Lehrergeschenke

Mittwoch:

„Und was hast du zu Weihnachten bekommen?“

Die Erstklässler haben im Kreis ausführlich über ihre Weihnachtsgeschenke berichtet und ich bin erstaunt darüber, dass sich die Zuhörer auch bei der x-ten Erzählung nicht nur konzentrieren, sondern auch interessieren. Da wird nachgefragt und um Ergänzung gebeten („Den weißen Controller oder den schwarzen?“). Um etwas Abwechslung in die Runde zu bringen, habe ich von der Schilderung der eigenen Weihnachtsgaben abgesehen und lieber vom Schneeausflug in die Vulkaneifel erzählt. Doch damit komme ich nicht weit.

„Ja, erzähl mal, was hast du gekriegt?“

Also erzähle ich, dass für mich eine langersehnte Glasschüssel unterm Tannenbaum lag. Aber die Erstklässler reagieren nicht nur verständnislos, sie sind nahezu empört.

„Du hast WAS bekommen?“

„Eine Schüssel!?“

„Warum das denn?“

„Wie doof!“

„Hast du dir die etwa gewü-hünscht!?“

Ich versuche den Kindern meine Begeisterung über das Geschenk zu vermitteln, was zugegeben schwer ist, da sie weder meine Backleidenschaft noch die heiße Liebe zu meiner Küchenmaschine nachvollziehen können.

„Ich finde das nicht gut. Das macht doch gar keinen Spaß.“

„Pfff, eine Schüssel. Voll gemein!“

Es will mir nicht gelingen, den Erstklässlern den Unterschied zwischen Kinderwünschen und Erwachsenengeschenken zu erläutern, also gebe ich schulterzuckend auf und leite das weitere Unterrichtsgeschehen ein. Im Laufe des Tages gerät das unerkannte Geschenk in Vergessenheit.

Denke ich.

Donnerstag:

„Hier, Frau Weh, das ist für dich!“

Strahlend stehen die Erstklässler im morgendlichen Kreis und strecken mir zahllose Hände entgegen.

„Was ist denn das?“, frage ich etwas ratlos und schaue genauer hin.

„Eins, zwei … DREI!“

Auf Kommando öffnen sich die Hände und geben den Blick frei auf klitzekleine Kleinigkeiten. Ein Konglomerat aus vom Baum gefallen, übriggeblieben und gerade so entbehrlich. Ich sehe leicht abgegrabbelte Seifenstückchen in Tierformen, Teebeutel, Supermarktsammelfigürchen und Happy Meal-Überbleibsel. Etwas Lametta ist auch noch dabei. Früher war mehr Lametta, schießt mir durch den Kopf und ich muss grinsen. Verrückte Bande.

„Wir fanden das nicht gut, dass du gar nichts richtiges bekommen hast.“, erhebt Dilara das Wort und hält mir eine Rolle entgegen, auf der sich sicherlich noch rund 12 cm Papierklebeband mit der Aufschrift ppy Birthday!!! befinden.

„Und dann haben wir in Englisch bei Frau Smetana gesagt, dass wir noch eine wichtige Sache besprechen müssen.“, ergänzt Nick.

„Dann musst du nicht mehr traurig sein!“

Ich unterdrücke mein Lachen nicht länger und versichere den Erstklässlern, dass ich jetzt wirklich, wirklich kein bisschen traurig wäre und bedanke mich herzlich für ihre Gaben, die sie nun pflichtbewusst in einer extra zu dem Zweck organisierten Plastiktüte eines großen Discounters sammeln und mir mit großer Geste überreichen.

„Wir haben sogar an eine Verpackung für dich gedacht!“

Mir fehlen in der Tat die Worte bei solch liebevoller Umsicht und ich nehme die Tüte wie einen großen Schatz an mich.

„Ihr seid schon toll, wisst ihr das?“

Sie nicken. Natürlich wissen sie es, ich sage es oft. Während wir in den nächsten Stunden singen und rechnen, schreiben und lesen, wandert mein Blick gelegentlich auf die grellbunte Tüte, die erhaben und wichtig auf meinem Pult thront. Und ich bin kein bisschen traurig.

 

Ein unmoralisches Angebot

„So geht das jetzt echt nicht weiter, Frau Weh!“

Die kleine Finja stemmt erbost die Hände in die Seiten. Seit Anfang Dezember ist sie im Kakaodienst eingeteilt und beschwert sich zu Recht darüber, dass die Molkerei an Kästen spart. Was hier nicht weiter dramatisch klingt, bedeutet in Finjas Arbeitsalltag den durchaus schwierigen Transport loser Flaschen in Schüsseln, Plastiksieben oder ähnlichen ungeeigneten Behältern, die der Hausmeister aus Küchenschränken zieht, um die Kakaoflaschen an die Klassen zu verteilen. Denn es fehlt ja an Kästen, um alle Flaschen transportsicher zu verstauen. In den letzten Tagen kam es vermehrt zu Erdbeermilchunfällen, die zwar farbschön auf dem braunen Klassenzimmerboden verlaufen, aber jedesmal zu großem Bohei führen.

Ich persönlich bin ja sowieso kein Fan von gezuckerter Schulmilch. Aber darin daran wird in der neuen Schule nicht gerührt! Nun gut, sollen die Erstklässler ihr Kinderpingui doch in Vanillemilch ersaufen. Ich arbeite Don-Quichotte-mäßig mit Möhrenschnitzen dagegen. Nichtsdestotrotz muss eine Lösung für unser Flaschenproblem gefunden werden und so schaue ich mir den Menschen aus, von dem ich mir Hilfe verspreche.

„Du-hu?“, flöte ich, als ich dem Hausmeister in der Pause im Besenschrank begegne. „Könnten wir nicht mal etwas ganz und gar Unanständiges machen?“

Alarmiert hebt der Angesprochene den Kopf. „Äh … Frau Weh!?“

Unbeirrt verfolge ich mein Ziel weiter und ziehe entschlossen die Tür hinter mir zu. „Wie nah traust du dich an den Rand der Illegalität heran?“

Dem Hausmeister wird es zunehmend zu eng im Raum, aber ich bemerke gar nichts und blicke ihm unbeirrt in die Augen. „Kannst du mir bitte aus der anderen Schule* einen leeren Kakaokasten klauen?“

Verdutzt aber unbestreitbar erleichtert lässt er sich unser Problem erklären und muss kopfschüttelnd grinsen ob der Vorstellung, dass ich den Kasten zwecks dauerhafter Unterschlagung** umgehend pink anzusprühen gedenke (Finja hat zudem noch etwas Glitzer zugesagt. Es ist ihr wirklich an einer Lösung gelegen!). Zwar ziert er sich pro forma noch ein Weilchen, aber es gelingt dann doch, ihn für das Geheimprojekt K zu entflammen.

„Morgen“, raunt er mir verschwörerisch zu, als er die Türe öffnet und vorsichtig mit dem Kopf um die Ecke linst, „morgen kriegste deinen Kasten!“

Später teile ich Finja mit, dass wir mit Hilfe des Hausmeisters der Lösung unseres Problems bereits ein besträchtliches Stück näher gekommen seien. „Ok“, antwortet sie befriedigt. „Ich habs gewusst, Glitzer findet ja jeder schön!“

 

* Wir teilen uns den Hausmeister mit der Nachbarschule. Ja, da kommt es bisweilen zu eifersuchtsgetränkten Szenen zwischen den Damen.

** Nein, mein schlechtes Gewissen hält sich in engen Grenzen. Schulmilch wird ganz gut subventioniert. Da wird wohl 0,034 Kasten pro Erstklässler drin sein, nicht wahr?

Geometrie? Ist durch.

Man könnte darüber schmunzeln, dass ich am gestrigen Abend so rechtschaffen müde war. So derart müde, dass ich, als ich meine Schreibtischarbeit beendete, die Katze übersah, die es sich hinter dem Stapel mit den Rentiergeweihen aus Plüsch gemütlich gemacht hatte. Dort liegt sie bereits seit einiger Zeit gerne, genaugenommen seit dem Tag des Weihnachtsmarktauftrittes meiner Klasse vor eineinhalb Wochen, bei dem wir Glanz und Glorie ernten konnten, als wir rentiergeweiht und glöckchenklingelnd unsere Lieder trällerten. Danach habe ich nämlich – aller Ordnungsliebe zum Trotz – den ganzen Trara lediglich in eine Ecke des Arbeitszimmers geworfen, statt ihn ordnungsgemäß für nächstes Jahr zu verräumen. Nun läuft das Miniweh gerne mit Glöckchen und Geweih herum und die Katze, tja, die Katze hält ebendort gerne eins ihrer zahlreichen Nickerchen, die mit dem Alter mehr und tiefer werden. So tief jedenfalls, dass auch sie, die in den letzten Jahren jedes Ameisenniesen mit sofortiger Wachsamkeit registrierte, das Schließen der Türe nicht bemerkte.

Zwar wunderte ich mich am frühen Morgen darüber, dass niemand mein Auftauchen in der Küche mit einem erwartungsfreudigen Maunzen zur Kenntnis nahm, aber ist nicht jede ruhige Minute in dieser stressigen Zeit ein Geschenk? Nichtsahnend öffnete ich wenig später die Türe meines Arbeitszimmers, um augenblicklich zurückzuprallen. Ach könnte ich diesen Geruch schildern! Diese in den Augen brennende Mischung aus Ammoniak und Verzweiflung, die mir entgegenschlug. Nicht anders als reuevoll hingegen kann ich das Gebaren der Übeltäterin bezeichnen, die mir sofort pardonmiezend um die Beine strich. Glück im Unglück immerhin: Die Katze erledigte ihre Notdurft verschämt auf dem Stapel der 29 Geometrie-Themenhefte. Die haben wir schon durch. Nicht auszudenken, wäre das Malheur auf dem Buchstabenlehrgang geschehen!

Also holte ich Aufnehmer und Eimer (manche Dinge müssen eben einfach erledigt werden) und machte mich um 6.03 Uhr an die Entsorgung der durchweichten Lerninhalte. Flächen, Formen, Spiegelbilder – alles für die Katz!

Wenig später traf ich im Lehrerzimmer eine Kollegin. „Wie weit seid ihr jetzt in Geo?“, wollte sie wissen. „Oh“, antworte ich vielsagend, „Geo ist durch.“

 

Situationskomik

Es ist früher Vormittag, als ich im Schulflur die unter Katzenstreu begrabenen Überreste von Leonies Frühstück zusammenkehre. Während die Erstklässler solche Szenen in den vergangenen Wochen mehrfach erleben konnten und gelassen ihren Pflichten nachgehen, zeigen sich einige vorbeiziehende Zweitklässler sichtlich von der Säuberungsaktion irritiert.

„Was ist das?“, will Mika wissen.

„Katzenstreu! Die Leonie hat gespuckt! Fünfmal!“, klärt ihn Niklas sensationsbewusst auf. Er ist bereits vor zwei Minuten schon einmal vorbeigekommen, hat sich alles genau erklären lassen und scheint nun offenbar unter einer akuten Reizblase zu leiden.

Trotz der korrekten Erklärung starrt Mika sekundenlang auf das feuchte Häufchen am Boden. Dann endlich schüttelt der Zweitklässler fassungslos den Kopf:

„Aber warum hat die Leonie denn Katzenstreu gespuckt?“

Lieber Mika, ich konnte es dir gestern vor Lachen nicht sagen, aber du hast mir den Tag gerettet!

Liebe Frau Weh

Jetzt trudeln sie ein, die Briefe der Fünftklässler. Es ist eine nette Geste, dass die Deutschkollegen der weiterführenden Schulen zu Beginn des 5. Schuljahrs an die Grundschullehrerin schreiben lassen. Natürlich ist es reguläres Thema und selbstverständlich wissen sie um die hohe Schreibmotivation der meisten Kinder. Aber dies schmälert nicht im Geringsten die Freude, diese Briefe zu bekommen.

Liebe Frau Weh, lese ich da, es geht mir so gut in der neuen Schule. Ich lese von Neuorientierung, Stolz auf Leistungen, von neuen und alten Freunden. Manchmal lese ich auch noch ein wenig Ängstlicheit aus den Zeilen und oft Unmut über so viele Stunden, schwere Rucksäcke und lange Tage. Aber immer erkenne ich Entwicklung und Wachstum in dem, was die Kinder mir schreiben. Und eines noch: Erinnerung.

Wissen Sie noch, unsere Klassenfahrt?

Es war so schön im vierten Schuljahr.

Hoffentlich sind Ihre neuen Schüler so toll wie wir!

Ich denke gerne an Sie zurück.

Es ist schön, solche Briefe zu bekommen und sie einzuordnen in den Lauf unserer Arbeit, der von Ankunft bis Abschied reicht. Ich wünschte mir mehr davon. Einen zum Schulabschluss, egal welchem. Einem bei Berufsantritt. Vielleicht auch zu Hochzeit, Geburt und hoffentlich niemals eine Todesanzeige. Die Gedanken an die Grundschulzeit werden verblassen. Erinnerungen an so viele gemeinsame Stunden werden verdrängt von neueren Eindrücken. Das ist richtig so! Dennoch wünsche ich mir, dass ein Stück dieser umsorgten Zeit sich tief ins Lebensbild meiner Schüler legt und sie irgendwann rückblickend lächeln lässt.

Weißt du noch, damals?

Demokratie mit Füßen getreten

Die Tatsache, dass ihre Klassenlehrerin seit dem heutigen Tag ebenfalls Hausschuhe im Klassenraum trägt, haut den ein oder anderen Erstklässler völlig aus den Socken.

„Du bist doch gar kein Kind mehr, Frau Weh! Warum hast du denn Hausschuhe an?“

Als ob Schwitzfüße eine Frage des Alters wären! Glücklicherweise neige ich dazu nicht, finde es aber konsequent, dass in diesem Bereich auch für mich keine Sonderregelung gilt. Schließlich sind meine Schuhe noch die größten und bei dem Wetter auch nicht immer bar jeden Makels. Ich verweise auf den blitzeblanken Boden des Klassenzimmers und auf meine extra zu diesem Zweck angeschafften Schuhe. Die unumgängliche Rückmeldung lässt nicht auf sich warten:

„Deine Hausschuhe sind schön, Frau Weh!“, lässt mich Lynn mit einem Nicken wissen.

„Finde ich nicht.“, murrt hingegen Marc, der alte Knöterich.

„Sind sie wohl.“

„Nö!“

„Wohl!“

Marc und Lynn werden sich nicht einig. Ehe es zum handfesten Streit zwischen den beiden kommt, habe ich flugs eine Tabelle an die Tafel gezeichnet. Nun darf die Meinung abgegeben werden, ob mein Schuhwerk (ich persönlich finde es für Hausschuhe durchaus in Ordnung) dem Geschmack der Klasse zusagt. Abgegeben werden – oh Wunder! – exakt 29 Stimmen. Auf schön entfallen 25. Vier mutige Erstklässler entscheiden sich gegen die Hauptmeinung. Auf meine eindringliche Frage, wer mit schön geantwortet hat, nur weil er mich nett findet und nicht verletzen möchte, melden sich tatsächlich noch sieben weitere Kinder. Ich bin begeistert! Klarer Fall von Volkssouveränität! Die Erstklässler sind so entzückt von der Abfragemöglichkeit, dass wir im Laufe des Tages noch ganze dreimal mein Schuhwerk auf den Prüfstand stellen müssen. Um 11.10 Uhr findet niemand mehr Gefallen an meinen Schuhen, aber umso mehr an Meinungsumfragen.

„Wer ist dafür, dass sich Frau Weh neue Hausschuhe kaufen muss?“, kräht Finn mitten in der Stillarbeitsphase plötzlich begeistert heraus. Die Reaktion ist unglaublich. Ekstatisch tobende Massen. Tumultartige Zustände. Meuterei! Ich überdenke rasendschnell meine Möglichkeiten. Eile ist geboten, sonst droht die Situation gänzlich aus dem Ruder zu laufen. Eignet sich ein Pflanzensprüher als Wasserwerfer und wie sieht der exekutive Einsatz eines solchen gegenüber Schutzbefohlenen eigentlich rechtlich aus? Ok, es ist Zeit für die absolute Notbremse. Unter majestätischem Einsatz des Klangstabes („Piiiing!“) führe ich die absolute Monarchie ein.

11.13 Uhr: Ruhe. Ist DAS schön!

 

 

Klassenfrequenzrichtwerte

Ich danke euch für die regen Kommentare des gestrigen Tages. Wohltuend zu lesen, dass ein solcher Ausblick nicht nur bei mir Empörung hervorruft. Interessant an den vielen Kommentaren finde ich aber auch, dass eigentlich niemand so richtig Bescheid weiß, was den Klassenteiler an Grundschulen anbelangt. Mit gutem Grund übrigens, denn DEN Klassenteiler – ich spreche hier für NRW – gibt es gar nicht. Wohl aber einen Klassenfrequenzrichtwert, der munter variiert.

Ich versuche mal die Fakten aufzuführen:

  • Die Landesregierung möchte bis zum Jahr 2015/16 den Klassenfrequenzrichtwert von 24 auf 22,5 Kinder absenken.
  • Die Bildung von Klassen mit weniger als 15 und mehr als 29 Kindern ist zukünftig unzulässig. Wohlgemerkt die Bildung, nicht die Aufstockung im laufenden Jahr.
  • Für die Bildung der Eingangsklassen ist der Schulträger zuständig. Er verteilt die zu bildenden Eingangsklassen auf die Schulen, indem er die Gesamtzahl der Kinder durch 23 teilt. Das Ergebnis ist die Zahl der neu zu bildenden Eingangsklassen. Dabei gibt es durchaus Handlungsspielraum. Ein Kriterium hierfür ist beispielsweise der Einzugsbereich. Der Schulträger entscheidet über Aufnahmekapazität und Klassengröße der einzelnen Grundschulen in der Kommune.
  • Mit der Größe einer Grundschule nimmt die maximale Größe ihrer Klassen ab. Richtet eine Grundschule drei Eingangsklassen ein, so sitzen dort maximal 27 Kinder, sind es gar fünf erste Schuljahre, so lernen höchstens 25 Kinder miteinander. Einzügigkeit bedeutet in diesem Fall den Jackpot mit maximal 29 Kindern. 29 bedeutet die Startzahl, es können durch Zuzug durchaus noch Kinder dazugewonnen werden.
  • Die Kinder haben ein Recht auf dreijährigen Verbleib in der Schuleingangsphase, also dem 1. und 2. Schuljahr. Stellt sich heraus, dass die Kinder verbleiben sollen, so dürfen sie das tun. Egal, wie groß die aufnehmende Klasse ist.
  • Einen absoluten Höchstrichtwert für die Klassengröße gibt es nicht.

Ich beziehe mich auf unsere Bildungsministerin Frau Löhrmann. Das neue Grundschulkonzept für unser Bundesland liest sich fluffig und sinnvoll. Allerdings darf man nicht zwischen den Zeilen lesen. Das ist nämlich deutlich ernüchternder.

Nichtsdestotrotz wünsche ich uns allen ein wunderschönes Spätherbstwochenende. Ich gehe auf jeden Fall Sonne tanken, Vitamin D kann man ja nie genug haben. Das ist doch für die gute Laune zuständig, oder?

Herzlichst, Frau Weh (superherowonderteacher to be)

 

 

 

Ohne Titel. Ohne Worte. Ohne Verstand.

Die Förderkonferenzen laufen und wenn nicht noch ein großes Wunder geschieht, wird meine Klasse zum Halbjahr auf …

 

Trommelwirbel …

 

32 Kinder aufgestockt. In Worten: zweiunddreißig.

Ist es eigentlich sehr unschicklich, sich mittags um 13.30 Uhr ein großes Glas Alkohol zu wünschen? Ich will es ja gar nicht trinken, aber ich würde gerne ein bourlesques Bad darin nehmen. Dann würde ich meinen Kopf in den Nacken legen, das linke Bein lasziv über den Rand baumeln lassen und ganz entspannt abwinken. Was macht es schon für einen Unterschied, ob sich nun 29 Erstklässler unter meinen Fittichen tummeln oder 32? Alles Peanuts. Geht ja nur um Bildung. Immerhin klappt es mit einer geraden Anzahl dann auch besser mit der Partnerarbeit.

Gehabt euch wohl, ich gehe baden. Ganz bestimmt. Cheerio!

14.37 Uhr: Jetzzzz iss schon viel besssser. Ehrlisch! Ich kauf mir einfach eine Trüllerpfff …, eine Trüllerpffföff… Äh, ihr wissses schon!

Die ZEIT heilt alle Wunden

Es ist schon ein Kreuz mit der eigenen Eitelkeit.

Langjährige Leser dieses Blogs wissen, dass ich mich in der Vergangenheit des Öfteren darüber mokiert habe, dass sich die Medien ausschließlich für Lehrerblogs von Kollegen weiterführender Schulen interessieren. Zu Unrecht, schließlich machen auch wir Schule und schreiben darüber. (Und, hey, gar nicht mal so schlecht!) Aber die Grundschule scheint im Blick der Öffentlichkeit noch immer zu oft altbackenen Klischees verhaftet und für Medienschaffende einfach nicht spannend genug zu sein. Zu viel Bastelkram, zu wenig, was sich gut verkaufen lässt. Ich habe es akzeptiert; grummelnd zwar, aber doch hingenommen und – natürlich – weitergebloggt. Schließlich geht es hier ja um viel mehr. Von Zeit zu Zeit wird die Seite in den Bildungsforen verschiedener Magazine verlinkt, was ihr eine kurzzeitige Besucherschwemme beschert. Die größte Lesermenge findet ihren Weg hierher aber nach wie vor über die Suche nach strammen Schenkeln. (Nein, das ist natürlich ein Scherz. Es ist höchstens ein Drittel.)

Dann irgendwann meldete sich stern.de mit einem Blogangebot und kurz darauf der Westermann-Verlag, um mir eine regelmäßige Kolumne in einer Fachzeitschrift anzubieten. Beiden Redaktionen war die Seite aufgefallen. Es ist mir ein kleines bisschen peinlich, aber, ja, ich war total aus dem Häuschen deswegen. Die Projekte klangen spannend und so habe ich die Chance, mein Näschen in neue Bereiche zu stecken, nicht nur genutzt, sondern sie gewissermaßen ins Gebüsch gezerrt und ihr das Fell über die Ohren gezogen. Siehe da, es gibt neben der Schule durchaus weitere interessante Arbeitsbereiche! Andere Lehrer spielen in ihrer Freizeit Tennis, warum also nicht ein wenig schreiben?

Ein paar Monate später habe ich festgestellt, dass es zwar interessant ist, regelmäßig über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu schreiben, aber nur solange dieselbe dabei nicht auf der Strecke bleibt. Also habe ich beim Stern wieder aufgehört (nicht ohne gemeinsam mit meiner großartigen Reakteurin ein paar tränenreiche E-Mails zu wechseln. Katarina, wenn du das liest: Es war gold mit dir!) und mich wieder auf meine Kernbereiche konzentriert: Schule und Familie. Denn genaugenommen wäre man ja bereits mit nur einem davon voll ausgelastet. Der Blog bleibt natürlich, schließlich hat er mittlerweile nicht nur Laufen, sondern mindestens auch Dreiradfahren gelernt.

Und dann passierte es: Unverhofft hatte ich letzte Woche eine E-Mail vom ZEITmagazin im Posteingang. Darin eine journalistische Anfrage. Die ZEIT! Endlich! Ich musste durchs Zimmer tanzen und laute Schreie ausstoßen, um dieser Gefühlswallung Herr zu werden. „Herr Weh!“, schrie ich in Fettdruck und kursiv durchs Haus, „Herr Weh! Die ZEIT will mich! In echt! In Print!“ Herr Weh freute sich mit mir und gespannt wartete ich die näheren Informationen ab. Boah, einmal mit dem Blog in der ZEIT auftauchen, dann habe ich mein persönliches Ziel erreicht und kann hier dichtmachen!

Auch beim ZEITmagazin arbeiten nette Redakteure. Da habe ich ja wirklich Glück gehabt. Ich kenne ja, Stern und Westermann eingeschlossen, erst drei und alle waren ausgesprochen freundlich zu mir. Ich bin also richtig, richtig aufgekratzt und kommuniziere fröhlich mit dem netten ZEITmenschen. Und dann erfahre ich, was das Magazin von mir möchte.

Nein, kein Thema bildungspolitischer Relevanz. Auch kein pädagogisches Outfit.

Sie wollen … die Fischlaterne.

Also jetzt fühle ich mich wieder total Grundschule.

Methodentraining: Hausaufgabenheft

Montagmorgen bei den Erstklässlern. Es ist wieder einer dieser Momente, in denen es tief in meinen Eingeweiden zu brodeln beginnt. Ich schließe kurz die Augen und atme ein.

Und atme aus.

Und atme ein.

Leider hilft alles nichts, das Chaos ist noch da. Nachdem die Erstklässler ihre Hausaufgaben in den Anfangswochen durch ein Häuschen auf der entsprechenden Seite kennzeichneten, haben sie letzte Woche damit begonnen, auf jedes Arbeitsblatt und jede Seite das Datum zu schreiben. Das war kein Problem und so dachte ich leichthin, es sei nun an der Zeit, die Hausaufgaben im dafür vorgesehenen Heft zu notieren. Soweit der Plan. In der Praxis hingegen stehe ich inmitten einer Schar aufgeregter Schulanfänger, die mir alle gleichzeitig ihr Heft unter die Nase halten wollen.

„Wo muss ich das Datum hinschreiben?“

„Ist das so richtig?“

„Ich habe gar kein Hausaufgabenheft!“

„Muss ich heute in die Betreuung?“

„Ich brauche gar kein Hausaufgabenheft, ich merk mir das immer so.“

„Ich hab hier das Datum auf die ganze Seite geschrieben. So, ja, so? Sosososo? Jetzt guck doch endlich!“

„Guck mal, Frau Weh, da ist Spiderman drauf. Voll cool!“

„Rosa mag ich gar nicht. Das hab ich der Mama auch gesagt. Da schreib ich nicht rein!“

„Was heißt Di? Und Mi? Ffffff-rrrrrr!?“

„Ich muss mal.“

„Ich auch!“

„Ich auch!“

Hier zeigt sich, dass ich – noch immer viertklässlerverwöhnt – die Schwierigkeit des Hausaufgabenhefteinführens unterschätzt habe. Hat hier jemand eigentlich eine Ahnung, wie viele verschiedene Ausführungen eines Hausaufgabenhefts es heutzutage gibt? Wir hatten früher ja so ein einfaches Vokabelheft. Da schrieb man das Datum rein, darunter die Aufgaben und fertig! Die Hefte der Erstklässlern gleichen wahlweise kleinen Manager-Filofaxereien oder Merchandiseartikeln mit ausgeklügeltem Layout. Da gibt es welche mit farbig unterlegten Wochentagen, Lerntipps, Schülerwitzen, Ferienterminen, Stylingvorschlägen, Bastelseiten und kleinen Wissenshäppchen. Bei manchen passt eine ganze Schulwoche auf eine Seite, andere wiederum gönnen sich eine Doppelseite dafür. Manche Hefte geben das Datum vor, dafür sparen andere die Wochentage aus. Es gibt sie in rosa, schwarz-metallic und mit blinkenden Stickern. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich meine, ein Heft hätte sogar gepfiffen. Vielleicht war das auch nur das letzte Loch, auf dem ich mich erging. Wie unüberlegt auch von mir, an einem so extrem wichtigen Tag wie heute verschiedene Hausaufgaben aufzugeben. Hätte ich doch bloß für alle das gleiche Arbeitsblatt kopiert, dann hätte die ganze Sache ja so aussehen können:

27.10.14 o AB

Stattdessen notiert nun ein Viertel angestrengt  FleX unD Flo, ein weiteres Viertel FleX unD FloRa, das nächste Grüppchen AB, wahlweise in blau oder rot, und das allerletzte Viertel notiert … gar nichts, denn es fehlt natürlich trotz Elternbrief auch noch dem ein oder anderen an der passenden Ausstattung. Ich kontrolliere jeden einzelnen Eintrag, den Radiergummi in der Hand, ermutige oder berichtige, deute auf orange unterlegte Spalten, Zeilen und Kästchen bis jeder Datumseintrag an der dafür vorgesehenen Stelle landet. Dann, endlich, wird es wieder etwas ruhiger. Ich schaue auf die Uhr und stelle fest, dass uns dieser erste Eintrag schlappe 28 Minuten gekostet hat. Ja, so ist das mit dem Methodentraining – es braucht Zeit. Viel davon. Ich weiß nicht, wem ich am Ende der Stunde mehr Mut machen möchte, als ich den Erstklässlern versichere, dass wir jetzt jeden Tag schneller im Umgang mit dem Hausaufgabenheft würden, mir oder den Kindern. Zumindest sehen sie schon wieder reichlich vergnügt aus, als sie den Raum verlassen. Ich hingegen sinke völlig geschafft auf meinen Stuhl und bette den schmerzenden Kopf in die Hände. Da plötzlich fühle ich ein aufmunterndes Tätscheln irgendwo zwischen Schulter und Hals. Filiz hat ihren Bleistift vergessen.

„Na, Frau Weh, das ist auch für dich ganz schön anstrengend im 1. Schuljahr, oder? Aber macht nix, du sagst ja immer, alles wird gut! Du schaffst uns schon!“

Ist die Frage, wer da wen schafft.