Tag 1

Der erste richtige Schultag mit den neuen Erstklässlern liegt hinter mir und schon am frühen Nachmittag bin ich so müde, dass ich auf der Stelle einschlafen könnte. Holla, die Waldfee!

Auch die Kinder sind am Ende geschafft, absolvieren sie heute doch bereits fünf Stunden Unterricht und meistern dabei bereits den ersten Quantensprung ins Schulleben. Es ist schon unglaublich, welche Informationsflut auf die Erstklässler einprasselt. Ein paar Schüchterne müssen noch ermutigt werden, während doch so viele schon um 7.30 Uhr fröhlich ins Klassenzimmer wirbeln: „Ich habe ein Bild für dich gemalt!“, „Guck mal, mein Ranzen!“, „Wo muss der Becher hin?“, „Meine Mama wollte mit, aber ich hab gesagt, sie darf nicht, hast du gehört, Frau Weh?“ Ich stelle meinen Kaffeebecher auf meinem Schreibtisch ab und wende mich der aufgeregten Schar zu.

Plötzlich dann mittendrin ein polternder Vater, der sich kämpferisch vor mir aufbaut und mit drohendem Unterton mitteilt, dass er gegen diese neuen Methoden mit dem Lesen und Schreiben und dem ganzen Quatsch sei. „Und wie wollen Sie das denn überhaupt so machen?“

Ich schlucke meinen aufkommenden Ärger herunter und wende mich ihm zu: „Wie schön, dass Sie sich für das Lernen ihres Kindes interessieren! Kommen Sie doch gerne zum nächsten Elternabend, da werde ich genau dazu etwas sagen.“

„Nein“, antwortet er, „da werde ich ganz sicher nicht hingehen. Solche Freizeitaktivitäten überlasse ich meiner Frau.“

Ich fasse es nicht. Ein Macho auf meinem Zahlenteppich. „Tja“, entgegne ich eine Spur kühler, „dann werden Sie sich wohl überraschen lassen müssen, denn Tür- und Angelgespräche gibt es hier nicht. Hier gibt es nur Unterricht. Tschüss dann!“ Ich schaue ihm scharf in die Augen (my room, my rules!) und drehe mich um, denn da zupft es bereits wieder seit einer geraumen Weile an meinem Ärmel. Zwar schneien im Laufe der ersten 20 Minuten noch ein paar Eltern herein, weil sie dieses oder jenes vergessen haben, doch tun sie dies leise und ohne größeren Aufruhr, wofür ich dankbar bin, denn tatsächlich arbeiten irgendwann alle 29 Kinder an den aufgebauten Stationen. Ich atme durch und versuche, die vielen Namen den ersten Gesichtern zuzuordnen. Doch nicht lange.

„Spielst du heute wieder Gitarre?“

„Singen wir endlich?“

„Wann ist Pause?“

„Ich muss mal.“

Mehrfach an diesem Schulvormittag muss ich innerlich lachen und mich zur Ruhe mahnen. Es sind Erstklässler und alle Vorgänge, alle Regeln und Verhaltensweisen, die im 4.Schuljahr so selbstverständlich waren, müssen neu gelernt werden. Eigentlich ist das der Wahnsinn, wenn man mal genau drüber nachdenkt. Aber der Kreis klappt und wir singen mit einer solchen Inbrunst, dass selbst der Schwimmbusfahrer kurz seinen Kopf durch die Tür stecken und glücklich hereinwinken muss. Überhaupt Musik, das funktioniert immer. Und das ist ein Glück, denn in der 5.Stunde steht JeKi auf dem Programm und obwohl eigentlich alle erledigt sind, lernen die Kinder in Rekordzeit das erste Lied in relativer Solmisation. Dann am Ende eines aufregenden und langen ersten Schultages begleite ich die Klasse noch zur OGS, bringe eine Handvoll Kinder zum Bus, umarme, winke, ermutige und greife nach 5 Stunden zum ersten Mal zum Kaffee auf meinem Schreibtisch.

Kalt.

Willkommen im 1. Schuljahr, Frau Weh!

 

 

Der erste Elternabend

Ich atme tief durch, als ich am Abend vor der ersten Klassenpflegschaft die Tür aufschließe. Der Raum strahlt vor Sauberkeit, alles ist vorbereitet für den großen Tag. Doch zunächst gilt es die neuen Eltern kennenzulernen und – ganz sanft, aber bestimmt – in eine schuloptimistische Grundstimmung zu versetzen. Wie immer bei diesen aufregenden ersten Elternabenden werde ich auch diese Elternschaft um einen gesunden Vertrauensvorschuss bitten und um die Ruhe, die sowohl die Kinder, als auch ich brauchen, um einander kennenzulernen. Diese ersten Schulwochen sind die wichtigsten, sie legen den Grundstein für all das, was kommt. Gelingt es, einen durchdachten und herzlichen Anfangsunterricht mit den Erstklässlern zu gestalten, so schaffen wir eine gute Basis für den enormen Lernzuwachs, der im 1. Schuljahr vonstatten geht.

Immer sind es diese verflixten ersten Wochen, die zählen: Bei einer Schwangerschaft, nach der Geburt, eigentlich nach jedem Wechsel, jeder Wegmarke, die ein Mensch durchläuft. Jetzt gilt es. Die Vorbereitung, der offene Blick, auch die Fähigkeit Kinder, Eltern und Begebenheiten annehmen zu können, wie sie sind. Dieses Mal besonders spannend, weil auch für mich alles neu ist.

Doch es bleibt nicht viel Zeit zu grübeln. Die ersten Eltern kommen zeitig und freuen sich über den schönen Raum, der ab morgen für viele Stunden zum Lernort ihrer Kinder wird. Ich lade sie ein, sich umzuschauen, Fragen zu stellen und auch Dinge in die Hand zu nehmen. Schnell wird es fröhlich im Raum, es wird gelacht und ich sehe, wie die Scheu langsam weniger wird. Dann ist es kurz nach acht. Alle Eltern sind da, was ganz neu für mich ist, bei manchen sogar beide Elternteile. Wir müssen Stühle aus der Nachbarklasse holen und es wird eng im Raum. Ich begrüße die Eltern herzlich und meine es so. Wie wird es wohl werden in ein paar Tagen, ein paar Wochen, nächstes Jahr? Nach ein paar Worten zu meiner Person (und dem dezent versteckten Hinweis, dass die Kinderplanung im Hause Weh abgeschlossen ist) die ersten Lacher, das Eis ist gebrochen. Ich erläutere den Einschulungstag, die Arbeitsweise der ersten Schulwochen und – mehrfach – die Wichtigkeit der persönlichen Ansprache, wenn es Probleme gibt: „Wenn Sie das Gefühl haben, es läuft nicht rund, dann erzählen Sie das nicht beim Bäcker, sprechen Sie mich an!“ Es werden Fragen gestellt und beantwortet, Geld eingesammelt, Material verstaut und besorgte Mütter beruhigt. Am Ende gibt es kurzen Applaus und nette Rückmeldungen. Ein paar zu persönliche Dinge für die große Gruppe werden noch im Gespräch geklärt und erst am Ende, wenn ich das Licht ausschalte und die Türe hinter mir schließe, merke ich, wie erledigt ich bin, wie anstrengend (und wichtig) doch dieser erste Kontakt ist. Heute ist er sehr gut gelaufen. Vielleicht auch, weil die Eltern mir die große Freude über die neue Schule angesehen und positiv aufgenommen haben.

Im Auto spüre ich die Erleichterung und die aufkommende Neugier auf die neuen Erstklässler. Meine Erstklässler. Die kommenden Wochen werden der Wahnsinn. All das Gewusel und Gezupfe, die vielen, vielen, vielen Fragen! Tränchen wird es geben und hoffentlich viel Freude und Spaß. Ich werde Pflaster kleben und auch mal schimpfen müssen. Ein ganzer Stapel Bücher will vorgelesen, viele Lieder wollen gesungen werden. Wir werden uns kennenlernen und eine Gemeinschaft werden. Abends werde ich wie ein Stein ins Bett fallen und denken, dass das nie etwas wird mit den Erstklässlern, so ein quirliger Haufen! Und dann wird es doch etwas werden, weil es immer etwas wird. Und es wird gut werden.

Was haben wir für einen wunderbaren Beruf.

Staub, Schweiß und gute Laune

Ein Blick in das bis oben zugestopfte Innere meines Autos genügt: „Aha, Grundschullehrerin!“, sagt der Hausmeister wissend und zuckt mit den Schultern. „Das ist ja bei uns an der Gesamtschule nicht so.“

„Tja“, entgegnet der andere Hausmeister, „unsere Lehrerinnen sind total motiviert.“ Irgendwie klingt er ein bisschen stolz dabei. Es ist Mittwochmorgen und ich kann endlich in die neue Schule, um meinen Klassenraum einzurichten. Unterstützt werde ich dabei von zwei starken Männern, was mich zunächst etwas einschüchtert, mir aber zunehmend gut gefällt. Tatsächlich habe ich noch keinen Klassenraum in einer solchen Rekordzeit möbliert wie heute. Praktischerweise sind wir schnell beim Du und meine einzige Aufgabe besteht fürs Erste darin, mitten im Raum zu stehen und die beiden nach links oder rechts zu lenken. Ja, ich hatte schon deutlich schlechtere Vormittage. Mit allerbester Laune schieben sie mir die Regale mal hierhin, mal dorthin, um die bestmögliche Raumaufteilung herauszufinden. Dabei sind meine Wünsche nicht wirklich bescheiden: Leseecke, Computerecke, Deutschecke – bitte alles mit Regalen abgeteilt. Ein Vierzehnertisch, zwei Achtergruppen, massig Regale für das Freiarbeitsmaterial, dazu bitte noch einen abgeteilten Bänkchenkreis und das alles auf 65 qm. Ich habe selber nicht daran geglaubt, dass alles passt, aber irgendwie klappt es und – oh Wunder! – es sieht sogar gut aus. Die Hausmeister sind jedenfalls zufrieden und verabschieden sich, nicht ohne mir vorher ein Radio zu organisieren und mir das Versprechen abzunehmen, sie anzurufen, wenn ich weitere Hilfe bräuchte. Als sie weg sind, lasse ich mich auf einen Stuhl plumpsen und sende einen kurzen Dank ans Universum: Ich wollte nur einen Schulwechsel und bin offensichtlich im Hausmeisterparadies gelandet.

Derart beschwingt mache ich mich ans Auswischen der Regale und packe die zahlreichen Kartons aus. Wie es wohl werden wird, wenn der Raum voller Erstklässler sein wird? Vermutlich wird es brummen, denke ich mit einem Lächeln und stelle die Bücher ins Regal. Ich hänge die Willkommensgirlande auf und bringe Geburtstags- und Milchzahnkalender an der Wand an. Ohne mit der Wimper zu zucken hat mir einer der Hausmeister Hammer und Nägel besorgt. „Klopp mal ruhig rein, ich seh nix und ich hör nix.“ Noch ein paar Pflanzen auf die Fensterbank und es sieht freundlich und einladend aus. Mensch, denke ich, was haben wir doch für einen schönen Job!

Am frühen Nachmittag bin ich dreckig und verschwitzt, habe mir einen Finger gequetscht und einen blauen Fleck am Knie geholt. Was für ein toller Tag! 🙂

 

Wechselbad

Oh, es wird Zeit für Ferien!

Ich rotiere zwischen gepackten und zu packenden Kisten, überschnappenden Viertklässlern und dem ganz normalen Schuljahresendwahnsinn. Da werden noch schnell Ausflüge gemacht, Abschlussfeiern sowieso und da war doch noch was? Ach ja, die Zeugnisse! Den Kolleginnen fällt ein, dass ich noch schnell, bevor ich weg bin, ihre Klassenbücher ausfüllen muss (womit sie recht haben…) und das größere Wehwehchen erwähnt beim Abendessen ähnlich spontan, dass es für das gemeinsame Frühstück am nächsten Morgen Tomate-Mozzarella-Spießchen zugesagt hat. Das Miniweh hat als Blume beim Kindergartenfest brilliert und beim Singen nur ganz kurz, aber hingebungsvoll, in der Nase gebohrt. Die Hauskatze würgt derweil Haarbällchen hervor und maunzt beleidigt, weil ich sie nicht dafür lobe, aber ich habe gerade wenig Zeit dafür.

Den Musikraum habe ich besenrein hinterlassen und dabei, ja, ein ganz kleines bisschen mit den Tränen gekämpft, denn die neue Schule – so schön sie auch sein mag – verfügt nur über einen einzigen Schrank für alle Musikalien, die sie so besitzt. Ich verkleinere meinen Unterricht und mich also von 140 qm auf 0,8 qm. Oder muss ich das in Kubik angeben? Egal, ich trauere. Und das nicht allein. Mittlerweile wissen es alle Schüler und Eltern, die Putzfrau und die Pfarrerin. Alle wünschen Glück und drücken ihr Bedauern aus, so dass auch ich ganz flatterig werde ob der getroffenen Entscheidung. Aber wohnt nicht jedem Neuanfang ein Zauber inne? Und ist ein solcher Abschied nicht deutlich besser, als wenn alle froh über meinen Fortgang wären? Die Chefin fasst mich mit Samthandschuhen an und siegelt sogar selber meine Zeugnisse, die weltbeste Sekretärin drückt mich fest und weint ein leises Tränchen. Einzig Frau Schmitz-Hahnenkamp verhält sich normal und beschwert sich lautstark über Sinan und Nino, die ich immer noch nicht im Griff hätte. Dennoch haben sie mir einen Abschiedsbrief geschrieben, darunter eine krakelig gemalte Blume „Ihre Glücksblume, Frau Weh, für die Zukunft“. Ich schlucke und wünsche, dass die nächsten Tage an mir vorbeifliegen mögen. Leider tun sie dies auch, obwohl ich die Momente festhalten will, denn manche sind kostbar.

„Wenn Sie auch gehen, dann haben wir keinen Grund zurückzukehren“, sagen die Viertklässler traurig und recht haben sie. Ein Stück Kindheit ist vorbei.

„Aber das, was kommt, ist neu und aufregend!“, will ich sie trösten und bekomme doch selber eine scheußlich-schöne Gänsehaut, wenn wir Möge die Straße uns zusammenführen singen und alle gekonnt, weil lange geübt, vom pianissimo ins forte wechseln und sogar der Hausmeister in der Türe stehen bleibt um zu lauschen. Wechselbad aus Abschiedskummer und Vorfreude.

Bald sind Ferien!

Das Telefonat

Ein wenig schneller klopft mir das Herz schon, als ich die Nummer der neuen Schule wähle. Ich habe Glück, der Rektor ist da und hebt nach dem zweiten Klingeln ab. Ich nenne meinen Namen und werde schon von ihm unterbrochen:

„Frau Weh! Endlich! Toll, dass Sie anrufen! Wir warten schon alle ganz neugierig auf Ihren Anruf und freuen uns auf Sie!“

Eine ordentliche Portion guter Laune schwappt mir aus dem Hörer entgegen und wischt die anfängliche Nervosität einfach beiseite. Ich bin überrascht über die so nette Begrüßung und erzähle, wie sehr auch ich mich freue und dass die Zuweisung an gerade diese Schule für mich der Jackpot sei, weil ich dadurch eine ganze Menge an Fahrzeit einspare.

„Ja, Frau Weh. Sie haben den Jackpot und nicht nur wegen der Fahrerei, das kann ich Ihnen ehrlich sagen“, antwortet er mir. „Wir sind eine tolle Schule!“, und es klingt kein bisschen überheblich, sondern warm und herzlich. Das Lächeln macht sich ganz automatisch in meinem Gesicht breit, als ich mir eine kurze Schilderung des Schulprogramms anhöre. „Wie klingt das für Sie?“, will er wissen und ich muss nicht lügen, als ich antworte, dass ich mir Grundschule genau so vorstelle.

Wir tauschen noch ein paar Infos aus und verabreden uns für eine der nächsten Konferenzen. Ich lege das Telefon ab und bleibe noch einen Moment still am Schreibtisch sitzen, bevor die Freude mein Herz flutet. Ich nehme mir dringend vor, dem Schulrat nächste Woche bei der Revision für die Schulzuweisung zu danken und atme einmal tief durch.

Neubeginn!

Abschlusskummer und Vorfreude

Zeugniszeit. Wo ist eigentlich das Schuljahr hin? Haben wir nicht letztens erst Weihnachtslieder eingeübt?

Wie jedes Jahr droht mich die Menge des „noch zu erledigen“-Stapels zu erdrücken. Ich atme tapfer dagegen an und akzeptiere, dass der Juni eben der neue Dezember ist. Der Trend geht eindeutig zum Sommer: Kindergartenfest, Schulfeste, Bundesjugendspiele, Theatertag, Abschlussfeiern, Abschlussgrillen, Abschlussgottesdienst. Alles schließt ab und benötigt dafür mindestens ein Planungstreffen. Die Koordination eigener Termine und der der Wehwehchen gleicht dem Kreuzworträtsel der Zeit – vielleicht nicht unlösbar, aber knifflig. Zwischendurch Fachnoten (viele…) und Zeugnisse der Viertklässler, diese immerhin überschaubar in Anspruch und Menge. Die Bögen, auf denen ich jedem Schüler einen Abschiedsbrief schreiben möchte, sind noch unberührt. So ganz bin ich noch nicht abzuschließen bereit. Wir sind noch nicht fertig.

Das letzte Sachunterrichtsthema muss noch vorbereitet, der letzte Ausflug geplant werden. Bei so vielen Dingen steht jetzt ein „letztes“ davor. Mündlich habe ich die Zusage des Schulamtes bereits, es fehlt nur noch das passende Schriftstück und meine Versetzung zum neuen Schuljahr ist amtlich. Ich gehe. Wow. Der letzte Schultag wird auch meiner sein.

Ich freue mich so! Aber ich lasse auch viel zurück und habe viel zu verdanken; der Schule, der Chefin, den Kolleginnen. Jede Begegnung hat mich wachsen, mich stärker (oder weicher) werden lassen. In den vergangenen 10 Jahren habe ich mir meine Sporen verdient und Federn gelassen. Und immer wieder gelernt, gelernt, gelernt. Wenn ich nach den Sommerferien an einer neuen Schule starte, dann nicht mehr unerfahren. Ein gutes Gefühl.

Auch ein gutes Gefühl: Der erste Blick auf die neue Schule. Nachmittags, aufgeregt. Ich stand vor dem Tor, habe am Schulhaus hochgesehen und bestätigt gefühlt, was der vormittägliche Blick auf die Homepage der Schule bereits anklingen ließ: Dass dies ein Ort ist, an dem ich richtig sein werde.

Vorfreude.

Zu Ende geht die Grundschulzeit

Die gemeinsame Zeit neigt sich dem Ende entgegen und es ist der Kunstunterricht, in dem den Viertklässlern diese Tatsache auf einmal bewusst wird.

„Das ist unser letztes Gruppenbild!“, ruft Schmitti erschreckt aus und wischt dabei dem neben ihm hockenden Giuliano den Pinsel durchs Gesicht.

„Pass doch auf, du Blödmann, jetzt habe ich wegen dir über die Linie gemalt.“

Betroffen halten die anderen Kinder inne. Weniger wegen der übermalten Linie als vielmehr der Tatsache geschuldet, dass unsere gemeinsamen Tage wirklich gezählt sind. In ihren Gesichtern lese ich so vieles ab: Spannung, Freude, Aufregung, Ferienhunger, aber auch die leise Sorge, was kommen mag, was wird. Ich kann sie ihnen nicht zur Gänze nehmen, sehe ich dem Abschied doch selber mit gemischten Gefühlen entgegen. Einerseits ist mir diese Klasse in den vergangenen zwei Jahren ans Herz gewachsen, andererseits waren besonders die letzten Monate oft anstrengend und kräftezehrend. Nicht wegen des Unterrichts, den habe ich jeden Tag genossen. Was ist es doch für eine Wohltat, mit Viertklässlern zu arbeiten! Keiner zupft mehr an meinem Shirt, niemand pieselt sich in die Hose und wenn sie sich übergeben müssen, sagen sie früh genug Bescheid. Im Vergleich zu einem 1. Schuljahr hatten wir eine sehr entspannte und katastrophenarme Zeit zusammen. Aber die Lebensumstände einiger Kinder haben auch das gemeinsame Arbeiten teilweise bis über die Schmerzgrenze belastet. Doch auch dabei haben die Viertklässler hoffentlich vieles mitnehmen können. Nun sind sie flügge geworden und ja, ich finde, sie müssen raus aus dem Nest! Für manche tut es mir leid, täte ihnen doch eine längere Grundschulzeit gut. Andere gebe ich jetzt zugegeben gerne in die fähigen Hände meiner Kollegen in den weiterführenden Schulen ab, sie haben ihren Stallgeruch längst verloren und müssen weiter.

„Sind Sie auch traurig?“, werde ich von Katherine aus meinen Gedanken gerissen.

„Ich? Nein, wieso?“ In gespieltem Erstaunen reiße ich meine Augen auf. „Zuerst werde ich die Klasse einmal richtig gut durchlüften, wenn ihr weg seid. Ich finde ja, dass einige von euch schon ein bisschen pubertär müffeln.“ Die Kinder kichern, fanden sie das Thema Körpergeruch doch schon während des Sexualunterrichts eklig. „Dann werde ich mich unglaublich entspannen und erst ganz am Ende der Sommerferien werde ich die Fenster wieder schließen. Die nächsten Kinder sollen ja keinen Schock bekommen, wenn sie hier einziehen.“

Erwartungsgemäß brandet ein Sturm der Entrüstung los. Wie ich so hartherzig sein könne, schließlich würden sie doch alles für mich tun und überhaupt, solche Viertklässler wie sie könne man lange suchen! Ja, denke ich und ein warmes Lächeln huscht über mein Gesicht, das stimmt wohl. Mir fallen die Blätter ein, auf denen die Kinder sich gegenseitig „warme Duschen“ gegeben haben, und die nun wohlverwahrt im Klassenbuch liegen und auf den letzten Schultag warten. Nicht ein gemeines Wort steht darauf, alle haben den Moment genutzt und sich Gedanken gemacht, welche netten Dinge es über die Mitschüler zu sagen gibt. Beim Lesen war ich erstaunt und auch etwas beschämt, wie leicht den Viertklässlern dies fiel – und als wie schwer ich diese Aufgabe manchesmal empfand, wenn ich über Förderplänen brütete und mir nur Schwächen statt Stärken einfielen. Für die Viertklässler stellt das kein Problem dar.  „Du lachst nett“, lese ich da beispielsweise bei einem der größeren Klassenrüpel oder „beim Ausflug im 2.Schuljahr in den Zoo hast du mir Frühstück abgegeben“.

„Was werden Sie denn am meisten von uns vermissen?“, hilft mir Alisa zurück in die Gunst der Klasse.

Ich überlege. Es gab viele gute Momente in den letzten zwei Jahren. Manche Sternstunde war dabei. Vielleicht ist es aber wirklich der Kunstunterricht und die darin entstandenen Gemeinschaftswerke, die ich besonders vermissen werde. Zu Beginn des 3.Schuljahres war dieses Unterfangen oft genug pure Konfusion, aber mit den Monaten haben die Kinder das gemeinsame Tun und die Freude über ein Ergebnis, das häufig bereits aufgrund seiner Größe beeindruckte, schätzen gelernt. Natürlich lief nicht alles glatt und nicht selten waren meine Planungen völlig daneben gegriffen, aber rückblickend empfinde ich diese ruhigen Stunden, in denen alle miteinander in Aktion waren, als gewinnbringend und fruchtbar für die Entwicklung dieser Klassengemeinschaft. Klar, da gab es Montagskreise und Klassenratssitzungen, aber manchmal ist es nicht das Reden, das uns weiterbringt, sondern das Tun.

Ich habe so viele Bücher in diesen Kunststunden vorgelesen: Momo, Ronja Räubertochter, das fliegende Klassenzimmer, den Wunschpunsch, Drachenreiter, kein Keks für Kobolde,  die Herdmanns und den kleinen Hobbit und noch viele mehr. Ja, das waren die besten Stunden! Die Viertklässler haben ihre Pinsel sinken lassen, als ich ihnen davon berichte, wie wertvoll diese Momente auch für mich waren. Und für den Augenblick sind wir alle ganz gerührt.

Vielleicht ist es da ein Segen, dass der kleine Grabowski genau in dieser Sekunde den Pinselbecher mit dem Fuß umstößt, als er den neben sich sitzenden Nino kameradschaftlich umarmen will, und sich das Wasser vernichtend über dem Gesamtwerk ausbreitet. Das Geschrei, das unmittelbar ertönt, vertreibt jedenfalls jegliche Rührung binnen Sekunden. Zwei Kinder jagen den fliehenden Grabowski durch die Klasse, mehrere wischen hektisch auf dem Bild herum und vergrößern die Zerstörung dadurch erheblich, andere brüllen einfach nur sinnlos herum. Chaos.

„Also das hier“, sage ich mehr für mich, als für die Viertklässler, die meine Stimme in diesem Wirrwarr sowieso nicht wahrnehmen, „das hier werde ich sicher nicht vermissen“. Und irgendwie fühle ich mich ganz fröhlich dabei.

Nachdenkliches

In den letzten Tagen habe ich viel nachgedacht. Über mich, mein Selbstverständnis, über das Bloggen und das Bild, das ich darüber transportiere. Für eure Kommentare möchte ich Danke sagen, sie haben mich berührt und gefreut. Aber sie haben mich auch nachdenken lassen über die Rolle und Aufgabe, die das Leben einem zuweist.

Obwohl gerne und oft belächelt, ist der Beruf als Grundschullehrer ein wichtiger. Wir vermitteln nicht nur Basisqualifikationen wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Wir erziehen zu Haltung und Herzensgüte. Wir sind Vorbild und Anker, wir weisen eine Richtung, strahlen aber zudem etwas ganz wesentliches aus: Verlässlichkeit.

Diese Verlässlichkeit ist es, die einem Großteil der Kinder aus verschiedenen Gründen mehr und mehr abhanden kommt. Wir sind nicht Mutter oder Vater, aber alle Kolleginnen, die ich kenne, würden um „ihre“ Kinder kämpfen und tun dies auch, wo es nötig ist. Lehrer zu sein ist kein 9-to-5-Job. Daran trägt man am Nachmittag, an den Wochenenden, in den Ferien und auch nachts. Und niemand erklärt uns im Studium, wie sich diese Verantwortung auf unsere seelische und körperliche Gesundheit auswirkt. Niemand weist uns in die Kunst ein, Dinge abzuschütteln oder sich nicht auffressen zu lassen von zu hohen Ansprüchen, Erwartungen, Unverschämtheiten oder bedrückenden Erfahrungen, die wir machen.

Ich habe in den letzten Jahren viele glückliche Kinder aufwachsen sehen. Wie wunderbar! Wie erfüllend und schön kann also unser Beruf sein! Aber da waren immer auch Kinder, die Hilfe brauchten. Weil sie alleine gelassen wurden. Weil sie anders waren. Weil ihnen Schmerz zugefügt wurde.

Tagtäglich geben Tausende Lehrer, Erzieher, Therapeuten, Sozialpädagogen und so viele mehr ihr Bestes, um diesen Kindern einen guten Start zu ermöglichen oder einen Weg zu ebnen, der von Steinen gespickt ist. Viele dieser Hilfen wären nicht möglich, wenn meine Kolleginnen und ich die Augen verschließen und uns nur noch um reine Wissensvermittlung kümmern würden.

Wenn ich morgens zur Arbeit fahre, weiß ich nie genau, was mich erwartet. Vielleicht ist alles gut und wir haben einen tollen Tag. Vielleicht trennt sich aber auch gerade ein Elternpaar und die Welt eines Kindes bricht zusammen. Trotzdem muss ich gewährleisten, dass jeder meiner Schüler am Ende weiß, dass der Löwenzahn eine Pfahlwurzel besitzt, und dass das Prädikat der wesentliche Teil eines Satzes ist. Ich frage Bundesländer und Landeshauptstädte ab, aber ich registriere auch genau, wer schon wieder kein Frühstück dabei hat oder wer ungewöhnlich still auf seinem Platz sitzt. Und ich handele, denn das ist meine Aufgabe.

Dabei geht nicht immer alles glatt. Die Zeit, Dinge ausführlich zu erklären, so wie es hier im Blog gelingt, hat man in der Realität kaum. Auch aus meiner jetzigen Klasse werden Eltern die Schule verlassen in der Gewissheit, ihre Kinder seien in ihren Begabungen und Fähigkeiten von mir nicht erkannt oder entsprechend gefördert worden und nicht allen kann ich widersprechen.

Ich mache Fehler.

Manchmal erkenne ich sie, manchmal nicht. Das gehört dazu, bietet aber auch die Möglichkeit daraus zu lernen und sein Handeln zu hinterfragen und zu reflektieren. Immer und immer wieder, aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Denn irgendwo muss Schule, muss der Beruf enden und das Selbst anfangen. Dieser Grat ist schmal und ich bewundere Kollegen, die ihn für sich ausgelotet haben. Bei mir ist das immer wiederkehrende Arbeit an mir selber. Aber ich bin auf einem guten Weg. Und an dieser Stelle kommt der Blog ins Spiel. Denn wem aus meinem persönlichen Umfeld würde ich zumuten wollen mein Überdruckventil zu sein? (Nun gut, Herr Weh kann sich nicht immer wehren, das ist ja so eine Sache mit diesem „in guten wie in schlechten Tagen“, aber er hat ein Vetorecht!) Natürlich schleicht sich der ein oder andere Gedanke ein, welches Bild man in einem Medium wie diesem von sich nach außen transportiert. Mich dabei bewusst in einem besseren Licht darzustellen, liegt mir fern. Dennoch dreht es sich an dieser Stelle um mich – als Lehrerin, als Mutter, als Mensch. So habe ich die Funktion dieses Blogs und der Zeit, die ich darin investiere, definiert. Lehrer haben – wie andere soziale Berufe auch – ein hohes Risiko, einem Burnout zu erliegen. Das möchte ich nicht. Also wertschätze ich mich und mein Tun, um auf dieser Basis arbeiten zu können. Kein ganz so neuer Gedanke, wenn man sich mal das Gebot der Nächstenliebe betrachtet, sondern vielmehr eine konkrete Aufforderung zum ethischen Handeln. Also tue ich etwas, was jeder von uns tun sollte:

Ich nehme mich wichtig, denn ich bin es. Für mich und für andere.

Punkt.

 

Jens

Es hat gerade zur großen Pause geklingelt, als Jens von seiner weinenden Oma aus der Schule geholt wird. Die Nachricht vom Tod seines Vaters trifft uns nicht unerwartet, aber plötzlich. Den Kampf gegen den Krebs konnte er nicht gewinnen.

Als ich den Viertklässlern berichte, warum Jens so überstürzt aus der Schule abgeholt wurde, sind sie so regungslos, dass die Stille fast schmerzt. Bei nicht wenigen sehe ich Tränen und auch ich bin von einer Traurigkeit erfüllt, die Gedanken und Handlungen lähmen will.

„Was ist mit unserem Ausflug morgen?“, platzt Schmitti da heraus. Seit Wochen freuen sich die Kinder auf den Besuch im Freilichtmuseum, wo wir unser Wissen über Umweltschutz und Recycling vertiefen, Papier schöpfen, picknicken und einen ganzen Tag lang Spaß haben wollen. „Kommt Jens da mit?“

„Das weiß ich nicht, Schmitti.“, antworte ich und schüttle leicht den Kopf. „Das wird die Familie entscheiden. Vielleicht möchte er auch lieber zu Hause bleiben.“

Am nächsten Tag werde ich am wartenden Bus von Kindern und Müttern belagert. Die Nachricht hat sich in Windeseile herumgesprochen. Alle sind bestürzt und wollen Infos, die ich nicht habe und nicht geben kann. Schon scheuche ich die Viertklässler in den Bus, als ich aus dem Augenwinkel Jens mit seiner Mutter bemerke, die ein Stück von der Gruppe entfernt stehenbleiben. Ich gehe auf die Frau zu, die wie eine gebrochene Hülle ihrer selbst vor mir steht, und greife stumm nach ihren Händen, hoffend, dass meine Blicke ausdrücken, was ich nicht in Worte zu fassen vermag. „Es tut mir so leid“, bringe ich hervor und sie blickt unter Tränen auf. „Ich würde gerne etwas Tröstendes sagen, aber ich weiß, ich kann nur mit Ihnen weinen.“ „Passen Sie gut auf meinen Jungen auf“, bittet sie mich und blickt voller Kummer auf ihren Sohn. Ich nicke und lege Jens den Arm um die Schulter. „Ich rufe an, wenn wir wieder da sind, dann brauchen Sie nicht mit den anderen Müttern auf uns warten.“ Sie scheint erleichtert und streicht ihrem Sohn zum Abschied über den Kopf.

Ich führe Jens, der müde und abgekämpft aussieht, an den betroffen zu uns herüberschauenden Müttern vorbei in den Bus: „Komm, die anderen haben sich bestimmt schon alle mit Kaugummis versorgt. Schauen wir mal, ob wir auch noch einen abkriegen.“ Er nickt zaghaft und freut sich, als die Viertklässler sofort von ihren Sitzen aufspringen, sich um ihn scharen und Kaugummis, Gummibärchen, eine Schulter zum Ausweinen, einen Nachbarplatz zum Sitzen während der Fahrt anbieten. Ich bin erleichtert, dass die Gruppe ihn sofort umschließt und aufnimmt und drehe mich noch einmal zu den Müttern an der Haltestelle um. „Genießen Sie den Tag, wir kommen wieder!“

Jens sucht meine Nähe und so kommen wir während der Fahrt ins Gespräch. „Erzähl doch mal, wie war es denn gestern für dich?“, ich wähle bewusst einen leichten Tonfall, als ich mich zu ihm drehe. Er scheint froh über die Frage und sofort sprudelt es aus ihm heraus: Wie alle Familienmitglieder in dem engen Krankenzimmer Abschied genommen haben, dass die ganze Zeit über geweint wurde und dass er über eine Stunde neben Papa auf dem Bett lag und ihn einfach nicht loslassen konnte. Aufmerksam höre ich ihm zu, frage an manchen Stellen nach und bestätige, wonach er sucht – die Gewissheit, sich genau richtig von seinem Vater verabschiedet zu haben. „Das hast du prima gemacht, Jens! Du hast Papa gezeigt, wie lieb du ihn hast.“ Eine kleine Pause entsteht, in der wir beide unseren Gedanken nachhängen. Die nächsten Worte wähle ich mit Bedacht: „Ich kann mir vorstellen, dass es schlimm für dich war, aber vielleicht auch ein kleines bisschen schön?“ Jens blickt mich ernst an und dann – endlich – lächelt der Junge zum ersten Mal an diesem schrecklichen Tag. „Ja, das war auch schön. Ich bin ganz still liegengeblieben und habe meinen Kopf auf Papas Brust gelegt.“ Ich schlucke den Kloß in meinem Hals sofort herunter und gestatte nicht das kleinste Bisschen Traurigkeit, als ich Jens ins Gesicht blicke und anlächle: „Du bist klasse! Schön, dass du bei uns bist!“

Im Laufe des Tages glättet sich die große Falte auf seiner Stirn mehr und mehr. Die Ringe unter Jens Augen zeugen von einer langen Nacht ohne Trost, aber sein Blick klart auf und ich bin froh darüber, dass die Mutter ihn heute hat gehen lassen und ihm so eine Auszeit von der Trauer ermöglicht. Die nächsten Tage, Wochen, Monate, ja, Jahre werden schlimm werden. Beim Picknick wird er mit Leckereien und Aufmerksamkeit überschüttet und ich sehe ihm an, wie gut es ihm tut, mit seinen Klassenkameraden in der unbeschwerten Ernsthaftigkeit, die Kindern eigen ist, über das Unaussprechliche zu reden. Die Sonne wärmt uns, niemand weint und für einen Moment scheinen die Schatten gebannt. Wir stehen in der Papiermühle am Schöpfbecken, als Jens mir mitteilt, wann die Trauerfeier stattfindet. „Kommen Sie auch?“, fragt er leichthin, aber ich bemerke doch den versteckten Unterton. In den letzten Monaten hat der Junge gelernt, seine Gefühle gut zu verpacken, um seiner Mutter nicht noch mehr Kummer zu bereiten. „Natürlich!“, versichere ich ihm mit einem Lächeln, „Ich will Papa doch auch Tschüss sagen. Aber…“, jetzt furche ich die Stirn etwas, denn schlussendlich ist es doch der Humor, auf dem wir uns treffen können, „ich lege mich besser nicht daneben, oder?“ Jens platzt mit einem lauten Lachen heraus und schaut mich an, als hätte ich etwas wirklich, wirklich Verrücktes gesagt.

„Haha, das wäre aber komisch, Papa liegt doch in einem Sarg, Frau Weh!“

Mein Arbeitszeitmodell

Als ich nur ein Kind hatte, was dazu auch damals noch sehr pflegeleicht war, stellte meine tägliche Unterrichtsvor- und Nachbereitung kein Problem dar. So manchen Nachmittag verbrachten wir traut im Arbeitszimmer – jeder an seinem Schreibtisch – und sobald der Sprössling im Bett lag, huschte ich zurück, wuselte ein oder zwei Stündchen herum und gut war. Donnerstagsabends machte ich von 19.30 bis 23.00 Uhr meine Wochenplanung, inklusive Materialerstellung und konnte so freitags nach dem Unterricht der Schule mit dem guten Gefühl den Rücken kehren, Wochenende zu haben. In den Ferien (ja, in allen) plante ich mehr oder minder akribisch meine Fächer und Unterrichtsreihen für das gesamte folgende Quartal, was bei 28 Wochenstunden zwar kein geringer Aufwand war, mich aber regelmäßig in einen guten „flow“ versetzte. Und das unbeschreibliche Gefühl danach… das war den Einsatz wirklich wert.

Das ist Vergangenheit.

Heute bin ich, wenn die Brut dann endlich im Bett ist, an 5 von 7 Abenden völlig erledigt. Das mag zum einen daran liegen, dass mit dem zunehmenden Alter der Wehwehchen auch der Zeitpunkt des ins-Bett-Bringens nach hinten gerutscht ist, ist zum anderen aber mit Sicherheit auch dem Gesamtgefüge Familie zuzurechnen, das mich an den Nachmittagen fordert. War es mit dem größeren Wehwehchen alleine in der Regel kein Problem, mal eben etwas Schulkram nebenbei zu erledigen, so halte ich mir mittlerweile die Nachmittage nach Möglichkeit komplett schulfrei. Ausnahmen gibt es natürlich auch hier: Konferenzen, Telefonate, Fortbildungen. Dann übernimmt die Oma oder zur Not eben auch mal ein Babysitter. Meine Wochenplanung komplett an einem Abend zu erledigen ist – obgleich ich mittlerweile weniger Zeit dafür benötige –  utopisch geworden. Dennoch empfinde ich es nach wie vor als großen Luxus und unbedingten Vorteil meines Berufs, mir meine Arbeits- (nicht Unterrichts-!) Zeit frei einteilen zu können.

Wie sieht sie nun aber derzeit aus, meine Vor- und Nachbereitung?

Ich unterrichte seit einem Jahr nur noch 20 Wochenstunden, das ist eine enorme Arbeitserleichterung und fühlt sich immer noch verdammt gut an. In der Regel gebe ich 4 Stunden pro Vormittag, was – egal wie kurz die vergangene Nacht war oder wie anstrengend die Unterrichtsstunden auch sein mögen  – machbar ist. Durch die Teilzeit verringert sich natürlich auch die Vor- und Nachbereitungszeit. Dazu kommt, dass ich nach über zehn Jahren mittlerweile über einen gut bestückten Fundus und Erfahrungshorizont verfüge, sodass ich in der Regel nicht mehr stundenlang über dem Inhalt einer einzigen Stunde brüten muss. In der Grundschule haben wir den unbedingten Vorteil, dass wir in den meisten Bundesländern nur eine Spanne von vier Unterrichtsjahren inhaltlich abdecken müssen, dies allerdings für eine ganze Menge an Unterrichtsfächern. So unterrichte ich neben Deutsch und Sachunterricht (einer charmanten Mischung aus Inhalten der Biologie, Erdkunde, Physik, Chemie, Sozial- und Heimatkunde sowie Verkehrserziehung. Habe ich etwas vergessen?) auch noch Musik, Religion, Kunst, gelegentlich Sport und Mathe. Dazu kommen AGs wie Chor oder Orchester.

So, abgeschweift.

Bis alle Kinder im Bett, alle Butterbrotdosen vorbereitet und noch ein paar Dinge im Haushalt erledigt sind, ist es meist 20.30 Uhr, wenn ich an den Schreibtisch komme.

Dann bin ich seit über 15 Stunden auf den Beinen und merke das auch. Daher reduziere ich die Arbeit am Abend auf das Nötigste, erledige das, was tagesaktuell ist, schreibe beispielsweise E-Mails an Eltern, schaue Hausaufgaben nach, notiere mir Verschiedenes in Listen und packe meine Tasche für den nächsten Tag. Meine Hauptvorbereitungszeit liegt mittlerweile auf dem Wochenende. Herr Weh übernimmt an einem Tag Kinder und Verantwortung und ich schließe für ein paar konzentrierte Stunden die Türe meines Arbeitszimmers hinter mir. Allerdings nicht ohne den wichtigen Zettel umzudrehen!

Dann schaue ich, was ich mir die Woche über in meinem Unterrichtsplaner an anfallenden Aufgaben notiert habe, arbeite diese Liste (und etwaige Stapel auf dem Schreibtisch…) ab und mache die Feinplanung für die kommende Woche. Die Grobplanung erfolgt nach wie vor in den Ferien, naja, zumindest eine sehr grobe Form von Grobplanung. Das Feintuning erfolgt dann zwischendurch. (Mittlerweile bin ich ziemlich gut in effektivem Tuning. Ich habe eine Kollegin, die behauptet, ich könne aus Sch… Bonbons machen, aber das stimmt natürlich nicht. Leider!)

Wie sieht euer Arbeitszeitmodell aus? Kriegt ihr alles gut auf die Reihe oder habt ihr ständig das Gefühl, da ginge noch etwas?