mein BAK, dein BAK

Überraschenderweise verlief der heutige Tag in keinster Weise so unangenehm wie ich es noch vor 13 Stunden erwartete. Denn trotz Montag, sechs Stunden Unterrichts, 2 Stunden CrazyFunkyChicken-Probe und anschließendem 1.Hilfe-Auffrischungskurs bin ich guter Dinge und fühle mich seltsam fröhlich. Recht ungewöhnlich für einen Montagabend. Nicht wahr?

Ob es wohl daran lag, dass ich plötzlich und sozusagen auf dem kleinen Dienstweg einen neuen Schüler bekam? Jurij – bis eben noch Drittklässler – fügte sich jedenfalls nahtlos in Größe, Verhalten und Leistungswillen bei den Zweitklässlern ein, lieferte sich in der Pause ein gepflegtes Gedränge mit Justin und Nick und bekam dafür einen anerkennenden Nackenklatscher von Tom2 verpasst. Kurzum: mit allen Ehren in die Gemeinschaft aufgenommen. Integration geglückt.

Oder lag es wohl darin begründet, dass ich im Musikunterricht mit ebenjenen Drittklässlern, die nun – Jurij ausgenommen, denn der befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits bei den Zweitklässlern – noch ein wenig aufmüpfiger schienen als sonst schon, entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten den treuen Roland ein paar Tacken nur lauter gedreht habe und ihnen so ein paar Dezibel mehr um die Ohren schoss? Netterweise in Form des unsäglichen Ai Se Eu Te Pego von Michel Teló verbunden mit strengen Rhythmusauflagen („finde die 1. Mache sie akustisch kenntlich“). Woraufhin die Meute glückselig de(zi)bil grinsend erstmalig nicht nur den Grundbeat sicher erkannte, sondern auch noch treffsicher die 1 im Takte fand. Oh, ich war hingerissen.

Vielleicht war es aber auch das Lob, das ich unerwartet bekam, als ich der gestrengen Mitarbeiterin des Roten Kreuzes schon nach der ersten Ansage – bewusstloses Kind! – ein klares und deutliches BAK* entgegenwerfen konnte. Woraufhin sie strahlte und strahlte, glücklich über das offensichtlich ungewohnte Feedback. Als sich dann noch herausstellte, dass mein Kopf klein genug ist, um zu Anschauungszwecken einen Kinderfahrradhelm darüberzustülpen, oh, da war es um sie geschehen. Fortan war ich der Einäugige unter den Blinden und als lebendes Übungsobjekt für die reizenden Kolleginnen auserkoren. Geschmälert wurde dieses Glücksgefühl (das meinige!) lediglich durch die Tatsache, dass sowohl Kollegin Kraft als auch Mrs.Sporty ihrer Desodorantien nach langem schweißtreibendem Unterrichten verlustig gingen. Sowas kriegt man ja sonst nicht unbedingt mit, aber wenn man bewusstlos-spielend auf der Isomatte liegt, spielt man dies eben doch nur. Der Geruchssinn lässt sich leider nicht willentlich abschalten.

Aber das sind ja alles Kleinigkeiten und stört keinen großen Geist. Hirn und Nase konnte ich mir dann auf der Heimfahrt freipusten lassen. Frau Weh fährt doch gerade einen schnittigen kleinen Leihwagen. Und huuuuuuuuiiiiii! Das ist wirklich mal was Anderes als das Familienschiff. Nett, nett.

Insgesamt also ein unerwartet freundlicher Tag. Aber verzagt nicht, liebe Leser, morgen ist ja erst Dienstag…

*BAK meint in diesem Zusammenhang nicht etwa die Blutalkoholkonzentration, sondern ist eine Merkhilfe für lebensrettende Sofortmaßnahmen. B(ewusstsein), A(tmung), K(reislauf). Das gleichklingende Deo schreibt sich mit c und wäre heute eine gute Anlage unter den Achseln meiner mich seitenstabilisierenden Kolleginnen gewesen. Aber man kann ja nicht alles haben. Dumm nur, wenn man die Luft anhält und daraufhin der spitze Schrei ertönt „Sie atmet nicht, wie ging nochmal die Herz-Lungen-Massage?“

 

Cool durch Zufall

Panik, Panik, Panik! Es ist 6.52 Uhr, eigentlich habe ich vor 2 Minuten das Haus verlassen. Stattdessen ergebe ich mich einer morgendlichen Panikattacke vor dem Kleiderschrank. Was anziehen!? Zu Hülfe, Wilma! Doch auch die treue Seele kann mir nicht helfen bei dem Problem, vor dem ich stehe: showtime, baby, it’s daddy-day.

Wie bereits an anderer Stelle angemerkt, betreten Väter die Grundschulbühne in der Regel erst dann, wenn ihnen keine andere Möglichkeit alle Aufmerksamkeit sicher ist. Das ist meist dann der Fall, wenn es brennt. (Assoziationen zum Auftritt der Feuerwehrmänner sind gerade rein zufällig, ehrlich!)

Manchmal aber tauchen sie auch unvermittelt auf, weil sie es so nett, bzw. überaus interessant bei uns finden. Wie mittlerweile unterrichtet wird. Das sieht man ja sonst nicht. Und wenn Sie so freundlich sind, Frau Weh, dass ich irgendwann mal vorbeischauen könnte? Vielleicht am Freitag…? Paulines Vater hat sich also für heute angesagt. Nicht nur meine reizende Kollegin Frau Sommer argwöhnt hier eine kleine Schwärmerei. (Ich finde ja, das gehört sich nicht so richtig, also das Schwärmen für die Lehrerin des eigenen Kindes. Irgendwie nicht. Aber gut, was soll man da machen? Und da es nun wirklich schrecklichere Papas gibt als eben den von Pauline, soll er doch vorbei kommen. Ein bisschen Puder fürs Ego schadet ja auch nicht! Und – eingedenk der neulich zitierten Altersdiskriminierung – wer weiß schon, wie lange sich die Papas noch für mich interessieren. Die Zeit bleibt schließlich nicht stehen und irgendwann könnten das alles meine Kinder sein. Punkt.)

Zumal mir heute noch ein weiteres Treffen mit einem Erzeuger bevorsteht. Und das hat definitiv das Zeug zum ausgewachsenen Daddy-Desaster. Da brennt tatsächlich die Hütte. Aber mal sowas von. Dieses Gespräch findet dann auch mit der Schulleitung statt. Schriftliche Einladung. Es steht eine Klage ins Haus, wenn Chefin nicht einwilligt und sich – Zentimeter nur! – von ihrem Standpunkt entfernt. Inklusion mal wieder. Kein leichtes Geschäft mit der Bildung aller. Einzelheiten würden hier den Rahmen sprengen. Nur so viel: der heutige Tag schreit nach einem ausgewachsenen Kompetenzoutfit. Ich habe so eins. Maßgeschneidert. Bleistiftrock, anthrazit. Dazu schwarze Pumps, zurückgelegte Haare, fester Blick – tadaaaaa, Frau Weh kann auch kompetent. Total überzeugt habe ich mir dieses Outfit am gestrigen Abend herausgelegt. Und eben angezogen. Und jetzt geht gar nichts mehr.

Dummerweise – und hier kommt nun der dritte Mann, der eigene nämlich, ins Spiel – findet Herr Weh den Frau Weh kann auch kompetent-Look ziemlich sexy.

Verdammt!

Ich meine, für das Daddy-Desaster-Gespräch stellt das natürlich kein Problem dar. Wenn man wirklich auf Krawall aus ist, dann verstellt das zuverlässig den Blick auf die wahrlich schönen Seiten des Lebens. (Sogar auf die wahrlich schönen Kehrseiten.) Aber da ist ja noch PapaPauline. Der womöglich denken könnte, die wehsche Rückansicht hätte sich extra für ihn in den (str)engen Lehrerinnenlook gezwängt. Und das gilt es tunlichst zu vermeiden! Also raus aus den Plünnen und die ganze Chose noch einmal von vorn. Leidlich gestresst entscheide ich mich für knisternde weiße Baumwolle, dunkelblaue Jeans und schwarze Pumps. Ist ok. Und wenn nicht, auch egal, jetzt MUSS ich los!

(…)

PapaPauline war so aufgeregt, dass es schon fast wieder rührend war. Kurz vor dem wichtigen Termin musste ich mich auf der Lehrertoilette umziehen. Kleiner Zwischenfall mit Justin und seiner unbezwängbaren Apfelschorle. Ich bestritt das Gespräch in einem ausgewaschenen Fan-T-Shirt meines Lieblingsgitarristen Stoppok, das glücklicherweise tief unten in meinem Pult liegt. Für Notfälle. Es trägt die Aufschrift Cool durch Zufall. Die Gesprächsatmosphäre war gelassen, ruhig und nahezu harmonisch. Die Klage ist abgewendet und ich durfte mir ein Schulterklopfen von Chefin und einen festen Händedruck vom Desaster-Daddy abholen.

Danke, Stoppok!

Nicht nett, Frau Weh.

Nach den vielen Kommentaren der letzten Tage wollte ich heute ausschließlich nette Dinge über Eltern schreiben. Zum Beispiel, dass ich mich darüber gefreut habe, dass eine Mutter am Schulmorgen während einer Stillarbeitsphase hereinkam und sich ganz betreten für die Störung entschuldigt hat. Sie hätte gedacht, die Klasse sei leer. Oder darüber, dass sich die Mutter eines neuen Viertklässlers mit einer Mozartkugel dafür bedankt hat, dass ihrem Sohn der Musikunterricht jetzt so viel Spaß mache. Vielleicht auch über die positive E-Mail von Renés Mutter. Geplant war jedenfalls ein Beitrag voller Nettigkeiten.

Das nur vorneweg.

2.Stunde, Religion bei den Zweitklässlern. Arges Gewusel bis sich alle Schüler aus den verschiedenen Klassen bei uns einfinden. Religion wird klassenübergreifend unterrichtet, das ist nicht besonders schön, aber organisatorisch unumgänglich. Mitten ins Getümmel schiebt die Kollegin von nebenan ein Kind vor sich her. Gesichtsfarbe grün. Ich meine nicht etwa blässlich um die Nase, nein, das Kind ist pfefferminzgrün. „Sven ist es nicht gut, ich habe die Mutter angerufen. Das war wohl schon heute morgen so.“ Die Kollegin rollt die Augen. Ich nicke und lasse den Eimer bringen. Vorsichtig setzt Sven sich nieder, kleine Schweißtröpfchen stehen ihm auf der Stirn. Die Klassentüre lasse ich vorsorglich auf.

Wir nehmen im Sitzkreis Platz und beginnen: Stille, Kerze, Gebet, das Übliche. Eine kleine Landschaft wird auf dem Boden aufgebaut. See, Ufer, ein Ruderboot. Thema der heutigen Einheit ist die Begegnung mit dem Auferstandenen am See. Ich knüpfe an die letzte Stunde an: „Die Freunde vermissen Jesus. Sie wissen nun gar nicht so genau, was sie tun sollen. Sie sind traurig und fühlen sich allein.“ Die Kinder sind ruhig und abwartend. Einige haben die Augen geschlossen oder schauen auf das blaue Tuch, das den See Genezareth darstellen soll. Gute Atmosphäre, denke ich, als plötzlich KAWUMMS die bereits offene Klassentür in den Angeln erzittert.

„Mamaaaa!“ mit einer Mischung aus Hoffnung und Elend springt Sven vom Stuhl. Die liebevoll am See drapierten Playmobilbäumchen fallen um. Petrus geht über Bord und verheddert sich im Netz. MamaSven durchbohrt mich mit ihren Blicken an und faucht „Ich bin angerufen worden!“

„Ja“, entgegne ich möglichst ruhig, im Augenwinkel zwei Kinder, die sich darum balgen, wer nun Petrus wieder ins Boot setzen darf. „Sven geht es nicht gut.“

„Das war heute morgen auch schon so“, erwidert MamaSven als wäre das keine Entschuldigung, die sie für diese Störung akzeptiere und winkt ihrem Sohnemann unwirsch zu er solle mal voranmachen.

„Vielleicht bleibt Sven dann beim nächsten Mal lieber direkt zu Hause“, schlage ich semi-freundlich vor und nehme Yannis das Playmobilbäumchen aus der Hand, mit dem er gerade auf seinen Sitznachbarn einzustechen beginnt.

Giftige Blicke treffen mich. „Wir wollten es aber probieren!“ Ich schaue das grünlich-unglückliche Kerlchen an, denke, dass sicher nicht wir alle es versuchen wollten und frage mich, wen die umgehende Magen-Darm-Grippe jetzt wohl als nächstes ereilen wird. „Gute Besserung“ wünsche ich – nun wieder ganz professionell – und wende mich erneut dem derangierten Bodenbild zu. Kaum haben Sven und Mutter den Klassenraum verlassen (RUMMS), fliegt die Türe auch schon wieder auf, MamaSven noch einmal. „Wer ist denn hier in der Betreuung?“, sie wedelt wild mit einem Zettel herum. Mehrere Kinder melden sich. MamaSven verteilt den Zettel während sie lautstark Anweisungen an verschiedene Kinder ausgibt („Du, die Hausaufgaben! Du sagst beim Schwimmen Bescheid!“).

„Mama?“, tönt da ein dünnes Stimmchen vom Flur. „Gleich!“ MamaSven dreht sich noch einmal zu mir, hebt den Zeigefinger, setzt an, unterbricht sich, dreht ohne weitere Erklärung um und stampft wütig aus dem Raum.

„Schön“, denke ich, „dann kann es ja mal weitergehen“ und setze erneut zur Erzählung an. Diesmal lässt MamaSven die Türe offen, was praktisch ist, weil sie erneut zurückkehrt, um lautstark Ranzen und Turnbeutel einzufordern, die bereits seit Beginn der Stunde neben der Klassentüre bereitstehen. Bepackt poltert sie wieder aus der Klasse heraus. Die Zweitklässler, denen mittlerweile die biblische Szenerie nicht halb so spannend erscheint wie das Geschehen vor Ort, schauen MamaSven interessiert hinterher. Niemand zweifelt daran, dass da noch etwas kommt.

Und es kommt.

Unverkennbar ertönen Würgegeräusche vom Flur.

„Amelie“, sage ich zuckersüß, „würdest du bitte die Türe schließen?“

 

 

Mitmachaktion: 5 Dinge oder mehr*

Es gibt ja soviel, was man nicht weiß, wenn man zum ersten Mal Mutter wird. Niemand sagt einem zum Beispiel, dass es wahnsinnig anstrengend ist, wenn das Kind nicht durchschläft. Dass auch die Bäuerchen des eigenen Babys einfach nur fies stinken, wenn sie auf der Kleidung antrocknen. Oder dass der positive Schwangerschaftstest in der Hand bereits das erste Warnzeichen darstellt, dass man den Kampf gegen die Schwerkraft auf kurz oder lang verlieren wird. All dies weiß man nicht. Und noch so vieles mehr.

Ich hätte mir in verschiedenen Lebenslagen einen Kurzratgeber gewünscht. Zum Beispiel: Sie haben ein Spuckbaby? Lesen Sie hier, auf welche Stoffe Sie bei Ihrer Oberbekleidung jetzt besser verzichten! Oder – als Ratgeber für Herrn Weh – 10 überlebenswichtige Sätze, die Sie einer übermüdeten Mutter niemals sagen sollten. Auch für das Kindergartenalter wäre das nicht schlecht. Gerne hätte ich diesen hier gehabt: 10 Standartfloskeln, die man parat haben sollte, wenn man vor allen anderen Müttern von der Erzieherin angesprochen wird. Ohne Beleidigungen!

Und natürlich wäre so ein Ratgeber auch für die Grundschule sinnvoll. Ich schließe hiermit also eine Lücke. Frau Weh, die Botschafterin für ein friedliches Miteinander zwischen Lehrerinnen und anderen Menschen erklärt jetzt mal, wie das so ist:

  1. Kinder, die ihr Pausenbrot (oder das Actimel, die Milchschnitte, das Kinder Pingui) vergessen haben, sind nicht akut vom Hungertod bedroht. Es ist nicht notwendig in den Unterricht zu platzen, um die gut gefüllte Brotdose nachzubringen, das Kind mehrfach zu küssen und schnell noch ein paar Verabredungstermine mit anderen Kindern zu vereinbaren.
  2. Kinder, die ohne Sportzeug zum Sportuntericht kommen, kriegen einen Anraunzer und sitzen auf der Bank. Seelische Schäden resultieren hieraus nur sehr selten. Mit einem erbosten Anruf bei der Schulaufsicht erreicht man in der Regel nichts. Sich deswegen an die Presse zu wenden, ist… unnötig.
  3. Dreckige Kinder sind glückliche Kinder. Es gibt einen guten Grund, warum weiße Tüllröckchen niemals in die engere Auswahl für eine Schuluniform kämen. Auch Löcher in Kniehöhe und im Knie selber können während und nach einer Pause vorkommen, führen meistens in das Kämmerchen des Hausmeisters, aber nicht ins Grab.
  4. Einmalig vergessene oder nicht notierte Hausaufgaben sind niemals und unter keinen Umständen ein Grund bei der Klassenlehrerin anzurufen. Und wo man gerade schon mal am Telefon ist, …! Nein, das kommt nicht gut. Man könnte es stattdessen durchaus bei einem Klassenkameraden versuchen. Vielleicht hat der ja aufgepasst.
  5. Kinder – auch wenn sie unser elterlicher Augapfel, der Sinn unseres Seins und die Liebe unseres Lebens sind – sind manchmal Monster. Sie streiten. Sie stinken. Sie wären heiße Kandidaten für einen Flug ins All ohne Rückticket. Seien Sie entspannt, das ist normal. Und es geht auch wieder vorbei.

Was sind eure High Five der Dinge, die mal gesagt werden sollten? Was möchtet ihr Eltern vor, während oder auch nach der Einschulung so richtig gerne einmal rückmelden? Oder an die Eltern: was ist so typisch (Grund-)Schule, dass es schon weh tut? Wann würdet ihr die Grundschullehrerin eures Vertrauens gerne einmal fragen, ob sie das, was sie da tut, wirklich ernst meint?

Lasst mich teilhaben an euren Lieblingsszenarien schulischer Wonnen, ich freue mich auf Rückmeldungen… 🙂

*wegen denen man niemals bei einer Lehrerin anrufen sollte

Testosteron-Alarm

„Wollense mal so ein richtig dickes Rohr halten, Frau Weh?“

Der dröhnende Bass von Manfred reißt mich aus meinen Gedanken. Vor meiner Nase baumelt ein B-Schlauch. Dahinter das breite Grinsen des Feuerwehrmannes. Es gibt auch noch andere Schläuche, ich kenn mich da bereits rudimentär mit aus. Es ist wieder so weit, die Viertklässler beschäftigen sich mit dem Thema Feuerwehr. Tatütata und schon ist sie da. Mit an Bord – wie jedes Jahr – zwei ganze Kerle: Manfred und Dieter. Schrankgroß, schrankbreit und mit unverrückbarem Frauen- und Weltbild.

Nein, Manfred und Dieter sind nicht verkehrt. Ehrlich, sollte ich in einem brennenden Haus stehen oder – sagen wir mal – unter einem Auto eingequetscht liegen, dann sind es genau Manfred und Dieter, denen ich dann große Handlungskompetenz zutraue und die bestimmt ganz genau wissen, wie sie mich da möglichst in ganzen Stücken wieder rausbringen. Dabei dürfen sie mich dann auch gerne über die Schulter werfen und grunzen wie King Kong.

Ohne Feuer und den geringsten Gefahrenhintergrund bahnt sich diese im Ernstfall wünschenswerte Energie verbale Wege. Das ist mir nicht neu. Genau den gleichen Spruch habe ich auch schon letztes Jahr gehört. Und davor das Jahr. Folgen wird übrigens kurze Zeit später der Satz „Jetzt bringense das Ding mal ordentlich zum Spritzen!“. Dann nämlich, wenn die Kinder Schläuche, Standrohr, Verteiler, Pumpen und was sonst noch dazu gehört zum nächsten Unterflurhydranten geschleppt haben und aufgeregt auf das Kommando „1. Rohr, Wasser marsch!“ warten. Wie gesagt, alles schon gehabt. Und ich darf IMMER zuerst Hand anlegen. Schön, wenn man sich wenigstens auf manche Dinge so verlassen kann wie auf den bewährten Machismus von Dieter und Manfred.

Natürlich mache ich der Feuerwehr die Freude, nehme die Spritze in die Hand, quieke ein bisschen, wenn das Wasser kommt und tue so, als sei das richtig, richtig aufregend. Ja, ich meine, wer weiß denn schon, ob ich die beiden nicht mal in einer wirklich brenzligen Situation treffe. Da möchte ich dann auch nicht, dass sie sich angucken und denken ach, das war doch die, die sich zu fein war, um mal ordentlich anzupacken. Nee. Da muss man vorausschauend handeln.

Später im Lehrerzimmer sind Manfred und Dieter natürlich Gesprächsthema. Männer haben wir ja nicht so oft. Und wenn ich die Wahl hätte – eingequetscht oder halb erstickt vom Rauch, dem Ertrinken nahe oder im Auge des Feuersturms – zwischen den Busbegleitern, dem Verkehrspolizisten und Manfred und Dieter, na da würde ich ganz klar zu den beiden Kolossen tendieren, auf deren gestählten Unterarmen zwar selbstgestochene Tattoos ihren Platz haben, aber sich nicht ein einzelnes Härchen wagt, zur Gänsehaut zu strecken. Auch wenn es kalt und windig ist. Ach, erwähnte ich, dass Dieter immer Kurzarmpolos trägt, die über dem üppigen Bizeps spannen? Und überm Pectoralis? Ja, so müssen Feuerwehrmänner aussehen. Genau so! Kleiner Wermutstropfen: die Jüngsten sind die beiden nun nicht gerade. Im Verleich mit dem Großteil meines reizenden Kollegiums hingegen sind die beiden Frischfleisch. Dementsprechend pikiert reagieren dann auch die Kolleginnen als ich von den brandheißen Machosprüchen berichte.

„Waaaas? Das sagen die zu dir?“, Kollegin Kraft reißt die Augen auf.

„Jaaa, aber das sagen die doch zu allen Frauen. Die sind einfach so“, versuche ich zu beschwichtigen.

„Nein, das haben die noch NIE zu mir gesagt“, Kollegin Kölln schwankt zwischen Empörung und süffisantem Lächeln, „das mag vielleicht mit deinem jugendlichen Alter zu tun haben.“

„Bitte? Also das ist ja ein Unding“, wirft Kollegin Kraft ein, „das ist ja Diskriminierung!“

„Genau!“, pflichtet Kollegin ZudemFeld bei, ihres Zeichens Diskriminierungsbeauftragte unseres Kollegiums, „das ist es wirklich, Altersdiskriminierung! Das sollen die gefälligst mal zu mir sagen!“

Von Menschen und Mäusen

Es geht hoch her im Sitzkreis. Wild werden alle Möglichkeiten ausdiskutiert, welche Tiere zu Besuch kommen können. Endlich mal ein Sachunterrichtsthema, das ausnahmslos allen Zweitklässlern gefällt. Mehr noch, in das sie ihr ganzes Herzblut zu stecken bereit sind. Meerschweinchen, Schildkröten, Katzen, Kaninchen. Alle wollen mitgebracht und angeschaut werden. Dennoch bleibe ich hart und verbiete auch nach größerem Aufruhr und unzähligen AchbitteFrauWeh!s die Mitnahme von Goldfischen, Hamstern oder anderem Kleingetier im Ranzen.

„Aber warum?“, heult Nick, „mein Hamster schläft eh immer, den kann ich morgens einfach ins Mäppchen packen!“

„Ende der Diskussion. Tiere nur zum Kurzbesuch und mit Elternbegleitung. Nein, auch kein Transport im Schulbus!“ Ich bleibe hart.

„Ich bring Diego Maradona mit. Das ist unser Mops“, teilt Nathalie mit.

„Was ist denn ein Mops?“, fragt Victoria leicht pikiert.

„Ein hässlicher Knautschhund“, weiß René.

Glücklicherweise schaltet sich da Tom1 deeskalierend mit der Feststellung ein, dass bei ihm im Garten sehr viele Maulwürfe leben würden, die einfach nicht totzukriegen seien. Wir könnten uns das doch mal angucken. Und der Papa steht am Wochenende immer mit der Schaufel und macht so…! Mit seiner sehr anschaulichen, allerdings auch äußerst ausladenden Handbewegung trifft er Justin an der Stirn („Du Arsch!“), woraufhin ich mich erneut genötigt sehe, das Gespräch in andere Bahnen zu lenken.

„Wie sieht es denn mit Rennmäusen aus? Hat jemand Rennmäuse?“

„Ja, wir!“, Lennox winkt wild.

Aha? Ich kann mich an keinen Käfig erinnern. „Wo habt ihr die denn, Lennox?“

Lennox überlegt. „Na, so überall. In der Küche, manchmal auch im Wohnzimmer. Die sind da so.“

„Oh“, was sag ich jetzt? „Das sind dann wahrscheinlich eher Hausmäuse, keine Rennmäuse.“

„Klar sind das Rennmäuse!“, brüllt Lennox sauer, „die rennen da doch immer voll rum!“

 

 

Kacke.

Ja, die erste Woche nach den Ferien ist immer die schlimmste. Ach ja, und natürlich die letzte vor den Ferien. Und manche dazwischen ebenfalls.

Was soll ich also schreiben zu einem Tag, an dem sich Nick und Justin in der Pause so in die Haare kriegen, dass der eine rote Striemen im Gesicht aufweist und der andere im Gebüsch verschwindet und hundekackebesudelt wieder rauskommt. „Ich bin da nur so reingetreten, Frau Weh.“ Drin gewälzt wäre wohl die richtige Umschreibung. Schuhe, Socken, Hose. Alles voll. Vor Wut stampft er auf den Boden wie Rumpelstilzchen. Die Bröckchen fliegen. Na toll. Also umziehen. (Liebe Referendare, Stifte gespitzt, hier ein Überlebenstipp: bei Übernahme eines 1. oder 2. Schuljahres empfiehlt es sich, beim ersten Elternabend um aussortierte Kleidung als Wechselsachen zu bitten. Und Plastiktüten. Macht vieles leichter.)

Als weitere Denkwürdigkeiten des Tages kann ich noch Benjamins Tritt in eine Reißzwecke („sie ist mir einfach in den Schuh gerutscht!“), den spektakulär anmutenden, glücklicherweise harmlosen Sturz eines Chorkindes vom Hocker („Der Boden hat gewackelt, echt jetzt!“) und den unglückverheißenden Blick auf den Vertretungsplan der nächsten Woche nennen. Ab kommendem Montag unterrichte ich eine Stunde mehr pro Woche. Vertretungsmäßig. Das sind dann 29 Unterrichtsstunden. „Geht leider nicht anders.“ Genauso wie es leider nicht anders geht, als dass ich plötzlich wieder Riesengruppen in Religion und doppelte Klassenstärken in Musik sitzen haben werde. An diesem Punkt beschließe ich, dass jetzt wirklich Zeit fürs Wochenende ist.

Und das beginne ich gleich mit einer guten Freundin und einer ordentlichen Portion Sushi. Gut für Gehirn, Herz und Immunsystem. Kann ich alles gebrauchen. Denn wer weiß schon, was mich nächste Woche so erwartet in unserem beschaulichen schulischen Mikrokosmos. Und wenn mich heute Abend jemand milde anlächelt und sagt „ach, als Grundschullehrerin hast du es ja bestimmt richtig nett…“, dann stopf ich dem ein Temaki dorthin, wo die Sonne nie scheint. Muhahaha.

Gut gebrüllt, Löwe!

Es stimmt, ich habe gebrüllt.

Naja, zumindest die Stimme erhoben.

„Ja, und?“ werden sich jetzt manche der mitlesenden Kollegen fragen, „was ist daran besonders?“. Besonders ist, dass ich nie brülle. Das ist einfach nicht mein Ding. Ich finde mich lächerlich, wenn ich brülle. Nicht besonders liebenswert und schon gar nicht überzeugend. Außerdem passe ich auf meine Stimme auf, die brauche ich ja noch ein paar Jahre Jahrzehnte. Brüllen ist… uncool. Und ich glaube auch, es nützt nicht viel. Warum sonst sollten meine Kolleginnen wohl so viel brüllen müssen? Na? Und ich selber werde auch nicht gerne angebrüllt. Das ist unfreundlich und zeugt nicht gerade von gutem Stil. Daher fahre ich eher den gegenteiligen Kurs und werde leise. Ab einer gewissen Lautstärke – ich würde sie als ppp bezeichnen, pianopianissimo – spitzen die Kinder die Ohren und werden nervös.

Heute allerdings hätte das wohl nicht viel genützt. Zumindest wäre es schwer geworden, die Aufmerksamkeit von René, Justin und Nick zu erregen, die sich (deutlich nach Pausenende) noch äußerst vergnügt auf dem Schulhof aufhielten, eine Etage unter uns, während die anderen Zweitklässler bereits wieder munter an der Arbeit waren. Die drei Seuchenvögel derweil natürlich völlig nichtsahnend, dass die Abwesenheit jeglicher anderer Schüler eventuell dezent darauf hinweisen könnte, DASS DER UNTERRICHT BEREITS WIEDER BEGONNEN HAT. ALSO RAUF IN DIE KLASSE UND ZWAR PRONTO!

„Aber wir haben gar nicht mitbekommen, dass keiner mehr d…“

REGELN! ALLE DREI! MIT UNTERSCHRIFT DER ELTERN!

Dreistimmiges Gejammer: „Ooooooh, Frau We-heeee!“

UND JETZT IST AB-SO-LU-TE RUHE UND ES WIRD GEARBEITET!

!!!

Und es war Ruhe. Und es wurde gearbeitet. Den restlichen Schultag.
Ich war ganz entzückt 🙂

Dumm nur, dass ich mir das nicht anmerken lassen durfte…

Ja, sind wir denn im Kindergarten!?

An unserer Schule herrscht Hausschuhgebot. Das dient der Reinlichkeit in den Klassen und beugt vorpubertären Schwitzfüßen entgegen. Ausgenommen von dieser Regelung ist lediglich der PC-Raum, denn dorthin muss man über den Hof laufen. Der Musikraum hingegen liegt im Keller des Hauptgebäudes und wird sowieso nur alle Jubeljahre mal feucht gefeudelt. Für die notdürftige Reinigung der 70qm ist die Musiklehrerin verantwortlich. Also ich. Freude, Freude. Von daher gilt das Hausschuhgebot hier in besonderem Maße.

Nicht allerdings für die Drittklässler, die heute zur 2.Stunde anschlurfen. In Straßenschuhen.

„Hausschuhe? Boah neeee, echt jetzt? Ähhhh, voll doof!“

„Ich habe keine Hausschuhe. Meine Mutter sagt, das interessiert uns nicht.“

„Meine Schuhe sind neu, die darf ich nicht vor der Türe liegenlassen.“

„Voll Kindergarten, Frau Weh!“

„Ich habe da so einen Knubbel am Fuß, wenn ich da den Reißverschluss von meinem Stiefel drüber mache, dann passt der Knubbel nachher da nicht mehr rein.“

„Ich kann keine Schleife binden.“

Pffft. Früher wären die alle nicht eingeschult worden. Und wer ist schuld? Ganz klar die Medien. Früher konnte man sowas wenigstens noch aus dem Fernsehen lernen, wenn Mama und Papa keinen Sinn darin sahen.