deutsch und Geschichte in Summerhill unterrichtet, erzählt mir, dass sie vorher an der Freien Schule Berlin unterrichtet habe und dorthin auch wieder zurückwolle. Unterrichten in Summerhill sei hart, da die Unterrichtsverpflichtung – die Freiwilligkeit gilt nur für die Schüler – nach den Stunden nicht aufhöre. Mahlzeiten und meetings kommen dazu, außerdem ist der Tag auch abends nicht beendet, da die Lehrer, die auf dem Schulgelände wohnen, auch nach der Unterrichtszeit neben den houseparents Ansprechpartner der Kinder sind. Die Vergütung ist gering, der Frustpegel oft recht hoch. So effizient es auch sei, mit ein, zwei Schülern zu arbeiten, so ernüchternd sei es, wenn danach drei Tage niemand zum Unterricht kommt.

Nachmittags klingeln mir die Ohren als ich in der recht gut besuchten – 5 Kinder sind gekommen – Musikstunde von Jude sitze, die fröhlich verschiedene Percussioninstrumente verteilt, auf denen in den folgenden 40 Minuten sehr ausdauernd und laut herumgeschlagen wird. Ich habe noch ein Rauschen im Ohr, als ich mich mit Pascale in ihrem Wohnwagen treffe. Wenig später stößt Michael zu uns, er unterrichtet science und erzählt mir, dass er nun seit drei Jahren in Summerhill sei, das sei eine verdammt lange Zeit und überhaupt werde er bald gehen. Die meisten Lehrer scheinen Summerhill als eine Art pädagogische Durchgangsstation zu sehen, ein Punkt, der sich interessant auf der Vita ausmacht, aber bloß nicht für längere Zeit. Aber geht dadurch nicht auch die Fähigkeit zur Zuneigung, Neill selber sprach von Liebe und Anerkennung, verloren, die sie ihren Schülern entgegenbringen sollen?

Pascale schweigt. Michael schnaubt. „Du bist 20, was weißt du von Liebe und Anerkennung?“

…tbc…

 

Die grüne Wolke oder The Last Man Alive

Es ist Samstagmittag und außer dem Pfeifen der Heizung höre ich…nichts. Stille. Wunderbar. Herr Weh hilft bei einem Umzug, das mittelgroße Wehwehchen befindet sich außer Haus und das Miniweh schnorchelt zufrieden in seinem Bett, den Arm voller Kuscheltiere, das Herz voll mit Liebe. Zauber der Kindheit.

Zeit also, um in Erinnerungen zu kramen.

Meinen ersten Kontakt mit den Ideen Alexander Sutherland Neills verdanke ich meiner Kunstlehrerin im 8.Schuljahr, die uns während der Doppelstunden aus der grünen Wolke vorlas, dem Buch, das auf den Fortsetzungsgeschichten basiert, die Neill in den 1930er Jahren seinen Schülern erzählt hat. Und was jetzt hier so hübsch betulich klingt, war es nicht. Die grüne Wolke ist die Geschichte eines Endzeitszenarios, in dem lediglich eine Handvoll Menschen den Auftritt der gleichnamigen Wolke überlebt, und sich dann – Stück für Stück – gegenseitig abmurkst und überlebt. Ich war fasziniert. Später im Pädagogik-LK (nein, da schäme ich absolut nicht für, wir hatten einen großartigen Lehrer, außerdem hatte ich noch Mathe im Abi, ätsch.) erfuhr ich dann einiges mehr über den Reformpädagogen, der die selbstregulative Erziehung in seiner Schule in England propagierte. Übrigens lange vor den 60ern. Im Studium beschloss ich dann – dankenswerterweise von einer Studienstiftung finanziell gut unterstützt – mir selber ein Bild von Summerhill zu machen, ein wenig dort zu arbeiten und Erfahrungen zu sammeln, die mein pädagogisches Leitbild bis heute prägen.

„Muss Summerhill schließen?“ ist eine in englischen Zeitungen häufig zu lesende Schlagzeile gewesen. Boomte die Schule, in der es keine Schulpflicht gibt, aufgrund der gesellschaftspolitischen Entwicklungen der 60er und 70er Jahre, so stürzte der Ruf in den Folgejahren umso tiefer. Kein Geld, keine ausgebildeten Pädagogen, kein Unterricht hieß es häufig. Tatsächlich empfing mich ein recht heruntergekommenes Gebäude als ich nach 16stündiger Reise (damals gab es noch keine Billigflüge, die schnellste Verbindung war der Eurostar) in Leiston, Suffolk ankam. Auf dem Gelände umherrennde Kinder nahmen keinerlei Notiz von mir. Lediglich Churchill, das Hausschwein, äußerte ein geringes Interesse an meinen Schuhen. Das war schon anders als das gerade beendete Praktikum an einer renommierten Domsingschule, bei dem ich mit Pauken, Trompeten und – natürlich – glockenreinem Ständchen verabschiedet wurde. Ich war müde, hungrig und irgendwie auch de-romantisiert. Hatte ich mir nicht vorgestellt, hier auf lauter glückstrahlende Kinder zu treffen, die mich, den Gast aus Deutschland, freudig-neugierig in ihre Mitte nehmen würden? Neben dem Haus hockte ein ca. fünfjähriges Kind laut heulend auf einer Schaukel. Doch auch hier erntete ich auf meine mitfühlende Frage, ob ich helfen könne, nur ein geschnieftes „ah, shut up, you f* bitch!“

???

!!!

Tatsächlich hätte ich in dieser kurzen Anfangssequenz meiner Zeit auf Summerhill bereits bemerkenswert viel lernen können. Wäre ich nur objektiv, offen und einigermaßen wissenschaftlich an die Sache rangegangen. Stattdessen war ich vor allem jung, naiv und persönlich betroffen.

Lektion 1: Summerhill hat so viele Besucher, dass sie keinerlei Besonderheit darstellen. Das ist gut, hat man dadurch doch einen recht unverstellten Blick auf das Schulleben.

Lektion 2: Erwachsene und Kinder sind absolut gleichwertig und gleichberechtigt. Ein wichtiges Prinzip Neills.

Lektion 3: Schimpfworte sind allseits beliebt und nicht unbedingt persönlich zu nehmen. Tatsächlich konnte ich mein Repertoire in dieser Zeit beträchtlich aufstocken. (Es kann ja SO befreiend sein, einem Jugendlichen, der permanent den Unterricht stört, ein gut gesetztes „Verpiss dich aus meinem Raum, bis du dich wieder benehmen kannst, du Sausack!“ entgegenzurufen. Auch das ist mit Gleichwertigkeit gemeint: beiderseitiger Respekt. In meiner ganzen bisherigen Lehrtätigkeit habe ich nie wieder so störungsfreien Unterricht halten können wie in Summerhill. Wenn dort jemand im Kurs saß, dann, weil er es wirklich wollte.)

Als ich an diesem Abend in mein geblümtes Bett in meinem geblümten Zimmer meines geblümten b&bs fiel, habe ich ein bisschen geheult. Zu meiner Ehrenrettung muss ich sagen, dass vermutlich viel Erschöpfung dabei war. Außerdem war es keine gute Idee gewesen, die Reise mit nagelneuen Doc’s anzutreten.

Ich fühlte mich wirklich wie der letzte Mensch auf Erden. Aber es sollte besser werden…

*to be continued*