Underdressed Teil 1

Also an der Scheibenkäseproblematik sieht man mal wieder, wie wenig ich aufpasse, wenn ich auf der anderen Seite des Pultes sitze. Es ging natürlich um WURST! Die ist nämlich ab jetzt verboten in der Schule vom Wehwehchen. Käse geht noch, aber zu fett darf er auch nicht sein. Am liebsten Hüttenkäse mit etwas frischem Schnittlauch. Ungewürzt. Salz ist – ja! – verboten. Und weiße Brötchen ebenfalls. Es kam dann auch die Frage auf, ob man nicht vielleicht abwechselnd eine Kiste Möhren und ein paar Sparschäler in der Schule vorbeibringen sollte. Dann könnten sich die Kinder ja als Frühstück ein bisschen Rohkost raspeln. Das war zwar ironisch gemeint, aber einige Mütter schossen ob dieser Steilvorlage bis unter die Decke. Und die ist ja in öffentlichen Gebäuden bekanntlich recht hoch angesetzt. Also, es war richtig schön gestern! Leider hat die Kollegin vormittags unter den Tischen aufräumen lassen, so konnte ich leider keine Betriebsspionage durchführen. Aber ich habe die Van Goghs an der Wand bestaunt und natürlich die technische Versiertheit der Kollegin, die den Abend mit einer Power Point Präsentation geleitet hat. Ich schreib ja immer ganz popelig an die Tafel. Aber mal sehen, vielleicht kriege ich bis Montag ja noch was gezaubert. Hö hö.

Ansonsten hat mich der Elternabend des Wehwehchens vor allem eins gekostet: Schlaf.

Das wiederum hatte heute Morgen peinliche Folgen. Bevor ich später mal davon berichte, seien mir aber bitte eine zwei Randbemerkungen gestattet, die im Verlauf der Geschichte noch an Bedeutung gewinnen:

1. Ich besitze exakt zwei schwarze Leggins. Eine davon ist blickdicht und trägt sich hervorragend unter Tuniken, Kleidern und weiteren entzückenden Dingen, die sich im Wehschen Kleiderschrank befinden und meistens ein Label mit ulkigem Namen aufweisen. Das andere Beinkleid ist… nun ja, irgendwie eben nicht blickdicht und zu meiner Verteidigung kann ich nur anbringen, dass ich vergessen hatte, dass es überhaupt im Schrank lag.

2. Ich gehe immer gut angezogen in die Schule. Nie zu flippig, nie zu spießig, aber immer überlegt. (Ich neige zum Überlegen.) Außerdem habe ich in Herrn Weh einen hervorragenden Anziehberater. Es verhält sich nämlich so, dass, wenn ich mir nicht so sicher bin, ob z.B. ein Rock eventuell zu kurz ist, ich Herrn Weh frage. (Der hat tatsächlich null Ahnung von Mode oder Farben oder solchen Stildingen, aber er ist halt so ein richtiger Mann.) Wenn Herr Weh dann ein entrücktes Lächeln zeigt und sagt „sieht gut aus“, dann weiß ich, es ist nicht für die Schule geeignet und ziehe mich um. So einfach ist das. Und bisher bin ich damit immer hervorragend gefahren. Auf den Gatten ist Verlass in diesen Dingen.

Schule wie sie sein sollte

Golden fließt die Septembersonne durch die Klassenfenster und bescheint eine Szenerie voller Frieden und Lernfreude:

Amelie und Mia-Sophie sitzen mit Justin in der Leseecke und lesen sich abwechselnd aus dem Buch „Eichhörnchen auf Besuch“ vor. Sie lesen ruhig und betont. Zwischendurch lachen sie leise, was aber niemanden stört. Nebenan am Matheregal erklärt Leon Lotte noch einmal anschaulich die Pluminos. Dabei benutzen sie das Anschauungsmaterial zur Verdeutlichung, aber keinesfalls, um sich gegenseitig mit den Plättchen abzuflitschen. Victoria, René und Tom2 sitzen auf den Teppichen rund um den Herbsttisch, sortieren die verschiedenen Nuss- und Kernarten und schreiben eine Speisekarte für das Eichhörnchen. (Es gibt herbstliche Haselnusstorte, Bucheckerbrötchen und wabelhafte Walnüsse. Ich lächle milde über diese entzückend-kreative Alliteration.) Tom1 arbeitet selbstständig und ohne Hilfe im Schreibschriftlehrgang. Nadine, Nathalie und Benjamin bauen einen Kobel aus zuvor gesammelten kleinen Ästen, Rindenstücken und Gräsern. Er ist fast rund und besitzt natürlich zwei Aus- und Eingänge. An den PCs werden herzerwärmende Herbst-Elfchen formuliert. Die Zweitklässler arbeiten konzentriert in der Herbstwerkstatt, die doch wieder mit mehr als 10 gut geplanten und durchstrukturierten Stationen plus Zusatzmaterial aufwartet. Nick streichelt das Stoffeichhörnchen und flüstert ihm Geheimnisse ins Ohr. Über allem liegt himmlische Ruhe.

Ich sitze – ganz Lernbeobachter – glücklich im Hintergrund und fühle, dass ich jetzt und hier genau die Lehrerin bin, die ich immer anstrebte zu sein. Ich bin entspannt und befinde mich im Gleichgewicht zwischen absolutem Wohlwollen und professionellem pädagogischen Abstand zu diesen mir anvertrauten Kinder. Alles fühlt sich gut an und so unendlich richtig.

Da tritt Lennox, dem über Nacht alle vier Schneidezähne gewachsen sind, vor mich hin und sagt – perfekt in Phonetik und Syntax:

„Frau Weeeeheeee? Frau Weeeeheee! Der Leon hat mein Tisss umgesupzt. Jetz iss das Kakao in mein Ransssen! Un die Pauline, die heult jetz, weil is hab sie aus Versehn getretn. Was sags du jetz?“

Widerstrebend öffne ich ein Auge und kehre aus meinem Tagtraum zurück. Das Verlustgefühl trifft mich stark und geradezu schmerzhaft.

Ich schaue Lennox an, der bar jedes oberen Schneidezahns vor mir steht. Ein Blick durch die Klasse offenbart nicht gerade das, was man ein ungetrübtes Bild der Liebe nennen würde. Mein Auge schweift zum Fenster. Dreckig, natürlich, da kommt heute kein güldener Strahl mehr durch.

Ich seufze. So innerlich.

„Habe ich euch eigentlich schon den Witz mit den Giftschlangen erzählt?“

Zweitklässlerlieblingswitz

Fragt eine Schlange die andere:

„Duuuu? Bin ifff eigentliffff gifffftiffff?“

Sagt die andere: „Wiesssssooooo?“

„Ifff habe mir gerade auffff die FFFFunge gebiffffen!“

 

Großes Kinderkringeln vor Lachen. Einer ist sogar vom Stuhl gekullert und hat sich den Kopf gestoßen. Wann im Leben geht einem eigentlich dieser Sinn für Humor und die Freude um der reinen Freude willen verloren?

 

Es geht aufwärts

„Und was sagst du jetzt dazu!?“

Empört wartet Frau Schmitz-Hahnenkamp auf meine Reaktion. Drei der mir anvertrauten Schützlinge haben grobes Fehlverhalten an den Tag gelegt. Leon, Justin und Nick sind während der Hofpause im Treppenhaus aufgegriffen worden. Sie wollten die Einladungen, die sie gerade von einem Fußballkumpel bekommen hatten, in die Klasse bringen. Natürlich ist das Betreten des Treppenhauses während der Pause bei Todesstrafe verboten! Natürlich achten manche Kolleginnen darauf mehr als andere, um dann umgehend die Klassenlehrerin der Übeltäter zur Rede zu stellen.

(Böswillige Zungen behaupten, Kollegin Schmitz-Hahnenkamp bräuchte das tägliche Aufdecken von Missständen und anschließende Abkanzeln der – scheinbar – verantwortlichen Kollegin wie andere ihren morgendlichen Kaffee. Natürlich ist das üble Nachrede! Ich fürchte, es hat bereits die Ausmaße einer mittelschweren Abhängigkeit angenommen.)

Nachdem Frau Schmitz-Hahnenkamp den drei Missetätern unter Aufbietung all ihrer verbalen Präsenz verdeutlicht hat, dass das Treppenhaus in der Pause nur dann zu betreten sei, wenn der wichtige (!) Auftrag einer Lehrerin dahinter stehe, sind die Jungs nun also schnurstracks zur Pausenaufsicht gelaufen. Der sie dann erklärt haben, sie müssten dringend etwas von/für (das ließ sich im Nachhinein nicht mehr genau herausfinden) ihre/r Frau Weh hochbringen, woraufhin die Kollegin sie selbstverständlich passieren ließ.

Frau Schmitz-Hahnenkamp, in deren Augen diese unerwartete Wendung den Gipfel der Unverschämtheit darstellt, verlangt nun von mir eine Stellungnahme.

„Also, wie findest du das?“

„Nun ja…“ – ich lasse mir etwas Zeit mit der Antwort – „eigentlich ziemlich clever.“

Da sind wir also wieder

Alle waren sie da.

Alle sind gewachsen und – zumindest in der ersten Stunde – auch ein wenig stiller als sonst. Wir haben knappe 50 Minuten damit verbracht, das Material einzusammeln, zu sortieren und an die richtigen Stellen zu räumen. Gar nicht so leicht in einem neuen Klassenraum. Auch wenn er im Prinzip genau wie der alte eingeräumt wurde. Allerdings spiegelbildlich. Das sorgte für Verwirrung bei den Zweitklässlern. Dabei haben sie im ersten Schuljahr bereits mit großer Freude gespiegelt. Allerdings nicht in 3D. Für Verwirrung bei mir sorgte der komplett leere Ranzen, den Lennox dabei hatte. Kein Stift, kein Heft und erstrecht kein Kunstzeugs. Alles nicht auffindbar. Genauso wenig wie die ausgegebene Materialliste, die Hausschuhe und das Mäppchen. Alles fehlte. Wie auch Lennoxens Schneidezähne immer noch fehlen, deren Vorgänger ihm – da bis auf den Stumpf abgefault – bereits im zarten Alter von drei Jahren gezogen werden mussten. Ich hatte ja gehofft, dass sich über den Sommer da mal etwas täte. Wäre schon gut für die Aussprache.

Ganz leer war der Ranzen übrigens nicht. Dazu später.

Gut, dass ich Klopapier dabeihatte. Es gab nämlich keins mehr auf den Toiletten. Das muss jetzt erst wieder gefunden werden. Vielleicht von einem der geliehenen Hausmeister. Heute hatten wir einen, den Kollegin ZudemFeld mit leuchtenden Augen als verwegen bezeichnete. Pauline (nach unten geschickt wegen der fehlenden Rolle) fürchtete sich allerdings vor Goldohrring, Zopf und zieseligem Piratenbart und traute sich daher auch nicht ins Hausmeisterbüro hinein. Leider wagte sie sich – da sie ihren wichtigen Auftrag nun nicht erfüllen konnte –  auch nicht mehr in die Klasse zurück. Wir haben sie dann später aber eingesammelt. (Gut, dass man mit der Zeit mehr an Übersicht gewinnt! Vor Jahren ist es mir doch glatt passiert, dass ich ein Kind auf dem Klo vergessen hatte. Dort saß es fest und wartete. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass a) das Kind sehr lange dort ausharren musste und b) nicht mal ich es war, die sein Fehlen bemerkt hat. Äußerst unangenehm. Nicht so unangenehm allerdings wie bei der Kollegin, die einmal ein Kind nach dem Unterricht – versehentlich! – in der Klasse eingeschlossen hatte.)

In der zweiten Stunde wurde dann das obligatorische Kreisgespräch über die Ferien geführt. Überraschenderweise hatten alle meine Lieben schöne Ferien. Trotz des Wetters. Es gab also keine Knaller, nur eine Menge Beinahes. Beinahe hätte Leon in Tunesien einen Fisch gefangen. Mit bloßer Hand! Beinahe wäre Victoria vom Pony gefallen. Und beinahe hätte MamaMia-Sophie ans Schul-T-Shirt gedacht. Aber ich gebe nicht auf.

Nach kurzer Geburtstagseinlage – die Kinder waren schlichtweg verzückt von der neu befüllten Geschenkekiste* – wurde gefrühstückt. Und da kam er.

Der große Moment von Lennox.

Mit beifallheischendem Blick zog Lennox den Todfeind jeder Zahnärztlichen Prophylaxeberaterin aus der Tüte: Einen fetten, schokoladeüberzogenen Donut! Streusel und Gummitierchen inklusive. Schön, dass MamaLennox wenigstens an ein Frühstück gedacht hat. Mein stummes O war vermutlich genauso donutrund wie irrelevant.

Nach der Pause hatten wir es dann recht nett. Die Kinder haben die Hausaufgaben notiert (ja, natürlich „Meine Ferien“, was denn auch sonst?) und es trat auch nur eine leichte Verzögerung ein, als Justin nicht bereit war, die Hausaufgabe unter Mittwoch aufzuschreiben. Schließlich fängt das HA-Heft ja mit einem Montag an. (SCHULKRAM-Liste: dringend noch einmal die Wochentage wiederholen!). Kurz Luft geholt, ein kleines Warm Up eingeschoben und dann Musikunterricht. Wie gesagt, nett. So nett, dass wir dann beinahe alle vergessen hätten, dass nach dieser Stunde bereits Schulschluss war. Also bin ich losgerannt und habe mich vor den Bus geworfen, damit der meine Kinder (einpacken, Stühle hoch, Schuhe an und los!) noch mitnimmt. Ich hatte Seitenstechen, aber es hat geklappt. Der Rest des Tages erging sich dann wieder im langen und nicht immer sinnvollen Konferieren. Wie gesagt, da ist unser Kollegium große Klasse drin.

Die Kekse sind übrigens fertig. Und auch lecker. Familie Weh hat probegegessen. Jetzt hoffen wir auf gutes Wetter für die morgige Einschulung. Zwar ist der Musikraum seit gestern von Unrat und Wahlurnen befreit, der heutige Hausmeister hatte allerdings die durchaus nachzuvollziehende Idee, den Raum zu bestuhlen und die (zu diesem Zweck wegzurückenden) Tische allesamt auf die Bühne zu stellen. Diese wäre nun aber für das Theaterstück benötigt worden. Aber bevor man dies dem piratigen Leihmeister mitteilen konnte, ward er nicht mehr gesehen. Also muss gutes Wetter sein, damit wir auf den Schulhof können. In die Kirche will ja keiner mehr.

 

* Ich sage nur: Glitzerelfenschüttelkugeln. Hammer!

 

same procedure as every year

Der Tag begann mit einer ziemlich großen Spinne (tegenaria atrica; übrigens die Spinne des Jahres 2008) im Badezimmer*. Und er ging auch genauso weiter: schnell, stellenweise schwarz und irgendwie haarig.

Neben der weiterhin erkrankten Putzfrau fällt nun auch der Hausmeister für den Rest des Monats krankheitstechnisch aus. Worst case. Die Schule steht vor Dreck, der Musikraum ist immer noch voll bis obenhin, am Donnerstag ist Einschulung und keiner weiß so genau, wohin mit den Eltern wenns regnet. Wir haben nämlich weder Aula noch Turnhalle in der Nähe. Bei größeren Veranstaltungen knubbeln wir uns ins Treppenhaus (geht nicht, furchtbar dreckig) oder in den Musikraum (geht auch nicht, s.o.). Außerdem stellt sich nun die Frage, wer am Donnerstag die Anlage aufbaut. Natürlich ist dies eine rhetorische Frage, denn außer dem Hausmeister und mir kennt sich keiner damit aus. Aber ich habe ja auch noch meine Klasse. Und ich muss für jeden Schulneuling einen Keks backen. Herzförmig.

(Nein, nicht fragen. Es hat was zu tun mit dem Lied Ich schenk‘ dir einen Regenbogen und meiner Unfähigkeit im entscheidenden Augenblick unsichtbar – und still! –  zu sein.)

Wie man sich denken kann, hatten wir heute Konferenz und was soll ich sagen? Es ist als wäre man nie fort gewesen. Alles wie immer. Laut, stressig, durcheinander. Und ich habe mir so vorgenommen, dieses Schuljahr ganz entspannt anzugehen. Hö hö, ich bin da wirklich unverbesserlich. Zwei neue Kolleginnen haben wir auch. Die sahen nach der Konferenz (2 Punkte auf der Liste, 3 Stunden Dauer) ziemlich platt aus. Dabei war das ein guter Schnitt für unsere Verhältnisse. Wir können viel länger.

Jetzt würde ich ja zu gerne noch eine aktuelle Version meiner SCHULKRAM-Liste hier reinschreiben, aber ich habe keine Zeit. Ich muss nämlich schnell noch eine E-Mail an die Eltern schicken mit Stundenplan-, Schwimm- und sonstigen Infos und außerdem dringend meine Unterlagen übers Eichhörnchen raussuchen. Ich fürchte, ich habe sie in einem Anfall von Aufräumwahn entsorgt.

In diesem Sinne, frohes Schaffen!

 

* (was irgendwie auch lustig war, da ich genau einer solchen fetten Spinne gestern bei den ZweimeinerLieblingskollegen begegnet bin. Dort lief sie durchs Wohnzimmer. Und anstelle feste draufzutreten (jahaaa, ich weiß schon…) wurde das arme Ding vorsichtig festgesetzt und in die freie Wildbahn entlassen. Daraufhin ist das Biest offensichtlich schnurstracks zum Hause Weh gelaufen, um dort morgendliche Panik und Schrecken zu verbreiten. Ich verzichte jetzt übrigens extra darauf, ein Bild einzustellen.)

 

Oje

Dieser Beitrag ist für all die arbeitenden Mütter, die sich in den letzten Tagen und Wochen vielleicht gefragt haben, wie die Frau Weh das immer so toll hinkriegt mit Arbeit und Familie und so.

Ihr könnt euch ganz entspannt zurücklehnen.

Eben entdeckte ich im Ranzen des mittelgroßen Wehwehchens die seit 6 Wochen unangetastete Frühstücksdose. Und – mutig wie ich bin – habe ich auch reingeguckt (sie hätte ja leer sein können). War sie leider nicht.

Zu meiner Verteidigung kann ich nur anbringen, dass nichts sonderbar gerochen hat. Zumindest nicht sonderbarer als so ein Ranzen sowieso immer riecht.

Jetzt trinke ich einen Schnaps und nehme mir das restliche Wochenende beitragsfrei.

Versprochen.

Zeugnisse

Alles ruhig und entspannt. Für meine Erstklässler ist das erste Zeugnis noch keine so große Sache. Bis zur zweiten Stunde sind sie sich noch nicht einmal so sicher, ob es überhaupt ein Zeugnis für sie gibt. Selbst als ich nach der Pause mit einem ganzen Stapel Blätter in die Klasse komme, denken sie noch, es könnte ja auch etwas zu malen sein. Interessanter finden sie das auf buntem Papier gedruckte Kinderzeugnis, das ich für sie geschrieben habe und das gerade so viel Text beinhaltet, dass sie es selber lesen und im Idealfall auch verstehen können.

Die eigentlichen Zeugnisse sind mit sieben Seiten multiple choice Ankreuztexten viel zu unübersichtlich und überladen für die Kinder. Auch für manche Eltern ist das kaum zu bewältigen. Ob es übertrieben ist ein sechsjähriges Kind von vorne bis hinten durchzubeurteilen? Ach…

Unser Kollegium war auch immer kurz davor sich zu erschießen, als wir noch Berichtszeugnisse hatten. Aber jetzt sind wir ja sowas von entspannt mit den nureinpaarhundert Kreuzchen, die wir anklicken. Natürlich sollen die Kreuzchen den Noten entsprechend einheitlich in der ganzen Schule gesetzt werden. Natürlich muss man dafür jedes Pupskreuzchen eines jeden Nebenfaches mit den Fachkolleginnen besprechen. Natürlich sind dafür nicht nur Gespräche innerhalb einer Stufe nötig, sondern stufenübergreifend. Natürlich benötigt so ein Zeugnis jetzt sieben Seiten statt einer. Und ja, sowas ist doof, wenn seit Wochen das Netzwerk nicht funktioniert. Aber insgesamt haben wir uns durch die Ankreuzzeugnisse bestimmt eine Menge Arbeit erspart!

Ja, ok, wir mussten die einzelnen Textbausteine ein, zwei, drei,viermal überarbeiten und im Schulamt einreichen. Und vorher natürlich in der Schulkonferenz. Und nochmal überarbeiten, einreichen und überhaupt. Aber was macht das schon? Es ist schön in der Schule, da bleiben wir alle gerne länger. Und vielleicht streichelt die Schulrätin uns dafür beim nächsten Besuch bestimmt nett über den Kopf, anstelle immer nur mahnend anzumerken, dass unsere schulinternen Curricula noch nicht vollständig eingereicht seien.

Was nun mit den neuen Zeugnissen leider gar nicht mehr geht, sind ironische Untertöne. So Formulierungen wie

LauraLenaLotta verfügt über ein großes sachkundliches/musikalisches/religiöses Vorwissen, an dem sie die anderen Kinder selten teilhaben lässt.

oder

Timos Verhalten im Religionsunterricht ist von tendenziellem Desinteresse gekennzeichnet.

gehören nun leider der Vergangenheit an. Schade drum, ich mochte das.

Jetzt mache ich mir einen Kaffee und setze mich neben das Telefon. Mia-Sophies Mutter hat gestern per E-Mail angekündigt, dass sie sich wahrscheinlich heute mit mir über das Zeugnis austauschen möchte.

Vielleicht kann ich ja ein paar ironische Untertöne in das Gespräch einschmuggeln.

Bildungslöcher

Freiarbeit, 1.Schuljahr. Alles arbeitet konzentriert.

Benjamin (beugt sich vor, deutet auf meine Fingerknöchel): „Was hast du da, Frau Weh?“

Ich: „Das sind meine Fingerknöchel. Die hast du auch, Benjamin.“

Benjamin (völlig überzeugt): „Nein! Ich hab da keine so Bildungen. Ich hab da so Löcher.“

Jana schaltet sich ein: „Was hast du, Benjamin?“

Benjamin: „Da wo ich Löcher habe, da hat die Frau Weh so Bildung.“

Wo er Recht hat …

Noch vier Tage

Hals und Kopf sind ein bisschen besser. Der Tag war auch gar nicht gemein zu mir, sondern im Gegenteil recht nett. Die vier Stunden bei meinen Erstklässlern gingen erstaunlicherweise ohne größere Krafteinsätze vorbei. Sie haben eine ganze Stunde relativ still an ihren Zoobüchern gearbeitet, einen passablen Montagskreis hinbekommen, eine Pause fast ohne Streit geschafft und dann noch einmal eine Zeitstunde wahlweise an Mathe oder der Schreibschrift gesessen.

Still! Richtig still!

So still, dass ich 10 Schulwochen in meinem Klassenbuch ausfüllen konnte. Wahnsinn, sie werden groß 🙂

In den letzten beiden Stunden hatte das Schulorchester Probe in der Kirche. Und was soll ich sagen, sie haben zwischendurch so schön gespielt, dass ich richtig gerührt war. Natürlich waren die Trommeln zu laut, die Geigen haben zwischendurch gequatscht und das Glockenspiel hat wie immer den Einsatz verpasst. Aber für eine Generalprobe war es wirklich nicht schlecht. Wer jemals auf die tollkühne Idee kommt, mit Grundschülern ein Orchester zu bilden, sollte den folgenden Leitsatz beherzigen: Keep it simple! Lieber was Kleines ganz schick, als was zu Großes verhauen. Gerne mit vier Akkorden a, e, F, G. Die kann jeder. Also fast. Magnus kann noch kein F-Dur auf der Gitarre, da schlägt er dann einfach zweimal in die Luft. Das fällt gar nicht weiter auf.

Sie sind ein bisschen nervös und fragen mich dauernd, was sie denn anziehen sollen. Aykut hat sich noch nicht entschieden ob Fliege oder Krawatte. Rufus möchte beim Trommeln nur ungerne auf seine glückbringende Kappe verzichten und die Holzbläserfraktion wird im Kleid auftreten. Allerdings nicht im Kommunionkleid. Das habe ich untersagt.

Meine Güte. Noch vier Tage, dann sind Ferien. Ich kann es gar nicht fassen. Ich glaube, das war das längste Halbjahr meines Lebens.