Besucher

Bei der CrazyFunkyChicken Probe drängeln sich die Zuhörer. Das benachbarte Gymnasium hat Zeugniskonferenz und ein ganzer Schwall ehemaliger Schüler ergießt sich in den Musikraum. Die meisten erkenne ich, bei manchen muss ich passen. Groß sind sie geworden. Und ruhiger. Und irgendwie erwachsen. Vor gar nicht langer Zeit haben sie hier im Chor gesungen, Inselmusik vorgestellt oder beim Warm Up abgerockt. Ich fühle mich innendrin ein bisschen sentimental angerührt.

„Ooooh, Frau Weh, Sie haben sich ja gar nicht verändert!“ strahlt mich Max-der-Fünftklässler an, der letztes Jahr noch selbst Mitglied im Schulorchester war und mich manche Schweißperle gekostet hat.

„Doch, Sie sind noch hübscher geworden!“ beteuert Marco, mittlerweile zwei Köpfe größer und reichlich verpickelt. Begehrlich schielt er auf das neue Keyboard, das einsatzbereit neben dem Cello wartet. Alte Schleimbacke.

Ich freue mich über den Besuch und will wissen, wie der Musikunterricht so sei. Schließlich habe ich jeden Einzelnen mit gutem Gewissen ziehen lassen können. Betretenes Schweigen.

„Naja, nicht so der Knaller. Die meisten haben den Dombrowski. Der schreit meistens rum. Wir müssen eigentlich nur schreiben und lernen und so.“ „Ja, der ist total doof.“ „Das ist eigentlich überhaupt kein Musikunterricht. Also wir machen jedenfalls keine.“

Ich interveniere – Kollegenschelte kommt bei mir nicht gut an – werde aber umgehend darüber informiert, dass von der 5 bis zur 9 eigentlich gar nicht musiziert wird. Stattdessen – so man ihnen denn glauben darf – schreiben sie einen Test nach dem anderen in Musiktheorie und dergleichen. Wenigstens ein bisschen singen zwischendurch? Nö.

„Ich habe jetzt Musik abgewählt“, gibt Sandra zu. Ich bin nicht nur überrascht, ich bin tatsächlich sprachlos. Sandra ist jetzt 16, hochmusikalisch, zwei Instrumente, die sie bereits im zweiten Schuljahr äußerst passabel spielen konnte, dazu eine Stimme, dass sich Herr Bohlen an der eigenen Spucke verschlucken würde, so sie denn diesen Weg wählen würde. Und jetzt das. Ich habe den Lehrplan der weiterführenden Schulen natürlich nicht im Kopf, würde aber jeden Eid schwören, dass Musik machen auch dort verankert ist.

Aber sie würde gerne nächstes Jahr zum Praktikum kommen, eigentlich interessiere sie sich fürs Theater, aber dass es ziemlich unrealistisch sei, dort unterzukommen, wisse sie natürlich. Und Lehrerin werden, das wäre auch so ein Traum. Musik natürlich, das wäre das Größte!

Ich genehmige mir im Stillen den Kollegen Dombrowski für den Moment auch doof zu finden und platziere die Besucher zur Jamsession zwischen die neugierigen Orchesterkinder, die mit großen Augen und noch größeren Ohren den Schilderungen der Großen folgen. Wir unterlegen „Puck, die Stubenfliege“ mit halsbrecherischen Sambarhythmen, lernen schnell etwas über Offbeat, den alten Schlingel, lachen viel und beschließen einen Gegenbesuch der CrazyFunkyChicken im Musikunterricht der Großen. Zum Marsch blasen*.

 

*(Marco schwört, dass er „zum in den Arsch blasen gehört habe“. Dies entbehrt natürlich jeder Grundlage!)

 

 

Es ist soweit:

ich bekomme gerade unanständig schlechte Laune! Arrrrrggghhh.

Eigentlich lief der Tag bisher ganz gut, ich sitze seit heute morgen im einigermaßen warmen Arbeitszimmer fernab jeglicher familiärer Störung und bin produktiv. Die nächste Woche steht (bis auf Sport. Erwähnte ich schon, dass ich ab nächster Woche Sport unterrichte? Na, das wird ein Spaß!), die SU-Reihe für die Zweitklässler einschließlich Tafelbilder, Arbeitsblätter, Hausaufgaben und Abschlusstest ist fertig, sogar für Karneval habe ich schon ein paar Ideen skizziert und jetzt das: musescore macht mich fertig. Die Idee war, dass das Notensatzprogramm mir die Arbeit für die CrazyFunkyChicken erleichtert, aber dazu müsste man sich vermutlich einmal in Ruhe einarbeiten.

(Dafür habe ich natürlich keine Zeit. Ich muss bis spätestens Montag 3 Stücke à 8-10 Stimmen fertig haben. Während ich mir das jetzt hier durchlese, fällt mir selber auf, dass das vermutlich so nicht funktioniert. Na toll.)

Hintergrund ist der, dass ich seit Jahren ein schlechtes Gewissen habe, weil ich bei sowas schon längst auf den PC hätte umschwenken wollen/sollen/müssen. Tatsächlich habe ich aber bis eben doch noch von Hand gearbeitet und das rächt sich jetzt übel. Dabei habe ich mir vorgenommen, mich ENDLICH medial weiter zu entwickeln und was liegt da näher als der kostenlose Download eines gar nicht so schlechten Notensatzprogramms? Allerdings habe ich die einzelnen Noten in der Tat schneller mit der Hand geschrieben als angeklickt. Also werde ich den Erwerb weiterer Medienkompetenz also verschieben. Nur auf wann?

(Bittebitte erwähne niemand das Wort Whiteboard oder Herbstferien…)

Ach, was soll es, letztendlich macht es ja sowieso keinen Unterschied, ob die CrazyFunkyChicken sich bei handschriftlichen oder gedruckten Noten gnadenlos verspielen. Ach doch… im ersten Fall können sie es wenigstens auf mich schieben.

Generalprobe

BOAH, verdammte Scheiße, JUNGS!

Die CrazyFunkyChicken sitzen in der eiskalten Kirche und bemühen sich nach Kräften, eine anständige Generalprobe auf die Beine zu bringen. Vielmehr einige CrazyFunkyChicken bemühen sich. Ein paar andere haben den Ernst der Lage noch nicht durchschaut. Es ist die letzte Probe vor dem Gottesdienst und ja, wir sitzen vorne. Ganz vorne. Alle können uns sehen. Das regt die minderrhythmischen Trommlerjungs auf. Und an. Nicht anders kann ich mir erklären, dass der eine dem anderen genau in dem Moment mit voller Wucht aufs Trommelfell – nicht das körpereigene –  haut, als ich mit der Einmessung der Mikros beschäftigt bin. Dem jüngsten Gerichte gleich donnert die Rückkopplung durch die Gänge. Zurückgeworfen von 800 Jahren Echo. Begleitet von den schrillen Schreien der blockflötenden Mädchenmannschaft, die mehr oder minder aufmerksam auf ihren Stühlchen hockt. Die Missbilligung über die Ruhestörung scheint den Heiligenfiguren um uns herum ins Gesicht geschrieben. Schräg über mir schwingt Bonifatius Axt und Eiche. Runterpegeln, stoßweise den angehaltenen Atem zwischen den Zähnen entweichen lassen und böse Blicke werfen. Weiter gehts.

Ich habe bereits das Cello gestimmt und den dabei verlorengegangenen Pinnöpel kurz vor dem Lüftungsgitter mit der linken Schuhspitze noch stellen können. Die Gitarre ist mit einem Mikro vor dem Schallloch ausgestattet (sie grinst stolz), zwei Keyboards sind angeschlossen, die Querflöte – eine fällt aus wegen Magen-Darm –  nah ans Fenster platziert. Hundert Meter Kabel sind verlegt und ich habe nicht mal entnervt geknurrt, als die Geige mir beichtet, sie habe die Noten zu Hause liegen gelassen. Aber jetzt kämpfe ich mit den geliehenen Funkmikros. Sie halten nicht, sie riechen komisch, sie haben Aussetzer. Selber schuld, Frau Weh.

Ich komme mir ein bisschen vor wie eine EinMannBand. Vor mir das Keyboard, im Gesicht klebt das Mikro, die Augenbrauen geben Einsätze, der Mund souffliert den Solosängern und hinter mir fordert Roland, der Kasten, meine Aufmerksamkeit. Roland ist mein treuer Begleiter bei kleinen bis mittelgroßen Gigs. Und heute ist er bis zum Anschlag vollgestöpselt. Das nimmt er mir etwas übel und grollt tieffrequent (aber stetig) herum. Wenn das so weitergeht, dann möchte ich bald einen eigenen Techniker. Mit Monitorbox und coolem Overall. Oder ich läute eine erneute Renaissance ein und packe die Orffinstrumente wieder aus. Pling. Plong. Da fällt mir ein, Chefin hat mir heute voller Stolz berichtet, sie würde mir nächstes Jahr ein iPad zukommen lassen. Das wäre ja sowas von toll für den Musikunterricht! Letzte Woche habe ich fünf neue Cajons bekommen. Ich sollte darüber nachdenken, ob ich käuflich bin.

MITTWOCH – NICHT VERGESSEN:

  • Pflaster zum Mikrokleben (hautfarben, nicht pink!)
  • Wäscheklammern!
  • Kirchenschlüssel (Hosentasche)
  • angstschweißfestes und fleckresistentes Make Up
  • bei Gelingen der Veranstaltung unbedingt höheren Preis bei Chefin aushandeln!

Romeo und Hallo, Julia!

„Frau Wehee? Wie heißt es denn jetzt richtig? Halle-lulja oder Halle-julia?“

Victoria ist sich nicht sicher, möchte aber auch nichts falsch machen.

Die Mehrheit der Kinder ist für Halle-lulja. Halle-julia finden sie allerdings auch recht hübsch. Außerdem war da doch irgendwas mit Romeo? „Aber dann sollte es *Hallo, Julia!* heißen. Das klingt doch schöner!“ findet Pascal. Meinen Vorschlag („Es heißt Halleluja. HAAALLELUUUUUUUUUJA.“) finden sie langweilig. Aber es liegt ja in der Natur der Sache, dass ein Lehrer oft den Part des Spielverderbers einnimmt. Man gewöhnt sich dran.

Es tut mir so leid, lieber Carsten, du merkst, ich muss noch einmal mit dem weihnachtlich vernudelten Song anfangen. Die Kinder lieben es nämlich. Sie legen einander die Arme über die Schultern und summen voller Wonne die Strophen mit. Und wenn dann der Refrain kommt… (und der Refrain kommt!)… dann schmettern sie inbrünstig ihre Version des Lobpreises und mir kriecht eine kleine Gänsehaut über die Unterarme, weil es eben irgendwie doch schön ist.

„Und Frau Weh, wenn du mal irgendwann keine Lehrerin mehr sein willst, dann gehst du zum Supertalent, oder?“ will Melissa aus der 3c wissen.

Natürlich. Aber ich bilde ein Duett mit meiner Kollegin Frau Sommer. Die singt nämlich nächste Woche die 2.Stimme dazu. Überhaupt, Frau Sommer und ich, da tut sich was. Ich bin seit diesem Schuljahr nicht mehr ganz so allein im Musikbereich und entdecke wieder, wieviel Spaß es macht, zusammen an einer Sache zu arbeiten. (Lehrer sollten sich generell viel mehr zusammentun und weniger ihr Einzelkämpferdasein fristen). Morgen üben wir. Nach der 6.Stunde. Da sollten die Stimmbänder ja langsam geölt sein. Ich freu mich drauf und überhaupt bin ich dieses Jahr überraschend entspannt in der Vorweihnachtszeit. Liegt bestimmt am Bloggen 🙂

Ice Ice Baby

Björks unverwechselbare Stimme dringt aus den Boxen. Sie perlt über eisklare Höhen, um anschließend in gletschertiefe Spalten zu stürzen. Sie stöhnt, wimmert und schreit. Sie säuselt, schmeichelt sich ein und liebkost ihre Zuhörer. Frau Gudmundsdóttir macht es den Viertklässlern nicht leicht. Sie sitzen wir erstarrt auf ihren Stühlen, bei manchen malt sich unverhohlenes Entsetzen auf den Gesichtern ab. Aber sie sind vorsichtig in ihren Äußerungen. Bläue ich ihnen doch seit jeher ein, dem Hörverhalten anderer mit Respekt zu begegnen. Es ist nicht alles Pop, was glänzt.

Ich lasse sie die Musik inhalieren und abschmecken wie einen besonders intensiven Rotwein beim Degustierseminar. (Mancher im Raum würde sie wohl auch gerne ohne Umwege in einen Blechnapf spucken.) Den landschaftlichen Besonderheiten der rauen Schönheit Islands versuchen wir uns durch Bilder von Fjorden, Geysiren und atemlos weitem Land zu nähern. In Erzählungen von Elfen und Trollen und dem Klang isländischen Folks (mit Eivor Pálsdóttir mute ich ihnen zugegebenermaßen extrem viel zu) suchen wir die einzelnen Einflüsse, aus denen Björk ihr Tongeflecht spinnt.  In Gruppenarbeit sollen die Kinder zu den Klängen Texte schreiben. Ich lese die Worte Einsamkeit, Traurigkeit und Angst, aber auch Stärke, Schönheit und gewaltige Natur. Manche bedienen sich des Elfchens als einfachem dichterischem Format:

Einsam

So stark

singt sie dort

Wind und stürmisches Meer

Verbunden

Sie haben es. Ich bin stolz auf die Viertklässler. (Und auch ein kleines bisschen auf mich.) Ich verzeihe all die rotzreifen Pietros, schnuckelpuppigen Mileys und milchgesichtigen Justins. Die Viertklässler sind soweit, dass sie anfangen, hinter die Klänge zu forschen, zu erkennen, dass Musik nicht nur alleine für sich steht, sondern ein Produkt vieler Faktoren darstellt. Dass man nicht alles schön finden muss, aber in allem etwas finden kann. Und sei es die Erkenntnis, dass man dieses Stück nun wirklich nicht noch einmal hören möchte.

Am Ende sind alle erschöpft. Ich frage, ob wir zum Abschluss noch ein bisschen ans Klavier zum Singen wollen.

Ins zustimmende Geschrei mischt sich eine große Portion Erleichterung 😉

 

Waka Waka

PROLOG:

Manchmal stehe ich morgens vor dem Spiegel und seufze. Die Schwerkraft zollt ihren Tribut. (Ich bezahle.) Die Schule zerrt an meinen Nerven. (Ich bezahle.) Wenn man genau hinsieht, stellt man fest, dass das Leben seine Spuren fast an jedem Körperteil hinterlässt. (Ich be zahle schließe die weitere Bestandsaufnahme zu vertagen und einen Kaffee zu trinken.)

„Frau Wehee?“

Es ist wieder soweit. Super, da bin ich ja mal richtig in Stimmung für. Ich habe es in dem Moment geahnt, in dem Melina aus der 4a S H A K I R A an die Tafel schrieb. In geschwungenen Buchstaben. Mit Herzchen auf dem i. In jedem 4.Schuljahr taucht bei der Inselmusik früher oder später die quirlige Kolumbianerin auf und geht mir auf die Nerven.

„Frau Weeheee, Sie sind ja gleich alt wie Shakira!“, trötet Rania in den Raum. „Echt?“ Timo ist sichtlich irritiert. „Das sieht man ja gar nicht.“ Es ist keine Freude, wenn man das Alter eines Popstars nicht nur teilt, sondern die Geburtstage gerade mal in Spuckweite auseinander liegen.

„Kann ich jetzt mal mit meinem Referat weiter machen?“ Melina ist genervt, sie will fertig werden: „Shakira wiegt ca. 53 Kilo und sieht sehr gut aus. Sie tanzt seit ihrer Kindheit und trainiert viele Stunden am Tag.“ Ein Zwischenruf stört das wiederaufgenommene Kurzreferat. „Frau Weheee? Wieviel wiegen Sie?“

– – –

„Frau Weh? Sagen Sie doch mal!“ Schnippsend meldet sich Nele: „Ich weiß das, Sie haben das mal in mein Freundebuch geschrieben. Frau Weh wiegt grsbrmls Kilo!“ Beifallheischend schaut sie mich an.

Danke, Kind.

„Das ist aber mehr als Shakira.“ Timo wieder.

Unwesentlich. Ich kann Shakira nicht leiden. Ich finde ihren sehnigen Bauch gruselig und wenn sie mit dem Popo wackelt, dann möchte ich da manchmal draufhauen. Aber nicht aus freundschaftlichen Gefühlen. Die jauligen Anteile ihres Gesangs schätze ich auch nicht sehr.

Die Mädchen hingegen lieben Shakira. (Alles an ihr.) Die Jungs finden sie ebenfalls ziemlich toll. (Manche Teile.) Sie schauen sich das von Melina erstellte Plakat nebst ausgeschnittenen Fotos aus der Bravo jedenfalls sehr genau an. Man kann aber auch viel sehen. Es muss warm sein, dort, wo Shakira wohnt.

Hier ist es kalt. Und es regnet. Und meine Laune ist schlecht. Mir ist grad mal nicht nach Waka Waka.

 

EPILOG:

Ich stehe vor meiner CD-Sammlung und lande bei Björk. Es wäre an der Zeit, das 4.Schuljahr einmal richtig zu quälen. Ich lächle eisig und greife mir Medúlla.

Zieh dich warm an, Shakira Isabel Mebarak Ripoll, die nächste Inselmusik geht nach Island. Nicht, dass du dir da das Bläschen verkühlst…

Advent, Advent

Ich will auch mehr von Herrn Weh, definitiv. Wärmflasche, Tee, fertiger Blogeintrag – genau das, was ich gebraucht habe. Lehrergatten haben den Familienzuschlag definitiv verdient.

Mehr als 12 Stunden Schule am Stück, da baue ich irgendwann ab. Insgesamt war es aber ganz nett. Manche Kinder haben sogar Dinge gebastelt am Bastelnachmittag. Andere haben sich sytematisch durch die vor den Klassen aufgestellten Keksteller gefuttert, wieder andere haben den Nachmittag genutzt, um sich auf dem Schulhof zu kloppen. Das fand ich ganz spannend, weil sich daraufhin die Eltern der Kinder miteinander angelegt haben – ebenso lautstark, aber ohne Körpereinsatz – da konnte man durchaus Ähnlichkeiten feststellen. Übrigens arbeiten wir seit Jahren mit Gewaltpräventionsprogrammen. Aber Blut ist nunmal dicker als Wasser.

Der Auftritt des Schulchores (man erinnere sich: Rentiergeweihe, Kokosnüsse, dicke rote Kerzen Nasen) war wie jedes Jahr. Die Generalprobe ein Traum, alle aufmerksam, alle konzentriert, klare Stimmen, auswendiggelernte Ansagetexte. Dann die Aufführung. Weit aufgerissene Augen („so viele Leute…!“), piepsige Stimmchen, Verhaspler bei den Ansagen, keine den Umständen angepasste Anlage. Hach ja. Trotzdem fanden es alle schön und waren gerührt. Was gibt es putzigeres als den eigenen Nachwuchs, wenn er gebannt und mit geröteten Wangen ein Schellenband im richtigen Rhythmus schüttelt? Ich habe mich ein bisschen zum Affen gemacht, die Choreographie für den Sleigh Ride (dass mir jetzt niemand mit der GEMA anfange…! 😉 ) benötigt noch einen Vorhopser. Aber das gehört zum Musiklehrerdasein wie die Bauchschmerzen zum Bastelnachmittag. Außerdem gelangt man so immerhin zu einem recht großen Bekanntheitsgrad. „Ah, Sie sind doch die Frau Weh. Wir haben Sie eben hüpfen sehen.“

Jetzt kann ich eine Veranstaltung von der SCHULKRAM-Liste streichen. Das ist schön. Ein paar andere warten ja noch.

In diesem Sinne, ein schönes, erstes Adventswochenende!

 

chicken supreme

Die CrazyFunkyChicken geben alles. Es scheint, als hätte meine Verzweiflung der letzten Woche bei ihnen ungeahnte Kräfte freigesetzt. Jetzt wollen sie es mir zeigen! Beweisen, dass sie den Groove nicht nur besitzen, sondern ihn auch wert sind. Nicht nur die Trompete hat jetzt vor Aufregung und Anstrengung rote Bäckchen.

Wir arbeiten uns konzentriert durch das Programm für den Weihnachtsgottesdienst. Der ViertklässlerGitarrero liefert eine (ich muss es einfach schreiben) saucoole Performance nach der anderen ab. F-Dur, C-Dur, E7-irgendwas – alles kein Problem. Dennoch ist mein absoluter Liebling des Tages das IchkannabernurleereSaitenCello. Caesar, das ist der Wahnsinn!

(Wer hat sich eigentlich das Griffbrett ausgedacht? Und wozu? Leere Saiten rocken total!)

Das kleine Minicello – wenn man das Kind mit dem Cello auf dem Rücken auf dem Schulhof sieht, ist man versucht zu fragen, wo das Cello denn gerade hinlaufe, sieht man doch nur einen riesigen Koffer auf dünnen Beinchen – spielt Greensleeves mit einer solchen Ruhe und Grazie als wäre es mit dem Instrument verwoben. Das wird wirklich Musik. Ich kann es kaum glauben, so gerührt bin ich. „Mehr Noten!“, rufen sie, „wir wollen noch mehr spielen!“. Kann Unterricht schöner sein?

Das schüchterne Keyboard traut sich erstmalig die Lautstärke für das Konservenstreichersolo hochzudrehen. Auch das Glockenspiel kommt aus der Reserve und trifft das a – einfach so – und dann noch das d. Meine Güte, die Kinder haben geübt! Extra für diese Stunde. „Na, weil wir doch sowas wie eine Band sind!“, meint eine der beiden Querflöten, „da muss das doch sein.“, haucht die andere und wedelt nach Frischluft.

Der Blitz der Erkenntnis macht sogar vor dem Saxophon nicht Halt. Das hat nämlich heute der Einfachheit halber mal die Blockflöte dabei. Und siehe da, kein Quietschen, kein Heulen. Eine Woge der Dankbarkeit spült über mich hinweg und lässt mich gnädig das holterdipolter der nach wie vor unverschämt-unrhythmischen LittleDrummerBoys überhören.

Als es klingelt schauen sich alle an und sind sich einig, dass sie doch eigentlich noch ein bisschen bleiben könnten, ist doch grade so schön hier. „Zwei Stunden wären aber wirklich besser, Frau Weh!“, tadelt mich die Trompete.

Diese wohltuende Mischung aus Freude und Erleichterung ist es, die mich durch eine endlos lange und gnadenlos unergiebige Konferenz trägt. Sie lässt mich den Heimweg wie auf Flügeln gleiten bis zu einem Supermarktparkplatz. Wie könnte ein solcher Tag passender enden als mit einem Grillhühnchen? Die CrazyFunkyChicken im Herzen und das halbe Hähnchen in der Tüte fahre ich nach Hause und denke:

No one can whistle a symphony. It really takes an orchestra to play it.

Halleluja!

Meine Güte, ich bin heute aufgewacht und – ich muss es in aller Bescheidenheit sagen – hatte gleich zwei geniale Ideen auf einmal:

1. Ich bespreche morgen im Kreis die von mir aufgestellte neue Sitzordnung (vielen Dank für die Kommentare und links. Der FAZ-Artikel trifft es genau!) und lasse die Kinder herausfinden, warum ihr neuer Platz haargenau der richtige für sie ist. Meine Zweitklässler knobeln gerne. Und sie machen gern mal ein Spielchen. Wenn ich sie also morgen auffordere – der Ehre oder vielleicht als Anreiz auch einer zusätzlichen Stunde Freiarbeit halber – herauszufinden, warum ich sie genau so und nicht anders gesetzt habe, dann werden sie Grüppchen bilden und gemeinsam versuchen, die Nuss zu knacken. Und ich habe zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Die Sitzordnung steht und die Zweitklässler werden es toll finden. (Soweit zumindest die Theorie. Ich werde dann mitteilen, ob es funktioniert hat.)

2. Das CrazyFunkyChicken-Problem. Noch vier Proben, dann folgt der Weihnachtsgottesdienst. Da es unwahrscheinlich ist, dass die Chaostruppe sich bis dahin noch in Philharmonikersphären aufschwingt, setze ich eben noch eins drauf. Ich packe – sozusagen als Sahnehäubchen – einfach noch den Schulchor (dessen Auftritt und die damit verbundene Probenarbeit ja bereits diese Woche beendet ist) mit einem zusätzlichen Stück dazu. Halleluja! Die Rettung! In diesem Fall von Leonard Cohen. Runter transponiert passt das allseits beliebte und bekannte Hallelujah auf die leeren Saiten von Cello und Geige, Trommel geht immer, Gitarre auch. Erste Strophe passt schon, eine zweite füge ich mit weihnachtlichem Text an. Die Strophen singe ich Solo mit Headset (zusätzlicher Coolnessfaktor!), Chor summt die Melodie mit, das Halleluja zweistimmig von allen, fertig! Damit hätten wir den Ohrwurm, den jede gute musikalische Veranstaltung braucht, der das gesamte Auditorium einfängt und stimmungsvoll nachhallen wird. Ja, vor Rührung weinen werden sie!

Wer spricht da noch über ein gequältes Saxophon? 🙂

all inclusive

Tschaikowsky starb an der Cholera. Auch Dimitri fühlt sich nicht gut:

„Meine Bauch blubbert. Ganze Familie war krank. Jetzt ich fühle mich auch nicht gut. Ich bin auch Russe. Ich auch bin cholerisch bestimmt wie Tschaikowsky.“

Sechste Stunde, Musik im Dritten. Die Kinder arbeiten sich durch den Lebenslauf Tschaikowskys und erspüren die Wehmut in seiner Musik. Ich habe das 1. Klavierkonzert in b-moll aufgelegt, die Drittklässler wiegen sich hin und her und spielen die kraftvollen Soli des Klaviers auf imaginären Tastaturen mit. Tschaikowsky kommt gut an. Ich bin entspannt. Es ist erst meine zweite Unterrichtsstunde. Heute hatte ich – Inklusion verpflichtet – mehrere Termine im Jugendamt. Nicht ganz freiwillig bin ich in die Rolle der Inklusionsbeauftragten gerutscht. Eigentlich habe ich schon mit den Förderschulverfahren und den Sprachstandserhebungen genug Außentermine.

Jetzt: viele Leute an einem Tisch (eckig, nicht rund, ich hatte die ganze Zeit ein Tischbein vor mir) in einem winzigen Büro, viele Entwicklungsberichte, Förderpläne, Ideen und Anträge. Paragraph 35a SGB. Es wird viel geredet. Die schulische Sichtweise ist wichtig, es geht um Geld, eine ganze Menge davon. In der Zwischenzeit muss ich in der Schule vertreten werden, eine Stunde fällt aus. Ich bin zwiegespalten, wie so oft, wenn es um das Thema Inklusion geht.

Ein Gespräch später, eine Etage tiefer. Ich nutze aus, dass ich sowieso schon einmal hier bin und suche das Zimmer 118. Ich lande im überraschend geräumigen Büro unserer männlichen Supernanny. Ein Pilotprojekt, das sich kümmert, wenns brennt. Und bei Lennox brennt es. Der Supernanny und ich haben schon früher zusammen gearbeitet, wir freuen uns – den Umständen entsprechend – wieder aufeinander zu treffen. Endlich mal ein Mann. (Nie hätte ich gedacht, dass mir dieser Satz über die Lippen kommt, aber es ist so. In den ersten 10 Lebensjahren geraten die meisten Kinder fast ausschließlich an Frauen. Das ist aus entwicklungspädagogischer Sicht Käse Bullshi grenzwer nicht unbedingt optimal.) Wir reden über Lennox Mutter, die sich in Therapie befindet, über den aktuellen Lebensgefährten und Vater zweier von drei Geschwistern, der sich raushält und den hauptsächlich abwesenden Erzeuger, der – wenn er in Erscheinung tritt – die Bemühungen der Mutter konterkariert. Und wir reden über Lennox, der das Pech gehabt hat, in Verhältnisse geboren zu werden, die Kraft, Fähigkeiten und Möglichkeiten der Eltern übersteigen. Wir sprechen unsere Ziele ab und einigen uns auf adressatenbezogene Hilfe, sprich: Gespräche bei der Familie zu Hause, Aufstellen von Plänen, Familienregeln und enge Kooperation zwischen Familie – Schule – Jugendamt. Das bedeutet Mehrarbeit. Und zwar von der Sorte, die nicht bezahlt wird, meinem unmittelbaren Unterricht nicht dient, ja nicht einmal der Schule im Großen zuträglich ist. Und die man trotzdem macht, weil sie eben gemacht werden muss. Weil es die Umstände erfordern. Weil es vielleicht einem Kind trotz schlechter Startbedingungen auf seinem Weg hilft.

Es rumpelt in meinem Gedankengang. Dimitri meldet sich erneut klagend zu Wort: „Frau Weh, Sie haben gehört? Meine Bauch r u m p e l t! Dimitri ist cholerisch!“

Ich schaue in Dimitris dunkelbraune Augen, die begehrlich auf den Apfel schielen, den ich neben dem CD-Stapel auf dem Pult abgelegt habe.

„Dimitri, hast du vielleicht Hunger?“

Dimitri strahlt und nickt: „Könnte sein, Sie, Frau Weh. Muss ich nicht sterben. Muss ich essen kleinen Apfel, dann mir geht es wieder gut.“

Toll, ein Kind gerettet 🙂