Gespräch, Teil 2

Die Chefin schließt die Türe hinter mir und weist auf einen Stuhl. Im gleichen Moment taucht eine Erinnerung in meinem Kopf auf: Ich muss fünf oder sechs Jahre gewesen sein, als ich den ersten von vielen folgenden öffentlichen Auftritten hatte. Der Bürgermeister lud zum Empfang und ich umklammerte tapfer meine Blockflöte. Ob ich wegen des zweifelsohne vorhandenen Talentes oder einfach nur der niedlichen Zöpfe wegen auf die Bühne durfte, kann ich rückblickend nicht mehr beantworten. Meine Blockflötenlehrerin – wie immer stylisch in Leopardenleggings, es waren die 80er – bemerkte meine Nervosität, beugte sich zu mir herunter und raunte „Kopf nach oben, Blick geradeaus und lächeln, lächeln, lächeln!“. Dann schubste sie mich auf das Podest. An das Vorspiel selber habe ich keine Erinnerung mehr. Seltsam, dass mir das gerade jetzt einfällt, aber ich straffe automatisch die Schultern und hebe den Blick. „Was ist der Gesprächsanlass?“, frage ich und schaue der Chefin in die Augen.

„Ich hatte eine Unterhaltung mit Frau Tipps.“, erwidert die Chefin kühl. „Darin teilte sie mir mit, du hättest ein Problem mit deinem Team und dies sei ausschlaggebend für deinen Versetzungsantrag?“

„Wenn du mit meinem Team Frau Schmitz-Hahnenkamp und mich meinst, dann habe ich kein Problem. Es existiert nämlich nicht. Weder ein Team, noch ein Problem.“ Ich zucke die Achseln. Die Chefin schaut missbilligend und räuspert sich. Beides kann sie sehr überzeugend. Sie möchte die Gründe dargelegt bekommen. Ich habe das Bedürfnis etwas weiter auszuholen.

„Wir arbeiten jetzt seit mehr als 10 Jahren zusammen. Du kennst mich als engagierte und vor allem loyale Kollegin. Ich habe nie zu denen gehört, die alles abgenickt und hinter deinem Rücken zerrissen haben. Im Gegenteil habe ich Schwierigkeiten immer direkt angesprochen und nach geeigneten Lösungen gesucht.“

Die Chefin nickt und bestätigt dies.

„Auch als Lehrerrat habe ich mich, egal wie verfahren sich eine Situation dargestellt hat, immer um eine objektive Sicht und vor allem um eine gute Gesprächskultur bemüht.“ Obwohl ich das Gefühl habe, mich wie eine Milchkuh anzupreisen, fahre ich fort. „Kommunikationsprozesse, ja, auch schwierige, liegen mir und ich habe eine gute Menschenkenntnis. Ich bin in hohem Maße teamfähig und arbeite gerne mit den Kolleginnen zusammen.“

Der Chefin wird es langsam unbehaglich ob meines Redeschwalls. Sie lenkt ein: „Ja, das weiß ich doch und dafür schätze ich dich sehr!“

„Es liegt mir fern, negativ über eine Kollegin zu reden, die nicht anwesend ist. Ich werde das auch in diesem Falle nicht tun und hätte dieses Gespräch von mir aus nicht gesucht. Die Gründe für meinen Versetzungsantrag kennst du. Wir haben darüber gesprochen, dass ich aus familiären Gründen wohnortnah versetzt werden möchte und dass es an der Zeit für neue Erfahrungen und ein neues Schulumfeld ist. Tatsächlich – und auch das weißt du – trage ich den Gedanken an eine Versetzung schon ein paar Jahre mit mir herum.“

Auch an dieser Stelle nickt die Chefin wieder, möchte aber jetzt konkret wissen, ob es einen Zusammenhang zwischen der Teamkonstellation und meiner Entscheidung gebe. Ich wähle meine Worte mit Bedacht.

„Ich habe in den letzten 1,5 Jahren viel gelernt. Über mich, über dynamische Prozesse und über die Schwierigkeit menschlicher Kommunikation. Vielleicht habe ich sogar“, überlege ich, „in den letzten Jahren mehr darüber gelernt, als in den ganzen Jahren zuvor. Ganz sicher bin ich mir aber darin, dass ich mehr darüber erfahren habe, als ich je wollte. Und darin“, jetzt kann ich mir ein Grinsen nicht verkneifen, „dass die letzten Jahre auch für Frau Schmitz-Hahnenkamp nicht ganz so wie erwartet verliefen. Das werte ich durchaus positiv im Sinne der Schulentwicklung.“

Auch die Chefin kann ein Schmunzeln nicht verbergen. „Eigentlich“, räumt sie ein, „wollte ich dich nur fragen, ob es ein Problem gibt, bei dem ich dich unterstützen kann. Aber ich sehe, dass du die Situation gut im Griff hast.“ Sie entlässt mich seufzend. „Und danke für die überzeugende Darstellung deiner verbalen Fähigkeiten. Jetzt weiß ich wieder, warum ich dich so überaus ungerne gehen lasse.“

 

 

Gespräch, Teil 1

„Oh, Frau Weh, es tut mir so leid, ich habe Mist gebaut!“

Die weltbeste Sekretärin steht zerknirscht vor mir und schüttelt den Kopf. Sie hatte eine Auseinandersetzung mit der Chefin, was selten vorkommt, weil sie nicht von ungefähr die weltbeste Sekretärin ist. Aber manchmal reißt auch dem geduldigsten Herzstück der Schule der Geduldsfaden.

„Nachdem die Chefin Frau Schmitz-Hahnenkamp wieder über den grünen Klee gelobt hat, weil sie so schön im Lehrerzimmer den Tisch gewischt hat, hat sie mich tatsächlich gefragt, ob ich eine Ahnung hätte, warum die Kolleginnen derzeit mal wieder das Messer auf die werte Kollegin geschliffen haben. Da habe ich sie mal gefragt, ob sie nicht langsam Gefahr läuft, auf der gezielt ausgelegten Schleimspur auszurutschen.“

Ich staune die weltbeste Sekretärin mit offenem Mund an. Was für Töne!

„Ist doch wahr! Immer diese scheinheiligen Nettigkeiten, aber grundsätzlich mit Vorbehalt. Denn weißt du“, und nun regt sie sich so auf, dass sie ihren komfortablen Bürostuhl (auf dessen Besitz ich immer ein wenig neidisch bin) verlässt und im Büro auf- und abgeht, „im gleichen Atemzug, mit dem sie geflötet hat, wie gerne sie sich doch um das Lehrerzimmer kümmert, hat sie einfließen lassen, dass sich ja eigentlich Frau Mandel darum kümmern wollte. Immer dieses Hintenrum! Ehrlich, das geht gar nicht!“

Ich denke an all die missglückten Gespräche, die ich mit Frau Schmitz-Hahnenkamp geführt und nach denen ich mich mies gefühlt habe. An die vielen Male, die sie mir scheinbar einen Gefallen getan hatte, nur um dann hintenrum der Chefin mitzuteilen, wie überlastet ich sei. Halbe Infos, die sie zu unpassendem Zeitpunkt an die Eltern ausgegeben hat, um sich selbst in ein besseres Licht zu setzen. Gemeinsame Absprachen, die nicht eingehalten oder Klassenarbeiten, die plötzlich nach anderen Maßstäben korrigiert wurden. Hmm. Es stimmt, bei allem, was sie tut und sei es noch so freundlich gemeint, bleibt ein Geschmäckle.

„Und dann habe ich dich mit ins Gespräch gebracht. Ehrlich, es tut mir so leid!“

Noch immer weiß ich nicht, warum die weltbeste Sekretärin so geknickt ist und schaue sie abwartend an.

„Ich habe die Chefin gefragt, ob sie sich eigentlich mal überlegt hat, warum du wohl gerade jetzt die Schule wechseln willst.“

Upps. Ich schnappe nach Luft. „Das ist natürlich unschön.“ Ich nehme mir ein Stück Schokolade, die vermutlich nicht fit macht, aber hoffentlich ein wenig das flaue Gefühl vertreiben wird, das sich in meiner Magengrube ausbreitet.

„Ich weiß…“ Meine Gesprächspartnerin lässt sich geknickt auf den Stuhl fallen und seufzt. „Ich wollte dich nur informieren, damit du nicht aus allen Wolken fällst, falls die Chefin etwas sagt.“

„Ok.“ Ich nicke ihr zu. „Danke.“

Ich habe den Schultag fast geschafft, als ich der Chefin auf dem Flur begegne. „Kommst du bitte mal herein?“, fragt sie und hält mir die Tür auf. Ich nicke und atme noch einmal tief durch.

 

 

Psychohygiene

Samstage sind gut für die Psyche! Je nach Alter kommen die wehschen Familienmitglieder spät bis gar nicht aus ihren Pyjamas und schlumpfen vor sich hin. Herr Weh frühstückt in aller Ruhe, die Wehwehchen kuscheln (wahlweise: zanken) vor dem Fernseher, lesen oder spielen und ich… backe.

Herr Weh (als Grundschullehrerinnengatte ganz nebenbei über Jahre psychologisch ausgebildet) spricht in diesem Zusammenhang vom Therapeutischen Backen. Und da ist was dran. Wer schon jemals einen Hefeteig ordentlich vermöbelt oder einer verzagten Baiserhaube ermutigend zugeredet hat, der weiß, was für überraschend gute Ergebnisse sich auf diese Art erzielen lassen. Außerdem gibt es wenig Elemente einer modernen Familientherapie, die verbindender sind, als das Ablecken eines Teigschabers oder das Naschen dicker Streusel vom noch warmen Kuchen. Wenn ich samstags nicht backe, dann bin ich ernstlich krank oder habe den Tiefkühlschrank voll. Wobei Auftauen niemals auch nur annähernd so befriedigen kann, wie einen Kuchen frisch aufgehen zu sehen.

Da aber auch die beste Therapie prozessorientiert angelegt ist, erhöhe ich gerade den Schwierigkeitsgrad und backe vegan. Langjährige Leser wissen, dass ich mit dieser Ernährungsweise immer wieder flirte, es aber noch zu keiner dauerhaften Vereinigung gekommen ist (One-Night-Stands lassen wir im Sinne des Jugendschutzes, dem diese Seite selbstverständlich unterliegt, jetzt mal beiseite). Vegane Hauptgerichte sind mittlerweile ein Klacks, sogar solche, die (fast) allen Familienmitgliedern schmecken. Der Trick besteht oft darin, die Bestandteile der Mahlzeit nicht weiter zu thematisieren. Dem größeren Wehwehchen schmeckte heute beispielsweise die ebenfalls vegane Lasagne nicht, es waren zu viele Fleischbrösel drin… Hackfleisch lässt sich sehr erfolgreich faken. Auch Kekse lassen sich prima vegan backen, wenn man keine Vorbehalte gegenüber Margarine hat, denn dann wird es wirklich kompliziert. Süßigkeiten lassen sich ohne großes Aufhebens austauschen. Gelatinefreies Gummizeugs lässt sich z.B. hervorragend bei Seitenbacher bestellen, die zwar über eine grauenvolle Radiowerbung verfügen, aber eben auch über ein gutes Angebot im Onlineshop. Unser Favorit sind übrigens die Kirsch Delfine. Aber backen…! Nee, ehrlich, veganes Backen finde ich deutlich schwieriger. Wir finden Tofu eklig und rohe Glitschböden aus zerdrückten Datteln ebenfalls. Außerdem will ich auch nicht Stunden in der Küche stehen und dem Sojajoghurt dabei zusehen, wie er ganz langsam durchs Küchentuch tropft, um sich in etwas Quarkähnliches zu verwandeln.

Es ist also ein ergebnisoffener Prozess, dessen Duft samstäglich aus dem Backofen zieht, und der leider nicht immer optisch wie kulinarisch überzeugen kann. Heute allerdings habe ich ein gutes Gefühl bei der Sache. Im Ofen befindet sich ein Russischer Zupfkuchen, der schon in der Zubereitung so lecker war, dass das Miniweh freiwillig die Hälfte von Calliou gegen Anwesenheit in der Küche eingetauscht hat. Gleich ist er fertig und ich werde weder der Familie noch dem Wochenendbesuch sagen, was sich darin befindet.

Aber seht selbst (und verzeiht, dass ich kein Foodblogger bin, dieser Kuchen sieht daher auf dem Foto aus, wie er eben aussieht):

Russischer Zupfkuchen vegan

Und da weder das größere Wehwehchen noch ich wirklich lange warten können, seht ihr den Kuchen hier auch gleich im Anschnitt:

Russischer Zupfkuchen vegan

Tja, was soll ich sagen? Mächtig! Lecker! Mächtiglecker!

Wer es ausprobieren möchte, hier das Rezept:

Für den Teig:

300g Mehl (ich habe Dinkel genommen, geht sicher auch mit Weizen oder gemischt)

180g Zucker

1 Päckchen Backpulver (ich habe Weinsteinbackpulver benutzt)

1 Prise Salz

180g Margarine (wir haben Sojola, aber es gibt mittlerweile einige andere)

30g Kakao

Die Füllung:

2 x 500g Vanille-Soja-Joghurt (ja, der tropft dann ein paar Stunde überm Küchentuch ab… aber vielleicht ist das ja gar nicht nötig?)

2 Päckchen Vanillepuddingpulver

8 EL Sojamilch

200g Margarine (flüssig, aber nicht heiß)

200g Zucker

nach Geschmack ein Glas Schattenmorellen

Mit 2/3 des Teigs den Boden einer gefetteten und bebröselten Springform bedecken, dabei einen Rand hochziehen. Ein Glas abgetropfte Schattenmorellen auf dem Teig verteilen. Die verquirlte Masse darüber gießen. Aus dem restlichen Teig Stücke zupfen oder mit mehr Muße kleine Plätzchen ausstechen und obenauf legen. Bei 170°C rund 1,5 h in den Backofen. Nicht vom herausströmenden Geruch beim Putzen des Badezimmers ablenken lassen!

Danach dezent den obersten Hosenknopf öffnen und für den nächsten Morgen desn Crosstrainer fest einplanen.

Guten Appetit! 🙂

Es gibt so Tage…

Dass der Wurm drin ist, merken das Miniweh und ich, als wir pünktlich um 7.00 Uhr vor der Kindergartentüre stehen.

Verschlossen.

Zunächst bin ich irritiert, dann erleichtert, als ein paar Minuten später eine Erzieherin außer Atem die Türe mit den Worten „Der Frühdienst ist krank“ aufschließt. Das Miniweh drückt sich an mich und will meine Hand nicht loslassen. Ermutigend rede ich auf es ein und schaffe es zur Garderobe. „Ich muss Pipi!“ Ich schwitze in meiner dicken Jacke. Trotzdem sich das Miniweh vorbildlich und schnell umziehen lässt, in Rekordzeit ein mittelgroßes Geschäft erledigt und mir drei satte Schmatzer aufdrückt, fehlen mir beim Verlassen des Kindergartens sechs Minuten. Es sind diese sechs Minuten, die mich zwischen zwei Müllautos katapultieren, denen ich sonst entkommen wäre. Aus sechs Minuten werden neun, eine Baustellenampel (war die gestern auch schon da?) tut ihr übriges. Die restliche Fart trommle ich mit den Fingern aufs Lenkrad, der Blick geht immer wieder gehetzt zur Uhr. Endlich auf dem Lehrerparkplatz angekommen trete ich in einen Hundehaufen. Scheiße, denke ich. Wie passend.

Fluchend versuche ich den Schuh am spärlichen Grasbewuchs des Randstreifens zu reinigen.

„Wir fangen pünktlich an!“, zischt die Konrektorin, als ich das Lehrerzimmer 10 Minuten zu spät zur Dienstbesprechung betrete. „Was stinkt hier denn so?“

„Ach“, entgegne ich, „das muss wohl die schlechte Vereinbarkeit von Familie und Beruf sein.“ Ich lasse mich matt auf meinen Platz sinken. Die nächsten Stunden verfliegen. Die Kinder sind unausgeglichen und motzig – es war doch gerade erst Vollmond? Nach meinem Unterricht scheuche ich die Viertklässler auf den Schulhof, um die Klasse abzuschließen, als mir die Konrektorin entgegenkommt, meine Zeugnisse in der Hand. „Die musst du wohl nochmal machen, da ist dir immer eine Zeile verrutscht.“, sie weist auf die entsprechende Linie und lächelt süffisant, „Hast du was am Formular geändert?“

Ich habe keine Zeit für unnötige Diskussionen, das Miniweh muss abgeholt werden. „Ok“, antworte ich daher nur knapp, den Hals zugeschnürt, und greife nach dem Packen, „dann werde ich die mal schreddern.“ Ich lasse die Kollegin stehen, die mir noch irgendetwas hinterherruft – vermutlich hat es mit der medialen Unfähigkeit unseres Kollegiums zu tun. Ich würde mich ja ärgern, aber mir fehlt gerade die Kraft dazu. Es ist jedes Jahr das Gleiche. Irgendwas passiert immer mit den Zeugnisformularen. Vielleicht ist es wirklich meine Unfähigkeit, eine Vorlage auszufüllen, auf einen Stick zu packen und auszudrucken. Wer weiß das schon so genau? Seltsam allerdings, dass es auch den anderen Kolleginnen so geht.

Ich komme noch pünktlich in den Kindergarten, wo mir das Miniweh beglückt in die Arme segelt. Ich drücke es fest. Runterschlucken, denke ich, abhaken und fertig! Das Mittagessen will gekocht, der Spielplatz besucht und die Vokabeln mit dem anderen Wehwehchen geübt werden. Hak es einfach ab, Frau Weh!

Jetzt sitze ich am Schreibtisch und stelle fest, dass es sich mitnichten nur um eine läppische verrutschte Zeile handelt, was durch einen simplen Klick behoben werden könnte. Das komplette Formular ist aus den Angeln gehoben. Neu schreiben. Alle. Bis morgen.

EDIT:

Problem analysiert: Die Vorlage ist in Textmaker erstellt, mein Word ziert sich vonwegen Kompabilität. Nachdem ich nun eine Weile stumme Zwiesprache mit meinem Rechner gehalten (und zwischendurch dem größeren Wehwehchen eine Wärmflasche gemacht habe, was auf eine unruhige Nacht hinweisen könnte), habe ich nun beschlossen, zum ALLERERSTEN MAL meine Zeugnisse nicht pünktlich abzugeben, sondern mich stattdessen ganz entspannt am Wochenende noch einmal dransetzen werde. Heureka! Manchmal mache ich mir selber Angst! :mrgreen:

Exitus

„Boah, Herr Weh, so einen Ömmes hatte ich noch nie!“, fassungslos stehe ich vor dem Badezimmerspiegel und betrachte meinen Megapickel. „Ach, das ist doch gar nix!“, antwortet Herr Weh etwas herablassend, weil in der eigenen Jugend mit Talgterror ganz anderen Kalibers konfrontiert. Er rät zur Öffnung. Auch ich möchte nach über einer Woche qualvollen Wachstums dem Trauerspiel ein Ende bereiten und setze wildentschlossen meine Daumennägel links und rechts neben dem Monstrum an. Mit einem satten büddddsch bricht die Oberfläche auf und sorgt für sofortigen Druckausgleich.

„Waaaaah!“, schreie ich auf, „Guck dir DAS mal an!“ „Tja, sofort kleiner!“, meint Herr Weh mit Kennermiene. Ich staune, er hat recht: Aus der Traum vom zweiten Gehirn. Lediglich eine kleine rote Stelle kündet noch vom letztwöchigen Leiden der (nicht mehr ganz so) jungen W. (Erwähnte ich, dass ich mich in meiner Jugend nie, niemals mit Auswüchsen solcher Größe plagen musste? Offensichtlich sind meine Talgdrüsen Spätzünder oder an der Sache mit dem Entschlacken ist doch mehr dran, als ich vormals dachte.)

„Ich wusste es“, teile ich Herrn Weh mit, „das Ding steckte voller Bosheit. Mein Karma“, und ich blicke verklärt zur Badezimmerlampe auf, „ist nun wieder so rein wie die Heftseite eines Erstklässlers.“ Vorsichtig tupfe ich die Überreste mit einem Stück Klopapier ab und tippe einen Stips Penatencreme auf mein Gesicht. So, denke ich befriedigt, das hätten wir.

Leicht und beschwingt – mindestens um 85g verstopfter Pore leichter – tänzle ich aus dem Bad und packe meine ABS-Socken und eine Flasche Wasser in die Sporttasche. Das mit dem fit und fröhlich… also Hammer!

 

Immer schön bei der Stange bleiben!

Es ist Dienstagabend und ich befinde mich zum allerersten Mal in meinem Leben in einer Ballettschule. Ich bin ein bisschen aufgeregt, aber auch vorfreudig.

Wir sind nur zu dritt, was schlecht ist, da der Kurs mindestens fünf Teilnehmer benötigt. Umso deutlicher fällt nun auch auf, dass die beiden anderen Damen – obwohl es sich um einen ausgeschriebenen Anfängerkurs handelt – bereits einiges an Erfahrung mitbringen. Während ich noch meine Extremitäten zähle, flutschen sie nur so durch die verschiedenen Positionen, die mir allesamt neu sind und teilweise Angst einjagen. Besonders die, wo die Füße so… quer voreinander sind, holla!

Die Tanzlehrerin sieht natürlich unglaublich gut aus, ist jung und hübsch und durchtrainiert, hat aber einen ordentlich sächsischen Zungenschlag, der ihrer Gesamterscheinung exakt das Maß an Derbheit verleiht, das mich bei der Stange hält. Und das ist gut so, denn die Stange, pardonnez-moi, la Barre natürlich – wir sprechen hier ja Fronsösisch! – ist das zentrale Arbeitsgerät aller Primaballerinen und auch solcher, die es sicherlich niemals werden. Hier biegt man sich und dehnt sich, beugt demütig Haupt und Büste und guckt sich dabei im Spiegel an (oder lässt es lieber bleiben). Tatsächlich finde ich es ganz schön hier, die Musik ist hübsch, es gibt sogar einen Chopin Walzer, zu dem wir lustige kleine Hüpfer machen sollen. Quiiiietsch-boing, quiiiiiietsch-boing macht der Schwingboden.

Wenn nur das mit dem Französisch nicht wäre! Plié, Demi-Plié, Attitude, Jeté, ich komme da gar nicht mit. Ich hatte auch gar nicht so lange Französisch in der Schule. Zwar war ich nicht direkt schlecht, aber definitiv auch kein Überflieger. Mein gut auf dem Zeugnis beruhte wohl mehr auf meinem Mut, im 9.Schuljahr vor dem gesamten Kurs einen Chanson von Jacques Brel vorzusingen. Das brachte mir die Anerkennung meiner Französischlehrern ein, aber der Preis war hoch: Wochenlang hauchten mir meine Mitschüler bei jeder sich bietenden Gelegenheit ein voulez vous coucher avec moi? ins Ohr. Dabei verhielt es sich zwischen mir und Lady Marmalade ungefähr so wie zwischen einem Fiat Panda und einem Jaguar. Ähnlichkeiten nicht vorhanden. Ganz davon abgesehen hatte ich ne me quitte pas gesungen, da geht es um Obsession, nicht um Sex! Aber Heranwachsende können bekanntermaßen grausam sein.

Spiegel übrigens auch. „Frau Weh, dreh dich doch mal seitwärts“, seufzt die Tanzlehrerin. Irgendetwas scheint ihr bei meinen Kniebeugen nicht zu gefallen, dabei strenge ich mich doch unglaublich an! Ich drehe mich brav so, dass ich mein Profil im Spiegel sehen kann, und gehe auf 2-3 in die Hocke. Meine Knie beugen sich, meine Fersen lösen sich vom Boden (beim Grand-plié dürfen sie das, aber nur, wenn die Füße nicht in der 2.Position sind, so viel weiß ich schon) und mein Po… verdammt, was macht mein Hintern denn da!? Er schiebt sich hinaus – weit hinaus – definitiv weiter als mein Schwerpunkt sich befinden dürfte. Ich sehe aus wie eine Ente! Eine mit empörtem Bürzel. Ich hauche meinem Spiegelbild ein stummes Oh entgegen und ziehe auf der Stelle meinen verlängerten Rücken ein. „Viel besser“, lobt die Tanzlehrerin und wendet sich einer anderen Teilnehmerin zu.

Am Ende der Stunde bin ich wundervoll müde, meine Muskeln fühlen sich angenehm gedehnt an und die Musik hat mich entspannt. Beschwingt und Chopin summend fahre ich nach Hause. Wie schön, dass ich mich getraut habe!

kleine Horrorstunde

Irgendwie werde ich den Eindruck nicht los, dass mein Körper ein undankbarer Sack ist!

Da presse ich frischen Saft, schütte statt herrlich krümeliger Zimt-Zucker-Mischung einen Schwapps Agavendicksaft über mein Müsli, springe motiviert aus dem Bett, um meinen Körper mit Sauerstoff und Serotoninen zu fluten und statt, dass er mich im Gefühl des wahren Glücks schwelgen lässt, zickt er nur rum. Gestern zog es in der linken Wade, vorgestern zwickte die rechte Schulter, heute schmerzt der Kopf. Mein Körper benimmt sich wie ein mäkeliges Kleinkind, dem man nichts recht machen kann. Ständig mault er: Lass mich liegen! Gib mir Schokolade! Ich will keinen Tee, ich will… Cocktails! Und Schirmchen! Kirschen!

Wenn er sich ja wenigstens etwas minimalistischer aufführen und überflüssigen Ballast abwerfen würde. Aber nein. Während ich mich innerlich schon richtig sportlich fühle (und morgens überhaupt kein bisschen mehr laut jammere), gerät mein Körper in Panik und legt erstmal ein Kilo zu. Ob das wohl schon Muskeln sind? Möglicherweise lagert sich aber auch nur das Kokosöl ab, das mir gelegentlich noch den Schlund runterrutscht während ich tapfer damit schmurgele. Immerhin ist das ja reinstes Fett! Und wenn ich davon jeden Morgen so – sagen wir mal – einen üppigen Löffel zu mir nehme, dann ist die Gewichtszunahme doch schon vorprogrammiert. Da nützt es auch nichts, dass ich mir abends dann den ganzen Schnodder aus dem Gehirn rausspüle, Schnodder wiegt ja nichts. Weiß doch jeder.

Zu allem Überfluss wächst mir seit drei Tagen auch noch ein zweiter Kopf. Nein, das KANN kein Pickel mehr sein! Das hat schon richtig Persönlichkeit und wirft einen Schatten, an dem der Kundige die Uhrzeit ablesen könnte. In meinem ganzen Leben habe ich noch nie so ein Monstrum ausgebrütet. Bestimmt ist das Ding randvoll mit Giftstoffen und Schlacken und schlechter Laune. Vielleicht habe ich es aber auch endlich geschafft und es handelt sich dabei um ein zweites Gehirn, so wie es die zamonischen Eydeeten serienmäßig besitzen. Das wäre praktisch, eine Art körpereigenes Backup, in das ich Informationen zur Zwischenablage einspeisen könnte. Ich beobachte das Wachstum weiterhin gespannt.

Das tun die Viertklässler übrigens auch, haben wir doch gerade die Pubertät mit all ihren unerfreulichen Nebenwirkungen als Thema abgehakt.

„Frau Wehee? Was ist das da in ihrem Gesicht?“

„Das“, und ich blitze Nino böse an, „ist die zweite Frau Weh. Diejenige, die nicht mehr lächelt, wenn du deine Hausaufgaben zum dritten Mal hintereinander vergessen hast. Die“, und ich nehme den nächsten kichernden Schüler ins Visier, „die Frau Weh, die nicht mehr in den Raum schaut, bevor sie die Türe abschließt und nach Hause fährt.“ Meine Stimme hebt sich gleichzeitig mit meinen Händen und ich blicke theatralisch an die Decke. „Die Frau Weh, die euch nicht mehr vor Frau Schmitz-Hahnenkamp in Schutz nimmt, sondern sich mit Popcorn in die erste Reihe setzt und zuschaut!“ Ich komme so langsam in Fahrt. Die Viertklässler glucksen vor Vergnügen und machen ihrerseits nun eifrig Vorschläge:

„Vielleicht die Frau Weh, die beim Fahrradtraining nicht die Klötzchen aufhebt, sondern den Kindern hinterherschmeißt?“

„Oder die Frau Weh, die beim Waffelmachen den Kindern die Hand im Waffeleisen einquetscht, um die Temperatur zu testen?“

„Nein, nein, die Frau Weh, die kein halbes Hähnchen isst, sondern lieber einen halben Erstklässler!“

„Die Frau Weh, die beim Hausmeister die Kettensäge holt…!“

Sprachlos höre ich mir die Horrorvorstellungen an, die die mir anvertrauen Kinder mühelos mit einer zweiten Version meiner selbst zu verknüpfen im Stande sind.

„Danke!“, sage ich pikiert, „Das Prinzip habt ihr offensichtlich verstanden… weiterarbeiten!“

 

brain breaks

Damit auch die Viertklässler etwas von meiner Mottoaktion haben (und vielleicht ein wenig Winterspeck verlieren, holla, dieses Mal scheinen die Weihnachtsgeschenke in Esspapier eingewickelt gewesen zu sein!), baue ich diesen Monat vermehrt kleine Bewegungspausen ein. Während diese brain breaks im 1. und 2.Schuljahr zur unumgänglichen Tagesordnung gehören, lasse ich sie zugegeben bei den Größeren etwas schleifen. Gut ist das nicht, auch wenn ich viele Erklärungs- und Entschuldigungssätze parat habe (zu wenig Stunden, zu viel Stoff, zu viel von diesem, zu wenig von jenem). Aber das soll sich jetzt ändern. Warum soll ich auch alleine schwitzen – habe ich doch ein ganzes Gefolge wibbeliger Bewegungsakrobaten um mich herum.

Etwas unentschlossen habe ich gestern meine Mappe zu dem Thema durchgesehen, mich dann aber schlussendlich für ein Spiel der Wehwehchen entschieden: Mauseschlau & Bärenstark: fit und clever, das ich in leicht abgewandelter Form (eigentlich ist es eine Art Domino) mit der Klasse spiele. Auf 36 Spielkarten befinden sich verschiedene Aufgaben, die teils auf Bewegung, Geschicklichkeit, Körperkoordination, Kooperation, aber auch auf viel Spaß zielen. Es finden sich Aktionen wie diese darunter:

  • wie ein Motorrad mit Krach um den Tisch brausen
  • mit einem anderen ein Tänzchen machen
  • 3x mit dem linken Ellbogen zum rechten Knie und umgekehrt
  • die Zunge weit rausstrecken und aufrollen
  • einem anderen durch die Beine die Hand geben

Als die Viertklässler ihre Karte erhalten, sind sie bereits neugierig, aber nicht unbedingt motiviert.

„Pfüüüh, Frau Weh, schon WIEDER bewegen! Wir waren doch gerade erst in der Pause!“, beklagt sich Nino; eindeutig auch er ein Opfer kulturell bedingten, aber gut gemeinten Mammamiamästens.

„Stell dich nicht so an“, raunzt ihn Alisa an, wie immer zappelig und sofort auf den Beinen.

„Aber ich bin nicht fit im Schritt!“, jammert Nino weiter, sofort unterbrochen von Marc, „Was sagst du da, du Honk? Fit im Schritt meint das da…!“ Marc greift sich augenblicklich seine Familienplanung und beginnt rhythmisch zu schuckeln. „Ach ja“, schießt es mir durch den Kopf, als ich den durchaus überzeugenden Jacko-Imitator in die Schranken weise, „ich muss ja auch noch Sexualkunde beenden!“.

„Dann habe ich eben was am Becken!“, Nino erinnert sich an die in unserer erfolgreichen Knochen-Einheit gezeigten Röntgenbilder einer künstlichen Hüfte.

„Ja, wahrscheinlich zu viel Schokolade!“, lacht ihn der ebenfalls nicht mehr ganz so ranke Nick aus. Aber Nino nimmt es mit Humor, dreht seine Karte um und verfällt in dumpfes Brüten.

Wir spielen das Spiel im Kreis als Variante von „Kofferpacken“, das heißt jedes Kind wiederholt die vorherigen Aktionen möglichst ohne erinnert werden zu müssen. Nach kurzer Zeit johlen alle und machen jede Bewegung mit – Spielregeln haben ja auch immer etwas Dynamisches an sich. Dann ist Nino an der Reihe, lässt sich nieder und versucht schwitzend einen Fuß an die Nasenspitze zu führen. Alles kichert, alles giggelt. „Käse!“-Rufe werden laut und die Stimmung steigt ins Unermessliche. Erwähnte ich, dass der durchschnittliche Humor eines Viertklässlers exakt von hier bis… knapp drunter reicht? 5 Minuten später sitzen alle wieder an ihren Plätzen, ich reiße das Fenster auf, das ich vermutlich besser schon zu Beginn der Bewegungspause geöffnet hätte und notiere befriedigt (und nur ein klein wenig angeberisch) im Klassenbuch: Bewegungspause zur (Re-)Aktivierung von Gehirn und Körper erfolgreich durchgeführt.

Hmm… ob Chefin merkt, dass ich die kompletten Weihnachtsferien mit Herrn Weh und Dr. House Differentialdiagnosen durchgeführt habe?

Wenn wir über Sex reden…

Wenn wir über Sex reden…

  • lachen wir niemanden aus!
  • behandeln wir die Fragen und Meinungen der anderen mit Respekt!
  • benutzen wir Fachwörter!
  • schämen wir uns nicht!
  • dürfen wir alles fragen! („Wirklich ALLES!?“, will Giuliano wissen. „Alles!“, antworte ich. „Wow!“)
  • bleiben private Dinge auch privat!*
  • bleiben wir cool :-)“

Erste Stunde Sexualerziehung. Ich bin überrascht, wie ruhig und gefasst die Viertklässler sich verhalten, hatte ich doch anderes erwartet: heiße Öhrchen, mehr verschämtes Kichern vielleicht. Tatsächlich sind sie sehr aufmerksam und mit gebotenem Ernst bei der Sache. Während sie anonym alle Fragen auf kleine Zettel bringen, deren Beantwortung sie sich wünschen, beobachte ich die Kinder und bin wirklich berührt von der vertrauensvollen Atmosphäre, die uns nach erst einem Jahr gemeinsamen Lernens verbindet. Meine Güte, was war das letzen Herbst noch für eine Bande!

Bei der Auswertung der Fragen kristallisieren sich die erwarteten Schwerpunkte heraus: Warum gibt es Sex? Warum lachen so viele Leute, wenn es um Sex geht? Wie geht Sex überhaupt? Wie entstehen Babys? Wie ist das mit der Geburt?

Vieles können die Kinder bereits untereinander klären, anderes erkläre ich mit einfachen Worten. Nichts davon kommt unerwartet, doch es gibt noch mehr Fragen: Was sind Pornos? Wofür benutzt man Kondome? Warum gibt es im Internet so viele nackte Frauen? Gibt es wirklich Penisse aus Gummi? Was ist sexueller Missbrauch? Dürfen Kinder Sex haben? Wie geht das, wenn man schwul ist?

Einmal begonnen, sprudelt es aus vielen Kindern hervor: Was sie schon einmal gesehen haben, womit sie bereits konfrontiert wurden. Immer mehr Finger strecken sich in die Höhe und zeigen den hohen Redebedarf meiner Klasse an. Wieder einmal wird mir bewusst, wie anders die Lebenswirklichkeit für Kinder heute aussieht. Wie schwer sie es haben, unbeschadet groß zu werden. Und dass der unbedachte Umgang mit unseren grenzenlos verfügbaren Medieninhalten ein Problem darstellt, dem so viele Eltern hilflos und – ja! – auch verharmlosend oder ignorierend gegenüberstehen.

Wir reden und reden und reden. Ganz selten muss ich auf unsere zu Beginn gefassten Gesprächsregeln aufmerksam machen, zweimal muss ein Junge frische Luft schnappen gehen (manchem wurde es dann doch ein wenig warm), aber alles im Rahmen. Am Ende der Stunde lobe ich die Viertklässler für das ruhige, gute Gespräch und äußere den Wunsch, dass es auch in den weiteren Stunden so bleiben möge. Sie nicken und bestätigen, wie toll es sei, dass sie alles sagen und fragen dürften. Dass es hier viel einfacher sei, darüber zu reden. Ich freue mich darüber, ist die gezeigte Offenheit doch ein großer Vertrauensbeweis an mich und die Klassengemeinschaft, die mittlerweile trägt und Schutz bietet.

Als ich abends meine Unterlagen mit den Fragen, die den Schülern unter den Nägeln brennen, durchgehe, spüre ich die Verantwortung bleischwer auf meinen Schultern lasten. Die Zweifel kommen ganz plötzlich und unerwartet. Hoffentlich schaffe ich das, geht mir durch den Kopf. Wie kriege ich es bloß hin, offen den auf dem Tellerrand Tanzenden die Fragen zu beantworten, während andere Kinder noch gar nicht ermessen, wie viel Suppe da eigentlich vor ihnen schwappt? Die der Aussicht, diese Suppe irgendwann in noch weiter Zukunft auch einmal probieren zu wollen, noch mit einem ungläubigen Kopfschütteln begegnen und die tatsächlich für den Moment noch gerne an eine andere Art der eigenen Empfängnis glauben wollten, als die der körperlichen Begegnung der eigenen Eltern.

Mein Blick schweift über das vielfältige Material, das ich zusammengetragen habe, und bleibt bei der DVD hängen, auf der der 3D-Ultraschall des Miniwehs dokumentiert ist. Ich nehme ich sie in die Hand und spüre der Erinnerung an diese besondere Zeit nach. Ein Wunder, immer noch!

Es wird schon werden, denke ich.

 

Freio!

„Frau Weh, Frau Weh, kommen Sie schnell! Da stehen zwei Onkel vom Ercan auffem Schulhof, die wollen den Sinan verprügeln!“

Eine ganze Horde Schüler stürmt zu Beginn der großen Pause in meinen Klassenraum zurück, in dem ich gerade in einen kleinen, persönlichen Kampf mit dem Smartboard verwickelt bin, den ich eigentlich gerne ohne weitere Zeugen austragen wollte.

„Hier verprügelt keiner irgendjemanden!“, antworte ich, werfe der unfolgsamen Tafel einen letzen angesäuerten Blick zu und schreite energischen Schrittes Richtung Schulhof. Die Querelen zwischen Sinan und Ercan habe ich sowas von satt. Erst hat der eine dies, dann hat der andere das und so weiter und so fort. Tatsächlich gehören beide Jungen nicht gerade zur Sorte der sozialverträglichen Hellköpfe, allerdings hat Viertklässler Sinan einen deutlichen körperlichen Vorteil dem zwei Jahre Jüngeren gegenüber – er wiegt mindestens 20 Kilo mehr und überragt den Zweitklässler um Haupteslänge. Insofern war es eigentlich nur eine Frage der Zeit bis sich Ercan Familienhilfe dazuholen würde. Trotzdem pffffft! die Onkel auffem Schulhof glaube ich erst, wenn ich sie sehe.

Ich betrete den Schulhof und umrunde die kahle Kastanie, immer noch forsch unterwegs. Und da stehen sie, die Onkel… o—ha! Mein Schritt verlangsamt sich minimal, als ich die beiden Kanten sehe. Groß. Breit. Finsterer Blick. Ich schlucke unmerklich, straffe die Schultern und hebe das Kinn – jetzt dürfte ich mich ungefähr auf Bauchnabelhöhe befinden. Deeskalation, Frau Weh, Deeskalation!, raunt mir mein verschrecktes Unterbewusstsein noch zu, bevor es sich mit Bauchgrummeln in die (hoffentlich) sicheren Eingeweide verzieht. Scheiße, was für Anabolikapakete! Zuverlässig schütten meine Nebennieren Adrenalin aus und lassen meinen Puls in die Höhe schnellen. Doofer Sinan, dass er mich in eine solche Situation bringt. Sollen sie doch ihm eine kleben, besser als mir! Warum ist der überhaupt in meiner Klasse? Und Ercan, so eine Pfeife, kann der sich nicht einfach mal von den Viertklässlern fernhalten? Nee, nee, immer mit den großen Hunden pinkeln wollen, aber das Bein nicht heben! Solche und weitere Gedanken durchströmen mein Hirn wie eine Horde aufgescheuchter Hühner. Doch mir ist klar, dass mich mindestens 12 Augenpaare atemlos beobachten (und vermutlich bereits Wetten abschließen), also muss ich weiter.

Noch ein paar Schritte, kurzes bewusstes Ausatmen, ich bin da.

„Hallo, guten Tag, ich bin Frau Weh, kann ich helfen?“. Zwar strahle ich die beiden Titanen an, lasse aber in puncto Körperhaltung, Blick und Stimme keinen Zweifel daran, dass ich hier der Chef im Ring bin. (Zwischen Mut und Wahnwitz liegt ja bekanntlich nur eine Haaresbreite…)

„Äh ja…“, stottert der erste Onkel, sichtlich irritiert darüber, dass ihn ein weibliches Wesen so resolut unter der Gürtellinie angeht – viel höher reiche ich nämlich nicht.

„Öhm…“, meldet sich jetzt auch Onkel Nummer 2 zu Wort, das Hemd spannt ihm auf der breiten Brust.

„Mir ist zu Ohren gekommen, Sie hätten da etwas mit einem Kind meiner Klasse zu besprechen.“ Ich betone das Wort Kind besonders, was Sinan mindestens drei Kleidergrößen schrumpfen und zu einem schutzbedürftigen Knaben werden lässt. „Äh ja, wir wollen ma mit dem Sinan sprechen, dass der nich immer auffen Ercan losgeht. Können wir ma rüber?“, Onkel Nummer 1 nickt in Richtung meiner Klasse, die sich hin- und hergerissen zwischen Schaulust und Furchtsamkeit langsam näher pirscht, Sinan – siehe da! – in der Mitte (ich bin gerührt. Wer hätte das noch vor einem Jahr gedacht?).

„Nein“, lache ich amüsiert auf, „ganz sicher nicht!“ Ich gehe einen Schritt auf die Onkel zu, bewusst den Tanzabstand unterschreitend und dränge sie so Zentimeter für Zentimeter zum Schultor zurück. „Aber ich kümmere mich natürlich gerne darum, dass sich die beiden Jungen mal in Ruhe aussprechen.“ Die beiden Männer werfen sich unsichere Blicke zu; das hier läuft ganz offensichtlich nicht wie geplant. Ich rücke noch etwas näher und sie stehen vor dem Schultor. „Wissen Sie“, sage ich in versöhnlichem Ton, „ich kann Sie ja gut verstehen, Sie machen sich ja nur Sorgen um Ihren Neffen. Der allerdings“ und hier wird meine Stimme wieder strenger, „erst letzte Woche auf Sinans Jacke gespuckt hat.“ Das ist ihnen jetzt peinlich und beide Onkel räumen ein, dass Ercan ja ein richtiger Junge und manchmal ein ganz schöner Racker sein kann. „Haha“, wir lachen gemeinsam über den lebenslustigen kleinen Kerl. Am Ende des Gesprächs, das noch eine ganze Weile dauert, bedanken sich die beiden Männer bei mir für das Verständnis und das tolle Gespräch („Mann, hätt ich ma so Lehrer gehabt!“) und natürlich gehen sie jetzt und warten nicht auf Schulschluss, sollen die Jungs das man ruhig unter sich regeln, ne? Tschüss, Frau Weh, klasse Sache!

Als ich das Schultor hinter den beiden schließe und mich dem munteren Treiben auf dem Schulhof zuwende, bemerke ich, dass meine Beine leicht zittern. Boah, was für eine Begegnung. Doch nun fluten bereits die Endorphine meinen Körper, ich gehe, ach Quatsch, ich schwebe 3 Meter über dem Boden, be a hero, be a teacher! Da begegne ich Sinan und lande wieder auf dem (harten!) Boden der Realität. „Du!“, pflaume ich ihn an, den ausgestreckten Zeigefinger nur wenige Millimeter von seiner blassen Nase entfernt, „Das war das erste und das letzte Mal, dass ich mich da einmische! Benimm dich gefälligst und lass Ercan in Frieden! Ich bin doch nicht dein Freio!