Mitmachaktion: 5 Dinge oder mehr*

Es gibt ja soviel, was man nicht weiß, wenn man zum ersten Mal Mutter wird. Niemand sagt einem zum Beispiel, dass es wahnsinnig anstrengend ist, wenn das Kind nicht durchschläft. Dass auch die Bäuerchen des eigenen Babys einfach nur fies stinken, wenn sie auf der Kleidung antrocknen. Oder dass der positive Schwangerschaftstest in der Hand bereits das erste Warnzeichen darstellt, dass man den Kampf gegen die Schwerkraft auf kurz oder lang verlieren wird. All dies weiß man nicht. Und noch so vieles mehr.

Ich hätte mir in verschiedenen Lebenslagen einen Kurzratgeber gewünscht. Zum Beispiel: Sie haben ein Spuckbaby? Lesen Sie hier, auf welche Stoffe Sie bei Ihrer Oberbekleidung jetzt besser verzichten! Oder – als Ratgeber für Herrn Weh – 10 überlebenswichtige Sätze, die Sie einer übermüdeten Mutter niemals sagen sollten. Auch für das Kindergartenalter wäre das nicht schlecht. Gerne hätte ich diesen hier gehabt: 10 Standartfloskeln, die man parat haben sollte, wenn man vor allen anderen Müttern von der Erzieherin angesprochen wird. Ohne Beleidigungen!

Und natürlich wäre so ein Ratgeber auch für die Grundschule sinnvoll. Ich schließe hiermit also eine Lücke. Frau Weh, die Botschafterin für ein friedliches Miteinander zwischen Lehrerinnen und anderen Menschen erklärt jetzt mal, wie das so ist:

  1. Kinder, die ihr Pausenbrot (oder das Actimel, die Milchschnitte, das Kinder Pingui) vergessen haben, sind nicht akut vom Hungertod bedroht. Es ist nicht notwendig in den Unterricht zu platzen, um die gut gefüllte Brotdose nachzubringen, das Kind mehrfach zu küssen und schnell noch ein paar Verabredungstermine mit anderen Kindern zu vereinbaren.
  2. Kinder, die ohne Sportzeug zum Sportuntericht kommen, kriegen einen Anraunzer und sitzen auf der Bank. Seelische Schäden resultieren hieraus nur sehr selten. Mit einem erbosten Anruf bei der Schulaufsicht erreicht man in der Regel nichts. Sich deswegen an die Presse zu wenden, ist… unnötig.
  3. Dreckige Kinder sind glückliche Kinder. Es gibt einen guten Grund, warum weiße Tüllröckchen niemals in die engere Auswahl für eine Schuluniform kämen. Auch Löcher in Kniehöhe und im Knie selber können während und nach einer Pause vorkommen, führen meistens in das Kämmerchen des Hausmeisters, aber nicht ins Grab.
  4. Einmalig vergessene oder nicht notierte Hausaufgaben sind niemals und unter keinen Umständen ein Grund bei der Klassenlehrerin anzurufen. Und wo man gerade schon mal am Telefon ist, …! Nein, das kommt nicht gut. Man könnte es stattdessen durchaus bei einem Klassenkameraden versuchen. Vielleicht hat der ja aufgepasst.
  5. Kinder – auch wenn sie unser elterlicher Augapfel, der Sinn unseres Seins und die Liebe unseres Lebens sind – sind manchmal Monster. Sie streiten. Sie stinken. Sie wären heiße Kandidaten für einen Flug ins All ohne Rückticket. Seien Sie entspannt, das ist normal. Und es geht auch wieder vorbei.

Was sind eure High Five der Dinge, die mal gesagt werden sollten? Was möchtet ihr Eltern vor, während oder auch nach der Einschulung so richtig gerne einmal rückmelden? Oder an die Eltern: was ist so typisch (Grund-)Schule, dass es schon weh tut? Wann würdet ihr die Grundschullehrerin eures Vertrauens gerne einmal fragen, ob sie das, was sie da tut, wirklich ernst meint?

Lasst mich teilhaben an euren Lieblingsszenarien schulischer Wonnen, ich freue mich auf Rückmeldungen… 🙂

*wegen denen man niemals bei einer Lehrerin anrufen sollte

Von Menschen und Mäusen

Es geht hoch her im Sitzkreis. Wild werden alle Möglichkeiten ausdiskutiert, welche Tiere zu Besuch kommen können. Endlich mal ein Sachunterrichtsthema, das ausnahmslos allen Zweitklässlern gefällt. Mehr noch, in das sie ihr ganzes Herzblut zu stecken bereit sind. Meerschweinchen, Schildkröten, Katzen, Kaninchen. Alle wollen mitgebracht und angeschaut werden. Dennoch bleibe ich hart und verbiete auch nach größerem Aufruhr und unzähligen AchbitteFrauWeh!s die Mitnahme von Goldfischen, Hamstern oder anderem Kleingetier im Ranzen.

„Aber warum?“, heult Nick, „mein Hamster schläft eh immer, den kann ich morgens einfach ins Mäppchen packen!“

„Ende der Diskussion. Tiere nur zum Kurzbesuch und mit Elternbegleitung. Nein, auch kein Transport im Schulbus!“ Ich bleibe hart.

„Ich bring Diego Maradona mit. Das ist unser Mops“, teilt Nathalie mit.

„Was ist denn ein Mops?“, fragt Victoria leicht pikiert.

„Ein hässlicher Knautschhund“, weiß René.

Glücklicherweise schaltet sich da Tom1 deeskalierend mit der Feststellung ein, dass bei ihm im Garten sehr viele Maulwürfe leben würden, die einfach nicht totzukriegen seien. Wir könnten uns das doch mal angucken. Und der Papa steht am Wochenende immer mit der Schaufel und macht so…! Mit seiner sehr anschaulichen, allerdings auch äußerst ausladenden Handbewegung trifft er Justin an der Stirn („Du Arsch!“), woraufhin ich mich erneut genötigt sehe, das Gespräch in andere Bahnen zu lenken.

„Wie sieht es denn mit Rennmäusen aus? Hat jemand Rennmäuse?“

„Ja, wir!“, Lennox winkt wild.

Aha? Ich kann mich an keinen Käfig erinnern. „Wo habt ihr die denn, Lennox?“

Lennox überlegt. „Na, so überall. In der Küche, manchmal auch im Wohnzimmer. Die sind da so.“

„Oh“, was sag ich jetzt? „Das sind dann wahrscheinlich eher Hausmäuse, keine Rennmäuse.“

„Klar sind das Rennmäuse!“, brüllt Lennox sauer, „die rennen da doch immer voll rum!“

 

 

Kacke.

Ja, die erste Woche nach den Ferien ist immer die schlimmste. Ach ja, und natürlich die letzte vor den Ferien. Und manche dazwischen ebenfalls.

Was soll ich also schreiben zu einem Tag, an dem sich Nick und Justin in der Pause so in die Haare kriegen, dass der eine rote Striemen im Gesicht aufweist und der andere im Gebüsch verschwindet und hundekackebesudelt wieder rauskommt. „Ich bin da nur so reingetreten, Frau Weh.“ Drin gewälzt wäre wohl die richtige Umschreibung. Schuhe, Socken, Hose. Alles voll. Vor Wut stampft er auf den Boden wie Rumpelstilzchen. Die Bröckchen fliegen. Na toll. Also umziehen. (Liebe Referendare, Stifte gespitzt, hier ein Überlebenstipp: bei Übernahme eines 1. oder 2. Schuljahres empfiehlt es sich, beim ersten Elternabend um aussortierte Kleidung als Wechselsachen zu bitten. Und Plastiktüten. Macht vieles leichter.)

Als weitere Denkwürdigkeiten des Tages kann ich noch Benjamins Tritt in eine Reißzwecke („sie ist mir einfach in den Schuh gerutscht!“), den spektakulär anmutenden, glücklicherweise harmlosen Sturz eines Chorkindes vom Hocker („Der Boden hat gewackelt, echt jetzt!“) und den unglückverheißenden Blick auf den Vertretungsplan der nächsten Woche nennen. Ab kommendem Montag unterrichte ich eine Stunde mehr pro Woche. Vertretungsmäßig. Das sind dann 29 Unterrichtsstunden. „Geht leider nicht anders.“ Genauso wie es leider nicht anders geht, als dass ich plötzlich wieder Riesengruppen in Religion und doppelte Klassenstärken in Musik sitzen haben werde. An diesem Punkt beschließe ich, dass jetzt wirklich Zeit fürs Wochenende ist.

Und das beginne ich gleich mit einer guten Freundin und einer ordentlichen Portion Sushi. Gut für Gehirn, Herz und Immunsystem. Kann ich alles gebrauchen. Denn wer weiß schon, was mich nächste Woche so erwartet in unserem beschaulichen schulischen Mikrokosmos. Und wenn mich heute Abend jemand milde anlächelt und sagt „ach, als Grundschullehrerin hast du es ja bestimmt richtig nett…“, dann stopf ich dem ein Temaki dorthin, wo die Sonne nie scheint. Muhahaha.

Gut gebrüllt, Löwe!

Es stimmt, ich habe gebrüllt.

Naja, zumindest die Stimme erhoben.

„Ja, und?“ werden sich jetzt manche der mitlesenden Kollegen fragen, „was ist daran besonders?“. Besonders ist, dass ich nie brülle. Das ist einfach nicht mein Ding. Ich finde mich lächerlich, wenn ich brülle. Nicht besonders liebenswert und schon gar nicht überzeugend. Außerdem passe ich auf meine Stimme auf, die brauche ich ja noch ein paar Jahre Jahrzehnte. Brüllen ist… uncool. Und ich glaube auch, es nützt nicht viel. Warum sonst sollten meine Kolleginnen wohl so viel brüllen müssen? Na? Und ich selber werde auch nicht gerne angebrüllt. Das ist unfreundlich und zeugt nicht gerade von gutem Stil. Daher fahre ich eher den gegenteiligen Kurs und werde leise. Ab einer gewissen Lautstärke – ich würde sie als ppp bezeichnen, pianopianissimo – spitzen die Kinder die Ohren und werden nervös.

Heute allerdings hätte das wohl nicht viel genützt. Zumindest wäre es schwer geworden, die Aufmerksamkeit von René, Justin und Nick zu erregen, die sich (deutlich nach Pausenende) noch äußerst vergnügt auf dem Schulhof aufhielten, eine Etage unter uns, während die anderen Zweitklässler bereits wieder munter an der Arbeit waren. Die drei Seuchenvögel derweil natürlich völlig nichtsahnend, dass die Abwesenheit jeglicher anderer Schüler eventuell dezent darauf hinweisen könnte, DASS DER UNTERRICHT BEREITS WIEDER BEGONNEN HAT. ALSO RAUF IN DIE KLASSE UND ZWAR PRONTO!

„Aber wir haben gar nicht mitbekommen, dass keiner mehr d…“

REGELN! ALLE DREI! MIT UNTERSCHRIFT DER ELTERN!

Dreistimmiges Gejammer: „Ooooooh, Frau We-heeee!“

UND JETZT IST AB-SO-LU-TE RUHE UND ES WIRD GEARBEITET!

!!!

Und es war Ruhe. Und es wurde gearbeitet. Den restlichen Schultag.
Ich war ganz entzückt 🙂

Dumm nur, dass ich mir das nicht anmerken lassen durfte…

Ja, sind wir denn im Kindergarten!?

An unserer Schule herrscht Hausschuhgebot. Das dient der Reinlichkeit in den Klassen und beugt vorpubertären Schwitzfüßen entgegen. Ausgenommen von dieser Regelung ist lediglich der PC-Raum, denn dorthin muss man über den Hof laufen. Der Musikraum hingegen liegt im Keller des Hauptgebäudes und wird sowieso nur alle Jubeljahre mal feucht gefeudelt. Für die notdürftige Reinigung der 70qm ist die Musiklehrerin verantwortlich. Also ich. Freude, Freude. Von daher gilt das Hausschuhgebot hier in besonderem Maße.

Nicht allerdings für die Drittklässler, die heute zur 2.Stunde anschlurfen. In Straßenschuhen.

„Hausschuhe? Boah neeee, echt jetzt? Ähhhh, voll doof!“

„Ich habe keine Hausschuhe. Meine Mutter sagt, das interessiert uns nicht.“

„Meine Schuhe sind neu, die darf ich nicht vor der Türe liegenlassen.“

„Voll Kindergarten, Frau Weh!“

„Ich habe da so einen Knubbel am Fuß, wenn ich da den Reißverschluss von meinem Stiefel drüber mache, dann passt der Knubbel nachher da nicht mehr rein.“

„Ich kann keine Schleife binden.“

Pffft. Früher wären die alle nicht eingeschult worden. Und wer ist schuld? Ganz klar die Medien. Früher konnte man sowas wenigstens noch aus dem Fernsehen lernen, wenn Mama und Papa keinen Sinn darin sahen.

 

 

Uff.

Eigentlich sagt dieses Wort bereits alles über den heutigen Tag aus. Ich bin wieder drin. Mittendrin. Und schon nach der 2.Stunde scheinen die Ferien weit weg. Es ist aber auch so viel passiert! Meerschweinchen sind gestorben, Geschwisterkinder geboren worden und – ja, mit Fotobeweis! – René ist im Urlaub von einer Robbe geküsst worden. Wie es war? Feucht und fischig. Das Geschrei der Mitschüler ist ihm bei der Schilderung dieses Ferien-Highlights gewiss. Sind sie größer geworden oder bilde ich mir das ein? Möglicherweise bin ich ja auch geschrumpft. Das könnte durchaus sein nach der ganzen Geschirrschlepperei. (Vom Spülen ganz zu schweigen!) Schlanker bin ich definitiv nicht geworden, wie Nathalie nach einem genauen Blick missbilligend feststellt. Wie denn auch, wo mir bereits zur Frühstückspause verschiedene ramponierte, aus geplünderten Osternestern geborgene Eier liebevoll dargeboten werden, die allesamt verspeist werden müssen.

„Das habe ich extra für dich aufbewahrt!“ säuselt Benjamin und streckt mir ein zerbröseltes, aber immerhin noch verpacktes Schokotierchen entgegen. Schwitzig-warme Kinderhändchen haben dem armen Ding den Rest gegeben. Aber mit Kaffee rutscht (fast) alles. Schockierend, was ich in den ersten Tagen nach Ferienende alles in mich hereinstopfe. Aber jedes Mal wieder überkommt es mich. Als ob die benötigte Tageszufuhr mit Schulbeginn drastisch ansteigen würde. Weiß mein Biorhythmus bereits, dass ich wieder arbeite? Die Kolleginnen wissen es jedenfalls, mein Fach im Lehrerzimmer quillt über, dafür ist der Tisch – sonst stetiger Quell hochkalorischer Glücksspender – nach meiner Pausenaufsicht wie leergefegt. Dumm, wenn man die erste Pause beaufsichtigen muss. Noch dümmer, wenn man (morgens denke ich immer vernünftig und vor allem gesund) nur Obst einpackt. Obst mag gesund sein, aber es macht definitiv nicht so glücklich wie der Biss in einen Lindthasen.

Einzig die weltbeste Schulsekretärin hat ein Lächeln und – fast noch wichtiger – einen Schokokeks für mich, als ich zur ersten Unfallmeldung (Schneidezahn links oben, glücklicherweise Milchgebiss, dennoch viel Blut) herankrieche. Nach den Ferien ist es diese schnelle Abfolge verschiedenster Wichtigkeiten, die mich plättet. Eben noch Wiederholung der Passionsgeschichte im 3.Schuljahr, dann die Metamorphose der Raupe, der verlorene Schneidezahn, das Wechseln der Klassendienste, die in der zweiten Pause schnell angefertigten Gesprächsnotizen zum vergangenen Hilfeplangespräch, die Lebensgeschichte von Mozart verbunden mit einer kleinen Kulturgeschichte der (Perücken-)Mode, zuletzt dann eine Förderstunde mit Erstklässlern: „Leeeeeeee-naaaaaa ist in der  Sch… Schschschschuuuuuuu-leeeeeee. Schule! Leeee-naaaa ist in der Schule.“

Ja, da bin ich auch wieder. Willkommen daheim zurück, Frau Weh!

Das Schulsystem und ich

Das Schulsystem und ich verstehen uns manchmal nicht so gut.

Immer sagt es, wo es langgehen soll. Nie fragt es mich nach meiner Einschätzung. Dauernd kommandiert es mich herum. Mal soll ich jahrgangsübergreifend arbeiten, ein paar Jahre später – ätsch! – bitte nicht mehr. Einmal ist des Pudels Kern der Sachunterricht (worüber sich der Deutschunterricht leise beschwert), dann kommt plötzlich Englisch groß raus. („Sachunterricht? Jeder Unterricht ist Sachunterricht!“) Der Deutschunterricht weint derweil leise vor sich hin und bekommt zum Trost flächendeckend „Lesen durch Schreiben“ verpasst. (Na, danke auch.) Merkt man vorsichtig an, dass die Rechtschreibleistung der Viertklässler erschreckend ist, bekommt man zu allem Übel auch noch die Auflage, wöchentlich eine Stunde des Deutschunterrichts im PC-Raum zu verbringen. Medienerziehung. Als ob das das Problem wäre…

Das Schulsystem arbeitet Hand in Hand mit seiner launigen, pubertären Schwester, der Bildungspolitik. Ständig ändert sie ihre Meinung. Das macht den Umgang mit ihr nicht einfach. Alle Jahre wieder hat sie neue, tolle Ideen, die das Schulsystem dann umsetzen soll. Ich bin nur ein winziger Teil in diesem System. Um solche winzigen Teilchen wie mich in die richtigen Bahnen zu lenken, bedarf es einer vermittelnden Instanz, der Chefin. Die Chefin ist Fan vom Bildungssystem. Neue Ideen findet sie prinzipiell gut und will sie sofort umsetzen.

Neue individuelle Förderpläne? OH, BITTE!

Flexible Eingangsstufe? HIER, HIER!

Inklusion? JAAAA!

Dann schreiben wir uns neue Begriffe auf die Fahnen, reißen die Fenster auf und wedeln wild damit herum. Lasset die Kindlein zu uns kommen!

Manchmal vergessen wir vor lauter Geschäftigkeit allerdings die alten Fahnen wieder einzuholen. Die hängen dann derangiert und traurig auf der Fassade. Bis sich irgendwer an sie erinnert, sie verschämt in Umzugskartons packt und in den Keller stellt. Dort stehen sie dann neben den Rechtschreibkarteien von Sommer-Stumpenhorst und den anderen großen Ideen. Try and error. Konvolut des Scheiterns.

In der letzten Konferenz hat Chefin gesagt, wir sollten doch mal wieder den Keller aufräumen…

Husten, Schnupfen, Heiterkeit

„Frau Weh, weinst du?“ fragt Lotte besorgt.

Fachmännisch mischt sich Justin ein: „Nein, die hat was anderes, guck mal, wie rot der Kopf ist.“

„Kannst du eigentlich ohne Brille was sehen?“ will Benjamin wissen.

Ich kann ihnen nicht antworten. Mich schüttelt ein Hustenanfall, dass mir die Rippen schmerzen. Mein Kopf ist tatsächlich knallrot und vermutlich verschmiert mir gerade die Wimperntusche auf nicht sehr ladylike Weise. Fürsorglich reichen mir ein paar Kinder ein Glas Wasser an. Auch Taschentücher werden mir hilfsbereit von mehreren kleinen Händen zugesteckt. (Erstere nicht alle unbenutzt, letztere nicht alle sauber.)

Nein, ich bin nicht krank, danke der Nachfrage. Tatsächlich habe ich mich verschluckt. An der eigenen Begeisterung. Nachdem die Zweitklässler erfahren haben, dass unsere gemeinsame Zeit begrenzt ist, sind sie zuckersüß, lammfromm und lernfreudig. (Zumindest bis zur ersten Pause.) Sie stürzen sich auf das neue SU-Thema als gäbe es kein Morgen mehr. Sie heften die Fotos an die Tafel und teilen in mehr oder minder verständlicher Rede mit, wo genau ihr Löwenzahn wächst und gedeiht. Als Lennox dann mitteilt, dass sein Löwenzahn im Gebet* wächst, ist es um mich geschehen.

Also mit dem gewöhnlichen Löwenzahn kenne ich mich ja toll aus. Auch mit dem Igel und dem Eichhörnchen. Bienen, Regenwürmer, Frühblüher, Braunkohle, Steinkohle und – wenigstens rudimentär – verschiedene Arten der Energiegewinnung. Alles meine Spezialgebiete. Ich weiß wie man die Cirrocumulus von der Cirrostratus unterscheidet und was das dann fürs Grillwetter bedeutet. Ich sollte wirklich mal zu Wer wird Millionär. Mein punktuelles Wissen ist definitiv was wert. Und so ein bisschen Geld, warum nicht?

„Wieviel verdienst du eigentlich, Frau Weh?“, interessiert sich René.

„Kriegst du etwa Geld hierfür!?“ Nick kann es kaum fassen und reißt die Augen auf.

„Klar, verdient die was. Erwachsene machen doch nix umsonst!“ mischt sich Victoria ein.

Amelie hat auch eine Meinung: „Also mein Papa hat gesagt, die Frau Weh verdient nur das Beste.“

„Deswegen hat sie ja uns!“ befindet Tom1 und tätschelt mir gütlich den Oberarm.

Aber hallo.

 

* Eigentlich wächst Lennoxens Löwenzahn im Beet. Aber beten schadet in diesem besonderen Falle sicher auch nichts.

Es bleibt spannend

Nun ist es amtlich, die Zweitklässler und ich gehen nach den Sommerferien getrennte Wege.

Die Gefühle sind durchwachsen. Seit ziemlich genau einem Jahr bin ich nun für die Seuchenvögelschar verantwortlich und stelle doch fest: so richtig meine sind sie nicht. Ein Jahr ist eine sehr kurze Zeitspanne. Klar, die Stimmung und Lernatmosphäre sind geprägt durch meinen Unterrichtsstil, wir lachen viel miteinander und die meisten Kinder sind aus dem Gröbsten raus. Verhaltenstechnisch wie leistungsmäßig. Aber es gibt noch so viele Baustellen, die ich gerne angegangen wäre, bevor sich die Klasse wieder erneut umstellen muss.

Die Argumente, die mir die Chefin im Vieraugengespräch nannte, sind schlüssig und von Schulleitungsseite aus allesamt durchdacht. Mir fehlt der pädagogische Blick aufs Ganze. Wie Herr Weh bereits des Öfteren glasklar beobachtet hat, ist die Chefin ein Organisations- und Managementtyp. Aber vielleicht ist das die Zukunft von Schule? Wo doch ein Großteil unserer Arbeit immer bürokratischer, formaler und papierlastender wird. Ein Leitungsteam, das das Gesamtschiff Schule steuert und Pädagogik irgendwo zwischen O und Qu im Regal ablegt. Ist das das System, in dem ich noch über 30 Jahre arbeiten kann? Will? Möchte? Muss?

Was ich mit Lennox mache, weiß ich noch nicht. Klar ist bereits, die Chemie zwischen ihm und der zukünftigen Klassenlehrerin stimmt nicht. Sie sähe ihn lieber das zweite Schuljahr wiederholen. Er kann sie nicht leiden. Da gehe ich gar nicht mehr in die Schule, Frau Weh! Das mach ich! Ich schwanke noch. Leistungsmäßig ist er ein satter Viererkandidat, in Deutsch hat er große Probleme. Nein, falsch wäre es nicht, ihn noch ein weiteres Jahr in der Schuleingangsphase zu belassen. Alldieweil ihm dieses Jahr nicht auf die Schulbesuchsdauer angerechnet würde. Und Lennox ist ein Schüler, bei dem dies eventuell einmal zu tragen kommen könnte.

Auch für mich ist noch nicht klar, an welcher Stelle ich nach den Sommerferien eingesetzt werde. Wie ich gestern erfahren durfte, bin ich die große Variable im Personalzirkus. Der Joker. Das Schnäppchen. Entweder viertes Schuljahr. Oder drittes. Oder gar keins und Fachstelle. Alles ist möglich, nichts wird entschieden. Ich kann das nicht leiden. Ich bin ein Planer, ein Vorbereiter. Ich möchte mich auf eine Klasse einstellen können und nicht drei Tage vor Schulbeginn einen Anruf bekommen, wo es hin geht. Bei mir sind spätestens Mitte der Ferien die Tische gestellt, die Materialien ordentlich aufgebaut und die Tafel beschriftet. Zu diesem Zeitpunkt habe ich bereits die Unterrichtsplanung bis zu den Herbstferien in der Tasche.

Allein, was nützt es?

Vielleicht ist das ja jetzt meine große Chance mich in universaler Gelassenheit zu üben? Ach, übrigens, wo wir gerade dabei sind, die Fische sind gewollt. Man kann sie sogar füttern 🙂

Die We(r)berei um Pelleponne

„Alle Freier wurden erdolcht und gemulcht und ermordet und die untreuen Frauen wurden erhängt!“

Mit diesem alamierenden Satz begrüßt mich heute Mittag das mittelgroße Wehwehchen. Oh nein, denke ich, bitte noch nicht so ein Thema. Es ist Freitag und ich fühle mich nicht bereit für schwierige Gespräche. Also taste ich mich vorsichtig heran.

„Wo wurde jemand ermordet?“

„Na in Griechenland!“ Entrüstet schaut das mittelgroße Wehwehchen mich an. (Mensch, Mama, du weißt aber auch wieder gar nichts!)

Ich durchforste mein Gehirn nach diesbezüglichen Informationen, finde aber im Wust von Schuldenschnitt, Finanzkrisen und Hilfspaketen nichts, was mir weiterhilft. War da was im Rotlichtmilieu? Woher soll ich das denn auch wissen. Wer erzählt meinem Kind denn von sowas? Ich muss schalten ehe der Nachwuchs sich in weiteren bluttriefenden Schilderungen ergeht. Also schinde ich Zeit und frage weiter:

„Was sind denn eigentlich Freier?“

„Das sind Männer, die sich um die Liebe einer Frau verdingen.“

???

„Sagt Dr. Reimersdorf von der Weltwissen-AG*.“

Ahhh.

Ok.

Jetzt fällt der Groschen. Dr. Reimersdorf, ein weitgereister Diplomat a.D.,  leitet an der wehwehschen Grundschule die Weltwissen-AG. Aufgrund seines nahezu biblischen Alters und seines untadeligen Rufes genehmige ich mir gedankliche Entspannung und lasse mir jetzt genau erklären, was es mit den Männern und den Morden auf sich hat.

„Odysseus hat sie alle umgebracht. Denn nur der Hund hat ihn erkannt. Und die Mägde – Mama, was sind denn eigentlich Mägde? – also die wurden im Hof aufgehängt, weil die untreu waren gegenüber ihrem Herrn. Pelleponne war dann aber ziemlich froh, dass ihr Mann wieder da war. Ich mein, Mama, das waren 20 Jahre! Der war 20 Jahre unterwegs ohne Bescheid zu sagen. Da dachten natürlich alle, er sei tot und deswegen wollten die Männer alle Pelleponne heiraten. Ich weiß nicht, ob die nach 20 Jahren noch schön war, aber reich war sie, sagt Dr. Reimersdorf. Dann kann man die Freier ja auch irgendwie verstehen!“

Kann man. Ich verstehe jetzt auch und bin dankbar für Männer wie Dr. Reimersdorf, die klassische Bildung ans Kind bringen und es trotzdem noch eine Weile Kind sein lassen.

Glück gehabt, für heute erstmal keine Problemgespräche.

 

* Werbeslogan: Willst du mehr über die Welt wissen, geh zu Weltwissen!