Böh

Ich habe mich bei Dimitri Tschaikowsky angesteckt. Mein Bauch blubbert in ätz-Moll, mir ist kalt und irgendwie gar nicht gut. Eindeutig die cholerische Seuche aus dem Ural. Dafür habe ich mich tagsüber noch wacker gehalten, Vertretungsunterricht in der 6.Stunde mit zwei Klassen gleichzeitig gemacht (die reinste Freude), den ersten Teil des Elternsprechtags abgeleistet (noch mehr Freude) und eine E-Mail von Supermom bekommen („Ich erwäge Mia-Sophie wenn es soweit ist an einem Gymnasium mit Ballettklasse anzumelden. Sie ist ja so sportlich! Selbstverständlich werden nur die Kinder in die Ballettklasse aufgenommen, die herausragende schulische Leistungen zeigen!“). Freude schöner Götterfunken, ist das eine Drohung? (Mia-Sophie ist leistungsmäßig satt im Dreierbereich anzusiedeln. Aber das kann ja noch werden…)

Danach habe ich mich bei Herrn Weh krankgemeldet und bin mit der Wärmflasche auf dem schmerzenden Bauch ins Bett gegangen. Jetzt versuche ich nicht daran zu denken, dass zwei andere Kolleginnen viel kränker sind als ich und ich deswegen auf gar keinen Fall morgen fehlen kann.

 

all inclusive

Tschaikowsky starb an der Cholera. Auch Dimitri fühlt sich nicht gut:

„Meine Bauch blubbert. Ganze Familie war krank. Jetzt ich fühle mich auch nicht gut. Ich bin auch Russe. Ich auch bin cholerisch bestimmt wie Tschaikowsky.“

Sechste Stunde, Musik im Dritten. Die Kinder arbeiten sich durch den Lebenslauf Tschaikowskys und erspüren die Wehmut in seiner Musik. Ich habe das 1. Klavierkonzert in b-moll aufgelegt, die Drittklässler wiegen sich hin und her und spielen die kraftvollen Soli des Klaviers auf imaginären Tastaturen mit. Tschaikowsky kommt gut an. Ich bin entspannt. Es ist erst meine zweite Unterrichtsstunde. Heute hatte ich – Inklusion verpflichtet – mehrere Termine im Jugendamt. Nicht ganz freiwillig bin ich in die Rolle der Inklusionsbeauftragten gerutscht. Eigentlich habe ich schon mit den Förderschulverfahren und den Sprachstandserhebungen genug Außentermine.

Jetzt: viele Leute an einem Tisch (eckig, nicht rund, ich hatte die ganze Zeit ein Tischbein vor mir) in einem winzigen Büro, viele Entwicklungsberichte, Förderpläne, Ideen und Anträge. Paragraph 35a SGB. Es wird viel geredet. Die schulische Sichtweise ist wichtig, es geht um Geld, eine ganze Menge davon. In der Zwischenzeit muss ich in der Schule vertreten werden, eine Stunde fällt aus. Ich bin zwiegespalten, wie so oft, wenn es um das Thema Inklusion geht.

Ein Gespräch später, eine Etage tiefer. Ich nutze aus, dass ich sowieso schon einmal hier bin und suche das Zimmer 118. Ich lande im überraschend geräumigen Büro unserer männlichen Supernanny. Ein Pilotprojekt, das sich kümmert, wenns brennt. Und bei Lennox brennt es. Der Supernanny und ich haben schon früher zusammen gearbeitet, wir freuen uns – den Umständen entsprechend – wieder aufeinander zu treffen. Endlich mal ein Mann. (Nie hätte ich gedacht, dass mir dieser Satz über die Lippen kommt, aber es ist so. In den ersten 10 Lebensjahren geraten die meisten Kinder fast ausschließlich an Frauen. Das ist aus entwicklungspädagogischer Sicht Käse Bullshi grenzwer nicht unbedingt optimal.) Wir reden über Lennox Mutter, die sich in Therapie befindet, über den aktuellen Lebensgefährten und Vater zweier von drei Geschwistern, der sich raushält und den hauptsächlich abwesenden Erzeuger, der – wenn er in Erscheinung tritt – die Bemühungen der Mutter konterkariert. Und wir reden über Lennox, der das Pech gehabt hat, in Verhältnisse geboren zu werden, die Kraft, Fähigkeiten und Möglichkeiten der Eltern übersteigen. Wir sprechen unsere Ziele ab und einigen uns auf adressatenbezogene Hilfe, sprich: Gespräche bei der Familie zu Hause, Aufstellen von Plänen, Familienregeln und enge Kooperation zwischen Familie – Schule – Jugendamt. Das bedeutet Mehrarbeit. Und zwar von der Sorte, die nicht bezahlt wird, meinem unmittelbaren Unterricht nicht dient, ja nicht einmal der Schule im Großen zuträglich ist. Und die man trotzdem macht, weil sie eben gemacht werden muss. Weil es die Umstände erfordern. Weil es vielleicht einem Kind trotz schlechter Startbedingungen auf seinem Weg hilft.

Es rumpelt in meinem Gedankengang. Dimitri meldet sich erneut klagend zu Wort: „Frau Weh, Sie haben gehört? Meine Bauch r u m p e l t! Dimitri ist cholerisch!“

Ich schaue in Dimitris dunkelbraune Augen, die begehrlich auf den Apfel schielen, den ich neben dem CD-Stapel auf dem Pult abgelegt habe.

„Dimitri, hast du vielleicht Hunger?“

Dimitri strahlt und nickt: „Könnte sein, Sie, Frau Weh. Muss ich nicht sterben. Muss ich essen kleinen Apfel, dann mir geht es wieder gut.“

Toll, ein Kind gerettet 🙂

Ein ganz normaler Morgen

  • 6.50 Uhr: mit einer großen Schüssel Waffelteig, einem Doppelwaffeleisen, Auskühlgitter, Küchenrolle, Puderzucker, Suppenkelle, Gabel, einem Packen Servietten, sowie diversem anderen Material ausgestattet, verlasse ich das Haus.
  • 7.16 Uhr Ankunft an der Schule. Ich freue mich über den wiederauferstandenen Hausmeister, schmeiße beide Kopierer und die Kaffeemaschine an und stelle den Teig kalt. In der Klasse bringe ich den Tagesplan an der Tafel an, notiere die Hausaufgaben und lüfte einmal durch. Ich gehe in den Keller und bereite die Materialien für die Gruppenarbeit vor.
  • 8.00 Uhr: Religion, 4.Schuljahr. Die Gruppenarbeit läuft gut, die Ergebnisse sind repräsentativ, die anschließende Kritikrunde findet in angenehmer Atmosphäre und mit sachlichen Kommentaren statt. Schön. Nach dem Klingeln räume ich die 9 verschiedenen Bibeln, die Arbeitsaufträge, die Kiste mit den Heften und drei Schnipsel weg.
  • 8.52 Uhr. Der Bus hat Verspätung. Gemächlich trudeln die Drittklässler zum Musikunterricht ein. Zwei Zweitklässler stoßen dazu, die aufgrund der Erkrankung einer Kollegin aufgeteilt wurden. Wir sitzen im Kreis am Klavier als es pünktlich um
  • 9.00 Uhr schrill klingelt: Probe-Feueralarm. Alle Kinder stieben wie kopflose Hühner auseinander und rasen auf die senkrecht aus dem Kellerraum führende Feuerleiter zu. Erst mein lauter Pfiff erinnert sie daran, dass wir eine gewisse Ordnung beibehalten. Sogar bei Probealarm. Alle schaffen es irgendwie aus dem Raum und ein paar Minuten später auch wieder zurück. Die Drittklässler sind wie mit dem Bömmel geflitscht und völlig aus dem Häuschen. Dann ist aber eigentlich schon Frühstückspause und aufteilen muss ich die Kinder auch noch. Es macht die Situation gleich viel erträglicher, dass kein Arbeitsmaterial für die kommenden zwei Stunden vorhanden ist. Ich sauge mir schnell fünf Begriffe für eine Reizwortgeschichte (Schuh, Stiefmutter, Taube, Erbsen, Feueralarm) aus den Fingern und eile um
  • 9.35 Uhr in die Lehrerküche, um den Waffelteig zu holen. Dabei sammle ich ein paar verschollene Zweitklässler ein, die in der Pause mit mir verabredet sind, um ihre Laterne zu beenden. Ich begrüße die gutgelaunte Mutter, die sich netterweise zum Waffelbacken angeboten hat und besorge ihr einen Kaffee. Zeitgleich übergebe ich Tom1, Nathalie, Nick und Jens die halbfertigen Laternen, fülle Marvin-Superkleber ab und schicke Laura, Mia-Sophie, Lennox und Benjamin zum Händewaschen. Dann dürfen sie zu Mutter und Teig. Bei einem späteren Kontrollblick stelle ich fest, dass die Kinder jeden einzelnen ihrer 10 Finger nacheinander in den Teig stecken und genüsslich ablecken. Hmm, lecker.
  • 9.55 Uhr, es klingelt. Die Laternen sind fertig, der Waffelberg steigt an. Ich hole den Rest meiner Zweitklässler, wir begrüßen uns, ich kontrolliere im Schnelldurchlauf die Hausaufgaben, gebe neue auf, die Kinder stellen sich Quizfragen zum Eichhorn, wir begrüßen 5 aufgeteilte Drittklässler, die sich sichtlich freuen beim Waffelessen dabei zu sein und dann – endlich! – sitzt jedes Kind vor einer ordentlich gepuderzuckerten Waffel, alle schweigen andächtig und warten bis sie gemeinsam anfangen können. Ich lese ein Eichhörnchenbuch vor, alle hören zu, mümmeln ihre Waffeln und außer einem gelegentlichen „hmmm“ hört man – nichts. Zuckersüß, die Kinder. Die vormals waffelbackende Mutter ist so beglückt über diesen Anblick (und ich erst!), dass sie sich am Ende dafür bedanken wird, dabeigewesen zu sein.
  • 11.30 Uhr, Pausenaufsicht. Ich müsste mal aufs Klo. Allein, was nützt es? Ich halte Smalltalk mit ein paar Erstklässlereltern, finde einen verschollen geglaubten Turnbeutel wieder, genieße die Sonne und die Tatsache, dass ein bestimmtes drittes Schuljahr einen Ausflug in den Wald macht (daher die ruhige Pause) und warte auf das Klingeln um
  • 11.45 Uhr. Förderstunde Feinmotorik, 1.Schuljahr. Ich sammle die Jungs vom Klettergerüst und aus den Toilettenräumen („hat es schon geklingelt?“) und übergebe ihnen mit großer Theatralik und weitaufgerissenen Augen die schärfsten und gefährlichsten Pricknadeln der Welt. Andächtiges Schweigen. Mit größter Konzentration machen sich die Kandidaten daran, die Dinosaurierskelette freizulegen.
  • 12.30 wieder Religion, wieder ein 4.Schuljahr, wieder Gruppenarbeit. Es läuft besch…eiden. Die Arbeitslaustärke unerträglich, die Ergebnisse nicht der Rede wert, Kritik… ach lassen wir das. Alle sind froh, als es um
  • 13.15 Uhr klingelt. Ich hetze zur Busaufsicht („tschööööö, Frau Weh!“ „Bis morgen, Frau Weh!“, „schönen Nachmittag, Frau Weh!“), um mich anschließend ENDLICH Richtung Lehrertoilette zu begeben.
  • 13.25 Uhr: die Toilette ist besetzt.
  • 13.30 Uhr Elterngespräch mit MamaJustin. Es läuft ganz gut, Justin hat Fortschritte gemacht, die Logopädie schlägt an, er bleibt bis auf Weiteres bei uns. Alle sind glücklich. Nur ich müsste jetzt wirklich mal langsam… also, egal.
  • 14.30 Uhr kurble ich die Jalousien hoch (drei Stück, das macht Arme!), kehre die Klasse durch, räume den Waffelkram zusammen und fahre um
  • 14.45 Uhr nach Hause. Dort erwarten mich ein paar quietschfidele Wehwehchen und drei E-Mails von Supermom. Juchuu.

 

Internationaler Bauch- und Ohrpinseltag

„Frau We-hee?“

Roman, der gerade von seinem Vater am Schultor abgeliefert wurde, schlendert in der Frühaufsicht an mich heran.

„Mein Papa findet, Sie haben schöne Beine.“

Ok. Ja. Danke. Was soll man darauf antworten? Sollte Romans Vater nicht viel mehr mein Engagement, meine Intelligenz oder meinetwegen auch meine Geduld mit seinem – weiß der Himmel! – nicht gerade leicht zu händelndem Sohnemann auffallen? (Andererseits wäre Roman vermutlich nicht Roman, würde sein Erzeuger auf solch charakterliche Nebensächlichkeiten achten.) Glücklicherweise enthebt mich Jens, der sich gerade lauthals über seinen Ranzen übergibt, einer Antwort. Das Geschrei ist groß, spritzen doch die Frühstückscerealien bis in die akkurat aufgestellte Mädchenreihe.

Ich bin eigentlich ganz froh über diesen frühen Ausbruch. Hatte Jens mir nicht bereits schon vor 5 Minuten mitgeteilt, dass ihm die ganze Nacht schlecht gewesen sei, „aber die Mama hat gesagt, ich soll mal gehen und probieren, ob es klappt“. Tut es nicht. Immerhin spuckt es sich besser auf dem Schulhof als später in der Klasse. Da kippt man einfach einen Eimer Wasser drüber und fertig. Jetzt reibt sich der arme Jens das Bäuchlein und verlangt nach Mama.

Ein wenig später im Unterricht – wir wiederholen alles Wissenswerte vom Eichhörnchen, naht doch die finale Lernstandsüberprüfung – meldet sich Leon laut schnipsend:

„Das mit den Ohrpinseln, dass die so wachsen im Herbst und dann im Winter so lang sind und im Sommer weg, das wusste mein Papa gar nicht. Der hat gesagt, du hast aber eine ganz schöne schlaue Lehrerin.“

Na also! 🙂

Annemie, ich kann nit mih

Gestern traf ich beim Einkaufen eine Kollegin, die ich über ein paar Ecken kenne. Sie erzählte mir von den katastrophalen Zuständen an ihrer ehemaligen Schule, die so untragbar waren, dass sie während des laufenden Schuljahres beim zuständigen Schulrat um Versetzung bat. Diese wurde auch bewilligt. An ihrer jetzigen Schule – so erzählte die Kollegin – sei vieles anders, aber die Kinder…! Und die Kollegen…! Sie wäre nicht gerne dort und streiche jeden Abend einen Tag ab auf einer Liste, die ihre verbleibenden Schultage bis zur Pensionierung dokumentierte.

Es seien noch 78.

Gibt man bei google „burn out“ und „Lehrer“ ein, bekommt man ungefähr 483.000 Einträge angezeigt. Schreibt man es mit Bindestrich, schnellt die Anzahl auf über 1.000.000 hoch.

Warum der Lehrberuf – wie so viele soziale Berufe – hierfür prädestiniert ist, darüber brauchen wir wohl nicht sprechen. Wichtiger: wie lässt sich ein drohender Burnout vermeiden? Herr Rau spielt Ukulele. Klasse Sache. Zwei meiner Kolleginnen spielen Tennis, zwei weitere rauchen viel (kompensieren dies aber durch Gartenarbeit), viele essen Schokolade, manche ausschließlich ampelfarbige Lebensmittel. Eine liebe Studienfreundin hatte zeitweilig wochenends einen enormen Männerverbrauch, eine andere besitzt ein Schuhzimmer, das größer ist als ihr Arbeitszimmer. Eine dritte steht morgens von 5.30 Uhr bis 6.30 Uhr auf dem Crosstrainer. Manchmal befindet sich die sogenannte work-life-balance ziemlich nah am Abgrund des Sonderbaren.

Und Frau Weh?

Der ging es im letzten Schuljahr immerhin mal so mies, dass Herr Weh sich Sorgen gemacht hat. Weil sie doch eigentlich so gerne in die Schule geht. Und mit so viel Herzblut. Und überhaupt. Und dann auf einmal gar nicht mehr gern.

Mir fehlen Zeit und der passende Stoffwechsel für Schokolade, Schuhe oder Sport* und wenn hier am Wochenende Männerbesuch vor der Tür stünde, würde mich das wirklich furchtbar stressen. (Ganz davon abgesehen, dass Herr Weh mir was husten würde. Aber kräftig.)

Bleibts also beim Bloggen.

Läuft heute mal ein Tag so richtig, richtig aus dem pädagogischen Ruder, kreisen meine Gedanken nicht mehr um das warumnurwarumnurwarumnur, sondern darum, wie sich der ganze Käse Ablauf so darstellen lässt, dass es andere zum Schmunzeln bringt.

Bis jetzt läuft das ganz gut.

* Hierbei handelt es nicht etwa um eine unsaubere Alliteration, sondern um eine phonetische. Das geht noch durch.

Politisch nicht korrekt

Heute im Lehrerzimmer:

Kollegin ZudemFeld brütet über dem üppigen Schreibkram des

Verfahrens zur Feststellung eines sonderpädagogischen Förderbedarfs

für Jeremy, dessen herausragendste Leistung der letzten Wochen – neben absolutem Nichtstun – darin bestand, eben diese Kollegin mit Wucht gegen ihr Schienbein zu treten und ihr liebreizende Kosenamen zu verleihen. Ratlos fragt sie in die Runde:

„Heißt es nicht mehr E-Schule? Wie heißt es denn jetzt?“

Kollegin Weh weiß das: „E ist tabu, das darf man nicht mehr sagen. Das ist jetzt sozial-emotionale Entwicklung.“

Kollegin Kölln schaltet sich ein: „Genau wie mit „Negeraufstand ist in Kuba“! Das darf auch nicht mehr gesungen werden.“

Randbemerkung: Das bedauern wir alle. Was habe ich dieses Lied mit innerster Wucht auf den Jugendfreizeiten meiner Kindheit mitgeschmettert! Wumba wumba wumba, wumba WUMM! Dieser wundervolle Stimmungswechsel von Moll nach Dur. Hah!

Kollegin Abendroth, die sich besonders durch Scharfblick, herben Humor und eine nikotinbedingte Stimmlage irgendwo zwischen Bariton und Bass auszeichnet, erblickt zeitgleich in der Lehrerküche eine geöffnete Milchpackung – sie selber trinkt ihren Kaffee schwarz – und brüllt:

„Himmelherrschaftszeiten, wer hat denn hier die Milch offen gelassen!?“

Kollegin ZudemFeld, die als einzige regelmäßig für Milchnachschub sorgt, antwortet verstimmt zwei Oktaven höher:

„Ich entscheide ganz alleine, ob ich die Milch offen lasse oder nicht!“

Dröhnendes Gelächter dringt aus der Küche: „Pass auf, sonst tret ich dich ans Schienbein, Frau ZudemFeld!“

„Dann schick ich dich an die E-Schule!“

 

(Möglicherweise findet das jetzt außer mir niemand lustig. Wir haben aber herzlich lachen müssen. Sozial-emotionale Entwicklung und so…)

Knochenknacker

„Frau Weeeh, Hilfe!“

Die Musikstunde der 4a ist gerade beendet, wir frühstücken. Ich bin geduldig damit beschäftigt mir den vorpubertären Kleinkrieg zweier Zimtzicken anzuhören als mich ein schriller Schrei erreicht. Völlig unerwartet sehe ich mich einer Szenerie gegenüber, die ich so auch noch nicht erlebt habe:

Celina sitzt auf einer Pobacke und kämpft verzweifelt um ihr Gleichgewicht. Die andere Pobacke befindet sich in der Luft. Wie auch das gesamte rechte Bein, dass Celina – vermutlich um ihre Gelenkigkeit unter Beweis zu stellen – hinter den Kopf geklemmt hat. Dort steckt es jetzt offensichtlich fest. Auf jeden Fall bekommt sie es nicht mehr alleine wieder runter. Dies entnehme ich ihren von lautem Wehgeschrei untermalten Äußerungen. In dieser ebenso unangenehmen wie unbequemen Haltung bleibt ihr nichts anderes übrig als um Hilfe zu rufen. Wohlwissend, dass sie sich mit dieser kompromittierenden Lage der geballten Gefühlsmacht eines vierten Schuljahres auslieferern wird. Spott, Hohn, ungläubiges Kichern, entsetzte Quieker (Mädchen in diesem Alter haben einen Hang zu hochfrequentem Gequieke. Das macht ihnen offensichtlich Spaß.) entladen sich über dem armen Kind. Ich weiß nicht so recht, was ich tun soll. Wo setzt man hier denn nun den Hebel an? Also scheuche ich zunächst die Gaffer an ihre Plätze zurück, was die Meute mit lautem Maulen quittiert. Mit beruhigenden Worten versuche ich Celina, die – wer will es ihr verdenken? –  mittlerweile panisch schluchzt, dazu zu bewegen, ihren Kopf zu neigen.

„Geeee-hhhheee-t ni-hicht!“

Verdammt, denke ich, ich muss jetzt schnell handeln, sonst kriegt das arme Kind noch einen Krampf und dann aber Halleluja! In meiner und Celinas Not beginne ich den diesjährigen Ohrwurm des Herbstssingens anzustimmen.

„It rinns from Kopf and shoulder, my feece were cold and colder, colder…“

Wie erwartet fallen die meisten Kinder sofort mit begeistertem Gegröle ein und übertönen den zu erwartenden Schrei, den die bemitleidenswerte Celina natürlich ausstößt, als ich mit links das Bein greife,

„oh yes, I am so ness!“

mit rechts ihren Kopf ein Stück ducke

„and I believe I get a Snief“

und gleichzeitig das Bein runterziehe

„I have a Gänsehaut roundabout“.

Geschafft.

Kurze Zeit später – wir haben uns alle wieder beruhigt, es kann weiter gefrühstückt werden – kommt Celina zu mir:

„Ich kann das auch mit dem anderen Bein, soll ich Ihnen das mal zeigen?“

Nein.

Alltag hoch 2

Heut wird das nichts.

Ich bin zu müde zum Schreiben. Gestern Abend hatte ich erstmalig eine Klassenpflegschaftssitzung mit den Eltern gleich zweier Klassen. Die Kollegin ist so kurzfristig – der Anruf erreichte mich eine knappe Stunde vor Beginn –  ausgefallen, dass nicht mehr abgesagt werden konnte. Also musste ich die verdutzten Eltern in einer Klasse zusammenpferchen und die Sitzung der Kollegin mitwuppen. Eng war es. Und heiß. (Wäre ich in Stimmung, würde ich jetzt ein enthusiastisches Loblied auf mein neues Deo halten. Hammer! Leider fehlen mir die Worte.)

Übrigens…man muss gar nicht 30 Minuten über gesundes Frühstück debattieren. Es reicht schon, wenn man eine Mutter dabei hat, die ganz vehement den Verzehr von künstlichen Farbstoffen ablehnt. Holla, die Waldfee! Immerhin konnte ich mich erfolgreich gegen eine Weihnachtsfeier und die Zwangsdekoration unseres wirklich schönen Klassenraumes wehren. (Mütter im Bastelwahn. Unheimlich.)

Heute hatte ich dann – ebenfalls krankheitsbedingt – das Vergnügen mit zwei Klassen zu arbeiten. Und zweimal Aufsicht. Und einen Schlag in den Magen. (Der war zwar eigentlich nicht für mich, sondern für einen Drittklässler gedacht, aber dummerweise bin ich dazwischen gegangen. Ich lerne es echt nie.) Und eine Begegnung mit meinem neuen Lieblingsleihhausmeister. Und zwei Klassenbücher aus dem letzten vierten Schuljahr im Fach, in die ich noch den kompletten Musikunterricht eines ganzen Jahres nachtragen muss. Und jetzt kann ich grad einfach nicht mehr und verschwinde aufs Sofa.

Ach ja, die gute Nachricht des Tages: nächsten Mittwoch erscheint der neue Moers. Da freue ich mich drauf.

Von Römern und Pupsen

Caesar Ging Durch Afrika. Das ist der Merkspruch, mit dem sich kleine Cellospieler die Saiten ihres Instruments merken. Gitarristen tun das mit Eine Alte Dame Ging Hering Essen und Geiger mit Geh Du Alter Esel. Tambourcorps-Trompeter kennen sowas nicht. Die haben Nummern. Und obwohl ich mir gestern vorsichtshalber gleich zwei verschiedene Grifftabellen aus dem Internet besorgt habe, konnten wir heute nicht herausfinden, um welche Töne es sich bei den gespielten handelte. Einig waren sich alle Kinder darin, dass die Trompete toll aussieht, aber klingt wie ein Elefant mit Würmern.

Offensichtlich wartet mit dem neuen Schulorchester eine recht große Herausforderung auf mich. 14 kleine Musikbegeisterte trafen sich heute in der letzten Stunde im Musikraum. Mit von der Partie sind diesmal

  • 2 Blockflöten, davon kann eine das fis, die andere das b. Das ist praktisch.
  • 2 Querflöten, denen es – da sie noch nicht lange im Training sind – nach kurzer Zeit schwindelig wird
  • 1 Gitarre, die – ganz Profi – einfach alle Akkorde nach dem Motto „was nicht passt, wird passend gemacht!“ greift
  • 2 Keyboards, von denen eins bereits auf Cajon umgestiegen ist
  • 1 Klavier
  • 1 Saxophon in b
  • 1 winzige Geige, die bis jetzt nur leere Saiten spielt (Geh Du Alter Esel!)
  • 1 Mini-Cello
  • 1 Trompete in b
  • 1 Glockenspiel
  • 1 „Ich spiele noch kein Instrument, wollte aber unbedingt ins Orchester!

Das wird spannend.

 

Underdressed Teil 2

Dummerweise habe ich gestern im Bett Herrn Weh ein Ei an die Backe geschnattert. Das tu ich immer, wenn ich von Elternabenden komme. Ich bin dann voller Adrenalin und Aufregung. Und das muss irgendwo hin. Ebenfalls dummerweise war ich heute früh völlig im Eimer als ich mir mit halbgeschlossenen Augen ein paar Sachen aus dem Schrank zog. Mit mauve-taupe-kariert kann man ja im Herbst nix verkehrt machen. (Pffft, denkste.) Herr Weh jedenfalls war ob der kurzen Nacht dann leider auch ziemlich verdötscht, sodass er auf meine übliche Frage lediglich ein „jajagehtschon“ brummelte. Somit habe ich das Thema abgehakt. (Ich meine, jeder, der morgens mehr als eine Butterbrotsdose zu befüllen hat, weiß doch, wie kostbar da jede einzelne Minute ist und dass man keine Zeit zu verschwenden hat.)

Ja, toller Mist auch.

Im Auto war es mir zwar ein bisschen frisch an den Beinen, aber es wird ja nun Herbst, da habe ich mir noch nichts weiter gedacht. Die erste, die mich dann darauf hinwies, dass mein Outfit für meine Verhältnisse ungewöhnlich unschicklich war, war Kollegin ZudemFeld. Da stand ich gerade am Kopierer und zog den Lebenslauf Arthur Honeggers durch. Beim Gang zur Kaffeemaschine hob Mrs-Sporty grinsend eine Augenbraue und reckte den Daumen. Bevor ich jedoch Stellung nehmen konnte, kam Kollegin Sommer (gerne in starken Farbkombinationen unterwegs), um mich nach der Auswahl der Ganzschrift für meine Klasse zu fragen. Von dieser Seite aus hatte ich also keinen Kommentar zu befürchten. Tatsächlich war ich die restliche Zeit bis zur 1.Stunde mit Zippeln und Zuppeln meines Oberteils beschäftigt. Was soll ich sagen? Mitte Oberschenkel bleibt Mitte Oberschenkel, auch wenn man nur ein wandelnder Meter ist. Nur, dass dann auch der Oberschenkel proportional gesehen kürzer ist, was die Sache genaugenommen kein bisschen besser macht. Glücklich darüber, wenigstens einen ausreichend langen Mantel gewählt zu haben, holte ich dann – fest in eben diesen eingewickelt – meine Zweitklässler vom Schulhof, der kurz nach Schuljahresbeginn immer von wahren Elternscharen bevölkert ist.

Dankenswerterweise nehmen Siebenjährige in der Regel wenig Notiz von modischer Geschmacklosigkeit. Zumindest, wenn sie erst auf den zweiten Blick erkennbar ist. So hatte ich mein durchscheinendes Problem in der 2.Stunde dann auch schon vergessen als ich breitbeinig (dazwischen je einen Ablagekasten Zusammengesetzte Herbstwörter und Das Eichhörnchen auf Nahrungssuche) auf der Fensterbank stand, um die mit viel Liebe von den Kindern gebastelten Herbstblätter auf die verdreckten Scheiben zu kleben. Just in dem Moment, in dem ich mich auf die Stiefelspitzen stellte, um mit hochgereckten Armen auch noch ein paar Blätter nach ganz oben zu kriegen, mir die Tunika von Mitte Oberschenkel auf Mitte Poppes rutschte, ertönte von der hinter mir gelegenen Klassentüre ein lautes „Ööööh!“.

Ich drehe aufgeschreckt den Kopf, sehe einen sichtlich benommenen Leihhausmeister, lasse vor Schreck das Klebeband fallen, das so unglücklich auf der Ablage aufkommt, dass diese unter lautem Getöse und mit allen darin befindlichen Arbeitsblättern zu Boden kippt, verliere – immer noch auf den Stiefelspitzen balancierend – das Gleichgewicht, knalle mit dem linken Knie in die Herbstwörter, rutsche hinterrücks von der Fensterbank, lande auf dem immer noch nicht wesentlich bedeckteren be- sowie empfindlichen Körperteil, kriege eine riesige rote Birne und wünsche mir, der Erdboden möge sich unter mir auftun.

Fairerweise muss ich sagen, dass der Leihhausmeister eine ebenso rote Birne hatte als er sich entschuldigte und mir aufhalf, um dann schleunigst das Klassenzimmer wieder zu verlassen. In den folgenden Stunden konnte ich nahezu spüren, wie das Hämatom an meinem Hintern prächtige Farben annahm. Vermutlich hätte man die sogar durchleuchten sehen können. Aber ich zog es dann vor, den restlichen Schultag im Mantel zu unterrichten.

Wer jetzt an Schokolade zum Frühstück denken musste, hier ist sie, Frau Weh, die Bridget Jones der Schulhöfe. Schön, dass wir Herbst haben, wäre es vor Ostern, hätte ich womöglich noch meine Bunnyöhrchen aufgehabt.